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Meister Jakob und seine Kinder

Adam Müller-Guttenbrunn: Meister Jakob und seine Kinder - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorGuttenbrunn
titleMeister Jakob und seine Kinder
senderSiegfried.Smolny@rzmail.uni-erlangen.de
submitted20050523
created20051104
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I.

Meister Jakob war ein Blumenfreund. Und er galt bei den Bauern rundum als wunderlich, denn man musste ihn immer im Garten suchen, wenn er nicht in der Werkstatt war. Bei seinen Rosen, Nelken und Schwertlilien schien sein liebster Aufenthalt zu sein. Unter einem buschigen Schneeballengesträuch hatte er eine Bank im Schatten, und da rauchte er nach Feierabend am liebsten seine Abendpfeife. Mitten durch den Garten lief ein breiter Weg, links blühte das ganze Jahr der uralte deutsche Bauerngarten, das Löwenmaul, der Goldlack, die brennende Liebe, da dufteten Lavendel und Rosmarin; rechts veredelte er Rosen und zog Zierblumen. Und am äußersten Ende des Gartens, hinter den Gemüsebeeten seiner Frau Eva, standen einige Reihen Obstbäume besonderer Art, deren Setzlinge er von weit her, aus dem Tirolischen und aus Welschland kommen ließ und an Spalieren zog. Und in sie war er ebenso verliebt. Auf der Sonnenseite des Hofes aber, gegenüber der Werkstatt, in der er immer einen singenden Vogel haben musste, prangte ein Oleanderkübel neben dem andern, und die weißen und rosafarbenen Blüten durchdufteten das ganze Haus, das sonst stark nach Holz roch. Und alles pflegte der Meister selber, er sah es nicht gern, wenn sich sonst jemand um seine Blumen kümmerte, oder um seine Edelobstzucht an den Spalieren. Bekundete auch niemand besondere Neigung dafür, höchstens die Susi, sein zweites Mädel. Der stak noch nichts anderes im Kopfe und sie hing sehr am Vater. Gut hatte sie ihm heute wieder die Pfeife gestopft und den Tabaksbeutel gefüllt, als sollte er auf eine Holzreise in die Bergsau ausfahren.

Er saß behäbig auf der Bank inmitten seines Blumengartens, und die schweren Dolden des Schneeballengesträuches drückten die Zweige über ihn herab wie einen weißen Baldachin. Zufriedenheit leuchtete aus den Zügen des blonden, starken Mannes. Frau Eva, die vor Abend ihr Gemüse goss und ab und zu mit einer Gießkanne an ihm vorbei kam, lachte ihn an: »Der geiht's gut!«

»Freilich!« erwiderte er. »Wann Feierabend is, geht's einem immer am beschte.« Und als sie mit der leeren Kanne zurückkam, sagte er: »Und du muscht des wieder allein mache?«

»Die Anmerich (Annemarie) is nit derhaam, die Susi zieht mer's Wasser aus'm Brunn' und die Kathl häb ich zum Jud g'schickt um Hefe«, erwiderte sie.

»Und die Buwe?«

»Ach, loss die Buwe! Sein a müd' so wie du.«

Frisch und hurtig vollführte sie ihr Geschäft. Die sechs Kinder, die sie ihrem Jakob geboren und aufgezogen, sah ihr niemand an. Frau Eva war noch immer ein sauberes Weib. Ihr rundes, glattes Gesicht, aus dem zwei scharfe graue Katzenaugen leuchteten, war faltenlos, und sie hatte dieses glücklich geformte, offene Gesicht auch auf ihre Kinder vererbt. Die Augen aber nur auf die Susi. Alle waren sie hübsch und dem ganzen Dorfe ein Wohlgefallen. Namentlich die drei Mädeln. Auf die musste man schon aufpassen. Die Anmerich war freilich schon vergeben. Ein Bauernsohn hatte dem Hause die Ehre angetan, um sie zu werben, und sie ist ihm zugesagt worden. Im nächsten Fasching soll Hochzeit sein. Aber da war die schöne braune Susi, hinter der alle Buben herliefen... Und jetzt war auch die Kathl so weit. Die Mutter konnte nicht Augen genug haben. Ein Maibaum steht vor dem Hause und niemand weiß, welcher er gilt. Keine gesteht was ein. Der Philipp Trauttmann leugnet ihn ab, der Anmerich gilt er nicht, die hat den ihren im Vorjahr gehabt. Und die großen Buben von Neurosenthal sind äußerst erbost, sie wissen nicht, wer der Susi den Baum um die Mitternachtsstunde gesetzt haben mag. Denn nur ihr konnte er gelten. Einer von ihnen tat es nicht, sie gab keinem ein Recht hiezu. Und wehe, wenn es einer aus Altrosenthal war. Die Knochen würden sie ihm brechen, wenn die, der er gilt, eine Bauerntochter wäre und einen Hof zu erwarten hätte. Aber auch die Susi vom Meister Jakob betrachteten sie als ihren Besitz. Sie lassen sich von denen drüben nicht die schönsten Mädeln wegfischen.

Die Susi wechselte ab mit der Mutter. Jetzt trug sie die Kannen, und die Mutter schöpfte am Brunnen. Die Augen des Vaters folgten ihr voll Wohlgefallen. Sie war sein Liebling. Das verjüngte Ebenbild seiner Eva. So war diese, als er sie aus Altrosenthal herüberholte, allen zum Trotz, die Bauerntochter. Schon als er in die Fremd' ging, hatte er ein Auge auf die Zengrafs-Eva, und bei einem Tanz sagte er's ihr. Und als er wiederkam, hatte sie richtig auf ihn gewartet. Er wurde Meister und heiratete sie. Aber nie hätte er sie bekommen, wenn nicht sein Meisterstück, ein neuartiger Leiterwagen, mit Vorder- und Hinterschragen und vier bequemen federnden Sitzen so gut ausgefallen wäre. Er klapperte, dass das ganze Dorf aufhorchte. Der Vater Zengraf hatte ihn bestellt bei dem jungen Meister und wurde jetzt vom ganzen Dorfe beneidet. Als er dahinterkam, dass seine Eva die Hand dabei im Spiele hatte und seine Frau, wurde er wohl sehr böse, aber es blieb ihm zuletzt nichts anderes übrig, als ja zu sagen. Schließlich war der Jakob Weidmann ja auch ein Bauernsohn und hatte etwas gelernt, wenn er auch aus Neurosenthal stammte. Die Schläge, die dem Jakob damals versprochen wurden, hat er von den Altrosenthaler Buben, die ein Recht auf die Eva zu haben glaubten, nicht bekommen, denn jeder wollte dereinst einen ebenso schönen neuen Wagen von ihm haben. Man estimierte ihn bald als den ersten Wagnermeister in Alt- und Neurosenthal.

Wer da meinte, dass das zwei feindliche Nachbardörfer wären, der ginge weit irre, sie bilden eine Gemeinde. Die Altrosenthaler sind nur um dreißig Jahre früher angesiedelt worden, noch vom Prinzen EugeniusEugen von Savoyen(1663-1736), österreichischer Feldherr in den Kämpfen gegen die Türken und vom Grafen MercyGraf Claudius Florimund Mercy, erster Gouverneur des 1716 von den Türken zurückeroberten Banats, die Neurosenthaler erst von Maria Theresia. Die Gemeinde erhielt damals einen Zubau von zweihundert Häusern, der beinahe größer war wie die erste Anlage. Aber die älteren Siedler spreizten sich, taten vornehm und fühlten sich als die besseren und gescheiteren. Denn sie waren schon wohlhabend geworden. Sie hatten eine Kirche, eine Schule und ein Pfarrhaus gebaut, ein großes Wirtshaus sogar, und jetzt wollten diese neuen Leute an all dem Anteil haben? Das ging nicht so glatt, die musste man sich doch erst ansehen. Sie redeten ja sogar eine andere schwäbische Mundart.

Mehr als hundert Jahre waren vergangen seit der Ansiedlung dieser Neuen, die ganzen Geschlechter hatten sich dreimal verjüngt, und noch immer war der Gegensatz nicht verwischt, noch immer nannten sich die einen trotzig die Altrosenthaler, die anderen die Neurosenthaler, noch immer meinten die Alten, die Kirche und das große Wirtshaus gehörten nur ihnen, noch immer gönnten die Buben von hüben denen von drüben kein hübsches oder reiches Mädchen aus ihrer Mitte.

»Na, Susi, weißt es noch immer nit?« fragte der Vater neckend, als diese an ihm vorüberkam. Das Blut schoss dem Mädel in die runden Backen: »Wann nur der Baam schon weg wär«, seufzte sie beinahe erzürnt. »Er kann ja auch der Kathl vermaant sein.«

»Lass gut sein. Mir wer'n halt uffpasse, wann der Baam weggenomme wird«, scherzte der Vater und stopfte sich eine frische Pfeife. Er gönnte den Maibaum seinem Liebling. Und eines Tages wird sie's schon gestehen, von wem er war. Es konnte aber auch sein, dass sie es gar nicht wusste.

Der Abend war so mild, die Ruhe so wohltuend, dass er noch sitzen bleiben wollte. Aber es wurde bald lebendig ringsum, bei den Nachbarn und im eigenen Hause. Vorn im Hofe muhten die Kühe. Sie waren von der Weide heimgekehrt und eilten in den Stall. Wussten sie doch, dass sie dort immer etwas in der Krippe fanden. Auch die jungen Schweine kamen grunzend heim und scheuchten die zur Mast im Stall verbliebenen aus träger Ruhe auf. Die Heimkehrenden stellten sich auf die Hinterfüße und beschnüffelten und beleckten die Tröge der anderen. So gut wie diesen ging es ihnen nicht auf der Weide. Sie wollten jetzt auch etwas haben, und es gab ein großes Gequietsche von außen und von innen. Da kam auch schon Susi mit einem vollen Eimer, jagte sie in ihren besonderen Stall und stillte ihr Verlangen. Und die Mutter band die Kühe an, freute sich ihrer vollen Euter und bereitete sich vor, sie zu melken. Bald war die Ruhe wiederhergestellt im Hofe. Aber bei den bäuerlichen Nachbarn hielt der Lärm länger an, da war mehr Vieh heimgekehrt.

Als alle im Hause beschäftigt waren und der Vater allein hinten im Garten saß, kam Johann, der älteste Sohn, der schon längst als Geselle in der Werkstatt tätig war, zu ihm. Sie sprachen sich über das Handwerk nicht immer gut, der Sohn hatte allerlei Neuerungen im Kopfe, er wollte Dinge, die er in Arad und in Temeschwar gesehen hatte, nachmachen und traf immer auf den Widerspruch des Vaters. Er habe Bauernwagen für Pferde zu machen, keine Ochsenwagen und keine Kaleschen, er müsse sich auf das beschränken, was hier verlangt wurde, was erprobt und dauerhaft wäre. Wenn er einmal für einen Baron von drüben einen Auftrag kriege, dann lasse sich über manches reden, sagte der Vater. Mit dem »drüben« meinte er aber das ungarische Land jenseits der Marosch, wo es große Herrschaften gab, während herüben, im Banat, die bäuerlichen deutschen Siedler fast alles Land innehatten. Und es wäre Zeit, sagte der Vater oft, dass der Johann in die Fremd ginge. Aber der zögerte. Lag lieber in den Spinnstuben herum bei den Dorfmädchen, er hing zu zäh an der Heimat. Jetzt kam er, dem Vater zu melden, dass er nach Fronleichnam auf die Wanderschaft gehen wollte. Und er hat ihn um Rat, wie er's anstellen solle.

Es war dem überraschten Meister Jakob nicht ganz recht, dass er ihn gerade jetzt zu verlassen gedachte, zur schärfsten Arbeitszeit, aber er war längst gefasst darauf und durfte seinen Sohn nicht halten. Ohne die Erfahrungen der Fremde galt kein Handwerker etwas in der Heimat. Und das war auch recht so. Er ließ den Johann neben sich niedersetzen und plauderte mit ihm also von der Fremde. Nach Österreich solle er gehen, nach Wien. Aber dann auch an den Rhein, ins schwäbische und bayrische Land. In kleine Städte, wo man für die Bauern arbeitete, wo die Landwirtschaft blühe. Er werde ja sehen, wie sich's mache, ob er in Wien Passion zum höheren Wagenbauer zeige, oder ob er bei der einfachen Wagnerei bleiben wolle. Es könne nicht schaden, wenn er sich auch die herrschaftlichen Reisekutschen beim Janschky in Wien genau ansehe, und die leichten Steirer-Wägelchen, die man für einen Rutscher in die Stadt oder für eine Kirchweihfahrt auch hier brauchen könne. Hier wisse man noch nichts davon. Aber der Johann könne sie vielleicht einmal einführen, wenn er daheim Meister werden wolle.

Ob er denn gleich nach Wien wandern solle, fragte der Johann. Das sei doch ein bissl weit. Das wäre nicht nötig, erwiderte der Vater. »Bleibe auch einige Zeit in Ungarn, die Revolution ist vorbei, das Land wieder ruhig. Arbeite vier Wochen in Szegedin und schau dir die schweren Ochsenwagen gut an. Bei uns ist ja die reine Pferdewirtschaft, aber wer weiß, ob das so bleibt. Arbeite sechs Wochen in Ofen und in Preßburg. Aber verplempere deine Zeit nicht: Wien ist wichtiger. Da musst du ein halbes Jahr mindestens arbeiten. Auf der Zunftstube kriegst du jede Auskunft, der Herbergsvater kennt die Meister und weiß um jeden freien Platz. Wien ist wichtig, sag ich dir. Wenn du hinaus kommst ins Deutsche, wirst du hören, dass auch dort kein Geselle geachtet ist und Meister werden kann, der nicht in Wien in der Fremd' war. Das hat zu meiner Zeit für alle Handwerker gegolten, namentlich für die leichten. Aber auch für die Wagnerei, die Schlosserei und die Schmiedekunst. Da lernt man was in Wien. Und dass ich nicht vergesse, gib auf die Fechtbrüder acht. Ein ehrsamer Wandergeselle muss einen Strotter auf der Walze gleich erkennen. In der Herberge zeigt sich's. Sie verlästern alle Meister, finden nie die Arbeit, die sie suchen, fechten lieber und verlausen jede Herberg. Und brauchen immer Gesellschaft. Lass keinen in dein Felleisen gucken, wandere lieber allein und schau dir die schöne Gotteswelt und ihre Wunder an. Von einem Fechtbruder ist nichts zu lernen.«

Und wie lang er denn ausbleiben solle, fragte der Sohn. Er gehe nicht leicht fort.

»Wie lang? Es kommt drauf an. Wenn du hier sesshaft werden willst, dann bleib' drei Jahre. Wer länger weg bleibt von der Heimat, der findet leicht nicht mehr den Anschluss. Daheim wächst alle fünf Jahre ein neues Geschlecht heran, die Altersgenossen heiraten, die Mädeln sind weg, und man kommt den jüngeren gleich zu alt vor. Man soll aber jung heiraten. Und gesund soll man wiederkommen. Du verstehst mich noch nicht ganz. Hüte dich vor leichter weiblicher Ware!«

So redeten sie und merkten gar nicht, dass es schon dämmerte.

Die Kathl kam mit Spektakel in den halbdunkeln Garten gestürzt. Was denn das wäre, dass niemand kommt, es habe schon Ave geläutet und das Nachtmahl stünde auf dem Tisch. Und der Philipp sei auch da. Und die Anmerich habe ihm eine wunderschöne Brieftasche gestickt. Sie habe sie heute beim Taschnerin Lippa fertig geholt.

Vater und Sohn erhoben sich.

Der Meister schloss das Stakettürchen seines Gartens sorgfältig ab, denn die jungen Schweine, die früh am Morgen zur Weide gelassen wurden, waren ihm schon manchmal in die Rosen geraten und ins Kraut. Er vertraute niemandem mehr den Schlüssel an. Sie gingen nebeneinander durch den langgestreckten Hof. Links lag der Schuppen für neue Arbeiten, die noch nicht abgeholt wurden, für heikle Hölzer und für Späne; rechts roch man die Schweineställe, unter deren Dächern auch die Hühner schliefen, wenn sie es nicht vorzogen auf dem Maulbeerbaum beim Schuppen zu übernachten. Dann kamen die reichen Vorräte an Wagnerholz, alte trockene Eichenstämme, die jahrelang liegen mussten, ehe sie verwendet wurden. Und ein Taubenkobel, in dem es gurrte. Breit wuchtete ein Düngerhaufen hinter dem Haus, dessen letztes Gelass der Kuhstall war. Sechs Kühe hätten Platz gehabt in dem Stall, aber es standen nie mehr als zwei darin mit ihren Kälbern, die immer wieder aufgezogen und verwertet wurden. Und unter ihnen trieben sich ein paar »Kiniglhasen« herum, feine Lampusse, die sich da am wohlsten fühlten. Die Mutter liebte ihr zartes Fleisch und übersah es, dass sie manchmal an den Kühen tranken, denen man ihr Kalb genommen. Eine große offene Halle trennte den Stall von der Werkstatt. Sie hieß die Press. Da stand die Kelter für den Wein und die Boding, ein oben offenes Riesenfass, in das die Trauben im Herbst geschüttet wurden, ehe sie in die Kelter kamen. Und es gab auch einen eingemauerten Kessel dort, in dem man seinen eigenen Raki brennen konnte, wenn es genügend Pflaumen und Zwetschgen gab. Die Frau Eva benützte ihn aber häufiger als Wäschekessel, denn das Joch Pflaumenbäume, das sie einst mitbekam, hatte sich immer mehr in ein Kukuruzfeld verwandelt, da die Nachpflanzungen ausblieben und das Viehfutter wichtiger war als der Schnaps.

Links an der Hofwand des bäuerlichen Nachbarhauses dufteten die Oleanderbäume in ihren Kübeln, rechts kam man an der Werkstätte vorbei, die ihren Ausgang nach dem Hause hatte, kam man zur Kellertür und endlich zur Küche, aus der es vergnüglich nach ausgelassener Butter und gerösteten Zwiebeln roch.

»Dass ihr endlich kummt!« rief die Mutter. »Was häbt 'r denn wieder ausgekocht miteinanner? Hm?«

Sie traten in das Wohnzimmer.

Die Kathl, die vorausgeeilt war, sprach mit Peter, dem Jüngsten, in der Mitte des Zimmers stehend, mit gefalteten Händen, den Blick nach dem Gekreuzigten an der Wand gerichtet, das Tischgebet. Alle schlugen, als die Kinder geendet hatten, das Kreuz und setzten sich. Der Philipp Trauttmann, der schon daheim gegessen hatte, rückte sich einen Stuhl neben die blonde Anmerich und führte das Wort, solange die anderen aßen.

Neben dem Wohnzimmer lag die schöne Stube, in der die drei Töchter schliefen, während die Söhne ihre Betten in der Werkstatt hatten. Das Haus war überzwerch gebaut, es hatte seine breite Seite nach der Gasse, denn es brauchte nicht die geräumige Einfahrt der Bauernhöfe für Getreide- und Heuwagen. Es war dadurch als Haus eines Handwerkers kenntlich für jeden und stand allein als solches in der Reihe der schmalen Bauernhäuser. Diese wendeten der Gasse nur zwei Fenster zu und einen Spitzgiebel, sie entwickelten sich erst im Hofe nach der Länge hin. Meister Jakob verdankte diesen bevorzugten Platz seinem Vater, der als Bauer so reich mit Söhnen gesegnet war, dass er dem Dorf einen Bauer, einen Wagner, einen Maurer und einen Fassbinder gab. Und er ließ dem Zweitgeborenen, dem Wagner, den Bauplatz abtrennen vom Bauernhofe nebenan. Sein Gewerbe erforderte, dass er mitten unter den Bauern sesshaft wurde und nicht im Tal, wo die Drechsler, Schreiner und Balbierer hausten, und nicht im Gässl hinter der Kirche, wo die Klempner, die Schuster und die Hebammen wohnten.

So saß Jakob Weidmann in der Herrengass’ von Neurosenthal auf väterlichem Grund und Boden, der seit Anbeginn der Familie gehörte. Und sein ältester Bruder Hannes nebenan war der Bauer. Sie vertrugen sich leidlich, obwohl der Hannes von finsterer Gemütsart war, und bei denen, die ihn nicht kannten, für böse galt. Als der Zaun aufgerichtet wurde, der mitten durch den Bauernhof schnitt, gab es argen Streit zwischen den Brüdern, und der Hannes verwand die Lostrennung des Drittel-Grundes nie. Jakob war freieren Gemütes, weltläufig, freundlich mit jedermann und gut mit seinen Kindern. Er freute sich immer wieder, dass sie ihrer sechs waren, drei Buben und drei Mädeln, und dass sie sich alle vertrugen. Zwei seiner Buben ließ er die Wagnerei lernen, der dritte aber sollte Schmied werden; denn Wagner und Schmied, die zwei unentbehrlichsten Gewerbe für den Bauer, gehörten zusammen und konnten sich in die Hände arbeiten.

Philipp war der einzige Sohn eines Viertelbauern. Durch Kinderreichtum und mehrfache Teilung des Besitzes war man dahin gekommen. Aber sein unternehmender Vater hatte sich durch Kauf und Pachtung walachischer Gründe auf dem Hotter der Nachbargemeinde so viel Felder gesichert wie ein Vollbauer. Und die Wirtschaft stand gut, es wartete der Anmerich eine große Aufgabe. Und wer sie in ihrer Ruhe und Festigkeit, in ihrer blonden Güte sah, der traute ihr auch die Fähigkeit zu, ein Haus zu führen. Die Eltern des Philipp waren freilich nicht dieser Meinung, sie wollten lange nichts wissen von einer Schwiegertochter aus dem Hause eines Handwerkers und schienen noch heute nicht ausgesöhnt zu sein mit dem Plane ihres Einzigen, wenn sie auch nachgegeben hatten. Denn Philipp war fest geblieben. Und Meister Jakob, der die Heimlichkeiten der Liebesleute nicht leiden mochte, erlaubte ihm das Kommen jederzeit. Der braune junge Mann war ein ernster Mensch, ein Spintisieren der sich in den Wintermonaten sogar aufs Bücherlesen verlegte. Das war in seiner Familie üblich. Die Trauttmänner wissen immer alles besser, sagte man im Dorfe. Und von dem Gelesenen zehrte er dann den ganzen Sommer. Als der Meister nun von Johanns Vorhaben zu reden anfing, da fühlte sich der Philipp am meisten berührt. »Herrgott, wenn's doch so a Fremd’ aa far uns Bauernbuwe gäwe tät!« rief er. Und Meister Jakob war überrascht von diesem Ausruf. »Kein übler Gedanke«, sagte er. »Könnt' euch Bauern aa nitschade, wenn ihr einmal die Landwirtschaft wo anders studiere möchtet.«

Und der Philipp redete von dem, was er im Winter Landwirtschaftliches gelesen. Es sollen ja schon mancherlei Maschinen und künstliche Düngemittel in Deutschland erfunden worden sein, sagte er, der Johann müsse ihm darüber Näheres schreiben. Am liebsten wäre er mit ihm gewandert.

Die Anmerich gab ihm einen Tritt, der gar nicht sanft war, unter dem Tisch, und der Philipp bog langsam auf andere Wege ein. Man habe halt keine Zeit für so was. Und Modi wär's auch nit. Der Johann aber versprach ihm aufzupassen. Alle redeten mit, nur die Mutter ging still ab und zu und wischte sich manchmal mit der Schürze über die Augen. Also wurde es doch ernst. Der Erste zog fort in die Fremd'. Das war nicht zu ändern, aber nahe ging es ihr sehr. Und sie beschäftigte sich schon mit Johanns Ausstattung. Und was sie ihm Gutes backen könne für die ersten Tage der Wanderschaft, das lag ihr besonders im Sinn. Frau Eva setzte sich neben ihren großen Buben und nahm versteckt unter dem Tisch seine Hand. Ihr Liebling war ja der Zweite, der Jakob, sagten alle; sie wusste davon nichts; in dieser Stunde war es gewiss der Johann. Und sie wollte wissen, was er sich noch alles wünsche.

»Willscht ihm den Abschied schwer mache?« fuhr der Vater sie an. »Gib ihm nur ja keinen Strudel mit. Denk' an den Schuster-Sepp und was mer über den gelacht habe.«

»Was war's mit dem?« fragte Philipp.

»Der Kerl war nicht fortzubringen«, sagte der Meister. »Und wie er endlich doch geht, gibt seine Mutter ihm einen großen Apfelstrudel ins Felleisen. Er fängt im nächsten Dorf schon zu essen an, isst und isst, und wie er fertig ist, heult er, kehrt um und kommt am Abend schon wieder heim aus der Fremd'. Versteckt sich ein paar Woche im Haus und geht nit mehr fort. Ist sein Lebtag ein Flickschuster geblieben.«

Die Jugend lachte sehr. Am lautesten der Johann. Und er ging dann mit der Mutter hinaus in die Küche und hinüber in die Werkstatt, um sich mit ihr zu beraten. Und dort konnte sie auch zärtlicher mit ihm sein, als es sonst ihre Art war. Wer weiß denn, wann und ob sie ihn je wiedersah. Man hat mancherlei erlebt mit Gesellen, die in die Fremd' gingen.

Der Vater, dem die Susi nach Tisch wieder die Pfeife gestopft hatte, redete in der Stube zu den andern über den Wert des Wanderns und der Fremde. Er erging sich stets halb in dem Hochdeutsch, das ihm noch von der Fremde anhing, halb in der heimatlichen Mundart, die die Seinen am besten verstanden. Er hatte ja noch zwei Aufpasser am Tisch da sitzen, die ihm am Ende verweichlichten im Wohlleben der Heimat, den Jakob, der zu Ostern frei geworden war, und den Peter, der im Herbst zum Schmied in die Lehre kommen sollte. »Das wär' was Schönes, wenn wir Handwerker dort hocke bleibe wollte, wo mer hingeschneit worde sin. Was m'r derhaam lernt, des gibt nur die gut oder schlecht Unterlag; in der Fremd' erscht sieht m'r, was ei'm fehlt, da macht mer die Auge uf und lernt. Unsere Urgrossleut sein zwahunnert Meile fortgewandert aus'm deutsche Land, weil sie mehr Grund und Bode gebraucht häwe und mehr Freiheit wie derhaam. Es hat ihne gut ang'schlage. Aber was wisste sie dahier von der Welt drausse und von alledem, was in hunnertundfufzig Jahr vorwärts gange is, wann die G'sella nit immer in die Fremd' gange wäre? Die Studente, die Pfarrers, Lehrers und Doktors werde, und die Handwerksbursche, die als Meister wiederkumme, die bringe immer wieder ein Tröppel vom deutsche Geischt mit, dass m'r nit vergesse, woher m'r sein. Die Schwobe hahier müssa immer ein' Spiegel haun, in den se gucke könne, sunscht (sonst) vergesse se, wer se sein. Losst den Johann nur wandern. Und wünscht ihm Glück, wann er geht. Er werd' in sei'm Innern aa so ein' Spiegel mitbringe aus der Fremd'.«

»Buwe, ins Bett!« rief die Mutter zur Tür herein. »Marje is aa ein Tag!«

Da erhob sich auch Philipp. Er wollte morgen gar früh auf und verplauderte sich hier. »Vetter Jakob«, sagte er »Euch könnt m’r die ganze Nacht zuhöre. Ich kumm bald wieder.«

Die Anmerich begleitete ihn hinaus bis auf die Gasse, sie hatten sich sicherlich noch manches unter vier Augen zu sagen. Und Kathl machte ein Fenster auf, den Tabaksrauch hinauszulassen. Da rief der Philipp von draußen: »Susi, Susi!« Und diese – sie räumte noch den Tisch ab -, trat ans Fenster. »Dei' Maibaurn ist pfutsch! Was sagscht du?« rief er von draußen.

»Ich?« lachte das verstockte Mädel. »Gott sei Dank. Hot die Sekkatur a End!«

»Ach ja«, sagte der Vater, »es war heunt der letscht Mai. Und uffgepasst häwe m’r doch nit, Suserl«, scherzte er. »Jetzt wisse mer wieder nix.«

Sie zuckte die Achseln, sagte gute Nacht und ging in ihre Stube. Aber sie vermied den Blick der Mutter.

»Loss sie, Vatter... Der schöne Maibaum war nit vom Erschtbeschte«, meinte die Frau Eva. »Da spinnt sich 'was.«

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