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Meine welschen Ahnen

Felix Dahn: Meine welschen Ahnen - Kapitel 11
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typenarrative
authorFelix Dahn
titleMeine welschen Ahnen
publisherBreitkopf & Härtel
seriesGesammelte Werke. Erzählende und poetische Schriften
volumeZweite Serie: Band 5
correctorreuters@abc.de
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IX.

Und mehr als 400 Jahre waren vergangen seit dem heißen Augusttag von Ronceval.

Die Leute an dem Rhone sprachen nicht mehr Vulgärlatein, sondern provençalisch. Den lateinischen Namen Gaudiosus, den sie nicht mehr verstanden, hatten sie, ungefähr sinnentsprechend, verwandelt in gay, le gay, der Heitere. Keiner von diesen hatte den Rittergürtel erworben: sie waren Ackerbürger bei Arles geblieben, aber persönlich vollfrei auf eigner Scholle.

Daran hatte es auch nichts geändert, daß sie im Laufe der Zeiten, von Krieg und mancher andern Not bedrängt, den Schutz eines benachbarten Adelsgeschlechts gesucht hatten, das sie, gegen einen mäßigen Jahreszins an Wein, zu schirmen hatte. Es waren die Seigneurs de Cavaillon et Haut-Alion, die von Geschlecht zu Geschlecht mit tapferem Schwert feinen Sinn und feine Sitte, ein gütevolles Herz und Freude an der » gaya sciencia«, der frohen Kunst von Sang und Dichtung, verbanden. Schon manches Glied des Hauses hatte dessen Namen berühmt gemacht unter den »Trouvères«, den »Trovatores« und an den » cours d'amour«, seit die Provence von deren süßen Weisen widerklang. Manch schönes Band von Huld und von Dankbarkeit hatte sich im Lauf der Geschlechter um das Manoir d'Alion auf dem Hügel und das Winzerhaus im Rebenthal bei Arles geschlungen. Die heranwachsenden Töchter und Söhne der Le Gay waren gern gesehene Gäste in dem Schloß, wo sie im Dienst der Châtellline und der ritterlichen Herren feinere Lebenssitte und weitere Kenntnisse lernten als sonst die » vilains » erreichten.

Und als auf einen der Jünglinge, Gaston, den Sohn des Marc le Gay, die Begabung jenes Ahnherrn Secundus, des Schülers des Ausonius, für Poesie vererbt schien, da traf es sich gut, daß gleichzeitig in Guy, dem Burgherrn, einer der gefeiertsten Troubadours des ganzen Rhonelands erstand.

Der Seigneur nahm den » gars« aus dem Vaterhause ganz zu sich in das Schloß hinauf und behielt ihn als Harfenträger, der zuweilen den Liedvortrag des Herrn zu begleiten hatte und auch selbst manche wohlgereimte »Sirvente« zu dichten lernte. Heiß war der Dank des nun Zwanzigjährigen, der den geliebten Herrn auf seinen häufigen Sängerfahrten zu den sangesfrohen und glänzend gastfreundlichen Burgen und Schlössern begleitete, die reich gesät von dem Rhone bis an den Fuß der Pyrenäen lagen, in ihren weißen Marmor- und rotbraunen Porphyrmauern wie Perlen und Rubinen über das smaragdgrüne Wiesen-, Reben- und Oliven-Land verstreut.

Rittertum und Sangesfreude und Damendienst und glänzendster Lebensgenuß verbreiteten den Ruhm der Provence weithin wie nach Aragon und Kastilien so nach dem Nordosten an den Hof der Capetinger nach Paris, die mit habgierigen und herrschsüchtigen Augen nach dem reichen Südland ausspähten, das sich seit lange den Königen von Frankreich entzogen hatte und der Selbstverwaltung seiner Städterepubliken und uralten, meist schon iberischen, nicht erst keltisch-römischen, Adelsgeschlechter erfreute.

Wenig ahnten diese frohlebigen Menschen, welch furchtbares Verderben plötzlich über sie hereinbrechen sollte.

Zumal auf dem Manoir d'Alion schwangen sich damals Glück und Glanz auf die sonnigsten Gipfel, als der Seigneur die wunderschöne Aladaidis de Trenkabel, la belle albigeoise, in das von Rosen verhüllte altersgraue Tor des Schlosses eingeführt hatte.

Die zwanzigjährige Chatelaine in ihrem goldbraunen Gelock galt als die erste Schönheit der Provence und, ritt sie auf dem weißen Zelter neben ihrem in vollster Manneskraft strotzenden Gemahl, so blieben die Leute von Arles bis Bayonne bewundernd auf den Straßen stehen.

Im zweiten Jahre der Ehe hielten die Gatten einen »Liebeshof« zu Alion, der an Pracht der Feste, an Schönheit der Damen, an Liedeskunst der Trouvères alles Bisherige überstrahlte: nach dem einstimmigen Urteil der berühmtesten Troubadoure, Guilhem de Cabestanh, Peire Vidal und Raimond von Miraval, erhielt der Hausherr für sein glühendes Werbelied in Brief-Form, eine reimreiche »Letra«, den ersten Preis, einen schlichten Olivenkranz –: er hatte selbst die Spenderin wählen dürfen – aus der Hand Aladaidens. Und in der Halle der Garzuns trug Gaston den ersten Preis unter dreißig für eine schöne »Alba«, ein Tagelied des Wächters, davon. Aber auch bei den kriegerischen Spielen der Knappen und Servitore im Schloßhof gewann er im Pfeilschießen den zweiten und im Schleuderwurf gar den ersten Preis. Denn als Knabe hatte er die Schafe des Vaters gehütet und gar oft den Adler, der kreisend über der Herde schwebte, im Flug mit der nie fehlenden Steinschleuder hoch aus der Luft herabgeholt. Das war der höchste Tag von Alion.

Bald nach den Gästen verließen die Gatten das Schloß: – auf unbestimmte Zeit: die Eltern der Châtelaine und die ungezählten vervetterten und verschwägerten Geschlechter im ganzen Südland auf den vielen im Lied gefeierten Schlössern hatten sie zu langem Besuch geladen: den Troubadour lüftete nach neuen Kränzen für sich, mehr noch nach der Anerkennung seines jungen Weibes als der »Rose der Provence«. Auch wollte das Paar nun geraume Zeit auf dem Stammgut, der viel bedeutenderen Besitzung, Schloß Cavaillon, verleben. Er übertrug Gaston – trotz seiner Jugend – die Verwaltung und Obhut des Manoirs und als der bescheiden, so viel Vertrauen anzunehmen, zögerte, reichte ihm die Châtelaine die weiße schmale Hand zum Kuß und sprach »Du bist – ich weiß – uns treu bis in den Tod.«

Da kniete er nieder, berührte die Hand leis mit den Lippen und sprach: »Das bin ich.«

Und Jahre vergingen.

Wenig vernahm Gaston von seiner Herrschaft. Man schrieb damals – außer ungezählten Liebesbriefen in Versen und in Prosa – nicht mehr Briefe als nötig. Lange Zeit hatten die Antworten auf die Berichte des Verwalters aus Alion nur eitel Glanz und Glück zu melden.

Dann blieben die Antworten ganz aus.

Dunkle Gerüchte, von unglaubhaften Dingen, – von unmöglichen, so schien es –, gelangten durch Flüchtlinge aus dem Westen bis über den Rhone, nach Arles und Alion. Der Jüngling glaubte wenig den Erfindungen, wie er schalt.

Aber plötzlich, in einer wilden Sturmnacht des Frühsommers, weckte ihn in seinem Turmgemach ein wohlbekannter, obzwar lange, lang nicht mehr gehörter Ton: der Ruf eines Horns, der, ob vom Sturm zerrissen und verweht doch immer näher drang: er sprang auf vom Lager: »Der Herr! Das ist das Horn des Herrn. Sein Notruf!«

Alsbald eilte er mit einem Fackelträger aus dem Tor auf den Rennweg, der vom Fluß auf die Burg führte: das Licht einer emporsteigenden Fackel zeigte eine Tragbahre, die von vier Reisigen langsam, langsam bergan getragen wurde: oft ertönte aus den Decken der Bahre ein Schmerzensschrei: das Horn war verstummt.

»Seigneur!« schrie Gaston, entsetzt in das edle, aber leichenfahle Antlitz leuchtend. »Teurer Herr! Was – was ist mit Euch?«

»Ich sterbe.«

»Da sei Gott vor! – Und die Herrin? Wo ist sie?«

»Im Himmel.«

»Tot!«

»Ja! Ermordet. Lebendig verbrannt. Ah!«

Der Wunde sank zurück. Die Sinne vergingen ihm.

Er fand die Sprache erst wieder, als er in der großen Halle neben einem lodernden Herdfeuer auf das Ruhebett gelagert war. Gaston kniete an seiner Seite.

Der Ritter schlug die Augen auf und begann mit matter Stimme: »Ja, das ist meine Halle, so darf ich auf eignem Boden sterben. Höre! ich habe nicht viele Worte mehr. Du hast vernommen von dem neuen Glauben, der aufgekommen ist im Albigeois?«

»Jawohl! Sie glauben an den heiligen Geist, den Tröster, den Paraklet. Und verwerfen den Papst in Rom. Es sollen aber doch gar gute, reine Menschen sein.«

» Sie – sie selbst! – trat ein in diese heilige Gemeinschaft. Und zog mich mit hinein. Aber Papst Innocens hat uns verflucht und das Kreuz gepredigt gegen uns – statt gegen die Heiden. Ein Kreuzzug – Mörder und Räuber! – aus allen Reichen des Abendlandes – wohl hunderttausend – sind aufgeboten gegen unser friedlich Land und ein Höllenhund, vom Abgrund aufgestiegen, führt sie an.«

»Wer ist ...?«

»Simon von Montfort,« schrie der Wunde hinaus mit überraschender Kraft: »Merk' dir den Namen! Hörst du? Er – Er! – hat deine Herrin verbrannt!«

Gaston sprang auf: »Simon von Montfort!« wiederholte er tonlos.

»Er ist – das ist wahr – ein großer Held: – in vielen Schlachten – im Morgen- und im Abend-Lande Sieger – nie besiegt – nie verwundet – von der Hölle gefeit: – Eisen und Holz kann ihm nicht an! Er trägt einen Helm, vom Papste geweiht, der macht den Träger unverwundbar.«

»Simon von Montfort!«

»Mit einer Rotte seiner Kreuzfahrer überfiel er im tiefen Frieden – in der Nacht – Cavaillon, das gute alte Haus. Ich war fern auf einem Turnier zu Carcassonne, Er fand bei der Frau Vater Matthieu, den greisen Bischof der Katharer: – so heißen die ›Frommen‹: – er befahl beiden, dem Paraklet, unserem Gott zu fluchen, zum römischen Papst zurückzukehren – und da sich beide weigerten, ließ er Haus Cavaillon anzünden an allen vier Ecken und – wehe, wehe! – die beiden in die Flammen stoßen.«

»Ah, Simon von Montfort!«

»Als ich bei Tagesanbruch aus dem Walde von Foix auf mein Schloß zusprengen wollte, sah ich, wo seine Zinnen geragt, eine schwarze Rauchwolke quer in die Luft gelagert. Und sobald wir – zehn Reiter! – ins freie Feld gelangt waren, jagten unter wildem Geheul: »Gott will's, Gott will's!« hundert Kreuzfahrer uns entgegen. Ein Pfeil traf mich in den Schwertarm. Die Meinen fielen bis auf diese vier. Sie flüchteten mich mit Müh' und Not. Ich floh nur, um zurückzukehren, um hier alle meine Vasallen aufzubieten und den Mörder – ach, ich kann nicht! Die Ärzte zu Montpellier, wo ich rasten mußte, verhehlten mir nicht: der Pfeil war vergiftet. Ich muß sterben – alsbald! – So wollte ich sterben in meinem eigenen Haus. Leb Wohl! Die Augen versagen: – ich sehe dich nicht mehr. Leb wohl, Gaston!«

Und sie begruben ihn in der Gruft seiner Väter, den frohsten, schönsten Troubadour.

Gaston aber zog von dannen – ganz allein. »Wohin? Wen suchst du?« hatten der Vater und die Brüder gefragt.

»Simon von Montfort. Ich dichte meinem Herrn einen »Totenschrei«, Totenklage, Nachruf. der ist noch nicht fertig.«

Und so zog der einsame Reiter durch die Lande, immer nach Westen, nach West.

Bald hinter Arles stieß er auf die Spuren der furchtbarsten Zerstörung, die das Abendland je geschaut.

Die Mauern der Städte niedergeworfen, die Türme abgetragen, die Gräben ausgefüllt, hunderte, ja tausende Schlösser, Burgen, Manoirs, Edelhöfe in Brandschutt und Trümmern liegend, die Ölbäume umgehackt, die Rebstöcke herausgerissen, die Saaten zerstampft: – und hier und da vor den eingeschlagenen Toren der entwallten Städte auf Kies und Sand große viereckige schwarze Flecke: – über denen ein unleidlich ekelhafter Geruch brütend schwebte.

Nur einmal fragte er einen blinden Greis, der neben dem verbrannten Tor von Beziers saß und betete.

»Woher das kommt?« – »Das kommt von Simon von Montfort. Zweihundert Menschen: viel Weiber und Kinder waren's. Das riecht man lang. Mir und siebzig andern haben sie nur die Augen ausgestochen. Aber ich sehe sie doch die Herrlichkeit des Parakleten: hell strahlen seh' ich sie.«

Der einsame Reiter trieb den Rappen zu rascherem Trab.

Und so kam er über Beaucaire, Beziers, Carcassonne, von Südosten her in die Nähe von Toulouse, das Simon mit dem Hauptheer seiner Kreuzfahrer belagerte.

Der Reiter stieg ab, als er von fern der Zelte der Belagerer ansichtig wurde: – sie schienen ihm wie Blut getüncht in der Abendsonne. Er verbarg sein Rößlein in dichtem Gestrüpp, dann grub er mit dem Schwert eine Grube in dem hohen Waldmoos, barg dann darin Helm, Brünne und Schild, Dolch und zuletzt das Schwert und deckte sorgfältig das Moos wieder darüber. »Bleibt da ruhen,« flüsterte er, »ich brauche euch nie mehr.«

Er versuchte es gar nicht, in die Stadt zu gelangen: die Belagerer bewachten gar scharf alle Zugänge. Er beschloß, sich die Sommernacht über im Walde verborgen zu halten und abzuwarten, was da kommen sollte am nächsten Tag.

Dieser war der 24. Juni des Jahres 1217 – die Sommersonnenwende ist für gar manchen seines Geschlechts bedeutungsvoll gewesen! – – –

In den gleichen Abendstunden saß in seinem Zelt, dessen Wände reiche Waffentrophäen, aber auch Kruzifixe und in Seide gestickte Heiligenbilder schmückten, beim Becher Simon von Montfort, dessen Sohn Amaury und der Groß-Kapellan des Kreuzheeres, Abt Armand, der Legat des Papstes.

Simon »der Gefürchtete« – wie er im Morgen- und im Abendlande hieß – eine gewaltige Hünengestalt, fast 7 Fuß hoch, breitköpfig, breitbrüstig, stiernackig, das pechschwarze Haar nach Normannenart ganz kurz rund um das Haupt geschoren, war in der Tat ein Staunen und Bangen erregender Anblick: zumal den Blick der tief-schwarzen Augen, die wie bei Raubvögeln allzunah aneinander standen, durch die scharfe Adlernase zu wenig geschieden, raunte man, könne niemand ertragen und schon oft habe er im Zweikampf gesiegt, weil der Gegner unter diesem Blick mit den Wimpern zuckte.

Er stellte nach einem tiefen Trunk den Goldbecher klirrend auf den Schanktisch, wischte den bartlosen, fest geschlossenen, den grausamen Mund und begann: »Morgen, ihr Genossen des heiligsten Krieges, hoff' ich, ernten wir die Frucht unserer Mühen. Allzulang schon hat uns dies trotzige Ketzernest vor den dicken Mauern festgehalten: unser sind und in Schutt liegen Carcassonne, Avignon, Nîmes, Mazarec, Laurac, Albi und viele andere Städte: nur diese Höllenfeste unter ihrem alten Grafen, dem Altvater aller Ketzer, widersteht noch. Aber morgen fällt sie. Sie planen kurz vor Tagesanbruch einen Ausfall aus allen Toren zugleich: sie hoffen uns zu überrumpeln. Wir werden sie überraschen. Meine geheimen Späher waren wachsam. Und zum Überfluß ist mir diese Nacht Sankt Johann der Täufer, unser Schutzpatron, erschienen und hat mir gezeigt, wo die Entscheidung fällt: ›Bei dem letzten Barbacan, der Vorstadt Saint Subran vor dem Walde, sprach der Heilige, mit dem Finger deutend: das also wird mein Platz in der Schlacht.«

»Der gefährlichste, wie immer,« meinte Amaury.

»Was heißt Gefahr?« fiel ein der Abt, eine hagere unheimliche Priestergestalt in den weißen und schwarzen Gewanden der Dominikaner. »Gefahr droht nicht dem erwählten Rüstzeug des Herrn. Der vergoldete Glockenhelm dort auf der Truhe schützt, so lang es ihn trägt, das Haupt des ›Gefürchteten‹, den nicht Eisen, nicht Holz gefährden, nach der Kirche erhörtem Gebet, so lang er ihr getreuester Sohn.«

»Das werd' ich bleiben. So hört das Gelübde, das ich getan, als mich heut' Nacht der Heilige im Traume verließ: alles Gold, das wir morgen in der Stadt erbeuten, Sankt Denis zu Paris, alles Silber Sankt Martin von Tours und jeden Ketzer, jede Ketzerin, die wir greifen, erschlagen als ein Opfer für Christus, dessen Gottheit sie leugnen.«

»Amen!« sprach der Abt.

»Aber,« fragte Amaury, der mit ungleich milderen Augen in die Welt sah, – »das wird des Blutes doch allzuviel! Und es sind auch Katholiken in der Stadt. Wie sollen wir unterscheiden? Wen verschonen, wen erschlagen?«

»Erschlagt Alle,« sprach der Abt, sich erhebend. »Gott kennt die Seinen.« Und er schritt aus dem Zelt.

»Vater,« meinte Amaury, leise fröstelnd. »Manchmal erschauere ich doch. Die zweihundert von Beziers! Und jene wunderschöne Frau zu Cavaillon: – ich sprang hinzu, sie herauszureißen. Zu spät ...«

»Schweig von der. Sie hatte einen Dämon,« er schlug ein Kreuz über die breite Brust. »Besser die Flammen für sie als die Flammen, die sie weckte – in andern. Der höllische Reiz ihrer weißen Glieder hatte auch dich betört, ich sah es wohl, mein Sohn. – Aber ich heuchle nicht gegen den Sohn, den Erben meiner Macht und meines Plans. Auch mir wär' wohl der Mühen, der Flammen und des Bluts zu viel geworden, föchte ich nur für Sankt Peter. Aber ich fechte auch für mich, für dich, für unser Haus. Hör', aber schweig. Der heilige Vater in Rom und mein Lehnsherr, König Ludwig in Paris, – längst giert er nach der reichen Provence! – haben mich im voraus belehnt mit allem Land, allen Städten, Dörfern, Burgen und Manoirs, die ich den Ketzern abnehme zwischen Rhone im Aufgang und der Mündung des Adour im Niedergang.«

»Vater!«

»Du staunst, nicht wahr? Das schönste, reichste Reich des Abendlands! ›Simon, König von Aquitanien‹: das klingt nicht schlecht. Morgen erobere ich die Hauptstadt dieses meines Reichs – Toulouse. Nun gute Nacht. Ich brauche Schlaf. Vor Morgengrauen heißt's heraus.«

*

Und vor Morgengrauen kniete Montfort, gewappnet vom Wirbel bis zur Sohle, den goldnen Helm im linken Arm, vor dem Feldaltar im Hintergrund seines Zeltes. Der Abt Arnauld celebrierte ihm die Messe. Inbrünstig, in Andacht versunken begleitete jener mit seinem Gebet die heilige Handlung, die zu Ende ging.

Schon in dem Verlauf waren Trompetenrufe, Rossewiehern, Waffengetöse in das Zelt gedrungen: den Priester störten sie: den Beter nicht. Nun – der Abt war bis nah an das Ende gelangt, – da eilte Amaury herein und rief: »Auf, Vater, rasch! Das Gefecht ist in vollem Gang. Die Feinde sind aus allen Toren gebrochen. Komm, sofort!«

»Da seien Sankt Peter vor und alle Heiligen, daß ich in die Schlacht reite, bevor ich meinen Gott gesehn. Vollende, Priester.«

Hastig eilte der zum Schluß. Als er das Wunder der Transsubstantiation vollbracht und die Hostie erhoben hatte, stand der Gefürchtete auf – ganz langsam – und sprach, den Helm aufstülpend: »Zu hastig, Priester! Du hast an Gott Zeit sparen wollen. Aber der hat die Ewigkeit. – Jetzt – nieder mit den Ketzern! Sie sind verloren: denn dies ist das Schwert des Herrn!« Damit zog er die Toledoklinge feierlich aus der Scheide und schritt aus dem Zelt, den mächtigen normannischen Rapphengst zu besteigen.

Und verloren, so schien es, waren auch diesmal die Feinde des Niebesiegten.

Als die Ausfallenden, geführt von dem greisen Grafen von Toulouse und dem jungen Vicomte von Foix, über Notstege, die sie rasch über die Wallgräben geworfen, die verhaßten Belagerungstürme erreicht hatten, die sie stets von wenigen bewacht gesehen, und Feuer darein werfen wollten, sprangen, bisher hinter dem Gezimmer verdeckt gehalten, starke Scharen der Kreuzfahrer hervor, zumal Normannen und Nordfranzosen waren's, und warfen die Überraschten überraschend in dichten Haufen in die Gräben und auf die Ausfallstege zurück.

Nur vor einem Tor der Vorstadt Saint Subran, neben dem mächtigen Barbacan, den all diese Wochen her der Graf von Toulouse heldenhaft verteidigt hatte – und er hatte jetzt die Tapfersten der provençalischen Ritterschaft für den Ausfall hier zusammengefaßt, – machten die Ketzer Fortschritte.

Die erste Reihe der Belagerer war hier durchbrochen: sie wich bis an den Saum des dichten Waldes zurück.

Allein nun brach von dem Lager Montforts her, wie ein Lavaguß alles vor sich her nieder- und fortreißend, die Hauptmacht der Kreuzfahrer auf die Verfolger ein: die Tolosaner stutzten, hielten, wankten schon.

Da trat aus dem dunkeln Wald ein Ungewaffneter und rief den nächsten Reiter an, der gerade das Pferd zur Flucht herumriß: »Halt! Sag mir nur noch rasch: der – der auf dem Rappen – der mit dem goldnen Helm – das ist doch er

»Ja! Das ist Montfort! Fresse ihn die Hölle, den Unverwundbaren.« Und er wandte den Gaul und floh.

Da langte der Fremdling aus seinem Ranzen eine handbreite Lederschlinge an einer derben Schnur, legte einen scharf gespitzten schweren Kieselstein darauf und flüsterte: »Nun hilf mir, Gott, du alter Gott der Hirten. – Halt!« schrie er den gegen ihn Anreitenden an: »halt, Simon von Montfort: denn du mußt jetzt sterben. Denk an Cavaillon.«

Der Reiter hatte trotz seines Helmvisiers dies Wort – nur dies! – verstanden – er stutzte: er hielt den Renner an: da flog der Schleuderstein: er traf den Goldhelm: klirrend sprang der in zwei Stücke auseinander und flog zur Erde: barhäuptig saß jetzt der Riese auf dem Roß: staunend, wie ungläubig sah er herab nach rechts und links auf die Trümmer des geweihten Helms. Nun schaute er wieder auf, dem Feind entgegen: er spornte den mächtigen Hengst, den Kecken niederzustampfen. Da kam sausend ein zweiter Stein geflogen: er traf die Stirn mitten zwischen den furchtbar blickenden Augen: rasselnd in seinen Waffen, das Schwert noch fest in der Faust, stürzte er rücklings vom Roß.

Gaston aber schrie mehr als er sang:

»Tot ist Montfort!
Montfort ist tot!
Tot ist Montfort!
Gelöst ist mein Wort
Und gerächt bist du, Herrin Aladaidis!«

Es war sein letztes Wort. Im Augenblick war er von des Gefallenen Gefolg überritten und im Sinken von Speeren durchbohrt.

Aber der Fall des vergötterten Führers entschied die Schlacht. Vom Schreck entschart, von dem Unfaßlichen entsetzt, daß »der im gesegneten Helm« gefallen, flohen die Abenteurer aus allen Landen, die nur unter ihm zu kämpfen, zu siegen gewußt hatten, eifrig verfolgt von den aufatmenden Tolosanern.

Nie ward die Leiche erkannt des Jünglings, der den »Gefürchteten« erlegt hatte.

*

Hier bricht sie ab, meine »Familien-Chronik«, d. h. das Gewebe meiner Phantasien und Träume: sie reichen nicht über das XIII.+Jahrhundert herunter. Nur undeutlich, wolkenähnlich tauchen mir noch einzelne Gestalten aus jüngeren Zeiten auf: sie lassen sich nicht greifen, nicht mir selbst zur Anschauung bringen, geschweige anderen. Nehmen wir also Abschied von den Le Gays bei Gaston dem Getreuen.

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