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Meine welschen Ahnen

Felix Dahn: Meine welschen Ahnen - Kapitel 10
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typenarrative
authorFelix Dahn
titleMeine welschen Ahnen
publisherBreitkopf & Härtel
seriesGesammelte Werke. Erzählende und poetische Schriften
volumeZweite Serie: Band 5
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VIII.

Und aber nach mehr als zwei Jahrhunderten geschah's, daß Herr Karl, den man den Großen nennt, aber den » ganz Großen« nennen sollte, mit gewaltigem Heer durch Südfrankreich gezogen kam, über die Pyrenäen nach Spanien hinabzusteigen, auch dort die den Christen feindlichen Heiden zu bekämpfen.

Es sollte der einzige Feldzug werden, der dem auch als Feldherr – und vielleicht gerade am meisten als Feldherr – ausgezeichneten Manne mißlang.

Er hatte die ganze Streitmacht, alle Stämme des Reiches aufgeboten. Bald nach Ostern (19. April a. 778) erreichte er mit dem gewaltigen Heere Arles: hier ward vor dem Überschreiten des Rhone eine Woche Rast gemacht, das Eintreffen eines zweiten Heeres zu erwarten, das aus den überrheinischen Landen aufgebannt war.

Die Stadt und alle Villen um sie her hatten starke Einquartierung erhalten: auch Villa Gaudiosa: zu äußerster Ergötzung der zahlreichen Knaben des Hausherrn Lucius, der immer seine Not hatte, die wilden Buben in Zucht zu halten: jetzt aber waren sie kaum von den Rossen und Reitern hinweg und in die städtische Schule zu bringen. Zumal der Zweitgeborne, Hilaris, – 15 Jahre alt – war dem Vater allzu lebhaft: und doch war gerade der des Vaters wie aller Leute Liebling.

So auch der beiden vornehmen Paladine, die mit ein paar Reitern in der Villa eingelagert waren: vergebens bat der Vater die Herren, den unnützen Buben, der nicht von ihrer Seite wich, unerschöpflich an Fragen, fortzujagen. »Laßt ihn nur, und geht an Eure Rebarbeit« lachte der kleinere der beiden, »er gefällt uns gar gut, nicht wahr, Freund Roland?«

»Gewiß,« rief der andre – eine hochragende Heldengestalt – und fuhr dem Jüngling über das braunlockige Haar. »Er hat so fröhliche Augen. Am liebsten nähme ich ihn mit über die Berge ins Feld als meinen Schildträger. Da, versuch einmal, ob du ihn schleppen könntest.«

Heißgierig sprang Hilaris herzu, ergriff mit beiden Händen die wuchtige Erzscheibe, die an einer Säule des Atriums hing und streifte sie über den linken Arm, fest den vorderen, den »Faustbügel«, fassend. »Ist ja ganz leicht,« jubelte er, »geb' ihn gar nicht mehr her.«

»So?« lächelte der Ältere. »Wirst doch den Herrn Markgrafen nicht schildlos unter die Heiden fahren lassen?«

»Ein Markgraf seid Ihr? So schaun die aus?« staunend sah der Junge zu ihm empor. »Welcher Mark?«

»Der Bretonischen, wo die Feen und die Nachtigallen wohnen,« erwiderte Roland.

»Da möcht' ich gleich hin! Und Ihr, Herr, wer seid Ihr?«

»Oliver heißt er,« antwortete jener an des Gefragten Statt, »und ist des Herrn Königs weisester Pfalzgraf und Vasall.«

»Herrn Roland schau dir nur recht an: der ist, so singen und sagen schon jetzt die Leute, Herrn Karls Schwert.«

»Das muß wahr sein, aber Oliver ist mein Gedanke,« sprach da eine tiefe Stimme und den Außenvorhang des Atriums schlug zurück, hereintretend, ein Gewaltiger: tief neigten sich die Paladine: Hilaris starrte zu dem sieben Fuß Langen hinauf mit weit offenen Augen: »das ... das ist der Herr König« brachte er endlich heraus: »aber er ist ja gar nicht von Eisen, wie die Bänkelsänger rühmen.«

Der König lachte: »Ich hab' das Eisen inwendig, – Ich mußte doch nachsehn, wie mein Schwert und mein Gedanke untergebracht sind: ganz gut, scheint's. Aber sag', Bub, da im Garten, hinter dem Hans hervor, hörte ich ein Durcheinander von gar vielen Vogelstimmen – hört ihr? sie schallen bis hier herein! – Horch: Amsel, Schwarzmönch, Rotkehlchen, Blaukehlchen, Grasmücke, – zwei Arten! – Fink, Zeisig, Stieglitz.

»Wie Ihr sie alle kennt!« staunte der Knabe. »So ist's wahr, daß Euch der Ring Salomonis aller Vögel Sprache verstehen gelehrt hat?«

»Ist leichter als der Menschen! Vöglein lügen nicht. – Du hast wohl die ganze Gesellschaft beisammen? Ich will sie mir ansehn.«

»Kommt nur mit, Herr König!« Schon sprang er die Vorstufen hinab. Karl folgte.

»Der Bub hat Glück, 's ist des Herrn liebster Zeitvertreib,« meinte Roland. »Und zumal Frau Hildigardens! In jeder Lieblingsvilla ließ sie solch ein Aviarium anlegen,« schloß Oliver, ihm folgend.

An der sonnigen Seitenwand der Villa war ein hoher Flugkäfig von Drahtgitter angebracht, in dessen Myrten- und Taxus-Büschen sich eine Menge Vögel tummelte. Karl stand davor und nickte wohlgefällig mit dem Haupte: »Das laß ich mir gefallen. Sind gut gehalten. Keine Quälerei. Auch rinnend Wasser haben sie. Und weißen Sand. »Aber,« fragte er, »vertragen sie sich denn?«

Der Jüngling schüttelte den Kopf: »Nicht immer, nicht in der Werbezeit der Männchen. Und nicht alle. Zumal nicht die Sänger untereinander!«

»Ja, ja, wie bei den Menschen,« meinte Herr Karl. »Wenn doch nur meine Hildigard das sehen könnte. Hat solche Freude dran, die kindjunge Frau!«

»Sie soll gar schön sein, die Frau Königin, sagt man?«

»Da sagt man recht!«

»Ja, warum habt Ihr sie dann nicht mitgenommen?«

Karl lachte: »Du fragst nicht dumm! Ich hab' sie mitgenommen, so lang sie reisen konnte: bis an den Clain, bis Cassinogilum: dort wartet sie einer schweren Stunde. Sie schreibt in ihrer Einsamkeit gar traurige Briefe,« sprach er zu den beiden Helden gewendet.

»Traurig ist sie?« rief da Hilaris. »Ei, da wollen wir ihr eine kleine Freude machen: – mit meinen Vögeln da.«

Erfreut sah ihm der Herr in das Gesicht: »Ei! ein hübscher Einfall. Gut! Ich kauf sie dir ab. Was kosten sie?«

Da fuhr der Knabe auf und schüttelte die Locken: »Nein, Herr König. Meine Vögel sind mir nicht feil. Aber ich schenke sie der Frau Königin: soll sie doch so gut wie schön sein.«

»Das ist sie!« sprach Herr Karl gerührt.

»Der geriebenste Höfling,« meinte Oliver, »könnte sich nicht geschickter einschmeicheln als dieser dumme Bub.«

»Bin gar nicht so dumm, wie Ihr meint. Sollt's gleich erleben!

Herr König, verkaufen tu' ich meine Vöglein nicht. Aber ein Gefallen ist des andern wert, nicht? Ja? Wohlan, so tut mir auch einen: laßt mich mit zu Felde zieh« – mit diesem Markgrafen hier: zu dem und seiner Kraft hab' ich Vertrauen.«

»Hast alle Ursach,« lächelte der König. »Willst ihn mitnehmen, Neffe?«

»Gern! Hab ihn lieb gewonnen, den Fratzen, in diesen Tagen. Aber sein Vater ...?«

»Mit meinem Vater muß der Herr König reden! Das hilft gewiß.«

»Hoffentlich!« lachte der und schlug ihm auf die Schulter.

Und es half.

Der Vater entschloß sich zwar schwer seinen Liebling herzugeben, aber der Markgraf versprach, ihn getreulich zu schützen im Kriege. »So lang ich den Schild da halten kann, geschieht ihm nichts zu leide«, lachte er – und da der König für ihn am Hofe zu sorgen versprach im Frieden: so wollte Lucius dem Knaben einen glanzvollen Weg nicht versperren und ließ ihn ziehn.

Er sollte sie nicht wiedersehn, die fröhlichen Augen!

Die politischen Voraussetzungen des Feldzugs waren irrig: deshalb mußte er scheitern. Die arabischen Emire und Scheichs, die vor Jahr und Tag sich gegen Abderrahman, ihr Oberhaupt in Spanien, empört und Karls Hilfe angerufen hatten, waren zum Teil reuig zu jenem zurückgetreten, zum Teil untereinander in Kampf geraten. Vor allem die Christen auf der Halbinsel, deren eifrigen Anschluß man als sicher vorausgesetzt hatte, sowohl die Asturier wie die Basken erwiesen sich als höchst feindlich: gleich die erste Stadt auf dem Weg in das Innere, Pampelona, mußte erobert, Saragossa konnte nicht bezwungen werden. Schweren Heizens befahl Karl den Rückzug.

Roland erbat sich die gefährlichste Aufgabe, in den schlimmen Felsenpässen der Pyrenäen die Nachhut zu befehligen: er bestand darauf, Oliver müsse den Schutz des Herrn selbst übernehmen: doch teilte der ihm erlesene Scharen, bergkundige Bayern und Alamannen, zu und hervorragende Helden, wie den Seniskalk Eggehard, Rolands Freund, den Grafen Anshelm, die Bayern Hachiling vom Isargau und Fagano vom Chiemgau.

Heiß brannte die Mittagsonne des 15. August von dem wolkenlosen, tief dunkelblauen Himmel auf die nackten, kahlen Porphyrwände auf der linken, der Nordseite des nach Osten gerichteten Zuges: als der mit seinen vordersten Spitzen die Schlucht von Ronceval – »Roncesvalles« – erreicht hatte, erkannte Roland sofort die Gefährlichkeit dieser Strecke: denn hier versagten auf der rechten, der Südseite, plötzlich für eine ganze Viertelstunde die schirmenden Felsen: dicht neben dem nur pferdbreiten Felssteig gähnte der »schwindelnde« Abgrund, senkrecht abfallend, nochmal so tief als auf der Linken, im Norden, die steilen nackten Schroffen gen Himmel ragten: brausend brach sich in der Sohle des Abgrunds die reißende Malsanna durch Felstrümmer Bahn nach Osten.

Roland und Hilaris und ein paar Reisige bildeten den Schluß des langen, langen Zuges.

»Jung Hilaris,« sprach jener nach einem besorgten Blick nach oben, nach der Krone der Felswände links, sich im Sattel rückwärts wendend: »ich wollte, du wärst bei deinen Vögelein und Frau Hildigard daheim. Wenn sie uns hier anpacken – gerade hier ...!«

»Bah,« meinte Hilaris, sein Maultier antreibend, das stets haarscharf am Abgrund hin einen Fuß vor den andern setzte, »freilich, wenn der Himmel einfällt, schlägt er alle Schwalben tot.«

»Da! Er fällt aber ein!« rief Roland und sprang ab: dicht vor ihm war ein mächtig Porphyrstück von der Wandkrone herabgestürzt: zwei Reiter und Rosse riß es krachend in den Abgrund. Zugleich gellten hinter ihnen im Westen und vor ihnen im Osten die schrillen Kriegspfeifen der Basken.

»Vorwärts!« befahl der Markgraf. »Alles nach vorn! Zu Herrn Karl, von dem sie uns absperren wollen. Nach vorn! Laßt hier fallen was fällt.«

Alle Reiter sprangen ab und drängten, die Gäule führend, nach vorn.

Aber ach! Von der Felswandkrone links im Norden drohte das ärgste Verderben: – unabwendbar. Man sah gar die Feinde nicht, die unaufhörlich Felsstücke auf die gedrängt Hastenden herunterschleuderten. Ein solcher Block riß die beiden Bayern Hachiling und Fagano zusammen hinunter in den Abgrund.

» Wir müssen durch! Komm, Bub! Laß die Tiere stehn!«

Und mit Macht drängten beide nach Osten, über Tote und Verwundete hinwegsteigend und springend. Ach, sie kamen nicht weit! Ein Hügel von Leichen sperrte bald hoch und weithin den Pfad: mit Gram, mit Zorn gewahrte der Markgraf darunter zwei Freunde, Herrn Eggihard und Herrn Anshelm.

Er hatte nicht Zeit zu trauern: denn jetzt waren sie von den Asturiern und Basken im Rücken von Westen her erreicht: die Franken fielen gar rasch einer nach dem andern, jetzt schon viel mehrere durch die Wurfspeere von rückwärts als durch die Felstrümmer von oben. Da gebot Herr Roland dem Knaben: »Gib mir Olifant, mein Horn. Herr Karl kennt den Ton: vernimmt er ihn, kehrt er um: er läßt mich nicht im Stich!«

Und er blies einmal, zweimal mit Macht.

Weit, weit voran zog Herr Karl Tenzendur, seinem stahlgrauen Roß, den Zügel: »Horch, Oliver, hörst du nichts?«

»Doch, Herr König: ich meine, so ruft Olifant.«

»Bah,« sprach Ganelon von Mainz, der Verräter, Herrn Rolands ruhmneidischer Feind, »das war des Adlers Schrei dort hinten auf dem Fels.«

Da fiel hinter Hilaris auch der Alamanne Lantfrid, der bisher den Feind im Rücken gehemmt. Nun stieß Herr Roland zum dritten Mal ins Horn – zum letzten Mal: denn er blies, daß es zersprang. Er warf es in den Abgrund.

»Nun geht's zum Ende, Bub. Tritt hinter mich.«

Aber der blieb vor ihm stehen wo er stand.

Jetzt waren sie heran: zehn, zwanzig, dreißig Feinde: die vordersten knieten und warfen, die hinteren über ihre Schultern weg.

»Zurück doch, Bub!« Gebot der Markgraf und hielt den Schild über Hilaris. Da flogen sechs Speere auf einmal: die gute Erzplatte erdröhnte: sie sing vier davon: aber der Held konnte die Last nicht mehr halten, er ließ sie fallen. Hilaris fing sie auf, kniete vor den Herrn und hielt den Schild aufrecht mit zwei Händen vor dessen Brust.

»Willst du nun mich beschilden!«

Da flogen nochmal sechs Speere: beide fielen.

Über sie hinweg nach vorwärts sprangen die Verfolger. Aber deren Führer, König Alfons von Asturien, beugte sich über die Toten: »Das war Roland, der größte Held der Franken: ich kenn' ihn. Begrabt ihn mit Ehren. Und daneben seinen Schildträger: denn der war treu.«

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