Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Artur Heye >

Meine Brüder im stillen Busch in Luft und Wasser

Artur Heye: Meine Brüder im stillen Busch in Luft und Wasser - Kapitel 9
Quellenangabe
authorArthur Heye
titleMeine Brüder im stillen Busch in Luft und Wasser
publisherBüchergilde Gutenberg
year1945
illustratorJulius Arnfeld
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180612
projectid4af5c644
Schließen

Navigation:

Bären

siehe Bildunterschrift

Braunbär (Pyrenäen)

»Hallo, Käptn, sagen Sie, was macht der Mann da drüben? Fischt er?«

»Wo?«

»Dort, wo der Wirbel ist. Auf dem umgestürzten Baum, der da schräg ins Wasser hängt!«

Der Schiffer warf einen Blick hinüber, spuckte einen Strahl Tabaksauce ins Wasser und grinste.

»Gewiss fischt er. Aber wischen Sie mal Ihre Brille ab, denn es ist kein Mann, sondern ein Bär, ein Blacky! – Nun schauen Sie mal da vorn auf die Sandbank! Können Sie erkennen, dass da was rumkriecht? – Allright, das sind drei weitere Bären! Und wenn wir drüben in den River einlaufen, können Sie bis Susitna wahrscheinlich noch mehrere sehen. – Gutes Land hier für Bären, überall schöne Fischplätze und die Wälder voller Beeren und Pilze. Wenn Sie droben bei dem alten Mann nicht gut aufpassen, stehlen Ihnen die schwarzen Schufte den Speck aus der Pfanne heraus!«

Das sagte Billy Austin, Besitzer, Kapitän und Steuermann eines Motorbootes – das einmal im Monat die Post und auch einen gelegentlichen Passagier beförderte – nachdem wir noch keine halbe Meile weit von Anchorage, einer kleinen Hafenstadt an Cooks Inlet in Mittelalaska, weg waren. Bis dahin waren wir von Europa herüber, Schiff und Bahn und wieder Schiff und Bahn gefahren, wochen- und wochenlang. Jetzt befanden wir uns kurz vor unserem endgültigen Ziele, einer Trapperhütte droben im Hinterwalde von Alaska, am Alexanderriver, und die ersten Bewohner der Wildnis, die wir jetzt, noch dicht bei der Stadt, zu Gesicht bekamen, waren Bären, und gleich vier Stück auf einmal!

Billy behielt recht mit allem, was er gesagt hatte, es war ein gutes Land für Bären, und »die schwarzen Schufte« stahlen uns in den kommenden anderthalb Jahren mehr als einmal den Speck weg, und noch manches andere dazu. Bis zur Poststation Susitna sahen wir noch vier oder fünf weitere Bären an den Flussufern herumkrebsen, jedoch immer nur aus ziemlicher Entfernung, denn sobald sie den Motor hörten, verschwanden die plumpen schwarzen Kerle stets mit erstaunlicher Behendigkeit im Walde. Aber einen erblickten wir noch ganz unerwartet nahe, drei Bootslängen von unserem Ziele entfernt. Wir hatten das allerletzte Stück Weg im Ruderboote eines Trappers zurückzulegen. Ein Regenschauer ging nieder, der Wind rauschte in den einsamen Wäldern, die wie dunkle Mauern den Fluss begleiteten. Wir schossen um eine scharfe Biegung herum in den hier einmündenden Alexander hinein, da gab es plötzlich einen Plumps neben uns, ein Schwall Wasser spritzte über das Boot und meine Frau schrie jauchzend auf: »Oh, ein Bär! Er ist hier runtergefallen!«

Ich fuhr herum, da schwamm ganz in unserer Nähe tatsächlich eine spitze Bärenschnauze mit einem Paar kleiner, schwarzer, erschrocken blickender Knopfaugen darüber, und davor paddelten ein paar dicke schwarze Branten so rasch sie nur konnten von dem unheimlichen Boote weg.

Wir stellten bald nach unserer Ankunft fest, dass es hierherum mehr Bären als irgendwelche anderen Tiere gab. Schon in der dritten Nacht schlug der melancholische Heulchor der Schlittenhunde, die unter den Bäumen vorm Hause ihren langen traurigen Sommer an der Kette verbringen mussten, mit einem Mal in ein wütendes Jaulen, ein heiseres Gebläff und Gebelfer um, und sofort scholl die Stimme unseres alten Gastgebers in unseren Schlafraum hinauf: »Schnell, kommen Sie runter, bringen Sie Ihr Schiesseisen mit, da ist wieder so ein gottverdammter Bär im Rauchhause und klaut mir den Trockenfisch!«

Mit der Laterne und in Unterhosen, lief Tom, unser Gastgeber, fluchend wie ein Türke voraus, ich stolperte hinterher, konnte unter den finsteren Bäumen ohnehin kaum etwas erkennen und hatte dazu sofort noch ein paar Dutzend Moskitos vor und in den Augen – diese unbeschreibliche Pest und Pein des nordischen Sommers. Auf einmal duckte sich der Alte: »Da ist er, da! Schnell, brennen Sie ihm eins aufs Fell!«

Ich konnte absolut nichts sehen, und das war ein Glück, denn plötzlich stellte der Alte die Laterne hin, ergriff einen dürren Ast und brauste mit den Worten: »Das ist ja der Timm, das elendige Vieh!« in den nächtlichen Wald hinein. Timm war einer der beiden schwarzhaarigen Wachhunde, die nachts frei herumliefen. Ich nahm kopfschüttelnd die Laterne auf, ging nach dem Räucherhause und da fand ich immerhin unzweifelhafte Bärenspuren und auch ein Bündel geräucherter Lachsrücken – sie dienten als Winterfutter für die Hunde – die der »Blacky« auf der Flucht verloren hatte. Im Rauchhause drin sah es toll aus. Der Einbrecher hatte einen Sack mit Salz zerfetzt, den Inhalt über den ganzen Raum verstreut, drei Stangen mit Fischen heruntergerissen, zwei davon waren zerbrochen, und in dem Trümmerhaufen lag die umgeworfene Leiter. Anscheinend hatte sie Meister Petz zum Hinaufsteigen benutzt und war mit ihr zu Fall gekommen.

Der alte Tom Sommer geriet in Wut und feuerte eine ganze Salve prachtvoller, mir noch gänzlich unbekannter Flüche ab, als er die Verwüstung erblickte. »Da füttere ich nun diese beiden nichtswürdigen Kreaturen, den Timm und den Buck, das ganze Jahr lang, dass sie aufpassen sollen, und was machen sie, wenn solch ein Sauvieh von Bär ankommt? Sie verkriechen sich, und wenn er weg ist, stehlen sie noch selber von dem, was er runtergeholt hat!«

»Well, Tom«, fragte ich auf dem Rückwege nach dem Hause, »sind denn Blackies so gefährlich, dass sich diese beiden grossen starken Hunde vor einem fürchten?«

»Gefährlich? Ach, keine Spur! Sie können ein halbes Dutzend von den Lumpen mit einem Besenstiel in die Flucht schlagen! Die beiden Köter taugen einfach nichts, das ist es. Was mir diese schwarzen Spitzbuben schon angetan haben, davon ist das Ende weg! ...«

Es war zum Weiterschlafen ohnehin zu spät, schon zwei Uhr, und da fängt im alaskischen Sommer bereits der Tag an zu grauen. So erzählte er mir bis zum Frühstück, was ihm selbst in den vierzig Jahren, die er in Alaska lebte, und auch einigen seiner Bekannten von den Schwarzbären schon widerfahren war. Ich lernte dabei seine Wut begreifen, obgleich die meisten der verübten Missetaten auch einen ausgesprochen drolligen Zug aufwiesen.

Im allgemeinen war es immer wieder dasselbe: Sobald solch ein einsam lebender Trapper einmal für ein paar Tage von seiner Hütte abwesend war, hatte einer der ebenso frechen und verfressenen wie furchtsamen und tolpatschigen Blackies, von leckeren Gerüchen angelockt und von der herrschenden Stille ermutigt, die Türe oder ein Fenster eingeschlagen und dann in dem Raume gehaust wie ein Vandale. Da waren in einem Falle Säcke mit ein paar hundert Pfund Mehl aufgeschlitzt und der ganze Raum damit gepudert, der Ofen über den Haufen gerissen und das Ganze mit Russchwaden verziert worden, sämtliches Geschirr zerschlagen oder zerbeult, Betten, Kleider und Felle zerfetzt, Krautfässer umgeworfen, Speck und geräuchertes Elchfleisch und Dörrobst aufgefressen, Milchbüchsen ausgesoffen, Fett- und Syruptöpfe ausgeschleckt und – diese besondere und wie bedacht anmutende Unverschämtheit fehlte in keinem der geschilderten Fälle – jedesmal war von dem Blacky noch eine übelduftende Visitenkarte an der Stätte seiner Wirksamkeit zurückgelassen worden.

»Ja, Sie lachen, aber warten Sie, bis Ihnen erst einmal solch eine Kanaille die letzte Butter weggefressen und das beste Paar Mokassins zerfleddert hat, dann vergeht Ihnen das Lachen! – Well, nachher wollen wir gleich mal darangehen und die Wände des Rauchhauses verstärken. Und ausserdem werde ich die Türe sichern, ich habe da eine eigene Erfindung gemacht, werde sie Ihnen zeigen.«

Die Erfindung bestand darin, dass er zwei Sägeblätter mit den Zähnen nach oben quer über die Tür nagelte. Und wirklich fanden wir dann eines Morgens ein Brett der Tür eingeschlagen, aber nur eins, und auf den Sägeblättern klebte Blut und ein schwarzes Haarbüschel, und stracks von der Erfindung weg führte eine nur dreifüssige blutgesprenkelte Bärenfährte nach dem kühlenden Wasser hinunter. Dieser Blacky kam nicht wieder!

Dafür kamen andere. Je weiter die Jahreszeit fortschritt, desto mehr Bären gab es. Überall in den Wäldern fanden wir die runden Spuren ihrer Branten und die langen menschenähnlichen ihrer Hinterfüsse, überall morsche Baumstämme, von denen auf der Suche nach Käfern und Würmern die Borke abgelöst war, überall auch die Reste von Pilz- und Eier- und Vogelmahlzeiten, und selbst dort, wo die mannshohen wirren Dickichte der sogenannten »Highbush-Cranberry«, eine Art hochwachsender Preisselbeere, das Weiterkommen fast unmöglich gemacht hätte, gab es stets einen breiten glatten Pfad, oder auch mehrere, die hindurchführten, getreten von zahllosen Bärengenerationen. Fast noch stärker wurde der Fluss von ihnen besucht. Auch dort hatten sie sich zahlreiche bequeme Abstiege an der Böschung hinunter gebahnt. Jede einzelne Sandbarre war von ihnen zertrampelt und allerwärts der Boden mit Schuppen und Schwänzen hier gefangener und verspeister Fische bedeckt. Hier am Flusse bekamen wir auch viel häufiger einmal einen der schwarzen Gesellen zu Gesicht als in den dämmrigen Waldgründen. Aber es gelang uns nie, einmal einen beim Fischen zu photographieren. Sie sehen, hören und wittern viel zu scharf, und wenn wir auch noch so indianerhaft näherschlichen, wir sahen nie mehr als ein schwarzes Hinterteil im Walde verschwinden oder eine prustende Schnauze in dem reissenden Wasser davonschwimmen.

Nur ein einziges Mal kam ich, nahe genug auch für eine Aufnahme, an ein wahres Bärenidyll heran. Ich strich auf Birkhuhnjagd leise an einem dichtbewachsenen Steilufer entlang. Da hörte ich unten am Wasser ein merkwürdiges Aufquieken, begleitet von einem tiefen schnaufenden Brummen. Vorsichtig schob ich den Kopf zwischen die Büsche und spähte hinab. Drunten stand eine grosse dicke Bärenmutter, die ein triefendes, wimmerndes Baby ohrfeigte, dass es wie ein schwarzes Wollknäuel nur so herumflog, und ein zweites Junges watschelte, leise vor sich hin weinend, auf kurzen fetten Beinen, so rasch es nur konnte, aus dem Bereich der maulschellenausteilenden Mama hinweg. Aber die Alte machte ein paar schnelle Schritte, fasste es mit den Zähnen im Genick, schüttelte es ein paarmal ärgerlich hin und her, setzte es neben das andere nieder und stieg dann wieder vorsichtig in das klare Wasser. Hier blieb sie, auf Fische lauernd, unbeweglich stehen. Mit angehaltenem Atem belauschte und beobachtete ich die Szene, sie hätte ein fabelhaftes Bild gegeben – wenn ich eine Kamera bei mir gehabt hätte!

Kurze Zeit danach kam eines Morgens der Alte, kaum dass er mit dem Boot weggefahren war, um unsere weiter droben aufgespannten Lachsnetze nachzusehen, wieder zurück und rief vom Fluss herauf, er hätte etwas geschossen, ich möchte mitkommen und es ihm ins Boot laden helfen.

»War wieder ein Seehund im Netz?« fragte ich.

»No, kein Seehund und nicht im Netz. Ein Bär, vielmehr eine Bärin, fett wie ein Biber. Die Hunde werden sich freuen, dass sie wieder mal Fleisch kriegen. Schade, dass mir die Jungen entwischt sind, wäre etwas für unsere Pfanne gewesen. Sie hatte zwei bei sich.«

»Wo haben Sie das Tier geschossen, am Noel Creek?«

»Ja, sie fischte dort. Aber wie kommen Sie darauf?«

Ich zuckte die Achseln und ergriff die Ruder. An der gleichen Stelle, wo die Bärin jetzt tot lag, hatte ich sie kürzlich bei der Erziehung ihrer Jungen beobachtet. Meine Frau und ich sind in den folgenden Tagen immer wieder dort herumgestrichen in der Hoffnung, die verwaisten Babies finden und vielleicht fangen und aufziehen zu können, doch wir haben nie mehr eine Spur von ihnen gesehen.

Im Verlaufe der nächsten Wochen schoss ich selber zwei Bären, beide Male nachts. Den ersten holte ich von einem Baum herunter. Dort hinauf hatte ihn einer unserer Schlittenhunde gejagt, der eines Nachmittags von der Kette entkommen war. Der Hund war ein kaum mittelgrosser, gelbwolliger Kerl mit einem Spitzkopfe, ein typischer Malamut. Die Mütter dieser Rasse, wenn man sie Rasse nennen will, gehören allen möglichen Hundearten an, die Väter aber sind überwiegend Wölfe. Die Hündin wird, wenn sie läufig ist, in den Wald geschafft und an einen Baum gebunden. Dort wird sie dann ziemlich sicher von einem Wolfrüden aufgefunden und gedeckt. Manchmal freilich auch von einer Wölfin und dann aufgefressen. Diese Blutbeimischung gibt den Malamuts ihre weltbekannte Schnelligkeit und Ausdauer, allerdings auch ihre Wildheit und Unzuverlässigkeit.

Ich hatte den Ausreisser nicht kriegen können, aber als gerade der Mond am höchsten stand, hörte ich auf einmal seine mir wohlbekannte, greuliche Fuhrmannsstimme in heiseren Tönen aus dem Walde schallen. Ich bewaffnete mich mit einem Trockenfisch, um ihn heimzulocken, aber als ich herankam, leckte er mir nur flüchtig über die Hand und zeigte gar kein Interesse für den Fisch, sondern sprang in tollen Sätzen um einen Baumwollbaum herum und schimpfte, winselnd vor Aufregung in die finstere Krone hinauf. Ich musste lange, lange spähen, bis ich endlich den grossen schwarzen Klumpen entdeckte, der da oben in einer Gabel sass und leise fiepende Töne ausstiess. Puck brach in ein entrüstetes Geheul aus, als ich nach Hause lief, um mein Gewehr zu holen, aber er wich nicht von dem Gestellten weg.

Als der Blacky mit einem Zufalls-Kopfschuss mausetot herunterkam, fiel der Hund sofort über ihn her, zauste ihm knurrend die schwarzen Locken büschelweise aus, und fuhr wie ein Verrückter auf die beiden famosen Wachhunde los, die, nachdem keine Gefahr mehr damit verbunden war, plötzlich auf dem Schauplatze erschienen und es wagten, »seinen« Bären zu beschnüffeln.

Mein zweiter Blacky hatte das Pech, einen Einbruchsversuch durch das Dach des Rauchhauses gerade in dem Augenblick zu machen, als ich, von nächtlicher Beobachtung arbeitender Biber kommend, in meinem Klepperboot lautlos den rasch strömenden Alexanderfluss herabschoss. Als die schwarze Silhouette des Rauchhauses in Sicht kam, warf ich wie gewohnt einen Blick nach dem Schornstein hinauf, um zu sehen, ob das ständig unterhaltene Räucherfeuer regelrecht in Gang war, da fiel mir ein rätselhafter Auswuchs auf dem Dache auf. Ich konnte das Boot in dem reissenden Wasser an der Biegung nicht stoppen, und als ich gegenüber dem Landungssteg endlich wieder freie Sicht bekam, hatte der Auswuchs Form angenommen, Bärenform, und er war gerade dabei, die neue Dachpappe, die ich erst kürzlich drauf genagelt und überteert hatte, abzufetzen.

Es gelang mir, das Boot, noch bevor er mich bemerkte, beizudrehen und hinter einen am Ufer festgespiessten Treibholzstamm zu zwängen. Dann stieg ich leise ins Wasser, legte den Lauf meiner Mauserbüchse auf dem Stamme auf und gab ihm einen Schuss. Ich hörte am Einschlag, dass ich ihn getroffen hatte, doch er kam nicht herunter, und sehen konnte ich auch nichts mehr von ihm. So kletterte ich auf das Ufer hinauf und droben erspähte ich ihn wieder. Er lag platt auf dem Dache, rutschte allmählich immer tiefer, und seine Branten schlugen haltsuchend in die splitternden Bretter. Ich hörte sein schweres wundes Stöhnen. Da gab ich ihm auf kaum sechs Meter Entfernung noch eine Kugel. Unter ihrem Einschlag verlor er den Halt und plumpste herunter. Doch als ich näher trat, richtete er sich unerwarteterweise mit einem Rucke wieder auf und schlug, die Zähne gefletscht, blitzschnell mit der Brante nach mir. Erschrocken über diese unvermutete Entschlossenheit, machte ich einen Satz rückwärts, stolperte, verlor dabei das Gewehr aus der Hand und fiel schliesslich in einen Haufen Stangen hinein, war aber im nächsten Augenblick wieder auf den Füssen. Der Bär hatte mein Gewehr erwischt und zerrte es am Riemen zu sich hin – in instinktivem Handeln raffte ich eine der Stangen auf und warf sie wie eine Lanze gegen das Tier. Mit einem fast menschenähnlichen Wutschrei packte er das Stück Holz, und ich im selben Augenblick mein Gewehr, und eine Sekunde später zersprang ihm der Schädel unter dem Nahschuss. Er sank zusammen, die Stange hielt er noch immer mit beiden Branten fest. Und der ganze Wald hallte und dröhnte von dem rasenden Geheul und Gebell unserer »Pensions-Hunde«, dem Hallogebrüll des Alten und dem zeternden Geschrei zweier grosser Raben, die sich in ihrer Nachtruhe gestört fühlten ...

Der kurze Sommer Alaskas verging. Nur einzelne Nachzügler folgten noch den wimmelnden Scharen der Lachse, die in den Frühlingsmonaten zu Hunderttausenden, spielend, springend, über die Katarakte schnellend, die Flüsse hinauf gezogen waren. Droben in den seichten Quellgewässern standen sie noch in dichtgedrängten, unbeweglichen Massen beim Laichen, aber die meisten von ihnen hatten diesen Höhepunkt und Abschluss ihres Lebens bereits hinter sich. Sie trieben abgekämpft, erschöpft und langsam verendend dem Lande zu und gesellten ihre Leiber zu denen der bereits zugrundegegangenen Artgenossen, die wie hingemähte silbernschimmernde Schwaden die Sandbänke und Ufer säumten. Dort sassen Adler, Raben, Bussarde und Kormorane, Vielfrasse, Füchse, Wölfe, Luchse und Bären und frassen Tag und Nacht tote Lachse, frassen bis sie sich kaum noch rühren konnten.

Jetzt hatten die Bären ihre fetteste Zeit. Im September flammten die Wälder auf wie in Feuer getaucht, in brennenden Herbstfarben schimmerten die Wipfel, und leuchtendrot glühten auch die Dickichte darunter in einer schier unbegreiflichen Fülle von Beeren. Vom frühen Morgen bis zur einbrechenden Nacht krochen wir darin herum und sammelten mit beiden Händen den Segen ein. Und dasselbe taten die Bären. Allerwärts um uns herum hörten wir immer wieder, wie sich schwere Körper durch die Büsche drängten, rauhe Zungen die Beeren von den Zweigen streiften und schmatzende Rachen die süssen saftigen Leckerbissen hinunterschlangen. Öfters auch geschah es, dass wir uns abends ein besonders üppiges Plätzchen mit Heidel- oder den gewöhnlichen niederen Preisselbeeren gemerkt hatten, um am anderen Morgen dann entrüstet festzustellen, dass über Nacht die Konkurrenz dagewesen war, alles abgefressen und zertrampelt und zudem die schönen Fleckchen mit grossen rötlichen, kerngespickten Haufen von Losung verschandelt hatte.

Aber als Ende des Monats die ersten schweren Herbststürme unter kaltem grauem Himmel dahinfuhren, die letzten Blätter verwirbelten und verstoben, waren plötzlich alle Schwarzbären verschwunden und kamen nicht wieder zum Vorschein. Sie hatten sich, feist und rund gemästet, in Höhlen unter gestürzten Stämmen oder den Wurzeln grosser Bäume, an den Abhängen der Hügel und zwischen den Felsblöcken der Gebirgstäler zum Winterschlaf zurückgezogen. Und immer waren diese Höhlen, wahrscheinlich, um bei sonnigem Wetter kein Wasser durch tauenden Schnee hinein zu bekommen, an der Nordseite gelegen. Wir aber fingen an, die Pfade wieder auszuschlagen, an denen mit dem ersten Schnee die Fallen für die Pelztiere aufgestellt werden sollten, und die Unterkunftshütten, die an diesen, viele Meilen langen »Traplines« errichtet waren, instand zu setzen. Und da scholl den schlafengegangenen Blackies noch mancher innige Gutenachtwunsch nach, denn alle vier Hütten fanden wir erbrochen. Die Schlafgestelle und Decken, die Feuerplätze und die paar notwendigen Pfannen und Töpfe darin waren entweder fortgeschleppt oder zertrümmert worden.

Dann kam eines Tages meine Frau von der Birkhuhnjagd zurück – ich war schon seit längerer Zeit ziemlich krank und lag zu Bette – und erzählte, dass sie im Schlamm des Noel-Creeks merkwürdige, riesengrosse Fährten gesehen hätte; sie waren vom Regen verwischt und schwer zu deuten gewesen. »... jedenfalls sahen sie Bärenspuren noch am ähnlichsten«, schloss sie; »aber sie waren von dieser Güte! ...« Die Länge, die sie dabei demonstrierte, deutete auf einen geradezu sagenhaften Latsch hin.

»Tja, das könnte dann nur ein Braunbär gewesen sein. Was meinen Sie, Tom?« fragte ich.

»Nonsense! Hier herum gibt's keine Brownies! Ich sagte Ihnen doch schon mal, dass ich in den zwölf Jahren, die ich hier am Alexander bin, noch keinen Schwanz und keine Spur von einem gesehen habe. Die Susitna-Indianer wollen natürlich in früheren Zeiten hier immer Braune gejagt haben, aber die Brüder lügen ja, wenn sie nur den Mund auftun. Wird ein Fuchs gewesen sein, der sich dort gewälzt hat, Ruth. – Well, es klärt sich auf und wird kälter, rechne ich. Besser, ich gehe morgen noch mal mit dem Boote los und hole unsere Post von Susitna, ehe etwa der Fluss zufriert. Übermorgen abend bin ich wieder da. Allright, Sie brauchen keine Angst zu haben, wenn Sie in den Wald gehen, kleine Frau, Brownies gibt's hier nicht!« wiederholte er mit dem Eigensinn alter Leute.

Als er abfuhr, herrschte leichter Frost. Am Abend zeigte das Thermo aber schon acht Grad Kälte und am anderen Abend vierundzwanzig, und Tom war nicht zurückgekommen. Er kam auch in den folgenden Tagen nicht; auf dem Wasser trieben Eisschollen, und am Morgen des fünften Tages nach seinem Weggehen war der ganze Fluss überfroren.

Meine Frau war gerade vom Rauchhaus zurückgekommen, wo sie nach den Hunden gesehen hatte, die wir bei Eintritt der Kälte dort eingesperrt hatten und ich versuchte zum ersten Mal wieder ein bisschen aufzustehen, knickte aber vor Schwäche neben dem Bett zusammen, lehnte mich aufs Fenstersims und schaute in den klaren sonnigen Morgen hinaus. Und da trat zwischen den Bäumen, vor denen noch vor ein paar Tagen die Hunde angekettet waren, ein riesengrosser brauner Bär heraus, ging, langsam den Kopf wiegend, auf einen Pfahl zu, den ich acht Schritt vor der Haustür errichtet und mit einem Brettchen versehen hatte, um Vögeln Futter drauf zu streuen, richtete sich daran auf und leckte mit der Zunge den gehackten Fisch herunter. Sein braunes, sauberes Fell glänzte in der Morgensonne wie Gold, ich sah die ungeheuren Muskeln darunter spielen, sah, wie er beim Schlecken mit behaglichem Blinzeln die kleinen Augen schloss. Alles vollzog sich ohne einen Laut, geisterhaft leise und unwirklich.

Ich taumelte vom Fenster zurück, ebenfalls ohne einen Laut, presste den Arm meiner Frau und zeigte stumm hinaus. »Mein Gott! ...« sagte sie leise und beide starrten wir wortlos auf die riesenhafte Gestalt da unter unserem Fenster.

Jetzt wendete der Bär den Kopf und sah uns gerade ins Gesicht, doch konnte er uns in dem halbdunklen Raum wohl kaum erkennen. Weich und geräuschlos liess er sich, nachdem er alles sauber weggeschleckt hatte, wieder auf die Branten nieder; im schwingenden Gang verschwand sein Rücken unter dem Fenster. »Die Haustür steht offen – er kommt herein!« flüsterte meine Frau, die Hand vor den Mund gepresst.

Das riss mich aus meiner Erstarrung, ich ergriff mein Gewehr und wollte hinunter. »Nein bleib hier, hier herauf kommt er nicht – Brownies können ja nicht klettern! Wir schiessen von hier oben auf ihn! – Kommt er?«

Ich hörte nichts, aber in einer plötzlichen Eingebung fasste ich die Leiter und liess sie in die Küche hinunterfallen. Sie schlug krachend auf den Herd auf, Töpfe klirrten, das Feuer zischte auf, Dampfwolken wirbelten empor, im Vorraum vor der Küche polterte Holz, dann trat wieder völlige Stille ein. Wir sahen einander schweigend an und warteten, was weiter geschehen würde. Da zuckte meine Frau zusammen: »Ach, die Hunde im Rauchhause! Wird er sie? ...«

»Ja, ich weiss, wir müssten sie schützen, aber ich glaube, ich komme niemals bis dahin ...« flüsterte ich zurück, zog aber doch hastig meine Schuhe an, lauschte noch einmal und liess mich dann an den Händen – die Küche war nicht hoch – langsam hinab. Meine Frau reichte mir das Gewehr zu und kam mit ihrem eigenen sofort nach. Als erstes lehnten wir drunten einen schweren Birkenklotz gegen die Aussentür, dann horchten und lugten wir zu allen Fenstern hinaus, doch von dem Bären war nichts zu bemerken. Wieder verging eine Weile in stummem Lauschen. Ich konnte mich nicht entschliessen, hinauszugehen, denn mein Zustand war wirklich nicht so, um es mit einem Kodiakbären aufzunehmen. Auf einmal hörten wir ein rasendes Hundegeheul. Da stiess ich den Klotz weg und tappte langsam hinaus, meine Frau blieb an meiner Seite. Vor der äusseren Tür zeigte sie auf den reifbedeckten Boden. »Da, das sind dieselben Fährten wie jene am Noel.«

Zu unserem Schrecken führten sie tatsächlich auf dem Pfade zum Rauchhaus entlang, mir wurde bange um die Hunde, und so biss ich die Zähne zusammen und wackelte, bei acht Grad Kälte nur mit einem Pyjama bekleidet und vor Schwäche in den Kniekehlen einknickend, so schnell ich nur konnte, den Spuren nach, um unsere unersetzlichen Schlittenhunde zu retten. Meine Frau lief mir voraus, als sie mir ausser Sicht kam, rief ich ihr warnend nach, ja nicht etwa auf den Bären zu schiessen, bevor ich bei ihr war. Doch ehe ich noch ausgeredet hatte, hörte ich bereits kurz nacheinander zwei Schüsse aus ihrem Gewehr fallen. In einem Eisesschrecken stolperte ich ihr nach und sah sie zu meiner Erleichterung dicht am Rauchhaus stehen und in gebückter Haltung unter die Bäume des jenseitigen Waldrandes hinüberspähen.

»Was ist? Wo ist er?« keuchte ich.

Sie wandte sich um und mit lachendem Gesicht antwortete sie: »Ausgerissen! Einfach ausgerissen! Ist das zu glauben! Ich habe ihm zwei Schüsse und zwar nur über den Kopf hingepfeffert, und schon beim ersten lief dieses Riesenvieh los, als wenn der Teufel hinter ihm her wäre! – Nun, nach dieser Stichprobe falle ich aber nicht mehr auf die grausigen Browny-Geschichten herein, die einem überall erzählt werden!«

Ich konnte nur verwundert den Kopf schütteln, bat sie, nach den Hunden zu sehen und liess mich, schwitzend vor Schwäche, auf einem Wurzelstock nieder, um Wache zu halten, falls der Bär zurückkam. Ich konnte einfach nicht glauben, dass er sich endgültig und so sang- und klanglos davongemacht hätte. Meine Frau fand die Hunde, alle in einer Ecke zusammengedrängt und vor Angst zitternd vor; sie hatten sehr wohl gerochen, wer draussen herum war. Nach ihrem Benehmen zu schliessen, schienen auch sie eine wesentlich andere Meinung von Brownies zu haben als meine Frau.

Auf meinen Vorschlag hin, trieb sie die fünf verängstigten Kreaturen heraus, wir gedachten sie im Vorraum unseres Hauses, wo wir sie notfalls verteidigen konnten, festzumachen. – Dann trat die Reaktion bei mir ein, mir wurde zum Sterben übel. Mein Pyjama klirrte von Eis, als ich schweissbedeckt und halb bewusstlos, und nur von den Armen meiner Frau noch aufrecht gehalten, droben auf mein Bett taumelte. Mein einziger Gedanke auf dem Heimweg war der gewesen, dass dies wohl mein letzter Weg sein würde.

Was dann aber in Wirklichkeit eintrat, ist mir eigentlich noch heute unerklärlich: Als ich gegen Abend, aus einem abgrundtiefen Schlaf erwachte und mich allmählich aus einem halben Dutzend Wolldecken und mehreren beigepackten Wärmflaschen herausschälte, war mir nicht nach Sterben, sondern nach – Essen zumute! In mir tobte ein geradezu wölfischer Hunger und zum masslosen und besorgten Erstaunen meiner Frau, die mir seit vielen Wochen kaum etwas anderes als Schleimsuppen hatte vorsetzen dürfen, vertilgte ich unbesehen alles, was überhaupt auf dem Tisch stand, tat darnach noch einen zweiten guten Schlaf und fühlte mich am anderen Morgen, wenn auch naturgemäss noch sehr schwach, doch gar nicht mehr im eigentlichen Sinne »krank«. Die Gallenkoliken, die mich monatelang heimgesucht hatten, waren plötzlich wie weggezaubert.

Dasselbe traf aber zu meiner immer noch anhaltenden Verwunderung auch auf unseren gestrigen unheimlichen Besucher zu. Erst etwa eine Woche darauf wurde mir durch einen Indianer, den »Old Tom« mit einer Nachricht für uns von der ungefähr vierzig Kilometer entfernten Poststation Susitna herübergeschickt hatte, Aufschluss über das ungewöhnliche Verhalten des Bären gegeben. Der Mann erwähnte nämlich so nebenbei, dass am Tage vor seinem Aufbruch von der Station, der dortige Posthalter einen Browny erlegt hätte.

»Ihm Browny sehr alt und grossmächtig viel schwer«, erzählte unser roter Gast mit emsig kauendem Munde. »Ihm neun Gewehrkugeln eingewachsen in Fleisch von Brust und Bein und Schinken. Aber von vor lange Zeit. Ihm Browny auch klein Loch in ein Ohr, aber ihm Loch ganz frisch, erst paar Tage alt.«

Auf diese Historie hin tauschten wir beide einen verständnisvollen Blick und meine Frau sagte sogleich:

»Gar kein Zweifel, dass es unser Teddy war. Ich erinnere mich auch, dass ich das Gefühl hatte, mit meinem ersten Schuss ein bisschen zu tief abgekommen zu sein.«

Auch für mich stand es fest, dass es sich bei dem Petz, der dort in Susitna von seinem Schicksal ereilt worden war, nur um den gleichen handeln konnte. Die neun alten Schusswunden, die er mit sich herumgetragen hatte, erklärten mir nun auch sein unverzügliches Kneifen auf den blossen Knall eines Gewehres und den für ihn ja kaum fühlbaren kleinen Zwack am Ohr hin.

Als unser Gastgeber drei Wochen darnach endlich zurückkehrte und wir ihm unser Abenteuer erzählten, starrte er uns aus seinen kalten blauen Augen vernichtend an, schüttelte obstinat den Kopf und knurrte: »Hab Ihnen doch schon ein paarmal gesagt, dass es hierherum überhaupt keine Brownies gibt! Weiss der Teufel, was Sie da gesehen haben. Sie müssen eine Mordsangst vor den Braunen haben, dass sie Ihnen sogar im Traum erscheinen!«

Nun, der Mann war siebenundsiebzig Jahre alt und mehr als vierzig davon hatte er, ganz allein lebend, in den Urwäldern Alaskas verbracht. So konnte ich mich auf diese Verlautbarung hin nur mit einem Achselzucken abwenden.

Mein nichtsdestoweniger vorhandener Respekt vor dieser Abart der Familie Ursidae wird vielleicht verständlich, wenn ich bemerke, dass der alaskische »Browny« den die Wissenschaft als Kodiakbär oder alaskischer Riesenbär – ursus horribilis – klassifiziert, das grösste und stärkste Raubtier der Erde ist. Aufgerichtet erreicht er, von den Sohlen bis zum Schädeldach gemessen, eine Höhe von mehr als drei Metern. Der, welcher bei uns eingedrungen war, mochte zweimeterfünfzig bis -sechzig hoch gewesen sein. Beispielmässig sei erwähnt, dass man beobachtet hat, wie solch ein Koloss einen zwölf Zentner schweren Moose-Bullen – »Moose« ist der alaskische Riesenelch – mit einem einzigen Schlage seiner Branten die Wirbelsäule zerschmettert und den Kadaver dann einige Kilometer weit fortgeschleppt hat. Angeschossen, in die Enge getrieben oder sonstwie gereizt, greift der Browny Menschen stets an, manchmal aber auch ohne jede Veranlassung, und immer wieder kommt es vor, dass er, durch den Geruch von Nahrungsmitteln angelockt, direkt in Häuser eindringt, und dann natürlich meistens ein Unglück anrichtet. Aus einem Handbuche über das jagdbare Wild Alaskas entnahm ich, dass in den Jahren 1921/31 dort insgesamt sechsundvierzig Menschen von Braunbären getötet und eine noch höhere Anzahl schwer verletzt worden sind – eine sehr hohe Ziffer für ein Land, das noch keine hunderttausend Einwohner hat.

Während unseres Aufenthaltes dort ereigneten sich in der Susitna-Gegend zwei in allen Einzelheiten bezeugte Fälle, in denen diese Riesen der Wälder ohne jede vorhergegangene Provokation Menschen angegriffen hatten. Das erste tragische Vorkommnis betraf zwei Minenarbeiter von Willow-Creek, einem der bedeutendsten Goldbergwerke Alaskas. Sie büssten beide dabei ihr Leben ein. Eines Sonntagabends von der Beerensuche heimkehrend, waren sie, nur noch ein paar hundert Schritt vom Maschinenhause des Werkes entfernt, und mitten auf der Fahrstrasse, plötzlich von einem Bären angefallen worden. Der bald darnach in seinem Auto daherkommende Betriebsingenieur fand den leergefressnen Beerenkorb, daneben einen toten und ein Stück weiterhin einen schwerverletzten Menschen auf der Strasse liegend vor. Der Verwundete starb am andern Morgen und hatte noch kurz den Hergang schildern können; eine Waffe hatten die beiden überhaupt nicht bei sich gehabt.

Am nächsten Morgen rückte die ganze Belegschaft der Mine aus, um den Bären unschädlich zu machen. Es gelang ihnen auch, aber nicht ohne dass noch ein weiterer Mensch durch seine eigene Unvorsichtigkeit von dem schwerverwundeten Tiere ganz schlimm zerfleischt worden war. Dabei hatte der Bär sage und schreibe bereits siebzehn Schüsse im Leibe, und einer davon war ein haargenauer Blattschuss – »der Bär war halbvoll gefüllt mit Blei«, wie es in dem Bericht hiess.

Die zweite Sache hat sich ungefähr zur gleichen Zeit da jener Bär bei uns auftauchte, in der Gegend von Fourty Miles, zugetragen. Der Lokomotivführer des Zuges der zweimal pro Woche auf der einzigen Bahnstrecke Alaskas, von Sewart nach Fairbanks verkehrt, hatte beim Vorüberfahren auf dem Blockhaus eines ihm bekannten alten Trappers eine Gestalt gesehen, die verzweifelt mit einem weissen Lumpen winkte. Der Ingenieur brachte den Zug zum Stehen. Einige der Passagiere stiegen aus und gingen den Hügel hinan, um nachzusehen, was da los war. Sie konnten anfangs an dem Hause nichts Ungewöhnliches entdecken. Alles schien still und friedlich ringsum. Doch der Mann droben auf dem Dach gestikulierte noch immer wild herum und schrie mit schwacher Stimme allerlei unverständliches Zeug herunter. Die Leute dachten schliesslich, dass die Einsamkeit den alten Mann um den Verstand gebracht hatte, ein Schicksal das früher oder später fast alle diese Menschen befällt, die ihr Leben in dem unendlichen und unsagbar lähmenden Schweigen der alaskischen Wälder verbringen. Sie sahen den Alten immer wieder auf die andre Seite des Hauses zeigen, und schliesslich verstanden sie doch sein Gestammel: »Browny! Look out, he's coming – Achtung, er kommt!«

Nunmehr teilten sich die Leute, um einen Überblick zu gewinnen. Zwei gingen auf die Haustür zu und bemerkten jetzt erst, dass sie wohl zugeklappt war, aber nur noch in einer der beiden Angeln hing. Trotzdem der Alte oben wie besessen aufkreischte »Don't go in, don't go in! There's another bear in, a wounded one! – Geht nicht hinein, da drin ist noch ein zweiter Bär, ein verwundeter!« drückten die beiden die Tür auf. Im selben Augenblick fiel von hinten ein grosser Schatten über sie. Mit einer instinktiven Bewegung sprangen sie beide in das Haus hinein, aber noch im Sprunge traf den einen aus dem drin herrschenden Halbdunkel ein furchtbarer Brantenschlag in die Seite. Der andre sprang entsetzt zurück und kam dabei zu Falle. Draussen knallten ein paar Schüsse – der Mann raffte sich wieder auf und wollte heraus, da taumelte eine riesenhafte Tiergestalt zur Tür herein, riss ihn nochmals zu Boden, rollte schnaufend zur Seite, zuckte noch einmal und lag still. Ihr mächtiger Kopf ruhte dem gestürzten Mann auf der Brust, er versuchte, sich freizumachen, und in diesem Moment erblickte er den blutverklebten Schädel eines zweiten Bären, dicht vor sich, im Dunkel des Raumes. Das waidwunde Tier krallte eine Brante in das Fell seines toten Genossen und versuchte, sich daran vorwärtszuziehen. Mit einem verzweifelten Ruck befreite sich der Mann von der Last auf seiner Brust und raste, schreiend vor Entsetzen, zur Tür hinaus und den Hügel hinab, stracks auf den Zug zu.

Die Zurückgebliebenen drangen unterdessen droben in das Haus ein, gaben dem zweiten, in der Stube liegenden Bären, der einen Schuss in der Wirbelsäule hatte, den Rest und zogen ihren Kameraden unter dem Körper des ersten Bären, den sie draussen vorm Haus beschossen hatten, hervor. Das im Hause liegende Tier hatte ihm, als er zur Tür hereinsprang, mehrere Rippen eingeschlagen und ihm Hüfte und Arm aufgerissen. Zuletzt holten sie den alten Mann vom Dach herunter, er war völlig erschöpft. So nahmen sie ihn im Zuge mit, und erst nach Stunden konnte er einen zusammenhängenden Bericht geben, wie sich die Sache zugetragen hatte.

Er war am vorhergehenden Abend vor seinem Werkschuppen beim Holzhacken gewesen, als er, aufblickend, einen grossen Braunbären den kahlgeschlagenen Hügel über seinem Blockhause herabkommen sah. Der Mann rannte sofort auf das Haus zu, aber als er die Tür erreichte, kam auch schon der Browny um die Ecke herum. Der Trapper schleuderte seine Axt nach ihm, sprang hinein, schlug Tür und Fensterläden zu und nahm sein Gewehr zur Hand. Er hörte den Bären draussen vorm Fenster vorbeischlurfen, gleichzeitig aber auch einen krachenden Schlag gegen die Tür. Da wurde ihm klar, dass noch ein Brownie hinzugekommen war.

Als die eine Türangel unter den wuchtigen Hieben der Tiere brach, feuerte der Überfallene zwei Schüsse durch den entstandenen Spalt, die jedoch keinerlei Wirkung zeigten. In der nächsten Minute gab auch das Schloss nach und der Alte hatte gerade noch Zeit, auf sein Bett zu springen, das Gewehr in den Estrich hinaufzuwerfen und selber nachzuklimmen, bevor einer der Bären schon in der Stube war. Böse brummend, kam das Tier sogleich stracks auf die Luke zu. Aber da gab ihm der Alte von oben herunter jenen Schuss ins Rückgrat, der es sogleich neben dem Bett zusammenbrechen liess.

Gleich darauf drang auch der zweite Bär ins Haus ein, der Alte schoss sofort auf ihn, aber er hatte sich dazu sehr tief durch die Luke herabbeugen müssen. Durch den Rückstoss sprang ihm das Gewehr aus der Hand und fiel dem anscheinend nur leicht am Rachen verletzten zweiten Eindringling vor die Füsse. Woraufhin, wie der Mann erzählte, das wütende Tier immer wieder versucht hatte, durch die Luke in den Dachraum hinaufzukommen und der Verteidiger droben es, in Ermangelung einer anderen Waffe, durch Hiebe mit dem eisernen Fuss eines alten Küchenherdes über den Schädel und die wildarbeitenden Branten abgewehrt hatte.

Zuletzt hatte der rachsüchtige Bär wohl von seinen Bemühungen an der Bodenluke, nicht aber von seinem Gegner überhaupt abgelassen. Er war, nachdem er alles verzehrt hatte, was in der Stube an Essbarem vorhanden war, immerfort ums Haus herumgestrichen, war auch dann und wann wieder einmal hereingekommen, um seinen hilflosen Genossen neben dem Bett zu beschnüffeln und sich zu überzeugen, dass ihm der Alte droben nicht entwischt war. So verging die Nacht und der ganze folgende Vormittag, bis der Bedrängte auf dem Dach droben sich an den Zug erinnerte, der heute vorbeikommen musste, und diese einzige Hoffnung, seinen furchtbaren Belagerer loszuwerden, am Ende auch erfüllt sah.

Soviel von dem, was anderen von diesen unheimlichen braunen Kerlen widerfahren war. Ich selbst hatte nichts gegen sie und ich hoffte nur, dass sie auch nichts gegen mich hatten und mich in Zukunft unbehelligt liessen. Doch diese Hoffnung sollte sich nicht erfüllen.

Gegen Wintersende verliessen wir Old Toms Hütte am Alexander River und zogen mit Hundeschlitten über steinhartgefrorene, windüberfegte, endlose Tundren, durch tiefverschneite Bergwälder, und an eisstarrenden Abgründen und Canons entlang nach dem Oberlauf des Lewis Rivers, um einem jungen Trapper dort beim Biberfang, später beim Fischen, und im Hochsommer dann auch beim Goldwaschen in den Creeks der Alaskan Range zu helfen. Aber ich kriegte einen Mordsschrecken als mir unser neuer Partner gleich nach unserer Ankunft sagte, dass wir sobald wie möglich einen Elch schiessen müssten, um Fleisch im Hause zu haben. Sein Vorrat wäre ihm im vergangenen Oktober von Brownies aus dem Haus gestohlen und restlos weggefressen worden.

Mir schien darob, dass ich hier in eine unerwünschte Gegend geraten war, aber anderseits gab es viel Neues zu sehen und zu lernen und vorläufig ruhten die Brownies ja auch noch im Winterschlaf.

Aber einmal erwacht auch in Alaska der Frühling und mit ihm erwachten die unsympathischen Brownies. Es gab wirklich recht viele da oben. Ihre zahlreichen Fährten bewiesen es mir fast jeden Tag aufs neue. Trotzdem bekam ich bis Mitte Juni keinen einzigen leibhaftig zu Gesicht. Dann aber am selben Tage gleich drei Stück, allerdings aus grosser Entfernung. Die Petze krochen, die Schnauzen tief am Boden, langsam auf einer kleinen Tundra dahin. Sie suchten Vogeleier, und das ist etwas, von dem im alaskischen Frühling selbst ein solches Riesentier satt werden kann, denn von Anfang Mai ist die Luft über den weiten Ebenen erfüllt von einem einzigen brausenden Vogelgeschrei, der Boden wie überschneit vom Gefieder unzählbarer Scharen von Enten, Gänsen, Schwänen, Kranichen und Kormoranen.

Eines Nachmittags im August sodann, waren mein Partner Guyse und ich auf dem Nachhauseweg, wir wollten gerade am Ufer herabsteigen, um durch die Furt nach unserm kleinen Blockhaus hinüberzuwaten, als Guyse plötzlich stehen blieb, mich lächelnd heranwinkte und hinunterzeigte. Da stand mitten in dem seichten Fluss ein grosser Braunbär und verzehrte einen Fisch, den er wohl soeben gefangen hatte. Es musste ein sehr bejahrter Bursche sein, denn sein Fell wies auf Kopf und Rücken einen unverkennbar eisgrauen Schimmer auf. Ich nahm sogleich das Gewehr von der Schulter, aber mein Kamerad winkte ab, klaubte einen Stein auf – und warf ihn dem riesigen Raubtier da unten an den Kopf! Der Browny drehte sich langsam herum, guckte verwundert nach dem Wurfgeschoss, wischte dann mit der Tatze über die getroffne Stelle, stieg ärgerlich vor sich hinbrummend drüben aus dem Wasser, und trottete bedächtig davon.

»Well, Sie sehen, dass gütliches Zureden auch bei einem Teddy hilft!« sagte Guyse. Ich rief mir die Bierruhe, die mein Gefährte gezeigt hatte, immer wieder ins Gedächtnis zurück, doch ich schien sie mir nicht erwerben zu können, denn stets fuhr mir der Kopf herum, sobald hinter mir im Wald irgend etwas knackte. Und er fuhr mir auch herum, als ich zwei oder drei Wochen später mit einem schweren Packen auf dem Rücken – es war der Rest unserer Ausrüstung den ich von dem verlassnen Blockhaus nach unserm Lager am Gold-Creek hinaufschaffen wollte – allein am Fluss entlang stapfte und wieder einmal ein Geräusch hinter mir hörte. Und diesmal war es kein Vogel oder sonst eine Harmlosigkeit, sondern ein gewaltiger Browny, der gemütlich schaukelnden Ganges, aber dennoch mit höchst ungemütlicher Geschwindigkeit meinen Spuren folgte ...

Ich weiss nur noch von einem eisigen Schrecken der mir durch die Glieder fuhr und von der ebenso eisigen Kälte des Flusswassers, als ich mit einem unverzüglichen Hechtsprung darin untertauchte.

Eine halbe Stunde darauf hockte ich, schnatternd und blau angelaufen, neben dem Feuer vor unserm Zelt und mein Partner nahm gelassen sein Schiesseisen unter den Arm und ging, den Packen zu suchen, den ich im impulsiven Handeln wahrscheinlich dem Bären vor die Füsse geworfen hatte. Guyse kam erst bei Dunkelheit mit der Last an; wie er sagte, hatte sie der Bär aufgerissen und alles, und besonders einen Sack mit Tellereisen, über eine halbe Meile Weges verstreut.

»Ganz erklärlich«, bemerkte mein Partner trocken. »Die Fallen haben eben nach all den schmackhaften Tierlein gerochen, die wir im Winter drin gefangen haben; nach Biber, Otter, Fuchs und so weiter, und Teddy hat wahrscheinlich ein saudummes Gesicht gemacht, als er immer tiefer in den Sack greifen musste und doch nichts andres als altes Eisen darin zu finden war. – Es war das Klügste was Sie tun konnten, als Sie das Zeug einfach hinschmissen und ausbimsten, denn sonst hätte Ihnen Teddy sicherlich eins aufs Dach gegeben und es Ihnen dann abgenommen. – Immerhin scheinen Sie Glück mit Brownies zu haben, denn es geht doch jedesmal gut für Sie ab.«

»Hm, aber mein Bedarf an dieser Art von Glück ist eigentlich gedeckt«, brummte ich. »Ursus horribilis – beim Barte des Propheten, der Name ist passend!«

Trotz der eingetretenen Deckung meines Bedarfes und mehr noch desjenigen von meiner Frau, stand mir das unmittelbarste Zusammengeraten mit solch einem Waldschreck noch bevor. Es trat Ende September ein.

Wir waren alle drei bis zum Nachmittag an einem kleinen Bach mit Goldwaschen beschäftigt gewesen; übrigens wieder einmal mit sehr geringem Erfolg, wie schon an vielen, vielen Tagen zuvor; ausserdem hatte gegen Mittag ein ungemütlicher Rieselregen eingesetzt. Frau Ruth war schliesslich erschöpft und klappernd vor Kälte und Nässe allein heimgegangen ins Lager, weil sie fürs Abendessen noch einen Kuchen backen wollte. Guyse und ich folgten ihr etwa eine Stunde später nach.

Kurz bevor wir in das enge Felstal einbogen, in dem unsre Zelte standen, war es uns auf einmal, als ob wir meine Frau rufen hörten. Wir setzten uns daraufhin unverzüglich in Galopp und mit erschrocknem Staunen erblickten wir sie gleich darauf mit angstbleichem Gesicht, die Arme weit ausgebreitet um Halt an der rückwärtigen Felswand zu finden, auf einer kaum fussbreiten Rampe oberhalb des Baches stehen der unser Tal durchströmte.

Sie brauchte uns gar nicht erst zu sagen, was sie da hinauf getrieben hatte, denn im gleichen Augenblick sahen wir aus der schräg gegenüber gelegenen Hütte die uns als Küche diente – einen Browny herauskommen und nach uns herüberäugen!

Ohne ein Wort zu verlieren rannte mein Partner auf sein Zelt zu, kam mit dem Gewehr in der Hand sogleich wieder heraus und feuerte schon im nächsten Augenblick einen Schuss auf den Eindringling ab. Bis auch ich meine Waffe aus unserm weiter zurückliegenden Zelt geholt hatte, verging immerhin eine Minute, und als ich wieder vorn ankam, waren weder Guyse noch der Browny irgendwo zu erblicken. Aber aus einer Gruppe von Schierlingstannen die im Hintergrund des Tälchens stand, drang ein wütendes Jaulen und Grollen herüber; ich stürzte darauf zu und sah im regentrüben Zwielicht des Abends bald die mächtige dunkle Gestalt des Bären hochaufgerichtet dastehen und unter dumpfem Brummen blitzschnelle Brantenhiebe nach unseren drei Hunden führen, die ihn unerschrocken von allen Seiten attackierten. Guyse hatte die Tiere von klein auf speziell für Bärenjagd abgerichtet.

Fast gleichzeitig mit meinem ersten schnellen Schnappschuss – ein ruhiges Zielen war wegen der wild herumwirbelnden Hunde ja nicht möglich – krachte noch ein weiterer Schuss, und zwar aus der Krone einer Tanne herab. Mein Partner hatte eine Ladehemmung gehabt, wie er dann berichtete, und sich vor dem Bären, der sofort auf ihn losgegangen war, nur mit knapper Not noch auf jenen Baum retten können.

Unsere beiden Schüsse waren fehlgegangen; meinen nächsten feuerte ich aus nur noch zwanzig Meter Distanz ab, und der sass gut. Das riesenhafte Tier schwankte und taumelte unter dem Aufschlag des Neunmillimetergeschosses, sank auf die Seite nieder, kam aber nochmals hoch und brach gleich darauf mit meinem dritten, einem gezirkelten Kopfschuss, endgültig zusammen.

Das Ganze war so urplötzlich gekommen und so schnell abgelaufen, dass wir beide in stummer Verwunderung dastanden, den langsam verendenden Koloss zu unsern Füssen, dem die Hunde noch immer wütende Bisse versetzten, und dann einander anguckten. Erst nach einer Weile fiel mir die arme Ruth da vorn auf dem Felssims wieder ein, und wir kamen gerade dazu, als sie, unfähig sich noch länger aufrecht zu halten, langsam in den Bach hinunterglitt.

Wie sie dann, noch blässlichen Angesichts, aber schon wieder voller Humor, erzählte, hatte sie bei ihrer Heimkehr im Lager alles in Ordnung gefunden und war sogleich in ihrer Küche ans Anrühren des Teiges zu dem versprochnen Kuchen gegangen. Damit fertig, stellte sie jedoch entrüstet fest, dass »wir zwei faulen Kerle« ihr wieder einmal kein Feuerholz besorgt hatten. So ging sie hinaus und sammelte rasch einen Arm voll dürrer Äste ein. Sie konnte nur knapp eine Viertelstunde weggewesen sein, als sie, die Last so vor sich hertragend, dass sie kaum etwas sehen konnte, nichtsahnend die Küche wieder betrat. Sie warf das Holz neben ihrem kleinen eisernen »Camp-Stove« nieder – und stand dem Rücken eines halbaufgerichteten Brownys gegenüber!

Er war mit dem Ausschlecken der Kuchenteigschüssel beschäftigt gewesen und wandte ihr jetzt in furchtloser Ruhe den Kopf zu. »Einen Laut hat er nicht von sich gegeben; er guckte mich nur aus seinen kleinen tückischen Augen an und sein Maul war ganz mit Kuchenteig beschmiert«, schloss sie.

»What's that?« fuhr hier der gespannt zuhörende Guyse dazwischen. »Der Saukerl hat den Teig zu unserm Kuchen weggefressen!? ... Den ganzen Teig?«

Voller Empörung stürzte er sofort hinaus und zur Küche hinüber, um sich von der Wahrheit des Vernommenen zu überzeugen, meine Frau aber erklärte auf meine Frage, wie die Sache denn weitergegangen wäre, dass sie einfach nicht mehr wüsste wie sie eigentlich hinaus, durch den Bach, und auf die Felsrampe hinaufgekommen sei. Gefolgt wäre ihr der Bär jedenfalls nicht, sie hätte ihn erst wieder erblickt, als er dann, auf den Klang unsrer Stimmen hin, unter dem Küchendach hervor getreten sei.

Kamerad Guyse blieb auffällig lange weg, ich wollte schon nach ihm sehen, als er endlich, die Hände in den Hosentaschen und leise vor sich hin pfeifend angeschlendert kam. Vor unserm Zelt blieb er schweigend stehen, und erst auf mein fragendes »Well?« hin sagte er zögernd: »Nun, Pals, ich glaube, dass wir uns leider hier davonmachen müssen, noch ehe wir die erste Million Dollar an Gold herausgewaschen haben. Und zwar, um die bevorstehende Fastenzeit möglichst abzukürzen, am besten morgen früh schon. Der Browny – Gott verdamme seine Seele! – hat nämlich nicht nur den Kuchenteig, sondern auch unsern gesamten Vorrat an Speck und Elchfleisch, die ganze Butter, den ganzen Zucker und Honig und alle Eier weggefressen. Und zuletzt hat er auch noch das Fass mit dem Mehl umgeworfen und hingemacht. Wir haben nur noch unsere paar Büchsen Konserven und ein Säckchen weisse Bohnen als Atzung für die drei Tagesmärsche bis zu unsrer Bude am Lewis-River drunten!«

So sagte er und so war es auch – der letzte Browny, den wir in Alaska zu Gesicht bekommen haben, war uns teuer zu stehen gekommen!

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.