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Meine Brüder im stillen Busch in Luft und Wasser

Artur Heye: Meine Brüder im stillen Busch in Luft und Wasser - Kapitel 8
Quellenangabe
authorArthur Heye
titleMeine Brüder im stillen Busch in Luft und Wasser
publisherBüchergilde Gutenberg
year1945
illustratorJulius Arnfeld
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180612
projectid4af5c644
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Krokodile

siehe Bildunterschrift

Aligator (Nordamerika)

Leise rauschten die Wasser des Athi zwischen den hohen Bäumen seines Uferwaldes. Kaum ein anderer Laut wurde in der weltentrückten Einsamkeit der Landschaft hörbar. Lianengerank hing aus den grünen Wölbungen herab, schaukelte träumerisch in dem kühlen Lufthauch, der über die glitzernde Flut strich, flüsternd im Schilf und Papyrus spielte, die edelgeschwungenen Wedel der Raphiapalmen auf und ab wiegte. Drüben, jenseits der Krümmung, stand die hohe Mauer des Waldes bis auf die mächtigen Strebepfeiler der Wurzeln herunter in Sonnenfluten gebadet. Von den weitausgreifenden Ästen eines Rotholzbaumes hingen die Kugelnester von Weberfinken an langen, dünnen Schnüren bis dicht über die rasch strömenden Fluten herab. In leuchtendes Gelb gekleidet, schossen die Vögel ab und zu, besserten, an ihre schwingenden Behausungen gekrallt und ein paar Grashalme im Schnabel, schadhafte Stellen aus, lärmten und zankten in Röhricht und Gebüsch. Auf der Spitze einer Sandbank nahe dem gegenüberliegenden Ufer standen zwei graue Fischreiher und starrten ins Wasser. Droben am andern, der Strömung zugekehrten Ende lagen angetriebene, klobige Baumstämme und streckten in wirrer Verschlingung gebleichte Wurzeln empor. Vielleicht aber hatten einige der Stämme nur das Aussehen von solchen, waren in Wirklichkeit reglos liegende Krokodile.

Die Knorren, die drüben aus dem flachen, stehenden Wasser zwischen Sandbank und Ufer herausragten, waren jedenfalls die Köpfe von Krokodilen, denn in den zwei Stunden, welche ich jetzt schon hier oben sass, hatte ich einige verschwinden, andere neu hinzukommen sehen. Einmal auch hatte der weithinhallende Schlag zusammenklappender Kinnladen eine Schar tränkender Meerkatzen unter mir in lärmende Flucht gejagt, sogar den glatzköpfigen Marabu, der versunken auf dem einzigen weissbekalkten Ast eines vom Blitz getroffenen Baumriesen sass, zu einem missbilligenden Kopfschütteln und dem unendlich bedächtigen Wechseln seines Stehbeines veranlasst.

Langsam rückte die Sonne über den Fluss, beleuchtete mit schrägen Strahlen nun auch meine Uferseite, warf hüpfende Kringel durch das Flechtwerk meines Hochsitzes, tastete in einem grüngoldenen Strahle tief hinunter in den Waldesschatten, fiel durch die Zweige eines grossblättrigen Busches und leuchtete auf etwas wie Bronze Glühendem darin auf. Es war in stetiger gleichmässiger Bewegung. Plötzlich bebten die grossen Blätter, verschwanden von der Spitze eines Zweiges, ein feuchtes Maul, ein Paar kurze schwarzglänzende Hörner leuchteten in dem Sonnenstrahle auf. Ein Buschbock stand da unten, friedlich äsend – wer weiss wie lange schon.

Mit hellen Locktönen trippelte eine Schar Perlhühner auf das zerstampfte rotschimmernde Erdreich am Tränkplatze heraus. Eine Henne scharrte auch hier eifrig für ihre halbflüggen Kücken weiter, die in buntgetupftem piepsendem Gewimmel die Mutter umgaben. Mit hochgehobenen Beinen stelzte ein Hahn näher ans Wasser heran, spähte, den Kopf schief gehalten, eine ganze Weile erst mit dem rechten, dann mit dem linken Auge hinein. Darauf erst nahm er mit langem Halse Wasser auf, und nach ihm trank, unter unaufhörlichen wachsamen Seitenblicken, auch sein Volk. Gleich darauf verschwand die ganze Kette wieder im Walde, sie wurde von einem surrend einfallenden Fluge von Riesentauben, und diese dann von einem Sekretär abgelöst, der vorläufig dablieb. Nachdem er seinen Durst gelöscht hatte, begann er gravitätisch wie ein Wachtposten auf und ab zu stolzieren. Dann und wann pickte er mit gemessener, aber anscheinend tödlich sicherer Bewegung irgend etwas Lebendiges vom Boden auf, ruckte den beschopften Kopf empor und liess sich den Bissen in den Schlund hinabgleiten.

Auf einmal wendete er den Hals und äugte starren Blicks in die tiefüberschattete Höhlung des Wechsels hinein, der unter meinem Baum zum Fluss herabführte. Etwas für mich Unsichtbares schien auf die Tränke zuzukommen. Der Kronenkranich stand steil aufgerichtet und stockstill, mit ausgesprochener Arroganz in Blick und Haltung musterte er den Ankommenden. In diesem Augenblick sah er genau aus wie ein Beamter, der sich gestört fühlt.

Ich wartete lange, aber der unbekannte Besucher konnte sich anscheinend nicht entschliessen, aufs Ufer hinauszutreten. Es machte den Eindruck, als ob er befürchtete, von dem Sekretär verhört zu werden. Eine dunkle Masse auf dem Flusse, die anfangs rasch, dann scheinbar zögernd, herabkam, lenkte jetzt meinen Blick auf sich. An der Spitze der Sandbank kam sie zum Stillstand. Durch das Glas erkannte ich, dass es lediglich ein Haufen Schilf und Röhricht war, wahrscheinlich von Flusspferden abgerissen.

Als ich wieder unter mich blickte, war der Sekretär nicht mehr da, aber ein einzelner Kongoni-Bulle stand plötzlich mitten auf dem Tränkplatz, er war so lautlos wie ein Schatten herausgetreten. Aufmerksam windete und äugte er in das Waldesdickicht, welches die offene Tränkstelle zu beiden Seiten einschloss, trat ein paar Schritt näher an das Wasser heran und blickte unverwandt hinein, minutenlang. Nichts schien für die Anwesenheit von Krokodilen zu sprechen. Misstrauisch sicherte er nochmals nach allen Seiten, tat noch zwei zögernde Schritte vorwärts – da stockte er plötzlich, blieb mit steif eingestemmten Beinen und gerade weggestrecktem Schweife stehen und starrte unbeweglich auf einen im Flussbett festgespiessten Baumstamm, der, von den Fluten leise auf und nieder gewiegt, der Tränke gerade gegenüber lag und schon immer dagelegen hatte. Ein Ruck ging durch den Körper des alten Bullen, sein Schweif machte ein paar heftig schlagende Bewegungen, er stiess einen kurzen schnaubenden Laut aus, warf sich auf der Hinterhand herum, setzte mit ein paar Sprüngen wieder aufs höhere Ufer hinauf, verhoffte noch eine Sekunde und ging dann trabend auf dem Wechsel ab, ungetränkt.

Voll Erstaunen hatte ich das Ganze beobachtet. Die Sonne durchleuchtete das klare, flaschengrüne Wasser, ich konnte von meiner Höhe aus fast bis auf den Grund des Flussbettes sehen, und dennoch nicht entdecken, was die Hirschantilope verscheucht hatte. Der alte Baumstamm, der einen krummen Astzinken über den Wasserspiegel herausstreckte, konnte es keinesfalls gewesen sein. Lange Algen fluteten von ihm herab, deutlich war das Geflecht seines mächtigen Wurzelstockes zu erkennen. Das Ganze hatte auch nicht die entfernteste Ähnlichkeit mit einem Krokodil. Aber dass sich solch ein erfahrenes Tier, wie dieser, wohl wegen seines Alters von der Herde ausgestossene Bulle, getäuscht haben sollte, konnte ich ebensowenig glauben.

Aufs neue durchsuchte ich mit dem Fernglase das Wasser, bog mich weit über meine Kanzel hinaus, um auch die schattigen Stellen am Ufer abspähen zu können – es war einfach nichts Verdächtiges im Wasser zu bemerken. Aber das Ding dort, welches der Bulle angestarrt hatte, war doch ein Baum, und nichts anderes! Ich sah deutlich auch den Schatten, den der auf seinen Wurzeln hohlliegende Stamm auf Grund warf – »Aha, das ist es!« flüsterte ich jetzt und nickte mit dem Kopfe. »Deine Augen möchte ich haben, alter Knabe.«

Unter dem Stamm lag regungslos ein grosses Krokodil. Es hatte sich ziemlich genau dem Schatten angeschmiegt, aber doch nur ziemlich, nicht völlig! Ein einzelner Sonnenstrahl schimmerte auf den Schuppen an der breitgedrückten Wölbung seines Bauches und der war für die Augen des Kongoni aufschlussreich genug gewesen!

Für ein Weilchen lag die Tränke verödet. Auch der Buschbock unter mir schien, wohl durch das Gebaren des Kongoni beunruhigt, fort zu sein. Doch ich überzeugte mich nicht davon, hielt das Glas unablässig auf den Schatten im Wasser gerichtet und sah auch bald meine Wahrnehmung bestätigt; langsam hob sich dort etwas Langgestrecktes schräg vom Grunde empor, der alte Stamm schwankte ein bisschen und senkte sich dann etwas tiefer. Das Krokodil hatte auf der dem Ufer abgekehrten Seite seinen Kopf darauf geschoben. Ich konnte bei ganz scharfem Hinsehen gerade noch die beiden Höcker über der atmenden Nase erkennen.

In dieser Lage verharrte das Tier unbeweglich, veränderte sie auch nicht, als drunten eine schöne Ginsterkatze erschien, geduckt zum Wasser vorschlich, sich nach getanem Trunke sorgfältig putzte und dann lautlos wieder in den Wald zurücktauchte. Sie blieb für längere Zeit der einzige Gast der Tränke.

Drüben auf der Sandbank, die jetzt von voller Sonne getroffen wurde, waren noch weitere Fischreiher eingefallen. Auch der Sekretär hatte seine Tätigkeit nunmehr dorthin verlegt. Am oberen Ende waren zwischen den aufgetürmten Treibholzstämmen einige im Sonnenschein ruhende Krokodile erkennbar. Mehr zu mir hin stieg soeben ein weiteres bedächtig, Schritt um Schritt, den unförmigen Bauch auf dem Boden schleifend, an Land, schob sich mit trägen Bewegungen zurecht, bis der Kopf wieder dem Wasser zugekehrt, der mächtige Schwanz nach vorn gekrümmt lag, riss weit den Rachen auf und versank in eine Art Erstarrung. Nach ein paar Minuten schon erschienen wie auf Bestellung drei kleine weisse Reiher und begannen eifrig das Dreiviertelhundert Zähne in dem metertiefen Krokodilrachen auszupicken.

Eine gute halbe Stunde verging und nichts Lebendiges rührte sich ringsum. Unbelebt lag die Tränke, unbeweglich hinter dem Baumstamm das lauernde Krokodil, und in mir wuchs die Spannung, ob der heimtückische Wegelagerer da unten noch irgendwelchen Erfolg haben würde. Eine Anzahl bissiger Baumameisen, die mir unter der Gamasche hochgekrabbelt waren, beschäftigten mich ein paar Minuten. Als ich aufs neue hinunterlugte, sah ich den alten Stamm auf einmal wieder ein Stück emportauchen und darunter eine verschwimmende Form ganz allmählich auf den Grund herabsinken, und unmittelbar darauf wurde mir auch klar, warum das Krokodil sich wieder völlig unsichtbar gemacht hatte: Hinter mir in der Steppe, jenseits des schmalen Waldstreifens, wurde ein fernes schwaches Rollen vernehmbar, ein Rollen das sich langsam verstärkte und zum unterscheidbaren Trappeln von vielen, vielen Hufen wurde.

Der harte Hufschlag der Tiere schwächte sich ab, sie hatten nunmehr den weicheren Boden unter den Bäumen betreten. Ein helles Aufwiehern drang herauf zu mir, ein Knacken und Rauschen von gestreiften Büschen, ein ungeduldiges Schnauben und Stampfen – dann sah ich bereits gebänderte Rücken zwischen den Ästen unter mir auftauchen, und gleich darauf trat das Leittier, eine grosse Zebrastute, hinaus auf die Lichtung. Die Sonne schimmerte auf ihrer, vom letzten Staubbad rötlich gepuderten Decke; mit steifaufgerichteten Ohren ging ihr Kopf hin und her. Durch mein Glas sah ich sogar das Zucken ihrer witternden schwarzen Nüstern. Nach ein paar zögernden Schritten blieb sie stehen, scharrte den Boden und machte dann plötzlich kehrt. Es schien, als ob sie wieder in den Schatten der Bäume zurückwollte, aber zwei, drei andere Tiere drängten bereits neben ihr heraus, trappelten unruhig schnaubend und stampfend, am Fleck herum, sogen mit geblähten Nüstern den frischen Duft des Wassers ein – es war heute ein heisser Tag gewesen.

Immer mehr Zebras quollen heraus, die ganze kleine Lichtung wogte bald von drängenden gestreiften Leibern – doch noch immer stand die alte Stute unschlüssig, windend und spähend am selben Fleck. Da fuhren auf einmal sämtliche Köpfe mit einem Ruck nach links herum, flussaufwärts. Alles stand ruhig, alle die grossen glänzenden Augenpaare lugten angestrengt, misstrauisch, fluchtbereit hinauf nach der Sandbank. Hurtig richtete ich mein Glas dahin. Irgend etwas war dort unter den Reptilien zwischen dem Treibholz im Gange; eine riesengrosse Echse sauste gerade über einen Wurzelstock hinweg, mit einem Kopfsprung und einem prallenden Klatsch in den Fluss hinunter; zwei andere folgten, und ein wüstes Geraufe und Gespritze erhob sich in dem flachen Wasser; anscheinend war irgend etwas Fressbares da angetrieben worden.

Der Streit war bald entschieden, glatt und ruhig strömte das Wasser wieder dahin, nur jener Haufen Schilf war dabei aufs neue flott geworden, kam langsam heruntergetrieben. Die grossen klugen Augen der Tigerpferde folgten achtsam auch seiner Bewegung. Am Baumstamm angekommen, drehte er sich ein paarmal im Kreise herum und kam dann an dem emporragenden Astzinken wieder zum Stillstand – sein Schatten fiel gross und dunkel direkt auf jene verschwommene Form unter dem Stamme und machte sie nunmehr völlig unsichtbar! Unwillkürlich hielt ich den Atem an; ich wusste, was kommen, wovon ich in den nächsten Augenblicken Zeuge sein würde, strengte meine Sinne aufs äusserste an, um nichts von dieser Tragödie der Wildnis zu versäumen. Und doch geschah es dann so unfassbar schnell, dass ich kaum eine Einzelheit erfassen konnte.

Gleich nachdem das schwimmende Grünzeug sich festgehakt und als harmlos erwiesen hatte, waren erst zwei, dann auf einmal acht bis zehn andere Zebras, so viele nur nebeneinander Platz hatten, mit den Vorderhufen in das seichte Wasser getreten, begannen in tiefen Zügen und doch dazwischen die Köpfe zu wachsamem Sichern hebend, zu trinken. Die hinteren drängten ungestüm nach, einige versuchten sich noch zwischen die Trinkenden zu zwängen und wurden ihrerseits wieder von den Nachkommenden geschoben und gestossen – die Herde musste weit und ohne Wasser gewandert sein. Zwei junge Hengste, die sich ganz links, am Rande der Lichtung noch durchgezwängt hatten, machten einander den Platz streitig, der eine schlug aus, traf seinen Gegner an der Brust, der knickte für einen Moment auf der Vorderhand zusammen. Da gab es plötzlich einen klatschenden Schlag im Wasser und sofort erhob sich ein quirlendes panisches Getümmel unter den Nächststehenden. Zwischen den zurückprallenden, aufbäumenden, auseinanderdrängenden Leibern sah ich, undeutlich, und nur noch für den Bruchteil einer Sekunde, das konvulsivisch ausschlagende Hinterviertel des Gepackten über dem aufspritzenden Wasser. Ein anderes Tier, gestossen oder von einem Hufschlag getroffen, schien direkt auf das verschwindende draufzufallen. Wild schlugen alle vier Hufe in die Luft, ein Ausdruck tödlichen Entsetzens lag in seinen weitaufgerissenen Augen. Es warf sich herum, kam glücklich wieder auf die Beine und gewann mit ein paar angstgepeitschten spritzenden Sätzen die Böschung. Als letzter folgte es seinen flüchtenden Gefährten in den Wald und verlor sich mit ihnen, rauschend, krachend, dumpfpolternd in der Ferne.

Langsam klärte sich das getrübte, milchigwogende Wasser vor der Tränke. Der triefende Schilfhaufen war weitergeschwommen, goldschimmerndes Sonnenlicht sickerte wieder bis hinab auf den Grund, zeichnete den schwarzgrünen Schatten des alten Stammes in flutenden Linien auf den grauen Schlick des Bodens, doch die langgestreckte lauernde Form, die er so lange verborgen hatte, war verschwunden. Irgendwo im tiefsten Schatten überhängenden Ufers zerfetzten jetzt zähnestarrende Kiefer die leuchtende Streifenzeichnung eines Zebraleibes.

Ruhig breitete drüben auf dem toten Baum der Marabu seine gewaltigen Schwingen aus, schwebte nach ein paar anlaufenden Hüpfern leise bis dicht über den Wasserspiegel hinab, umkreiste die Stätte eines Geschehens, von dem seinen unendlich scharfen Augen sicherlich nichts entgangen war, dann schraubte er sich hoch hinauf in den abendlich erglühenden Himmel und verlor sich schliesslich in der lichterfüllten Tiefe. Leise und verloren rauschten wieder die Wasser des Athi durch die einsame Wildnis.

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