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Meine Brüder im stillen Busch in Luft und Wasser

Artur Heye: Meine Brüder im stillen Busch in Luft und Wasser - Kapitel 6
Quellenangabe
authorArthur Heye
titleMeine Brüder im stillen Busch in Luft und Wasser
publisherBüchergilde Gutenberg
year1945
illustratorJulius Arnfeld
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Affen

siehe Bildunterschrift

Hamadryas (Mantelpavian) Heiliger Affe der Ägypter (Abessinien)

Mein treuester Begleiter durch zwei Jahre des ersten Krieges hindurch war – ein Affe.

Ich kam gleich in den ersten Tagen nach Kriegsausbruch in seinen Besitz, und zwar sozusagen dienstlich! Ein junges Bondeimädchen hatte sich in einem auffällig weiten Bogen um meinen einsamen Grenzposten herumdrücken wollen. Auf meine Frage, was sie da so ängstlich unter ihrem Kanga versteckt hielte, holte sie scheuen Blickes ein allerliebstes Äffchen hervor, das mich aus grossen Augen entsetzt anstarrte. Sie hätte eine alte Äffin beim Zuckerrohrstehlen auf ihres Vaters Feld erwischt, das Tier durch einen guten Wurf mit dem Haumesser getötet und bei ihm dieses unverletzte »Mtoto« gefunden. Es könne noch nicht essen und trinken, und so trüge sie es dreimal am Tage zu einem Nachbarn, um es dessen Mutterziege ans Euter zu legen.

Das reizende Tierchen gefiel mir über die Massen, aber ich musste seiner gutherzigen Beschützerin lange zureden, bis sie endlich einwilligte, es mir zu verkaufen. Dieser Handel erwies sich als einer der besten, den ich jemals abgeschlossen habe. Er hat sich tausendfach bezahlt gemacht, schon durch das Lachen über die zahllosen Clownerien, die sich dieser ewig gut aufgelegte Bursche immer wieder leistete. Von seiner schlechthin rührenden Liebe und Anhänglichkeit ganz zu schweigen.

Es war eine Meerkatze mit grünlich-bräunlichem Fell und einem kohlschwarzen drolligen Lärvchen, das von einem Kranze schneeweisser Haare umgeben war. Als ich die Hand nach ihm ausstreckte, erhob es ein schrilles, nervenzerreissendes Kreischen, klammerte sich mit seinen winzigen Händchen am Gewande seiner Pflegemutter fest und riss die Augen zu erstaunlicher Grösse auf. Es kostete mich grosse Mühe, es erst einmal still, und dann noch grössere, es satt zu kriegen. Da ich keine Milchziege zur Verfügung hatte, löste ich das Problem, indem ich ihm auf eine Whiskyflasche einen Sauger aus Wildleder machte. Mit der voll Büchsenmilch gefüllten Flasche lag ich dann vor dem Baby auf der Lauer, bis es wieder einmal das Maul zum Kreischen aufriss und ich ihm meine, ein bisschen klobig ausgefallene Nadelarbeit hineinstopfen konnte. Sobald es den Geschmack weghatte, liess es sich nicht mehr nötigen, verschlang in seiner Gier beinahe den Sauger mit und biss ihn innerhalb der nächsten Tage so kaputt, dass ich ihn ausbessern musste. Aber als ich nach langer Qual endlich einen handfesten Lederflicken darauf hatte, war das Instrument so vierschrötig geworden, dass ihn auch ein Pavian nicht mehr in den Rachen hineingekriegt hätte. So versuchte ich das Baby zum Trinken aus einem Napf zu überreden, stupste es zuletzt mit dem Mäulchen hinein. Vergeblich, es machte ein vorwurfsvolles Gesicht und leckte sich die Milch aus dem Barte, aber es trank nicht. Beunruhigt kratzte ich mir den Kopf und kratzte auch schliesslich die richtige Idee heraus. Ich liess mich nämlich vor den weitaufgerissenen Affenaugen auf alle Viere nieder und schleckte wie ein Hund mit der Zunge die Milch aus dem Napfe. Ich hatte nicht umsonst auf den bekannten Nachahmungstrieb spekuliert, denn auf einmal erschien ein schwarzes Schnäuzchen neben meinem stoppelbärtigem über dem Napf, und eine kleine rote Zunge begann ebenfalls eifrig zu schlecken.

Was aber sein Nachtquartier anbetraf, so konnte ich ihm die ersten vollen sechs Wochen lang keine Selbständigkeit anerziehen. Auch in einem wunderbar weich ausgepolsterten Körbchen schloss er nur für so lange die Augen, wie ich daneben stand, sobald ich aber versuchte, mich leise davonzumachen, erhob er ein schrilles Gequiek und hörte nicht damit auf, bis ich wieder bei ihm stand. Er fürchtete sich einfach vor dem Alleinsein in der Dunkelheit. Die jungen Affen werden ja in den ersten Wochen ihres Lebens von der Mutter, an ihrem Halse festgekrallt, ständig mit herumgetragen. Mir blieb schliesslich nichts anderes übrig, als ihn mit in mein Bett zu nehmen. Dort war er auf einmal zufrieden. Damit ich ihm aber nicht etwa davonlief, krampfte er das eine Pfötchen um mein Ohr, das andere in meinen dicken Skalp, kuschelte sich mir an den Hals und schlief sofort ein. Wie ich am anderen Morgen erleichtert feststellte, hatte er sich über Nacht durchaus anständig benommen.

Schon nach einigen Tagen unterschied mich der kleine Kerl von den Schwarzen, kam mir, wenn ich »Schnups!« rief, unbeholfen entgegen gewackelt, kroch an mir hoch und starrte mir dann gewöhnlich fast eine halbe Stunde lang mit drollig-ernsthaftem Ausdruck unbeweglich ins Gesicht. Bald begann er auch, sich mit mir zu unterhalten; sein meistgebrauchter Laut war ein eigenartiges, tiefes »Hoarr«. Durch eine erstaunliche Wandlungsfähigkeit des Tones konnte er damit die verschiedensten Wünsche und Gefühlsregungen ausdrücken. Er lernte auch bald die Bedeutung einiger Worte kennen, ging allmählich auf das leiseste Wimperzucken von mir, schon auf den Ausdruck meiner Augen ein, und folgte auch aufmerksam mit dem Blick meinem auf irgend etwas weisenden Finger – eine Fähigkeit, die, soviel ich weiss, allen anderen Tieren, ausser dem Hunde abgesprochen wird. Er gehorchte, obgleich er trotz gelegentlicher boshafter Streiche nie einen Schlag von mir bekommen hat, nur mir und gewann zu keinem anderen Menschen oder Tier, ausgenommen zu einem jungen Löwen, den ich später hielt, jemals ein näheres Verhältnis. Er fühlte sich sogar verpflichtet, mich gegen jeden vermeintlichen Angriff zu beschützen, wobei Art und Grösse des Gegners gar nicht in Betracht kamen. Mit der gleichen Wut fuhr er auf einen Boy oder Askari los, den ich gerade ausschimpfte, wie auf den jungen Löwen, wenn der zur Begrüssung an mir hochsprang oder sich spielend mit mir balgte. Auch Kameraden, die, um ihn zu necken, gegen mich die Hand erhoben, hatten im nächsten Augenblick einen blitzschnellen Biss in die Hand, ins Bein oder auch ins Gesicht weg. Mein späterer Kompagnieführer, der mir einmal leutselig gratulierend auf die Schulter klopfte, machte dieselbe trübe Erfahrung: ein wütendes Aufquieken, ein vorgeschobener Unterkiefer, gefletschte Zähne und wilder Blick – ich griff sofort zu, aber schon zu spät, die Nase des Vorgesetzten war bereits erheblich beschädigt. »Affenlümmel, infamer!« sagte der Hauptmann, schüttelte lachend ein paar Blutstropfen ab und stieg dem Sanitäter in den Pflasterkasten.

Dieser immer schmucke und blitzsaubere kleine Bursche hat mich auf vielen von meinen zahllosen Märschen während zweier Kriegsjahre begleitet und mir auf all den einsamen Posten, die ich beziehen musste, Gesellschaft geleistet. Auf dem Marsche sass er gewöhnlich, mit einer kurzen Kette an seinem ledernen Bauchgurt festgemacht, auf der Kiste eines Trägers, zum Zeitvertreib fuhr er dann und wann einmal in den unter ihm wandelnden Wollkopf und riss daran. Oder er ritt hinter mir im Maultiersattel, spähte unablässig rechts oder links hervor die Gegend ab, wobei er stets der erste war, der fern auftauchende Wildherden oder Menschen entdeckte und mich mit einem aufgeregten »Rrrtktktktk« darauf aufmerksam machte. Er erschreckte jeden Entgegenkommenden, indem er plötzlich hinten in die Höhe schoss und eine furchterweckende Grimasse schnitt. War ich einmal längere Zeit ohne ihn weggewesen, etwa auf Patrouille, so genügte es, wenn ihm mein Boy sagte: »Tazama Schnupsi! Bwana anakuja! Kulle! – Bwana! Pass auf, der Herr kommt, dort!« und in meine Anmarschrichtung wies. Das Wort »Bwana« verstand er, den weisenden Finger auch. Mit Metersätzen sauste er sofort los, immer mal rechts und links auf einen Baum, um nach mir Ausschau zu halten, flink wieder herunter und weiter. Ein wahres Zirkusbild gab es einmal, als mir der Löwe Simba, sein späterer Spielkamerad, ebenfalls entgegenkam. Der Affe sauste, bald auf seinem Rücken, bald hinten am Löwenschweif angeklammert, in atemlosen Sätzen hinterher. Dann gab es eine grosse Wiedersehensfreude, er umhalste mich wie ein Kind, drückte sein Gesicht an das meinige und erzählte mir sofort mit tiefen »Hoarrs«, was er unterdessen erlebt hatte. Zu Hause war dann niemand und nichts anderes mehr für Schnups da, er setzte sich mir auf den Schoss und fing sogleich an, meinen Schopf nach schmackhaften Beissern und Zwackern zu durchsuchen, so wie er das bei dem Löwen alltäglich mit Erfolg und Beifall tat. Zur Nachspeise durfte er sich mit an den Tisch setzen und trank wohlerzogen und gravitätisch seine Tasse Schokolade aus – das einzige der im allgemeinen so geschmacklosen »Dressurkunststücke«, das ich ihm beigebracht hatte. Wobei ihn aber alle Wohlgezogenheit nicht hinderte, auf einmal ein wahres Satansgesicht zu schneiden, sich aufgeregt und schnell irgendwo zu kratzen, und dann mit einem wilden Satz auf einen an der Veranda aufgetauchten schwarzen Kopf loszufahren, so dass der ganze Tisch klirrte. Der da draussen hatte gelacht, und das war etwas, das Schnups durchaus nicht vertrug.

Naschen und Stehlen hatte ich ihm im grossen und ganzen abgewöhnt, als ich jedoch später mit einem Kameraden in demselben Hause wohnte, hatte das Affentier bald heraus, dass jener ein sehr gutmütiger Mensch war. Schnups stahl ihm fortan jede Sache, die ihm gefiel. Und ihm gefiel fast alles, und von allem hatte er durch eingehende Studien festgestellt, wie es zu gebrauchen war. Bald sass er mit der Zahnbürste meines Kameraden auf einer Palme und fummelte sich mit der Bürste im Maul herum, bald hatte er ihm den Kamm, den Spiegel, die Uhr, und einmal sogar das Rasiermesser gestohlen. Damit fuhrwerkte er sich zu unserem Entsetzen oben auf dem Dach in der schwarzen Visage herum. Zum Glück balbierte er sich aber mit dem Rücken des Messers, hatte natürlich bald einen Schnitt an der Handfläche weg und liess es daraufhin fallen. Ein andermal sauste er mit einer brennenden Zigarre, die er dem dösenden Hauptmann aus dem Munde herausgestohlen hatte, über die von der Sonnenglut zunderdürr gedörrten Palmblattdächer unserer Hütten, dass die Funken nur so stoben – er hätte damit das ganze Lager in Brand stecken können! Wieder ein andermal rettete ich ihn nur mit Mühe durch Zahlung von vierzig Rupien Schadenersatz vor der Schrotflinte eines erbosten Leutnants, dessen importiertem, wertvollem Wyandottehahn er gemeinerweise sämtliche Schwanzfedern ausgezupft hatte.

Als sein Spielkamerad Simba ein frühes Ende gefunden hatte, war der Kummer des kleinen Burschen grenzenlos und entgegen der sonst so rasch vergessenden Art von Affen, auch lang anhaltend. Durch viele Tage hindurch suchte er immer wieder aufs neue das ganze Lager nach dem Löwen ab oder sass oben auf dem Dach und stiess immer wieder sein klagendes, sehnsüchtig rufendes »Hoarr!« aus.

Gerade zu jener Zeit waren ein Oberleutnant und ich noch die einzigen nicht fieberkranken Europäer der Kompagnie, und so hatten wir beide eben sämtliche Patrouillen zu gehen; im Verlaufe eines Monats war ich einmal einundzwanzig Tage unterwegs. Mein Boy, der sich sonst viel mit dem Affen beschäftigte, lag mit einer Schusswunde im Lazarett, und so war Schnups ganz allein und fühlte sich augenscheinlich sehr einsam und unglücklich. Er tat mir so leid, dass ich eines Tages, von einer ziemlich strapaziösen Erkundungspatrouille zurückgekommen, trotz meiner lahmen Beine nochmals einen Versuch unternahm, ihm einen Gefährten seiner eigenen Art zu verschaffen.

Alles, was ich zu diesem Zwecke bisher getan hatte, war fehlgeschlagen. Es geschah häufig genug, dass uns kleine Meerkatzen von Eingeborenen gebracht wurden, aber bereits bei vier oder fünf derselben hatte ich mit bös zerbissenen Fingern schliesslich alle Zähmversuche aufgeben müssen. Diese Affenart ist nur zu zähmen, wenn man das Tierchen, solange es noch nicht entwöhnt ist, in die Hände bekommt. Schon bei einem Jungen, das ungefähr einen Monat alt ist, bleibt alle Mühe und Geduld vergebens. Es behält seine angeborene Wildheit, Bosheit und Bissigkeit für immer – und Affen können üblere Bisse versetzen als Hunde, selbst wenn diese zweimal so gross sind!

Unweit unseres damaligen, in der Nähe der Küste gelegenen Lagers erstreckte sich ein breites Flusstal, in dem zwischen nicht gerodeten Urwaldparzellen sich ausgedehnte, infolge des Krieges verlassene Eingeborenenpflanzungen von strotzender Üppigkeit und Fruchtbarkeit befanden. Da gab es, wild durcheinanderwuchernd, Mais, Zuckerrohr und Süsskartoffeln, Orangen, Mangos und Bananen. In diesem Schlaraffenland trieben schwere Mengen von Meerkatzen ihr seit Jahresfrist von Menschen ungestörtes Wesen. Dorthin stapfte ich am Spätnachmittag und fasste, durch ein Bananengebüsch gedeckt, unter einem Mango, der mit reifen gelben Früchten behangen war, Posten. Von Ferne hatte ich durchs Glas gesehen, dass der ganze Baum von Affen bevölkert war, doch als ich mich ganz langsam herangeschoben hatte, sah er plötzlich still und harmlos aus. Die Brüder verstehen es ja so gut, sich in Laub und Geäst unsichtbar zu machen oder sich geräuschlos in eine benachbarte Baumkrone zu verziehen. Hier und da guckte einmal eine schwarze Visage hervor, schnitt blitzschnell eine Grimasse, verschwand wieder, und aufs neue herrschte Stille in der dunklen Krone. Doch ich wusste aus Erfahrung, dass auf die Dauer die Neugierde bei ihnen grösser ist als die Angst, und dass es jetzt nur darauf ankam, hier eventuell eine volle Stunde lang so reglos zu stehen wie ein Stock. Allerdings auch darauf, dass sich unter denen dort oben gerade eine Mutter mit einem neugeborenen Baby befand! ...

Nach einer guten halben Stunde wurde es lebendiger droben, Zweige bewegten sich, Gesichter erschienen und lugten misstrauisch herab, verschwanden und tauchten wiederum auf, kamen zögernd und sich aufgeregt kratzend weiter heraus, und – ich hatte Glück! – über einem grossen dunklen Männchen, welches mit einer safttropfenden Mango in der Faust, mich schnalzend anfletschte, wurde eine Äffin sichtbar, die ein winziges Junges an ihren hellfarbigen Bauch gedrückt hielt. Unendlich langsam, nur millimeterweise, schob ich das Gewehr höher, das ich die ganze Zeit, den Kolben an die Brust gedrückt, aufrecht gehalten hatte. Da biss mich etwas unter der Ledergamasche, oberhalb des Schnürschuhs am Bein, gleich daneben noch etwas und am anderen Bein ebenfalls. Ich merkte schon aus der Art der Bisse, diesem feurigen, ätzenden Brennen, was es war und hätte gar nicht auf den Boden zu schielen brauchen, wo sich ein wimmelndes, rotbraun glänzendes Band heranschob. Ich stand einem Zug von Siafu im Wege, diesen schrecklichen Wanderameisen Afrikas, die mit wilder Fressgier über alles Lebendige herfallen, was nicht vor ihnen flüchten kann, und die imstande sind, innerhalb weniger Stunden aus einem kranken Tier ein blankes weisses Skelett zu machen! Ich biss die Zähne zusammen und rührte mich nicht, schielte wieder besorgt nach oben – die Äffin war noch weiter vorgekommen, richtete sich, einen Zweig über sich ergreifend, zu ganzer Höhe auf. So sachte wie zuvor schob ich den Lauf höher, aber meine Gesichtsmuskeln verzerrten sich dabei, der helle Schweiss trat mir auf die Stirn, die Bisse brannten wie Feuer, immer mehr kriegte ich ab, jetzt krochen mir schon ein paar von diesen teuflischen Insekten die Schenkel hinan, »Au!« schrie ich, aber nur innerlich, denn nicht die leiseste Bewegung durfte ich machen, sonst wäre der Fratzenschneider da oben weggewesen! Endlich, endlich kam der weisse Haarkranz vor das Korn – da setzte sich eine dicke Fliege darauf! Ich zischte und blies, die Augen wollten mir fast herausspringen, die Zangen der Siafu brannten mir wie glühende Nadeln im Fleisch, und – das Fliegenbiest da vorn ging und ging nicht weg! »Himmelheiliges« – und so weiter! Fluchend wie ein Türke, strampelnd und beinschlenkernd, und bei allen verzweifelten Sprüngen noch hier und da kratzend, brach ich wie ein Wildeber durch die Büsche, und rauschend und brechend, mit Gekreisch und Geschnatter verschwand droben die Affenbande in der Tiefe des Waldes auf Nimmerwiedersehen ...

Ein paar Minuten darauf stand ein nackter Adam in diesem Paradiese und zwei Askari suchten mit flinken Fingern von einem mit roten Pickeln übersäten Körper ein halbes Schock festgebissener Siafu ab.

Nach diesem tragikomischen Misserfolge machte ich keine weiteren Anstrengungen mehr, meinem Schnups einen Sippegenossen beizugesellen. Er führte noch zwei Monate lang ein einsames Leben, dann begann der Stern Deutsch-Ostafrikas zu sinken, und in einem der ebenso hoffnungslosen wie zähen Kämpfe, die wir noch um den Besitz unseres Landes führten, starb auch dieser kleine Kerl einen wahrhaften Soldatentod – bei der Beschiessung Bagamojos wurde ihm von einem Granatsplitter der Kopf weggerissen ...

 

Keinerlei sympathische Gefühle konnte ich jemals aufbringen der anderen Affenart gegenüber, die in Ostafrika überall heimisch ist, den Pavianen oder Hundsaffen, wie sie dort genannt werden, wohl ihrer spitzen hundeartigen Schnauzen und der bellenden Laute wegen, die sie in der Aufregung ausstossen. Sie sind viel leichter zu zähmen als Meerkatzen und werden viel auf Farmen und Pflanzungen, und sogar in den Häusern der Städte gehalten. Sie sind auch im allgemeinen gutartig und weniger tückisch als Meerkatzen, aber dabei rüde und schmutzig, und abstossend unanständig in ihrem Gebaren.

Am Kilimandscharo zeigte mir einst ein Bekannter zwei skelettierte Tierschädel und fragte: »Einer stammt von einem Leoparden, der andere von einem Hundsaffen, welcher ist der des Leoparden?«

Ich sah mir die dolchartigen furchtbaren Reisszähne des grösseren an, und erklärte ein bisschen gekränkt, dass dieser »natürlich« der Leopardenschädel sei.

Leise schmunzelnd sagte mein Gastgeber: »Der Schein trügt, das ist der Hundsaffe!« und zeigte mir dann auch die charakteristischen Eigentümlichkeiten des Affenkopfes. Ich war sehr erstaunt und betrachtete in Zukunft die Hundsaffen mit etwas respektvolleren Blicken.

Trotzdem ist der schlimmste Feind dieser Affen doch der Leopard, der allerdings, wenn irgend angängig, stets einer Rauferei mit einem alten Affenmännchen aus dem Wege geht und sich an Weibchen und jüngere Tiere hält. Unvergesslich bleibt jedem Jäger und Naturbeobachter der wilde Lärm, der sich oft nachts in der Baumsteppe, in Flusstälern und Pflanzungen erhebt, wenn vor dem verfolgenden, gefleckten Würger eine Hundsaffenherde mit wütendem Bellen und Grunzen durch Busch und Gras nach den rettenden Bäumen durchzubrechen versucht. Ist es dem Raubtier gelungen, ein Mitglied der Familie zu packen, so verfolgen dann ihrerseits die Affen mit ihrem stark ausgeprägten Gemeinschaftssinn unter furchtbarem Lärm den Leoparden. Die Männchen machen mit gesträubten Mähnen und gefletschten Zähnen gemeinsame Angriffe, welche der Räuber unter anhaltendem giftigen Geknurr und Gefauch mit blitzschnellen Prankenhieben beantwortet. Allerdings sind es richtige Affenoffensiven: drei Sprünge vorwärts und dreiundeinenhalben zurück und nicht allzunahe an den Feind heran! Auf den Bäumen ringsum sitzt währenddem die innere Front und feuert mit wütenden Hopsern und Rütteln von Ästen, mit Reden und Schlachtgesängen, die Krieger zum Durchhalten an.

Die mächtigen Köpfe und die starke Bemannung der alten Herren dieser Sippe macht sie, wenn sie durch hochstehendes Gras dringen, Löwenrudeln ausserordentlich ähnlich. Mehr als einmal habe ich mich im Anfang durch das Auftreten solch entsetzenerregender »Löwenmassen« ins Bockshorn jagen lassen, das Schiesseisen von der Schulter gerissen und mit gesträubtem Haar meine Chancen dreissig oder vierzig vereinigten Löwen gegenüber erwogen. »Jetzt geht's endgültig schief!« war eigentlich das einzige Resultat meiner Erwägungen, bevor ich erleichtert die wahre Sippe und Art der Ankommenden erkannte.

Bei Ol Matun, einer von wirklichen Löwen förmlich verpesteten Gegend, beobachtete ich einst – und damals hatte ich mich schon fast ein Jahr mit dem Studium und Photographieren von afrikanischem Wild beschäftigt – vier Löwen, die zweihundert Meter entfernt durch trocknes, halbhohes Gras der dunklen Kühle eines Galeriewaldes zutrabten. Es war ein glühend heisser Vormittag, kurz vor Eintritt der Regenzeit, die Luft zitterte und flimmerte vor Hitze und liess alle Umrisse verschwommen und verzerrt erscheinen. Da packte mich mein neben mir liegender Gewehrträger am Arm: »Tazama wale, Bwana! – Sieh jene, Herr!«

Dort, wo er hindeutete, zwischen den Vieren und dem Waldrande, waren plötzlich noch weitere Löwen aufgetaucht, vier, sechs, acht, neun, zehn und immer noch mehr zählte ich – das ganze Gras hatte ja voller Löwen gesteckt!

»Heiliger Nepomuk, ist denn sowas möglich! ...« flüsterte ich konsterniert vor mich hin. Mit ziemlicher Geschwindigkeit furchten ihre dunkelbemähnten Köpfe und Nacken durch das schüttere bleiche Gras. Die vier Zuerstangekommenen schienen ebenfalls erstaunt zu sein, sie reckten einen Moment die Köpfe und die mir zunächst gehende Löwin, ein sehr grosses schweres Tier, stutzte einen Augenblick, die eine Pranke halb erhoben, äugte scharf den Davongaloppierenden nach, trabte aber dann gelassen weiter. Ich folgte dem Schauspiel mit den Augen, bis ein vor unserem Termitenhaufen stehender kleiner Busch mir den Anblick der Tiere verdeckte.

»Was ist, wo sind sie jetzt?« fragte ich meinen Begleiter.

»A lo!« grunzte er, »wie sie rennen! – Sie sind schon am Wald. Da, jetzt springen zwei auf einen Baum, dort noch einer ...«

»Springen auf ei ...? Den Teufel werden sie tun! ... Mann, Dir hat wohl die Sonne nicht gut getan? – Geh mal weg da, lass mich sehen!« Ich schubste ihn von dem Haufen herunter, nahm das Glas vor die Augen und – sah die Bäume des ganzen Waldrandes voll von solchen Löwen sitzen! ... Respektive von Hundsaffen!

Gefasst und würdevoll holte ich mein Zigarettenetui heraus. »Es scheint, die vier Löwen waren satt und wollten den Affen gar nichts tun! – Hier, willst Du auch eine Zigarette? Ach, Du bist wohl da runter gefallen? Komm, wollen heimgehen, es ist wirklich verdammt warm heute!«

In meiner ersten Zeit habe ich wohl anderthalb Dutzend dieser Tiere abgeschossen, hauptsächlich, um mich im Schiessen auf lebende Objekte zu üben. Es ist nicht so brutal, wie es klingt. Erstens, weil die zur Strecke gebrachten, wegen ihrer Feistheit bedachtsam ausgewählten alten Herren von meinen Leuten – von mir allerdings nicht! – sehr geschätzt und sofort gebraten und verzehrt wurden, ein Anblick der einer Kannibalenmahlzeit freilich verteufelt ähnlich sah. Zweitens, weil diese Affen in Europäer- wie in Eingeborenenpflanzungen ungeheuren Schaden anrichten. Fruchtbäume, Bananen, Zuckerrohr, Mais- und Bohnenfelder werden von den Banden oft innerhalb weniger Stunden vollständig abgeerntet, wobei ausserdem das wenigste gefressen, alles aber verwüstet und verdreckt wird. Ganz besonders gross und schmerzlich ist der Verlust, wenn sie in Sisalkulturen geraten und in einer Nacht Tausenden der in jahrelanger Mühe aufgezogenen Pflanzen die Köpfe abbrechen, um die saftigen Knospen zu verzehren. Alle Sisalpflanzer müssen deshalb ständig mehrere Affenwächter in Dienst halten, die mit Schrotflinten nachts die Felder abstreifen und morgens die aufgestellten Fallen revidieren.

Auch Negerdörfer werden manchmal von einer solchen Buschklepperbande überfallen. Dann können sie ganz furchtbar hausen, mit all der Tücke, Bosheit und Grausamkeit die ihrer Art eigen ist. Immer warten sie dazu genau die Zeit ab, wo alle Männer zur Arbeit oder Jagd weg sind, und ihnen also bei dem Unternehmen keine Gefahr droht. Dann werden alle Gefässe zertrümmert, alle Kochtöpfe von den Feuern gestossen, Kleidungsstücke und Hausgerät zerfetzt und durcheinandergeworfen, Schindeln von den Dächern gerissen, Hühner und Enten bei lebendigem Leibe gerupft, junge Ziegen, Schafe und Hunde malträtiert und verstümmelt, Kinder und Kranke gebissen und ausserdem alles nach Leibeskräften verschmutzt.

Auch untereinander sind Paviane nichts weniger als liebenswürdig. Im Kreise einer zusammengehörigen Herde üben die stärksten Männchen eine wahre Schreckensherrschaft aus. Oftmals werden schwächere Familienmitglieder von diesen alten Paschas so schrecklich misshandelt, dass man ihr Wehgeschrei weithin durch die Wildnis schallen hört. Dem Getöse eines besonders wütenden Affentumultes nachgehend – es war in der Nähe des Geleivulkans, wo es von Pavianen geradezu wimmelt – fand ich einmal auf dem Schauplatz ein knapp ausgewachsenes Tier, laut stöhnend in einem Gestrüpp liegend. Es war so zugerichtet worden, und zweifellos von einem Herdentyrannen, dass es nach einer Viertelstunde einging. Als ich mich zu ihm niederbückte, um seine Verletzungen festzustellen und ihm vielleicht zu helfen, erhob der ringsum auf Bäumen und Felsen sitzende Familienverband ein wahrhaft kannibalisches Getobe, sechs oder sieben alte Kerle rückten mir zähnefletschend von allen Seiten auf den Leib, und ein alter Zottelpelz, dessen Rücken- und Mähnenhaar bereits einen grauen Schimmer aufwies, kam mir bis auf drei Schritte nahe, grunzte wie ein alter Gnubulle und machte Miene, mir in die Beine zu fahren. Erst als ich nach dem Gewehr griff, welches diese Brüder sehr gut kennen und wohl von einem harmlosen Knüppel zu unterscheiden wissen, riss die ganze Bande aus, die Weibchen und Jungen vorne weg, die Alten als Nachhut hinterher. Mitten im tollen Lauf sprang jedoch immer wieder einer auf einen Baum oder Felsblock, warf einen blitzschnellen, misstrauischen Blick zurück und setzte dann in gewaltigen Sprüngen den übrigen nach.

Ein andermal war ich von einer Kanzel aus, die ich mir am Oberlauf des Soniaflusses errichtet hatte, Zeuge einer sehr blutigen Rauferei zwischen zwei gewaltigen Pavianen. Die anderen sassen bellend und grunzend oder unaufhörlich am Fleck auf und niederspringend dabei, teils am Boden, teils auf einem umgestürzten Baumstamm. Und als der eine mit einem fast menschlich klingenden Schmerzensschrei plötzlich den Kampf aufgeben und flüchten wollte, stürzten sich auf einmal vier oder fünf der Zuschauer auf ihn; das Ganze bildete im Nu einen wüsten Haufen, ich hörte aus dem Getümmel sein verzweifeltes Geschrei heraus. Da konnte ich nicht anders und schoss, obgleich es mir alles Lebendige vom Fluss verscheuchte, die eine der Bestien, die gerade mit blutigem Rachen aus dem Gewürge heraussprang vorn durch den Kopf.

Im nächsten Augenblick war alles um mich herum nur eine einzige wilde, krachende, brechende, schnatternde, flügelklatschende, wasserspritzende Flucht. Tiere, von deren Gegenwart ich gar nichts gemerkt oder geahnt hatte, brachen nach allen Seiten davon. Nur eine einzige Gestalt blieb in dem Tohuwabohu deutlich wahrnehmbar. Er war einer der Zuschauer auf dem Baum, der entweder vor Schreck, oder von einem anderen gestossen, das Gleichgewicht verlor, ins Wasser fiel und im selben Augenblick zwischen zwei emporschiessenden und mit lautem Knall zusammenschlagenden Kinnladen verschwand. Ich hatte von meinem hohen Sitze aus das alte Krokodil schon lange vor jenem Baumstamm auf der Lauer liegen sehen. Eine Minute später herrschte Totenstille über der Flusslandschaft, nur das Opfer dieses »Volkszorns« lag noch, blutüberströmt, direkt unter mir auf dem Flussande. Gerade als ich das Glas auf ihn richtete, lief ein letztes Zittern über seinen Körper, dann streckte er sich aus; seine Sippegenossen hatten ihm die Halsschlagader durchgebissen.

Den Verbleib des von mir geschossenen aber konnte ich von droben durchaus nicht feststellen. Ich fand ihn erst, nachdem ich runtergeklettert war, und zwar mit dem durchschossenen Kopf so fest zwischen die Wurzeln meines Kanzelbaumes eingeklemmt, dass ich ihn nicht herausziehen konnte. Wie er dort hineingekommen war, ob durch einen konvulsivischen letzten Satz oder sonstwie, weiss ich nicht.

Eine andere sehr kleine Art von Affen habe ich nur an den Küsten Ostafrikas gesehen und erlebt, und zwar als notorische Trunkenbolde und polizeiwidrige nächtliche Ruhestörer. Mit Sonnenuntergang erschallt ihr erster und mit Aufgang ihr letzter gellender Schrei, das heisst, wenn sie bis dahin nicht zu schwer bezecht sind, um überhaupt noch lallen zu können. Ich sah, oder vielmehr hörte sie stets nur in den Kronen von Palmen ihr Wesen treiben, in denen Schwarze einen Zapfschnitt angebracht und ein Gefäss darunter aufgehangen hatten. Wenn der Saft in Gärung übergegangen ist, ergibt er Palmwein. Jede Nacht wissen die feuchtfröhlichen Äffchen solch ein Gefäss aufzufinden, und dann wird sofort angestossen, und es beginnt ein schweres Gelage, und der dazu gehörige Bierschwafel, der in Gestalt eines ohrenbetäubenden Durcheinanders von kreischenden, meckernden und schnalzenden Lauten gehalten wird, ist derartig, dass kein Mensch dabei schlafen kann. Nicht selten geschieht es, dass solch ein kleiner Trunkenbold dann, sternhagelvoll, das Gleichgewicht verliert, von der Palme fällt und nicht wieder hochkommen kann. Ich fand einmal früh morgens einen, der friedlich wie ein verbummelter Student vor seiner Haustüre, am Fuss seiner Palme schlummerte.

Einmal habe ich auch ein paar Wochen in der Heimat der Menschenaffen, der Gorillas und Schimpansen, drüben im entlegenen Ruwenzori-Gebiet, an der Grenze zwischen Uganda und dem Kongo verbracht, habe jene scheuen Riesen des Affenreiches dort auch dann und wann einmal gehört, sie aber nicht ein einzigesmal zu Gesicht bekommen. Sie sind ausschliesslich Bewohner der einsamsten Waldtiefen, und jene Bergurwälder Afrikas hüten mit ihrer düsteren Wildheit, ihrer Lichtlosigkeit und Unzugänglichkeit das Leben ihrer Bürger sehr gut vor beobachtenden Menschenaugen.

Und noch unbedingter tun das die Urwälder des Amazonenstroms, in denen ich mich in späteren Jahren längere Zeit aufgehalten habe. In diesen, von feuchter, schier unerträglicher Hitze erfüllten, dunkelschattenden Gewölben von riesenhaften, phantastisch geformten, wild durch- und aufeinanderwuchernden Pflanzenmassen, unter welchen der sumpfige, weiche, übelriechende, aus Schlamm und verwesenden Pflanzenleichen gebildete Boden jeden Schritt zur Qual, und eine ganze Welt von giftigen, unheimlichen Insekten jedes Verweilen zur Unmöglichkeit machen, ist gerade von dem Treiben der zahllosen Affen, das sich hoch droben, sozusagen auf den Bögen dieser Gewölbe abspielt, nichts zu sehen. Und ausser einem gelegentlichen knarrenden Schwingen von Lianen, einem Pfeifen hochschnellender Zweige, einem leisen Rauschen in den Laubmassen turmhoher Bäume auch nichts von ihm zu hören als das allabendliche, ferne Geheul langgeschwänzter Brüllaffen.

Eine Art aber kenne ich noch aus den Wildnissen Afrikas, die wohl die schönste ist, die es auf der Erde gibt, und die so gar nichts mehr gemeinsam hat mit dem Wesen und Gebaren aller anderen Affen. Sie sind sowohl in den Wäldern der Gebirge, ebenso aber auch in den Waldstreifen, die die Flüsse der Ebene begleiten, zu Hause.

Ich weiss noch so gut von meiner erstmaligen Begegnung mit diesen Tieren bei einem einsamen Spaziergang im Galeriewalde von Ol Matun: Da drangen aus den dunklen Schatten der Bäume ganz seltsame Töne, ein vielstimmiger langgezogener, summender, surrender Gesang; eigenartig feierlich und melancholisch schwebten die Töne durch den Frieden der farbenüberglühten abendlichen Steppe. Ich wurde an jenem Abend nicht klug, ob es Vögel oder – unwahrscheinlich in der weltverlorenen Einsamkeit dieser Gegend – doch Menschen waren, die diesen, so merkwürdig gut zu der düsteren Urwaldstimmung passenden, Geistergesang angestimmt hatten. Erst lange darnach, in einer anderen Gegend, machte ich die Erfahrung, dass jene geheimnisvollen Sänger Colobusaffen gewesen waren, als ich, von einem Hochsitz aus, das schwermütige Lied wiederum erschallen hörte, und gleich darauf in den Baumkronen mir gegenüber still und leise eine Schar dunkler Gestalten erschien. Tiefschwarz und glänzend war ihr Fell, von Schwanz und Schultern hingen schneeweisse, seidenfeine Haarbüschel fast armlang herab, bei den mächtigen Sprüngen der Tiere wallten sie wie silberne Schleier nach. Ein tiefer, fast schwermütiger Ernst lag im Blick, im Gesichtsausdruck, in dem ganzen Benehmen dieser wunderschönen Geschöpfe.

Ich war ganz hingerissen von ihnen, wollte törichterweise durchaus eines haben, und nach langer Mühe gelang es mir auch, ein weibliches Tier, das ein Junges bei sich trug, mit einem so glücklichen Schuss herunterzuholen, dass die Alte sofort tot, dem Kleinen jedoch keinerlei Harm geschehen war. Ich habe dann dem kleinen Kerl alle nur erdenkliche Pflege angedeihen lassen, einer meiner Leute, der die Pflanzen genau kannte, von deren Blättern und Knospen diese Tiere ausschliesslich leben, war dauernd unterwegs, ihm die zartesten und frischesten Triebe herbeizuschaffen, und doch ging mir das Tierchen zu meinem grossen Kummer schon nach vier Tagen ein, wahrscheinlich vor Heimweh nach seinen stillen, dunklen Wäldern.

Das herrliche Fell der Alten habe ich dann noch über zwei Jahre mit mir herumgeschleppt. Ein alter schwarzer Zauberdoktor bot mir später einmal sechzig bare Rupien dafür. Der alte Humbugmacher wollte es als Kopfschmuck zwecks Erlangung eines mysteriösen Aussehens benutzen. Er hat es nicht bekommen! Und zuletzt ist es doch nur, zusammen mit den Bildern, die ich von diesen, wie von den anderen Affenarten und von all den Gestalten der Wildnis überhaupt unter tausendfältigen Strapazen erlangt hatte, in den Kriegsstürmen der nachfolgenden Jahre zugrunde gegangen.

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