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Meine Brüder im stillen Busch in Luft und Wasser

Artur Heye: Meine Brüder im stillen Busch in Luft und Wasser - Kapitel 3
Quellenangabe
authorArthur Heye
titleMeine Brüder im stillen Busch in Luft und Wasser
publisherBüchergilde Gutenberg
year1945
illustratorJulius Arnfeld
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180612
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Büffel und Giraffen

siehe Bildunterschrift

Kaffernbüffel (Ostafrika bis Kapland)

Die ganze Nacht hindurch hatte eines jener schweren Gewitter getobt, mit denen gewöhnlich die Regenzeit beginnt. Jene sechs Wochen, in welchen es, zum Unterschied vom ganzen übrigen Teil des Jahres, auch in Ostafrika regnet – manchmal vierundzwanzig Stunden hintereinander, und nach einer kurzen Pause vielleicht gleich nochmals Tag und Nacht hindurch – wenn man so etwas noch regnen nennen kann. Selbst zwischen den schwersten Unwettern, die jemals Europa heimsuchen, und jenen tropischen Gewittern lässt sich kaum ein Vergleich ziehen. Stundenlang ist dabei der Himmel grell erleuchtet, bildet ein einziges Flammenmeer von bündelweise zuckenden Blitzen, der Raum ein krachendes, schmetterndes, ohrenzersprengendes Getöse, und die Wucht der herabstürzenden Wassermassen ist oft so gross, dass man eine hinausgestreckte Hand schleunigst wieder zurückzieht. Keine nackte Menschenhaut hält dem stand, auch die wenig empfindliche der Nager nicht; eine Erklärung für die dem Neuling oft lächerlich erscheinende Ängstlichkeit, mit der sich die Schwarzen vor einem Regen verkriechen. Und ebenso unvorstellbar gross ist die Menge des Wassers, welche bei diesen einleitenden Gewittern herabkommen kann. In der ersten Regennacht des Jahres 1915 ist mein Begleiter an derselben Stelle beinahe ertrunken, an der wir am Abend vorher nicht einen Tropfen Wasser hatten ergraben können und dem Tode durch Verdursten sehr nahe gewesen waren.

Seitdem einmal in Uganda vor meinen Augen ein Blitz in eine Kolonne schwarzer Sträflinge eingeschlagen und eine Szene unbeschreiblichen Grauens verursacht hatte, konnte ich in Gewitternächten kaum noch Schlaf finden, und so begab ich mich müde, unlustig und ganz und gar nicht in Form, an jenem Morgen auf den Marsch, um Büffel zu photographieren. Gerade Büffel, die wohl unbestritten gefährlichsten Tiere Afrikas.

Nach vier Uhr morgens hatte das letzte schwache Träufeln aufgehört, als ich gegen fünf dann seufzend aufstand, blinkten Sterne von einem klaren Himmel herab, und bei Sonnenaufgang kauerte ich bereits zwei Kilometer von meinem Lager entfernt hinter einem Dorngebüsch und wrang Khakihemd und Hose aus, die beim Marsch durch das regenschwere Gras so gut wie gewaschen worden waren. Das Gebüsch begrenzte eine weite flache Talmulde und darin hatte ich gestern nachmittag die grösste Büffelherde gesehen, die mir jemals vor Augen gekommen war. Nach dreistündigem, mit aller erdenklichen Vorsicht ausgeführtem Anpürschen, hatte ich gestern die Tiere auf knapp zweihundert Meter vor mir gehabt, und zwar in blendendscharfem Licht, das die Sonne über die heraufziehende blauschwarze Gewitterwand gerade noch so lange warf, bis ich die Kamera aus dem Kasten heraus hatte – aber keine Minute länger! Ich hatte trotzdem noch drei Aufnahmen in dem düsteren Licht gemacht, aber Bilder, die etwas darstellten, waren das bestimmt nicht geworden.

Meine beiden Wandorobbo-Spürer, sie waren Vater und Sohn, kamen triefend aus den Büschen zurückgekrochen und brachten die Nachricht, dass die Herde wohl noch zu sehen wäre, aber ein gutes Stück weiter weg als gestern. »Dort draussen, Bwana!« setzte der alte Loldogo hinzu, und warf, in jener merkwürdigen Art von deutender Gebärde, welche manchen primitiven Völkern eigen ist, das Kinn nordostwärts hoch. Der goldrote Glanz der Morgensonne trübte sich auf einmal, ein paar Sekunden später schwamm sie nur noch als mattschimmernde Scheibe in weisslichem Dunst, und als ich jenseits des Buschsaumes nun selbst den ersten Blick ins Tal warf, schaute ich auf ein weisses stilles Nebelmeer hinab, das rasch höher und noch immer dichter wurde, in wenigen Augenblicken auch uns hier oben in seine feuchten Schleier hüllte und sogleich bis aufs Mark erschauern liess. In jenen Breiten kann ein Mensch, zumal wenn er schon nass ist, bei fünfzehn und auch achtzehn Grad Wärme erbärmlicher frieren als in Europa bei Temperaturen um den Gefrierpunkt herum.

Dieser Nebel war ein neuer Faktor, der erst einkalkuliert werden musste. Er bedeutete, dass die Büffel jetzt nicht weiter wandern würden; denn in seinem feuchten Dunst, ebenso wie bei Regen, können Tiere nur schlecht oder gar nicht wittern, bewegen sich deshalb nach Möglichkeit nicht, sondern verharren reglos und verlassen sich ausschliesslich noch auf ihr Gehör. Es bestand also Aussicht für uns, dass wir dicht an die Büffel herankommen konnten, allerdings auch Aussicht, dass es allzu dicht wurde! An sie, wie auch an andere, nicht unbedingt harmlose Gestalten, wie Löwen, Nashorne und Elefanten, die hier im grössten und märchenhaftesten Tierparadies der Erde, in der Serengeti, zu Hunderten und Tausenden vertreten waren, und die bei solch unerwarteten Zusammentreffen in neun von zehn Fällen schon aus Schreck und Angst sofort zum Angriff übergehen. Immerhin, in der schlammigen, vielleicht teilweise überschwemmten Senke würden wir nicht allzu rasch vorwärts kommen, und ausserdem musste ich mit der Möglichkeit rechnen, dass bald, nachdem sich der Nebel gehoben hatte, neuer Regen und damit vor allem schlechtes Licht einsetzen würde. Also los! Didongai, der jüngere meiner Begleiter, übernahm die Kamera und ich dafür mein Gewehr, eine schwere Neunkommadrei-Büchse, die sonst er gewöhnlich trug: ich überzeugte mich, dass sie in Ordnung war. Dann setzten wir uns in Marsch, die beiden jetzt voraus. Sie hatten kein besseres Gehör als ich, denn meines ist aussergewöhnlich gut, jedoch ein weit besseres Gesichts- oder wenigstens Unterscheidungsvermögen.

Es war ein seltsames Erlebnis für mich, durch afrikanische Steppe im Nebel zu wandern. Es war wie das Hineintauchen in eine verwandelte, fremdartig düstere Welt, die nichts mehr gemeinsam hatte mit dem vertrauten Bild lichtüberfluteter Unendlichkeiten. Ein unsicheres, unheimliches Gefühl überkam mich in dem verhängten trüben Grau, dem feuchtkalten Hauch, der um uns zusammenschlug, uns einhüllte wie in nasse Tücher. Phantastische Wesen wuchsen allerwärts aus dunstigem Gewoge auf, nahmen vor dem zögernd weiterschreitenden Fuss abenteuerliche Formen an, zerflossen beim Näherkommen in Nichts, oder enthüllten sich als tropfende Gebüsche, einsame Bäume oder romantisch gestaltete Termitenbauten, deren rote Erdwände wie mit frischem Blut getüncht erschienen. Eine unbewachsene Stelle mit krumiger, feuchter Erde dämpfte jeden Laut unserer Schritte, jenseits wuchs ein Streifen mannshohen Grases aus dem Nebel, Didongai bog die tropfenschweren Rispen vor mir auseinander, dicht dahinter ragten die vermeintlichen Stämme zweier dünner Palmen auf. Plötzlich hoben sie sich hoch in die Luft, fielen dröhnend seitwärts nieder, und mit zwei, drei schaukelnden Bewegungen verlor sich die hohe schattenhafte Gestalt der Eigentümerin dieser überlebensgrossen Läufe, eine Giraffe, im brauenden Dunst. Ausgelöst von ihrer Flucht wurden mannigfaltige Laute ringsum vernehmbar, auch sie wie verzerrt und verschwommen; ein pustendes Aufschnauben, ein bellender Schreckton, das ganz nahe Wiehern unsichtbarer Zebras. Alles verlor sich mit flüchtigen Tritten in der Ferne, verstummte wieder. Stille und weisses Gewoge umgaben uns aufs neue.

Ich war bei der Begegnung nervös zusammengezuckt, hatte unwillkürlich das Gewehr hochgerissen. Dann biss ich mich ärgerlich auf die Lippen darüber, dass mir eine Nacht ohne Schlaf so zu schaffen machen konnte. Wieder hohes Gras voraus, schwadenweise vom Regen niedergedrückt. Mühselig arbeiteten wir uns darin vorwärts – und blieben alle drei im gleichen Augenblick stehen. Über das Gras empor ragte der dunkelgraue, nassglänzende Rücken, und, wie ein zum Hieb erhobenes Krummschwert, das gewaltige Vorderhorn eines unbeweglich stehenden Nashorns. Mit einem Ruck hatte ich wieder die Waffe im Anschlag, das Tier musste uns ja bemerkt haben, würde im nächsten Moment mit der Wucht einer Lawine vorwärtsstürzen – doch es regte sich nicht. Tropfen fielen von einem hohen Dornenstrauch tickend auf das Horn herab, rannen einer nach dem anderen in genau derselben Bahn daran herunter ... Unfähig, die Nervenanspannung noch länger zu ertragen, trat ich schliesslich langsam zwei Schritt darauf zu – und liess das Gewehr mit einem kräftigen Wörtlein sinken. Es war ein umgestürzter Baum mit einer emporragenden Wurzel gewesen! Kopfschüttelnd nahm der Alte eine Prise aus der Patronenhülse, die ihm als Tabaksdose diente, sein Sohn aber warf noch mehrere Male einen unsicheren Blick auf die befremdliche Erscheinung zurück.

Das Gras wurde hier immer höher und verfilzter, das Vorwärtskommen immer schwieriger, so nahmen wir den Weg direkt durch eine dunkle, dicht verwachsene Buschinsel. Aufmerksam wollte der junge Nodrobbo die hängenden Zweige vor mir auseinanderbiegen, doch er liess sie erschrocken wieder fallen, als uns ein tiefes unwillig ausgestossenes »Aouh!« aus der Dunkelheit begrüsste. Mir zuckte es in den Händen, wiederum das Schiesseisen an die Backe zu reissen, aber der wuchtige dumpfe Aufschlag von Löwenpranken, die bereits im Davongaloppieren waren, bewahrte mich vor dieser weiteren Äusserung blamabler Furchtsamkeit.

Ich hatte diesen Spuk im Nebel nunmehr satt und wollte abwarten, bis es etwas lichter wurde. So hockten wir uns auf dem noch warmen Lager der Löwen nieder. Drei waren es gewesen: sie würden jetzt in der unbehaglichen Feuchtigkeit da draussen eine schöne Wut im Bauche haben! Mich wunderte es eigentlich, dass sie sich so völlig widerstandslos hatten aus ihrem Obdach verjagen lassen; auch ihre Unsicherheit und Unentschlossenheit musste mit dem Nebel zu tun haben. Nach einer Viertelstunde etwa schien er wirklich ein wenig lichter geworden zu sein, richtig klar war es zwar immer noch nicht. Doch jetzt mussten wir weiter, wir konnten es vor Kälte nicht länger aushalten, froren schauerlich in unserem klitschnassen dünnen Zeug.

Gleich nach unserem Aufbruch von dieser ungemütlichen Rast wurde das Gelände fast unpassierbar. Wir hatten anscheinend den tiefsten Punkt der Talsohle erreicht. Blankes Wasser stand hier in unzähligen Rinnsalen und Kanälchen zwischen hohem hartem Büschelgras, und ein unangenehm schwefliger Geruch stieg daraus auf. Hier und da schillerte es wie Ölflecken auf der trübroten Brühe – das ganze Gebiet des sogenannten ostafrikanischen Grabens ist ja vulkanisch. Hier stiessen wir auch auf die ersten, in den ockergelben Schlamm scharf eingedrückten Büffelfährten. Ich mass eine besonders grosse, ihr Durchschnitt war noch um einen Finger breiter als meine Handspanne. Sie betrug demnach fast fünfundzwanzig Zentimeter. Das massive, unerhört schwere Gehörn alter Bullen klaftert breiter als die ausgestreckten Arme eines Menschen, und bis zum Kamm des Widerrists ist solch ein Riesentier hundertfünfundsiebzig, sogar manchmal über hundertachtzig Zentimeter hoch. Es sind wirklich gewaltige Geschöpfe, diese afrikanischen Büffel!

Ein Stück weiterhin waren keine einzelnen Rinnsale mehr zu sehen, alles war blankes Wasser, das Gras ragte nur mit den Spitzen darüber hinaus. Dementsprechend mühsam war das Gehen. Immer wieder verfing sich der Fuss in den schmalen Rinnen, versank bis zur halben Wade in fettig weichem Schlamm.

Endlich trat eine etwas höhere Bodenstufe unvermittelt vor uns aus dem Nebel, stellenweise mit weichem lichtem Gras bestanden. Das meiste lag allerdings am Boden, doch nicht niedergeschwemmt, sondern niedergetrampelt oder abgeweidet. Das Erdreich war ein einziges Chaos von Büffelfährten und Büffellosung, und in den vereinzelten Inseln noch stehenden Grases hing ihre schwere, beizende, fast noch warme Körperausdünstung. Es schien, als ob augenblicklich der Nebel noch dichter geworden wäre; wir konnten hier jede Sekunde auf die Tiere stossen, vielleicht befanden wir uns sogar schon zwischen einzelnen Trupps von ihnen. Ein weiteres Vorgehen war Wahnsinn. Dicht aneinandergedrängt blieben wir reglos stehen, horchten angestrengt ringsum. Der alte Loldogo hatte den Kopf erhoben und witterte mit geblähten Nüstern wie ein Tier in den Nebel hinaus. Wenn sich jetzt hinter uns ein Luftzug erhob! Mir wurde kalt ums Herz bei dem Gedanken ...

Er war kaum gedacht, als eine Bewegung, ein leichtes Wogen rund um uns herum durch die grauen Massen ging, ein lichterer Schimmer von oben durchsickerte. Loldogo hob die Hand, wies mit bedeutungsvollem Kopfnicken schweigend links voraus und sah sich unruhig um. Dann ergriff er mich am Ärmel. »Fidja kulle, Bwana! – Dort verstecken!« flüsterte er, zog mich hastig vorwärts, etwas nach rechts zu, wo eine grössere Grasinsel in den aufwärtswallenden Schwaden sichtbar wurde. So geräuschlos und so rasch wie möglich glitten wir tief geduckt hinüber und warfen uns sofort zwischen die hohen, tropfensprühenden Halme. Fetzen von dünnem, rasch verflüchtendem Dunst trieben hoch und über uns zurück – Gott sei Dank rückwärts! – Jetzt rollte das Bild der Landschaft auf, Sonnenlicht flutete herab, und – ich packte unwillkürlich den Arm des Alten –, keine achtzig, vielleicht nur siebzig Meter vor uns, ragten zwei Paar breitgeschwungene Hörner, zwei schwarzbraune Rücken über Rispen und Stauden empor und ein Stück seitab, dort wo wir vor ein paar Minuten noch gestanden hatten, schob sich ein weiterer Büffel durch das hohe Gras; nur die Bewegung der Halme verriet seine Anwesenheit. Es waren die Wachtposten, die stets an den Flanken der Herde stehen. Weiter hinaus, jenseits eines Streifens hellgrünen, wohl sumpfigen Geländes, wogte es in schwärzlichem Gewimmel Leib an Leib, erfüllte die ganze Breite der Senke bis hinüber zu den dunkelbewaldeten Hügeln, um deren Gipfel noch flache Nebelstreifen zogen – eine ungeheure Herde von Büffeln.

Die Zunächststehenden waren von hier aus nicht zu sehen. Ich musste durch die Grasinsel hindurch, um sie in freie Sicht zu bekommen. Was allerdings geschehen würde, wenn unmittelbar hinter ihr einige der Tiere oder auch nur ein einziges standen, war mir nicht klar. Bange war mir und unbehaglich, und dazu äusserst zweifelhaft, ob ich mich heute auf mich selbst verlassen konnte, wenn irgend etwas schief ging, und ob ich nicht besser hätte zu Hause bleiben sollen.

Mit diesen nicht sehr ermunternden Gedanken gab ich Didongai Anweisung, hier zu bleiben und unsere Rückzugslinie zu beobachten. Loldogo übernahm das Gewehr, ich die Kamera und gefolgt von ihm, begann ich mich auf dem Bauch liegend, Zoll für Zoll vorwärts zu schieben. Ich hatte kaum zehn Meter Weg zurückzulegen, bis ich den lichten Himmel vor mir durch die Halme schimmern, und dann, millimeterweise den unbedeckten Kopf erhebend, fünf oder sechs schwarzzottige Gestalten auf kaum fünfzig Meter vor mir sah. Sie hielten grasend die Köpfe gesenkt, ich hörte ihr dumpfes Schnauben, das Rupfen ihrer Mäuler, das klatschende Schlagen ihrer Schwänze: ihre nassen Häute dampften unter den Strahlen der Sonne und eine wahre Wolke von Fliegen schwebte über ihnen.

Während meine Hände mechanisch an der Kamera arbeiteten, wandte ich keinen Blick von den Tieren und keinen Gedanken von dem beunruhigend unsteten Lufthauch, der bald rechts, bald links von der Gruppe zu mir herwehte, jeden Augenblick aber auch von mir zu ihnen hinwehen konnte. Die Sonne stand halb rechts vor mir, es war keine ideale Beleuchtung, doch konnte ich zu beiden Seiten nichts erspähen, was mir in einem günstigeren Winkel Deckung gegeben hätte. Also noch schärfer abblenden! Als ein junger Bulle, von Fliegen gequält den Kopf hochwarf, klickte die erste Aufnahme: ein paar Kühe, die ihre Köpfe und Vorderbeine noch näher zu mir ins Bildfeld schoben, gaben die zweite, und ein Kalb, das sich herausgedrängt hatte, und übermütig zwei, drei plötzliche Sprünge auf unser Versteck zu machte, habe ich dann sozusagen vor Schreck photographiert.

Ein leises Geräusch hinter uns liess uns beide mit den Köpfen herumfahren. Ich konnte nichts sehen, doch Loldogo machte eine beschwichtigende Handbewegung und raunte mir zu: »Es ist Didongai! Er kriecht nur ein bisschen weiter vor.«

Noch immer stand der Luftzug gut, die Herde vor mir ahnungslos. Weit draussen waren jetzt auch die waldigen Erhebungen und dahinter die schimmernden steilen Felsmauern des Grabenrandes in klare Sicht gekommen. Mir flatterten noch Herz und Hände von dem letzten Erschrecken, ich musste ein Dutzend tiefe Atemzüge tun, ehe ich eine vierte Aufnahme von der ganzen wogenden Masse der Tiere, die bis auf die Abhänge der Hügel hinaufbrandete, machen konnte. Dann zog ich den Kopf zurück, packte mit einem Seufzer der Erleichterung die Kamera in den Lederkasten und drehte mich leise zum Zurückkriechen um, als zu meinem Entsetzen der alte Loldogo, der sich schon rückwärts gewandt hatte, plötzlich mit einem unterdrückten Ausruf hochfuhr, einen Sprung tat, das Gewehr an die Backe riss und im nächsten Augenblick auch schon einen Schuss durch die bei unserem Hereinkriechen entstandene Gasse im Grase hinausfeuerte.

Mit einem schnellen Schritt war ich neben ihm, riss ihm mit einem wütenden »Unafanya nini! – Was machst du da?« die Waffe aus der Hand, sprang an ihm vorbei, sah draussen Didongai auf mich zugerannt kommen, plötzlich die Arme in die Luft werfen, über irgend etwas stolpernd hinfallen, und hinter ihm, den Kopf gesenkt, den Schwanz steil aufgerichtet, fegte ein Büffel her!

Ich kann nicht sagen, wie es kam, dass ich auf einmal eiskalt und ruhig wurde, fast gelassen auf das Knie nieder – und in Anschlag ging, noch einen Augenblick in vollkommener Ruhe wartete, bis der Büffel dicht hinter dem Gestürzten war und die beiden starrenden Zinken des Gehörns sich schon zum Stosse niederbeugten, und dann erst – gleichgültig, als ginge mich die ganze Sache eigentlich gar nichts an – auf das rechte Auge des Tieres schoss. Wie unter einer stossenden Faust ging ein Ruck durch den Koloss, er taumelte einen Augenblick und brach dann zusammen. Ich sah noch Didongai aufspringen, den Arm vor die Augen gelegt, als wollte er den Tod nicht sehen, den er noch über sich wähnte – dann weiss ich nur noch, dass ich rannte, gepeitscht von dem Gedanken an die Büffel rechts und links hinter uns, dass wir alle drei nebeneinander rannten, sinnlos, und vielleicht unbewusst doch sinnvoll –, gemeinsam auf eine Gruppe von Bäumen zurannten, von denen ich nicht sagen kann, dass ich sie vorher überhaupt wahrgenommen hatte.

Ich war so gelaufen, wie man eben läuft, wenn sich's um das eigne bisschen Leben handelt. Undeutlich sah ich Bäume vor mir und ein paar schwarze Hände, die mich auffingen, als die Knie unter mir nachgaben. Das Herz hämmerte oben im Halse und mir wurde einen Augenblick lang schwarz vor den Augen.

»Haykudja, Bwana, haykudja!« murmelte die Stimme des Alten an meinem Ohr, seine Hand klopfte mir in ungeschicktem Beruhigungsversuche den Rücken.

»Wa – was sagst Du?« keuchte ich.

»Es kommt keiner, Bwana«, wiederholte er. »Sie laufen alle davon. Hörst Du es nicht?«

»Ndio, Bwana«, bekräftigte auch der Junge oben aus dem Geäst eines Baumes heraus, »sie laufen alle weg da draussen! Lo, viele, viele, viele Büffel!«

Mir war's, als ob ich jetzt einen fernerollenden Donner hörte – den Donner von Tausenden von galoppierenden Hufen. Ich hockte mich nieder, senkte für eine Weile den Kopf auf die Knie, Schweiss rann mir übers Gesicht herab, ein stechender Schmerz pochte in den Schläfen, aber langsam beruhigte sich das Herz, formten sich Gedanken über das Geschehene. »Teufel, die Geschichte hätte gründlich schief gehen können – Herdenbüffel sollen angeblich fast nie annehmen, aber jener, der dich verfolgte, hat eben doch angenommen! Und warum sind keine von den anderen dazu gekommen? Ist das Untier eigentlich gleich liegen geblieben? Dann hätte ich ja ein sagenhaftes Schwein gehabt, mit einem einzigen Schuss einen Büffel glatt hinzulegen! – »Heh Du, Didongai, was ist mit dem Büffel, den ich geschossen habe?«

»Lo, Bwana, er liegt dort! Er ist wirklich tot! Soll ich ihn aufmachen?«

»Warte noch! Wie kam es eigentlich, dass er Dich annahm, hatte er Dich gesehen? Und warum bist Du überhaupt aus dem Gras rausgegangen?«

»Bwana, im Grase zu meiner rechten Hand war es, als ob etwas näher käme, aber ich konnte darin nichts sehen, und als ich hinkam, wehte der Wind auf einmal nach rechts hinüber; aber dort waren ja keine Büffel, wie wir festgestellt hatten. So schaute ich nur nach dem Grase und sah, dass der Wächter, den wir vorhin gesehen hatten, langsam hindurch ging, näher zur Herde, und dass keine Gefahr für Euch war. Und so sah ich nun auch einmal auf das Wasser, wo der Wind hinwehte, nur soso, und da sah ich auf einmal einen alten Büffel, der ganz grau war auf dem Rücken, aus dem Wasser aufstehen. Er hob seine Nase hoch: Ich wusste gleich, dass er mich roch, und dass es keinen Nutzen hatte, wenn ich mich hinter dem Busch versteckte. Und so lief ich auf Euch zu und schrie, aber er war schneller als ich, und ich wusste, dass er mich einholen würde. Dann hörte ich Dich schiessen, als mich schon sein Atem anblies und lief wieder fort – und das ist alles, Bwana!«

»Den ersten Schuss hat Dein Vater abgefeuert, nicht ich. – Warum sind aber die anderen Büffel nicht auf uns losgegangen, ein paar waren doch ganz nahe?«

»Bwana, die gehörten doch zur Herde. Jener aber nicht. Er war einer von den alten Büffeln, die immer allein leben und sehr böse sind. Er war nur zufällig hier und er hätte uns sicherlich schon vorhin getötet, als wir an ihm vorbeigingen, wenn nicht der Wind gewesen wäre, so dass er uns nicht riechen konnte. Er hat vielleicht gedacht, wir wären Büffel, als er unsere Tritte hörte. Es war gut, dass Du besser gezielt hast, als ich Bwana!« sagte der alte Loldogo lächelnd, griff sich, um eine seiner nachdenklichen Prisen zu nehmen, an das lang herabhängende Ohrläppchen und machte ein verblüfftes Gesicht – die Patronenhülse mit seinem Schmalzler fehlte darin! Und im gleichen Augenblick machte ich ein entsetztes Gesicht – jetzt erst fiel mir ein, dass ich ja meine Kamera dort im Grase gelassen hatte! Die beiden liefen hinüber, um sie zu suchen und Didongai brachte auch bald zu meiner grossen Erleichterung den unversehrten Lederkasten. Sein Vater aber krebste nach seiner Tabakdose noch immer im Grase herum, als wir schon den Büffel ausgeweidet hatten. Es war kein so aussergewöhnlich grosses, aber ein in der Tat sehr altes Tier. Wenn es nicht schon die graue Behaarung und die abgenutzten Zähne bewiesen hätten, so das Filetsteak, das mir am anderen Tage mein Boy vorsetzte –!

Auf das Gehörn dieses einzigen Büffels, den ich je geschossen habe, verzichtete ich. Ich habe nie zu den »Knochensammlern« gehört.

Loldogo blieb bei dem Kadaver zurück, um ihn gegen die Totengräber der Wildnis zu verteidigen, die schon von überallher angeflogen und angerannt kamen, wohl auch um noch weiterhin nach seiner unverschmerzbaren Tabakdose zu suchen; ich aber ging, richtiger gesagt, schlich, so zerschlagen wie ich mich selten gefühlt habe, mit Didongai nach dem Lager zurück. Die Sonne stach mit wahrhaft höllischer Glut herab, ein neues Gewitter braute sich zusammen, selbst dem zähen Jagdnomaden neben mir, der sich mit der Leber und einigen für seinen eigenen Topf bestimmten Eingeweidedelikatessen beladen hatte und von einem brausenden Fliegenschwarm begleitet wurde, kam das Gehen in dieser Bruthitze bemerkbar sauer an.

Vom Lager aus schickte ich alle Mann hinaus, um Büffelfleisch hereinzuholen. Ich selbst kroch unter mein Moskitonetz und fiel trotz des einsetzenden Gewitters, das sich anhörte als ob es die Welt in Stücke schlagen wollte, in einen Totenschlaf.

An den folgenden beiden Tagen goss es fast ununterbrochen; wir mussten im Lager bleiben, und in Ermanglung von anderer Beschäftigung assen meine neun Mann währenddem zirka sechzig Kilogramm Büffelfleisch auf! ... Ich liess sie gewähren, denn jetzt in der Regenzeit kam ja das übliche Aufvorrattrocknen des Fleisches nicht in Frage. Das Endergebnis des Fressgelages war natürlicherweise ein grosses Loch in meinen Vorräten an Rizinusöl und Kalomelpillen ...

Nach dieser zweitägigen Sintflut trat eine vorübergehende Beruhigung des Wetters ein, es regnete nur noch stundenweise, manchmal auch einen Tag lang gar nicht, und ich benutzte diese Zeit, um Gelegenheiten für weitere Büffelaufnahmen auszukundschaften. Fast eine Woche lang blieb jedoch all das qualvolle Herumwaten und Herumkriechen in Schlamm und Wasser, unter bleierner, schwüler Hitze und dem unaufhörlichen, wütenden Gesumme ganzer Schwärme von Moskitos ohne Ergebnis, bis ich endlich eine kleine Herde und einen gangbaren Weg zu ihr ausfindig gemacht und die Hoffnung hatte, am nächsten Tag an sie herankommen zu können. Doch daran wurde ich durch das in dieser Gegend und zu dieser Jahreszeit gänzlich unvermutete Auftauchen einer amerikanischen Jagdgesellschaft gehindert. Sie hub sofort ein derartiges Geböller in der Gegend an, dass nach ein paar Tagen kein Schwanz von Wild mehr zu sehen war.

So brachen wir unser Lager ab und marschierten den Hügeln zu, und in den lichten Akazienbeständen hier oben fanden wir zwar nur noch wenige Fährten von Büffeln, desto mehr aber solche von Giraffen.

Wirklich gute Aufnahmen von diesen in ihrer Art so schönen, und trotz ihrer Riesengrösse so völlig harmlosen Geschöpfen zu machen, war mir bis dahin noch nie geglückt. Das halbe Dutzend Giraffenbilder, welches ich besass, war nichts Rechtes: entweder waren die Tiere darauf schon in voller Flucht, und bei der rasenden Geschwindigkeit, die sie entwickeln können, von Staubwolken halb verhüllt gewesen, oder sie hatten so gut in Deckung gestanden, dass auf den Bildern in der Hauptsache eben Deckung, aber kaum etwas von Giraffen zu erkennen war. Es ist nicht einfach, gute Nahaufnahmen von ihnen zu erzielen. Die Tiere sind ausserordentlich weitsichtig, wachsam und scheu, bevorzugen zu dauerndem Aufenthalt die entlegensten, wasserlosesten Gegenden, und gerade sie mit ihrer scheinbar auffälligen Fleckenzeichnung verstehen es, übrigens ebenso gut wie Leoparden und Zebras, mit den lichten Steppenhainen, deren Laubwerk ihnen zur Nahrung dient, zu einem unterschiedslosen Ganzen zu verschwimmen.

So schlug ich mir hier vorläufig die Büffel aus dem Kopfe und konzentrierte mich auf Giraffen. Loldogo wählte die Fährten eines fünfköpfigen Rudels, das aus einem grossen Bullen, zwei Kühen und zwei halberwachsenen Kälbern bestünde, als die verheissungsvollsten aus. Gewissheit, dass die Tiere erst vor ganz kurzer Zeit hier durchgewechselt waren, verschaffte er sich dadurch, dass er seine nackten Zehen in einen Haufen ihrer Losung bohrte und dabei noch warme Temperatur feststellte. Giraffen wandern schnell und weit; ich musste damit rechnen, dass ich ein paar Tage unterwegs sein würde und nahm deshalb ausser den beiden Wandorobbo noch meinen kleinen Boy und zwei Träger mit, die eine Decke, einen Topf und etwas Mundvorrat aufgepackt bekamen. Dann setzten wir uns in Marsch, und es wurde der längste, den ich je auf der Verfolgung derselben Fährte gemacht habe ...

Gegen Abend bekamen wir sie zum ersten Mal in Sicht. Da es heute für eine Aufnahme schon zu spät war, verkrochen wir uns sofort, verbrachten in einem Gebüsch eine leidliche Nacht unter bedecktem, aber regenlosem Himmel, und kurz nach Sonnenaufgang brachten mir dann meine beiden unermüdlichen Wandorobbo die Nachricht, dass die Tiere etwa eine Wegstunde von hier entfernt in einer Baumgruppe ästen. Es sah nach Regen aus, demnach war nicht damit zu rechnen, dass sich die Giraffen späterhin in Schatten stellen würden. Also hiess es jetzt laufen, um sie einzuholen.

Und gelaufen sind wir so, dass ich gegen neun Uhr auf dem Gipfel eines niederen steinigen Hügels liegend, dreimal zu dem Worte »Wapi – Wo?« ansetzen musste, bevor ich es herausbrachte.

Loldogos Hand schob sich behutsam vor und deutete auf eine Baumgruppe: »Dort Herr, siehst Du nicht ihre Köpfe über den Bäumen?«

Vorläufig sah ich dort nur Akazienbäume, und selbst mit dem Glas dauerte es eine ganze Weile, bis ich endlich erkannte, dass jene zwei unbelaubten, knorrigen Äste in den Schirmkronen eben keine Äste, sondern die Hälse und Köpfe von unseren Giraffen waren. Für eine Aufnahme war es ein bisschen wenig, was da zu sehen war, und ausserdem reichlich weit, und eine Möglichkeit, näher an jene isolierte Baumgruppe heranzukommen, war ebenfalls nicht vorhanden. So beobachtete ich die beiden kurz gehörnten Köpfe da drüben weiter und staunte, so oft ich das Glas absetzte, immer wieder über ihr völliges Einswerden mit der deckenden Baumkrone. Die sengende Glut der Sonne hier auf dem schattenlosen Hügel war schliesslich nicht länger zu ertragen. Ich hatte schon die Hoffnung, jetzt etwas zu erreichen, aufgegeben, da erschienen, eins nach dem anderen, die restlichen drei Tiere des Rudels, traten langsam vor die Bäume, standen zuletzt in voller Sicht, von der Sonne, die durch eine Lücke in den heraufziehenden Gewitterwolken brannte, wie in Scheinwerferlicht getaucht: Gelegenheit für eine Tele-Aufnahme. Allerdings eine, die nur noch für Minuten vorhanden war!

In fliegender Hast baute ich die Kamera auf, ein letzter Blick auf die Tiere hinüber, sie standen jetzt sogar noch besser als vorher. Ich drückte auf den Knopf des Schlitzverschlusses, und da sah ich, dass ich in der Eile vergessen hatte, den Kassettenschieber aufzuziehen! Und es erging mir gerade wie damals bei den ersten Versuchen mit den Büffeln – als ich den Schieber heraus- und den Verschluss wieder gespannt hatte, waren die Tiere bereits in Wolkenschatten versunken.

Es war nur einer mehr von den Misserfolgen gewesen, die bei dieser Beschäftigung zum täglichen Brot gehören. Gelassen packte ich meine Kamera wieder ein. Wir glitten auf der hinteren Seite des Hügels hinab, assen noch rasch etwas, dann liessen wir zwischen ein paar grosse, mit Dornenranken überwachsene Steine geduckt, das Gewitter gottergeben über uns ergehen. Es ging diesmal immerhin schon nach ein paar Stunden vorüber, und als der letzte Regen aufgehört hatte, machten sich die beiden Wandorobbo ans erneute Aufspüren und Verfolgen des Rudels. Nach etwa einer Stunde, als ich ein wenig abgetrocknet war, marschierte ich mit den anderen drei Mann ebenfalls los, den abgeknickten Baumzweigen nach, welche die beiden als Wegweiser hinterlassen hatten, marschierte den ganzen Nachmittag hindurch, bis tief in das klare Mondlicht der Nacht hinein, marschierte, marschierte ...

Es mochte gegen zehn Uhr sein, als wir endlich das Signalfeuer erblickten, welches die Spürer auf der Spitze eines Termitenhügels angezündet hatten. Sie verkündeten mir dann, dass die Tiere in dem schattendunklen kleinen Talkessel, der sich hier zu unseren Füssen öffnete, stehengeblieben wären. Eng aneinandergedrückt schliefen wir abwechselnd ein wenig im kalten Nachtwind und horchten und spähten dazwischen immer wieder in die Tiefe, ob die Verfolgten auch noch vorhanden wären. Gegen vier Uhr fing es an zu tröpfeln, dann regnete es, und schliesslich goss es wie aus Eimern herunter. Wir ertranken beinahe, froren wie die Hunde, blieben aber unentwegt hocken.

Ich war selber schon halbtot und meine armen Negerlein waren es fast ganz, als es endlich, endlich aufhörte. Aus dem dunklen Himmel brach ein fahles, graukaltes Licht, und ebenso fahl und grau und kalt traten die Gesichter meiner Leute aus der Morgendämmerung. Von den Giraffen war in dem Dampf, der vom Boden des Tales aufstieg, nichts zu sehen, so führten wir erst eine Art von Kriegstanz auf, um die steifen Gelenke elastisch zu machen. Dann begannen die Schwarzen an Holzstücken herumzuschnitzen, die sich von aussen anfühlten wie vollgesogene Schwämme und brachten tatsächlich noch trockene Späne heraus. Damit wurde endlich ein unsagbar wohltuendes Feuerchen entfacht, und aus einem Topf lehmgelben Regenwassers und einer Handvoll Schmiere, die mein Boy aus dem Rucksack hervorbrachte und die aus feuchtem Tee und Zucker bestand, bereitete ich dann für alle einen Tee, den ich in Anbetracht der Umstände und unter den erwartungsvoll aufgerissenen Augen von fünf frierenden Negerlein noch mit einem kräftigen Schuss Whisky würzte.

Als sich die Wasser etwas verlaufen hatten, preschten wir schon wieder auf der Suche nach den Giraffenfährten durch den triefenden Steppenwald auf der Talsohle, entdeckten sie auch bald, rund und tief wie Waschschüsseln, ganz frisch in den durchweichten Boden eingedrückt, und stiefelten ihnen in durchbrechendem Sonnenglanz wiederum hoffnungsfreudig nach.

Eine Stunde darauf hätte ich beinahe wieder eine Aufnahme bekommen – beinahe! Diesmal neigte sich im entscheidenden Moment das Stativ in dem weichen Boden nach vorn, ein zweiter Versuch kam dort nicht in Frage, weil die Tiere im Gehen und bereits wieder durch Bäume verdeckt waren. Parallel zu ihrer Richtung drückte ich mich noch eine gute Stunde lang durch die Bäume, auf einen günstigen Moment hoffend, doch ein solcher bot sich in dem unübersichtlichen Gelände nicht wieder. Als ich schliesslich, schier verzweifelt, ein Stück weit direkt auf sie zugeschlichen war, ging auf einmal dicht vor mir eine kleine Antilope, wahrscheinlich ein Buschbock hoch, der weiter draussen einen einsamen alten Gnubullen in panischen Schrecken versetzte und die beiden veranlassten natürlich auch meine Giraffen zum plötzlichen Flüchtigwerden. Gewindet oder gesehen hatten sie mich bestimmt nicht, ausserdem setzte unmittelbar darauf ein erneuter Regen ein – andernfalls hätte ich dieses Rudel wohl nie wieder vor die Augen bekommen. So hatten wir sie, als der Schauer gegen Mittag aufgehört hatte, nach dreistündiger Verfolgung bereits wieder in einer flachen, mit hohem Gras und einzelnen Büschen und Bäumen bestandenen Talmulde fest. Nunmehr war ich allmählich in eine Gemütsverfassung geraten, die mich fürchten liess, dass ich bei dem nächsten missglückten Versuch unfehlbar tobsüchtig werden würde.

Die Wandorobbo bekamen Auftrag, sich zu beiden Seiten auf der Höhe zu verstecken, um die Giraffen, falls sie sich in Bewegung setzten, zu zwingen, auf der Talsohle entlang zu laufen. Mein kleiner Boy, es war ein Junge von knapp zwölf Jahren, trug mir das Gewehr und ein Träger die Kamera nach, da ich in der dichten Vegetation hier unten freie Hände brauchte. Irgend ein Luftzug war augenblicklich überhaupt nicht festzustellen, so kroch ich, mit der Sonne im Rücken, einfach geradewegs auf die Stelle zu, wo wir die langen Hälse zuletzt gesehen hatten. Ich war, geduckt, stellenweise auch kriechend, noch nicht weit gekommen, als meine tastende Hand in einen Haufen Büffellosung hineintappte, und – die Losung war warm! Und gleichzeitig wurde mir auch bewusst, dass der schwere Dunst, der hier die ganze Vegetation durchtränkte, Büffelgeruch war.

Auf Büffel war ich hier nicht gefasst gewesen: ihre Anwesenheit machte mir die Situation ein bisschen unheimlich und auf jeden Fall schwieriger. Aber aufgeben, jetzt wo ich diesen verwünschten Giraffen schon zwei Tage lang und dabei gut sechzig Kilometer weit nachgelaufen war? »Nein!« knurrte ich verbissen und schob mich weiter, »Büffel, oder nicht Büffel, diese verdammten Giraffen ... ei verflucht!« Um einen Busch herumlugend, hatte ich den unerwarteten und vollen Anblick eines riesigen Bullen, der auf einer offenen Suhle stand und den erhobenen Kopf langsam hin und her drehte! Augenscheinlich hatte er eine unbestimmte Witterung von den beiden Spürern da oben. Der kleine Saidi hinter mir sah ihn jetzt ebenfalls. Er packte mich am Fuss und wies mit zitterndem Zeigefinger auf die dunkle Riesengestalt. Ich winkte ihm zu sich zurückzuziehen, tat ziemlich eilig dasselbe, und ein Stück weiter hinten hub ich dann wiederum an nachzudenken und mir den Kopf zu kratzen. An die Giraffen heranzukommen, war nunmehr ausgeschlossen, zwischen ihnen und mir stand der Büffel, standen wahrscheinlich sogar viele Büffel. Ein Sichvorbeischlängeln kam nicht in Frage, denn das Tal war nur schmal, und vom anderen Ende ging's ebenfalls nicht, denn dort stand es unter Wasser, wie wir von droben gesehen hatten. Die Hoffnung auf ein Giraffenbild war aus, denn noch weiter konnten wir ihnen nicht nachrennen, wir waren am Ende unseres Proviants und unserer Kräfte. Also alles vergeblich gewesen! ... Eine wilde Wut überkam mich. »Nein! Dann soll wenigstens der alte Ochse da vorn ein Bild liefern!«

Ein paar Minuten darauf war ich wieder vorn, der Bulle stand noch am alten Fleck und schien sich immer noch nicht klar zu sein, ob er etwas windete oder nicht. Ich hatte die Kamera aufnahmebereit gemacht, da hörte ich links von mir, ein Geräusch in den Büschen. Beunruhigt spähte ich hinüber und in sprachloser Wut sah ich den Wollkopf des Trägers Pesambili aus dem Gezweig hervor- und sichernd das Tal hinauf- und hinunterlugen. Er hörte weder mein warnendes Zischen, noch sah er den Büffel, der unglücklicherweise durch einen kleinen Busch für ihn verdeckt war. Mit stillem Ingrimm beobachtete ich wie der Kerl, zwei leere Kalebassen in der Hand, hervortrat und auf die nächste Lache zuging, um die Gefässe darin zu füllen.

Er kam natürlich nicht weit; gerade als ich auf alles verzichtend, losbrüllen wollte, hatte ihn der Bulle erspäht und im nächsten Augenblick sah ich wieder einmal ein Negerlein ums liebe Leben rennen. Es entwischte zwar dem hinter ihm dreinfegenden alten Satan und fuhr, behende wie ein Affe und mit Geprassel an einer Dumpalme empor, aber der Bulle kehrte, in weitem Bogen um den Baum herumgaloppierend, daraufhin stracks zu seinen Kühen ins Dickicht zurück und gleichzeitig kam eine neue Regenwand über die Steppe heran.

Jetzt fluchte ich nicht einmal mehr, ich packte nur stumm meine Kamera zusammen und machte mich, zum Sterben müde, auf meinen langen, langen Heimweg ins Lager.

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