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Meine Brüder im stillen Busch in Luft und Wasser

Artur Heye: Meine Brüder im stillen Busch in Luft und Wasser - Kapitel 2
Quellenangabe
authorArthur Heye
titleMeine Brüder im stillen Busch in Luft und Wasser
publisherBüchergilde Gutenberg
year1945
illustratorJulius Arnfeld
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180612
projectid4af5c644
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Zebras und Antilopen

siehe Bildunterschrift

Zebras

Es war in den ersten Tagen meiner afrikanischen Freiheit, auf dem ersten Pürschgange, nachdem ich endlich meine Verpflichtungen als weltreisender Reporter hatte lösen können, um in Afrika zu bleiben und Tieraufnahmen zu machen – in jenen unvergesslichen ersten Tagen, als Afrika noch neu für mich war.

Ich wollte mit dem Photographieren von Gnus und Zebras beginnen; beide waren hier in der Wildsteppe von Ol Matun am zahlreichsten vertreten. In unbeschreiblicher Plastik lag die Landschaft vor mir. Soweit das Auge reichte, unendlicher Raum, unendliche Klarheit, unendliche Stille. Von einem zarten graugrünen Schimmer umwoben, oder auch mit weissen oder rosafarbenen Blüten bedeckt, standen die niederen breitästigen Bäume der »Obstgartensteppe« im blendenden Sonnenlicht: wie stillglühende Fackeln die hohen schlankspitzigen Termitenhügel, weisschimmernd wie Steinsäulen vereinzelte, abgestorbene Stämme. Trockene Wildlosung, Vogelfedern, mannigfach gefärbte Haarbüschel, verwehtes Laub und dürre Zweige bedeckten den rötlichen, steinhartgebrannten Boden, knackten leise unter meinem vorsichtigen Tritt oder lösten sich auch, von Termiten bis auf eine papierdünne Rinde ausgehöhlt, lautlos in Staub auf. Phantastische Laute drangen aus den Kronen der Bäume durch die brütende Einsamkeit, schnarrende, zischende, bellende und pfeifende, oder metallischklingende, als ob kleine Hämmer auf silberne Platten schlügen – die Rufe unbekannter Vögel. Zitternd verklangen die Töne, tiefes feierliches Schweigen sank wieder über die Wildnis: das brünstige Gurren eines einsamen Taubers verstärkte es nur, gab ihm den schwermütigen Zauber unendlicher Verlassenheit.

Etwas Weisses weit voraus fesselte meinen Blick, langsam ging ich darauf zu, bemühte mich zu erkennen, was es für ein Tier sein mochte, denn die heisse Luft über dem Boden liess alle Umrisse zittern und tanzen. Zuletzt nun sah ich, dass es gar kein Tier und gar nicht so weit weg war, dass ich schon dicht davor stand: ein paar grosse, schneeweiss gebleichte Knochen, daneben ein klobiger Schädel, Ameisen wimmelten in seinen leeren Augenhöhlen – die Überreste einer grossen Antilope, vielleicht auch eines Büffels. Gleich dahinter lief eine scharfe, wohl in den letzten Schauern der Regenzeit getretene und erhalten gebliebene Fährte querüber, runde Katzenpfoten, so gross wie ein Teller, ein Löwe war hier vorübergegangen.

Ich wollte eigentlich in die Weite hinaus nach Tieren ausschauen, aber ein paar Schritt weiter war schon wieder etwas Interessantes auf dem Boden zu sehen; zwei schwarze Pillendreher, die eine Mistkugel wälzten. Sie arbeiteten mit Anspannung aller Kräfte daran, und doch kam sie nicht von der Stelle. Schliesslich erkannte ich, dass jeder von den beiden unsinnigen Käferkerlen nach einer anderen Richtung drehte. Eine Weile ging der Leerlauf so weiter, dann verliessen den einen die Kräfte, doch er liess nicht los, und so wurde er von dem andern einfach mit herum und unter einen Haufen dürrer Blätter gedreht. Er lag am Rande einer Gruppe blühender Gerberakazien, goldene Strahlen fielen durch ihr Geäst, woben Licht und Schatten durcheinander und malten zitternde Kringel auf den Boden.

Einer blaugrünschillernden Eidechse mit den Augen folgend, tat ich einen leisen Schritt vorwärts – da schlug ein bellender Schreckton an mein Ohr, ein Schnauben, Trappeln und Stampfen, und das flirrende Lichtgewebe löste sich auf in Dutzende von wildbewegten, drängenden, davonstürmenden Tierformen. Hier, dreissig Schritt entfernt und unbemerkt von mir geblieben, hatte ein ganzes Rudel Zebras gestanden, war eins gewesen mit den gefleckten Stämmen, dem feinen zitternden Laub und Gezweig der Bäume, dem ganzen gaukelnden Spiel des Lichtes.

Erstaunt, und auch ein bisschen ärgerlich über meine Blindheit, schaute ich den gebänderten Leibern nach, die zwischen den Bäumen dahin schossen, verschwammen, verschwanden und wieder eins wurden mit ihrer flimmernden, lichtübersprühten Umgebung. Mit verdoppelter Aufmerksamkeit ging ich weiter, aber trotzdem geschah es mir noch mehrere Male, dass sich Tiere in meiner unmittelbarsten Nähe plötzlich herauslösten aus diesem flimmernden Zauberwald. Vor meinen Füssen sprang ein Ducker auf, er war kaum grösser als ein Hase, und, als wollte mir Afrika seine kleinste und seine grösste Antilopenart hintereinander vor Augen führen, wurden gleich darauf die mächtigen dunklen Gestalten von Elenantilopen vor mir flüchtig, Tiere, die grösser und schwerer sind als Rinder.

Noch leiser und behutsamer und noch angestrengter jeden dieser täuschenden Schatten beobachtend, pürschte ich weiter, einer flachen Bodenwelle mit vereinzelt stehenden Bäumen zu. Dahinter war nichts als der weissglühende Himmel zu sehen; demnach musste sich jenseits eine Senke, wahrscheinlich ohne Baumbestand erstrecken. Jede Deckung benutzend, schlich ich darauf zu; da sah ich links voraus sich etwas bewegen, sank daraufhin sofort in die Knie und verharrte reglos. Der fast unmerklich leise Lufthauch, der über die Steppe wehte, kam von den Tieren her, sie konnten mich also nicht wittern und auch kaum sehen, solange ich mich nur nicht rührte. Bald hatte ich sie in voller Sicht, einen grossen Trupp Zebras, vielleicht denselben von vorhin.

Langsam zogen sie unter den Bäumen dahin, gravitätisch nickend, mit den Schwänzen die runden, glänzenden Leiber schlagend. Eine Stute blieb einen Augenblick stehen, stiess ein leises, lockendes Wiehern aus, hinter einem Gebüsch prallte daraufhin in übermütigen Sprüngen ein Fohlen vor, steckte den Kopf unter den Leib der Alten, warf sich aber plötzlich zurück und hopste, neckend ausschlagend, wieder davon. Die Stute stampfte ärgerlich den Boden, tat einen schnellen gereizten Biss nach dem Widerrist eines Kameraden, der sie gestreift hatte, fegte dann ihrem Jungen nach und trieb es der Mitte der gemächlich weiterwandernden Herde zu. Aber es brach wiederum aus und hoppelte auf stöckrigen Beinen, neugierig den Kopf hin- und herwerfend, einer grossen Schirmakazie zu, in deren Schatten etwas Erstaunliches im Gange war. Zwei junge Hengste fochten hier ein wildes Duell mit Hufen und Zähnen aus, Laub und Erde spritzten unter ihren stampfenden Tritten. Einen Augenblick standen sie beide wie Zirkuspferde auf der Hinterhand, droschen mit wirbelnden Hufen aufeinander los, ihr heisses dumpfes Schnauben drang bis zu mir.

»Teufel, wenn ich das doch kriegen könnte!« Prüfend sah ich nochmals auf die Mattscheibe, doch ich schüttelte den Kopf. »Nein, es geht nicht, es geht nicht, viel zu dunkel dort – Schade, wenn –« da lachte ich leise auf, in das Bild war plötzlich ein drittes Zebra wie ein Teufel hereingeschossen und prallte in solch ungestümer Wucht mit einem der Kämpen zusammen, dass er das Gleichgewicht verlor, auf den Rücken krachte und eine Sekunde lang all seine vier Hufe wild die Luft droschen. Es war die gereizte Mutterstute; sie schoss sofort weiter auf seinen Gegner zu, aber den verliess auf einmal der Mut, mit einem Sprunge warf er sich aus der Schusslinie und galoppierte davon, und mit ärgerlichen Kopfstössen trieb die Alte ihr Füllen nochmals zwischen die wogenden Streifenleiber der anderen hinein.

Langsam verschwanden die letzten dieser wunderschönen Tigerpferde unter den Bäumen. Ich wollte mich gerade erheben, da tauchte noch etwas hinter ihnen auf. Dunkle, stämmige Gestalten waren es, über zottigen Köpfen glänzten breitgeschwungene Gehörne. Eine kam so dicht bei mir vorüber, dass ich die roten Augen in dem Waldteufelgesichte sah, den weissen Knebelbart über der Wamme und einen Fladen von getrocknetem, rissigem Mist an seiner Flanke erkennen konnte. Sobald ich die geringste Bewegung machte, musste das Tier mich sehen; so liess ich die Kamera in Ruhe und den Gnubullen mit seiner Herde weiterziehen. Mit ihren gedrungenen, schwarzbraunen Leibern, ihren dicken Hälsen und breitstirnigen Köpfen sahen sie eigentlich komischen kleinen Rindern weit ähnlicher als Antilopen. Mitten aus ihrem dunklen Gewimmel leuchtete die freudige Streifenzeichnung einiger einträchtig mittrabender Zebras heraus.

Die von der Herde aufgewirbelte Staubwolke benutzend, wollte ich aufs neue hoch und weiter, aber nochmals erstarrte ich, schon halb aufgerichtet in der Bewegung. Auf der Spur der Gnus wurden wiederum andere Gestalten sichtbar. Sie waren etwas weiter weg; erst nach langem geducktem Spähen erkannte ich, dass es Wasserböcke waren, vier oder fünf Tiere, die da, die Hälse vorgebogen, die Köpfe mit den hochgeschwungenen Gehörnen stolz erhoben, in steifem Schritt vorüberzogen. Abgesondert von ihnen trottete ein gleich starker Trupp von Kuhantilopen. Mit ihren eckigen Köpfen und Gliedern, dem dünnen leierförmigen Gehörn, das unorganisch, wie in einem hohen, auf den Kopf geklebten Wulst sitzt, sind es die ungefälligsten unter den hundertfältigen Gestalten der grossen Antilopenfamilie. Auch sie, wie schon die Zebras und Gnus vor ihnen, zogen auf den Kamm des Hügels zu und verschwanden dahinter.

Nach ihnen tauchte endgültig nichts mehr auf in den sonnenflammenden Tiefen des Steppenhaines, ich konnte mich endlich erheben und geduckt weiterschleichen, ebenfalls jenem Hügelrücken zu. Gras- und Baumwuchs wurden weiter voraus immer spärlicher, immer weniger deckunggebend. Die letzten vierzig, fünfzig Schritt rutschte ich bäuchlings auf dem brennendheissen Boden dahin. Keuchend, dornengespickt, Gesicht und Brille mit einer Schmiere von rotem Staub und Schweiss bedeckt, landete ich endlich hinter einem einzeln auf der Höhe stehenden Busche mit hartem, lorbeerartigem Laub, erschrak noch, als ich behutsam den ersten Zweig hochbog, vor einem buntgefleckten Leguan, der prasselnd und fauchend herausgefahren kam, kroch jedoch entschlossen so tief hinein wie möglich, und putzte drinnen aufschnaufend erst einmal meine Brille. Dann lugte ich durch die Zweige, und der Mund blieb mir offen stehen ...

Vor mir dehnte sich eine weite flache Senke, mit kurzem, frischgrünem Grase bestanden, nach Osten begrenzt von den starren Formen einzelner Kandelaber-Euphorbien und Borassuspalmen und den klobigen, urweltlichen, bereits in heissgrauem Dunst verschwimmenden Formen eines gewaltigen Affenbrotbaumes, nach Süden und Westen offen, ganz allmählich ansteigend zu höheren, felsgekrönten Hügeln und in weiter, weiter Ferne umrandet von den blauen Schatten hoher Bergzüge. Doch was sich zwischen den Grenzen dieser Landschaft offenbarte, war fast unwirklich, war wie das Bild, das sich eine in ferne Vergangenheit zurückträumende Phantasie vom Paradiese schafft. Und war und blieb dennoch Gegenwart und Wirklichkeit, durch sachliche Brillen- und Feldstechergläser gesehen ...

Die Senke war buchstäblich bedeckt mit Wild, war ein einziger ungeheurer Tiergarten. Einzeln, in Gruppen und in grossen wimmelnden Herden tummelten sich seine vielgestaltigen Bewohner auf der weiten Fläche. In der Hauptsache Zebras, überall Zebras, viele Hunderte, vielleicht Tausende, und in ihrer Gesellschaft Gnus, auch sie in unendlicher Zahl. Und zwischen ihren kompakten schwärzlichen Haufen Trupps von Elen-, von Schwarzfersen-, von Kuh- und Oryxantilopen, von Wasserböcken, Grant- und Thompsongazellen. Äsend, langsam ziehend, in weiten Sätzen über den Boden fliegend, oder sich in seinem roten Staube wälzend, ruhend oder einander jagend in Spiel und Kampf formte diese Fülle von Tiergestalten ein Schauspiel von wilder, weltenferner Schönheit. Lange lag ich, vielleicht Stunden hindurch, völlig zeitvergessen und nahm es in seiner Gesamtheit auf. Wie betrunken liess ich schliesslich den Kopf sinken und lag eine Weile mit den Händen vor den Augen, bis ich aufs neue das Glas hinausrichten und Einzelheiten aufnehmen konnte.

Zwischen Gazellen und Zebras hindurch kreuzten drei Strausse über die Fläche, nur ihre langen Hälse überragten die rotbraunen, weissgefleckten Rücken der Gazellen. Sie verschwanden hinter einem Termitenhügel, einer trat an der andern Seite hervor, schlug die kurzen Flügel, ging wieder hinter den Hügel zurück, noch ein einzelner kam nach und gesellte sich zu ihnen, und ihm folgten wiederum lange Hälse, noch längere, in weiter Ferne; die Hälse von Giraffen. In ruckender, gelassener und doch rascher Bewegung schoben sie sich draussen über die Ebene, wurden in ganzer Grösse einmal sichtbar, dann wieder von Wildmassen verdeckt, und verschwanden schliesslich schaukelnden Ganges zwischen den Euphorbien und Borassuspalmen. Auf sandiger Stelle neben einem Termitenhügel, nicht viel über hundert Meter von mir entfernt, nahmen drei Gnus ein Staubbad, sie wurden von einem einzelnen Zebra verdrängt, das den ganzen Platz für sich allein brauchte, bis dieses wiederum vor einem riesigen, blaugrauen Elenbullen, der gelassen heranschritt, respektvoll und eilig das Feld räumte. Hinter äsenden Kuhantilopen sprangen auf einmal zierliche Gazellenkörper leicht und elastisch wie Federbälle empor, flogen in hohen mühelosen Bögen über ein paar ruhende Gnus hinweg, mit einigen weiteren Sprüngen heran, umkreisten trippelnd, mit den kurzen hellen Wedeln zuckend, den behaglich schnaufenden Elenbullen und wälzten sich gleich darauf furchtlos Leib an Leib mit dem Riesen im warmen wohligen Staube. Und auf einmal geschah etwas ganz und gar Unwahrscheinliches: Hinter einem Getümmel von Zebras hervor brachen zwei weibliche Elen, und das eine, grössere, ein Tier von dem Gewicht eines Ochsen, setzte mit demselben fliegenden Sprunge über die lagernden Gnus hinweg, wie vor ihm die leichten, kaum ziegengrossen Gazellen – mir schien, als schwebte der mächtige Körper wie von unsichtbaren Flügeln getragen durch die Luft – und federnd, ohne hörbaren Aufschlag landete er dicht vor der Suhle und warf sich in weichem Schwunge neben den Bullen in den aufwirbelnden Staub.

In etwa zweihundert Meter Entfernung, etwas rechts vor mir, erhob sich ein anderer grösserer Termitenbau. Auch an seiner Basis leuchtete der rötliche weiche Boden einer Suhle. Aber sie wurde von keinem Tier benutzt, keins hielt sich auch nur in seiner Nähe auf; wiederholt hatte ich Neuankömmlinge daraufzutraben, jedoch stets davor Halt machen, äugen und winden, und zögernd wieder seitab gehen sehen, ohne dass ich herausfinden konnte, aus welchen Gründen sich das Wild dort weghielt. Nach einer tumultuarischen Balgerei zwischen drei possierlichen, noch ganz kleinen Gnukälbern, die sich dicht vor mir abspielte und in die sich sogleich wieder ein zanksüchtiges Zebra eingemischt hatte, wurde mein Blick auf einen grossen Schatten gelenkt, der über meinen Busch wegschwebte – es war der eines Marabus. In ruhigem Fluge strich er zielbewusst auf jene, von allen gemiedene Termitenburg zu, liess sich auf der höchsten Spitze nieder, klapperte einmal schallend mit dem Schnabel, zupfte sich ein paar Brustfedern zurecht, zog dann den Kopf zwischen die Schultern und das eine Bein hoch, und betrachtete tiefsinnig ein paar hell gefiederte Vögel, die dort schon längere Zeit auf einem grossen grauen Stein herumgepickt hatten. Da bemerkte ich, dass sich die Köpfe fast aller Tiere in meiner Nähe plötzlich hoben, sich ebenfalls dorthin richteten, lauschend und wie auf etwas wartend. Ich schwenkte den Feldstecher wieder herum, auf den Stein zu, und – hatte ein Nashorn vor den Gläsern! Eine ganze Weile stand es still, so reglos wie der Stein, der es scheinbar vorher gewesen war, das schwertförmige Vorderhorn und sein ganzer gewaltiger, staubbedeckter Körper glühten in den Strahlen der tiefersinkenden Sonne wie aus Kupferbronze gegossen; über seinem glatten breiten Rücken kreisten flatternd die weissen Vögel und in geruhsamer Betrachtung schielte der Marabu von seiner Zinne darauf hinunter.

Ein dunkler, fast schwarzer Gnubulle stand abgesondert von den anderen, allein dem Nashorn gegenüber. Er hielt die Vorderläufe weit gespreizt, den struppigen Kopf tief und erwartungsvoll gesenkt – er brauchte nicht lange zu warten! Auf einmal setzte sich der Koloss in Bewegung, eine Bewegung die sich im Laufe von Sekunden schon zu verblüffender, unheimlicher Geschwindigkeit gesteigert hatte. In groteskem Hopser warf sich der Bulle in der Luft herum, stob, den Schweif kerzengrade hochgereckt, davon, dass die Erdschollen flogen, auf die dunkle Phalanx seiner Herde zu, die im gleichen Augenblick ebenfalls, gleichmässig und exakt wie eine Kavallerieschwadron, kehrt machte, und dann dröhnend, donnernd, staubwirbelnd schräg links an mir vorüber galoppierte und die ganze gedrängte Masse der Zebras, die Rudel von kleinen und grossen Antilopen, und weit hinter mir am Waldrand noch weitere Trupps von ruhig äsenden Tieren, die gar nicht wussten, was los war, in die allgemeine Flucht mitriss.

Als sich die Staubwolken gesenkt hatten, war nichts Lebendiges mehr in meiner Nähe zu sehen als der Dickhäuter, der still und allein im Grase stand, den Kopf nachdenklich gesenkt, so als ob er vergessen hätte, was er eigentlich wollte. Er war jetzt etwa noch achtzig Meter von mir entfernt, stand in fast gerader Linie nach meinem Busch gerichtet. Ich konnte die dicken Borsten an seiner schwarzen Muffel und den aufgerichteten Ohren, seine in tiefen Falten versteckten kleinen Augen und sogar ein paar Risse und Sprünge auf der mattglänzenden Krümmung seines Vorderhorns erkennen – trotzdem mein Glas, oder vielmehr die Hand, die es hielt, leise wackelte! Sah er mich? – Er stand wieder so reglos wie vorhin da drüben am Termitenhügel und rührte sich nicht. Minuten vergingen, ich konnte das Glas nicht mehr halten, liess es unendlich langsam und vorsichtig sinken, den Blick unverwandt auf den ungeschlachten Schädel haltend. Noch immer stand er reglos, einer der weissen Vögel setzte sich auf seinen Nacken und begann gleichmütig zu picken, da wagte ich das Glas wieder anzusetzen und durch die scharfen Linsen erkannte ich jetzt, dass der Dickhäuter, der mir da gegenüberstand, einfach eingeschlafen war! Mindestens waren jetzt seine Augen fest geschlossen.

In flüchtigen Sprüngen huschten mir Erinnerungen an Gehörtes und Gelesenes durch den Kopf: »Die Vögel sind Madenhacker – stetige Begleiter der Nashörner, Wachtposten. Sobald sie mich bemerken, warnen sie ihren Freund! – Er hat mich nicht gesehen, Nashörner haben schlechte Augen, aber sie wittern besser als fast alle anderen Tiere! Es ist spät am Tage, jeden Augenblick kann jetzt der Wind umspringen! – Ich habe kein Gewehr mit, und der nächste Baum ist gut sechzig Meter weit – Was tun?«

Ich wusste nicht, was tun, sah unruhig, wie der Schatten meines Busches immer weiter hinabkroch in die Senke, legte für den Fall, dass der Wind wirklich umsprang und ich rennen musste, alles, was mich dabei hindern konnte, Kamera, Glas, Feldflasche und Jagdtasche behutsam ab, liess aber dabei keine Sekunde jene tierische Lokomotive aus den Augen, die da so still im Grase stand – ich wusste, sie war immer unter Dampf.

Ein Rauschen über mir, das die brütende Stille der einsam gewordenen Steppe unterbrach, liess meine gespannten Nerven zusammenzucken, ein Ast knackte in der kümmerlichen Krone eines Akazienbäumchens links von mir, und ein hallendes Klappern folgte. Ich wagte nicht, mich umzusehen, wusste ohnehin, was es war, hob nur, bereit es sogleich wieder wegzuwerfen und die längsten Sätze meines Lebens zu machen, das Glas vor die Augen – der Dickhäuter war erwacht, blinzelte verschlafen, jedoch mit sehr wachen, steil aufgerichteten Ohren nach der Akazie hin, sah sich ein paarmal verdrossen nach rechts und links um, ob niemand da war, an dem er seinen Zorn über das Gewecktwordensein auslassen konnte, schnaufte missmutig vor sich hin, drehte sich dann langsam um und bummelte, umflattert von seiner weissgefiederten Leibgarde, wieder nach der Termitenburg zurück.

Auch ich tat einen erleichterten Schnaufer, warf dem alten Marabu auf der Akazie einen dankbaren Blick für sein Geklapper zu und war schon zwei Minuten später unter den leicht besteigbaren Bäumen des Steppenhaines auch vor dem übelgelauntesten Nashorn sicher. Auf einem weichen Grasfleck musste ich mich erst eine Weile hinsetzen, ich fühlte mich plötzlich recht müde und abgespannt. Nichts strengt ja mehr an als stundenlanges intensives Beschauen von irgend etwas, von dem eines Nashorns ganz zu schweigen. Grimassenschneidend verleibte ich mir den jauchigen Rest meines Kaffees ein, steckte ein Zündholz für eine ausgleichende Zigarette an – und hielt es in der Luft, bis ich mir die Finger verbrannte. Jetzt erst kam mir zum Bewusstsein, dass ich ja nicht eine einzige Aufnahme gemacht, in all den langen Stunden überhaupt nicht mit einem Gedanken daran gedacht hatte!

Ich sass lange unter dem Baum und schüttelte immer wieder den Kopf über mich selbst, sass so lange, bis das unsagbar klägliche Geschrei heimwärtsfliegender Nashornvögel, das letzte träumende Rucksen von Wildtauben in den von goldroter Abendglut durchfluteten Tiefen des Haines mich an meinen weiten Heimweg mahnte. Ich hatte sehr still gesessen; als ich endlich aufstand, stob ein Volk von Frankolinen aus meiner unmittelbaren Nähe weg, die orangefarbenen Hälse der Hühner funkelten in dem unbeschreiblichen Licht des afrikanischen Sonnenuntergangs wie Metall, ein Pärchen entzückend winziger und zierlicher Zwerggazellen verhoffte, als ich raschen Schritts um einen Dornbusch bog, und sah mich eine Sekunde lang aus grossen dunklen Märchenaugen an, bevor beide wie Schatten verschwanden; in ferner Tiefe zogen, in Goldstaub gehüllt, die nickenden, feierlich trabenden Gestalten von Zebras unter glutüberhauchten Bäumen nunmehr wieder steppenwärts und die dumpfen Trommellaute einfallender Hornraben begleiteten ihren Ausmarsch aus dem Wald.

Als ich unter den letzten Bäumen hinaustrat in die Parksteppe, in der wir unser Lager errichtet hatten, sah ich gerade noch den obersten Rand der Sonnenscheibe hinter einer zerrissenen, zerklüfteten Wolkenwand verschwinden. Ein Flammenmeer brach über den weissen Massen hervor und vergoldete und durchglühte ihre Spitzen und Türme: verklärt und unirdisch leuchteten sie da oben auf wie Tempel und Gralsburgen. Rasch verloderte die letzte farbige Glut am Himmel, noch ein kurzes, geisterhaftes, kalkgrünes Leuchten wie von der Erde selbst ausgestrahlt, huschte über die einsame Wildnis, dann war es Nacht. Und unmittelbar mit ihrem Kommen hallte das tiefe dröhnende Gebrüll eines Löwen aus den schwarzen Schatten einer Bauminsel heraus, wurde fern auf den felsigen Hügeln aufgenommen und beantwortet, rollte wie schütternder Donner über die weiten Flächen und verklang in stossweisen dumpf keuchenden Lauten in der dunklen Einöde. Ich blieb einen Moment stehen und orientierte mich über meine Richtung; die weichen Schwingen von Trauerkiebitzen strichen in stummem Fluge an meinem Gesicht vorüber wie Geisterhände. Schliesslich sah ich weit voraus unter Dumpalmen, deren schwarze Kronen hoch in den sternenfunkelnden Himmel ragten, das rote Pünktchen unseres Lagerfeuers glühen, und eine halbe Stunde später sass ich daneben, in wohligem Ausruhen auf mein Abendessen wartend, starrte in die knisternden Flammen und sah darin alle die Gestalten der Wildnis wieder, Nashorn und Marabu, gewaltige Elen und winzige Böckchen, schwarzzottige, drollighopsende Gnus und endlose Reihen von nickend dahinziehenden Tigerpferden ...

Ich habe sie in den folgenden, langen Jahren immer wieder gesehen, diese Tigerpferde, häufiger und zahlreicher als jedes andere Wild, habe am Mount Elgon, in der Serengeti, und in den Massaisteppen weite Flächen bedeckt gesehen mit Tausenden und Abertausenden ihrer Art, habe viele, viele Stunden damit verbracht, sie zu beobachten, zu photographieren und zu filmen, und habe auch währenddem eine ganze Anzahl geschossen. Meine Leute wollten wenigstens dann und wann einmal etwas anderes als ihren ewigen Maisbrei essen und auch ich selbst schätzte das saftige Zebrafleisch fast mehr als alles andere Wildpret, ausgenommen vielleicht das von Elen. Die allermeisten Zebras aber erlegte ich, musste ich erlegen, drunten in der Umbasteppe im Jahre 1915. Dort hatte ich eine Kompagnie von mehr als dreihundert hungrigen Mäulern mit Fleisch zu versorgen. Doch das war keine Jagd mehr, und durchaus keine Freude. Aber weil ich überwiegend Zebrafleisch in jene hungrigen schwarzen Mäuler stopfte, erwischte ich damals meinen endgültigen Eingeborenennamen von ihnen, so wie ja jeder Europäer nach irgend einer Äusserlichkeit oder Eigentümlichkeit einen erhält. Meiner war »Bwana Pundamelia« – der Herr Streifenpferd. Und sie wussten dabei noch nicht einmal mit wieviel Recht sie ihn mir gegeben hatten! Selbstverständlich habe ich mich auch gehütet, es ihnen zu sagen. Nur hier will ich es noch einmal kurz, wie es solch einer blamablen Sache zukommt, erwähnen. Jedoch bitte ich die Leser dieses Buches, den Negern Ostafrikas gegenüber keinen Gebrauch davon machen zu wollen.

Es war einfach so, dass ich damals, in meiner Reporterzeit, immer möglichst sensationelle Photos für mein Blatt machen sollte, und ein solches würde es, wie mir durch den Kopf schoss, geben, als ich in Nairobi von zwei »zugerittenen und völlig verlässlichen« Zebras hörte, die da zu vermieten wären. Ich glaubte das, denn damals kannte ich den Charakter von Zebras und die Geschichte all der misslungenen Versuche, sie dem Menschen dienstbar zu machen, noch nicht. Ich wurde auch bald mit dem griechischen Besitzer der Tiere über den Mietpreis einig, sprang dem einen der beiden »Reittiere« sofort auf den Rücken und war damit in eine der lächerlichsten und verrücktesten Situationen meines Lebens gesprungen! Das gestreifte Untier begann nämlich sogleich in einer Weise zu toben und zu bocken, wie ich es noch mit keinem texanischen Bronco erlebt hatte, versuchte mich abwechselnd in die Dornen zu werfen oder an eine Wand zu kleben, setzte dann plötzlich über den Zaun und raste in wahnsinnigem Galopp die Strasse entlang. Und, das Schlimmste, sein Genosse brauste hinterher und versuchte dauernd, mich mit seinen gelben Zähnen an den Beinen oder am Sitzleder zu packen! So sausten die beiden Teufelsbiester mit mir durch die belebteste Strasse der Hauptstadt von Britisch Ostafrika, und sie wären vielleicht mit mir noch bis Somaliland weitergesaust, wenn sie nicht schliesslich an einer Ecke einen Radfahrer über den Haufen gerissen und mich dabei in einen Stapel leerer Benzinkannen geworfen hätten. Ich bin daraufhin am anderen Morgen von Nairobi abgereist. – Wie über alles, muss man eben auch über Zebras erst Kenntnisse und Erfahrungen sammeln.

Dasselbe galt übrigens auch für Gnus, wie ich gerade tags zuvor bei einem Photographen in Nairobi festgestellt hatte. Es war so zugegangen: Als ich kurz nach meiner Landung in Ostafrika zum ersten Mal ein Rudel dieser Tiere in Freiheit zu Gesicht bekam, hielt ich sie in meiner Unkenntnis für Büffel. Ich sah sie allerdings auf sehr grosse Entfernung und wusste damals noch nicht, wie unglaublich die eigentümlichen atmosphärischen Verhältnisse auf den Hochsteppen die Dimensionen und Distanzen gesichteter Objekte verändern können. Ich war sofort entschlossen, den dunklen Gesellen da draussen mit der Kamera auf den Leib zu rücken – wobei ich auch wiederum davon nichts wusste, dass Büffel unter Umständen sehr gefährlich werden können. Nach Meinung fast ausnahmslos aller Jäger sind sie überhaupt die gefährlichsten Tiere Ostafrikas.

Die Schleichtour an jene vermeintlichen Büffel heran war und blieb eine der anstrengendsten, die ich je gemacht habe. Sie hat neun Stunden gedauert, das heisst, nur der Hinweg. Zwischen meinem Hügel und den Tieren lagen auf zwei Kilometer Wegs geschlossene Dornendickichte, ferner drei tief eingerissene Regenwasserschluchten, »Korongo« werden sie drüben genannt, und zuletzt noch – ein schlafendes Nashorn. Schon bis zu der Begegnung mit ihm hatten mein Anzug und meine Haut eigentlich nur noch aus schweiss- und blutgetränkten Fetzen bestanden, und als ich mich, durch eine tunnelartige Öffnung in den Dornen aus einem dieser glühenden Korongos hinaufkriechend, plötzlich dem jäh hochfahrenden Dickhäuter gegenübersah, liess ich mich vor Schreck einfach rückwärts wieder hinunterfallen. Als ich unten krachend zwischen den Steinen landete, war nun auch noch mein Skalp in Fetzen, mein rechter Ellenbogen kaputt und mein Hut und die Tasche mit den Reservekassetten weg. Das Nashorn allerdings auch.

Etwa zwei Stunden danach bekam ich endlich meine vermeintlichen Büffel wieder in freie Sicht. Sie waren unterdessen noch ein gutes Stück weiter in die offene Steppe hinausgewechselt, doch jetzt konnte ich nicht mehr, und so machte ich auf dreihundert Meter ein paar Aufnahmen – immer noch in der stolzen Überzeugung, dass ich hiermit eine selten grosse Herde Büffel auf die Platte bekommen hatte.

Einen Monat danach, und einen Tag vor der Katastrophe mit den Reitzebras war mein Gesicht weniger stolz, aber dafür etwas länger, als der Photograph in Nairobi, der jene ersten afrikanischen Aufnahmen von mir entwickelt hatte, gerade diese zwei Platten mit der Bemerkung beiseite legte: »Die Gnus hier hätten Sie besser mit Tele aufnehmen sollen, sie bieten keine Einzelheiten. Waren wohl ein paar Zufallsaufnahmen, so auf gut Glück, nicht wahr?«

»Gnus –? ja, natürlich, nichts sonst ...«, sagte ich gefasst und schneuzte mir furchtbar die Nase, damit er mein Gesicht nicht sehen konnte.

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