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Mein Weggenosse und andere Erzählungen

Maxim Gorki: Mein Weggenosse und andere Erzählungen - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
authorMaxim Gorki
titleMein Weggenosse und andere Erzählungen
publisherWilhelm Goldmann Verlag
addressMünchen
year1960
translatorAlexander Eliasberg
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060529
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Kain und Artem

Kain war ein kleiner, flinker Jude mit spitzem Kopf und magerem gelbem Gesicht; auf seinen Backenknochen und seinem Kinn wuchsen Büschel struppiger roter Haare, und sein Gesicht lugte aus ihnen hervor wie aus einem alten abgeriebenen Plüschrahmen, dessen Oberteil der Schild seiner schmutzigen Mütze bildete.

Unter dem Mützenschilde und den roten, gleichsam ausgerupften Brauen funkelten kleine graue Augen. Sie blieben nur sehr selten auf irgendeinem bestimmten Gegenstand länger haften; sie liefen immer hin und her, ein scheues, schmeichlerisches, unterwürfiges Lächeln um sich streuend.

Ein jeder, der dieses Lächeln sah, begriff sofort, daß das vorherrschende Gefühl des Menschen, der so lächelte, die Furcht war, die Furcht vor allen und für alles, eine Furcht, die sich jeden Augenblick zu einem Grauen steigern konnte. Darum verstärkte ein jeder, der nicht gar zu faul war, durch böse Sticheleien und Nasenstüber dieses stets gespannte Gefühl des Juden, von dem nicht nur seine Nerven, sondern selbst die Falten seines Gewandes aus Segeltuch erfüllt zu sein schienen, das, seinen knochigen Körper von den Schultern bis zu den Fersen einhüllend, gleichfalls ewig zitterte.

Der Name dieses Juden war Chajim-Ahron Purwitz, aber man nannte ihn Kain. Das war einfacher als Chajim; dieser Name war den Menschen vertrauter und klang sehr beleidigend. Obwohl er zu der kleinen, erschrockenen und schwächlichen Figur seines Trägers gar nicht paßte, kam es doch allen vor, daß er den Juden körperlich und seelisch ganz genau charakterisierte und ihn zugleich beleidigte.

Er lebte unter Menschen, die vom Schicksal benachteiligt worden waren; solche Menschen lieben aber stets, ihren Nächsten zu kränken, und sie verstehen sich auch darauf, denn das ist für sie die einzige Möglichkeit, Rache für sich zu nehmen. Kain zu kränken war aber sehr leicht; wenn man ihn verhöhnte, lächelte er nur schuldbewußt; zuweilen half er sogar selbst nach, als wollte er seinen Verfolgern für das Recht, unter ihnen zu existieren, im voraus bezahlen. Er lebte natürlich vom Handel. Er ging durch die Straßen mit einem Holzkasten an der Brust und rief mit süßlicher, feiner Stimme, in einem scheußlichen Russisch: »Schuhwichse! Zündhölzer! Stecknadeln! Haarnadeln! Galanteriewaren! Allerlei Kleinkram!«

Noch ein charakteristischer Zug: er hatte große Ohren, die abstanden und fortwährend zitterten wie bei einem scheuen Pferde.

Er trieb seinen Handel auf dem »Schichan«, in einer Gegend, wo der zerlumpte Abschaum der Stadt und allerlei »ausrangierte Menschen« hausten. Der Schichan war eine enge Gasse, mit alten, düsteren, hohen Häusern verbaut, in denen sich Nachtasyle, Wirtschaften, Bäckereien; Kolonialwarengeschäfte und Alteisen- und Trödlerbuden befanden; die Bevölkerung bestand aus Dieben, Hehlern, Kleinhändlern und Hökerinnen. In dieser Straße gab es immer viel Schatten von den hohen Häusern, viel Schmutz und Betrunkene; im Sommer roch es hier immer stark nach Fäulnis und Fusel. Die Sonne fürchtete gleichsam, ihre Strahlen mit diesem Schmutz zu besudeln, und blickte nur am frühen Morgen ganz kurz in diese Straße hinein. Sie lag am Abhang eines Hügels, nicht weit vom Ufer eines großen Flusses und wimmelte immer von Hafenarbeitern, Matrosen und Lastträgern. Sie tranken und vergnügten sich hier auf ihre Weise, während in verborgenen Winkeln Diebe den sinnlos Betrunkenen auflauerten. Längs der Bürgersteige standen die Töpfe der Pastetenhändlerinnen und die Bretter der Kuchen- und Leberverkäufer. Das Arbeitsvolk vom Flusse verschlang gierig die heißen Speisen, die Betrunkenen sangen mit wilden Stimmen ihre Lieder und fluchten, die Händler machten Jagd auf Kunden und lobten ihre Waren; die Lastwagen bahnten sich rasselnd mit Mühe einen Weg durch die Menschenmenge, die sich auf der Straße drängte, kaufte oder verkaufte, auf Arbeit oder auf andere Erfolge wartete. Das Chaos der Töne schwebte wie eine Staubwolke durch diese wie ein Graben enge Straße und brach sich an den schmutzigen Mauern ihrer Gebäude, die wie aussätzig schienen, weil der Verputz abgebröckelt war und sich überall feuchte Flecken zeigten.

In diesem Graben voll brodelnden Schmutzes, voll betäubenden Lärms und zynischer Reden, trieben sich immer Kinder umher, Kinder jeden Alters, doch gleich schmutzig, hungrig und verdorben. Sie liefen hier von früh bis spät herum und lebten von der Güte der Hökerinnen und von der Geschicklichkeit ihrer kleinen Hände; nachts schliefen sie aber irgendwo abseits, in einem Torwege, unter dem Verkaufsstand eines Kuchenhändlers, in der Nische eines Kellerfensters. Beim Morgengrauen waren diese mageren Opfer der Skrofulose und Rachitis schon auf den Beinen, um die schmackhaften und wertvollen Happen zu stehlen und die für den Verkauf ungeeigneten zu erbetteln. Wem gehörten diese Kinder? Allen . . . Durch diese Straße irrte nun von früh bis spät Kain, seine Waren ausrufend und den Straßenweibern verkaufend. Sie liehen sich von ihm für einige Stunden zwanzig Kopeken mit der Verpflichtung, zweiundzwanzig zurückzuzahlen, und zahlten immer pünktlich. Kain betrieb in dieser Straße überhaupt große Geschäfte: er kaufte von verbummelten Arbeitern Hemden, Mützen, Stiefel und Ziehharmonikas, von den Frauen Röcke, Jacken und billigen Schmuck und tauschte dann alle diese Sachen gegen andere oder verkaufte sie mit zehn Kopeken Profit. Allstündlich mußte er Spott und Schläge über sich ergehen lassen; oft wurde er auch ganz ausgeplündert. Er beklagte sich nie darüber und lächelte nur sein tragisches, mildes Lächeln.

Es kam vor, daß der von zwei oder drei Kerlen, die der Hunger oder der Katzenjammer so weit gebracht hatte, daß sie sogar einen Mord begehen konnten, in einer finsteren Ecke überfallene Jude, von einem Faustschlag oder vom Schreck niedergeschmettert, zu Füßen seiner Plünderer saß, und sie, krampfhaft und zitternd seine Taschen durchwühlend, anflehte.: »Meine Herren! Meine guten Herren! Nehmen Sie mir nicht alles weg . . . Womit soll ich dann handeln?!«

Und sein mageres Gesicht zitterte vor ununterbrochenem Lächeln.

»Na, winsele nicht! Gib nur dreißig Kopeken her . . .« Diese guten Herren verstanden ja, daß man der Kuh nicht das ganze Euter herausreißen darf, um sich etwas Milch zu verschaffen.

Oft ging er, nachdem er wieder aufgestanden war, scherzend und lächelnd neben seinen Plünderern die Straße weiter; sie sprachen mit ihm herablassend und lachten ihn aus, und alle benahmen sich dabei einfach und offen. Kain sah nach einem solchen Erlebnis bloß etwas magerer aus, und das war alles.

Mit der Judengemeinde lebte er anscheinend in Unfrieden. Nur selten sah man ihn in Gesellschaft eines Glaubensgenossen, und dem letzteren konnte man immer ansehen, daß er auf Kain mit Verachtung herabsah. Es ging das Gerücht, daß gegen Kain ein »Cherem«, der große Bann, erlassen worden war, und die Straßenhändlerinnen nannten ihn eine Zeitlang »Verdammter«.

Das mit dem Bann stimmte wohl kaum, obwohl Kain sichere Anzeichen von Ketzerei zeigte: er beachtete nicht den Sabbat und aß auch verbotenes Fleisch. Man setzte ihm zu und verlangte von ihm Erklärungen, wie er es wage, Speisen, die von seiner Religion verboten sind, zu essen. Er wurde dann ganz klein, lächelte und suchte sich durch Witze loszumachen oder lief davon; aber niemals erzählte er etwas vom Glauben und von den Gebräuchen der Juden.

Selbst die unglücklichen Kinder dieser Straße verfolgten ihn und bewarfen ihn und seinen Kasten mit Schmutz, Melonenrinden und allerlei Abfällen. Er versuchte sie mit freundlichen Worten zu besänftigen; meistens aber flüchtete er sich vor ihnen ins Gedränge, wohin sie ihm nicht folgten, da sie zertreten zu werden fürchteten. So lebte Kain von Tag zu Tag, allen bekannt, von allen verfolgt – er handelte, zitterte vor Angst und lächelte; und einmal lächelte ihm das Schicksal zu . . .

 

Jeder Winkel des Lebens hat seinen Despoten. Auf dem Schichan spielte diese Rolle der hübsche Artem, ein kolossaler Bursche mit einem regelmäßig runden Kopf und dichten schwarzen Locken. Die weichen Haare fielen ihm in phantastischen Ringen in die Stirn und legten sich auf seine herrlichen samtweichen Brauen und die großen braunen, länglichen und immer ölig glänzenden Augen. Seine Nase war gerade und von klassischer Form, die Lippen rot und saftig, von einem dichten schwarzen Schnurrbart überschattet; sein ganz rundes, reines dunkles Gesicht war von wunderbarer Regelmäßigkeit und einfach schön, und die stets von einem Nebelflor umschleierten Augen ergänzten und verklärten seine Schönheit. Breitbrüstig, groß und schlank, immer mit einem unbewußt zufriedenen Lächeln auf den Lippen, war er auf dem Schichan ein Ungewitter für die Männer und eine Freude für die Weiber. Den größten Teil des Tages verbrachte er irgendwo in der Sonne liegend, massiv und träge, die Luft und das Sonnenlicht mit langsamen Zügen einatmend, vor denen seine mächtige Brust sich gleichmäßig und hoch hob und senkte.

Er war an die fünfundzwanzig Jahre alt. Vor drei Jahren war er in die Stadt mit einer Gesellschaft von Lastträgern aus Kromsino gekommen und nach Schluß der Schiffahrtssaison über Winter hier geblieben, da er eingesehen hatte, daß er auch ohne zu arbeiten von seiner Kraft und Schönheit leben konnte. Seit jener Zeit hatte er sich aus einem Bauernburschen und Lastträger in den Liebling der Pastetenverkäuferinnen, Krämerinnen und sonstigen Weiber vom Schichan verwandelt. Diese Art von Beschäftigung ermöglichte es ihm, Speisen, Schnaps und Tabak immer, wann er nur wollte, zu haben; sonst aber verstand er sich nichts zu wünschen und lebte so in den Tag hinein.

Die Weiber zankten und prügelten sich seinetwegen, die Verheirateten wurden bei den Männern verklatscht, die Männer und Liebhaber schlugen sie – Artem war aber gegen all das gleichgültig; er wärmte sich in der Sonne, streckte sich wie ein Kater und wartete, bis sich in ihm wieder einmal einer der ihm zugänglichen Wünsche regte. Gewöhnlich lag er auf dem Hügel, in den die Straße stieß. Hier sah er gerade vor sich den Fluß; hinter diesem breiteten sich weit bis zum Horizont die Wiesen, auf deren gleichmäßig grünem Teppich einzelne graue Flecken verstreut lagen: das waren die Dörfer. Dort war alles still, heiter und grün . . . Wenn er aber den Kopf nach links wandte, sah er seine Straße vom einen Ende zum anderen von lärmendem Leben erfüllt; wenn er genauer hinsah, unterschied er im dunklen Gedränge ihm bekannte Gestalten, hörte das hungrige Gebrüll der Straße und dachte sich vielleicht auch etwas. Um ihn herum wuchs auf dem Hügel dichtes Steppengras, ragten einsame verkümmerte Birken und abgebrochene Holunderbüsche – hier pflegten die Barfüßler ihre Räusche auszuschlafen, Karten zu spielen, die Kleider auszubessern oder nach der Arbeit und den Schlägereien auszuruhen.

Bei diesen Menschen war Artem unbeliebt. Er war unüberwindlich stark und mißbrauchte oft seine Kraft; außerdem verdiente er sich sein Brot gar zu leicht. Dies erregte Neid; zudem teilte er seine Beute nur sehr selten mit anderen. Überhaupt waren die kameradschaftlichen Gefühle in ihm wenig entwickelt, und er fühlte sich von der Gesellschaft anderer Menschen nur wenig angezogen. Wenn man zu ihm kam und ihn ansprach, so gab er gerne Antwort; aber selbst fing er nie ein Gespräch an; wenn man ihn um Geld bat, um den Katzenjammer durch einen Trunk zu vertreiben, so gab er welches; aber aus eigenem Antrieb traktierte er seine Bekannten niemals. Bei diesen war es aber Sitte, jede erworbene Kopeke in Gesellschaft zu verzehren und zu vertrinken.

Hierher ins Gebüsch kamen zu Artem die Boten der Liebe in Gestalt von abgerissenen, schmutzigen kleinen Mädels von der Gasse oder ebenso schmutzigen Jungens. Diese sehr jugendlichen, sieben- oder achtjährigen, selten zehnjährigen, aber immer von der großen Wichtigkeit der ihnen auferlegten Aufträge überzeugten Menschen sprachen halblaut und mit geheimnisvollen Mienen auf den kleinen Fratzen . . .

»Onkelchen Artem, Tante Marja läßt dir sagen, daß ihr Mann verreist ist; du möchtest heute ein Boot mieten und mit ihr in die Wiesen hinausfahren . . .«

»So-o!« sagt Artem, und seine schönen Augen lächeln trübe.

»Du möchtest ganz gewiß . . .«

»Das geht . . . Aber . . . sag mal . . . welche ist das, die Tante Marja?«

»Nun, die Krämerin!« sagt der Bote vorwurfsvoll.

»Die Krämerin . . . so? Ist das die neben der Eisenhandlung?«

»Neben der Eisenhandlung ist doch die Anissja Nikolajewna . . . was fällt dir ein!«

»Nun ja, Liebster, ich weiß es ja . . . Hab' nur so gefragt . . . Zum Spaß . . .! als ob ich's vergessen hätte . . . ich kenne doch die Marja.«

Der Bote ist aber dessen nicht ganz sicher; er will seinen Auftrag gut ausführen und erklärt Artem eindringlich: »Marja ist die Kleine, Rotbackige, neben den Fischen . . .«

»Nun ja . . .! Die neben den Fischen. Gewiß! Du bist aber komisch . . .! Werd' ich es denn verwechseln? Gut, sag ihr, der Marja, daß ich mitfahre. Sag ihr: er fährt mit. Geh!«

Der Bote macht nun ein süßes Gesicht und bettelt: »Onkelchen Artem, gib mir ein Kopekchen!«

»Ein Kopekchen? Und wenn ich keins habe?« sagt Artem, indem er beide Hände zugleich in die Taschen seiner Pluderhose steckt. Und immer findet er irgendeine Münze. Der Bote eilt freudig lächelnd davon, um der verliebten Leberhändlerin die Erledigung des Auftrags zu melden und auch von ihr eine Belohnung zu bekommen. Er kennt den Wert des Geldes und braucht es, nicht nur, weil er hungrig ist, sondern auch, weil er Zigaretten raucht, Schnaps trinkt und seine kleinen Liebesaffären hat. Am anderen Tage nach einer solchen Szene ist Artem für die Eindrücke des Daseins noch unzugänglicher als sonst und noch schöner: es ist die Schönheit eines kräftigen, doch gutmütigen Tieres. So zog sich dieses satte, fast bewußtlose Dasein hin, ruhig, trotz der Menge von eifersüchtigen und neidischen Männern und Frauen, ruhig, weil es von der fürchterlichen Kraft seiner Faust beschützt wurde.

Zuweilen sammelte sich in den braunen Augen des hübschen Kerls etwas Drohendes und Dunkles; seine samtenen Brauen zogen sich streng zusammen, und die dunkle Stirne zeigte eine tiefe Furche. Er stand auf und ging von seinem Bärenlager auf die Straße, und je näher er ihrem Getriebe kam, um so runder wurden seine Pupillen und um so öfter zuckten seine feinen Nasenflügel. An der linken Schulter hat er eine gelbe Jacke aus Bauerntuch hängen, die rechte ist nur mit dem Hemde bedeckt, durch das man sehen kann, was es für eine mächtige Schulter ist. Stiefel mochte er nicht und trug immer Bastschuhe; die weißen, hübsch mit Bändern umflochtenen Fußlappen umspannten plastisch seine Waden. Er nahte langsam wie eine schwere Gewitterwolke . . .

Die Straße kennt seine Manieren und sieht schon seinem Gesicht an, was sie von ihm zu erwarten hat. Es erhebt sich ein warnendes Geflüster: »Artem kommt . . .!«

Man beeilt sich, dem hübschen Kerl den Weg frei zu machen, rückt die Verkaufsstände, die Kessel und Töpfe mit den heißen Speisen zur Seite, lächelt ihm unterwürfig zu und verbeugt sich vor ihm . . . und alle fürchten ihn. Er aber geht zwischen allen diesen Zeichen der allgemeinen Aufmerksamkeit und des Respektes vor seiner Kraft, geht mürrisch, schweigsam und voll wilder Schönheit, wie ein großes wildes Tier.

Sein Fuß streift einen Trog mit Kutteln, Lebern und Lungen, und alles fliegt auf das schmutzige Pflaster. Der Händler schreit verzweifelt und flucht.

»Und du, was stehst du mir im Wege?« fragt Artem ruhig, doch unheildrohend.

»Was ist denn hier für ein Weg, du Stier?« jammert der Händler.

»Wenn ich aber hier gehen will?«

Unter Artems Backenknochen blähen sich die mächtigen Halsdrüsen, und seine Augen sind wie rotglühende Nägel. Der Händler sieht das und murmelt: »Die Straße ist dir wohl zu eng . . .«

Artem geht langsam weiter. Der Händler läuft in die nächste Wirtschaft, holt kochendes Wasser, wäscht darin seine Waren, und nach fünf Minuten klingen wieder seine Schreie durch die Straße:

»Leber, Lungen, heißes Herz! Matrose! Mach du den Anfang, ich will dir ein Stück Zunge für fünf Kopeken herunterschneiden! Tante, kauf den Hals! Wer will ein heißes Herz? Leber, Lunge!«

Das Stimmengewirr wogt mit dem erstickenden Geruch von Fäulnis, Schnaps, Schweiß, Fischen, Teer und Zwiebeln.

Die Leute drängen sich auf dem Pflaster, versperren den Fuhrwerken den Weg, schreien, feilschen und lachen. Hoch über ihnen hängt das blaue Band des Himmels, trüb von Staub und Schmutz, der von dieser Straße aufsteigt, in der selbst die Schatten der Häuser feucht und von Schmutz durchtränkt erscheinen . . .

»Galanteriewaren! Faden! Nadeln!« ruft Kain und verfolgt mit seinen Blicken Artem, der ihm schrecklicher als den andern ist.

»Birnenkuchen, bitte zu versuchen!« schreit mit heller Stimme eine junge Hausiererin.

»Zwiebeln, grüner Schnittlauch . . .!« ruft eine andere dazwischen.

»Kwas! Kwas!« quakt heiser ein kleiner dicker Alter mit rotem Gesicht, im Schatten seines Fäßchens hockend.

Der Mann, der in dieser Straße unter dem seltsamen Spitznamen »Geschundener Freier« bekannt ist, will einem Schiffsarbeiter ein schmutziges, aber noch festes Hemd vom eigenen Leibe verkaufen und schreit überzeugend: »Narr! Wo findest du für zwanzig Kopeken einen solchen Paradegegenstand? In einem solchen Hemd kannst du doch um eine Kaufmannswitwe freien! Mit Millionen, zum Teufel . . .!«

Plötzlich dringt durch das ganze wilde, doch harmonische Brüllen und Heulen der helle Ton einer Kinderstimme: »Gebt um Christi willen eine Kopeke . . . einem verlassenen Waisenkinde . . . hab' weder Vater noch Mutter . . .«

So seltsam und allen fremd klingt in dieser Straße der Name Christi.

»Artjuscha! Komm mal her!« ruft freundlich die fixe Soldatenfrau Darja Grornowa, die mit Fleischkuchen handelt. »Wo treibst du dich herum? Hast du uns vergessen?«

»Hast du viel verkauft?« fragt Artem ruhig und schmeißt mit einem leichten Fußtritt ihre Waren um. Die gelben, glitschigen Fleischkuchen fliegen über das Straßenpflaster, von ihnen steigt Dampf auf, und Darja, die bereit ist, ihm ins Gesicht zu fahren, schreit wütend: »Unverschämter Kerl! Räuber! Wie trägt dich bloß die Erde, du astrachanisches Kamel!«

Alle lachen über sie – man weiß ja, daß sie es Artem verzeihen wird.

Er aber schreitet ebenso langsam weiter, alle anstoßend, sich mit der Brust den Weg durch die Menge bahnend und allen auf die Füße tretend. Vor ihm kriecht schnell wie eine Schlange das warnende Geflüster: »Artem kommt!«

Jeder, selbst einer, der diese beiden Worte zum erstenmal hört, erkennt in ihnen eine Drohung; er gibt Artem den Weg frei und mustert die mächtige Gestalt des hübschen Kerls neugierig und ängstlich.

Da begegnet Artem einem ihm bekannten Barfüßler. Sie begrüßen sich, und Artem drückt mit seiner eisernen Tatze dem Bekannten die Hand so fest zusammen, daß jener vor Schmerz schreit und flucht. Dann drückt ihm Artem mit den Fingern die Schulter zusammen oder fügt ihm auf eine andere Weise Schmerz zu und beobachtet stumm und ruhig, wie der Mensch in seiner Hand stöhnt und jammert, vor Schmerz keucht und flüstert: »Laß los, Henker . . .! Verdammter . . .!«

Der Henker ist aber unerbittlich wie ein Richter.

Auch Kain war mehr als einmal in Artems grausame Hände gefallen, der mit ihm spielte wie ein neugieriges Kind mit einem Insekt.

Dieses eigenartige und unverständliche Gebaren des Riesen nannte man auf dem Schichan »Artems Vorstellung«. Ihm verdankte er eine Menge von Feinden, aber diese vermochten seine ungeheuerliche Kraft nicht zu brechen, obwohl sie es mehr als einmal versuchten. So verbündeten sich einmal sieben kräftige Burschen; von der ganzen Straße angespornt, beschlossen sie, Artem einen Denkzettel zu geben und ihn zu bändigen. Zwei von ihnen mußten diesen Versuch sehr teuer bezahlen, die übrigen kamen besser davon. Ein anderes Mal mieteten die Krämer, lauter beleidigte Ehemänner, den berühmten städtischen Herkules, einen Metzger, der schon mehrmals berufsmäßige Ringkämpfer im Zirkus besiegt hatte. Der Metzger übernahm es gegen eine hohe Bezahlung, Artem halbtot zu prügeln. Man brachte sie zusammen, und Artem, der sich niemals weigerte, »zum Vergnügen« zu kämpfen, renkte dem Metzger einen Arm aus dem Gelenk heraus und versetzte ihm einen solchen Schlag in die Herzgrube, daß jener bewußtlos liegen blieb. Infolge dieser Tatsachen stieg das Prestige seiner Kraft noch mehr, was ihm noch mehr Feinde einbrachte.

Er aber setzte seine »Vorstellungen« fort und zermalmte alles, was ihm in den Weg kam. Was für Gefühle mochte er damit wohl ausdrücken? Vielleicht war es Rache, die ein von seiner Scholle losgerissener Sohn der Wiesen und Wälder an der Stadt und ihrer Lebensordnung nahm; vielleicht fühlte er dunkel, daß die Stadt ihn zugrunde richtete und ihm Leib und Seele mit ihrem Gift verseuchte, und er kämpfte so gegen die verhängnisvolle Gewalt, die ihn knechtete. Seine »Vorstellungen« endeten oft auf dem Revier, und die Polizei behandelte ihn besser als die anderen Leute vom Schichan; sie bewunderte seine fabelhafte Kraft und amüsierte sich über sie; die Polizei wußte, daß er kein Dieb war und auch nicht fähig war, einer zu sein: er war zu dumm dazu. Meistens ging aber Artem nach der »Vorstellung« in irgendeine Spelunke, wo ihn eine der in ihn verliebten Frauen unter ihre Obhut nahm. Nach seinen Heldentaten war er immer finster und launisch, seine Augen zeigten einen wilden Ausdruck, und sein Gesicht war unbeweglich wie bei einem Idioten. Irgendeine bis an die Knochen durchfettete Händlerin, ein feistes Weib in reiferem Alter, bemutterte ihn mit einem Ausdrucke, als ob sie die Besitzerin dieses Tieres wäre.

»Soll ich nicht noch ein paar Flaschen Bier bringen lassen, Artjuscha? Oder etwas Fruchtschnaps? Willst du nicht etwas essen? Was bist du heute so gar nicht lustig . . .«

»Laß mich in Ruhe . . .!« sagte Artem mit dumpfer Stimme. Sie ließ ihn einige Minuten in Ruhe und versuchte dann wieder, den schönen Burschen betrunken zu machen, da sie schon wußte, daß Artem in nüchternem Zustande mit Liebkosungen sehr geizte.

Nun gefiel es einmal dem oft allzu launischen Schicksal, diesen Menschen mit Kain zusammenzubringen . . .

Das kam so.

Nach einer seiner »Vorstellungen« und einem üppigen Schmause, der sie begleitete, ging Artem einmal mit seiner Dame schwankend durch eine enge und leere Gasse der Vorstadt nach der Wohnung seiner Begleiterin. Hier erwartete man ihn. Einige Mann fielen über ihn her und warfen ihn sofort zu Boden. Vom Schnaps geschwächt, konnte er sich nur schlecht verteidigen, und diese Menschen nahmen an ihm nun fast eine ganze Stunde lang Rache für alle die zahllosen Kränkungen, die sie von ihm erfahren. Artems Begleiterin lief davon, die Nacht war stockfinster, und die Gegend menschenleer – die Feinde konnten also mit Artem bequem abrechnen, und sie betätigten sich, ohne ihre Kräfte zu schonen. Als sie ermatteten und fertig waren, lagen auf der Erde zwei Körper: der eine war der hübsche Artem und der andere ein Mann, der unter dem Namen »Roter Bock« bekannt war.

Die Kerle überlegten sich, was mit den beiden Körpern anzufangen sei, und beschlossen, Artem unter die alte, vom Eisgange zerschlagene Barke zu bringen, die am Flußufer mit dem Boden nach oben lag, und den Roten Bock, welcher noch stöhnte, mitzunehmen.

Als man Artem über die Erde zum Ufer schleifte, kam er vor Schmerz zum Bewußtsein; da er aber einsah, daß es für ihn vorteilhafter sei, tot zu sein, überwand er den Schmerz und schwieg. Sie schleppten ihn, fluchten und prahlten vor einander mit den Schlägen, die sie dem Riesen verabreicht hatten. Artem hörte, wie Mischka Wawilow den Genossen erzählte, daß er mit seinen Fußtritten immer nach Artems linkem Schulterblatt gezielt habe, damit das Herz zerreiße. Ssuchopljujew erzählte aber, daß er ihn immer auf den Magen geschlagen habe; wenn man einem Menschen die Gedärme verletzt, wird ihm das Essen nicht mehr anschlagen: er mag essen, soviel er will, er kommt nie wieder zu Kräften. Lomakin erklärte, daß er zweimal mit den Beinen auf Artems Bauch hinaufgesprungen war. Auch alle anderen hatten sich ebenso glänzend ausgezeichnet, womit sie auch die ganze Zeit prahlten, bis sie zur Barke kamen und Artem unter sie warfen. Er hörte alle ihre Reden und hörte auch, wie sie im Weggehen einstimmig erklärten, daß er, Artem, nie wieder aufstehen würde.

So blieb er allein im Dunkeln auf einem Haufen feuchter Abfälle liegen, die der Fluß beim Hochwasser unter die Barke gespült hatte. Es war eine kühle Mainacht, und diese Kühle brachte Artem immer wieder zum Bewußtsein. Wenn er aber versuchte, zum Flusse zu kriechen, wurde er von dem furchtbaren Schmerz im ganzen Körper wieder ohnmächtig. Und dann kam er, vom Schmerz gepeinigt, vom furchtbaren Durst geplagt, wieder zum Bewußtsein. Der Fluß schlug ganz nahe von ihm ans Ufer und schien ihn in seiner Ohnmacht necken zu wollen. Die ganze Nacht verbrachte er in dieser Lage und fürchtete, zu stöhnen oder sich zu regen.

Als er wieder einmal zum Bewußtsein kam, fühlte er, daß mit ihm etwas Gutes geschehen war, das seine Schmerzen linderte. Er konnte mit Mühe ein Auge öffnen und die zerschlagenen, geschwollenen Lippen kaum bewegen. Es war Tag, denn durch die Ritzen in der Barke drangen Sonnenstrahlen herein, die um Artem herum einen hellen Nebel erzeugten . . . Als er später mit großer Mühe die Hand ans Gesicht führte, fand er darauf nasse Lumpen. Ebensolche Lumpen lagen ihm auf der Brust und auf dem Bauche. Er war vollständig entkleidet, und die Kälte linderte seine Schmerzen.

»Trinken . . .« sagte er, in der Annahme, daß in seiner Nähe jemand sein müsse. Eine zitternde Hand streckte sich über seinem Kopfe aus, und er fühlte im Munde einen Flaschenhals. Die Flasche tanzte in der Hand dessen, der sie reichte, und schlug Artem gegen die Zähne. Nachdem er etwas Wasser getrunken hatte, wollte er erfahren, wer hier neben ihm sei, aber der Versuch, den Kopf zu wenden, mißlang und rief nur einen neuen Schmerz im Halse hervor. Nun begann er heiser und stotternd zu sprechen: »Schnaps . . . ein Glas austrinken . . . Und von außen einreiben . . . Dann könnte ich vielleicht . . . aufstehen . . .«

»Aufstehen? Sie können nicht aufstehen. Sie sind ja ganz blau und aufgedunsen wie eine Wasserleiche . . . Schnaps kann ich geben, ich habe Schnaps . . . eine ganze Flasche . . .« Dies wurde leise, scheu und sehr schnell gesagt; Artem kannte diese Stimme, erinnerte sich aber nicht, daß sie einer der Frauen gehörte.

»Gib her«, sagte er.

Und wieder reichte ihm jemand, der ihm offenbar nicht vor die Augen kommen wollte, von hinten über den Kopf die Flasche. Artem schluckte mühevoll den Schnaps und blickte mit einem Auge auf den feuchten schwarzen, mit Schwämmen bewachsenen Boden der Barke hinauf.

Als er mehr als ein Viertel der Flasche ausgetrunken hatte, seufzte er tief und erleichtert auf und sagte mit schwacher, ausdrucksloser Stimme, während es in seiner Brust röchelte: »Fein haben sie mich zugerichtet . . . Aber wart . . . ich steh' mal auf. Ich steh' noch auf . . . Dann nehmt euch in acht.« Er bekam keine Antwort, aber er hörte ein Geräusch, als wäre jemand zur Seite gesprungen. Dann war alles wieder still, nur die Wellen plätscherten, und irgendwo in der Ferne klang ein Arbeiterlied und tönten Schreie: wahrscheinlich schleppte man eine schwere Last. Dann gellte durchdringend der Pfiff eines Dampfschiffes; er brach ab, und nach einigen Sekunden ertönte ein düsteres Heulen, als nähme der Dampfer für immer Abschied von der Erde . . . Artem wartete lange auf Antwort; unter der Barke war es aber still, und ihr schwerer, von grüner Fäule durchtränkter Boden hing und schwankte über seinem Kopfe, sich bald hebend und bald wieder senkend, als wollte er auf ihn herabfallen und ihn erdrücken.

Artem spürte Mitleid mit sich selbst. Er war ganz vom Bewußtsein seiner fast kindlichen Hilflosigkeit durchdrungen, fühlte sich aber zugleich schwer beleidigt. Ihn, einen so schönen und starken Menschen hatte man so verstümmelt und verunstaltet . . .! Mit schwachen Händen betastete er die Wunden und Geschwülste auf seinem Gesicht und seiner Brust; er fluchte bitter und fing zu weinen an. Er schluchzte, schnaubte mit der Nase, bewegte mühevoll die Lider und zerdrückte mit ihnen die Tränen, die seine Augen füllten. Die dicken, heißen Tränen flossen ihm über die Wangen, drangen ihm in die Ohren . . . und er fühlte, wie diese Tränen in seinem Innersten etwas reinwuschen.

»Gut . . .! Wartet . . .!« murmelte er, immerfort schluchzend. Und plötzlich hörte er irgendwo in der Nähe ein fremdes unterdrücktes Schluchzen und Flüstern, das ihn zu verhöhnen schien.

»Wer ist da?« fragte er streng, obwohl er selbst etwas Angst hatte.

Er bekam keine Antwort.

Nun nahm Artem seine ganze Kraft zusammen, drehte sich auf eine Seite um, brüllte wie ein Tier vor Schmerz auf, stützte sich auf die Ellbogen und erblickte im Halbdunkel eine kleine Gestalt, die am Rande der Barke zu einem Knäuel zusammengeschrumpft kauerte. Dieser Mensch hielt seine beiden Knie mit langen, mageren Armen umfaßt, hatte den Kopf an sie gedrückt, und seine Schultern bebten. Artem glaubte schon, daß es ein halbwüchsiger Junge sei. »Komm mal her!« sagte er.

Jener gehorchte aber nicht und fuhr fort, wie im Fieber zu zittern. Artem wurde es vor Schmerz und vor Angst, die ihm dieses Wesen einflößte, finster vor den Augen, und er heulte: »Komm!«

Als Antwort bekam er eine ganze Menge zitternder, hastiger Worte: »Was habe ich Ihnen Böses getan? Warum schreien Sie so auf mich? Habe ich Sie denn nicht mit Wasser gewaschen, habe ich Ihnen nicht zu trinken gegeben, habe ich Ihnen keinen Schnaps gereicht? Habe ich nicht geweint, als Sie weinten, tat es mir nicht weh, als Sie stöhnten? Oh, mein Gott und Herr! Selbst das Gute, das ich tue, bringt mir nur Qual! Was habe ich Ihrer Seele und Ihrem Körper Böses getan? Was kann ich Ihnen Böses tun – ich! ich! ich!«

Der Mensch brach seine Rede bei diesen drei Aufschreien ab. Er verstummte, griff sich an den Kopf und fing an, auf der Erde kauernd, sich hin und her zu wiegen.

»Kain? Ach . . . das bist du!«

»Nun, was denn? Ich bin es . . .«

»Du? Wirklich! Du warst hier die ganze Zeit? Ach! Komm mal her! Nun . . . du Kauz . . .!«

Artem war ganz verblüfft, fühlte aber zugleich in sich eine Freude aufleuchten. Er lachte sogar, als er sah, wie der Jude ängstlich auf allen vieren näher kroch und wie erschrocken seine kleinen Augen in dem komischen Gesicht, das Artem schon so lange kannte, blinzelten.

»Komm her, hab keine Angst! Bei Gott, ich rühr' dich nicht an!« Er hielt sich für verpflichtet, den Juden zu ermutigen. Kain kam vor seine Füße gekrochen, machte halt und sah sie mit einem so ängstlich und flehenden Lächeln an, als erwartete er, daß sie seinen vor Angst ermatteten Körper zertreten würden.

»Nun . . .! Da bist du also! Und du hast das alles gemacht? Wer hat dich geschickt? Anfissa?« fragte ihn Artem aus, nur mit Mühe die Zunge bewegend.

»Ich bin selbst hergekommen!«

»Selbst? Du lügst!«

»Ich lüge nicht, ich lüge nicht!« flüsterte' Kain schnell. »Ich bin selbst gekommen, bitte, glauben Sie es mir! Ich werde erzählen, wie ich gekommen bin. Hören Sie, ich erfuhr es in Grabilowka . . . Ich trinke meinen Tee und höre: man hat Artem in der Nacht totgeschlagen. Ich glaube es nicht, nein! Kann man denn Sie totschlagen? Ich lache nur. Die dummen Menschen! – denke ich mir. Dieser Mensch ist wie Simson, wer von euch kann ihm beikommen? Es kommen aber immer neue Menschen und sagen: Man hat ihn erschlagen. Und sie schimpfen auf Sie und lachen. Alle freuten sich, und ich glaubte es. Und ich erfuhr, daß Sie hier liegen. Es waren schon Leute hier, um nach Ihnen zu sehen, und alle sagten, daß Sie tot sind . . . Ich brach auf und kam her und sah Sie . . . Sie stöhnten, als ich hier stand. Und als ich Sie, den stärksten Menschen auf der Welt sah, dachte ich mir: da haben sie ihn totgeschlagen! . . . Diese Kraft, diese Kraft . . . Und Sie dauerten mich, entschuldigen Sie! Ich dachte mir, daß man Sie mit Wasser abwaschen müsse . . . und ich tat es, und Sie fingen an, wieder lebendig zu werden. Ich freute mich darüber . . . ach, wie ich mich darüber freute! Sie glauben es mir nicht, was? Weil ich ein Jud' bin? Ja? Aber nein, glauben Sie mir, ich will Ihnen sagen, warum ich mich freute und was ich mir dachte . . . ich will die Wahrheit sagen . . . Sie werden mir nicht böse sein?«

»Sieh: ich schlage ein Kreuz! Der Blitz soll mich treffen!« schwor der verprügelte Schöne mit Nachdruck.

Kain rückte näher zu ihm heran und dämpfte seine Stimme noch mehr.

»Wissen Sie, was ich für ein gutes Leben habe? Wissen Sie es, ja? Habe ich denn nicht auch von Ihnen, nehmen Sie es mir nicht übel, Schläge bekommen? Haben Sie denn nicht auch über den krätzigen Juden gelacht? Was? Das ist doch wahr? Wie? Entschuldigen Sie, daß ich die Wahrheit spreche, Sie haben es mir selbst geschworen. Seien Sie nicht böse! Ich sage nur, daß Sie wie alle anderen den Juden verfolgt haben . . . Warum? Ist denn der Jud' nicht auch ein Sohn Ihres Gottes und hat nicht der gleiche Gott ihm und Ihnen die Seele gegeben?«

Kain überstürzte sich, warf eine Frage nach der anderen hin und wartete nicht auf Antwort: in ihm kochten plötzlich alle die Worte, mit denen er in seinem Herzen alle Kränkungen und Beleidigungen, die er erfahren, verzeichnet hatte; sie waren alle erwacht und ergossen sich aus seinem Herzen als heißer Strom.

Artem wurde verlegen. »Hör mal, Kain«, sagte er dumpf, »laß das! Ich werde dich . . . wenn ich dich auch nur mit einem Finger anrühre . . . Wenn dich nur jemand anrührt, so haue ich ihn in Stücke! Hast du es verstanden?«

»Aha!« rief Kain triumphierend aus und schnalzte sogar mit der Zunge. »Da! Sie haben Schuld . . . entschuldigen Sie es! Seien Sie mir nicht böse, weil Sie wissen, daß Sie vor mir schuldig dastehen! Ich sage, Sie haben keine Schuld, aber ich weiß ja, ich weiß, daß Sie weniger als die anderen Schuld haben . . .! ich verstehe es! Alle spucken nur mich mit ihrem schlechten Speichel an, Sie aber spucken auf mich und auf alle! Sie tun den anderen viel mehr zuleide als mir . . . Ich dachte mir: dieser starke Mensch schlägt und beleidigt mich, nicht weil ich Jude bin, sondern weil ich so bin wie alle anderen, nicht besser als die anderen, und weil ich unter ihnen mein Leben trage. Und . . . ich habe Sie immer voller Angst geliebt. Ich sah Sie an und dachte mir, daß Sie den Rachen des Löwen zerreißen und die Philister schlagen können. Sie schlugen sie . . . und ich sah gerne zu, wie Sie es machten . . . Auch ich wollte stark sein . . . aber ich bin wie ein Floh . . .«

Artem lachte heiser auf.

»Das stimmt – wie ein Floh . . .!«

Er verstand fast nichts davon, was ihm Kain sagte, aber es war ihm angenehm, neben sich die kleine Figur des Juden zu sehen. Und während er dem erregten Geflüster Kains lauschte, formten sich in ihm langsam seine eigenen Gedanken: »Wie spät mag es jetzt sein? Wohl gegen Mittag. Keines von allen Weibern kommt her, den Liebsten zu besuchen . . . Der Jud' ist aber gekommen . . . hat mir geholfen, er sagt, daß er mich liebt, ich habe ihn aber oft beleidigt, früher . . . er lobt meine Kraft . . . Ob sie noch wiederkehrt? Gott, wenn sie nur wiederkäme!«

Artem malte sich, schwer seufzend, aus, wie er seine Feinde verprügeln und sie ebenso geschwollen sein würden wie er. Sie werden dann auch so irgendwo ohne Kraft liegen, zu ihnen werden aber ihre Freunde kommen und nicht der Jude . . . Artem blickte Kain an und fühlte plötzlich einen bitteren Geschmack im Munde und in der Kehle; er glaubte, daß es von diesem Gedanken käme. Er spuckte aus und holte schwer Atem.

Kain sprach aber noch immer weiter, furchtbar erregt, mit vor Aufregung entstelltem Gesicht und am ganzen Leibe zitternd. »Und als Sie weinten . . . weinte ich auch . . . So sehr dauerte mich Ihre Kraft . . .«

»Ich aber glaubte, jemand macht sich über mich lustig!« sagte Artem mit düsterem Lächeln.

»Ich liebte immer Ihre Kraft . . . und ich betete zu Gott: Unser ewiger Gott im Himmel und auf der Erde, in der Höhe der fernen Himmel! Füge es so, daß ich diesem starken Menschen nützlich sein kann! Daß ich ihm einen Dienst erweise, damit seine Kraft sich mir zum Schutze wende! Mag ich um ihretwillen gegen alle Verfolgungen gefeit sein, und meine Verfolger sollen durch diese Kraft umkommen! So betete ich . . . und lange flehte ich meinen Gott an, daß Er mir meinen stärksten Feind zum Beschützer gebe, wie Er dem Mardochai den König gab, der alle Völker besiegte. Und Sie weinten hier, und auch ich weinte . . . und plötzlich schrien Sie mich an, und alle meine Gebete gingen verloren . . .«

»Wußte ich es denn . . . du Kauz . . .« sagte Artem mit schuldbewußtem Lächeln.

Kain hörte aber kaum auf seine Worte. Er wiegte sich hin und her, fuchtelte mit den Armen und flüsterte mit leidenschaftlicher Stimme, aus welcher Freude und Hoffnung, die Vergötterung der Kraft dieses verstümmelten Menschen, Angst und Trauer klangen.

»Mein Tag ist gekommen, und nun bin ich allein bei Ihnen. Alle haben Sie verlassen, ich aber bin gekommen. Sie werden doch wieder gesund werden, Artem? Das ist doch nicht gefährlich? Ihre Kraft wird wiederkommen?«

»Ich werde schon aufstehen . . . sei unbesorgt . . . Für deine Güte werde ich dich aber beschützen wie ein kleines Kind.« Artem fühlte, daß sein Zustand sich ein wenig besserte: der Körper schmerzte weniger, und der Kopf war klarer. Er muß doch Kain vor den Menschen in Schutz nehmen, nein, wirklich! Er ist doch ein so guter und aufrichtiger Mensch, sagt alles offen und aus der Seele. Als Artem sich dies dachte, lächelte er plötzlich: schon lange plagte ihn ein unbestimmter Wunsch, und nun hatte er ihn plötzlich begriffen. »Ich will ja essen. Kain, kannst du mir nicht etwas zu essen bringen?«

Kain sprang so schnell auf die Beine, daß er sich beinahe am Bord der Barke anschlug. Sein Gesicht war auf einmal sichtbar verändert: etwas Starkes und zugleich Kindlich-Heiteres zeigte sich darin; Artem, dieser märchenhafte Held, bittet ihn, Kain, um Essen!

»Ich will für Sie alles tun! Hier habe ich es schon, im Winkelchen . . .! Ich hab' es vorbereitet . . . ich weiß. Wenn jemand krank ist, so muß er essen . . . Nun, nun, gewiß! Auf dem Wege hierher habe ich einen ganzen Rubel ausgegeben.«

»Wir werden schon abrechnen! Ich werde dir zehn Rubel zurückgeben . . . Ich kann es ja . . . es ist doch nicht mein Geld. Wenn ich einer sage: gib!, so gibt sie mir . . .«

Und er fing an, gutmütig zu lachen. Als Kain dieses Lachen hörte, erstrahlte er noch mehr und fing sogar zu kichern an. »Ich weiß . . . Sagen Sie doch, was Sie wollen! Ich will alles tun, alles!«

»Ah . . . siehst du . . . dann . . . dann . . . reib mich mit Schnaps ein! Zu essen gib mir noch nicht, reib mich erst ein . . . kannst du es?«

»Warum soll ich es nicht können? Ich mache es wie der beste Arzt!«

»Los! Wenn du mich nicht einreibst, stehe ich gleich auf . . .«

»Sie werden aufstehen? Ach nein, Sie können nicht aufstehen!«

»Ich will dir zeigen, daß ich es kann! Meinst du vielleicht, daß ich hier nächtigen werde? Narr . . .! Reibe mich ein und lauf mal in die Vorstadt zur Kuchenbäckerin Mokejewna hinüber . . . Und sage ihr, daß ich zu ihr in den Schuppen ziehen will, um da zu wohnen . . . sie möchte mir ein Lager aus Stroh machen, oder so . . . Bei ihr will ich liegen, bis ich mich erholt habe . . . ja! Das alles werde ich dir bezahlen . . . mache dir nur keine Sorgen!«

»Ich traue Ihnen«, sagte Kain, indem er etwas Schnaps auf Artems Brust goß. »Ich traue Ihnen mehr als mir selbst! Ach, ich kenne Sie ja!«

»Ah . . . ah . . .! Reib, reib . . . Macht nichts, daß es weh tut . . . reib nur zu! Ah . . . ah . . . ah! . . . Ja, so, so . . .« stöhnte Artem.

»Ich will für Sie ins Wasser gehen . . .!« erklärte ihm Kain seine Gefühle.

»So, so, so . . . Die Schulter, reib die Schulter . . . Ach, diese Teufel! Wie sie mich zugerichtet haben! An allem ist aber das Frauenzimmer schuld. Wenn das Frauenzimmer nicht wäre, so wäre ich nüchtern gewesen . . . soll aber einer versuchen, mich anzurühren, wenn ich nüchtern bin!«

Kain, der sich schon ganz als Diener fühlte, erklärte: »Ja, die Weiber! Von ihnen kommen alle Sünden in die Welt . . . Wir Juden sagen sogar im Morgengebet: Gepriesen seiest du unser ewiger Gott, König der Welt, weil du mich nicht als ein Weib erschaffen hast . . .«

»Was? Wirklich?« rief Artem aus. »So betet ihr zu Gott? Ihr seid aber Menschen . . . Was ist so eine Frau? Sie ist nur dumm . . . aber man kann ohne sie nicht leben . . . Aber daß man so zu Gott betet . . . das ist schon . . . das ist doch für die Weiber kränkend! So ein Weib fühlt das doch auch . . .«

Er lag unbeweglich und riesengroß – durch die Geschwülste noch größer geworden, und der kleine, schwächliche Kain machte sich, vor Anstrengung keuchend, um ihn zu schaffen, rieb ihm die Seiten, die Brust und den Bauch, mühte sich ab und hustete, wenn ihm der Schnapsgeruch in die Nase stieg.

Am Flußufer kamen immer wieder Menschen vorbei, man hörte ihre Stimmen und Schritte. Die Barke lag unter einem sandigen, mehr als einen Klafter hohen Abhang und war nur vom Rande des Abhanges aus zu sehen. Vom Flusse war sie durch einen schmalen Sandstreifen getrennt, der mit Holzspänen und allerlei Schutt bedeckt war. Unter der Barke war es noch schmutzig. Heute aber weckte sie in den Leuten ein besonderes Interesse. Kain und Artem merkten, daß die Leute immer wieder an die Barke herankamen, sich auf ihren Boden setzten und mit den Füßen auf die Bordseiten klopften. Auf Kain machte das einen schlechten Eindruck. Er hörte zu reden auf, rückte schweigend neben Artem hin und her und lächelte ängstlich und jämmerlich.

»Hören Sie es . . .?«

»Ich höre«, sagte der Riese mit zufriedenem Lächeln. »Ich verstehe . . . sie wollen wissen, ob ich bald wieder zu Kräften komme . . . sie müssen es auch wissen . . . um ihre Rippen vorzubereiten . . . Ha, ha! Diese Teufel! Sie ärgern sich wohl, daß ich nicht verreckt bin . . . Ihre ganze Arbeit war umsonst . . .«

»Wissen Sie was?« flüsterte ihm Kain ins Ohr mit einer erschrockenen und warnenden Miene. »Wissen Sie was? Wenn ich fortgehe und Sie allein bleiben . . . so werden sie zu Ihnen kommen und . . . und . . .«

Artem machte den Mund auf und ließ aus seiner Brust eine ganze Salve heiseren Lachens erschallen.

»Ach, du . . . Kerl! Du glaubst also, daß sie vor dir Angst haben werden? Ach, du . . .!«

»Ja! Ich kann doch Zeuge sein.«

»Sie werden dir den Garaus machen . . .! Ha, ha, ha! Dann kannst du Zeuge sein . . . im Jenseits . . .!«

Artems Lachen verscheuchte Kains Angst, und an Stelle dieser Angst stieg in der schmalen, eingefallenen Brust des Juden das Gefühl einer festen und freudigen Sicherheit auf. Nun wird Kains Leben ganz anders werden, jetzt hat er eine mächtige Hand, die stets alle gegen ihn gerichteten Schläge und die Ungerechtigkeit der Menschen, die ihn ungestraft peinigen, parieren wird . . .

 

Es vergingen an die vier Wochen.

Eines Tages um die Mittagsstunde, wo das Leben auf dem Schichan einen besonders gespannten Charakter annimmt, sich verdichtet und brodelt, wo sich die vielen Hafen- und Schiffsarbeiter mit ihren leeren Magen und lauten Forderungen um die Lebensmittelhändler drängen und die ganze Straße vom warmen Geruch gekochten verdorbenen Fleisches erfüllt ist, um diese Stunde schrie jemand halblaut auf:

»Artem kommt . . .!«

Einige zerlumpte Kerle, die müßig auf der Straße herumstanden und lauerten, ob sie nicht etwas erwischen könnten, waren im Nu verschwunden. Die Bewohner des Schichan blickten besorgt und neugierig nach der Richtung, aus der die Warnung tönte.

Schon längst hatte man Artem mit tiefem Interesse erwartet und die Frage, in welchem Zustande er wohl erscheinen werde, diskutiert.

Artem ging wie früher mitten durch die Straße mit seinem gewohnten langsamen Schritt eines satten Menschen, der einen Spaziergang macht. Sein Äußeres zeigte nichts Neues. Seine Jacke hing wie immer an einer Schulter, die Mütze saß schief . . . und die schwarzen Locken fielen wie immer auf die Stirne herab. Der Daumen der rechten Hand steckte im Gürtel, die linke Hand steckte tief in der Tasche der Pluderhose, und die breite Brust wölbte sich mächtig. Sein hübsches Gesicht zeigte bloß einen verständigeren Ausdruck, wie es immer nach einer Krankheit der Fall ist. Er schritt daher und beantwortete die Grüße und Verbeugungen mit trägem Nicken.

Die ganze Straße begleitete ihn mit ihren Blicken und einem leisen Geflüster des Erstaunens und Entzückens über diese unerschütterliche Kraft, die die Schläge so leicht überstanden hatte. Es gab in der Straße auch viele Menschen, die von seiner Genesung mit Haß sprachen; sie schimpften verächtlich auf diejenigen, die es nicht verstanden hatten, Artem die Lunge einzudrücken und die Rippen zu zerbrechen. Einen Menschen, den man nicht zu Tode verstümmeln kann, gibt es doch einfach nicht! Andere sprachen aber schon mit Vergnügen davon, wie der Riese wohl mit dem Roten Bock und dessen Genossen abrechnen würde. Die Kraft übt einen um so größeren Zauber aus, je größer sie ist, und die meisten standen unter dem Banne von Artems Kraft.

Artem war aber schon in die ›Grabilowka‹, den Klub vom Schichan, eingekehrt.

Als seine große, mächtige Gestalt an der Schwelle der Wirtschaft auftauchte, befanden sich in dem langen Raume mit der niedrigen gewölbten Decke aus Ziegelsteinen nur wenige Gäste. Bei seinem Anblick ertönten nur einige Ausrufe, entstand eine unruhige Bewegung, und jemand huschte schnell in eine entfernte Ecke dieses feuchten, vom billigen Tabak durchräucherten und mit Schmutz und Schimmel durchtränkten Kellers.

Ohne jemand seine Beachtung zu schenken, sah sich Artem langsam um und beantwortete den freundlichen Gruß des Schenkwirts Ssawka Chlebnikow mit der Frage: »War Kain schon da?«

»Er muß bald kommen . . . Gleich ist seine Stunde . . .«

Artem setzte sich an einen Tisch vor einem der vergitterten Fenster, ließ sich Tee geben, legte seine Riesenhände auf den Tisch und warf einen gleichgültigen Blick auf das Publikum. In der Wirtschaft befanden sich an die zehn Gäste, lauter Barfüßler; sie hatten sich an zwei Tischen zusammengedrängt und beobachteten Artem. Wenn sich aber ihre Blicke mit denen Artems trafen, lächelten sie verlegen und unterwürfig; sie wollten offenbar mit ihm ein Gespräch beginnen; er aber sah sie mürrisch und düster an. Alle schwiegen, und keiner konnte sich entschließen, ihn anzusprechen. Chlebnikow machte sich am Büfett zu schaffen, summte etwas vor sich hin und blickte mit seinen Fuchsaugen um sich.

Von der Straße her drang durch die Fenster der Lärm herein, klangen laute Flüche, Schwüre und Ausrufe der Händler. Irgendwo in der Nähe stürzten klirrend mehrere Flaschen zu Boden und zerschellten auf dem Pflaster. Artem war es langweilig, allein in diesem schwülen Keller zu sitzen . . . »Na, ihr Wölfe«, begann er plötzlich laut und langsam, »was seid ihr so still geworden? Die Kerle starren mich an und schweigen . . .«

»Wir verstehen auch zu reden, gestrenger Herr!« sagte der Geschundene Freier, indem er sich erhob und auf Artem zuging.

Er war ein hagerer Mensch, mit Leinenjoppe und Soldatenhose bekleidet, kahlköpfig, mit spitzem Kinn und kleinen, roten, tückisch zusammengekniffenen Augen.

»Man sagt, du seist krank gewesen?« fragte er, sich Artem gegenübersetzend.

»Nun, und?«

»Nichts . . . Man hat dich so lange nicht gesehen . . . Wenn man fragte, wo Artem ist, so hieß es: Er ist krank . . .«

»So . . . Nun?«

»Was nun? Fahren wir fort . . . Was war es für eine Krankheit?«

»Weißt du es nicht?«

»Habe ich dich denn kuriert?«

»Du lügst, Hund!« entgegnete Artem lächelnd. »Warum lügst du? Du weißt doch die Wahrheit!«

»Ja, ich weiß . . .« antwortete der Freier, gleichfalls lächelnd.

»Warum redest du dann so?«

»Weil es wohl so klüger ist . . .«

»Klüger! Ach, du . . . Geschmeiß!«

»Ja . . . wenn ich dir die Wahrheit sage, so wirst du vielleicht noch böse werden . . .«

»Ich spucke auf dich!«

»Nun, auch dafür danke ich dir! Willst du mir nicht anläßlich deiner Genesung einen Schnaps spendieren?«

»Laß dir einen geben . . .«

Der Freier ließ sich eine halbe Flasche Schnaps geben und wurde gleich lebhaft.

»Was du doch für ein leichtes Leben hast, Artem . . .! Immer hast du Geld . . .«

»Was ist denn dabei?«

»Nichts . . . Die Weiber helfen dir immer . . . die Verdammten!«

»Dich wollen sie aber gar nicht anschauen.«

»Ach, wie käme ich dazu. Meine Füße taugen nicht, um deinen Weg zu gehen«, sagte der Freier und seufzte.

»Das Weib liebt eben einen gesunden Menschen. Aber was bist du? Ich bin ein reinlicher Mensch, das ist es . . .« Artem sprach mit den Barfüßlern immer in diesem Ton. Seine gleichgültige, träge und tiefe Stimme verlieh seinen Worten eine besondere Kraft und Schwere, und sie waren immer roh und kränkend. Vielleicht fühlte er, daß die anderen in vielen Beziehungen schlechter, aber in allen Dingen immer klüger waren als er.

. . . Da erschien Kain mit seinem Warenkasten vor der Brust und einem um den linken Arm geworfenen gelben Kattunkleid. Von seiner gewohnten Angst bedrückt, blieb er in der Türe stehen, reckte den Hals und sah mit einem ängstlichen Lächeln in die Wirtschaft hinein; als er aber Artem erblickte, erstrahlte sein Gesicht vor Freude. Artem sah ihn an, verzog seinen Mund zu einem breiten Lächeln und bewegte die Lippen.

»Her zu mir!« rief er Kain zu. Dann wandte er sich an den Freier und sagte ihm spöttisch: »Du aber geh . . . Mach dem Menschen Platz . . .«

Die rothaarige borstige Fratze des Freiers erstarrte für einen Augenblick vor Erstaunen und Ärger; er erhob sich langsam von seinem Stuhl, sah seine Freunde an, die nicht weniger erstaunt waren als er selbst, sah auch Kain an, der sich lautlos und vorsichtig dem Tische näherte . . . und spuckte plötzlich erbost auf den Boden: »Pfui Teufel!«

Darauf trat er langsam und schweigend wieder an seinen Tisch, wo sofort ein dumpfes Geflüster begann, in dem man deutlich höhnische und gehässige Töne unterscheiden konnte. Kain lächelte noch immer verlegen und freudig und schielte zugleich unruhig nach dem gekränkten Freier und dessen ganzer Gesellschaft.

Artem sprach aber zu ihm freundlich: »Nun, wollen wir Tee trinken, Kaufmann . . . Man müßte auch Kuchen kaufen – wirst du vom Kuchen essen? Was schaust du hin . . .? Spuck auf sie, fürchte nichts . . . Wart, ich will ihnen eine Predigt halten . . .«

Er stand auf, warf mit einem Ruck die Jacke von der Schulter zu Boden und trat an den Tisch der Unzufriedenen. Groß und stark, mit gewölbter Brust, die Schultern zuckend und auf jede Weise mit seiner Kraft prahlend, stand er mit einem Lächeln auf den Lippen vor ihnen; sie aber erstarrten in ihren geduckten Posen, schwiegen und waren bereit, davonzulaufen.

»Nun . . .«, begann Artem, »was brummt ihr?«

Er wollte etwas furchtbar Eindrucksvolles sagen, aber er fand keine Worte und verstummte . . .

»Sag's auf einmal!« sagte der Geschundene Freier mit verzerrten Lippen. »Oder noch besser: Laß uns in Ruhe, du Keule Gottes!«

»Schweig!« sagte Artem und runzelte die Brauen. »Du bist so böse . . . du ärgerst dich, weil ich mit dem Juden gut Freund bin und dich weggejagt habe . . . Nun sage ich es euch allen: der Jude ist besser als ihr! Denn er hat Güte für die Menschen . . . ihr habt sie aber nicht! Er ist nur erdrückt . . . jetzt nehme ich ihn aber unter meinen Schutz . . . und wenn einer von euch Teufeln ihn anrührt, so paßt auf! Ich sage es euch gleich: Ich werde nicht einfach schlagen, sondern quälen . . .«

Seine Augen flammten wild auf, die Adern am Halse schwollen an, und die Nüstern erbebten.

»Daß ihr mich, als ich betrunken war, verprügelt habt, das macht mir nichts! Ihr habt mir von meiner Kraft nichts genommen, habt nur mein Herz noch mehr erbittert . . . Merkt es euch! Aber für jedes kränkende Wort, das ihr dem Juden sagt, werde ich für ihn eintreten und euch zu Tode verstümmeln. Sagt das allen . . .«

Er atmete tief auf, als hätte er eine Last von sich geworfen, wandte ihnen den Rücken und ging . . .

»Das war gut gesagt!« versetzte der Geschundene Freier halblaut und machte eine bekümmerte Grimasse, während Artem sich wieder neben Kain setzte.

Kain saß am Tisch, bleich vor Erregung, und wandte seine von einem unsagbaren Gefühl erfüllten Augen nicht von Artem.

»Hast du's gehört?« fragte ihn der Schöne streng. »So . . .! Merk es dir: Wenn dich wer anrührt, lauf gleich zu mir und sag's. Dann gehe ich hin und drehe ihm alle Knochen heraus . . .«

Der Jude murmelte etwas – er betete zu Gott oder dankte dem Menschen. Aber der Geschundene Freier und seine Gesellschaft tuschelten noch miteinander und verließen dann einer nach dem andern die Wirtschaft. Als der Freier an Artems Tisch vorbeiging, summte er vor sich hin:

». . . Krieg' ich zu meinem Verstand
Auch Geld in die Hand,
Dann mag die Welt versinken:
Tag und Nacht werd' ich trinken!«

Er blickte Artem ins Gesicht und schloß das Lied unerwartet mit eigenen Worten, wobei er eine Grimasse machte und den Takt mit dem Fuß schlug:

»Alle Narren werd' ich kaufen
Und im Schwarzen Meer ersaufen –
Ja, so!«

Dann sprang er schnell zur Türe hinaus.

Artem fluchte und sah sich um. Im halbfinstern, verrauchten und übelriechenden Keller waren nur drei Menschen geblieben: Er, Kain ihm gegenüber und Ssawka am Büfett.

Die Fuchsaugen Ssawkas begegneten dem schweren Blick Artems, und sein langes Gesicht nahm sofort den Ausdruck süßester Andacht an.

»Du hast wunderbar und großartig gehandelt, Artem Michailytsch!« sagte er, seinen Bart streichend. »Ganz nach dem Gebote des Evangeliums. Wie es im Gleichnis vom barmherzigen Saramiter heißt . . . In Schwären und Aussatz war Kain . . . Und du hast ihn nicht verschmäht.«

Artem hörte nicht diese Worte, sondern nur ihr Echo . . . Von der gewölbten Decke der Wirtschaft zurückgeworfen, schwebte es in der stinkenden Luft und drang dickflüssig in die Ohren. Artem schwieg und schüttelte still den Kopf, als wollte er diese Töne von sich jagen. Sie aber schwebten durch die Luft, klebten an seinen Ohren und reizten ihn. Es war dumpf und langweilig. Eine eigentümliche Last legte sich auf Artems Herz.

Er sah Kain unverwandt an. Der Jude trank seinen Tee, sich die Lippen verbrühend und fortwährend in die Tasse blasend, die in seinen Händen zitterte. Artem fing ab und zu einen flüchtigen Blick Kains auf, und dem Riesen wurde es davon noch trüber zumute. Das dumpfe Gefühl eines Ärgers über etwas wuchs in seiner Brust an; es wurde ihm immer finsterer vor den Augen, und er blickte wild um sich. In seinem Kopfe drehten sich wie Mühlräder Gedanken ohne Worte. Früher hatte er keine gehabt, aber während seiner Krankheit waren sie ihm gekommen. Und wollten nun nicht weichen . . .

Die Fenster sind wie im Gefängnis vergittert, ein betäubender Lärm dringt durch sie von der Straße herein. Die feuchten, schweren Steinmassen hängen über seinem Kopf, der steinerne Fußboden ist klebrig vor Schmutz und mit Kehricht bedeckt . . . Und dieser kleine, abgerissene, verängstigte Mensch . . . Er sitzt, zittert und schweigt . . . Auf dem Lande aber beginnt bald die Heuernte. Das Gras am anderen Flußufer, der Stadt gegenüber, reicht schon fast bis zum Gürtel. Und wenn der Wind von drüben kommt, bringt er so verführerische Düfte mit . . . wie gerne würde er eine Sense nehmen und auf die Wiesen ziehen . . .! Kain hob den Kopf und schüttelte ihn eigentümlich, während sein Gesicht einen verlegenen und unglücklichen Ausdruck zeigte.

»Was soll ich sagen? Mit welcher Zunge soll ich zu Ihnen sprechen? Mit dieser?« Der Jude zeigte Artem die Spitze seiner Zunge. »Mit der Zunge, mit der ich zu allen anderen Menschen spreche? Schäme ich mich denn nicht, zu Ihnen mit dieser Zunge zu reden? Sie glauben, ich verstehe nicht, daß auch Sie sich schämen, neben mir zu sitzen? Was bin ich, und was sind Sie? Wissen Sie denn, Artem, Sie große Seele, ein Mann wie Judas der Makkabäer, was Sie täten, wenn Sie wüßten, wozu der Herr Sie erschaffen hat? Ach! Niemand kennt die großen Geheimnisse des Schöpfers und niemand kann erraten, wozu ihm das Leben gegeben ist. Sie wissen nicht, wieviel Tage und Nächte meines Lebens ich darüber nachgedacht habe, wozu ich das Leben brauche. Wozu taugen mein Geist und mein Verstand? Was bin ich den Menschen? Ein Spucknapf für ihren giftigen Speichel. Und was sind die Menschen mir? Schlangen, die mich an allen Stellen meines Körpers und meiner Seele beißen . . . Wozu lebe ich auf der Erde? Und warum kenne ich nur Leid . . . und die Sonne hat keinen Strahl für mich!«

Er sprach diese Worte in einem leidenschaftlichen Flüstertone, und sein Gesicht zitterte wie immer in Augenblicken der Erregung seiner gequälten Seele.

Artem verstand seine Rede nicht, aber er sah und hörte, daß Kain sich beklagte. Darum wurde es ihm noch schwerer ums Herz.

»Nun, du kommst wieder damit!« sagte er und schüttelte geärgert den Kopf. »Ich hab' dir doch gesagt, daß ich für dich eintreten werde!«

Kain lachte leise und bitter.

»Wie wollen Sie für mich vor dem Angesicht meines Gottes eintreten? Er ist es, der mich verfolgt . . .«

»Na ja . . . natürlich! Gegen Gott kann ich nichts machen«, stimmte ihm Artem einfältig zu. Dann riet er dem Juden mitleidsvoll: »Du mußt halt dulden . . .! Gegen Gott kann man nichts machen!«

Kain sah seinen Beschützer an und lächelte . . . gleichfalls mit Mitleid. So bemitleidete zuerst der Starke den Klugen, dann der Kluge den Starken, und zwischen den beiden spannten sich Fäden, die sie einander näherbrachten.

»Bist du verheiratet?« fragte Artem.

»Oh, ich habe eine große Familie, viel zu groß für meine Kraft . . .« Kain seufzte schwer.

»Da, schau!« sagte der Riese. Es fiel ihm schwer, sich eine Frau vorzustellen, die diesen Juden hätte lieben können, und er sah ihn, der so kränklich, klein, schmutzig und verängstigt war, mit neuem Interesse an.

»Ich habe fünf Kinder gehabt, jetzt sind es vier. Das eine Mädel, Chaja, hat immer gehustet und gehustet und ist schließlich gestorben . . . Mein Gott . . . Gott . . .! Auch meine Frau ist krank und hustet immer . . .«

»Du hast es schwer«, sagte Artem und wurde nachdenklich. Auch Kain wurde nachdenklich und ließ den Kopf hängen. In die Wirtschaft kamen Trödler; sie traten vor das Büfett und sprachen leise mit Ssawka. Er erzählte ihnen etwas geheimnisvoll und zeigte mit den Augen auf Artem und Kain, und die Gäste blickten erstaunt und spöttisch zu ihnen hinüber. Kain hatte schon diese Blicke bemerkt und war wieder unruhig geworden. Artem sah sich aber wieder auf einer Wiese, mit einer Sense in der Hand . . . Die Sense saust durch die Luft, und das Gras legt sich mit sanftem Geräusch ihm vor die Füße . . .

»Gehen Sie, Artem . . . und wenn Sie nicht wollen, so gehe ich . . . Da sind Leute gekommen«, flüsterte Kain, »und sie lachen Sie meinetwillen aus . . .«

»Wer lacht?« brüllt Artem, aus seinen Träumen erwachend, und sah sich wütend um.

Aber alle Leute in der Wirtschaft waren ernst und schienen in ihre Geschäfte vertieft. Artem fing keinen einzigen Blick auf. Er runzelte streng die Brauen und sagte dem Juden: »Du redest Unsinn . . . du beklagst dich umsonst . . . So spielt man nicht, paß auf! Beklage dich nur dann, wenn dich jemand anrührt. Oder vielleicht willst du mich nur versuchen und hast es absichtlich gesagt?«

Kain lächelte ihm schmerzvoll zu und gab keine Antwort. Einige Minuten saßen sie beide stumm da. Dann stand Kain auf, hängte sich seinen Kasten vor die Brust und schickte sich an zu gehen. Artem reichte ihm die Hand.

»Du gehst? Nun, geh, handle . . . Ich will noch eine Weile hier sitzen . . .«

Kain schüttelte mit seinen beiden kleinen Händen die Riesentatze seines Beschützers und ging schnell hinaus.

Als er auf die Straße kam, bog er gleich um eine Ecke und blieb dort beobachtend stehen. Er konnte die Tür der Wirtschaft sehen und hatte nicht lange zu warten. Bald erschien in dieser Tür wie in einem Rahmen die Riesengestalt Artems. Seine Brauen waren gerunzelt, und das Gesicht hatte einen Ausdruck, als fürchtete Artem etwas Unangenehmes zu erblicken. Er betrachtete lange und aufmerksam die Leute, die sich auf der Straße drängten; dann nahm sein Gesicht wieder den gewöhnlichen trägen und gleichgültigen Ausdruck an, und er ging durch die Menge hindurch dorthin, wo die Straße an den Hügel stieß: das war offenbar sein Lieblingsplatz.

Kain begleitete ihn mit einem traurigen Blick. Dann bedeckte er sein Gesicht mit den Händen und drückte die Stirne an die eiserne Tür des Speichers, neben dem er stand . . .

 

Die gewichtige Drohung Artems machte Eindruck: die Leute bekamen Angst und hörten auf, den Juden zu hetzen. Kain merkte nun, daß er auf seinem Wege zum Grabe auf etwas weniger Dornen trat. Die Leute schienen seine Existenz nicht mehr zu sehen. Er lief wie früher zwischen ihnen umher, rief seine Waren aus, aber man trat ihm nicht mehr absichtlich auf die Füße, wie früher, stieß ihn nicht in seine mageren Seiten und spuckte ihm nicht mehr in seinen Kasten . . . Allerdings hatte man ihn früher niemals so kalt und feindselig angesehen, wie man ihn jetzt ansah.

Gegen alles, was ihn anging, sehr empfindlich, merkte er gleich diese neuen Blicke und fragte sich, was sie wohl bedeuten und was sie ihm wohl verheißen mögen? Er dachte viel darüber nach und konnte nicht begreifen, warum man ihn auf einmal so ansah. Er erinnerte sich, daß man ihn früher manchmal, wenn auch selten, freundlich angesprochen hatte . . . sich manchmal nach dem Gange seiner Geschäfte erkundigt hatte . . . manchmal mit ihm sogar gescherzt, und gar nicht böse gescherzt hatte.

Kain wurde nachdenklich. Der Mensch ist doch immer geneigt, in der Vergangenheit etwas Gutes zu sehen, was er früher nicht gesehen hat.

Er wurde nachdenklich und horchte und spähte aufmerksam nach allen Seiten. Einmal schlug an sein Ohr ein neues Lied, das der Geschundene Freier, dieser Troubadour der Straße, gedichtet hatte. Dieser Mensch verdiente sich sein Brot mit Musik und Gesang; als Instrumente dienten ihm acht Holzlöffel; er nahm sie zwischen die Finger und schlug sich mit ihnen auf die geblähten Backen, auf den Bauch, schlug die Löffel auch gegeneinander und erzeugte auf diese Weise eine recht anständige Begleitung zu den Couplets, die er selbst komponierte. Wenn auch diese Musik wenig angenehm war, so verlangte sie dafür vom Musiker die Geschicklichkeit eines Akrobaten; das Straßenpublikum schätzte aber die Geschicklichkeit in jeder Form.

So stieß Kain einmal auf eine Gruppe von Menschen, in deren Mitte der Freier, mit seinen Löffeln bewaffnet, drauflos redete: »He, ihr verehrten Herren Reservezuchthäusler! Ich singe euch ein neues Lied, frisch vom Rost, süß wie Most! Gebt mir eine Kopeke pro Nase, und wer eine Schnauze hat, der zahlt mehr! Ich fange an:

Scheint die Sonne durch das Fenster,
Freuen sich die Leute;
Doch wenn ich durchs Fenster steige . . .«

»Das haben wir schon gehört!« rief jemand aus dem Publikum skeptisch.

»Ich weiß, daß ihr es schon gehört habt! Ich gebe aber erst Brot und dann den Kuchen . . .« erklärte der Freier, mit den Löffeln trommelnd. Dann sang er weiter:

»Ach, so bitter ist mein Leben,
Schwer ist mein Gewissen.
Vater, Bruder hängen am Galgen,
Mein Strick ist gerissen . . .!«

»Schade!« erklärte das Publikum.

Aber der Freier bekam doch seine Kopeken, denn die Leute wußten, daß er gewissenhaft war, und wenn er mal ein neues Lied versprach, sie es auch wirklich zu hören bekamen.

»Jetzt kommt das Neue!«

Die Löffel wirbelten schneller:

»Hat sich befreundet der Floh mit dem Affen,
Hat sich befreundet der Jud' mit dem Laffen.
Der Aff' läßt den Floh auf dem Schwanze 'rumlaufen,
Der Jud' tut den Narren den Weibern verkaufen,
He, ihr Tanten . . .!

Halt! Dem Herrn Kain unsere Hochachtung mit dem Knüppel auf den Schädel! Haben Sie das Lied gehört, Herr Kaufmann? Es ist nicht für Sie gedichtet . . . gehen Sie nur Ihren Weg!«

Kain lächelte dem Künstler zu und ging weiter; er seufzte und ahnte nichts Gutes.

Er schätzte diese Tage und fürchtete für sie. Jeden Morgen kam er auf die Straße, fest überzeugt, daß niemand es wagen würde, ihm seine Kopeken wegzunehmen. Seine Augen blickten etwas heiterer und ruhiger. Artem sah er jeden Tag, doch wenn der Riese ihn nicht anrief, ging Kain nie an ihn heran.

Artem aber rief ihn nur selten. Wenn er ihn heranrief, so fragte er ihn:

»Nun, du lebst?«

»O ja! Ich lebe . . . und danke Ihnen«, sagte Kain freudestrahlend.

»Rühren sie dich nicht an?«

»Können sie denn gegen Sie aufkommen!« rief der Jude erschrocken.

»Na also . . .! Wenn aber was passiert, so sag es.«

»Ich werde es sagen!«

»Na, also . . .«

Er maß die Gestalt des Juden mit finsteren Blicken und entließ ihn.

»Geh . . . handle . . .«

Kain ging schnell von seinem Beschützer weg und fing jedesmal höhnische und böse Blicke aus dem Publikum auf, Blicke, die ihm große Angst machten.

So ging es etwa einen Monat lang.

Einmal, gegen Abend, als Kain schon nach Hause gehen wollte, traf er Artem. Der Schöne nickte ihm zu und winkte ihn mit dem Finger zu sich heran. Kain lief schnell herbei und sah, daß Artem finster und mürrisch war wie eine Regenwolke im Herbst.

»Bist du mit deinem Handel fertig?« fragte er ihn.

»Ja . . . wollte schon heimgehen . . .«

»Wart . . . komm mit, ich will dir was sagen . . .« sagte Artem mit dumpfer Stimme.

Groß und schwer ging er vorwärts, Kain folgte ihm.

Sie verließen die Straße und kamen zum Fluß, wo Artem ein verstecktes Plätzchen unter dem Abhang, dicht am Wasser, gefunden hatte.

»Setz dich«, sagte er zu Kain.

Jener setzte sich und warf einen ängstlichen Seitenblick auf seinen Beschützer. Artem beugte den Rücken und fing an, sich langsam eine Zigarette zu drehen; Kain sah aber auf den Himmel, auf den Wald der Masten am anderen Ufer, auf die ruhigen, in der Abendstille erstarrten Wellen und suchte zu erraten, was der Riese ihm wohl sagen würde.

»Nun«, fragte Artem, »du lebst?«

»Ich lebe! Oh, jetzt habe ich keine Angst . . .«

»Nun, das ist gut.«

»Ich danke . . .«

»Wart!« sagte Artem.

Er schwieg lange und düster, seine Zigarette rauchend, während der Jude, von dunklen und ängstlichen Vorahnungen erfüllt, auf seine Rede wartete.

»Ja . . . Jetzt geht es? Man tut dir nichts?«

»Oh, sie haben alle vor Ihnen Angst! Sie sind alle wie Hunde, Sie sind aber wie ein Löwe! Jetzt kann ich . . .«

»Wart!«

»Nun? Was wollen Sie mir denn sagen?« fragte Kain zitternd.

»Was ich sagen will? Das ist nicht so einfach . . .«

»Was ist denn?«

»Nun, siehst du . . . wir wollen ganz offen sprechen. Alles auf einmal . . .«

»Nun?«

»Und ich muß dir sagen, daß ich nicht mehr kann . . .«

»Was denn? Was können Sie nicht . . .?«

»Gar nichts! Ich kann nicht! Es ist mir zuwider. Es paßt mir nicht. Es ist nicht meine Sache . . .« sagte Artem mit einem Seufzer.

»Was denn? Was ist nicht Ihre Sache?«

»Das . . . du und alles . . . Ich will dich nicht mehr kennen . . . denn es ist nicht meine Sache.«

Kain duckte sich, als hätte man ihn geschlagen, und verstummte.

»Wenn man dir was tut, so komm nicht zu mir und beklage dich nicht . . . ich kann dir nicht helfen . . . und werde dich nicht schützen. Verstehst du es? Ich kann nicht . . .«

Kain schwieg wie ein Toter.

Nach diesen Worten atmete Artem erleichtert auf und fuhr verständlicher und zusammenhängender fort: »Daß du mit mir damals Mitleid gehabt hast, das kann ich dir bezahlen. Wieviel willst du? Sag es, ich geb' es dir gleich. Aber Mitleid mit dir haben kann ich nicht . . . Ich habe gar kein Mitleid in mir . . . ich tat es nur so . . . ich verstellte mich. Ich glaubte, daß ich mit dir Mitleid habe, nun zeigt es sich, daß es Trug war. Ich kann mit dir gar kein Mitleid haben.«

»Weil ich ein Jud' bin?« fragte Kain leise.

Artem sah ihn von der Seite an und sagte ihm einige von den Worten, die aus der Tiefe des Herzens kommen:

»Weil du ein Jud' bist? Wir sind alle Juden vor dem Herrn . . .«

»Warum dann?« fragte Kain leise.

»Ich kann es nicht! Ich hab' kein Mitleid mit dir . . . und mit niemand . . . Versteh es doch . . . einem anderen hätte ich es nicht gesagt, hätte ihm nur eine 'runtergehaut! Aber dir sage ich es . . .«

»Wer wird sich gegen meine Hasser erheben? Wer wird mich vor meinen Feinden schützen?« fragte der Jude leise und traurig mit den Worten des Psalms.

»Ich kann nicht . . .« Artem schüttelte verneinend den Kopf. »Nicht weil sie über mich lachen . . . hol' sie der Teufel, sollen sie nur lachen! Aber du tust mir nicht leid . . . Ich will dir lieber dein Geld bezahlen . . .«

»Oh, rächender Herr! Ewiger Gott der Rache, erstrahle, erhebe dich, Richter der Welt . . .« betete Kain, zu einem Knäuel zusammenschrumpfend.

Der Sommerabend war still und warm. Der Fluß spiegelte traurig und freundlich die Strahlen der untergehenden Sonne. Der Abhang warf einen Schatten auf Kain und Artem.

»Überleg es dir doch«, sagte Artem überzeugend und traurig: »Was habe ich jetzt für eine Aufgabe vor mir? Das verstehts du eben nicht . . . Ich muß mich jetzt für mich selbst erheben . . . wie haben sie mich zugerichtet? Weißt du es noch?«

Er knirschte mit den Zähnen und rückte im Sande hin und her; dann legte er sich auf den Rücken, streckte die Füße zum Flusse aus und verschränkte die Hände im Nacken.

»Jetzt kenne ich sie alle . . .«

»Alle?« fragte Kain wie erschlagen.

»Alle! Jetzt fängt die Abrechnung an . . . Und du störst mich dabei . . .«

»Wie kann ich Sie stören?« rief der Jude aus.

»Du störst mich eigentlich nicht, aber die Sache ist die . . . ich bin gegen alle Menschen erbittert. Bin ich denn schlimmer als sie? Das ist es. Also bist du mir jetzt im Wege, ich brauche dich nicht. Hast du es verstanden?«

»Nein!« erklärte der Jude sanft und schüttelte den Kopf.

»Du verstehst es nicht? Ach, was bist du für einer! Man muß mit dir Mitleid haben? Nicht wahr? Ach, kann aber jetzt mit niemand Mitleid haben . . . Ich habe kein Mitleid . . .«

Er stieß den Juden in die Seite und fügte hinzu: »Gar keines. Verstehst du?«

Es kam eine lange Pause. Um die beiden herum tönte durch die warme, duftende Luft das Plätschern der Wellen und schwebten dumpfe Töne, die aus der Ferne, vom verschlafenen, dunklen Fluß kamen und wie Seufzer klangen.

»Was soll ich jetzt machen?« fragte endlich Kain. Er bekam aber keine Antwort: Artem war in Gedanken versunken.

»Wie werde ich ohne Sie leben?« fragte der Jude lauter.

Artem antwortete, auf den Himmel blickend: »Darüber mußt du selbst nachdenken . . .«

»Mein Gott, mein Gott . . .!«

»Das kann man doch nicht so leicht sagen, wie ein Mensch leben soll«, versetzte Artem träge.

Nachdem er alles, was er wollte, gesagt hatte, war er auf einmal heiter und ruhig geworden.

»Ich hab's aber schon gewußt . . . schon damals, als Sie zerschunden dalagen und ich zu Ihnen ging, da wußte ich schon . . . daß Sie mich nicht lange beschützen können . . .«

Der Jude blickte Artem flehend an, begegnete aber seinen Blicken nicht.

»Vielleicht, weil sie über Sie so lachen, um meinetwillen?« fragte Kain vorsichtig, fast flüsternd.

»Sie? Was sind sie mir?« rief Artem, erstaunt die Augen öffnend. »Wenn ich wollte, würde ich dich mir auf den Buckel setzen und so über die Straße tragen. Sollen sie nur lachen . . . Das führt aber zu nichts. Man muß alles wahrhaftig machen . . . wie es einem die Seele sagt. Was in der Seele nicht ist, das ist eben nicht da. Es ist auch mir ekelhaft, Bruder, daß du so bist, das sage ich dir offen . . . Ja! So ist es . . .«

»Ach . . . richtig . . . Nun, was soll ich jetzt? Weggehen?«

»Geh, solange es hell ist . . . jetzt rühren sie dich noch nicht an. Niemand weiß ja von unserm Gespräch . . .«

»Ja . . . und Sie sagen es niemand, wie?« fragte Kain.

»Nun . . . gewiß. Du aber komm mir nicht zu oft vor die Augen . . .«

»Gut«, stimmte der Jude leise und traurig bei und stand auf.

»Versuch doch besser an einem andern Ort zu handeln . . .!« sagte Artem gleichgültig. »Hier ist das Leben hart . . . Ein jeder geht aufs Ganze . . .«

»Wo soll ich denn hingehen?«

»Nun . . . das mußt du dir schon selbst überlegen . . .«

»Leben Sie wohl, Artem.«

»Leb wohl, Bruder!«

Er reichte dem Juden die Hand und drückte mit seinen Fingern dessen dürre Knochen zusammen.

»Leb wohl. Nimm's nicht übel . . .«

»Ich nehm's nicht übel«, sagte der Jude und seufzte bedrückt.

»Na, also . . . So ist es doch besser, überleg es dir selbst . . . Du paßt doch so gar nicht zu mir. Soll ich denn für dich leben? Das steht mir schlecht an . . .«

»Leben Sie wohl!«

»Nun, geh . . .«

Kain ging das Flußufer entlang, den Kopf auf die Brust gesenkt.

Der schöne Artem wandte den Kopf nach ihm um. Nach einigen Sekunden legte er sich aber wieder in die frühere Lage, das Gesicht zum Himmel gewandt, der schon in Erwartung der Nacht dunkel geworden war.

In der Luft entstanden und erstarben seltsame Töne. Der Fluß plätscherte eintönig, traurig und beklemmend ans Ufer. Als Kain an die fünfzig Schritte weit gegangen war, kehrte er noch einmal um, ging auf die Riesengestalt Artems zu, die auf dem Boden lag, blieb vor ihr stehen und fragte leise und respektvoll: »Vielleicht überlegen Sie es sich noch?«

Artem schwieg.

»Artem . . .!« rief Kain. Er wartete lange auf Antwort.

»Artem . . . Vielleicht sagen Sie es bloß so?!« wiederholte der Jude mit bebender Stimme. »Erinnern Sie sich doch, wie ich Sie damals . . . wie? Artem?! Niemand kam zu Ihnen, nur ich kam . . .«

Statt einer Antwort hörte er ein leises Schnarchen.

. . . Kain stand noch lange vor dem Riesen und blickte aufmerksam in sein leblos schönes Gesicht, das im Schlafe sanfter aussah. Die mächtige Brust hob sich gleichmäßig und hoch, und der schwarze Schnurrbart bewegte sich beim Atmen und ließ die glänzenden kräftigen Zähne sehen.

Er schien zu lächeln.

Der Jude seufzte tief auf, beugte den Kopf noch tiefer und machte sich auf. Er ging wieder das Flußufer entlang. Vor Angst um sein Leben am ganzen Leibe zitternd, ging er vorsichtig und verlangsamte den Schritt an offenen, vom Monde beleuchteten Stellen und fing zu schleichen an, wenn er in den Schatten trat . . .

Und er glich einer Maus, einem kleinen, ängstlichen Raubtier, das mitten durch die Gefahren, die es von allen Seiten bedrohen, nach seinem Loche schleicht.

Die Nacht war aber schon angebrochen, und am Flußufer war es leer . . .

 

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