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Mein Weg zur Kunst

Monika Hunnius: Mein Weg zur Kunst - Kapitel 1
Quellenangabe
typeautobio
authorMonika Hunnius
titleMein Weg zur Kunst
publisherEugen Salzer in Heilbronn
printrunvierundsechzigstes bis achtundsechzigstes Tausend
year1937
firstpub1924
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid2f26f7ff
created20070201
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Kindheit und Jugend

Mein Elternhaus in Narva

Als ich geboren war, schrie ich Tag und Nacht zum Entsetzen meiner Familie. Meine Mutter wurde durch das fortwährende Geschrei ganz nervös und weinte.

»Was wird das für ein Kind?« meinte seufzend unsere alte russische Wärterin. Mein Großvater aber, der Kinderarzt war, sagte: »Sie wird eine Sängerin, laßt sie schreien!«

Mein Vater entstammte einer alten deutschen Pastorenfamilie, die im Anfang des 18. Jahrhunderts in die Ostseeprovinzen gekommen war. Er war Prediger in einer kleinen Stadt Estlands. Es war das altertümliche Narva an der ingermanländischen Grenze. Meiner Mutter Familie stammte ursprünglich aus Böhmen, wodurch vielleicht die große Begabung für Musik in unserer Familie zu erklären ist.

Wir lebten in einem spitzgiebeligen Hause, das dicht gegenüber der altertümlichen Kirche lag. Glockenklang, Choralgesang tönten in unsere ersten Kinderträume und erfüllten unsere Phantasie von früh auf. Meine Mutter, die ein großer Altersunterschied von meinem Vater trennte, war seine zweite Frau – eine ganz andere Natur, als er. Er war etwas langsam, ernst und schwerfällig. Alles mußte für ihn zurücktreten, wenn es galt, seine Pflicht zu tun. Eine große Strenge gegen sich selbst mit einem Stück Askese charakterisierte ihn. Dieser Ernst seines Wesens wurde aber gemildert durch einen ausgesprochenen Sinn für Humor und ein Herz voll Liebe. Wir Kinder hatten eine große Scheu vor ihm, die bei mir oft an Furcht grenzte.

Meine Mutter war jung, voller Phantasie, eine strahlende Persönlichkeit, eine Künstlerseele und Dichterin. Sie hatte eine wunderschöne Stimme. In ihrem Gesang lag etwas Fortreißendes und Ergreifendes, denn sie konnte jede Empfindung aussprechen. Ihre große, ehrfürchtige Liebe zu unserem Vater empfanden wir schon als Kinder sehr stark. Trotz ihrer glänzenden Begabung, ihres raschen Geistes war es ihr, die ihn in seiner etwas übergewissenhaften Art oft überflügelte, selbstverständlich, sich jederzeit ihm zu beugen, denn sie erkannte seine Überlegenheit, die in seiner ruhigen, männlichen Art lag, unbedingt an. Es war viel Liebe in unserem Hause, dessen Sonne meine Mutter war. Sie hatte eine freudige Art, das Leben zu leben. Wie es genialen Naturen meist eigen ist, trug sie eine große Kindlichkeit in sich, die sie sich durch ihr ganzes Leben erhielt. Diese Seite ihres Wesens gab ihrer starken Natur einen besonderen Reiz.

Zwei erwachsene Söhne aus erster Ehe lebten schon nicht mehr im Elternhause, als wir geboren wurden. Wir waren drei Kinder: ein älterer Bruder, ich und eine jüngere Schwester. Letztere verletzte sich schwer durch einen Sturz als kleines Kind. Die Folge war ein unheilbares Rückenmarkleiden, das sie in späteren Jahren fast hilflos machte. Sie war von uns dreien meiner Mutter am ähnlichsten und hätte Großes im Leben erreichen können, wenn sie gesund gewesen wäre, denn sie verband mit dem genialen und künstlerischen Sinn meiner Mutter die unbeugsame, stille Energie meines Vaters.

Mein Bruder war ein schöner, begabter Knabe, der schon früh seine ersten Dichterversuche machte. Musikalisch waren wir alle drei. Unsere Mutter lehrte uns, wie mein Vater behauptete, zuerst das Singen und dann das Sprechen.

Die ersten Anfänge meiner musikalischen Erziehung fallen in eine sehr frühe Zeit meines Lebens. Als ich so klein war, daß ich noch nicht sprechen konnte, begann mein erster Gesangunterricht. Ich saß auf meiner Mutter Schoß, die mir Töne vorsang, wobei sie ein Stückchen Zucker in der Hand hielt. Bald begriff ich, daß dieses Stückchen Zucker nur dann in meinen sehnsüchtigen kleinen Mund gelangte, wenn ich Laute von mir gab, welche allmählich zu richtigen Tönen wurden.

Bei der Geburt eines jeden Kindes bestimmte meine Mutter die Stimmlage, in der es einmal singen sollte. Ihr Traum war, unter ihren Kindern ein Gesangquartett zu haben, wobei ich den Alt übernehmen sollte. Alles in unserem Hause wurde mit Gesang begleitet: unser Aufstehen und unser Schlafengehen, unsere Spiele, unsere Leiden und unsere Freuden. Als ich so groß war, daß ich mit der Nase über die Tasten des Flügels reichte, sagte meine Mutter: »Nun bist du groß genug dazu, nun mußt du die zweite Stimme singen!« Und ich sang sie, zuerst eine Oktave tiefer als die anderen Stimmen; das verbot mir aber meine Mutter.

Oft versammelte sie uns um ihren Flügel, wo sie mit uns sang. Mein Lieblingslied war: »Die Katz sitzt auf der Mauer,« das konnte ich nie laut genug singen, was meine Mutter rügte; ich solle mich nicht hervordrängen, sagte sie.

Zu den schönsten Erinnerungen aus meiner frühesten Kindheit gehört das Singen in der Dämmerstunde, wenn unsere Kirchenglocken den Sonntag einläuteten. Tief und dunkel klangen sie, und wenn sie schwiegen, sangen wir, um meine Mutter geschart:

»Wo findet die Seele die Heimat, die Ruh.«

Wie ahnungslos unsere kleinen Stimmchen über den Worten hinschwebten! Unsere Mutter sang mit ihrem tiefen, weichen Alt die dritte Stimme dazu, und noch höre ich den schönen Ausdruck, mit dem sie sang:

»Nein, nein, hier ist sie nicht!
Die Heimat der Seele ist droben im Licht.«

Durch meine Mutter lernten wir alle schon früh unsere wunderbaren deutschen Lieder kennen. Ich kann mich gar nicht besinnen, daß ich jemals die »Müllerlieder«, »Frauenliebe und -leben« und »Die Winterreise« gelernt hätte. Ich habe sie immer gekannt, sie gehörten zu mir wie mein Leben und Atmen. Ich sang sie oft bei meinen Spielen. Einmal sang ich, an meinem Kindertischchen sitzend, bei einem trüben Talglicht mit heller Stimme »die Klage der Peri« von Schumann.

»Wie glücklich sie wandeln,
Die seligen Geister,
Im Dufte der Blumen,
Die nimmer verblühn.«

Meine Mutter hörte mich und kam in ihrer stürmischen Art schnell zu mir herein:

»Wer singt da?« fragte sie. »Ich,« sagte ich erschrocken und kläglich.

»Wo hast du's her?« fragte sie.

»Aber du hast es doch gesungen.«

»Sing's gleich noch einmal.«

Aber ich weinte und konnte es nicht.

»Du bist ein ganz dummes Kind,« sagte sie ärgerlich, »siehst du denn nicht, daß ich mich freue?«

Jeden Morgen beim Ankleiden sang ich eine Art Morgenhymne, und ich fühle noch jetzt die Wonneschauer, die mich beim Klang meiner eigenen Stimme überrieselten. Worte und Melodie hatte ich selbst zusammengestellt: »Halleluja, gelobt sei Jesus Christus. Hosianna in der Höh!«

Ich sang so laut, daß meine alte russische Wärterin kopfschüttelnd sagte: »Mein Gott, mein Gott, diese Stimme! Schrei doch nicht so laut, du weckst ja die Kleinen.«

Meine Mutter hatte nie Musikunterricht gehabt, was sie konnte, hatte der liebe Gott sie gelehrt. Sie hatte ein feines Ohr für Klang und ein starkes Empfinden für Schönheit. Sie erlaubte mir nie, gellend zu singen oder zu schreien. »Sing immer so, daß es hübsch klingt,« sagte sie. So wurde mein Gefühl für die Schönheit des Klanges früh erzogen, und mein Sinn für das Ästhetische der Musik ist wohl auch dadurch stärker geworden als für das rein Musikalische. Der Begriff Musik war mir von Gesang untrennbar, das Klavier interessierte mich wenig.

Eines Tages faßte meine Mutter einen kühnen Plan. Ich sollte zum Geburtstag meines Vaters zwei kleine Stücke vierhändig mit ihr spielen. Mit dem ganzen Enthusiasmus ihrer Natur schilderte sie mir die Freude, die mein Vater dabei haben würde. Ich glaube, der künftige Pädagoge regte sich in mir schon, als ich ängstlich fragte: »Ja, wie soll ich das aber machen?«

»O,« sagte meine Mutter ganz begeistert, »ich zeige es dir an!«

Ich war nicht sehr dafür, daß meine Mutter mir etwas anzeigte. Sie war großartig und klug, aber sehr schnell, weit von jeder Musikpädagogik entfernt, und sehr ungeduldig. Ich hatte meine Erfahrungen gemacht. Sie wollte uns immer überreden, wenn sie uns etwas lehrte, wogegen ich mich auflehnte. Und dann war sie so rasch, daß ich mit meinem kleinen, geordneten Kopf oft gar nicht folgen konnte.

Bald saß ich mit ihr am Flügel, ein kleines Blatt mit Noten war vor uns aufgestellt. »Du spielst den Diskant,« sagte meine Mutter mutig, »und ich spiele den Baß!«

»Was ist denn das?« fragte ich mißtrauisch.

»Ach spiel doch, du wirst es schon sehen,« war die Antwort. »Nimm deine beiden Zeigefinger, hier sind die Tasten, und nun schlage diese Töne zweimal an, ich werde zählen.«

Sie begann zu zählen: »Eins – zwei –.«

Was das Zählen mit all dem zu tun hatte, konnte ich wieder nicht begreifen.

»Nun die beiden Töne nebenbei,« rief meine Mutter und zählte wieder, »und so geht es immer weiter.«

Ich versagte vollständig und fing an zu weinen. Meine Mutter wurde ärgerlich.

»So, jetzt fangen wir noch einmal an,« sagte sie dann überredend.

Ich aber war hoffnungslos und meine Tränen strömten unaufhaltsam herab. Ich versuchte dabei zu spielen, aber meiner Mutter Zählen wurde immer lauter, und sie begann nun auch den Takt dazu zu schlagen. Ich fühlte in der ganzen Sache keinen rechten Zusammenhang, was mich verzweifeln ließ. Meiner Mutter Taktschlagen mußte eine üble Wendung genommen haben, denn das Notenblatt flog vom Klavier, der Notenständer fiel mit einem Krach zusammen, ich aber weinte nicht mehr, ich schrie. Meine Mutter hob das Blatt vom Boden auf und begann mit sanfter Stimme mir zuzureden, aber das wurde mir erst recht unheimlich. Sie schilderte die große Freude, die ich meinem Vater bereiten würde, und rührte mich damit aufs neue zu heißen Tränen. Ich versprach, mich zu bessern und es noch einmal zu versuchen. Es ging natürlich wieder nicht, weil mich das Zählen verwirrte und ich überhaupt die Verbindung zwischen den geschriebenen Noten und den weißen Tasten nicht begriff. Da ertönte als Erlösung die Haustürglocke, und mein Vater kam heim. Ich weiß nicht, wer froher darüber war, meine Mutter oder ich. Von der geplanten Überraschung wurde nie mehr gesprochen. Ach, meine liebe Mutter war ein großartiger Mensch, aber Klavierstunden zu geben, verstand sie wirklich nicht!

Ich glaube, ich muß sieben Jahre alt gewesen sein, als ich die ersten richtigen Klavierstunden bekam. Meine Lehrerin hieß Kathi, war eine Freundin unseres Hauses und wurde von uns heiß geliebt. Aber es war merkwürdig: gleich in der ersten Stunde veränderte sie sich und wurde für mich ein ganz neuer und schrecklicher Mensch. Sie sprach mit einer fremden Stimme und verlangte Dinge von mir, die ich nicht begriff. Ich sollte »üben« und wußte nicht wie. Nach einigen angstvollen Versuchen meinerseits, zu ergründen, was sie eigentlich von mir wolle, versteinerte ich mich innerlich und tat nichts.

Ich war als Kind nicht leicht zu erziehen; fand man den Schlüssel zu mir, so konnte man mich mit einem Blick leiten, fand man ihn nicht, so konnte man nichts mit mir beginnen. Meine einst so sehr geliebte Kathi fand den Schlüssel nicht, und ich begrub sehr schnell meine Liebe zu ihr in meinem kleinen Herzen, sie verwandelte sich in Furcht und Widerstand. Wie und was ich üben sollte, blieb mir immer ein dunkles Geheimnis. Mein Übungsklavier stand im oberen Stock in einem Zimmer, das von einer Witwe, Frau Tamissar, und deren fünf Kindern bewohnt wurde. Mein Vater, der damals schwer krank war, durfte keinen Ton hören, und meine Mutter hatte keine Zeit, mich zu beaufsichtigen. Ich mußte um eine bestimmte Stunde ans Klavier gehen; was ich da tat, war meine Sache. Es ging hoch dabei her. Bei meinem Erscheinen umringte mich sofort die Familie Tamissar voll glühender Bewunderung. Ich dachte keinen Augenblick daran, Wohlfahrts »Klavierschule« aufzuschlagen, die nur unfaßliche schwarze Punkte enthielt, die sinnlos auf Linien umherkletterten. Ich erging mich in freien Phantasien, und manchmal sang ich sogar dazu. Ob Gesang und Begleitung miteinander übereinstimmten, weiß ich nicht, glaube es aber keinesfalls. Doch die uneingeschränkte Anerkennung, die ich genoß, erhob mich über mich selbst. Schrecklich aber war's, wenn der Tag der Klavierstunde nahte. Alles ging soweit gut, bis ich vor der kleinen, eisenbeschlagenen Tür stand, die zur Hintertreppe von Kathis Wohnung führte. Sie erschien mir wie die Tür zur ewigen Verdammnis. Mein Gewissen schrie laut in mir, bis dahin hatte es in festem Schlafe geruht. Langsam stieg ich die Treppe empor, mit wilder Angst nach einer Erinnerung suchend, ob ich nicht wenigstens einmal den Wohlfahrt aufgeschlagen und meine Aufgabe geübt hätte. Aber unerbittlich stand die Wahrheit vor mir, ich hatte es kein einziges Mal getan.

Kathis erste mit strenger Stimme gestellte Frage lautete: »Hast du geübt?«

»Nein,« stieß ich hervor, und meine Tränen begannen zu fließen. Nun kam die Schelte. Ich weinte nicht mehr, ich schrie in meiner Angst laut, so daß Kathi die Türen schloß, damit mein Gebrüll nicht ihre Familie erschreckte. Und dann kamen wieder Erklärungen, die ich nicht begriff, und das wilde Auflehnen in mir gegen die fürchterliche Musik, die hier so ganz anders war, als wenn ich zu Hause das »Sehnsuchtlied der Peri« sang, oder wenn wir im Dämmern mit Mutter geistliche Volkslieder anstimmten.

Ich konnte mir das gar nicht zusammenreimen – es mußte eben zwei Arten von Musik geben: eine, die man konnte, und die in einem lebte, schön und vertraut, die einem die Seele weitete und mit Schauern der Wonne erfüllte, und eine, die man nicht konnte, die fremd und schrecklich war, die man lernen sollte und nicht lernen konnte, die von außen auf einen eindrang und sich nie mit der Musik, die in einem lebte, verband.

Ich glaube, die Pädagogik meiner Kinderjahre bestand vor allem in Schelten und Strenge, und eine Hauptsache war die, daß die Lehrer sich so fern wie möglich von ihren Schülern stellten.

Man mußte als Lehrer unbedingt gefürchtete Respektsperson sein. Wenn das Wesen der Erziehung – auch der musikalischen – hauptsächlich darin bestehen soll, dem Schüler die Wege zu seinem eigenen Ich zu bahnen, so ahnte meine Lehrerin davon wohl nichts. Mein kleines, verschüchtertes Ich und die Musik, die ich lernen sollte, stellten sich wie zwei Feinde gegeneinander. Und doch war meine ganze Seele erfüllt von Musik, ich fand nur die bewußte Verbindung mit ihr nicht, und so wurde sie mein Feind.

Noch sehe ich das Zimmer, in dem ich Stunden hatte, mit seinen Glasmalereien an den Fenstern, mit seinen beiden großen Flügeln und den Violinpulten und -kästen, mit seiner Atmosphäre von Schelten und dunklem, angstvollem Widerstreben. Aber seltsamerweise wirkte dies alles nicht so auf mich, daß ich zu begreifen und zu üben versuchte. Ich muß wirklich ein großes Stück Leichtsinn in mir gehabt haben, daß ich alle diese Schrecken immer wieder so schnell vergessen konnte. Mein Gewissen schwieg und erwachte nur, wenn ich vor der eisenbeschlagenen Tür stand, die zu meiner Folterkammer führte. Außerdem erschien mir die Sache derartig hoffnungslos, daß ich mich gar nicht viel um sie mühte.

So ging es eine Weile, bis Kathi erklärte, ich sei so verstockt und faul, daß sie mit mir nichts anfangen könnte. Ich wurde von meiner Mutter sehr streng vermahnt, versprach mich zu bessern, obgleich ich es mir nicht vorstellen konnte, wie ich es machen sollte, und wurde dann zu Frau Rödder gebracht, der Frau unseres Stadtorganisten. Sie war eine runde, lustige Frau mit einer hellen, freundlichen Stimme, die mit einem Schlage meine ganze widerspenstige und leichtsinnige Seele in ihre Hand bekam. Ich begriff plötzlich alles. Der Musik, die ich lernen sollte, antwortete die Musik in meiner Seele. Jede Stunde brachte neue Offenbarungen. In ihre Zimmer voll Sonne und Blumen kam ich mit frohem Herzen. Das feste Zutrauen dieser liebevollen, warmen Seele zu allem, was gut in mir war, öffnete mein Herz weit. Ich liebte sie und hätte sie nicht enttäuschen können. Ich machte plötzlich große Fortschritte, denn sie lehrte mich, wie ich zu Hause üben mußte, und ich übte nun mit Freuden. Und wenn ich meine kleinen Musikstücke auswendig und fehlerlos in der Stunde vorgespielt hatte, dann rief sie mit heller Stimme nach Mann und Söhnen:

»Kommt und hört, wie die kleine Mona spielt!«

Und sie kamen und mußten sich als richtige Zuhörer hinsetzen. Stolz und selig saß ich da mit meinen spiegelblank geflochtenen Zöpfen, mit baumelnden Beinchen auf dem hohen Klavierstuhl, zählte laut und spielte der aufhorchenden Familie meine kleinen Stücke vor. Ja, das war wohl etwas ganz anderes als die Erfolge bei der Familie Tamissar. War es besonders gut gegangen, durfte ich vorsingen: »Die Katz sitzt auf der Mauer« und »Wenn die Schwalben heimwärts ziehn«. Das letztere sang ich mit besonderem Entzücken und großer innerer Bewegung. Frau Rödder, die mich begleitete, strich mir dann liebevoll übers Haar. Einmal sah ich zu meinem großen Erstaunen, daß sie dabei Tränen in den Augen hatte.

»Kind, aus dir wird noch was,« sagte sie, und mir war's, als wüchsen mir Flügel.

Der Tod meines Vaters machte diesem schönen, freudigen Arbeiten ein Ende, ich war damals neun Jahre alt, wir mußten Narva verlassen und siedelten nach Riga über.

Ich erlebte noch eine große musikalische Ehrung vor meiner Abreise. Ich durfte vor der ganzen Schule in der letzten Gesangstunde ein Abschiedslied singen. Unser alter Gesanglehrer begleitete mich. Ich hatte mein Lied selbst gewählt und sang: »Wenn die Schwalben heimwärts ziehn.« Ich war begeistert und sang, so laut ich irgend konnte, ohne Scheu alle Verse, ich schenkte meinen Zuhörern nichts. Beim letzten Vers:

»O armes Herz, was trauerst du.
Du auch gehst dereinst zur Ruh!«

fühlte ich, wie Tränen der Seligkeit in meine Augen traten, denn meine Stimme klang hell und schwingend durch den großen Raum. Als ich geendet hatte, stand mein alter Lehrer auf und legte die Hände segnend auf mein kleines Haupt:

»Gott segne deine Silberstimme,« sagte er bewegt, »gebrauche sie zur Ehre Gottes und zur Freude der Menschen.«

Stolz und beseligt ging ich heim und erzählte alles meiner Mutter.

»Eine Stimme ist ein großes Geschenk vom lieben Gott,« sagte sie, »bilde dir nur nie etwas darauf ein, sonst verdirbst du dir dies schöne Gottesgeschenk.«

Übersiedelung nach Riga

Es war im Herbst 1869, als meine Mutter mit uns Kindern in ihre alte Heimatstadt Riga zog. Hier lebten ihr Vater und ihre Geschwister. Mein Großvater, ein sehr bekannter Kinderarzt Rigas, wohnte in seinem eigenen Hause in der Mitauer Vorstadt. Im oberen Stock dieses Hauses erhielt meine Mutter eine kleine Wohnung, in der wir uns mit einem Teil unserer Narvaschen Möbel einrichteten. In der Parterrewohnung lebte mein Großvater mit seinen zwei Töchtern und einem Sohn. Die eine Tochter war Witwe und hatte fünf Kinder, die alle von meinem Großvater erzogen wurden und zum Teil in unserem Alter waren. Ein großer Hof und Garten umgab das Haus, das mit einem breiten holländischen Dach und einer großen Freitreppe vornehm und still in einer kleinen Seitenstraße lag.

Es war ein ganz anderes Leben, das nun für uns begann. Das in seiner Gastfreiheit und Geselligkeit großzügige Leben im Pastorat zu Narva, das dort den geistigen Mittelpunkt der Stadt bildete, war zu Ende, und an seine Stelle trat das Leben einer Witwe in den bescheidensten Verhältnissen. Meine Mutter litt unendlich darunter, denn ihr waren die Flügel gebunden. Wir Kinder aber fühlten es nicht so schwer, genossen vielmehr das fröhliche Leben mit den vielen Vettern und Cousinen. In Riga lebte noch ein Bruder meiner Mutter, der auch fünf Kinder hatte. Jeden Sonntag versammelte sich die ganze Familie bei unserem Großvater, wo viel Musik gemacht wurde und stets eine harmlose Fröhlichkeit herrschte. Sonst hatten wir gar keinen Verkehr, lebten ganz in der Familie, weltfremd und ahnungslos dem wirklichen Leben gegenüber.

Ich kam bald in eine große Mädchenschule, mein Bruder besuchte das Gymnasium, meine kranke Schwester wurde zu Hause unterrichtet. Den Klavierunterricht erteilte mir eine Jugendfreundin meiner Mutter. Sie war früher ein reiches, verwöhntes Mädchen gewesen und mußte sich nun ihren Unterhalt durch Musikunterricht erwerben. Dabei war ihr Stundengeben ein Greuel, sie litt häufig an Migräne und hatte von Pädagogik keine Ahnung. Die Flügel, die mir so froh bei der lieben Frau Rödder gewachsen waren, lagen bald geknickt am Boden. Es war auch alles dazu angetan, mir die Klavierstunden zu verleiden. Meine Übungsstunde mußte täglich von 7 – 8 Uhr morgens sein. Da saß ich denn halb verschlafen in den Herbst- und Wintermonaten in einem noch ungeheizten Zimmer vor den kalten Tasten bei trübem Licht. Meine einzige Erfrischung bestand darin, daß ich ungezählte Male aufstand und nachsah, ob es nicht schon acht Uhr war, denn dann durfte ich Kaffee trinken. Meine Mutter merkte von ihrem Schlafzimmer aus die vielen Pausen, die ihr verdächtig vorkamen, und so wurde mir auch diese kleine, angenehme Unterbrechung verboten. Die Klavierstunden schlossen sich direkt an die Schulstunden. Müde, abgespannt und hungrig kam ich hin und wurde von einem müden, freudlosen Gesicht empfangen. Wie oft hatte meine Lehrerin Migräne, hielt sich den Kopf, seufzte über mich und schalt mich. Wie oft hörte ich, daß ich ein schreckliches Kind sei und mir keine Mühe gebe. Das Zimmer war auch so freudlos, ohne Sonne, ohne Blumen. Es war mit einem Schirm abgeteilt, und ich wußte genau, daß hinter diesem Schirm eine alte Cousine meiner Lehrerin saß, die jedes Scheltwort hörte und jeden falschen Ton, was mein kleines, stolzes Herz zusammenschnürte. Ich spielte endlose Tonleitern, deren Zusammenhang ich nicht begriff, spielte nach jeder Tonleiter Akkorde, die mir völlig unnütz vorkamen, was ich meiner Lehrerin gegenüber einmal aussprach.

»Sei nicht ungezogen,« sagte sie darauf, aber die Notwendigkeit ihres Daseins erklärte sie mir doch nicht. Dann kamen Sonatinen von Clementi, die ich derart haßte, daß ich noch jetzt, wenn ich ihren Namen höre, ein feindseliges Gefühl nicht unterdrücken kann.

»Fröhlicher Landmann, von der Arbeit heimkehrend« und »Nachklänge aus dem Theater« von Schumann haben mich Tränen gekostet, weil meine Lehrerin sagte, es sei eine Schmach und Schande, wie ich sie spiele.

Das Wort Salzmanns: »Von allen Fehlern und Untugenden seines Schülers suche der Lehrer den Grund in sich selbst,« war damals noch nicht bekannt, jedenfalls nicht meinen Lehrern. Ein geistreicher Kollege von mir sagte einmal, als ich schon selbst Lehrerin war: »Wir sind in einer schlechten Zeit geboren. Als wir Schüler waren, hatten immer die Schüler schuld, wenn sie keine Fortschritte machten. Jetzt, da wir selbst Lehrer sind, sind in solch einem Fall immer die Lehrer schuld.«

So würgte ich mich denn Jahr um Jahr hindurch, mein heißer Wunsch zu Weihnachten und zu meinem Geburtstag, mit meinen Klavierstunden aufhören zu dürfen, wurde von meiner Mutter nicht erfüllt.

»Du wirst mir noch einmal dafür danken, daß ich dir die Stunden aufgezwungen habe,« sagte sie manchmal. Für die musikalische Qual in den Stunden hielt ich mich im Hause schadlos, wo ich mir meine eigene Musik verschaffte. Ich lebte mit vielen Vettern und Cousinen zusammen in einem Hause, alles sang, spielte und geigte. Duette, Quartette, Terzette erschollen durch Haus und Garten. Auf den Bäumen des Gartens saßen wir und sangen, auf dem Dach des Hühnerhauses, auf den Zäunen und in den Bodenluken, oft im Winter in Schnee und Eis. Weigerte ich mich dabei mitzutun, denn meine Kehle war zart, dann hieß es: »Bilde dir nur ja nichts auf deine Stimme ein.«

Ich war siebzehn Jahre alt, als ich die Schule verließ. Ich nährte eine glühende Hoffnung in meiner Seele, daß nun der Augenblick gekommen sei, wo ich Gesangstunden nehmen dürfte, aber meine Mutter hatte es anders beschlossen.

»Du bist für Singstunden noch viel zu jung und kindisch,« sagte sie. Ich sollte noch einen Winter Klavierstunden nehmen und Englisch lernen. Ich war verzweifelt. In die Klavierstunden hatte ich mich schon gefunden, diese Last nahm doch keiner von meiner Seele, aber die englischen Stunden, gegen die revoltierte ich heimlich, denn ich liebte meine englische Lehrerin gar nicht und haßte die englische Sprache.

Aber wie loskommen? Das Wort meiner Mutter ließ sich nicht leicht umstoßen.

Tagebuch, 16. November 1875.

Nie habe ich meine englischen Stunden so gehaßt wie jetzt, da ich doch gehofft habe, sie aufgeben zu dürfen und Singstunden zu bekommen. Heute hatte ich eine Stunde, die mir klar machte, daß ich alles dran setzen will, von meiner englischen Lehrerin loszukommen. Ich vertrödelte meine Zeit auf dem Wege mit voller Absicht, um die Stunde abzukürzen, und kam viel zu spät, das ärgerte die Alte schon gewaltig. Ihr Zimmer ist schrecklich, düster und traurig, ohne Sonne, ohne eine Aussicht aus den Fenstern. Auf den Fensterbrettern stehen Blumentöpfe mit Kakteen voller Stacheln, grau und verstaubt. Grau und verstaubt sah auch die Alte aus mit kleinen rotgeränderten Augen. Ich bemühte mich, recht keck auszusehen, als machte ich mir aus dem allen nichts. Die englische Sprache ist mir nämlich absolut zuwider. Sie ist so willkürlich in der Aussprache! Und dann habe ich auch immer den Verdacht, ob sie sie mich richtig lehrt. Wer sagt mir, daß ihre Aussprache stimmt? Sie ist doch eine Deutsche.

Ich setzte mich zur Stunde an den Tisch ihr gegenüber. Sie sah mich an, wie eine Katze, die eine Maus gefangen hat.

»So,« sagte sie, »jetzt fangen wir an.«

Ich sagte mein Gedicht auf, das ganz gut ging, denn ich las es zum großen Teil unterm Tisch ab. Als sie mich lobte, schämte ich mich ein wenig. Darauf las ich meine schriftliche Arbeit vor, die von Fehlern wimmelte. Sie fragte mich mit strenger Stimme, ob ich nun die englische Sprache lieber gewonnen hätte.

Ich sagte: »Nein, ganz im Gegenteil.«

Darauf wurde sie sehr zornig und fragte, was ich dann wolle.

»Singen,« sagte ich schnell, »den ganzen Tag singen!«

Da legte sie das Buch aus der Hand und sagte mit böser Stimme, was ich wohl von meiner Zukunft dächte, ob ich denn am Ende Sängerin werden wolle. Ehrlich gesagt, hatte ich gar nicht an meine Zukunft gedacht. Aber wie sie mich so höhnisch fragte, wurde ich trotzig und sagte: »Ja, ich will eine Sängerin werden.«

Da sah sie mich mit funkelnden Augen an, was ich wohl dächte, eine Pastorentochter wolle Sängerin werden! Künstler seien alle leichtfertig, und ich würde den Weg des Verderbens gehen.

Ich war tief empört! »Künstlerin sein ist etwas Heiliges,« sagte ich, »und Künstler gehen nicht den Weg des Verderbens. Sie sind dazu da, die Menschen glücklich zu machen und Schönes und Edles in ihr Leben zu tragen.«

Darauf sagte sie, in der Bibel stünde ein hartes Wort, das sie auf mich anwenden müsse: »Verflucht sei, wer sich verläßt auf sein Fleisch.«

Als diese Stunde beendet war, stand es fest in mir, das Englische für immer aufzugeben. Aber wie sollte ich das durchsetzen?

Ich ging nach Hause und suchte einen guten Augenblick abzupassen. Wenn man Mutter nur zum Lachen bringt, dann ist alles gewonnen! Ich hatte eine neue Art entdeckt, wie man bei ihr etwas erreichen konnte, ich nannte es: »Flehen in Kreuzesform.« Ich warf mich glatt auf den Boden und streckte dabei beide Arme weit von mit. Das machte ich nun und jammerte laut. Meine Mutter fing an zu lachen. »Was willst du eigentlich?« fragte sie.

»Ich will meine englischen Stunden aufgeben, die Alte ist zu scheußlich und die Sprache zu greulich, ich möchte Singstunden haben.«

Zu meinem großen Erstaunen sagte Mutter: »Ja, ich erlaube dir, die Stunden aufzugeben.«

Ich richtete mich sofort auf, die Sache mußte einen Haken haben! Ach, mein Gott, der Haken kam bald genug heraus!

»Ich mache aber eine Bedingung,« sagte Mutter weiter, »du mußt selbst hingehen und die Stunden absagen.«

Da hatte ich's. Das war ja entsetzlich, ich war einfach bange. Aber ich wußte, daß Mutter an dieser Bedingung unerbittlich festhalten würde. Ich ging zur Beratung zu Cousine Frieda, die eine Treppe über uns wohnte. Meine »Waffengefährtin« nannte ich sie, denn sie verließ mich nie bei dummen Streichen.

»Ich lasse dich auch diesmal nicht im Stich,« sagte sie. »Ich werde dich zur Alten begleiten. Fressen kann sie uns ja doch nicht, und du bist die Sache los.«

So trabten wir denn am Nachmittag des nächsten Tages mit angsterfülltem Herzen zu ihr. Es war eine ganze Komödie, bis wir endlich bei ihr im Zimmer waren. Immer rannten wir wieder zurück auf ihren kleinen Hof hinaus. Endlich hielt mich Frieda fest und riß an der Klingel. Ich wollte davon, sie aber stieß mich vor sich her ins Zimmer hinein. Da stand ich denn vor meiner Lehrerin mit schlotternden Knieen; sie war sehr freundlich und forderte uns auf, wir sollten uns aufs Sofa setzen. Sie dachte wohl, wir hätten ihr einen Besuch gemacht. Stotternd stieß ich hervor, wir kämen, um meine Stunden abzusagen; ich sprach mit dem Mut der Verzweiflung.

»Warum, warum?« fragte sie aufgeregt, englische Stunden zu geben, wäre doch eine Zukunftsaussicht für mich. Ich sagte: »Da würde ich denn doch lieber Putzmacherin werden.«

Da fing sie an zu weinen und sagte, mein Kopf stecke voller Unsinn, ich würde das alles noch einmal bitter bereuen. Es tat mir entsetzlich leid, hätte sie nur nicht geweint! Ich dankte ihr noch für ihre Mühe, dann stürzten wir beide ohne uns umzusehen aus dem Zimmer. Das aber hatte sie doch erreicht, daß mir den ganzen Tag elend zu Mut war.

Mein erster Gesangunterricht

Endlich durfte ich denn mit meinen heißersehnten Singstunden beginnen. Die beiden Hauptgesanglehrer Rigas waren ein Kapellmeister, der selbst nicht zu singen verstand, und der jeder Schülerin in der ersten Stunde das »Lithauische Lied« von Chopin zu singen gab, und eine frühere Opernsängerin. Sie hatte eine wunderschöne Stimme gehabt, hatte aber eine ganz ergreifende Ahnungslosigkeit von der Gesangskunst. Meine Mutter wählte für mich die Opernsängerin.

Es war ein feierlicher Augenblick, als ich vor ihr stand. Sie war klein, dick und blond, musterte mich von oben bis unten und machte eine Bemerkung über meine blonden Zöpfe, die sie viel »zu lang« fand. Diese Bemerkung störte mir die Weihe des Augenblickes. Meine Mutter, die als Dilettantin sehr schön sang, ohne jemals eine Stunde gehabt zu haben, sagte die denkwürdigen Worte:

»Bitte, lehren Sie meine Tochter keine Kunst, lehren Sie sie nichts weiter, als unsere schönen deutschen Lieder schön singen,« was meine zukünftige Lehrerin beides bereitwillig versprach. Ihr erstes Versprechen hielt sie jedenfalls getreulich, denn ahnungsloser wie sie konnte man einer Kunst nicht gegenüberstehen. Was das zweite Versprechen betraf – das konnte sie nicht einlösen.

In den zwei ersten Stunden sang ich Töne, vollständig sinnlos, und Tonleitern, in denen alle Töne übereinander stürzten, was ich alles recht langweilig fand. In der dritten Stunde fragte ich, ob ich nicht ein Lied singen könnte, denn dazu war ich ja da. Sie war sofort zu allem bereit und wählte »O du klarblauer Himmel« von Silcher. Sie sang es mir vor.

»Nun singen Sie es nach,« sagte sie, und es gelang mir so gut, sie zu imitieren, daß sie lachte und mich sehr lobte. Zur nächsten Stunde gab sie mir ein Rezitativ auf, ich sollte es mir selbst auswählen. Da ich keine Ahnung hatte, was das sei, ging ich in die Musikalienhandlung und verlangte danach. Der Ladenjüngling fragte mich sofort: »Aus welcher Oper?« Ich sagte, das wäre ganz einerlei! Da drückte er mir ein Tenor-Rezitativ aus einer Mozart-Oper in die Hand. Stolz ging ich damit heim und erzählte, ich sänge ein Rezitativ aus einer Oper. Meine Vettern sagten: »Werde nur nicht albern!« Theater und Albernheit hingen für unsere Begriffe nahe zusammen.

Nur meine Mutter meinte, ein Tenor-Rezitativ sei doch wohl nicht das richtige. Es müßte etwas »für Alt« sein, denn Alt müßte ich singen, das verlangte schon die Tradition der Familie.

Nun fing ich das Rezitativ an zu üben; wie ich es sang, weiß ich nicht, nur daß ich mich sehr damit quälte, weil es viel zu hoch war, ist mir in Erinnerung geblieben. Meine Familie sagte, es sei nicht anzuhören, so häßlich klänge es.

Ein tiefes Erbarmen mit mir selber erfüllt mich noch heute, wenn ich an die Irrwege denke, die ich in meiner musikalischen Entwicklung habe gehen müssen. Mit meinem glühenden Wollen, mit meinem Idealismus, der mit Fleiß verbunden war, mit meinem ausgesprochenen Stilgefühl und einer Stimme, die transparent für alle Seelenregungen war, hätte ich bei richtiger Führung wirklich etwas erreichen können.

Wenn ich bedenke, wie die Entwicklung der Stimme das Studium meines Lebens geworden ist; bei wieviel Meistern ich immer wieder gearbeitet habe, immer wieder suchend, immer neue Wege findend, weil das Problem der Stimmbildung eins der schwierigsten auf künstlerischem Gebiete bleibt, so könnte mich eine Wut gegen die Lehrer erfassen, die mich immer wieder falsch geführt haben. Daß meine Liebe zur Kunst mich trotz alledem nicht verlassen hat, zeigt wohl, daß sie das Stärkste in meinem Leben war.

Es ging in meinen Singstunden bald unglaublich her. Ich sang nur Lieder wie den »Erlkönig«, den »Doppelgänger« von Schubert und Loewesche Balladen, kurz, ich machte mich an Aufgaben, an die sich große Künstler auf der Höhe ihrer Laufbahn nur mit Scheu und Bangen wagen. Mir war aber nichts zu schade zum Singen, und ich weinte und jauchzte innerlich, wenn ich mich in diese Lieder vertiefte, deren Schönheit ich instinktiv in meinem Herzen empfand.

Da, eines Tages, ich hatte schon immer eine leise Müdigkeit in der Kehle gespürt, sang ich in der Stunde die große Edvard-Ballade von Loewe. Bei der Stelle: »Ich habe geschlagen meinen Vater tot, Mutter, Mutter« brach meine Stimme plötzlich schrill ab, ich konnte keinen Laut hervorbringen. Meine Lehrerin wurde sehr ärgerlich.

»Das kommt davon!« sagte sie, aber was sie damit meinte, erklärte sie nicht weiter. Wie gesagt, in der Zeit waren immer die Schüler schuld, wenn es nicht ging. Auch meine Mutter war ärgerlich. Es wurde beschlossen, ich solle ein paar Stunden pausieren.

Unser Hausarzt, dem ich vorgestellt wurde, meinte:

»Die Stimme ist kaput, das ist klar. Aber jede Stimme wird kaput, wenn sie erst in die Hände von Gesanglehrern kommt.«

Ich versuchte ein paarmal zu singen, aber meine Stimme gab nur einen schwachen, zitternden Laut her. Da ging ich zu meiner Lehrerin, um ihr die Gesangstunden abzusagen, worauf sie aber nicht einging.

»Die Stunden sind bezahlt und müssen genommen werden,« sagte sie. In meiner Jugend waren Eltern und Lehrer absolute Autoritäten, denen man blind zu gehorchen hatte. So stellte ich mich denn gehorsam wieder zu den Stunden ein, doch mußte ich sie sofort wieder aufgeben, es ging mit dem Singen nicht mehr. –

Fast ein Jahr war meine Stimme fort, dann kam eine Gesanglehrerin aus Berlin nach Riga; sie war eine sehr energische Dame, Ostpreußin, die in Berlin an der Hochschule ihre Studien gemacht hatte. Sie hatte von mir gehört und sich in den Kopf gesetzt, mich zu unterrichten. Mit der ganzen Wucht ihrer Persönlichkeit stürzte sie sich auf uns und ruhte nicht eher, als bis sie ihr Ziel erreicht hatte. Sie plagte meine Mutter so lange, bis diese mich zu einem Spezialisten brachte, bei dem ich eine Kur begann, die mir half. Bald war ich so weit, daß ich die Stunden bei ihr beginnen konnte. Sie unterrichtete mit Leidenschaft und war sehr stolz auf ihre Methode. Vielleicht war diese nicht schlecht, aber sie hatte sie nur halb begriffen und war völlig unklar. Sie lehrte mich zuerst atmen, aber diese Lehre war so geheimnisvoll und verworren, daß ich ihr unmöglich folgen konnte. Sie erklärte bald, meine Lungen wären »verbaut« und lägen zu nah nebeneinander, ich würde nie richtig atmen können. Ein Arzt, dem später einmal diese Technik vorgelegt wurde, erklärte, wer so atmete, wie sie es lehrte, müsse sofort tot hinfallen. Sie behauptete, der Atem müsse aus den Lungen herausdringen und ins Zwerchfell getrieben werden. Wie er da wieder herauskäme und zum Singen benutzt werden könnte, das verriet sie uns nie. Wie der Aufbau ihrer Methode sonst war, kann ich nicht sagen, sie erreichte aber etwas bei mir, und ich war von Dankbarkeit erfüllt. Sie war sehr unkünstlerisch und wenig gebildet, und ich empfand sehr bald diesen großen Mangel an ihr. Aber sie forderte viel von mir, war nie zufrieden, und das band mich fest an sie. Zum Glück ließ sie mich bald singen, wie ich wollte und forcierte meine Stimme wenigstens nicht, ich sang natürlich und frei heraus. Ich wurde ihr Glanzstück, das bei jeder Gelegenheit vorgeführt wurde.

In diese Zeit fiel ein Anerbieten, das meiner Mutter für mich gemacht wurde. Hätte sie es angenommen, so wäre mein Leben wohl in ganz andere Bahnen gekommen. Ein reiches, kinderloses Ehepaar, Gutsbesitzer, verbrachte den Winter in Riga. Sie fanden Gefallen an mir und machten meiner Mutter folgenden Vorschlag: sie sollte mich ihnen für ein Jahr überlassen als Gesellschafterin, dafür wollten sie meine ganze musikalische Ausbildung in die Hand nehmen. Sie wollten mich nach Italien und Paris zu den ersten Meistern schicken und für meine ganze Zukunft sorgen. Meine Mutter wies das Anerbieten endgültig ab.

»Ist das Talent meiner Tochter wirklich groß, so wird es sich auch so durchsetzen,« sagte sie, »wenn sie dabei ringen und kämpfen muß, wird das nur ihre Kräfte stählen, was dann ihrer Kunst zugute kommt. Warum soll ihr Weg ihr so erleichtert werden?«

Es war charakteristisch für das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern der damaligen Zeit, daß meine Mutter die Sache gar nicht mal mit mir besprach, sondern über mich bestimmte. Erst nach Jahren habe ich davon erfahren, und ich war doch damals schon kein Kind mehr.

Künstlerbesuch in unserem Hause

Ein großes Ereignis trat in mein Leben: ich lernte den ersten Künstler kennen. Wir waren erzogen, Künstlertum als etwas Göttliches anzusehen und ihre Vertreter, die Künstler, als gottbegnadete Menschen. Meine Mutter hatte diese Anschauung in uns wachgerufen und genährt.

Ein Landsmann, der Musiker war und viele Jahre in Deutschland gelebt hatte, wollte in die Heimat kommen und versuchen, dort seine Existenz zu gründen. Es war ein Baron Kaulbars. Er war schön, vielseitig begabt, verwöhnt, aber unfähig, sich im Leben durchzusetzen. So wurde er uns geschildert. Zu alledem umgab ihn noch die Glorie einer unglücklichen Liebe. Es hieß, er habe Elise Polko geliebt, die damals durch ihre musikalischen Märchen unsere jungen Herzen entflammte. Er war meiner Mutter warm empfohlen worden, die versuchen sollte, ihm in Riga eine Lebensmöglichkeit zu schaffen.

Unser ganzes Haus war in stürmischer Erregung, denn jeden Tag konnte der Künstler über unsere Schwelle treten, ein Wesen aus einer Welt, von der wir träumten, die wir aber nicht kannten.

Ich lasse mein Tagebuch sprechen:

Tagebuch, 10. September.

Ich habe etwas Großes erlebt, denn ich habe einen Künstler von Gottes Gnaden kennen gelernt, ja, ich habe sogar mit ihm gesprochen. Ich will aber alles der Reihe nach erzählen, wie es war.

Cousine Lina und ich waren ganz allein zu Hause. Wir hatten uns ans Klavier gesetzt, aßen Äpfel und arrangierten Mendelssohns »Lieder ohne Worte« zu vier Händen. Es klang so abscheulich, wie nur irgend möglich. Plötzlich wird geklingelt. Wir hörten sofort auf zu spielen und beschlossen, unser Dasein zu verleugnen. Doch das Klingeln wurde wiederholt. Wir hielten einen Kriegsrat: sollten wir öffnen oder nicht? Wir schämten uns beide sehr wegen unseres schlechten Klavierspieles. Die sanfte Lina überredete mich, ich solle moralischen Mut zeigen und öffnen; unterdessen wurde zum drittenmal geklingelt. Ich stürzte mutig hin und öffnete. Vor mir stand ein fremder Herr. Ich war so erschrocken, daß ich einen Apfel, den ich eben aß, schnell in die Tasche steckte und fragte: »Was wünschen Sie?«

Es ging ein etwas spöttisches Lächeln über seine Züge, und ich sah in meiner Verwirrung, daß es ein schönes, edles Gesicht war mit müden, blauen Augen, die, halb verdeckt von schweren Lidern, mich ansahen. Eine fürchterliche Ahnung stieg in mir auf: am Ende war es Baron Kaulbars, der Künstler, und ich war allein zu Hause! Wie sollte ich nun mit ihm sprechen? Er überreichte mir seine Karte, ich las sie – – er war's. Ich sagte nur: »Mein Gott!«, nichts weiter und hätte am liebsten die Tür vor ihm zugeschlagen. Ich stotterte, es sei niemand zu Hause. Wieder ging ein Lächeln blitzschnell über sein Gesicht. Wann er wohl meine Mutter zu Hause treffen würde, fragte er.

In meiner Aufregung stieß ich eine Einladung für den nächsten Tag zum Kaffee heraus. Ich hielt dabei immer die Tür in der Hand und ließ ihn nicht über die Schwelle. Endlich entfernte er sich. Ich stürzte ins Zimmer zurück und fiel stöhnend auf einen Stuhl.

»Er war es,« schrie ich, »und ich habe mich blödsinnig benommen! Wie wird es denn werden, wenn er morgen zum Kaffee kommt, wie soll ich mich benehmen nach dieser Einführung?«

»Aber nun ist er doch da,« sagte Lina, »und herrliche Zeiten stehen uns bevor.« Wir tanzten einen Freudentanz, kleideten uns dann an und gingen in die Stadt, um Mutter aufzusuchen und ihr die aufregende Botschaft zu überbringen. Am andern Tage war er wirklich zum Kaffee da. Erst wollte ich gar nicht herauskommen, so schämte ich mich. Dann aber dachte ich, daß ich nun doch schließlich ein erwachsenes Mädchen sei, und begrüßte ihn, als wenn nichts gewesen wäre. Er war gerade im lebhaftesten Gespräch mit Mutter. Bei meinem Eintritt erhob er sich und begrüßte mich wie ein vollendeter Weltmann. Er sah gar nicht wie ein Künstler aus, sondern wie ein vornehmer Aristokrat und hatte etwas sehr Feines, die Situation Beherrschendes. Nach dem Kaffee setzte er sich an unseren alten Flügel und spielte Präludium und Fuge von Bach. Ich saß in meine Sofaecke gedrückt und lauschte mit gefalteten Händen. So hatte ich noch nie spielen gehört: gewaltig und zart. Es war, als kenne er keine Hindernisse, alles konnte er aussprechen, und unser alter Flügel brauste und klang unter seinen Händen. Diese Musik kam mir so nah, wie mir noch nie Musik gekommen war. Dann spielte er »Warum?« von Schumann, dabei mußte ich weinen, es war mir, als sähe ich tief in sein Leben. Wie hart hatte er gekämpft und nicht begriffen warum, und es gab keine Antwort auf die Frage seiner Seele. Ja, er ist ein richtiger Künstler, dabei arm und brotlos, und er soll von seiner Kunst leben, anstatt sie wie ein Heiligtum in seinen Händen zu tragen!

Dann stand er auf, machte einen Scherz und setzte sich zu Mutter. Der Scherz klang bitter. Er fing an von seinem Leben zu sprechen in demselben bitteren Ton. Man kann es nicht ertragen, ihn anzuhören, wenn er so ruhig, verzweifelt und resigniert spricht. Er versteht das Leben nicht anzufassen, er träumt von seinen Idealen und wird durch Not und Sorge ins nüchterne Leben gestoßen, herab aus seinen Höhen auf die Erde, wo die Wirklichkeit ihn roh und freudlos ansieht.

20. September.

Kaulbars kommt fast täglich zu uns, Mutter macht Gänge und schreibt Briefe, um ihm zu helfen. Fürs erste aber nützt das alles nichts, und er wird immer gedrückter. Es tut weh, ihn sprechen zu hören, er hat einen vernichtend ruhigen Standpunkt dem Leben gegenüber, so ruhig, verzweifelt, so spöttisch, fast höhnisch. Alles beurteilt und verurteilt er, und alles ist trostlos und hoffnungslos; man kann es gar nicht anhören, alles dreht sich in einem um. Er ist immer verbittert, wenn er zu uns kommt, dann aber taut er auf, und etwas Herzgewinnendes und Kindliches spricht aus ihm. Das Schönste bleibt aber doch, wenn er sich an den Flügel setzt und spielt, was er jedesmal tut. Dann sitzen wir still da, alles versinkt, und die ganze Seele horcht. Kann ein Mensch auf der Welt noch schöner spielen als er? Gestern spielte er den »Aufschwung« von Schumann, das machte mich nicht so traurig, wie das »Warum«, denn im »Aufschwung« siegt die Seele über den Schmerz und macht sich los vom Erdenstaube. Sie spannt die Flügel weit aus und schwingt sich fröhlich hinauf in ewige, selige Gefilde, wo kein Kampf mehr ist, sondern Freude und Sieg.

Eins ist schlimm, ich glaube, er findet mich lächerlich. Ich komme auch immer in unangenehme Situationen, wenn er da ist. Ich spreche schon fast gar nicht in seiner Gegenwart, aber wenn ich etwas sage, dann verbeißt er oft sein Lachen. Heute stürzte ich laut singend mit einem Teebrett, auf dem Tassen standen, ins Speisezimmer. Ich hatte die Tür mit dem Fuß aufgestoßen und fuhr mit einem Knall herein. Wer saß auf dem Sofa und richtete etwas erstaunt seine müden Blicke auf mich? Er war's. Ich wußte gar nicht, wie ich grüßen sollte. Anstatt nun alles erst fortzustellen und dann zu grüßen, wie ein vernünftiger Mensch, machte ich mit dem Teebrett in den Händen eine tiefe Verbeugung. Er verbarg ein Lachen nur mühsam, was mich so verlegen machte, daß ich sofort in den Garten lief und mich nicht getraute, wieder hereinzukommen. Aber die Angst, er könne am Ende spielen und ich würde das versäumen, trieb mich wieder hinein; ich setzte mich mit einer Handarbeit ans Fenster. Mein Unglück wollte, daß Onkel Eduard, der mich immer neckt, zum Besuch da war. Als eine Pause im Gespräch entstand, fragte er mich plötzlich:

»Sag mal, liebst du es noch immer, so umherzutoben, kletterst du noch immer auf Bäume und springst über Zäune?«

Ich wollte in den Boden sinken, so außer mir war ich. Mich so was zu fragen! Ich wurde flammend rot und kämpfte mit den Tränen, überwand mich dann aber und sagte mit ziemlich fester Stimme, das täte ich niemals in der Stadt, nur am Strande oder auf dem Lande. Alles lachte, es war einfach fürchterlich!

2. Oktober.

Wenn ein Tag vorübergeht, ohne daß Kaulbars kommt, werden wir alle unruhig und warten auf ihn. Wie wird es aber erst sein, wenn er fortgeht, und wir sein herrliches Spiel nicht mehr hören?

Es ist sehr komisch, aber die Menschen denken, ich hätte mein Herz an ihn verloren. So was Dummes! Künstler sind zum Schwärmen und zur Begeisterung da, nicht zum Verlieben.

3. Dezember.

Heute war ein großer Musikabend bei uns. Es wurde viel gespielt und gesungen, am schönsten aber spielte doch Kaulbars, hier reichte ihm keiner das Wasser. Plötzlich, zu meinem Entsetzen, sagte er, ich solle etwas vorsingen. Es half alles nichts, ich mußte an den Flügel, und ich sang: »Meine Mutter hat's gewollt« von Otto Leßmann und »Lehn deine Wang an meine Wang« von Jensen. Zum Schluß eine Komposition von Kaulbars, ein Herbstlied, und darüber stand: »Mit müder Sehnsucht zu singen«. Als ich geendet hatte, trat er auf mich zu: »Sie singen mit Ihrer Seele,« sagte er, »und mit starker Leidenschaft, nur müde Sehnsucht scheinen Sie noch nicht zu kennen. Dieses Lied mißlang Ihnen vollständig.« Dabei traf mich aber ein merkwürdiger Blick unter den halbgesenkten Lidern hervor, die immer seine Augen verdecken: der Blick mißfiel mir, ich weiß nicht recht, warum. Aber seitdem ist mir's, als wäre er etwas von seiner Höhe herabgesunken, »ruhig kann ich ihn erscheinen, ruhig gehen sehen.«

Raimund von Zur-Mühlen und Hans Schmidt

In diesen Herbst fiel ein Konzert, das für meine ganze künstlerische Zukunft maßgebend wurde. Ich hatte immer ein unklares Ideal von der Gestaltung des Liedes in meinem Herzen getragen, aber nie hatte ich einen Sänger gehört, der es erfüllte. Es war ein in der Luft schwebendes Bild, das ich mir machte, von höchster Vergeistigung und Aussprache dessen, was der Dichter und Komponist gedacht und gefühlt. Nun stand es vor mir. Ich hörte in diesem Konzert Raimund von Zur-Mühlen singen; begleitet wurde er von seinem musikalischen Zwillingsbruder – Hans Schmidt. Es waren zwei Poeten, die die Seele der Lieder erlauschten und in zarter, feiner Weise zum Klingen brachten. Dabei war alles so einfach, so selbstverständlich. Ich saß atemlos im Konzertsaal, und es war, als gingen Träume in Erfüllung. Das war es ja, was ich gesucht, so lange ich sang. Nun war es da! Sie waren beide noch sehr jung, die Künstler, nur wenig Jahre älter als ich, und der ganze Zauber der Jugend umgab sie. Ich hörte die »Dichterliebe« von Schumann, und nie vergesse ich den Eindruck dieser Lieder. Besonders ergriff mich:

»Ich will meine Seele tauchen
In den Kelch der Lilie hinein.
Die Lilie soll klingend hauchen
Ein Lied von der Liebsten mein.«

Es war so voll Glut und dabei so zart gesungen, und in der Begleitung schauerte, bebte und duftete es von fremden Blüten.

Das Konzert war zu Ende. Ich starrte immer noch auf das Podium, das leer war, ich hätte meine Seele hingeben mögen, wenn ich ins Künstlerzimmer hätte hineingehen dürfen, um ihnen zu danken. Aber das war eine Welt, die fern und hoch über mir stand, in die ich nicht hinein durfte. Meine Mutter rief mich, wir sollten heimgehen. Wie im Traume folgte ich ihr in die Garderobe, auf der Treppe begegnete mir meine Gesanglehrerin.

»So lernt man in Berlin singen,« rief sie mir zu in ihrer lärmenden Art, »und ich werde nicht eher ruhen und rasten, bis Sie auch nach Berlin kommen und so singen lernen.«

Das schlug wie ein Feuer in meine Seele. Zum erstenmal kam mir der Gedanke: sollte ich vielleicht auch zu den Berufenen gehören? Ich konnte es nicht ertragen, jetzt heimzugehen, ich mußte die Künstler wenigstens noch einmal sehen. Ich entschlüpfte meiner Mutter und lief in den leeren Saal zurück. Ich sah sie von fern mit Bekannten reden, ich hörte Zur-Mühlen sprechen mit einer merkwürdig hellen und hohen Stimme. Ich hörte Hans Schmidt etwas sagen, worüber alles um ihn laut lachte, und dachte: das höchste Glück würde jetzt für mich sein, wenn ich mit ihnen sprechen und ihnen die Hand geben dürfte. Ahnte ich es schon damals, daß diese beiden den stärksten Einfluß auf meine ganze künstlerische Entwicklung haben würden? daß ich neben ihnen hergehen würde, von ihnen lernend und mit ihnen arbeitend, ein ganzes, schönes, reiches Berufsleben hindurch in treuer Freundschaft und Kameradschaft? Nein, so hoch flog mein höchster Traum damals nicht.

Meine Mutter kam an die Tür und rief mich, sie liebte es nicht, wenn ich »unsinnig« wurde.

Es war ein stürmischer Novembertag, als wir über die Dünabrücke heimgingen, Regen und Schnee schlugen mir ins Gesicht, ich spürte es nicht. Die aufgeregten Wasser der Düna schäumten über die Brücke, durchnäßten meine Füße, ich fühlte es nicht. Meine Seele jauchzte und sang: »Ich habe was Großes erlebt, und nun kenne ich mein Ziel! Nun weiß ich, was ich will. – Ich will eine Sängerin werden.« Aber ich sprach zu niemandem davon, es wäre mir wie eine Entheiligung gewesen. Ich lebte die nächsten Tage wie im Traum. Mein einziges Bestreben ging dahin, irgend etwas von den Künstlern zu erfahren. Ich hörte allerlei Aufregendes, namentlich über den Sänger. Er hätte eine Zeitlang in einer Schneiderstube verbracht, weil er eine geniale Veranlagung für die Schneiderei gehabt habe. Er hätte geäußert, nicht in die Kirche gehen zu können, weil er immer in Gedanken die geschmacklosen Hüte und Mäntel der Damen umändern müßte. Ich hörte, daß der Verkehr mit den beiden namenlos unterhaltend, aber sehr aufregend sei, weil sie ungezogen seien, lachend und ruhig den Menschen die unangenehmsten Sachen ins Gesicht sagten, und sich alles und jedes erlaubten. Außerdem kleideten sie sich merkwürdig, trügen bunte Westen und bunte Kravatten, was bei uns unerhört und auffallend war. Ich zog mein Schwert blank und kämpfte für sie bis aufs Blut.

»Es sind eben geniale Künstler,« sagte ich, »und die dürfen sich alles erlauben.«

Ein zweites Konzert von den beiden Künstlern wurde angekündigt. Ich hatte das Gefühl, ich müßte sterben, wenn ich das nicht anhörte. Aber meine Kasse war leer, wie immer, und es war durchaus keine Aussicht vorhanden, den Rubel zu erlangen, den das Billet kostete. Ich faßte mir endlich ein Herz und bat meine Mutter um ein Konzertbillet. Sie wies mich voll Staunen und Entrüstung ab.

»Zwei Konzerte in einer Woche, und noch dazu von denselben Künstlern,« sagte sie, »wie kommst du nur auf solch einen Gedanken?«

Die Sache war völlig hoffnungslos. In meiner Notlage beschloß ich zu beten: Gott möge ein Wunder geschehen lassen und mir den Eintritt in das Konzert irgendwie verschaffen oder wenigstens das Konzert verhindern. Da las ich in der Zeitung, Zur-Mühlen sei erkrankt, das Konzert fände nicht statt. Ich dachte nicht einen Augenblick an den unglücklichen Sänger, sondern war nur voller Dank, daß mein Gebet erhört war.

Weiterarbeit. Enttäuschungen

Mit neuem Eifer legte ich mich nun auf mein Studium. So unkünstlerisch meine Lehrerin auch war, sie verstand ihre Schüler anzuregen. Sie arrangierte Vorsingabende, zu denen sie verschiedene musikalische Spitzen der Stadt einlud. Der Verkehrston dabei war ungezwungen und fröhlich, und die Begeisterung stieg hoch. Wir Schüler saßen dann in einem winzig kleinen Schlafzimmer zusammengedrängt, ganz erfüllt und gehoben von unserer Aufgabe. An einem solchen Abend sang ich einmal die ganze »Dichterliebe« von Schumann. Kaum jemals in meinem Leben habe ich mit solch einer völligen Hingabe gesungen. Von der großen Erregung erkrankte ich und mußte tagelang das Bett hüten, so stark war der Rückschlag. Meine Mitschülerinnen schickten mir aus Anerkennung einen wunderbaren Strauß aus Frühlingsblumen.

So ging eine Weile in fleißigem Arbeiten hin, bald aber erlahmte ich. Es war nichts zu machen, meine Lehrerin genügte mir nicht mehr. Ich sehnte mich nach einer künstlerischen Führung, denn ich hatte das Wehen hoher Kunst in jenem Konzert gefühlt, das ich nicht vergessen konnte. Ich wurde kritisch in den Stunden, quälte meine Lehrerin mit Fragen, die sie nicht beantworten konnte, und die sie darum ärgerten.

»Was wollen Sie eigentlich,« sagte sie immer wieder, »Sie haben ja Erfolg, wo Sie nur singen, Sie sind undankbar gegen mich!«

Ich trug aber ein Ideal in meiner Brust, unbestimmt und dunkel, ich wollte weiter kommen. Dagegen waren die kleinen Erfolge nichts. Das begriff aber meine Lehrerin nicht.

Tagebuch, 12. Dezember 1880.

Gestern war ich mit Mutter zu einer großen Abendgesellschaft eingeladen, zum erstenmal sollte ich in einem fremden Kreise mich vorstellen und dort vorsingen. Es war mir namenlos unbehaglich. Erstens: ein fremder Kreis, zweitens: ein verwöhnter und ein an gute Musik gewöhnter! Je näher der Abend kam, desto abscheulicher wurde mir zu Mut. Und als es nun so weit war, daß ich in meinem besten Sonntagskleid mit meinen Noten unter dem Arm mich auf den Weg machte, war mir's als ginge ich zum Galgen und sollte in nächster Minute erwürgt werden. Ich verwünschte mit weinerlicher Stimme alle Gesellschaften, alle geistreichen, musikalischen Soireen der Welt, bis Mutter mir mein Geklöhn verbot. Als ich die Treppe hinaufging, hätte ich nichts dagegen gehabt, wenn ich sie wieder hinuntergefallen wäre und mir ein Bein gebrochen hätte. Im Vorzimmer empfing uns ein Diener mit Handschuhen und nahm uns die Mäntel ab. Noch ein flüchtiger Blick in den Spiegel, da öffnete der Diener schon die Türen zum Saal, und wir traten ein. Ein besonders fein ausgestatteter Salon, eine Unmenge Menschen in strahlender Beleuchtung, das war alles, was ich zuerst sah. Aus dem Chaos löste sich eine Gestalt, die uns begrüßte, die Hausfrau. Allmählich erkannte ich auch verschiedene Gesichter, darunter meine Lehrerin, die mindestens ebenso aufgeregt war, wie ich. Ich setzte mich zu den jungen Mädchen, und wir lachten und plauderten. Ich hätte mich ganz gemütlich gefühlt, wenn nicht die abscheuliche Aussicht gewesen wäre, daß ich singen müßte. Zuerst spielte ein Baron Manteuffel ein Präludium von Bach, dann wurde ich aufgefordert zu singen. Meine Lehrerin schoß aufgeregt wie ein Meteor durch die Zimmer und wies allen auf Stühlen und auf Sofas ihre Plätze an. Sie selbst setzte sich in einen breiten Lehnstuhl, machte ein Gesicht wie die Königin von Saba, und ich konnte beginnen. Mir taubten die Arme vollständig ab vor Aufregung. Es war nicht nur die fremde Gesellschaft, die mir Furcht einflößte, es war auch die Verantwortung für meine Lehrerin. Sie erwartete, daß ich ihr Ehre eintragen sollte, und das machte mich zittern, denn jetzt mußte ich mich ihr dankbar erweisen. Ich sang zuerst »Im Rhein, im heil'gen Strome« von Franz und »Lascia ch'io pianga« von Händel. Aber wie klang das, mein Gott! Erstens war der Raum dicht mit Portieren und Teppichen überladen, die den Ton schon an und für sich erstickten, und nun noch meine Angst, die mir die Kehle fest zuschnürte. Dabei ging mir immer der Atem zur unrechten Zeit aus, und ich atmete an Stellen, wo es mir streng verboten war. Um mein Unglück ganz voll zu machen, versagte meine Stimme einmal vollständig, als ich einen hohen Ton piano einsetzen wollte. Als ich ausgesungen hatte, stand ich da, als hätte ich Ohrfeigen verdient, so blamiert war mir zu Mut. Zu meinem Staunen aber umringte mich die ganze Gesellschaft mit lauten Lobpreisungen. »Diese süße Stimme«, »diese Seele«, »wie wunderschön war es!« riefen sie durcheinander. Ich traute meinen Ohren nicht. Was war das nur? Was sollte ich von ihnen denken? Verstanden sie wirklich so wenig von der Kunst?

Da wurde es mir plötzlich traurig klar, daß man nichts glauben darf, was einem so in Gesellschaften gesagt wird, daß hier die Phrase regiert, die Schmeichelei und Unwahrhaftigkeit. Was diese Menschen ihren Nebenmenschen alles zu sagen wagten, davon hatte meine Seele bis jetzt keine Ahnung. Es erfüllte mich zuerst mit Staunen und dann mit Abscheu, und dann kam eine große Dankbarkeit über mich, daß es bei uns zu Hause wohl ganz anders hergeht. Da fiel mein Blick auf meine Lehrerin, und nun mußte ich doch recht lachen. Wie ein Fels im Meere stand sie mitten in der Bewunderung und Umschmeichlung der Gesellschaft. Alles nahm sie wie einen Tribut entgegen, den man ihr schuldete. Was man ihr alles über mich sagte, es war wohl zum Staunen!

Später mußte ich wieder singen, da ging es schon etwas besser. Meine Lehrerin war selig und küßte mich und Mutter vor allem Volk.

So habe ich denn nun einen Blick hineingetan in das Leben der großen Welt mit ihrer Schmeichelei und Unwahrhaftigkeit, und mit einem Gefühl von Heimweh nach meiner Welt bin ich heimgegangen. Nun weiß ich es ganz genau, dies alles lockt mich nicht.

Heute hatte ich wieder eine Singstunde, und nun kam das dicke Ende nach: meine Lehrerin nahm mich tüchtig durch und kritisierte mich erbärmlich. Mein ganzes Auftreten verachtete sie, und wie ich beim Singen stünde, und wie ich mich nachher dumm benähme. Und der Schluß ihrer Rede war immer wieder der: »Sie wirken viel, viel zu unbedeutend. Wie kann man nur sein Licht so unter den Scheffel stellen!«

Meine Stimme hätte so nichtssagend geklungen, ich hätte lauter kleine Lieder gewählt, wo die Stimme gar nicht genug zur Geltung gekommen wäre.

Dann machte sie mich nach, wie ich am Klavier stand mit schiefem Kopf, den Mund kaum öffnend und ganz verschüchtert.

»So müssen Sie stehen,« sagte sie und richtete sich in die Höhe, die Brust heraus, den Kopf zurück, den Mund weit aufgerissen.

Es fehlte nur noch, daß sie die Arme in die Seite stemmte. Ich war ganz still und widersprach nicht. Was hätte es genützt! Aber im Herzen nahm ich es mir fest vor, so zu stehen und so den Mund zu öffnen, wie ich es bisher getan hatte, denn Wichtigkeit und Unnatur sind mir zuwider. Ich werde mich nicht so vors Klavier pflanzen und meine Lieder herunterschreien, das wäre auch nichts für mich. Ich weiß, was ich von ihr lernen kann, und was ich übergehen muß, und ich lasse mir nichts aufdrängen!

Erstes öffentliches Auftreten

Es kam mein erstes öffentliches Auftreten: ein Wohltätigkeitskonzert, bei dem ich mitwirken sollte. Meine Lehrerin war in der größten Aufregung, denn sie versprach sich einen Riesenerfolg sowohl für mich, als auch für sie, und da kamen zwischen uns die ersten Konflikte. Wir waren über die Wahl des Programms nicht einig. Sie wollte, ich solle lauter große Lieder singen, künstlerische Aufgaben, denen ich mich auf dem Podium noch gar nicht gewachsen fühlte, und wir kämpften bis aufs Blut miteinander. Ich weiß es jetzt, daß ich mit meinem instinktiven Gefühl absolut recht hatte. Sie verlangte, ich solle »bedeutend« wirken, wozu ich weder die Kraft noch die Fähigkeit fühlte. Und ich setzte meinen Willen durch, was sie mir nie vergab.

Der Konzerttag kam heran, ich hatte nur Gedanken für meine Lieder, sonst für nichts, am wenigsten für meine Toilette, die daher ganz unbeschreiblich unschön ausfiel. Ahnungsloser als meine Mutter auf diesem Gebiet war, konnte man auch nicht leicht sein. Unjugendlich und unkonzertmäßig ausstaffiert, mit glattem Scheitel, die dicken Zöpfe wie einen Kranz vielfach um den Kopf gewunden, so bestieg ich die verhängnisvollen Bretter zum erstenmal. Anfangs war ich sehr bedrückt und scheu, doch da das Publikum mich sehr freundlich begrüßte, fühlte ich mich bald wohl. Zum Schluß kam die ganze Keckheit und Lustigkeit meiner zwanzig Jahre zum Vorschein, und als ich Hans Schmidts

»Habt ihr meinen Schatz gesehen.
Wenn er von den Bergen kommt?«

sang, war mir's, als stiege ich allein über die Berge, und ich jauchzte, unbekümmert um den Konzertsaal den Refrain:

»O du lieber, lieber Schatz!«

Rauschender Beifall belohnte mich, aber ich fürchte, ich betrug mich recht naturwüchsig. Anstatt mich beim Publikum zu bedanken, schüttelte ich mich vor Lachen, besann mich plötzlich, daß ich auf dem Podium war, erschrak und lief spornstreichs davon. Das Publikum lachte, applaudierte und rief mich wieder zurück, denn es waren viele Bekannte unter den Zuhörern. Irgend jemand aus dem Künstlerzimmer beförderte mich dann wieder heraus, so flog ich aufs Podium. Weil mich aber niemand gelehrt hatte, was ich da zu tun hätte, stand ich erst ratlos da, nickte dann ins Publikum und lief ins Künstlerzimmer zurück. Alles lachte, das Publikum, die Mitwirkenden, am meisten aber ich, die ich erschöpft auf einen Stuhl sank.

»War es schön?« fragte mich meine Mutter später.

»Ich weiß es nicht,« war meine Antwort.

Meine Lehrerin aber war entrüstet über das Ganze.

»So beträgt man sich im Walde und auf der Wiese, doch nicht auf einem Konzertpodium,« sagte sie.

Sie war sehr enttäuscht über die Art meines Erfolges. Sie hatte gehofft, ich würde das Publikum »überwältigen, erschüttern«, und nun – das!

Sie unterwarf mich einer erbarmungslosen Kritik, die aber gar nicht sachlich war. Sie verspottete mich, machte mich nach, das erbitterte mich nur.

»Ich kann nicht anders sein, als ich bin,« sagte ich hartnäckig auf alle Vorwürfe.

»Sie werden nie eine Künstlerin werden,« das war der letzte Schlag, den sie gegen mich führte.

»Gräme dich nicht,« sagten die übermütigen Vettern zu Hause, »Natur geht vor Kunst.«


Je mehr meine Lehrerin aber fühlte, daß ich ihr entwuchs, desto fester wollte sie mich in Ketten schlagen. Man konnte mich in meiner Jugend mit einem Blick lenken – gegen Ketten revoltierte ich. Mein Streben sah sie für Undankbarkeit an, mein Sehnen nach einer höheren Vollendung für Unzufriedenheit. In dieser Zeit kam eine italienische Gesanglehrerin nach Riga an die Musikschule. Es wurde viel über sie gespottet und über ihre Methode gelacht, besonders von meiner Lehrerin. Andererseits fand sie ihren begeisterten Jüngerkreis. Sie baute alles auf den Atem auf, lehrte eine besondere Atemtechnik. Der Direktor der Musikschule kam zu meiner Mutter und bot ihr eine vollständig freie musikalische und gesangliche Ausbildung für mich an. Um meiner Lehrerin nicht zu schaden, schlugen wir dies Anerbieten aus. Ich hätte mir hier eine Atemtechnik aneignen können, die ich erst viele, viele Jahre später lernte, als sie meinem eigenen Singen kaum mehr zugute kam, wohl aber meinen Schülern. Ein ganzes Leben voller Mühen, falscher Führung, falscher Arbeit und Irrwege lag dazwischen. Ich hätte mir viel ersparen können, hätte ich damals zugegriffen. Jetzt weiß ich, wieviel es für eine künstlerische Entwicklung darauf ankommt, daß zur rechten Zeit das Rechte geschieht, denn es sind zarte Werte, die in Frage kommen, und die leicht zerstört werden können. Jede Hingabe verlangt Opfer, am meisten aber wohl die Hingabe an eine Kunst, die den ganzen Menschen erfordert. Es gibt Fälle, wo jede Rücksicht hier zum Unrecht werden kann, denn das auf diesem Gebiet einmal Versäumte läßt sich meist nie wieder einholen.

Meine Unzufriedenheit, meine Sehnsucht weiter zu kommen, nahmen mir den frohen Mut, der sonst mein Wesen kennzeichnete, er ging mir fast verloren. Da kam Weihnachten heran. Ich fand unterm Weihnachtsbaum ein großes Kuvert. Als ich es öffnete, war eine Anweisung auf eine Geldsumme darin: ich sollte auf ein Jahr nach Berlin zur Ausbildung meiner Stimme. Durch den Verkauf unseres großväterlichen Hauses war es meiner Mutter möglich gewesen, mir diese Summe zu schenken. Ich war wie im Traum, aber plötzlich schlug ein Schmerz, wie eine Kralle in mein Herz – da mußte ich ja fort von zu Hause? Und bei dieser Vorstellung erlosch die Freude in meinem Herzen. Es setzte zum erstenmal ein Konflikt bei mir ein, den ich später oft als Zwiespalt in meinem Leben empfunden habe, und der mir viel Kampf gekostet hat. Der Zwiespalt entsprang aus dem Stück Künstlertum, das in mir lebendig war, und aus dem Teil meines Wesens, den meine Kollegen im Scherz »die livländische Pastorentochter« nannten. Es spielte gewiß auch meine Erziehung dabei mit, denn ich habe meine Kindheit und Jugend sehr weltfremd und abseits vom Leben gelebt. Aber es war doch wohl ebenso stark eine Veranlagung, die das Künstlerblut in mir bekämpfte, den Sieg gewann und mich zu einem pädagogischen Berufe führte. »Die livländische Pastorentochter« war doch die stärkere in mir.

Im Herbst sollte ich nach Berlin. Im Frühjahr brach schwere Krankheit in unserer Familie aus, die Geldopfer forderte. So mußte ich mein Studiengeld dafür hingeben. Ich litt schwer darunter und wußte nicht mehr, was mit mir beginnen. Ich fing ein wenig an zu unterrichten, was mir viel Freude machte, mich aber sehr ängstete, weil ich keinen klaren Weg vor mir sah und nicht recht wußte, was ich lehren sollte. Auch wurde meine Lehrerin eifersüchtig auf mich und meine Erfolge, die mich selbständig von ihr machten. Ich sang viel in Gesellschaften, es wurde viel Wesens von meinem Singen gemacht. Aber es genügte mir das alles nicht, die Lorbeeren, die ich da erhielt, waren mir zu leicht gespendet.

Amalie Joachim

Amalie Joachims Konzert in Riga war das zweite große künstlerische Ereignis in meinem Leben. Sie, die berühmteste Altistin Deutschlands, kam zu einer ganzen Reihe von Konzerten in die Ostseeprovinzen. Sie begann ihre Tournee mit Riga. Es war dieselbe künstlerische Luft, die ich in ihrem Konzert atmete, wie im Konzert von Raimund von Zur-Mühlen und Hans Schmidt. Ich war wieder wie außer mir, denn sie war eine Königin in ihrem Reich. Ich fühlte das Flügelrauschen einer großen, echten Künstlerseele über mir und streckte sehnsüchtig die Arme nach ihr aus: »Könnte sie mich lehren!« Dieses Mal war meine Mutter ebenso »unsinnig«, wie ich; mit ihrem feinen Kunstverständnis empfand sie sogleich mit hoher Begeisterung das Verwandte bei Frau Joachim.

Wir rafften unsere letzten Kopeken zusammen, denn unsere Mittel waren immer schmal, und hörten sie singen, wo sie nur auftrat. Sogar in die Nachbarstadt Mitau durfte ich fahren, um sie zu hören. In einer Kritik war einmal von ihr gesagt worden: »Wenn die Venus von Milo singen könnte, müßte sie singen wie Frau Joachim.«

»Frauenliebe und -leben« von Schumann von dieser einzigen Großen gehört zu haben, wird niemand vergessen, dem dieses Glück zuteil wurde. Die berühmte »Erbarme dich«-Arie aus der Matthäuspassion konnte keiner erschütternder singen, als sie. Es war etwas Riesenhaftes in ihrer Gestaltung, und sie vermied alles und jedes, was irgendwie Konzession an das Publikum war. Wer ihr aber auf ihre Höhe folgen konnte, der hatte es gut, der erlebte Unvergeßliches.

Ich wurde ihr vorgestellt und lernte sie persönlich kennen. Meine Lehrerin veranstaltete eine große Matinee, wo ihre Schülerinnen vorsingen mußten, den Schluß machte ich mit einigen Liedern aus der »Winterreise«. Meine Mutter hatte ein Gedicht auf Frau Joachim gemacht, das mit goldenen Lettern auf einen wunderbaren Bogen gedruckt war und ihr von einer Schülerin mit einem Blumenstrauß überreicht wurde. Alles, was Namen und Bedeutung in der Gesellschaft hatte, war zu dieser Matinee eingeladen. Die Freude und Begeisterung war groß, wie es bei uns Balten bei solchen Gelegenheiten üblich war. Und als zum Schluß Frau Joachim sich erhob und eine Nummer Brahms-Lieder sang, da erreichte der Jubel seinen Höhepunkt. Ich lebte wie auf Wolken, denn ich hatte zum erstenmal in meinem Leben mit einer großen Künstlerin gesprochen und hatte ihr vorsingen dürfen, und sie hatte mir die Hand gereicht und warme, anerkennende Worte gesagt. Künstler waren in unserem Hause den Halbgöttern gleichgestellt, und ich hatte das Gefühl, als müßte man eigentlich eine neue Sprache erfinden, die würdig wäre, im Verkehr mit Frau Joachim gebraucht zu werden. Es sollte aber noch überwältigender für mich kommen. Frau Joachim hatte Interesse an mir und meinem Singen gewonnen, auch hatte meine Mutter mit ihrer großen Persönlichkeit einen tiefen Eindruck auf sie gemacht.

Da sie von meiner Schwester gehört hatte, die durch ihr unheilbares Leiden an den Rollstuhl gefesselt war, beschloß sie in ihrem gütigen Herzen, uns zu besuchen und meiner kranken Schwester vorzusingen. Das Ganze sollte eine Überraschung für meine Mutter sein.

Mit großer Mühe machte ich alle Vorbereitungen heimlich, den hohen Gast würdig aufzunehmen; und nur meine Schwester war eingeweiht.

Ruhelos ging meine Mutter an dem Tage durchs Haus. »Es liegt etwas in der Luft,« sagte sie immer wieder, »es wird etwas Besonderes geschehen, ich fühle es.«

Da wurde an der Hausglocke geläutet, und ich stürzte hin, um zu öffnen. Frau Joachim mit ihrer Begleiterin und meine Lehrerin standen an der Tür. Ich sah nach meiner Mutter: mit ganz blassem Gesicht stand sie da.

»Das geht nicht mit rechten Dingen zu,« war das einzige, was sie sagen konnte

Als der erste Sturm der Freude und Aufregung sich gelegt hatte, ging Frau Joachim mit ihrer Begleiterin an unseren Flügel und öffnete ihn. Sie stand da, ruhig und königlich und legte ihre Hände mit einer nur ihr eigenen Bewegung von stiller Würde ineinander. Dann hob sie den Kopf, als lauschte sie auf irgend etwas, und fing an zu singen. Es war die Arie aus der Matthäuspassion.

»Erbarme dich, mein Gott, um meiner Tränen willen,« und ich dachte, so müßte die Niobe gesungen haben, wenn sie hätte singen können.

Darauf sang sie Brahms und Schubert, die »Maiennacht«, den »Doppelgänger«. Wir waren alle so aufgeregt, so beseligt, daß es auch die große Künstlerin mit ergriff und erschütterte. Als sie zum Schluß »Frauenliebe und -leben« sang, brach sie plötzlich in Tränen aus. Diese Stunde wob ein festes Freundschaftsband zwischen meiner Mutter und ihr, das sie treu bis zu meiner Mutter Tode verband.

Nach dem Singen saßen wir alle bei der Schokolade, die ich heimlich hatte kochen lassen. Ich hatte alles so festlich wie möglich bereitet, unsere schönsten Tassen, unser altes Silber und köstliches altes Kristall schmückten den Tisch. Frau Joachim bemerkte alles und freute sich an allem, am meisten aber an den leuchtenden Augen meiner Schwester. Diese Stunde gehörte zu dem Größten, was sie in ihrem stillen Krankendasein erlebt hat.

Und nun wollte Frau Joachim mich prüfen. Es sollte eine endgültige Entscheidung getroffen werden, ob mein Talent der großen Opfer wert wäre, die man für seine Ausbildung bringen sollte. Das Endresultat der Prüfung war: ja, mein Talent wäre der Ausbildung und wirklicher Opfer wert. Sie sagte ferner, mir fehle vor allem das künstlerische Maß, ich sänge maßlos und ließe mich nur von meinen Impulsen leiten. Sie nannte Professor Stockhausen in Frankfurt a. Main, der für mich der berufene Lehrer sein würde. Er, der größte Liedersänger seiner Zeit, der große Klassiker, würde mich schon bald maßhalten lehren. Er fordere viel von seinen Schülern und sei sehr heftig und ungeduldig.

»Davor fürchte ich mich nicht,« sagte ich schnell, worüber sie lächelte. Sie versprach mir eine Empfehlung an Stockhausen, dann würde ich es leichter haben.

Als sie gegangen war, eilte meine Mutter schnurstracks, ohne ein Wort zu verlieren, an ihren Nähtisch. Sie entnahm ihm ein Band, das sie sorgfältig um den Fuß des Stuhles, auf dem Frau Joachim gesessen hatte, band.

»Der Stuhl ist geweiht für alle Zeiten,« sagte sie.

Frau Joachim hatte damals ihr Taschentuch bei uns vergessen, es war von ihren Tränen noch feucht.

»Das gebe ich ihr nicht wieder,« sagte meine Mutter, als wir es fanden, »das legt mir einmal in meinen Sarg.«

Nach Jahren habe ich ihr diesen Wunsch erfüllt.

Als die Nacht hereinbrach, beschienen der Mond und die Sterne in ganz Livland keine glücklichere Familie als uns.

Auf einem Gute in Kurland

Mein Ruf war infolge der Anerkennung von Frau Joachim in meinem Kreise sehr gestiegen, sogar mein Bruder und meine Vettern wurden dadurch bekehrt.

»Es muß doch etwas an deinem Singen dran sein,« sagten sie und blickten nicht mehr so mißbilligend auf meine Künstlerträume.

Ein halbes Jahr darauf waren die Mittel für meine weitere Ausbildung beschafft, wenn auch in bescheidenstem Maßstabe. Ich sollte auf ein Jahr zu Professor Julius Stockhausen nach Frankfurt am Main gehen. Meine Mutter hatte von Freunden eine Reise nach Rom geschenkt bekommen, und ich hatte das Glück, daß ich mit ihr zusammen reisen durfte, und daß sie mich persönlich zu Stockhausen bringen konnte.

Um noch etwas für die Reise zu verdienen, hatte ich für zwei Monate eine Stelle als Gesanglehrerin auf dem Gute Stenden in Kurland angenommen. Es sollte eine kleine Vorprobe sein für meinen ersten großen, selbständigen Ausflug in die Welt.

Es war im Frühling, als ich mich aufmachte. Zum erstenmal ging es unter ganz Fremde. Ich hatte es unendlich gut getroffen, denn ich kam zu lieben, seltenen Menschen. Es war ein schönes, altes Gutshaus, das ich kennen lernte, die Bewohner – ein originelles Ehepaar mit zwei Töchtern, von denen ich die jüngste unterrichten sollte. Aufs wärmste wurde ich von allen empfangen, mit stürmischer Begeisterung von meiner zukünftigen Schülerin. Es herrschte im Hause zwar kein großes Verständnis für die Musik, aber eine leidenschaftliche Liebe.

Meine Schülerin hatte eine hübsche, helle Sopranstimme, war musikalisch und von einem großen Eifer beseelt; was ich sie lehrte, weiß ich nicht recht, doch waren wir fleißig bei der Sache und froh aneinander. Jeden Morgen gab ich Stunden, wir übten und sangen, begleiteten uns gegenseitig und erregten die Bewunderung des Hauses und der ganzen Umgegend. Es war eine neue Welt, in die meine junge Schülerin eingeführt wurde. – Die Monate, die ich in dem Hause verlebte, gehören mit zu den frohesten Erinnerungen meines Jugendlebens. Es war ein originelles Leben unter besonderen Menschen.

Der Hausherr, eine vornehme Erscheinung mit dunklem Gesicht, feurigen Augen und grauem Haar, war ein echter Kurländer vom alten Schlage.

»Gott straf,« damit fing er jeden Satz an. Er war trotz seines Alters von riesenhafter Stärke. Auf Jagddiners habe ich es erlebt, daß zuletzt eine uralte Jagdflinte hereingetragen wurde. Alle Herren erprobten ihre Kräfte daran, die Flinte zu heben. Keinem gelang es. Da erhob sich unser Hausherr, ergriff die Flinte mit einer Hand, hob sie wie eine Feder hoch über seinen Kopf und schulterte sie dann unter dem Jubel der Tischgesellschaft.

Er hatte den ganzen Stall voller Pferde und zwei Kutscher, die meistens rauchend vor der Stalltür saßen; doch wurden die Pferde nur in den seltensten Fällen benutzt. Die beiden Kutscher machten ihm vor jeder Ausfahrt klar, daß die Pferde nicht überanstrengt werden dürften. Wenn er fahren mußte, fuhr er meist mit der Post.

Seine Frau war eine wunderschöne Erscheinung, voller Güte und Selbstlosigkeit, dabei ein Original durch und durch. Sie wurde von allen ausgenützt, am meisten aber von ihren Dienstboten, die sie vollkommen beherrschten. Der Koch, der lange Jahre im Hause war, kochte nie, was sie wünschte, nur was er wollte. Manche Speisen kamen überhaupt nicht auf den Tisch, denn er erklärte sie für zu gewöhnlich und nicht passend für eine adelige Tafel.

Es wimmelte von Dienstboten im Hause, darunter waren alte Leute, die das Gnadenbrot aßen. Ich erinnere mich eines uralten Dieners, von allen »Freundchen« genannt, der, im Sommer in weiße Leinwand gekleidet, in seinem hellen, freundlichen Stübchen ein tatenloses, stilles Leben führte. Dann gab es eine alte Magd Liesing, die die einzige Lebensaufgabe hatte, einen zahmen Auerhahn zu hüten, den sie spazieren führte und mit einer Rute beherrschte. Ferner lebten da zwei Diener, die von dem, was sie vom Tische beiseite brachten, mehrere Schafe ernährten; ungezählte Stubenmädchen, Unterköchinnen, Wäscherinnen, alles das führte ein herrliches Leben, liebte die Herrschaft, teilte alles voller Interesse mit ihr auf ganz patriarchalische Art und bestahl sie, soviel es nur irgend ging.

»Sehen Sie, mein liebes Kind,« sagte die alte Baronin, »ich weiß ganz genau, daß sie stehlen, das ist aber ihre Sünde und nicht die meine.«

Ich lebte mich bald ein, solch ein Leben hatte ich noch nie gekannt; es gab so viel zu lachen, so viel zu staunen, und es war so viel Freude, die durch unsere Musik ins Haus kam. Die älteste Tochter war eine berühmte Schönheit, sie lebte ein abgeschlossenes, eigenartiges Leben. Die Jüngere achtzehnjährig war voll stürmischer Kraft und voller Sehnsucht, etwas zu erleben. Ich war selbst noch so jung, dreiundzwanzig Jahre alt, und steckte voller Pläne und Unternehmungslust. Die alte Baronin hatte immer den Verdacht, daß wir irgend etwas planten und miteinander ausheckten. Bald rissen wir auch die ältere Schwester mit uns fort. Es wurden Wetten gemacht mit den Assessoren der Nachbarschaft – natürlich alles hinter dem Rücken der Eltern – die ausgeführt wurden, wenn wir allein zu Hause waren. Wir erwarteten heimlich Sonnenaufgänge, wir schlichen uns bei Nacht und Nebel aus dem Hause in Mondschein, wir badeten, wir machten große Fußtouren und hielten das ganze Haus in atemloser Aufregung. Dazu war ein Frühling ins Land gezogen, so reich, so wunderbar schön, voller Blüten, Nachtigallenschlag und Mondschein. Der erste Frühling, den ich ganz auf dem Lande erlebte.

Unseren Hauptverkehr bildete das Pastorat, ein richtiges, wie es sein muß, mit vielen Kindern: der Pastor mit weißem Bart und einem schwarzen Sammetkäppchen, die Pastorin mit hellen Augen, hübsche und interessante Kinder voller Leben, voller Interesse und voller Poesie in ihrem schlichten Leben. Die Monate flogen nur so hin. Zum Schluß meines Aufenthaltes veranstalteten wir ein großes Kirchenkonzert für die Hofleute und Dienstboten des Gutes. Wir hatten eifrig geprobt, begleiteten uns gegenseitig auf der Orgel, sangen Soli und Duette und hatten ein richtiges Programm zusammengestellt. Da, zu unserem Staunen, fuhr zur Stunde des Konzertes ein Wagen nach dem anderen in den Hof. Die ganze Nachbarschaft hatte davon gehört und kam als Zuhörerschaft zu unserem großen Schrecken und Entsetzen, denn wir hatten uns nur auf Bauern und Dienstboten als Publikum eingestellt. Mit der großartigen Gastfreundschaft, die den Kurländern eigen ist, wurde alles nachher zu Mittag eingeladen. Es war ein großes Fest, und wir ernteten viel Lob und Ehre.

Hier lernte ich auch ein altes kurisches Original kennen, ein Überbleibsel der früher in Kurland so bekannten Art, die man »Krippenreiter« nannte.

Es war der Organist eines benachbarten Kirchspiels, der auf dem Gut den Spitznamen »Neitsche« hatte. Er war ein kleiner, dicker Mann mit schlauen Augen, der sich sein Leben einzurichten verstand. Jeden Sonntag spielte er getreulich seine Orgel in der Kirche, am Montag spannte er sein Pferdchen vor einen kleinen Wagen, hüllte sich in einen steifen Kragenmantel und fuhr auf ein benachbartes Gut – am Dienstag weiter aufs nächste, am Mittwoch wieder weiter, und so ging es durch die ganze Woche von Gut zu Gut. Am Sonnabend abend kam er wohlgenährt und vergnügt wieder zu Hause an, erzählte seiner alten, aufhorchenden Frau wie eine lebendige Zeitung von allem, was im Umkreise der Landschaft geschehen war, und ging dann friedlich zur Ruhe. Am Sonntag waltete er wieder seines Amtes, um am Montag seine Rundreise von neuem zu beginnen. So ging es das ganze Jahr durch gute und böse Zeiten, durch Sommersonnenglut, Winterkälte und Schnee. Auf den Gütern unterrichtete er die Töchter recht und schlecht. Am Abend aber spielte er mit den Herren des Hauses Karten, wo er beständig die Zielscheibe vieler Neckereien und Witze war, und tat sich gütlich an den guten Mahlzeiten der kurischen Hausfrauen. Er war immer ein gern gesehener Gast, denn er kannte alle Neuigkeiten, wußte allen Klatsch der Umgegend, er war immer gut aufgelegt und lustig und konnte auch über einen derben Scherz, dessen Zielscheibe er selbst war, fröhlich mitlachen. Man war sehr gut gegen ihn, die Hausfrauen ließen ihm seine Lieblingsspeisen kochen, und die Hausherren brachten ihm einen guten Tropfen aus dem Keller. Die Baronin setzte ihm immer Karauschen, sein Lieblingsgericht, vor. Er verspeiste sie sorgsam, immer mit einem Tröpfchen an der Nase.

Mich betrachtete er ganz als Kollegin und sprach nur über Musik mit mir, wobei er andeutete, daß er als Musiker eine ganz andere Karriere hätte machen können. Sein Ideal war Domorganist Wilhelm Bergner in Riga, von dem er in Ausdrücken sprach, wie wir sie sonst nur bei Händel und Bach brauchen.

Die zwei Monate waren rasch vorübergegangen, und es schlug die Stunde meines Scheidens. Es war ein schmerzlicher Abschied, und viele Ehrungen wurden mir zuteil. Der Hausherr nahm den Kampf mit den rauchenden Kutschern auf und befahl, daß uns alle Pferde zur Verfügung gestellt werden sollten, um mich ins Nachbarstädtchen zu bringen, von wo ich weiter zu meinen Verwandten reisen sollte. Wir Damen saßen in einem Landauer, vor den vier Pferde lang gespannt waren, die Herren waren alle hoch zu Roß, so brausten wir über die Landstraße ins kleine Städtchen Talsen, wo alle Leute die Fenster aufrissen und uns nachsahen.

»Nun ist das Leben zu Ende,« sagte meine Schülerin, »und der Alltag ist wieder da.« Wir weinten heiße Tränen beim Abschied. Als ich allein war, dachte ich: »Also so sieht's in der Welt draußen aus, soviel Liebe, Freude und Verwöhnung warten da auf mich.« Es war gar nicht so, wie Mutter immer sagte: »Denke nur ja nicht, daß du's so gut haben wirst wie zu Hause, draußen wehen scharfe Winde, die werden dir schon den Übermut fortblasen.«

So wird es wohl immer weitergehen, einem Künstlerleben entgegen, und es wird noch schöner werden, noch viel, viel herrlicher, dies ist ja nur ein Anfang, das Wirkliche kommt erst noch, wenn ich etwas gelernt habe und eine Künstlerin bin.

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