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Mein Freund der Mörder

Arthur Conan Doyle: Mein Freund der Mörder - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
authorArthur Conan Doyle
titleMein Freund der Mörder
publisherVerlag von Robert Lutz
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Das geheimnisvolle Kästchen.

Alles an Bord? fragte der Kapitän.

Alles an Bord, Kapitän! antwortete der erste Steuermann.

Gut! Machen Sie klar zur Abfahrt!

Es war an einem Mittwoch, um neun Uhr morgens. Die »Sparta« lag am Hauptkai von Boston, die Ladung war eingenommen, die Passagiere an Bord, alles zur Abfahrt bereit. Zweimal ertönte die Dampfpfeife, das letzte Glockensignal wurde gegeben. Das Bugsprit des Schiffes war England zugekehrt, und das Zischen des entweichenden Dampfes kündigte an, daß alles für die Fahrt von vielen tausend Meilen bereit war. Die »Sparta« zerrte an ihren Ketten, einem Windhunde vergleichbar, den nur die Leine zurückhält.

Ich bin unglücklicherweise sehr nervös veranlagt. Schon als ich noch ein Junge war, bildete eine ausgesprochene Vorliebe für die Einsamkeit einen meiner hervorstechendsten Charakterzüge; dieser krankhafte Hang wurde durch das seßhafte Leben des Schriftstellers nur noch verstärkt. Als ich auf dem Quarterdeck des Ozeandampfers stand, fluchte ich weidlich auf die Notwendigkeit, die mich zwang, das Land meiner Vorfahren wieder aufzusuchen. Das Geschrei der Matrosen, das Gerassel des Tauwerks, die Abschiedsgrüße der Mitreisenden und die Rufe aus der Volksmenge an Land, all dies wirkte auf mein empfängliches Gemüt ein. Außerdem war ich selbst schon etwas traurig gestimmt. Ein unbeschreibliches Gefühl, wie eine Vorahnung irgend eines mir bevorstehenden Unglücks verfolgte mich. Das Meer war ruhig, nur eine leichte Brise kräuselte die Wellen. Es war nicht der geringste Anlaß zur Beängstigung selbst für die eingefleischteste Landratte vorhanden. Und doch hatte ich das Gefühl, als stände ich am Rande einer großen, wenn auch nicht näher zu bestimmenden Gefahr. Ich habe die Beobachtung gemacht, daß Menschen mit meiner eigentümlichen Charakterveranlagung oft von solchen Vorahnungen heimgesucht werden und daß diese nicht selten eintreffen. Diese Theorie stützt sich auf die Annahme des Vorhandenseins eines sogenannten zweiten Gesichtes, eines sehr losen geistigen Zusammenhangs mit der Zukunft.

Ich erinnere mich noch sehr gut, daß der ausgezeichnete Spiritualist Raumer bei einer Gelegenheit bemerkte, ich sei der sensitivste Mensch (gerade in Beziehung auf übernatürliche Erscheinungen), der ihm im Verlaufe seiner ausgedehnten Tätigkeit als Experimentator vorgekommen sei. Mag dem nun sein, wie ihm wolle, soviel ist sicher, daß meine Stimmung weit von dem entfernt war, was man mit »glücklich« bezeichnet, als ich mich durch die weinenden und lachenden Gruppen hindurchdrängte, die auf dem reingescheuerten Verdeck der »Sparta« herumstanden. Hätte ich geahnt, welches Schicksal meiner im Verlaufe der nächsten zwölf Stunden harrte, ich wäre selbst im letzten Augenblick noch an Land gesprungen und aus dem Bereiche des verwunschenen Schiffes entflohen.

Fertig! rief der Kapitän, klappte seinen Chronometer zu und steckte ihn in die Tasche. Fertig! ertönte die Stimme des ersten Steuermanns.

Es pfiff zum letzten Male; ein vielstimmiges Gemurmel erhob sich unter den Freunden und Verwandten der Passagiere an Land. Eine Kette wurde losgemacht, eben wollte man den Steg zurückziehen, da ertönte von der Landungsbrücke her ein Ruf, und zwei Männer erschienen im vollsten Laufe auf dem Kai. Sie winkten mit den Händen und machten aufgeregte Gebärden, augenscheinlich mit der Absicht, den Kapitän zum Halten zu bewegen.

Rasch, rasch! tönte es aus der Menge. Stopp! befahl der Kapitän. Hinauf den Steg!

Die zwei Männer sprangen in dem Augenblicke an Bord, als die zweite Kette klatschend auf das Wasser aufschlug. Die Maschinen setzten sich stampfend in Bewegung; ein letztes Lebewohl an Deck, ein letztes am Kai, Hunderte von Taschentüchern flatterten in der Luft, das prächtige Fahrzeug furchte sich seinen Weg aus dem Hafen und in majestätischem Bogen fuhr es durch die ruhige Bucht ins offene Meer hinaus.

Unsere lange Seereise hatte begonnen. Die Passagiere drängten sich durcheinander, um ihr Gepäck zu erhalten oder ihre Kabinen aufzusuchen, während das Knallen von Champagnerpfropfen im Salon verkündete, daß mehr als ein unglücklicher, vereinsamter Reisender zu künstlichen Mitteln griff, um die Trennungsschmerzen zu lindern. Ich schlenderte rund um das Verdeck herum, um eine rasche Uebersicht über meine Mitreisenden zu bekommen. Sie gehörten im allgemeinen den Typen an, die man bei solchen Gelegenheiten anzutreffen pflegt. Es war nicht ein besonderes Gesicht unter ihnen. Ich spreche nämlich hier als Kenner, denn Physiognomieen gehören zu meinen Spezialitäten. Ich stürze mich auf ein interessantes Gesicht wie ein Botaniker auf eine seltene Pflanze, und nehme es in mich auf, um es nach Belieben zu analysieren, zu klassifizieren und in mein kleines anthropologisches Museum einzureihen. Doch hier fand ich kein einziges, das meiner Sammlung würdig gewesen wäre. Etwa zwanzig Vertreter Jungamerikas, die Europa besuchen wollten, als Gegenmittel hiefür etliche ehrbare Ehepaare in gesetzterem Alter, hiezu einige wenige Geistliche und Fachmenschen, junge Damen, Kaufleute, Engländer und die gesamte olla podrida, die man gewöhnlich auf einem Ozeandampfer vorfindet. Ich wandte mich von ihnen ab und schaute auf die immer mehr in der Ferne sich verlierende Küste Amerikas zurück, und als sich ein Schwarm von Erinnerungen vor meinem Geiste erhob, schlug mein Herz doch ein wenig in dankbarer Erinnerung an mein Adoptivvaterland. Zufällig lag ein Haufe Gepäck auf einer Seite des Verdecks, der noch nicht hinuntergeschafft worden war. Bei meiner alten Vorliebe für die Einsamkeit ließ ich mich zwischen den Gepäckstücken und der Reling auf einem Bündel von Tauen nieder und versank in eine melancholische Träumerei.

Ein Geflüster hinter mir störte mich in meinen Betrachtungen. Hier ist ein ruhiges Plätzchen! hörte ich eine Stimme sagen. Setze dich. Wir können hier in aller Sicherheit darüber reden.

Durch eine Spalte zwischen zwei ungeheuren Kisten erblickte ich die beiden Passagiere, die das Schiff im letzten Augenblicke erreicht hatten; sie standen auf der anderen Seite des Gepäckhaufens. Sie hatten mich offenbar nicht gesehen, da mich die Kisten vor ihren Blicken verborgen hatten. Der Sprecher war ein großer, sehr magerer Mann mit einem tiefschwarzen Bart und einem bleichen Gesicht. Seine Bewegungen waren nervös, aufgeregt. Sein Begleiter war von kurzer Statur und hatte ein vollblütiges Gesicht; er sah munter und entschlossen aus. Er hatte eine Zigarre im Mund und einen weiten Ulster über seinen linken Arm geschlagen. Beide schauten unsicher und mißtrauisch um sich, wie wenn sie sich versichern wollten, daß sie allein seien. Der Platz ist gerade recht, hörte ich den anderen sagen. Sie setzten sich auf eine breite Kiste, so daß sie mir den Rücken zuwandten, und so wurde ich, sehr gegen meinen Willen, unfreiwilliger Zeuge ihrer Unterhaltung.

Na, Müller, sagte der Längere von den zweien, wir haben es gerade noch zur rechten Zeit an Bord gebracht.

Jawohl, bestätigte der andere, mit »Müller« Angeredete, es ist jetzt in Sicherheit.

Es hing wahrlich an einem Haare!

Bei Gott, Flannigan.

Es wäre fatal gewesen, wenn wir das Schiff verfehlt hätten.

Ja, wahrlich! Das hätte uns einen schönen Strich durch die Rechnung gemacht.

Hätte unsere Pläne völlig zerstört, sagte der kleine Mann und paffte für einige Minuten wütend an seiner Zigarre.

Ich hab es hierher gebracht, sagte er schließlich.

Laß mich's sehen!

Sieht auch niemand zu?

Nein, sie sind fast alle drunten.

Wir können gar nicht vorsichtig genug sein, wenn so viel auf dem Spiele steht, meinte Müller, als er den Ulster, der über seinem Arme hing, zurückschlug und einen dunklen Gegenstand vorsichtig auf die Planken des Verdecks stellte. Ein Blick darauf genügte, mir ein derartiges Entsetzen einzujagen, daß ich aufsprang und nur mit Mühe einen Ausruf unterdrückte. Zum Glück waren sie derartig in ihre Unterhaltung vertieft, daß mich keiner bemerkte. Hätten sie sich umgekehrt, so hätten sie sehen können, wie ich sie mit bleichem Gesicht über die aufgetürmten Schachteln anstarrte.

Im ersten Moment ihrer Unterhaltung war eine fürchterliche Ahnung über mich gekommen. Sie wurde nur bestärkt, als ich den erwähnten Gegenstand erblickte: es war ein kleines, viereckiges Kästchen von einem Kubikfuß Inhalt, soviel ich schätzen konnte, aus dunklem Holze, mit Messingbeschlägen. Es erinnerte mich an ein Pistolenkästchen, nur war es entschieden höher. Ein Anhängsel war daran befestigt: an diesem blieb mein Blick haften, und dieses war es wohl, das mir, eher als das Kästchen selbst, den Gedanken an Schußwaffen suggerierte. Jenes war in der Art eines Drückers auf dem Deckel angebracht; ein Stückchen Bindfaden war daran befestigt. Neben dem Drücker konnte ich eine kleine viereckige Oeffnung im Holze unterscheiden. Der größere, Flannigan, wie ihn sein Gefährte nannte, näherte sein Auge der Oeffnung und starrte einige Minuten hinein, während deren sein Gesicht einen Ausdruck gespanntester Aufmerksamkeit annahm.

Es scheint ganz in der Ordnung zu sein, sagte er schließlich.

Ich gab mir Mühe, es nicht zu schütteln, bemerkte sein Begleiter.

Solch' delikate Sachen muß man auch delikat behandeln. Tu' einige von den Dingern hinein, Müller. Es wird nötig sein.

Der Kleinere von beiden suchte einige Zeit in seinen Taschen und brachte endlich eine kleine Papierdüte zum Vorschein. Er öffnete sie und nahm daraus eine halbe Hand voll weißliche Körner heraus, welche er durch das Loch in das Kästchen warf. Ein eigentümliches Geräusch wie ein kurzes scharfes Ticken erfolgte im Innern des Kästchens; beide lächelten befriedigt.

Es scheint nichts Schlimmes passiert zu sein, bemerkte Flannigan.

Alles in Ordnung! erwiderte der andere.

Paß auf! Es kommt da jemand. Trag' es hinunter in dein Bett. Es wäre nicht gut, wenn irgend jemand argwöhnte, was wir vorhaben, oder, was noch schlimmer wäre, das Ding in die Hände bekäme und es aus Versehen losgehen ließe.

Nun ja, es würde schließlich dasselbe Ergebnis herbeiführen, wenn es auch ein anderer losließe.

Die würden nicht wenig erstaunt sein, wenn sie am Drücker knipsen würden, sagte der Lange mit unheimlichem Lachen. Ha, ha, denk' dir ihre Gesichter! 's ist kein schlechtes Stück Arbeit, ich schmeichle mir selber 'mit.

Nein, wirklich, sagte Müller. Es ist ganz deine eigene Erfindung, jedes Stückchen daran, nicht wahr?

Jawohl, Feder und Klappe sind von mir.

Wir sollten es patentieren lassen.

Und wiederum lachten die zwei Männer in kaltem, hartem Tone, als sie das kleine messingbeschlagene Kästchen vom Boden nahmen und in Müllers weitem Mantel wieder versteckten.

Komm' mit hinunter! Wir wollen es in meinem Bette drunten verstauen, sagte Flannigan. Wir brauchen es ja nicht, bevor es Nacht wird, und dort wird es am besten aufgehoben sein.

Sein Genosse war einverstanden, und die zwei Männer schlenderten Arm in Arm das Verdeck entlang und verschwanden in der Treppe mit dem geheimnisvollen Kästchen. Die letzten Worte, die ich hörte, waren eine Aufforderung an Flannigan, es vorsichtig zu tragen, und zu vermeiden, es irgendwo anzustoßen.

Ich weiß nicht mehr, wie lange ich auf jenem Taubündel sitzen blieb. Das Entsetzen, welches mir die Unterhaltung eingeflößt hatte, deren Zeuge ich eben gewesen war, wurde noch durch die ersten Anzeichen der Seekrankheit verstärkt. Die großen Wogen des Atlantischen Ozeans begannen ihren Einfluß auf die Passagiere geltend zu machen. Ich fühlte mich an Leib und Seele wie zerschlagen und fiel in einen lethargischen Zustand, aus dem mich endlich die Stimme unseres würdigen Steward aufweckte.

Macht es Ihnen etwas aus, Sir, sagte er, wenn ich das Zeug da wegnehme? Wir möchten das Verdeck von diesem Gerümpel säubern.

Seine kurz angebundene Art und sein rauhes, gesundes Gesicht kam mir in meinem jetzigen Zustand wie eine persönliche Beleidigung vor. Wäre ich ein mutiger oder starker Mensch gewesen, so hätte ich zweifellos mit ihm Streit angefangen. In meiner üblen Stimmung jedoch warf ich ihm nur einen vielsagenden, finsteren Blick zu, der ihm, wie es schien, kein geringes Erstaunen einflößte, und begab mich nach der anderen Seite des Verdecks. Das einzige, was ich jetzt wünschte, war, allein zu sein, um über das fürchterliche Verbrechen nachzudenken, welches sich vor meinen Augen entwickelte und ausgeführt werden sollte. Eines der Boote hing ziemlich niedrig in seinen Davits. Der Gedanke schoß mir durch den Kopf, in dasselbe hineinzuklettern, was mir auch gelang. So lag ich nun im Boote auf dem Rücken, nichts als den blauen Himmel über mir; wenn auch gelegentlich ein Stück des Besansegels in meinen Gesichtskreis kam, wenn sich das Schiff auf die Seite legte, war ich doch jetzt wenigstens mit meiner Seekrankheit und meinen Gedanken allein.

Ich versuchte, mir die Worte wieder ins Gedächtnis zurückzurufen, welche in dem schrecklichen Zwiegespräch gefallen waren, das ich mit angehört hatte. Ließen sie keine andere Auslegung zu, als die eine, die ich vor Augen hatte? Mein Verstand zwang mich, zuzugeben, daß eine andere Deutung nicht möglich war. Ich gab mir Mühe, die verschiedenen Tatsachen für sich zu prüfen, welche, zu einer Kette aneinandergereiht, diesen Schluß mit Notwendigkeit ergaben, und versuchte, darin einen Mangel oder Fehler nachzuweisen; aber nein, nicht ein einziges Glied fehlte in der Kette. Da war z. B. die eigentümliche Art und Weise, wie unsere zwei Passagiere an Bord gekommen waren, und die ihnen gestattet hatte, jeder Untersuchung ihres Gepäcks zu entgehen. Selbst der Name des einen, Flannigan, schien mir einen verdächtigen, fenianistischenFenianisten, auch Fenier (engl. Fenians), Parteiname eines revolutionären irischen Bundes. Beigeschmack zu haben, während der Name Müller auf Sozialist und Mörder schließen ließ. Dann ihr merkwürdiges Benehmen, ihre Bemerkung, daß ihre Pläne vernichtet worden wären, wenn sie das Schiff nicht mehr erreicht hätten; ihre Vorsicht, um nicht beobachtet zu werden, und schließlich – und das war nicht das am wenigsten Wichtige – die Vorführung des kleinen viereckigen Kästchens mit dem Drücker und ihre grimmigen Scherze über das erstaunte Gesicht desjenigen, der das Ding aus Versehen losließe. Konnten alle diese Tatsachen zu einem anderen Schlusse führen, als daß sie von irgend einer geheimen Vereinigung, vielleicht politischer Art, ausgesandt worden waren und die Absicht hatten, sich selbst, ihre Mitreisenden und das Schiff durch eine Explosion vielleicht zu vernichten? Die weißlichen Körner, die einer von ihnen, wie ich beobachtet, in das Kästchen geworfen hatte, waren ohne Zweifel Zünder irgendwelcher Art, um es zum Explodieren zu bringen. Ich selbst hatte gehört, wie vom Innern heraus ein Ton wohl von irgend einem Teil der feingebauten Maschinerie kam. Aber was meinten sie mit ihrer Anspielung auf heute nacht? War es möglich, daß sie ihren schauderhaften Plan schon am ersten Abend unserer Reise wollten zur Tat werden lassen? Beim bloßen Gedanken daran lief mir ein kalter Schauer über den Rücken und machte mich für einen Augenblick selbst für die Qualen der Seekrankheit unempfindlich.

Ich habe die Beobachtung gemacht, daß ich in physischer Beziehung ein Feigling bin. Ich bin aber auch einer in moralischer Hinsicht. Es kommt selten vor, daß sich diese zwei Fehler in solch' bedeutendem Maße in einem einzigen Charakter vorfinden. Ich habe viele Männer kennen gelernt, die sehr ängstlich in Beziehung auf körperliche Gefahren waren und sich doch durch eine unbeeinflußbare Logik und Festigkeit im Denken auszeichneten. Was mich persönlich anbelangt, muß ich jedoch leider gestehen, daß ich infolge meiner ruhigen und zurückgezogenen Lebensweise eine nervöse Abneigung davor habe, irgend etwas Bemerkenswertes zu tun oder mich selbst in den Vordergrund zu drängen, eine Abneigung, welche, wenn es überhaupt möglich ist, meine Furcht vor persönlichen Gefahren noch übertrifft. Ein gewöhnlicher Sterblicher, in die Umstände versetzt, in denen ich mich jetzt befand, wäre geradeswegs zum Kapitän gegangen, hätte ihm seine Befürchtungen mitgeteilt und ihm die ganze Angelegenheit zur Behandlung übergeben. Mir indes, wie ich eben veranlagt bin; widerstrebte ein solches Vorgehen aufs entschiedenste. Der Gedanke, von einer Reihe von Menschen ins Auge gefaßt, durch einen Fremden einem Kreuzverhör unterworfen und zwei verzweifelten Verschwörern als Denunziant gegenübergestellt zu werden, war mir unerträglich. Könnte nicht durch eine entfernter liegende Möglichkeit, welche mir entging, bewiesen werden, daß ich mich irrte? Wie würde ich dastehen, wenn es sich herausstellen sollte, daß meine Gründe für eine derartige Anklage nicht triftig genug gewesen waren. Nein! Zunächst wollte ich dies aufschieben; ich wollte die beiden Desperados im Auge behalten und sie auf Schritt und Tritt bewachen. Dies war entschieden noch besser, als mit der Möglichkeit rechnen zu müssen, an den Pranger gestellt zu werden.

Da fiel es mir ein, daß in demselben Augenblick vielleicht die Verschwörung in ein neues Stadium treten könnte. Meine innere Erregung hatte, wie mir scheint, den ursprünglichen Anfall von Seekrankheit vertrieben, da ich aufstehen und vom Boot herunterklettern konnte, ohne daß er sich erneut hätte. Ich schlenderte das Verdeck entlang, in der Absicht, in den Salon zu gehen und nachzusehen, wie sich meine Bekannten von heute morgen wohl beschäftigten. Ich hatte schon die Hand auf dem Treppengeländer, da erhielt ich zu meinem großen Erstaunen einen herzlichen Klaps auf den Rücken, der mich um ein Haar mit mehr Schnelligkeit als Würde die Treppe hinunterbefördert hätte.

Bist du es, Hammond? rief eine Stimme, die mir bekannt vorkam.

Himmel, rief ich, als ich mich umkehrte, ist's möglich? Du, Dick Merton? Wie geht's, wie steht's, altes Haus?

Dies war ein unerwarteter glücklicher Zufall, der mitten in meine Verlegenheiten hineinplatzte. Dick war gerade der Mann, den ich brauchte; freundlich und scharfsinnig in seinem Wesen, prompt und entschlossen in seinen Handlungen; ich würde ihm ohne Schwierigkeiten meinen Verdacht mitteilen und mich auf seinen gesunden Menschenverstand verlassen können, den besten Weg zur Verfolgung der Angelegenheit zu finden. Seit ich als kleiner Junge mit Dick zusammen in der zweiten Schulklasse in Harrow gesessen, war er mein Ratgeber und Beschützer gewesen. Mit einem Blick sah er, daß irgend etwas mit mir nicht in Ordnung war.

Nanu, meinte er in seiner freundlichen Art, was zum Kuckuck ist denn los mit dir, Hammond? Du bist ja weiß wie Leinwand; Seekrankheit, was?

Nein, das nicht im geringsten, antwortete ich. Wir wollen ein wenig auf und ab gehen, Dick; ich muß mit dir reden. Gib mir deinen Arm.

Ich stützte mich auf Dicks riesenhaftes Gestell und wackelte an seiner Seite entlang, aber es dauerte einige Zeit, bis ich mich entschließen konnte, zu sprechen.

Zünde dir eine Zigarre an! Mit diesen Worten brach er das Schweigen.

Nein, danke, antwortete ich. Dick, fuhr ich fort, heute nacht sollen wir alle zusammen ins Jenseits befördert werden!

Das ist kein Grund dafür, daß du jetzt keine Zigarre rauchst, sagte Dick in seiner kühlen Art, indem er mich jedoch bei diesen Worten scharf unter seinen buschigen Augenbrauen hervor beobachtete. Er dachte offenbar; daß ich etwas von meinem Verstand verloren hatte.

Nein, fuhr ich fort, es ist nicht zum Lachen, mein Lieber. Ich versichere dich, es ist mein heiliger Ernst. Ich habe eine schändliche Verschwörung entdeckt, Dick; man will dies Schiff und zugleich mit ihm jede Seele darauf in die Luft sprengen.

Dann machte ich mich daran, ihm die Reihe von Tatsachen, welche ich gesammelt hatte, systematisch geordnet vorzuführen. Das ist's, Dick, sagte ich, als ich damit fertig war, was hältst du davon, und vor allem, was soll ich tun?

Zu meinem Erstaunen brach Dick in ein herzliches Gelächter aus. Ich wäre erschrocken, sagte er, wenn mir irgend jemand außer dir diese niedlichen Dinge erzählt hätte. Du aber, Hammond, hattest immer eine Vorliebe, Schauergeschichten zu entdecken. Es freut mich, diesen alten Zug an dir wieder vorzufinden. Weißt du noch, wie du in der Schule schworst, im langen Saale gehe ein Geist um, und wie es sich dann herausstellte, daß es dein eigenes Bild im Spiegel war? Nun, mein Lieber, fuhr er fort, was könnte irgend jemand für ein Interesse daran haben, dies Schiff zu zerstören? Wir haben keine Persönlichkeiten von politischer Bedeutung an Bord; im Gegenteil, die meisten Passagiere sind Amerikaner. Außerdem sind in unserem nüchternen neunzehnten Jahrhundert selbst die Massenmörder so vernünftig, ihre eigene Haut nicht mit der ihrer Opfer zu Markte zu tragen. Verlaß dich darauf, du hast sie falsch verstanden und hast einen photographischen oder einen ähnlichen unschuldigen Apparat für eine Höllenmaschine gehalten!

Nicht im geringsten, brummte ich etwas gereizt. Ich fürchte, du wirst schon zu deinem eigenen Schaden erfahren, daß ich nicht ein Wort übertrieben oder falsch ausgelegt habe. Was das Kästchen anbelangt, so habe ich sicherlich niemals ein ähnliches gesehen. Es beherbergt eine feine Maschinerie; davon bin ich schon durch die Art und Weise überzeugt, wie die zwei davon sprachen und damit umgingen.

Wenn dies dein ganzer Beweis ist, meinte Dick, glaube ich, daß du aus jedem Päckchen von unschuldigen Waren eine Höllenmaschine zusammenzubauen imstande wärest.

Der Mann hieß aber Flannigan, fuhr ich hartnäckig fort.

Damit würdest du vor Gericht nicht viel erreichen, schätze ich. Doch komm, meine Zigarre ist zu Ende. Ich schlage vor, hinunterzugehen und einer Flasche Burgunder den Hals zu brechen. Du kannst mir dann die zwei Orsini vorführen, wenn sie noch im Salon sind.

's ist recht, antwortete ich, ich bin fest entschlossen, sie den ganzen Tag über nicht aus den Augen zu verlieren. Betrachte sie wenigstens nicht auffällig; es wäre mir unlieb, wenn sie bemerken würden, daß sie bewacht werden.

Verlaß dich darauf, sagte Dick, ich will so unschuldig und harmlos dreinschauen wie ein Lamm!

Wir betraten den Salon. Eine ziemlich große Anzahl der Passagiere war an dem großen Tisch in der Mitte versammelt; einige mühten sich mit widerspenstigen Riemen an Reisetaschen ab, andere verzehrten ihren Lunch, wieder andere waren mit Lesen beschäftigt oder vergnügten sich auf eine andere Weise. Die zwei Männer, die wir suchten, waren nicht darunter. Wir verließen den Salon und spähten verstohlen in jede Kabine; auch hier war keine Spur von ihnen zu entdecken. Himmel, dachte ich, vielleicht sind sie eben in diesem Augenblick drunten, gerade unter uns, im Maschinenraum oder im Kohlenbunker damit beschäftigt, ihren teuflischen Plan zu verwirklichen! – Es war besser, das Schlimmste zu erfahren, als noch länger in dieser Ungewißheit zu verharren.

Steward, sagte Dick, sind irgendwo noch andere Herren?

's sind zwei im Rauchsalon, Sir, antwortete der Steward.

Der Rauchsalon war ein kleiner, behaglich ausgestatteter Raum, welcher sich neben der Pantry befand. Wir traten ein. Ein Seufzer der Erleichterung entrang sich meiner Brust. Zu allererst fiel mein Blick auf das leichenhafte Gesicht Flannigans mit seinem zusammengekniffenen Mund und seinen kalten Augen. Ihm gegenüber saß sein Genosse. Beide tranken eben Whisky, und ein Spiel Karten war über den Tisch zerstreut. Sie waren im Begriff zu spielen, als wir eintraten. Ich stieß Dick in die Seite, zum Zeichen, daß wir gefunden, was wir gesucht, und wir setzten uns so unbefangen wie möglich in ihre Nähe. Die zwei Verschwörer nahmen, wie es schien, wenig Notiz von unserer Gegenwart. Ich beobachtete sie aufmerksam. Sie spielten »Napoleon«. Beide waren ausgezeichnete Spieler. Sie nötigten mir die größte Bewunderung ab, wie sie ihre Nerven beherrschen konnten, diese zwei Burschen, die ihre ganze Aufmerksamkeit dermaßen auf das Spiel konzentrieren konnten, während sie ein solches Geheimnis im Innern bargen. Rasch rollte das Geld von einem zum andern; aber der Kleinere schien trotzdem entschieden Pech zu haben. Zum Schluß warf er seine Karten fluchend auf den Tisch und weigerte sich, weiter zu spielen.

Nein, der Henker hol' mich, wenn ich weiterspiele, rief er aus. Ich habe allerhöchstens im ganzen zwei Trümpfe gehabt.

Macht nichts, antwortete sein Kamerad, als er den Gewinn einstrich, ein paar Dollars mehr oder weniger werden nach dem Ergebnis unseres Spieles von heute nacht nichts ausmachen.

Ich war erstaunt über die Keckheit des Gauners, aber ich nahm mich zusammen, richtete meine Augen zerstreut zur Decke und trank meinen Wein mit einer so unbefangenen Miene, als mir möglich war. Ich fühlte, daß Flannigan mich mit seinen Wolfsaugen fixierte, um zu sehen, ob ich die Anspielung bemerkt hatte. Er flüsterte seinem Genossen einige Worte zu, welche ich nicht verstehen konnte. Es war offenbar eine Mahnung zur Vorsicht, denn der andere antwortete ärgerlich: Unsinn! Warum sollte ich nicht sagen dürfen, was mir gefällt. Zu große Vorsicht kann unserem Plane höchstens verderblich werden.

Ich meinte, du wolltest, es solle nicht herauskommen, erwiderte Flannigan.

Du brauchst gar nicht zu meinen, rief der andere rasch, mit lauter Stimme. Du weißt ebenso genau wie ich, daß ich den Einsatz gerne gewinne, wenn ich darum spiele. Aber ich will nicht, daß du meine Worte kritisierst und ziehe nicht gern den kürzeren, vor dir so wenig als vor einem anderen; ich habe ebenso viel Interesse am Erfolg wie du, noch mehr, wie ich hoffe.

Er hatte sich ganz in die Hitze geredet und paffte für einige Minuten wütend an seiner Zigarre. Die Augen des anderen Gauners wanderten währenddessen nacheinander von Dick Merton zu mir. Ich wußte, daß ich einem verzweifelten Gesellen gegenübersaß, der mir einen Dolch ins Herz gestoßen haben würde, hätte ich auch nur mit den Wimpern gezuckt; aber es gelang mir doch, mehr Selbstbeherrschung an den Tag zu legen, als ich mir unter so peinlichen Umständen selbst zugetraut hätte. Dick Merton verhielt sich so unbeweglich und unbefangen wie eine egyptische Sphynx.

Für einige Zeit herrschte Stille im Rauchsalon, die nur vom Geräusch der Karten unterbrochen wurde, als sie Müller zusammenwarf, um sie in die Tasche zu stecken. Er schien noch ein wenig gereizt und aufgeregt. Er warf den Zigarrenstummel in den Spucknapf, sah seinen Gefährten ironisch an und wandte sich mit den Worten an mich:

Können Sie mir sagen, Sir, wann man an Land wieder von diesem Schiffe hören wird?

Beide blickten auf mich; aber, mag meine Gesichtsfarbe auch um einen Ton blasser geworden sein, meine Stimme war so fest wie gewöhnlich, als ich antwortete:

Ich nehme an, Sir, daß man von ihm hören wird, sobald es in Queenstown landet.

Haha, lachte das kleine Scheusal, ich wußte, daß Sie diese Antwort geben würden. Flannigan, hau' mich nicht unter den Tisch; ich würde mir's nicht gefallen lassen. Ich weiß genau, was ich tue. – Sie irren sich, Sir, fuhr er fort, zu mir gewandt, Sie irren sich gewaltig.

Irgend ein Schiff, dem wir vielleicht begegnen – – warf Dick ein.

Nein, auch das nicht.

Das Wetter ist ja gut, sagte ich, warum sollte man von uns nicht am Bestimmungsorte hören?

Ich sagte ja nicht, daß man am Bestimmungsorte nichts von uns hören würde. Ohne Zweifel wird dies im Verlaufe der Zeit der Fall sein; aber dort wird man nicht zuerst von uns hören.

Wo dann? fragte Dick.

Das werden Sie nicht erfahren. Möge Ihnen die Mitteilung genügen, daß ein geheimnisvoller Eilbote berichten wird, wo wir uns etwa befinden, und zwar, bevor der heutige Tag zu Ende gegangen sein wird. Hahaha! – und er schüttelte sich wiederum vor Lachen.

Komm hinauf, grollte sein Kamerad, du hast zu viel von dem verfluchten Whisky getrunken. Er hat dir die Zunge gelöst. Komm mit! Er nahm ihn am Arm und führte den Widerstrebenden aus dem Rauchsalon hinaus; wir hörten sie zusammen die Treppe hinaufschlendern, bis ihre Schritte droben verhallten.

Nun, was hältst du jetzt von der Sache? fragte ich Dick. Er war unbeweglicher denn je.

Was ich davon halte, wie? meinte er. Ich denke, was sein Gefährte denkt, nämlich, daß der Kerl betrunken ist, und daß wir den Faseleien eines Betrunkenen zugehört haben. Der Kerl roch ja förmlich nach Whisky.

Unsinn, Dick! Du sahst ja, wie der andere sich Mühe gab, ihn zum Schweigen zu bringen.

Natürlich tat er das. Er wollte nicht, daß sein Freund sich vor Fremden blamieren sollte. Möglicherweise ist der Fremde ein Irrsinniger und der andere sein Wärter. Das ist ja ganz gut möglich.

O Dick, o Dick, rief ich aus, wie kannst du nur so blind sein? Siehst du denn nicht, daß jedes Wort unseren Verdacht bestätigt hat?

Humbug, mein Lieber, sagte Dick, du arbeitest dich förmlich in eine nervöse Aufgeregtheit hinein. Na, was machst du denn zum Teufel aus all dem Unsinn, den er über einen »geheimnisvollen Eilboten« plapperte, welcher melden sollte, wo wir uns etwa befänden?

Ich will dir sagen, was er meinte, Dick, erwiderte ich und beugte mich zu ihm vor, während ich seinen Arm umklammerte. Er meinte ein plötzliches Aufleuchten und einen Lichtschein weit draußen auf dem Meere, den ein einsamer Fischer an der amerikanischen Küste bemerken würde. Das war's, was er meinte.

Ich dachte nicht, daß du ein solcher Narr wärest, Hammond, sagte Dick Merton mürrisch. Wenn du dem Geschwätz eines jeden Betrunkenen eine buchstäbliche Bedeutung unterlegen willst, so wirst du zu manchen verkehrten Schlüssen gelangen. Wir wollen ihrem Beispiel folgen und uns an Deck begeben. Ich glaube, du brauchst frische Luft. Glaube mir, deine Leber ist nicht ganz in Ordnung. Diese Seereise wird dir ungeheuer gut tun.

Wenn ich je das Ende dieser Reise erlebe, brummte ich, will ich ein Gelübde tun, keine zweite zu unternehmen. Man deckt jetzt eben den Tisch, es lohnt sich kaum, hinaufzugehen. Ich bleibe hier und rauche meine Zigarre zu Ende.

Ich hoffe, du bist beim Essen in besserer Stimmung. Mit diesen Worten entfernte sich Dick aus dem Rauchsalon und überließ mich meinen Gedanken, bis uns der Klang des großen Gongs zum Salon rief.

Mein Appetit war, ich brauche es wohl kaum zu sagen, durch die Ereignisse dieses Tages gerade nicht angeregt worden. Ich ließ mich indes mechanisch an der Tafel nieder und horchte auf das Gespräch, das in meiner Umgebung im Gange war. Es befanden sich an die hundert Passagiere erster Klasse an Bord, und als der Wein zirkulierte, vereinigten sich ihre Stimmen mit dem Geklapper der Gabeln und Teller zu einem großen Getöse. Ich saß zwischen einer sehr kräftig gebauten, nervösen alten Dame und einem schmucken, kleinen Geistlichen; und da ich von beiden nicht angeredet wurde, verhielt ich mich stille und brachte meine Zeit damit zu, meine Mitreisenden zu beobachten. Ich konnte bemerken, wie Dick seine Aufmerksamkeiten zwischen einem Huhn vor ihm und einer selbstbewußten jungen Dame neben ihm teilte. Kapitän Dowie machte die Honneurs an dem mir näher liegenden Ende der Tafel, während am anderen Ende der Schiffsarzt präsidierte. Zu meiner Freude bemerkte ich Flannigan auf der anderen Seite der Tafel, und ganz in meiner Nähe. So lange ich ihn hier unter meinen Augen hatte, wußte ich, daß wir wenigstens für den Moment in Sicherheit waren. Er saß da mit einem Lächeln auf seinem grimmigen Gesicht, das man hätte für angenehm und weltmännisch halten können. Es entging mir nicht, daß er viel Wein trank, so viel, daß seine Stimme entschieden heiser geworden war, noch bevor der Nachtisch aufgetragen wurde. Sein Freund Müller saß einige Plätze weiter von ihm entfernt. Er aß wenig und schien mit seinen Gedanken beschäftigt zu sein.

Nunmehr, meine Damen, sagte unser liebenswürdiger Kapitän, hoffe ich, daß Sie sich an Bord meines Schiffes wie zu Hause fühlen werden. Für die Herren hege ich in dieser Hinsicht gar keine Befürchtungen. Steward, Champagner! – Ich trinke auf eine gute Brise und eine schnelle Ueberfahrt! Ich hoffe, Ihre Freunde in Amerika werden in dreizehn oder allerhöchstens in vierzehn Tagen erfahren, daß wir gesund und wohlbehalten drüben angekommen sind.

Ich sah auf. So blitzartig auch der Blick gewesen, den Flannigan und sein Verbündeter gewechselt hatten, ich konnte ihn doch auffangen. Es war ein Lächeln von übler Bedeutung auf den dünnen Lippen des ersteren.

Die Konversation ging munter von statten. Politik, Seereisen, Vergnügungen, Religion, alle diese Stoffe waren nacheinander der Gegenstand der Unterhaltung. Ich verhielt mich schweigsam, wenn ich auch mit Interesse zuhörte. Es kam mir der Gedanke, daß es nichts schaden könnte, wenn ich den Stoff, der fortwährend meine Gedanken beschäftigte, in die Unterhaltung einführen würde. Man könnte in ganz offenherziger Weise darüber reden, und es hätte zum wenigsten den Erfolg, daß die Gedanken des Kapitäns in diese Richtung gelenkt würden. Ich konnte gleichzeitig beobachten, welche Wirkung das auf die Mienen der Verschwörer haben würde.

Die Unterhaltung ließ auf einmal nach. Die üblichen Stoffe schienen erschöpft. Diese Gelegenheit war der Ausführung meiner Absicht günstig.

Darf ich fragen, Herr Kapitän, sagte ich mit sehr deutlicher Aussprache, indem ich mich vorbeugte, was Sie von den Kundgebungen der Fenianisten halten?

Aus ehrlicher Entrüstung wurde des Kapitäns gesundes Gesicht um einen Ton dunkler.

Armselige Feigheiten sind's! rief er aus. Ebenso albern wie verabscheuungswürdig!

Ohnmächtige Drohungen einer Rotte von namenlosen Spitzbuben! sagte ein würdig aussehender alter Herr neben ihm.

O, Herr Kapitän, sagte die dicke Dame an meiner Seite, glauben Sie, daß es möglich wäre, daß sie ein Schiff in die Luft sprengten?

Ich zweifle nicht daran, daß sie es täten, wenn sie es könnten. Aber das weiß ich sicher, daß ihnen dies mit dem meinigen nie gelingen wird.

Darf ich fragen, welche Vorsichtsmaßregeln gegen die Spitzbuben in Anwendung sind? fragte ein älterer Herr unten am Tisch.

Alle Güter, die an Bord kommen, werden vorher genau untersucht, antwortete Kapitän Dowie.

Aber angenommen, ein Mann bringe Explosivstoffe mit sich an Bord? fragte ich.

Die Kerls sind zu feige, als daß sie ihr eigenes Leben aufs Spiel setzen würden.

Während dieser Unterhaltung zeigte Flannigan nicht das geringste Interesse an dem Thema. Jetzt erhob er sein Haupt und sah den Kapitän scharf an. Glauben Sie nicht, daß Sie die Leute ein wenig unterschätzen? fragte er. Jede geheime Gesellschaft hat verzweifelte Burschen zur Verfügung gehabt, warum sollten die Fenianisten nicht auch welche zu den ihren zählen? Es gibt Leute, die es für einen Vorzug betrachten, im Dienste einer Sache zu sterben, die in ihren Augen eine gute ist, mögen sie andere Leute auch für eine schlechte Sache ansehen.

Mord kann in niemandes Augen eine gute Sache sein! sagte der kleine Geistliche.

Die Beschießung von Paris war nichts anderes, erwiderte Flannigan, und doch war die gesamte zivilisierte Welt darin einig, den müßigen Zuschauer zu spielen und das unbequeme Wort Mord mit dem weniger übelklingenden Namen Krieg zu vertauschen. Dieses schien für die Deutschen zum wenigsten ganz in der Ordnung, warum sollte Dynamit dies nicht für die Fenianisten auch sein?

Jedenfalls haben ihre Drohungen bis jetzt zu keinem Ergebnis geführt, bemerkte der Kapitän.

Entschuldigen Sie, erwiderte Flannigan, aber läßt das Schicksal des »Dotterel« nicht einigen Argwohn für berechtigt erscheinen? Ich habe Leute in Amerika gesprochen, die aus persönlicher Erfahrung wissen wollten, daß ein Torpedo im Kohlenbunker dieses Schiffes versteckt war.

Dann logen diese Leute, sagte der Kapitän. Es wurde vor Gericht der endgültige Beweis erbracht, daß die Katastrophe durch eine Explosion von Kohlengasen herbeigeführt wurde. Aber wäre es nicht besser, das Thema zu verlassen? Die Damen könnten sonst eine schlaflose Nacht bekommen.

Die Konversation lenkte in ihre ursprünglichen Bahnen zurück.

Während dieser kleinen Diskussion hatte Flannigan seinen Standpunkt mit weltmännischer Sicherheit und einer ruhigen Bescheidenheit, die ich ihm nicht zugetraut hätte, klargelegt. Ich mußte den Mann wieder bewundern, der am Rande eines verzweifelten Verbrechens stand und sich mit so harmloser Liebenswürdigkeit in ein Gespräch einließ, das ihn doch so nahe berührte. Er hatte sich, wie ich schon erwähnte, eine ganz bedeutende Portion Wein zu Gemüte geführt; aber obgleich seine bleichen Wangen ein wenig gerötet waren, blieb sein Benehmen doch so zurückhaltend wie je. Er mischte sich nicht mehr in die Unterhaltung, sondern schien in seine eigenen Gedanken vertieft zu sein.

In meinem Kopf jagten sich eine Menge von sich widersprechenden Gedanken. Was sollte ich tun? Sollte ich jetzt aufstehen und den Burschen in Gegenwart der Passagiere und des Kapitäns meine Anklage ins Gesicht schleudern? Sollte ich den Kapitän um eine kurze Unterredung unter vier Augen in seiner eigenen Kajüte bitten und ihm alles enthüllen? Für einen Augenblick war ich halb entschlossen, dies zu tun, aber dann kam meine alte scheue Natur mit verdoppelter Kraft wieder zum Vorschein. Schließlich könnte alles doch auf einem Irrtum beruhen. Dick hatte meine Beweisgründe gehört und sich doch geweigert, daran zu glauben. Ich beschloß, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Ein eigentümliches unruhiges Gefühl überkam mich. Warum sollte ich Menschen helfen, welche für die ihnen drohende Gefahr blind waren, blind sein wollten? Sicherlich war es am Kapitän, uns zu beschützen, nicht an uns, ihn zu warnen. Ich trank einige Gläser Wein und schlenderte an Deck, mit dem Entschluß, mein Geheimnis bei mir zu behalten.

Es war ein prächtiger Abend. Sogar in meiner aufgeregten Gemütsverfassung lehnte ich mich an die Reling und erfreute mich an der erfrischenden Brise. Gegen Westen hin sah ich ein einsames Segel wie einen dunklen Fleck sich am Horizont abheben, welcher durch die letzten Strahlen der untergehenden Sonne wie in Flammen stand. Ich schauderte, als ich hinsah. Es kam mir vor wie ein Meer von Blut. Ein einzelner Stern flimmerte schwach über unserem Hauptmast, aber in den Wellen schien er sich tausendfach zu spiegeln. Der einzige Fleck in dem herrlichen Bilde war der große Schweif von Rauch aus unseren Schloten, der hinter uns sich ausbreitete, und welcher sich ausnahm wie ein Riß in einem dunkelroten Vorhang. Es schien mir schwer verständlich, wie der ruhige Friede, der über der ganzen Natur lag, durch einen armseligen Sterblichen gestört werden könnte.

Schließlich, dachte ich, als ich in die blaue Tiefe unter mir starrte, wenn das Schlimmste kommen soll, ist es noch besser, hier zu sterben, als sich noch lange unter Schmerzen in einem Krankenbett an Land zu krümmen. Des Menschen Leben scheint ein armselig Ding im Vergleich zu den großen Kräften der Natur. Indes, all meine Philosophie konnte mich nicht vor einem Schauer bewahren, als ich mich umwandte und auf der anderen Seite des Verdecks zwei Umrisse gewahrte, welche ich ohne große Schwierigkeiten wieder erkannte. Sie schienen in ernster Unterhaltung begriffen zu sein, aber es war mir nicht möglich, zu hören, was sie verhandelten; so begnügte ich mich damit, auf und ab zu gehen und ihre Bewegungen aufmerksam zu beobachten.

Eine Erleichterung war es mir, als Dick an Deck kam. Selbst ein ungläubiger Eingeweihter ist besser als gar nichts.

Na, alter Junge, sagte er heiter und gab mir einen Stoß zwischen die Rippen, bis jetzt sind wir noch nicht aufgeflogen.

Nein, bis jetzt nicht, antwortete ich, aber das ist kein Beweis, daß wir es nicht noch tun werden.

Unsinn, Mensch! sagte Dick, ich kann gar nicht begreifen, wie du auf diesen absurden Gedanken verfallen bist. Ich habe mit dem einen unserer mutmaßlichen Mörder gesprochen; das scheint mir ein ganz netter Bursche zu sein, ein richtiger Sportsmann nach der Art, wie er sich ausdrückt.

Dick, sagte ich, ich bin so überzeugt, daß diese zwei Menschen eine Höllenmaschine besitzen, und daß wir mit einem Fuße schon im Grabe stehen, als wenn ich sähe, daß sie ein brennendes Streichholz an die Zündschnur hielten.

Gut, wenn dies wirklich deine Ueberzeugung ist, sagte Dick, ein wenig stutzig im Augenblick über den Ernst meiner Stimme, dann ist es deine Pflicht, den Kapitän deinen Verdacht wissen zu lassen.

Du hast recht, antwortete ich, ich will es tun. Meine lächerliche Schüchternheit hat mich bisher davon abgehalten. Ich glaube, daß unser Leben nur gerettet werden kann, wenn wir ihm die ganze Angelegenheit vorlegen.

Gut, gehe nun und tue es, erwiderte Dick, aber ich bitte dich um Himmels willen, laß mich aus dem Spiele.

Ich will mit ihm reden, sobald er von der Kommandobrücke herunterkommt, war meine Antwort; mittlerweile lasse ich sie keinesfalls aus den Augen.

Laß mich vom Ergebnis wissen, sagte mein Freund; er nickte mit dem Kopf und bummelte fort, vermutlich, um seine Tischnachbarin aufzusuchen.

Als ich allein war, fiel mir mein Zufluchtsort von heute morgen ein; ich kletterte in das Boot und legte mich darin nieder. Hier konnte ich meinen ganzen Schlachtenplan überlegen, und wenn ich den Kopf in die Höhe hob, konnte ich jederzeit meine unangenehmen Nachbarn sehen.

Eine Stunde verfloß, und der Kapitän stand noch auf der Brücke. Er war mit einem Passagier, einem pensionierten Seeoffizier, in ein Gespräch über irgend einen subtilen Gegenstand der Nautik vertieft. Von meinem Platze aus konnte ich ihre brennenden Zigarren, zwei glühende Punkte, wohl bemerken. Es war jetzt dunkel, so dunkel, daß ich kaum noch die Gestalten Flannigans und seines Gefährten unterscheiden konnte. Sie standen immer noch an demselben Punkte, an welchen sie sich nach dem Essen begeben hatten. Die meisten Passagiere waren hinuntergegangen; nur vereinzelte hielten sich noch auf dem Verdeck auf. Eine eigentümliche Stille lastete über dem Schiff. Die Rufe der Wachen und das Stampfen der Maschinen waren die einzigen Laute, die das Schweigen unterbrachen.

Eine weitere halbe Stunde verstrich. Der Kapitän stand immer noch auf der Kommandobrücke. Es schien mir, als wollte er für ewig droben bleiben. Meine Nerven waren in einem unnatürlich angespannten Zustande, so daß ich aufgeregt auffuhr, als ich das Geräusch von Schritten auf dem Verdeck hörte. Ich spähte über den Rand des Bootes und sah, daß unsere verdächtigen Passagiere von der anderen Seite herübergekommen waren und jetzt beinahe direkt unter mir standen. Ein Lichtstrahl vom Kompaßhaus fiel auf das geisterhafte Gesicht des Gauners Flannigan. Der kurze Schein gestattete mir, mich zu überzeugen, daß Müller seinen Mantel trug, dessen Zweck ich so genau kannte; er hatte ihn lose über seinen Arm geschlagen. Ich sank ächzend zurück. Ich war der festen Ueberzeugung, daß jetzt zweihundert Menschenleben meinem verhängnisvollen Zaudern zum Opfer fallen würden.

Ich hatte gelesen, welch schreckliche Rache einen Spion erwartete. Ich wußte, daß Männer, welche bereit waren, ihr Leben freiwillig aufs Spiel zu setzen, keine Hindernisse kannten. Alles, was ich tun konnte, war, ruhig im Boot liegen zu bleiben und ihre geflüsterte Unterhaltung zu belauschen.

Dieser Platz ist recht, hörte ich eine Stimme sagen.

Ja, diese Seite ist die beste.

Ich bin gespannt, ob der Drücker funktionieren wird.

Ich bin überzeugt, daß er es tut.

Wir haben ausgemacht, es um zehn Uhr loszulassen, nicht wahr?

Jawohl, Punkt zehn Uhr. Wir haben noch acht Minuten Zeit.

Dann kam eine Pause.

Hierauf begann die Stimme wieder:

Man wird den Drücker herunterklappen hören, meinst du nicht auch?

Macht nichts. Wenn es auch irgend einer hören sollte, so wird es doch zu spät sein, als daß noch jemand dazwischentreten könnte.

Das ist richtig. Die drüben auf dem Festland werden sich nicht wenig aufregen.

Allerdings! Wie lange, glaubst du, daß es braucht, bis sie von uns hören?

Die erste Nachricht wird in ungefähr vierundzwanzig Stunden einlaufen.

Das wird die meine sein.

Nein, die meinige!

Haha! Das wird sich schon entscheiden!

Wiederum eine Pause.

Dann hörte ich Müllers Stimme in geisterhaftem Geflüster: Es sind nur noch fünf Minuten.

Wie langsam mir die Zeit zu verstreichen schien! Ich hörte deutlich das laute Pochen meines Herzens.

Das wird an Land Aufsehen erregen, hörte ich eine Stimme.

Ja, es wird in den Zeitungen nicht wenig Staub aufwirbeln.

Ich erhob mein Haupt und spähte über den Rand des Bootes. Ich konnte keine Hoffnung, keine Hilfe finden. Der Tod starrte mir ins Gesicht, ob ich jetzt noch Alarm schlug oder nicht. Endlich hatte der Kapitän die Kommandobrücke verlassen. Das Verdeck war leer, abgesehen von diesen zwei schwarzen Gestalten, welche im Schatten des Bootes kauerten.

Flannigan hatte seine Uhr geöffnet auf der Hand liegen.

Noch drei Minuten, sagte er. Leg' es nieder aufs Verdeck.

Nein, ich stelle es lieber hier auf die Reling.

Es war das kleine, viereckige Kästchen. Ich konnte nach dem Geräusch urteilen, daß sie es ganz in meine Nähe, fast unmittelbar unter meinen Kopf, gestellt hatten.

Ich blickte wieder hinunter. Flannigan nahm etwas aus einem Papier, welches er in der Hand hielt. Es waren weißliche Körner, von denselben, welche er heute morgen benützt hatte. Es waren zweifellos Zünder, denn er warf einige davon in das Kästchen; ich hörte wieder jenes eigentümliche Geräusch, welches am Morgen meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte.

Noch anderthalb Minuten, sagte er. Soll ich die Schnur ziehen oder willst du es tun?

Ich will es tun, sagte Müller.

Er kniete nieder und hielt das Ende in der Hand. Flannigan stand hinter ihm mit verschränkten Armen und einer grimmigen, entschlossenen Miene.

Ich konnte es nicht mehr länger aushalten. Mein Nervensystem schien im nächsten Augenblick zusammenbrechen zu wollen.

Halt! brüllte ich und sprang auf. Halt, ihr verfluchten, ihr schändlichen Mordbuben!

Beide taumelten zurück. Ich glaube, sie hielten mich für einen Geist, als eben das Mondlicht über mein bleiches Gesicht fiel.

Jetzt hatte ich Mut. Ich war zu weit gegangen, als daß ich noch hätte zurück können.

Kain wurde verdammt, schrie ich, und er tötete nur einen; wollt ihr den Tod von zweihundert Menschen auf dem Gewissen haben?

Der Kerl ist verrückt, sagte Flannigan. Fertig, los, Müller!

Ich sprang auf das Verdeck hinab.

Ihr dürft es nicht tun! rief ich.

Was berechtigt Sie, uns daran zu hindern?

Jedes Recht, menschliches wie göttliches!

Geht uns nichts an. Packen Sie sich.

Niemals! rief ich.

Zum Henker mit dem Burschen! Es ist zu viel auf dem Spiele, als daß wir noch lange Umstände machen könnten. Ich will ihn halten, Müller, während du die Geschichte losläßt.

Im nächsten Augenblick war ich von den Armen des herkulischen Iren umfaßt. Widerstand war nutzlos, ich war hilflos wie ein Kind in seiner Gewalt.

Er schleppte mich auf die Seite und hielt mich hier fest.

Jetzt rasch! sagte er. Er kann uns nicht mehr hindern!

Ich fühlte, daß mein letztes Stündchen geschlagen hatte. Halb erdrückt von den Armen des riesenhaften Gauners, sah ich den andern, wie er dem verhängnisvollen Kästchen näher kam. Er beugte sich darüber und faßte die Schnur. Ich stieß ein Gebet hervor, als ich sah, wie er sie anzog. Es erfolgte ein scharfes Schnappen, ein eigentümliches Raspeln. Der Drücker war in das Kästchen geschnappt, eine Seite des Kästchens flog auf und heraus – flatterten zwei graue Brieftauben!

*

Ich brauche nicht mehr viel zu berichten. Es ist nicht ein Stoff, über welchen ich mich noch länger aufhalten möchte. Diese ganze Geschichte ist zu lächerlich und zu toll. Das beste, was ich tun kann, ist vielleicht noch, mit Würde vom Schauplatz abzutreten und dem Sportkorrespondenten des »New York Herald« das Wort zu überlassen. Hier ist ein Ausschnitt aus einer Nummer dieses Blattes, welche kurz nach unserer Abfahrt von Amerika erschien.

»Außergewöhnlicher Brieftaubenflug. Ein neuer Match ist neuerdings zum Austrag gebracht worden zwischen den Tauben des Herrn John H. Flannigan von Boston und Jeremias Müller, einem sehr bekannten Sportsfreund aus Ashport. Beide hatten viel Zeit und Mühe auf eine hervorragende Brut verwendet; die Herausforderung zum Match war schon lange erfolgt. Es wurden hohe Beträge auf die Tauben gesetzt, weshalb der Austrag in weiten Kreisen großes Interesse in Anspruch nimmt. Der Start geschah an Bord des Ueberseedampfers »Sparta«, um zehn Uhr abends am Tage der Abfahrt des Schiffes, als dasselbe nach den angestellten Berechnungen etwa hundert Meilen vom Lande entfernt war. Die Taube, welche als erste zurückkehren würde, sollte als Siegerin betrachtet werden. Es mußten umfassende Vorsichtsmaßregeln getroffen werden, wie wir erfahren, da die englischen Kapitäne ein Vorurteil gegen die Benützung ihrer Schiffe zu Sportzwecken hegen. Müllers Taube kam im Zustande äußerster Erschöpfung am folgenden Nachmittage in Ashport an, während man über die Flannigans bis jetzt nichts in Erfahrung bringen konnte. Diejenigen, welche auf diese Taube gesetzt haben, können indes voll und ganz überzeugt sein, daß die ganze Angelegenheit sich in vollster Ordnung abgewickelt hat: die Tiere waren in einer sinnreichen neuerfundenen Falle verpackt, welche eine etwaige Beschädigung ihrer Schwingen vollständig unmöglich machte; eine Oeffnung in dem Apparate gestattete ihre Fütterung; schließlich konnten beide Tauben nur gleichzeitig losgelassen werden.

Einige solcher Wettflüge würden viel dazu beitragen, dem Brieftaubensport in Amerika zu dem ihm gebührenden Ansehen zu verhelfen und würden eine angenehme Abwechselung für die krankhaften Ausartungen menschlicher Betätigung bringen, welche in den letzten Jahren auf so erschreckliche Abwege geraten ist.«

 


 

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