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Mein Freund der Mörder

Arthur Conan Doyle: Mein Freund der Mörder - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
authorArthur Conan Doyle
titleMein Freund der Mörder
publisherVerlag von Robert Lutz
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
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Wie Braxton die Buschklepper fing.

Bradhursts Laden war geschlossen; in der kleinen Hinterstube sah es diese Nacht sehr behaglich aus. Das Feuer warf einen rötlichen Schein auf Decke und Wände, welcher sich heiter an den Pulverhörnern und Gewehren spiegelte, die ringsum aufgehängt waren. Doch auf den beiden Männern, die am kleinen Ofen saßen, lastete ein Schatten, den weder das Feuer noch die schwarze Flasche auf dem Tische zu verscheuchen imstande waren.

Zwölf Uhr, sagte der alte Tom, dem der Laden gehörte, als er einen Blick auf die hölzerne Standuhr warf, die er anno zweiundvierzig von England mit herübergebracht hatte, 's ist eine eigene Geschichte, Georg, daß sie noch nicht da sind.

's ist eine scheußliche Nacht, erwiderte sein Genosse und stopfte sich seine Pfeife von neuem. Möglicherweise ist der Mawirra überschwemmt, oder ihre Pferde sind zu müde; oder sie haben sie losgeschlagen, am End'. Herrgott, wie 's draußen donnert! Gib mir eine Kohle 'rüber, Tom.

Er gab sich Mühe, in gleichgültigem Tone zu reden, aber es war doch ein schmerzliches Zittern in seiner Stimme, das seinem Gefährten nicht entging. Dieser warf unter seinen buschigen Augenbrauen einen besorgten Blick auf ihn.

Meinst du, es ist alles in Ordnung, Georg? fragte er nach einer Pause.

Wie, alles in Ordnung?

Nun, ich meine, daß die Burschen in Sicherheit seien.

In Sicherheit! Natürlich sind sie in Sicherheit. Wer zum Teufel sollte ihnen denn 'was antun?

O niemand, nichts, sicherlich, sagte der alte Tom. Weißt du, Georg, seit mein Weib gestorben ist, ist mir Moritz alles gewesen; und das macht mich allzu ängstlich. Vor einer Woche sind sie von den Minen weggeritten, und ich dachte nur, sie könnten jetzt hier sein. Aber ich denke, 's ist nichts Besonderes daran, denk' ich. Absolut nichts. Es war nur so 'ne dumme Idee.

Wer sollte ihnen etwas antun? wiederholte Georg Hutton, in der Absicht, eher sich als seinen Gefährten zu beruhigen. Von den Goldfeldern bis Nathurst ist die Straße eben, dann geht's durch die Hügel hinter Bluemansdyke, und dann durch die Furt des Wawirra, und dann den Buschpfad nach Trafalgar. 's ist nichts Schlimmes dabei, gar nichts, oder? Mein Sohn Allan ist mir so lieb als Moritz es dir sein kann, fuhr er fort; aber sie kennen ja die Furt ganz gut, und dies ist die einzige schlimme Stelle. Bis morgen abend sind sie da, bestimmt.

Wollte Gott, es wäre so! sagte Bradhurst; die zwei Männer versanken wiederum für einige Zeit in Schweigen, das nur vom Knistern des Holzes im Feuer unterbrochen wurde. Nachdenklich und verdrießlich rauchten sie ihre kurzen Tonpfeifen.

In der Tat war es, wie Hutton gesagt hatte, eine scheußliche Nacht. Der Sturm kam heulend durch die Schluchten der Berge im Westen heruntergefegt und pfiff und stöhnte in den Straßen Trafalgars, blies durch die Fugen der rohen Holzhütten und zerrte an den ärmlichen Schindeln, aus denen die Dächer bestanden. Die Straßen waren verlassen, nur da und dort trat einer verspätet aus einem Wirtshaus, hüllte sich fest in seinen Mantel und schwankte durch Sturm und Regen heimwärts.

Bradhurst, welchem offenbar am übelsten zu Mute war, brach zuerst wieder das Schweigen.

Sag, Georg, fragte er, was ist aus Josua Mapleton geworden?

Er ging zu den Goldgräbern.

Ja, ja; aber er sandte doch eine Nachricht, er komme zurück.

Er kam aber nimmer.

Und was ist aus Jos Humphrey geworden? fuhr er nach einer Pause fort.

Er ging auch auf die Goldfelder. Allerdings; kam er wieder zurück?

Laß das, Bradhurst; laß das, sag' ich dir, entgegnete Hutton, indem er aufsprang und in dem engen Stübchen mit großen Schritten auf und ab zu gehen begann. Du willst mir angst machen! Du weißt doch, daß diese Männer jedenfalls landaufwärts gegangen sind, um Gold zu graben oder eine Farm zu bauen, vielleicht. Was geht das uns an, wo sie hingegangen sind? Du wirst doch nicht glauben, daß ich ein Verzeichnis über sämtliche Bewohner der Kolonie führe, wie der Inspektor Burton über die Deportierten . . .

Setz dich, Georg, und horche, sagte der alte Tom. Mit dieser Straße ist irgend etwas los, irgend etwas, was ich nicht verstehe und was mir nicht gefällt. Vielleicht erinnerst du dich, wie Maloney, der Schurke mit dem einen Auge, sein Geld verdiente in der ersten Zeit der Goldfunde. Er hatte an der Hauptstraße auf halbem Wege eine Schenke, an einem Abhange, dort wo die Lena von den Bergen herunterströmt. Du hast gehört, Georg, wie man eine Art Rutschbahn entdeckte, die von seinem Hinterstübchen aus in den Strom hinunterführte; und wie es herauskam, daß er einem Mann nach dem andern einen Trank zusammenbraute und ihn dann, wie ein Paket Waren, in die Ewigkeit hinunter beförderte. Man wird nie erfahren, wie viele er auf diese Weise auf die Seite geschafft hat. Von all diesen Leuten nahm man an, daß sie weitergezogen waren, um Gold zu suchen oder Farmen zu bauen und dergleichen, bis man ihre Leichen aus dem Strom herausgefischt hat. Es hat keinen Sinn, um den Brei herum zu laufen, Georg; falls die Burschen nicht bis morgen abend zurück sind, reiten wir mit der Polizei zu den Goldfeldern.

Wie du meinst, Tom, erwiderte Hutton.

Uebrigens, weil wir gerade von Maloney reden – 's ist doch eigentümlich, sagte Bradhurst, daß Jack Haldane darauf schwört, einen Mann gesehen zu haben, der Maloney aufs Haar gleicht, wenn man ihm die zehn Jahre zurechnet, seit man ihn zuletzt gesehen. Es war am Montag morgen, im Busch. Zufall, nehm' ich an; doch ist es schwer zu glauben, daß es auf der Welt noch ein zweites Galgengesicht geben soll, wie er eines hat.

Jack Haldane ist ein Narr, brummte Hutton und schloß die Haustüre auf. Er blickte sorgenvoll in die Dunkelheit hinaus, während der Wind in seinem langen, grauen Bart wühlte und aus seiner Pfeife einen langen Schweif von glühenden Tabakkrumen die Straße hinunterjagte.

Eine fürchterliche Nacht, murmelte er, als er an seinen Platz am Feuer zurückkehrte.

Ja, eine wilde, stürmische Nacht war es, eine Nacht für Raubtiere, die das Licht des Tages scheuen, die richtige Nacht für die sieben Männer, welche im Gießbachbett von Bluemansdyke im Hinterhalte lagen, Revolver in den Händen und teuflische Absichten in der Brust.

*

Nach der stürmischen Nacht ging die Sonne auf. Ein dicker, schwerer Dampf entstieg dem gesättigten Boden und hing wie ein Leichentuch über der blühenden kleinen Stadt Trafalgar. Ein bläulicher Nebel lag über dem weiten Buschlande ringsum, aus dem die Berge im Westen wie große Inseln aus einem Nebelmeer hervorragten.

Irgend etwas war in der Stadt los, nichts Gutes. Der oberflächlichste Beobachter hätte dies bemerken können. Man sah Leute rufend vorübereilen. Türen wurden zugeschmettert und Läden aufgerissen. Ein Polizeisoldat ritt im vollen Galopp, den Karabiner vor sich über den Sattel gelegt, durch die Hauptstraße. Die Zeit war schon vorüber, um welche man in Joe Buchans Sägmühle gewöhnlich zu arbeiten anfing, aber das große Rad bewegte sich nicht, weil die Arbeiter nicht erschienen waren. Vor des alten Tom Bradhursts Haus war eine heftig disputierende Volksmenge angesammelt. Was ist denn los? fragten die Neuangekommenen, atemlos, gespannt. »Bradhurst hat seinen Teilhaber erschossen.« »Er hat sich selbst den Hals abgeschnitten.« »Er hat im Lehmboden seiner Küche eine Goldader entdeckt.« »Nein, 's ist sein Sohn Moritz, der reich zurückgekehrt ist.« »Der ist ja gar nicht wieder heimgekehrt.« »Sein Roß ist ohne ihn zurückgekehrt.« Zum Schluß war der Tatbestand herausgekommen; da stand das alte braune Pferd, von dem man sprach, und wieherte und rieb seinen Hals an der altbekannten Stalltüre, als ob es um Einlaß bitten wollte; neben ihm standen zwei hagere, graue, alte Männer, die es am Zügel hielten und aufmerksam das dampfende Tier betrachteten.

Herrgott im Himmel! rief der alte Tom Bradhurst, 's ist gekommen, wie ich gefürchtet habe.

Nur Mut, Freund, sagte Hutton, indem er seinen groben Strohhut tief ins Gesicht zog; es ist doch noch Hoffnung vorhanden.

Ein beifälliges, ermutigendes Gemurmel lief durch die Volksmenge.

Das Roß ist durchgebrannt, offenbar.

Oder ist es gestohlen worden.

Oder ist er durch den Mawirra geritten und der Strom hat ihn mitgerissen, meinte einer geschäftsmäßig.

Jedenfalls ist das Roß nirgends verletzt, bemerkte ein anderer, der mehr Hoffnung hatte.

Oder war der Reiter betrunken, kann gut sein, sagte ein vierschrötiger alter Schafhirt. Ich erinnere mich wohl noch, fuhr er fort, wie ich um die Zeit selber in die Stadt kam, den Kopf auf dem Halfter, mit dem Gedanken, ich sei ein sechsläufiger Revolver – so schwer betrunken war ich.

Moritz hat einen guten Sitz; der läßt sich nicht so leicht vom Wasser mitreißen.

Nein, der nicht.

Das Pferd hat vorne einen kräftigen Striemen, bemerkte ein anderer, der ein besserer Beobachter als die übrigen war.

Vielleicht ein Peitschenhieb.

Das muß ein verteufelt kräftiger Schlag gewesen sein!

Wo ist der Chicago Bill? rief einer; der würde es sicher wissen!

Auf diese Worte drängte sich eine merkwürdige, große Gestalt durch die Menge vor. Es war ein außerordentlich hochgewachsener, kräftiger Mann, der das rote Hemd und die langen Rohrstiefel des Goldgräbers trug. Sein offenes Hemd ließ einen sehnigen Nacken und eine breite Brust erkennen. Er wies manche Narbe im Gesichte auf, aber trotz seines grauenhaften Aeußeren lag doch eine gewisse Würde in seinem Auftreten. Es war ein alter Goldjäger, der richtige alte kalifornische Neunundvierziger, der jene Felder mit Abscheu verlassen hatte, als die mit gewichtigen Maschinen versehenen Gesellschaften zur Ausbeutung derselben erschienen und den Einzelunternehmen ein Ende machten. Aber der rote Ton mit den kleinen glitzernden Metallpünktchen hatte ihn dermaßen in seinen Bann geschlagen, daß er auf seiner Suche darnach die halbe Erde durchmessen hatte.

Da ist der Chicago Bill, rief er, was ist los?

Bill genoß das Ansehen eines Orakels, wegen seiner Tapferkeit und vielen Erfahrungen. Jedermann blickte auf ihn, als ein junger irischer Gendarmeriewachtmeister namens Braxton ihn fragte: was, glaubst du, ist mit dem Pferd da passiert, Bill?

Der Yankee hatte es mit einer Antwort keineswegs eilig. Er sah sich das Tier einige Zeit mit seinen verschmitzten kleinen, grauen Augen an. Er faßte und untersuchte die Zügel, fuhr mit der Hand durch die Mähne, besah die Hufe und Schenkel. Sein Auge blieb an dem bereits erwähnten blauen Striemen hängen. Dies schien ihn auf eine Fährte zu führen: er ließ einen gedehnten, leisen Pfiff hören und machte sich sofort daran, das Fell auf beiden Seiten des Sattels zu untersuchen. Offenbar entdeckte er etwas, das einen Schluß zuließ, denn mit einem Seitenblick auf die zwei alten Männer neben ihm drehte er sich um und trat wieder unter die Menge zurück.

Nun, was haltet Ihr davon? riefen ein Dutzend ungeduldige Stimmen.

Ein Geschäft für Euch, sagte Bill, zum irischen Gendarm gewandt.

Na, wie steht's? Was ist aus dem jungen Bradhurst geworden?

Er hat getan, was Bessere vor ihm nicht lassen konnten. Er hat nach Gold gesucht und hat sich sein Grab geschaufelt.

Sagt's jetzt, Mensch! Was habt Ihr gesehen? schrie eine bebende Stimme auf.

Ich hab' auf des Pferdes Rücken die Spur einer Buschklepperkugel und am Sattelknopf einen Tropfen von des Reiters Blut gefunden – halt! Stützt den Alten, Jungens; laßt ihn nicht fallen! Gebt ihm ein Glas Branntwein und führt ihn hinein! Hört mal, fuhr er leise zum Wachtmeister gewandt fort, den er am Arm packte, denkt dran, ich mach' mit. Ich hasse das Gesindel wie den Tod. Wir wollen's machen, wie in Nevada drüben: das Eisen schmieden, so lange es heiß ist. Trommelt soviel Leute zusammen als Ihr könnt. Ich nehm' an, Ihr kommt mit.

Selbstverständlich komm ich mit! erwiderte Braxton mit einem ruhigen Lächeln.

Der Amerikaner sah ihn wohlgefällig an. Er hatte auf seinen Wanderungen die Beobachtung gemacht, daß ein Irländer, der äußerlich ruhig wird, wenn sein Inneres aufgeregt ist, eine recht gefährliche Art von Mensch ist.

Ein guter Kerl, murmelte er; und die beiden, gefolgt von einem halben Dutzend der entschlossensten Männer aus der Menge, eilten die Straße zum Gendarmerieposten hinab.

Zum vollen Verständnis unserer Erzählung, oder richtiger Chronik, – denn jedes Wort daran ist den Tatsachen entsprechend – sei hier eingeflochten, daß die Gendarmerietruppen in den englischen Kolonien vor fünfzehn oder zwanzig Jahren von den heutigen sich in den meisten Stücken unterschieden. Dies kommt daher, daß damals so ziemlich alles, was zu wild veranlagt war, ohne schlecht zu sein, was Unternehmungsgeist, aber nicht das nötige Kleingeld besaß, ferner jüngere Söhne von Adeligen u. s. f. nach Australien gingen, mit dem Gedanken, dort ihr Glück zu machen. Ihr Geld war in Melbourne bald zu Ende, für ein Geschäft waren sie meist nicht tauglich, und so gingen sie unfehlbar zu der berittenen Gendarmerie. So kam es, daß Gemeine sowohl wie Offiziere sich, was Bildung und Familienstolz anbelangt, in nichts unterschieden. Es waren Leute, welche die Geschicke eines Reichs zu bestimmen die Kraft gehabt hätten und nun hier ihr Leben in einsamen Kämpfen mit Eingeborenen und Buschkleppern aufs Spiel setzten. Doch zurück zu unserem Berichte.

Prachtvoller Sonnenuntergang. Der ganze westliche Himmel war in Flammen getaucht; in purpurnen Tinten lag das Gebirge da, und ein letzter Sonnenstrahl vergoldete die höchsten Wipfel des finsteren Waldes, der sich zwischen Trafalgar und dem Mawirraflusse ausdehnt, in ungebrochener Wildnis; nur der rohe Weg, der von den Goldgräbern gebahnt wurde, erzählt von des Menschen Gegenwart. Er windet sich um die Riesenstämme im Zickzack durch den Wald und macht da und dort einen weiten Bogen, um ein sumpfiges Stück Land oder eine besonders dicht bewachsene Strecke zu umgehen. Oft ist er nur durch zerstreute Hufeindrücke, gelegentlich durch eine Wagenspur von seiner Umgebung zu unterscheiden.

Ungefähr fünfzehn Meilen von Trafalgar erhebt sich ein kleiner, wohlversteckter Hügel, von dem man einen Ausblick auf die »Straße« hat. Dort lag an jenem Freitag abend ein Mann, als die Sonne unterging. Er wollte offenbar nicht beobachtet sein, da er auf der Seite lag, wo das Laub am dichtesten war; doch schien er sich entschieden sicher zu fühlen, wie er, die Pfeife zwischen den Zähnen, auf dem Rücken lag; ein breitkrempiger Hut bedeckte sein Gesicht zur Hälfte, ein Gesicht übrigens, das wohl bedeckt sein mußte, um das Friedliche an dieser Szene nicht zu zerstören. Der Mann hatte eine breite, niedere Stirn; das eine Auge war ihm offenbar ausgestochen worden, und an seiner Stelle gähnte eine leere Höhlung; das andere lag tief eingesunken und hatte einen grausamen, rachsüchtigen Ausdruck. Härte und Roheit sprach aus seinem Munde; ein ungepflegter Bart bedeckte sein Kinn. Es war ein Gesicht, das uns in einer einsamen Straße bewogen haben würde, den Stock instinktiv umzudrehen – kurz, das Gesicht eines vollendeten, skrupellosen Gauners.

Ein unangenehmer Gedanke schien ihm durch den Kopf zu fahren: er stand mit einem Fluch auf und klopfte die Asche aus seiner Pfeife. Eine verteufelt hübsche Lage, brummte er, daß ich so auf Wacht liegen muß! Barretts Fehler war es, daß das Geschäft sich nicht sauber und glatt abgewickelt hat, und jetzt soll ich das Sumpffieber kriegen! Hätt' er den Gaul erschossen, wie ich den Mann, so brauchten wir uns nicht auf der Seite des Mawirra herumzutreiben. Er war doch immer ein armseliger Waschlappen! Na, fuhr er fort und ergriff die Flinte, die hinter ihm im Grase lag, jetzt brauch' ich nimmer länger zu warten; bei Nacht würden sie ja doch nicht herkommen. Vielleicht ist der Gaul gar nicht nach Hause, vielleicht dachten sie, der Kerl sei ertrunken; auf jeden Fall muß morgen ein anderer daran glauben; ich warte jetzt noch fünf Minuten und dann reit' ich los . . . Er setzte sich auf einen Baumstrunk und brummte eine Melodie vor sich hin.

Plötzlich sprang er auf und warf sich zu Boden, wo er aufmerksam horchte. Für ein gewöhnliches Ohr war alles ruhig wie vorher, ein Insekt flog summend vorüber, ein Vogel sang; aber der Buschklepper stand mit befriedigter Miene wieder auf. Leb' wohl, Bluemansdyke, sagte er, ich glaube, der Boden wird dort für einige Zeit zu heiß für uns sein. Das verfluchte Rindvieh! Hat uns der Kerl erst unseren schönsten Schlupfwinkel verteufelt und in dem schäbigen Handel auch noch unser Leben aufs Spiel gesetzt. Ich will doch sehen, wie viele es sind, und wer dabei ist, fuhr er fort. Er suchte sich ein Plätzchen, wo ihn ein rohes Dickicht wie ein Schirm verbarg, kauerte daselbst nieder und lag da wie eine Giftschlange, um nur von Zeit zu Zeit den Kopf zu erheben und zwischen dem Laub auf den rötlichen Streifen, die Straße nach Trafalgar, hinabzuspähen.

Jetzt war das Herannahen einer Abteilung Reiter außer Zweifel. Unser Freund, wohlgeborgen unter seinem Schutzdache, hörte Stimmen und Hufgeklapper deutlich an sein Ohr schlagen: einen Augenblick später erschien ein Trupp Reiter auf der Straße. Er bestand aus elf bis an die Zähne bewaffneten Männern. Zwei ritten, die Büchse quer über dem Sattel, voraus; sie untersuchten sorgfältig jeden Busch, der einen Feind hätte bergen können. Die Hauptmasse ritt etwa fünfzig Meter hinter ihnen, während zwei einzelne Reiter die Nachhut bildeten. Der Gauner beobachtete sie scharf, als sie vorbeiritten. Er schien die meisten zu erkennen. Einige waren seine natürlichen Feinde, Gendarmen; die Mehrzahl bestand aus Goldgräbern, die freiwillig mitgezogen waren, um das Uebel zu bekämpfen, welches ihre Interessen so nahe berührte. Es war eine prächtige, wettergehärtete Schar, auf deren entschlossenen Gesichtern zu lesen war, daß sie sich etwas vorgenommen hatten, und daß sie dies auch auszuführen gewillt waren. Als der letzte vorbeiritt, fluchte der einsame Beobachter in seinen roten Bart: Diese verfluchte Fratze kenne ich: Bill Hanker ist's, der anno 53 dem langen Nat Smeaton in Silvercity eins zwischen die Rippen brannte; was zum Teufel bringt ihn hieher? Ich muß jetzt zurück und den Jungens berichten, was ich gesehen habe!

Er ergriff sein Gewehr, warf noch einen finsteren Blick auf die in der Ferne sich verlierende Schar, bückte sich und schlüpfte rasch und lautlos in den Busch, wo er am dichtesten war.

*

Die Expedition war am selben Tage von Trafalgar abgeritten, an welchem des jungen Bradhursts Roß schaumbefleckt und geängstigt zum alten Stall heimgaloppiert war. Der Inspektor Burton, ein energischer und gewandter Mann, führte das Kommando. Er hatte Braxton, den jungen Iren, und einen anderen Gendarmen, namens Thompson, als Vorhut vorausgesandt. Er selbst war von hagerer Gestalt und trug einen grauen Vollbart; er ritt noch so aufrecht wie im Jahre neununddreißig, als wir zusammen eine Hütte an einem Platze bauten, der jetzt zur Burkestraße in Melbourne gehört. Die Hauptmacht bestand aus mehreren Gendarmen, einem Schafhirten und einigen Goldgräbern; Chicago Bill bildete mit einem anderen die Nachhut, und so hatte die ganze Abteilung ein Aussehen, das zwar weit entfernt von dem, was man mit »militärisch« bezeichnen könnte, aber immerhin entschieden kriegerisch war.

Sie lagerten sich diese Nacht siebenzehn Meilen von Trafalgar entfernt; am nächsten Tage rückten sie bis zu dem Punkte vor, wo sich die Straße mit der nach Stirling kreuzt. Am dritten Morgen erreichten sie das Ufer des Mawirra, den sie überschritten. Hier wurde Kriegsrat gehalten, da sie, nach ihrer Ansicht wenigstens, nunmehr Feindesland betraten. Auf dem Buschpfade bis hieher waren sie mehrmals Schafherden und Reitern begegnet: diese Gegend schien demnach als Unterschlupf für verzweifelte Buschklepper wenig geeignet. Aber über dem Mawirra drüben ragten die fast unzugänglichen Tapuberge in die Wolken: durch ein ins Gebirge eingeschnittenes wildes Tal führte der Goldgräberpfad hinauf nach Bluemansdyke. Alle waren einig darüber, daß der Feind sich hier verbarg. Die Frage war, welchen Weg man einschlagen wollte, um den Mördern beizukommen; denn daß ein Mord geschehen war, daran zweifelte keiner mehr.

Ueber den Schlachtenplan im allgemeinen waren alle einer Ansicht: die Mörder geradenwegs zu überfallen, so viele als möglich sogleich zu erschießen und den Rest nach Trafalgar zu führen, um sie dort zu hängen. Das war der Hauptplan. Aber wie man sie finden sollte, dieser Punkt wurde nach allen Seiten hin erörtert. Die Gendarmen wollten einfach zureiten und sich auf ihr gutes Glück verlassen, um die Gauner abzufangen. Die Goldgräber meinten, man solle eher einen benachbarten Gipfel ersteigen und von dort aus die Gegend überblicken; vielleicht würde man einen Anhaltspunkt über ihr Verbleiben finden. Chicago Bill, der weniger optimistische Ansichten hegte, meinte: Die haben sich längst aus dem Staub gemacht. Die haben gewußt, daß der Gaul heimging, und bombensicher haben sie eine Wache an der Straße gehabt, um sie zu warnen. Ich mein', Jungens, wir reiten am besten zu und tun, was wir können. Nach einer kleinen Diskussion wurde Chicagos Vorschlag angenommen, und alle zusammen ritten weiter.

Immer großartiger und wilder wurde die Gegend. Berge von tausend und mehr Metern Höhe ragten steil auf beiden Seiten des engen Pfades gen Himmel. Der Sturmwind und Platzregen der letzten Tage hatte viel Geröll und Felsblöcke zu Tale gebracht, so daß der Weg an vielen Stellen fast unpassierbar geworden war. Verschiedene Male mußten sie absteigen und ihre Pferde am Zügel führen. Wir haben nicht mehr weit, Jungens, bemerkte der Inspektor, und deutete auf eine große finstere Felsschlucht, die vor ihnen zwischen zwei senkrechten Felswänden klaffte: Hier sind sie, oder nirgends! Als sie etwas höher waren, wurde der Weg besser, und sie kamen schneller vorwärts. Sie öffneten ihre Pistolentaschen und nahmen die Gewehre vom Rücken: vor ihnen lag die große Felsschlucht von Bluemansdyke, der wildeste Teil der Tapuberge. Nichts war zu sehen; es herrschte Grabesstille. In einer kleinen Einsenkung wurden die Pferde zurückgelassen; die ganze Abteilung stieg, jedes unnötige Geräusch vermeidend, zu Fuß weiter. Die Sonne schien heiß und hell auf den engen Schlangenweg, der von großen gelben Gesteinsbrocken und Farnbüschen eingefaßt war. Immer noch kein Lebenszeichen! Dann hörte man einen leisen, aber deutlichen Pfiff von einem der zwei Gendarmen, die vorausgingen: offenbar hatten sie etwas entdeckt, und der ganze Trupp stürmte ihnen nach. Es war die richtige Szenerie für Bluttaten. Auf der einen Seite des Weges gähnte ein schwarzer Abgrund, auf der anderen öffnete sich die düstere Schlucht. Hier machte die Straße eine scharfe Wendung. Gerade bei dieser war der Boden frisch verstampft, als ob ein Kampf stattgefunden hätte. Zweifellos waren sie an der Stelle, wo die zwei jungen Goldgräber ermordet worden waren. In dem weichen Tone war noch der Eindruck eines Pferdekörpers zu sehen und die Eindrücke seiner Hufe, die es gemacht hatte, als es im Todeskampfe wild um sich schlug. Hinter einem der Felsen waren Fußspuren zu sehen; eine leere Revolverpatrone lag in einem Farnbusche. Die ganze Tragödie war klar daraus zu lesen: die zwei jungen Männer, unvorsichtig im Bewußtsein ihrer Jugendkraft, waren um die Biegung geritten: zwei Schüsse krachten, zwei Todesschreie, ein brutales Lachen, die Hufschläge eines davongaloppierenden Pferdes, und alles war vorüber.

Was sollte man jetzt tun? Nirgends ringsum fand man frische Spuren. Sechs Tage waren seither vergangen, das Nest war leer. Endlich fand der Amerikaner, der Fährten folgen konnte wie ein Bluthund, einige Spuren, die zu einem rohen Felshaufen nördlich von der Schlucht führten. In einer Spalte fand man die Ueberreste von drei Pferden. Nahe dabei sah die Krempe eines alten Strohhutes aus dem weichen Lehme hervor. Der Schafhirt Hartley wollte ihn herausziehen; er fuhr zurück, indem er seinem Freunde Murphy zuflüsterte: Es liegt ein Kopf darunter! Ein paar Spatenstiche und alle erkannten die Züge des »krummen Johnny«, eines armen reisenden Photographen, der in der ganzen Kolonie bekannt und seit einiger Zeit verschwunden war. Der Leichnam war schon halb verwest. Neben ihm lag ein anderer und noch einer. Im Ganzen lagen dreizehn Opfer dieser Räuber hier im weichen Lehme . . .

Hier, vor diesen traurigen Ueberresten, legten die Männer das Gelübde ab, auf alle eigenen Interessen und auf alle Bequemlichkeit für einen Monat Verzicht zu leisten, um die armen Burschen zu rächen, die hier abgeschlachtet und gleich Hunden verscharrt worden waren. Der Inspektor entblößte sein graues Haupt, als er den feierlichen Schwur tat, und seine Kameraden folgten dem Beispiele. Dann wurden die Leichen mit einem kurzen Gebet in ein tieferes Grab versenkt, ein einfacher Steinhaufen wurde darüber aufgerichtet, und die elf Männer machten sich auf, ihren Racheschwur auszuführen.

*

Drei Wochen waren verstrichen, drei Wochen und zwei Tage. Die Sonne warf ihre letzten Strahlen über das große Stück Buschland, das sich, unbekannt und unerforscht, am östlichen Abhange der Tapuberge erstreckt. Außer einzelnen kühnen Abenteurern hatte sich nie jemand in diese trostlose Gegend gewagt; an diesem Herbstabend jedoch standen zwei Männer in einer kleinen Lichtung mitten im Busch. Sie koppelten eben ihre Pferde an und bereiteten offenbar ihr Nachtlager vor. Die beiden waren mager geworden und sahen heruntergekommen und zerlumpt aus. Es war der junge irische Gendarm und Chicago Bill, der Amerikaner.

Die Abteilung hatte zusammen die Bergschluchten, jedes Tal, jede Einsenkung durchsucht und hatte sich schließlich in kleinere Banden aufgelöst. Sie hatten einen Platz ausgemacht, wo sie sich an einem bestimmten Tag wieder treffen wollten, und durcheilten die ganze Gegend, um eine Spur von den Mördern zu entdecken. Foley und Anson waren in den Bergen zurückgeblieben, Murdoch und Murphy suchten das Land gegen Nathurst zu ab, Summerville und der Inspektor verfolgten den Lauf des Mawirra aufwärts, während die übrigen in drei Abteilungen das östliche Buschland durchzogen.

Der Gendarm wie der Goldgräber schienen müde und enttäuscht zu sein. Der eine hatte sich Hoffnungen auf Ruhm und die vielbegehrten Streifen gemacht, die ihn über seine Kameraden erheben würden; der andere war nur einem rohen, wilden Gerechtigkeits- und Vergeltungsgefühl gefolgt. Beide warfen sich schwerfällig zu Boden. Sie brauchten kein Feuer anzuzünden: einige alte Brotkrusten und ein wenig roher Schinken bildeten ihren ganzen Proviant. Braxton holte ihn aus den Satteltaschen und gab seinem Kameraden eine Portion davon. Ohne ein Wort zu sagen, verzehrten sie ihr einfaches Mahl. Endlich brach Braxton das Schweigen.

Wir spielen unseren letzten Trumpf aus, sagte er.

Und verflucht ärmlich ist der, erwiderte der andere.

Na, Kamerad, fuhr er fort, wenn das verteufelte Gezücht uns jetzt in den Weg läuft, glaubt Ihr nicht, wir brennen am besten durch und auf nach Trafalgar?

Braxton lächelte. Chicagos unerschrockener Mut war zu sehr in der ganzen Kolonie bekannt, als daß er die Worte hätte ernst nehmen können.

Am besten wäre es, sagte er, wir sähen uns um, bevor es dunkel wird; er stand auf, lehnte seine Flinte an den Stamm eines blauen Gummibaums und schwang sich mit Hilfe einiger herabhängender Aeste ins Gezweig.

Seine Seele ist zu groß für seinen Körper, murmelte der Amerikaner, als er die dunkle, geschmeidige Gestalt des kleinen Irländers rasch in die Höhe klettern sah.

Was siehst du, Jack? rief er, als der Gendarm den obersten Zweig erklommen hatte und die Gegend ringsum betrachtete.

Bst, bst, stille, sagte eine leise Stimme in den Blättern droben; wart' doch ein wenig; im Nordosten, so um drei Meilen von hier, ist so eine Art Hügel. Doch, fuhr sie nach einer Pause fort, 's ist dort nichts für uns zu holen; es ist ein kahler, felsiger Platz.

Chicago ging unten auf und ab.

Der bleibt auch eine Ewigkeit droben, murmelte er, als bereits zehn Minuten verstrichen waren. Ah, da kommt er ja!

Der Gendarm landete direkt vor ihm auf dem Boden.

Na, was hast du denn? Was zum Henker ist denn los, Jack?

Irgend etwas war los. Das war augenscheinlich. Braxtons bleiche Wangen waren gerötet, und seine blauen Augen blitzten.

Bill, sagte er und legte seine Hand auf des Kameraden Schulter, 's ist Zeit, daß du durchbrennst.

Wie? Was meinst du?

Was ich meine, ist, daß die Mörder keine Stunde weit von uns weg sind, und daß ich auf sie los will. Ich sah den Rauch auf der Spitze jenes Hügels, und der Rauch war kein ehrlicher, kein anständiger: Rauch von trockenem Holz, weißt du, der nicht ruchbar werden soll! Ich dachte erst, es sei Nebel, aber nein, es war Rauch. Ich kann's beschwören. Das können nur sie sein: wer sonst würde auf einem solchen Hügel übernachten? Wir haben sie, Bill; wir haben sie so sicher als etwas!

Oder haben sie uns, brummte der Amerikaner. Doch nimm da mein Glas; klettre rasch hinauf und lug nach ihnen aus!

Es ist zu dunkel jetzt, sagte Braxton, wir wollen uns ruhig niederlegen. Die stören wir nicht! Die bleiben dort liegen, bis über die ganze Geschichte Gras gewachsen ist, verlaß dich darauf; morgen früh nehmen wir sie fest!

Der Goldgräber sah kläglich an dem Baum hinauf und betrachtete dann seine plumpen, klotzigen Glieder.

Ich denk', ich muß dir glauben, brummte er; du bist ja Buschmann genug, um Rauch von Nebel und Rauch von trockenem Holze von dem von nassem zu unterscheiden. Bis wir unseren Weg sehen, können wir nichts tun, als die Nacht zu verschlafen.

Braxton schien ihm beizustimmen: nach kurzer Vorbereitung wickelten sich die zwei Männer in ihre Mäntel und lagen wie zwei kleine schwarze Punkte auf dem großen grünen Teppich des uralten Busches.

Als es im Osten zu dämmern begann, erhob sich Chicago und weckte seinen Kameraden. Schwerer Nebel hing über dem Buschlande. An ihrer Kleidung glitzerten Tautropfen. Diese streiften sie sich gegenseitig ein wenig ab und hockten sich nach Buschart zu ihrem rohen Frühstück nieder. Allmählich schien der Nebel sich ein wenig zu lichten: sie konnten auf fünfzig Meter nach jeder Seite die Bäume unterscheiden. Der Goldgräber wandelte schweigsam auf und ab und kaute ein Stück Tabak. Braxton saß auf einem umgestürzten Stamme und putzte und ölte seinen Revolver. Plötzlich fiel ein Sonnenstrahl auf den schlanken Gummibaum. Immer breiter wurde er; bald war der Nebel weggeschmolzen, und die gelben Blätter glänzten wie Gold im heiteren Scheine der Morgensonne. Braxton lud mit Sorgfalt seinen Revolver und steckte ihn wieder in seine Tasche. Chicago begann leise zu pfeifen und hielt mitten in seinem Bummel an:

Jetzt, Junge, sagte er, nimm hier das Glas!

Braxton hing es um den Hals und bestieg den Baum wieder wie am Abend zuvor. Es war für ihn ein Kinderspiel. Bald war er oben: er rutschte auf einem Zweig, zweihundert Fuß vom Erdboden, hinaus, bis der Ausblick nicht mehr durch das Blätterwerk gehemmt war. Nunmehr hob er das Glas an sein Auge und untersuchte jeden Busch, jeden Stein.

Eine Stunde blieb er regungslos sitzen. Sein Gesicht war ernst und nachdenklich, als er wieder erschien.

Sind sie da? lautete die etwas ärgerliche Frage des Amerikaners.

Jawohl; sie sind da.

Wieviel?

Ich hab' nur fünfe gesehen; aber es sind jedenfalls mehr. Laß mich ein wenig nachdenken, Bill.

Der Goldgräber warf einen Blick auf ihn, der all seine Hochachtung vor dem Denken in sich trug. Den Kopf anzustrengen, war nicht seine starke Seite.

Hol mich der und jener, wenn ich dir darin helfen kann, meinte er im Selbstgespräch. Nachdenken und ausdenken ist für meine Natur nicht natürlich. Mangel an Bildung, schätz' ich.

Endlich begann Braxton: Komm mal, Alter, setz' dich neben mich und horch, was ich dir sage. Du weißt, Bill, du bist als Freiwilliger mitgekommen, du bist nicht verpflichtet, mich zu begleiten; ich dagegen tue nur meine Pflicht. Dich kannte man in der ganzen Kolonie, schon als ich noch in den Windeln lag. Jetzt, Bill, paß auf: 's ist viel, was ich von dir verlange! Wenn wir zusammen die Vögel fangen, kriegst du eine neue Feder an den Hut, und zwar du allein. Was weiß man vom Gendarmen Jack Braxton? Er würde kaum in der Geschichte erwähnt werden. Jetzt möcht' ich mir heut' einen Namen machen, verstehst du? Sobald es dunkel wird, müssen wir die Gauner überraschen; das ist für einen entschlossenen Mann so leicht als für zwei; vielleicht noch leichter, weil die Wahrscheinlichkeit, entdeckt zu werden, geringer ist. Bill, ich bitte dich, bleib mit den Pferden hier und laß mich allein gehen!

Chicago sprang mit entrüsteter Miene auf und ging einige Schritte vor dem umgestürzten Baume auf und ab. Dann schien sich seine Erregung zu legen: er setzte sich wieder.

Sie würden dich in Fetzen hauen, du Narr, sagte er, indem er seine Hand auf Braxtons Schulter legte. Das würd' 'was nützen!

Nicht im geringsten, antwortete der Gendarm, ich würde deinen Revolver auch mitnehmen!

Mein Name wäre ruiniert, sagte Bill.

Soweit reicht die Verleumdung nicht. Du könntest mir diese Gelegenheit wohl lassen!

Bill barg sein Gesicht in den Händen und sagte eine Weile nichts. Dann brach er das Schweigen: Gut, Freund, ich will mich um die Pferde bekümmern!

Braxton ergriff seine Rechte. Es gibt wenige, die 's getan hätten, Bill; du bist ein treuer Freund! Jetzt, Alter, wollen wir die Zeit totschlagen, so gut wir können, bis es Abend wird; eine Stunde nach Einbruch der Dämmerung breche ich erst auf; bis dahin ist es noch lange! –

Langsam schlichen die Stunden dahin. Der Gendarm lag im Moos unter dem großen blauen Gummibaum, in ernste Gedanken versunken. Ein- oder zweimal glaubte er zu hören, wie der Goldgräber versteckt vor sich hinkicherte und auf seinen Schenkel schlug, das übliche Zeichen, daß er vergnügt war; aber als er zu diesem Kerl hinüberblickte, war dessen Gesichtsausdruck so feierlich, als sei er im Begriffe, einem Leichenbegängnisse anzuwohnen, so daß diese Beobachtung offenbar auf einer Täuschung beruhte. Sie nahmen ihre einfachen Mahlzeiten mit herzlichem Appetit ein. Nunmehr, da der Gegenstand ihrer Sorge in Sicht war, hatte sich ihre Stimmung entschieden gehoben. Chicago erzählte eine Reihe von Erinnerungen aus seinem Leben im Wilden Westen. Der Gendarm holte ein ehrwürdiges Kartenspiel aus seiner Satteltasche; aber die Schwierigkeit, den Kreuzkönig vom Herzaß zu unterscheiden, hatte einen deprimierenden Einfluß auf die Freude der beiden am Spiele. Immer tiefer sank die Sonne am Himmel. Dunkel war es bereits in der kleinen Lichtung, nur der entfernte Hügel war noch golden gefärbt; und dann wurde auch dieser purpurn, ein Stern flimmerte am Himmel auf und die Nacht breitete ihren Mantel über die Szene.

Leb wohl, Alter, sagte Braxton. Ich lasse meinen Karabiner da, er würde mir nur lästig sein. Ich kann dir nicht genug danken, daß du mir diese Gelegenheit ließest. Wenn sie mich kalt machen, Bill, so laß sie nicht aus den Augen; du wirst den anderen sagen, daß ich starb wie ein Mann. Ich habe keine Freunde noch Verwandte mehr; ich besitze nichts, als dies Kartenspiel. Nimm es, Bill; es war anno einundfünfzig ein feines Spiel! Wenn du morgen früh Rauch auf dem Hügel siehst, so ist alles gut gegangen; dann kommst du mit den Pferden. Wenn nicht, so reite zum Rendezvousplatz, reit' Tag und Nacht, Bill! – teil' dem Inspektor mit, daß du weißt, wo die Gauner sind, daß Braxton gefallen ist und daß er ihm sagen lasse, er solle diese Mörderbande gefangen nehmen, sonst würde Braxton selbst von den Toten auferstehen und die Kerls abführen! Tu' dies, Bill! Und jetzt, leb wohl!

*

Es war eine lange, mühsame Nacht für Braxton. Da er jeden Augenblick auf einen Vorposten der Buschklepper stoßen konnte, mußte er wie eine Schlange durch die Büsche gleiten. Er war ein erfahrener Waldläufer: kein Zweig krachte, als er dahinschlich. Ein Morast hinderte sein Fortkommen, und so mußte er einen weiten Umweg machen; ein dichtes Dorngebüsch mußte gleich darauf wieder umgangen werden. Es war stockfinster in dem Waldesinneren. Dann sah er im Zwielicht seltsame Dinge sich bewegen. Eine kalte, große Eidechse kroch über seine Hand, als er sich durch einen Busch wand; aber er dachte nur an die menschlichen Reptile vor ihm, die er fangen sollte. Einmal schien es ihm, als werde er von einem Tiere verfolgt; er hörte einen Zweig hinter sich krachen, aber als er stehen blieb und lauschte, hörte er nichts mehr von dem Geräusch, und so ging er weiter.

Als er den Fuß des Hügels erreichte, den er aus der Ferne gesehen, begann erst die größte Schwierigkeit seines Unternehmens. Der Hügel war beinahe konisch und sehr steil. Die Abhänge waren mit lockeren Steinen, nur gelegentlich mit einem größeren Felsblock besät. Bei einem einzigen falschen Schritte würde dieses lose Geröll mit großem Lärme hinunterpoltern. Der Gendarm entledigte sich seiner hohen Lederstiefel und begann mit der größten Vorsicht hinanzusteigen, indem er jeden Felsblock als Deckung benützte.

Weit vorne am Horizont war ein fahler Lichtstreifen zu sehen, aber so schwach er war, es genügte, um die Gestalt eines Mannes oben auf dem Hügel sichtbar werden zu lassen. Es war offenbar eine Wache: unter seinem rechten Arme trug er eine Flinte. Der Mann ging auf dem kleinen Plateau oben auf dem Hügel auf und ab und blieb nur hie und da stehen, um in das dunkle Nebelmeer hinabzublicken. In der schwachen, kraterförmigen Einsenkung des kleinen Plateaus stand mitten drin ein großes, weißes Zelt. Mehrere Pferde waren rings herum angekoppelt; getrocknetes Gras und allerlei Geschirr lag unordentlich herum. Jetzt konnte man die Einzelheiten wohl unterscheiden, da der graue Lichtschimmer im Osten heller und heller geworden war und sich allmählich immer weiter ausgebreitet hatte. Man konnte auch das Gesicht der Wache sehen, die oben ihre Runden machte: ein hübsches, hageres Gesicht, aus dem weniger Bosheit als Mangel an Charakter sprach.

Der Mann schien in freudige Erinnerungen versunken zu sein; die Vögel fingen an zu singen; ihre tausend Stimmen erhoben sich im Busche drunten. Er vergaß die gefälschten Wechsel offenbar, die traurige Reise, die wilde Flucht in die Tapuberge, denn sein Auge ward feucht und er summte ein kleines Volkslied aus seiner Heimat vor sich hin. Er gedachte wieder der Heimat, seiner Mutter, seiner Nelly und glaubte das efeuumkränzte Kirchlein des Städtchens vor sich zu sehen. Hätte er hinuntergeschaut, so würde er etwas erblickt haben, das nicht in das friedliche Bildchen paßte: ein blasses Gesicht, das ihn über einen Vorsprung weg anstarrte . . .

Für den Gendarm war die Zeit zum Handeln gekommen. Er lag hinter dem letzten Felsvorsprung; zwischen ihm und dem kleinen Plateau war nichts als lockeres Geröll zu erblicken. Er hörte das Liedchen der Wache, als sie sich entfernte; er zog sein Seitengewehr und mit den Revolvern in der Linken sprang er wie ein Tiger auf das Plateau.

Ein Gepolter von fallenden Steinen weckte die Wache aus ihren Träumen. Sie fuhr auf und spannte den Hahn. Kein Wunder, daß sie zu Tode erschrocken nach Luft schnappte: diese dunkle, barfüßige Gestalt mit den glitzernden Knöpfen bedeutete für sie den Galgen. Der Posten sah, wie sie sich auf das Zelt stürzte: eine Klinge blitzte, die Zeltstange krachte und das schwere Dach stürzte rauschend auf die darunterliegenden Schläfer. Durch das Geschrei und Fluchen hindurch tönte der ruhige Befehl des Iren: Ich habe zwölf Schüsse zur Verfügung. Ich hab' euch! Hands up! Hands up! sag' ich, oder ich bring euch um! Wer sich rührt, ist eine Leiche! Braxton bückte sich und hob mit der Linken ein wenig das Zelttuch: darunter lagen die sechs Buschklepper, wie sie erwacht waren, aber die Hände über den Köpfen: ein Widerstand gegen diesen ruhigen Befehl, der durch die zwei schwarzen Mündungen noch Nachdruck erhielt, schien unmöglich; sie waren überzeugt, daß sie von allen Seiten umringt waren. Keiner dachte auch nur im Traume daran, daß die ganze angreifende Macht vor ihnen stand. Der Posten war der erste, der den ganzen Sachverhalt zu durchschauen begann. Es regte sich nichts; nirgends ein Zeichen von Verstärkungen! So schlich er sich denn zum Zelte heran. Er war schon zu Hause ein guter Schütze gewesen. Er legte auf Braxton an. Dieser hörte wohl das verdächtige Geräusch, wagte es aber nicht, ein Auge oder seine Waffe von den sechs Gefangenen abzuwenden. Der Posten nahm ihn aufs Korn. Er wußte, daß sein Leben von diesem Schusse abhing. Jetzt war mehr Bosheit als Schwäche auf seinem Gesicht zu lesen. Er wartete einen Augenblick, um genau zu zielen; dann – hörte Braxton einen Krach und einen schweren Fall. Aber die Flinte der Wache war nicht abgefeuert worden, Braxton stand immer noch auf seinem Platz, während die Wache sich mit durchschossener Lunge am Boden wälzte. Siehst du, sagte Chicago, als er hinter einem Felsen hervortrat, mit seiner noch rauchenden Flinte in der Hand, es kam mir mächtig blödsinnig vor, dich allein gehen zu lassen, Jack; es wär' schlauer, dacht' ich mir, mitzulaufen und zuzusehen, ob ich vielleicht nötig wäre, und das war ich, das kannst du nicht leugnen. – Nein, nein, fügte er hinzu, als die Wache nach ihrer Flinte greifen wollte, die neben ihr lag, laß das, junger Mann; es liegt nicht für dich da!

Ich bin eine Leiche, wimmerte der verwundete Gauner.

Dann bleib hübsch still liegen, wie sich's für eine anständige Leiche ziemt, erwiderte der Goldgräber, und laß deine Flinte liegen! Ist das ein Benehmen?

Komm her, Bill, rief Braxton, und bring die Stricke her, mit denen die Pferde dort angekoppelt sind. Jetzt, fuhr er fort, als der Amerikaner, nachdem er sich der Waffe des Verwundeten versichert hatte, mit den Stricken erschien, fessle diese Burschen, und wer sich rührt, den erschieße ich!

Eine hübsche Arbeitsteilung, nicht wahr, altes Rhinozeros, sagte Chicago, indem er lustig dem einäugigen Maloney auf den Kopf patschte. Komm her, der größte Spitzbube hat den Vorrang! Mit diesen Worten fesselte er ihn mit der größten Sorgfalt.

Einer nach dem anderen wurde gefesselt, mit Ausnahme des Verwundeten, der es nicht mehr nötig hatte. Sodann holte Chicago die Pferde, während Braxton als Wache zurückblieb; gegen Mittag setzten sie sich in Bewegung durch den Wald in der Richtung auf den Rendezvousplatz. Voraus, auf ein Pferd gebunden, der Verwundete, nach ihm, der Sicherheit wegen zu Fuß, die gefesselten Buschklepper und als Nachtrab der Gendarm und Chicago.

*

Die Zusammenkunft der Strafabteilung war nicht sehr freudig. Nacheinander waren sie eingetroffen, von der Sonne gebräunt, von den Dornen zerfetzt, von den giftigen Dünsten des Sumpflandes geschwächt, alle enttäuscht und heruntergekommen. Summerville und der Inspektor waren oberhalb der oberen Furt mit Schwarzen zusammengestoßen und mit Mühe dem Tode entronnen. Foley und Anson befanden sich wohl, nur waren sie von den Entbehrungen hart mitgenommen. Hartleys Pferd war einem Schlangenbiß zum Opfer gefallen. Murdoch und Murphy waren bis Nathurst gekommen, aber ohne Erfolg. Sie warteten nur noch auf ihre zwei Kameraden, um nach Trafalgar zurückzukehren.

Es war um Mittag; mitleidlos sandte die Sonne ihre Strahlen auf die kleine Lichtung. Die Leute lagen im Schatten der Bäume; zum Teil vertrieben sie sich die Zeit mit Rauchen, zum Teil schliefen sie, den Hut übers Gesicht gezogen. Die Pferde waren hier und dort zerstreut und schauten nicht fröhlicher drein als ihre Besitzer. Nur des Inspektors alter Klepper schien über die allgemeine Stimmung erhaben zu sein: es war ein schnellfüßiges, blasiertes, altes Tier, das die halbe Welt gesehen hatte und in der Jägerei fast so bewandert war, wie sein Herr. Abgesehen vom Klettern, pflegte Chicago von ihm zu sagen, gibt's nichts auf der Welt, was dieses Roß nicht könnte; und wenn man es dazu antriebe, würd's noch ein verteufelt gutes Stück hinaufklettern! Der alte Sägbock schien diesen Mittag gut aufgelegt zu sein. Zweimal schon hatte er die Ohren gespitzt und einmal den Kopf erhoben, als ob er wiehern wollte, aber er hielt inne, um sich nicht zu verraten. Der Inspektor sah ihm neugierig zu und legte seine Meerschaumpfeife wieder in ihr Etui zurück.

Er hört 'was, sagte er. Bei Gott, ich auch! Auf, Jungens! Es kommt eine Abteilung Leute! Alle sprangen zu ihren Pferden. Ich höre Hufschläge und Schritte. Es scheinen viele zu sein. Sie kommen geradenwegs auf uns zu. Versteckt euch, Jungens, und haltet euch bereit! Nach einigen Augenblicken war der Platz verlassen; nur da und dort lugte ein dunkler Gewehrlauf aus dem hohen Gras und den Farnen und verriet, wo sie im Hinterhalte lagen. Paßt auf, Jungens! sagte Burton, wenn es Feinde sind, gebt erst Feuer, wenn ich kommandiere! Dann schießt hintereinander und laßt den Rauch sich verziehen! Buschklepper, bei Gott! fügte er hinzu, als ein Reiter in der Lichtung erschien, dessen Kopf auf seines Pferdes Hals hing. Noch mehr, brummte er, als am selben Punkte mehrere Männer aus dem Busche tauchten. »Himmel und Hölle, sie sind gefangen! Ich sehe ihre Fesseln! Hurra!« Im nächsten Augenblick waren Braxton und Chicago von neun schießenden und tanzenden Männern umringt, welche ihnen die Hände schüttelten und jauchzend auf den Rücken schlugen und sie dermaßen mit Freudenbeweisen überschütteten, daß Maloney finster vor sich hin knirschte:

Hätten wir so viel Grütze im Schädel gehabt, sie auch so zu empfangen, so wären wir heute frei!

*

Der Rest ist rasch erzählt. Als die Gefangenen in Trafalgar ankamen, wurden sie beinahe gelyncht; Maloney, der Hauptspitzbube, zeugte gegen seine Mitschuldigen und entging so auf gesetzlichem Wege dem Galgen. Mein Freund Braxton ist jetzt Offizier und zwar immer noch in Trafalgar. Bill sah ich zuletzt im Jahre einundsechzig; seit er eine Schaffarm übernahm, hat er im Gewicht zugenommen, doch sieht er gut und vergnügt aus. Der alte Inspektor hat jetzt eine Farm bei Nathurst. Trotzdem er ein tapferer Kamerad ist, wird er sich doch, denke ich, eines Schauers nicht erwehren können, wenn er zum Donnerstagmarkt nach Trafalgar hinunterreitet und um den scharfen Rang an der Straße biegt, wo die Böschung liegt und der Ginster sich so gelb vom roten Lehme abhebt . . .

* * *

 

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