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Maupassant - zweisprachige Ausgaben

Guy de Maupassant: Maupassant - zweisprachige Ausgaben - Das Bett
Quellenangabe
generator2sprach.xsl
modified20080628
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleDas Bett
booktitleGesammelte Werke
volume1
printrun13. und 14. Tausend
publisherDeutsche Verlagsanstalt
year1924
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
senderhille@abc.de
created20040608
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Guy de Maupassant

Das Bett

Le lit

An einem glühend heißen Sommernachmittag lag das große Versteigerungslokal wie verschlafen da. Die Auktionatoren schlugen auf die Gebote mit matter Stimme zu. In einem Hintersaal im ersten Stock schlummerte in einer Ecke ein Haufen altseidener Kirchengewänder. Par un torride après-midi du dernier été, le vaste hôtel des Ventes semblait endormi, et les commissaires-priseurs adjugeaient d'une voix mourante. Dans une salle du fond, au premier étage, un lot d'anciennes soieries d'église gisait en un coin.
Feierliche Chorröcke und anmutige Meßgewänder, auf denen sich gestickte Blumengewinde aus vergilbtem, einst weißem Grunde, um symbolische Buchstaben wanden. C'étaient des chapes solennelles et de gracieuses chasubles où des guirlandes brodées s'enroulaient autour des lettres symboliques sur un fond de soie un peu jaunie, devenue crémeuse de blanche qu'elle fut jadis.
Einige Trödler warteten: zwei, drei Männer mit schmutzigen Bärten und ein großes, dickes Weib, eine jener Händlerinnen, die Kleiderhandel treiben und nebenbei verbotene Liebe unterstützen und beraten, die ebenso gut altes und junges Menschenfleisch verschachern als alte und neue Kleider. Quelques revendeurs attendaient, deux ou trois hommes à barbes sales et une grosse femme ventrue, une de ces marchandes dites _à la toilette_, conseillères et protectrices d'amours prohibées, qui brocantent sur la chair humaine jeune et vieille autant que sur les jeunes et vieilles nippes.
Da wurde ein reizendes Meßgewand im Stile Ludwig XV. zum Verkauf ausgeboten. Es war hübsch wie ein Marquisenkleid, gut erhalten, mit einem Maiblumenkranze um das Kreuz. Lange blaue Schwertlilien stiegen hinauf bis zum heiligen Zeichen und Rosenkronen waren in den Ecken. Als ich es gekauft hatte, gewahrte ich, daß ihm ein leiser Geruch geblieben, als ob ihm ein wenig Weihrauch entströme, oder vielmehr als ob die zarten, süßen Düfte früherer Zeiten daraus stiegen, wie ein Nachwehen einstiger Wohlgerüche. Soudain, on mit en vente une mignonne chasuble Louis XV, jolie comme une robe de marquise, restée fraîche avec une procession de muguets autour de la croix, de longs iris bleus montant jusqu'aux pieds de l'emblème sacré et, dans les coins, des couronnes de roses. Quand je l'eus achetée, je m'aperçus qu'elle était demeurée vaguement odorante, comme pénétrée d'un reste d'encens, ou plutôt comme habitée encore par ces si légères et si douces senteurs d'autrefois qui semblent des souvenirs de parfums, l'âme des essences évaporées.
Zu Haus wollte ich einen reizenden kleinen Stuhl desselben Stils damit überziehen. Wie ich nun den Stoff, um Maß zu nehmen, in Händen hielt, fühlte ich unter den Fingern Papier rauschen. Als ich das Futter auftrennte, fielen ein paar Briefe heraus. Sie waren vergilbt und die halb verwischte Tinte hatte Rostfarbe angenommen. Mit feiner Handschrift stand auf einer Seite des auf altertümliche Art zusammengefalteten Blattes: »Herrn Abbé d'Argencé« Quand je l'eus chez moi, j'en voulus couvrir une petite chaise de la même époque charmante; et, la maniant pour prendre les mesures, je sentis sous mes doigts se froisser des papiers. Ayant fendu la doublure, quelques lettres tombèrent à mes pieds. Elles étaient jaunies; et l'encre effacée semblait de la rouille. Une main fine avait tracé sur une face de la feuille pliée à la mode ancienne: «A monsieur, monsieur l'abbé d'Argencé.»
Die drei ersten Briefe bestimmten einfach ein Stelldichein. Der vierte lautete so: Les trois premières lettres fixaient simplement des rendez-vous. Et voici la quatrième:
»Lieber Freund, ich bin krank, fühle mich elend und hüte das Bett. Der Regen peitscht an die Fensterscheiben, und ich bleibe mollig, süß träumend, in den warmen Kissen. Ein Buch liegt vor mir, ein Buch, das ich liebe. Ich fühle, es steht ein Teil meiner selbst darin. Soll ich es Ihnen nennen? Nein. Sie würden schelten. Und dann komme ich auf allerlei Gedanken, wenn ich gelesen habe und ich will Ihnen sagen auf welche. «Mon ami, je suis malade, toute souffrante, et je ne quitte pas mon lit. La pluie bat mes vitres, et je reste chaudement, mollement rêveuse, dans la tiédeur des duvets. J'ai un livre, un livre que j'aime et qui me semble fait avec un peu de moi. Vous dirai-je lequel? Non. Vous me gronderiez. Puis, quand j'ai lu, je songe, et je veux vous dire à quoi.
Man hat mir Kissen hinter den Kopf gethan, so kann ich sitzen und ich schreibe Ihnen auf dem süßen kleinen Pult, das ich von Ihnen habe. «On a mis derrière ma tête des oreillers qui me tiennent assise, et je vous écris sur ce mignon pupitre que j'ai reçu de vous.
Da ich nun seit drei Tagen zu Bett liege, so denke ich an mein Bett und selbst im Schlafe verläßt mich der Gedanke nicht. «Étant depuis trois jours en mon lit, c'est à mon lit que je pense, et même dans le sommeil j'y médite encore.
Das Bett, lieber Freund, bedeutet unser ganzes Leben. Da kommt man zur Welt, da liebt man, da geht man wieder von hinnen. «Le lit, mon ami, c'est toute notre vie. C'est là qu'on naît, c'est là qu'on aime, c'est là qu'on meurt.
Wenn ich schreiben könnte wie Herr de Crébillon -- so würde ich die Geschichte eines Bettes schreiben. Welch ergreifend schreckliche, welch reizende und rührende Geschichten ließen sich da erzählen! Welche Lehren ließen sich daraus ziehen, welche Nutzanwendung für jedermann! «Si j'avais la plume de M. de Crébillon, j'écrirais l'histoire d'un lit. Et que d'aventures émouvantes, terribles, aussi que d'aventures gracieuses, aussi que d'autres attendrissantes! Que d'enseignements n'en pourrait-on pas tirer, et de moralités pour tout le monde?
Sie kennen mein Bett, lieber Freund! Sie können sich nicht denken, was ich seit drei Tagen alles daran entdeckt habe und wie ich es lieber gewonnen seitdem. Mir kommt es vor, als sei es bewohnt, ich möchte sagen, als hätte es Umgang mit vielen, vielen Leuten, von deren Existenz ich keine Ahnung gehabt, die dennoch auf diesem Lager ein Stück ihrer selbst gelassen haben. «Vous connaissez mon lit, mon ami. Vous ne vous figurerez jamais que de choses j'y ai découvertes depuis trois jours, et comme je l'aime davantage. Il me semble habité, hanté, dirai-je, par un tas de gens que je ne soupçonnais point et qui cependant ont laissée quelque chose d'eux en cette couche.
Ich kann die Menschen nicht begreifen, die ein neues Bett kaufen, ein Bett, an dem keine Erinnerung hängt. Meines -- unseres, so alt, so verbraucht, so geräumig wie es ist, hat vielen Menschendasein Raum gewährt von der Wiege bis zum Grabe. Denken Sie, lieber Freund, an alles das. Lassen Sie einmal zwischen diesen vier Säulen, unter diesem bilddurchwirkten Baldachin uns zu Häupten, der so viel mit angesehen hat, ganze Menschenleben wieder lebendig werden. Dreihundert Jahre ist er alt und was mag er alles erlebt haben! «Oh! comme je ne comprends pas ceux qui achètent des lits nouveaux, des lits sans mémoires. Le mien, le nôtre, si vieux, si usé, et si spacieux, a dû contenir bien des existences, de la naissance au tombeau. Songez-y, mon ami; songez à tout, revoyez des vies entières entre ces quatre colonnes, sous ce tapis à personnages tendu sur nos têtes, qui a regardé tant de choses. Qu'a-t-il vu depuis trois siècles qu'il est là?
Da ruht eine junge Frau. Sie stößt von Zeit zu Zeit einen Seufzer aus. Sie stöhnt. Die alten Eltern sind um sie, und da bringt sie ein kleines, runzeliges Wesen zur Welt, das da Tönchen von sich giebt wie ein Kätzchen. Das ist ein Mensch der seinen Einzug hält. Und die junge Mutter fühlt sich schmerzlich glücklich bewegt. Die Freude überwältigt sie bei diesem ersten Schrei, atemlos streckt sie die Arme ihrem Kinde entgegen und alle weinen vor Wonne. Denn dies Stück menschliche Kreatur, das von ihr ging, bedeutet das Weiterblühen des Stammes, die Fortpflanzung von Blut. Herz und Seele der Alten, die bebend zuschauen. «Voici une jeune femme étendue. De temps en temps elle pousse un soupir, puis elle gémit; et les vieux parents l'entourent; et voilà que d'elle sort un petit être miaulant comme un chat, et crispé, tout ridé. C'est un homme qui commence. Elle, la jeune mère, se sent douloureusement joyeuse; elle étouffe de bonheur à ce premier cri, et tend les bras et suffoque et, autour, on pleure avec délices; car ce petit morceau de créature vivante séparé d'elle, c'est la famille continuée, la prolongation du sang, du coeur et de l'âme des vieux qui regardent, tout tremblants.
Dann wieder finden sich in diesem Schrein des Lebens zwei Liebende zum ersten Male Seite an Seite zusammen. Zitternd, jubelnd fühlen sie sich Brust an Brust, und mählich nähert sich Mund dem Munde. Der göttliche Kuß eint sie, der Kuß, der die Pforte ist des Himmels auf Erden, der Kuß, der da singt von der Menschen Wonnen, der sie verspricht, und mehr giebt als er verkündet. Und ihr Bett flutet an, wie wildbewegtes Meer, ebbt und murmelt, scheint selbst freudiges Leben zu leben, denn in ihm vollzieht sich das sinnverwirrende Rätsel der Liebe. Giebt es Süßeres, Größeres auf dieser Erde, als dieses Band, das zwei Wesen zu einem verknüpft, das beiden im gleichen Augenblick, gleichen Wunsch, gleiche Hoffnung, gleiche rasende Wonne eingiebt, die sie wie ein zehrendes, himmlisches Feuer durchschießt. «Puis voici que pour la première fois deux amants se trouvent chair à chair dans ce tabernacle de la vie. Ils tremblent, mais transportés d'allégresse, ils se sentent délicieusement l'un près de l'autre; et, peu à peu, leurs bouches s'approchent. Ce baiser divin les confond, ce baiser, porte du ciel terrestre, ce baiser qui chante les délices humaines, qui les promet toutes, les annonce et les devance. Et leur lit s'émeut comme une mer soulevée, ploie et murmure, semble lui-même animé, joyeux, car sur lui le délirant mystère d'amour s'accomplit. Quoi de plus suave, de plus parfait en ce monde que ces étreintes faisant de deux êtres un seul, et donnant à chacun, dans le même moment, la même pensée, la même attente et la même joie éperdue qui descend en eux comme un feu dévorant et céleste?
Erinnern Sie sich noch der Verse, die Sie mir voriges Jahr vorlasen aus irgend einem alten Dichter -- wer wars? -- vielleicht der süße Ronsard? «Vous rappelez-vous ces vers que vous m'avez lus, l'autre année, dans quelque poète antique, je ne sais lequel, peut-être le doux Ronsard?
»Und wenn wir verschlungen liegen
In den Kissen ganz verschwiegen,
Wollen wir uns heimlich necken,
Schäkernd nach Verliebter Weise
Treiben tausend Kurzweil leise,
Unter schweigend stillen Decken«
Et quand au lit nous serons
Entrelacés, nous ferons
Les lascifs, selon les guises
Des amants qui librement
Pratiquent folâtrement
Sous les draps cent mignardises
Diese Verse möchte ich auf den Baldachin meines Bettes gestickt haben, von dem mich Pryramus und Thisbe immerfort mit ihren Tapisserieaugen ansehen. «Ces vers-là, je les voudrais avoir brodés en ce plafond de mon lit, d'où Pyrame et Thisbé me regardent sans fin avec leurs yeux de tapisserie.
Und, lieber Freund, denken Sie an den Tod, an alle jene, die in diesem Bett ihren letzten Hauch zu Gott emporgesandt haben. Denn es ist auch die letzte Stätte begrabener Hoffnungen, das Thor das sich hinter allem schließt, nach dem es den Eingang in die Welt bedeutet. Wie oft hat dieses Bett, in dem ich Ihnen schreibe, seit den drei Jahrhunderten, in denen es Menschen eine Heimstätte ward, wilde Schreie, Angst, Leiden, grausige Verzweiflung, Todesstöhnen, nach der Vergangenheit ausgereckte Arme, Klagen gehört um Glück, das nimmer wiederkehrt! Wie oft Zuckungen, Röcheln, verzerrte Gesichter, einen entstellten Mund, ein gebrochenes Auge gesehen. «Et songez à la mort, mon ami, à tous ceux qui ont exhalé vers Dieu leur dernier souffle en ce lit. Car il est aussi le tombeau des espérances finies, la porte qui ferme tout après avoir été celle qui ouvre le monde. Que de cris, que d'angoisses, de souffrances, de désespoirs épouvantables, de gémissements d'agonie, de bras tendus vers les choses passées, d'appels aux bonheurs terminés à jamais; que de convulsions, de râles, de grimaces, de bouches tordues, d'yeux retournés, dans ce lit, où je vous écris, depuis trois siècles qu'il prête aux hommes son abri!
Das Bett, denken Sie darüber nach, ist das Symbol des Lebens. Das habe ich seit drei Tagen erkannt. Das Bett ist das Köstlichste was es giebt. «Le lit, songez-y, c'est le symbole de la vie; je me suis aperçue de cela depuis trois jours. Rien n'est excellent hors du lit.
Ist nicht der Schlaf unser Bestes hienieden? «Le sommeil n'est-il pas encore un de nos instants les meilleurs?
Aber es ist auch die Stätte unserer Leiden! Die Zuflucht der Kranken, dem müden Leibe ein Ort der Schmerzen. «Mais c'est aussi là qu'on souffre! Il est le refuge des malades, un lieu de douleurs aux corps épuisés.
Das Bett bedeutet unsere Menschlichkeit. Unser Herr Jesus scheint nie eines Bettes bedurft zu haben, als sollte es heißen, daß an ihm nichts Menschliches klebte. Er ist auf dem Stroh geboren, und gestorben am Kreuz. Geschöpfen wie wir sind, überließ er das Lager der Ruhe und Weichlichkeit. «Le lit, c'est l'homme. Notre Seigneur Jésus, pour prouver qu'il n'avait rien d'humain, ne semble pas avoir jamais eu besoin d'un lit. Il est né sur la paille et mort sur la croix, laissant aux créatures comme nous leur couche de mollesse et de repos.
Ach mir ist noch soviel anderes eingefallen! Aber die Zeit fehlt mir, es Ihnen alles aufzuzählen und würde ich an alles denken? Dann bin ich auch schon so müde, daß ich die Kopfkissen im Rücken fortwerfen will, mich lang ausstrecken und ein bißchen schlafen. «Que d'autres choses me sont encore venues! mais je n'ai le temps de vous les marquer, et puis me les rappellerais-je toutes? et puis je suis déjà tant fatiguée que je vais retirer mes oreillers, m'étendre tout au long et dormir quelque peu.
Besuchen Sie mich morgen um drei Uhr. Vielleicht geht es mir besser, und Sie können sich davon überzeugen. «Venez me voir demain à trois heures; peut-être serai-je mieux et vous le pourrai-je montrer.
Leben Sie wohl, liebster Freund. Ich strecke Ihnen die Hand zum Kuß entgegen und -- meine Lippen. «Adieu, mon ami; voici mes mains pour que vous les baisiez, et je vous tends aussi mes lèvres.»
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