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Mathias Bichler

Lena Christ: Mathias Bichler - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleMathias Bichler
authorLena Christ
year1989
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-11035-x
titleMathias Bichler
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1914
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Ging also wieder ins Haus und verriegelte leise die Tür. Darnach blickte ich in die Kammer zum Kathreinl und bat sie um eine Morgensuppe, obgleich mir zu allem andern eher Muts war, denn zum Essen. Sie sang noch immer und lachte mich lustig an, während sie den Stubenboden mit einem Besen aus grünen Tannenreisern auskehrte. »Gleich, Mathiasl«, sagte sie und fegte mir über die Schuhe; »schau derweil, was die Mutter macht; sie scheint das Aufstehen heut ganz zu vergessen und das Melken auch. Die Viecher brummen schon, hör ich!«

Ich nickte bloß und sah nach dem kleinen Stall, in dem eine Kuh und zwei Geißen standen und nach dem Morgenfutter riefen. Rasch holte ich einen Korb voll Klee und gab ihnen zu fressen, nahm darauf den Melkeimer und das Stühlchen und begann, sie zu melken.

Dabei traf mich das Kathreinl, als es eben nach dem Rechten schauen wollte, und es dämmerte die Wahrheit in ihr auf, und sie fragte mich ängstlich: »Bub! Warum in aller Welt mußt heut du das Vieh melken? Was ist's mit der Mutter?«

»Sie wird noch schlafen«, sagte ich und steckte den Kopf tief unter den Körper der Kuh, damit das Mädchen nicht sah, wie mir die Augen naß wurden.

Aber sie sagte gar nichts mehr darauf, lief in die Kammer der Mutter und kam, da sie dieselbe leer und das Bett unberührt fand, ganz bleich und still wieder in den Stall, legte ihre Hand auf meine Schulter und sagte tonlos: »Sie ist nimmer da. Sag mir's nur, ich weiß schon: sie ist tot.«

Und als ob sie alles schon wüßte, ging sie ganz ruhig wieder hinaus, schob den Riegel zurück und trat unter die Haustür.

Ich stellte den Eimer weg und lief ihr nach; aber sie kniete schon neben der Toten und war ganz still und gefaßt.

»Ich hab's schon gewußt, daß es so ist«, sagte sie bloß, als ich auf sie zutrat und sie wegführen wollte; »es war ja ihr Wunsch, so durch die Gewalt der Elemente zu sterben. Feuer oder Wasser, sagte sie immer, müssen mich umbringen; lang leiden und siechen mag ich nicht.«

Sie nahm ihre Schürze ab und deckte sie über die Tote. Dann ging sie hinein und ordnete das Haus, wobei ich ihr half und mit ihr beredete, was zu tun sei.

»Wir müssen sie begraben lassen«, sagte sie, und sie machte sich, nachdem sie noch ein wenig Milch getrunken hatte, auf den Weg nach Sonnenreuth, um den Tod der Mutter beim Bürgermeister, beim Doktor und beim Pfarrer anzuzeigen.

Bis dahin hatte sie keine Träne geweint, keine Klage laut werden lassen; doch da sie wieder aus dem Dorf zurückkam, schluchzte sie laut und klagte: »Arms Mutterl! So muß alles kommen!«

Tröstend strich ich ihr über die nassen Wangen. Da schrie sie laut auf: »O, die Christen! Die frommen Pfarrherrn! Nicht aussegnen will man sie! Den Friedhof verweigert man ihr, weil sie eine Hexe war! Der Herr Pfarrer sagt, das sei augenscheinlich, daß Gott ihren Frevel bestraft und der Teufel sie geholt hätte, und er verweigert die letzten Segnungen der Kirche.«

Starr hörte ich ihr zu; dann sagte ich: »Laß 's nur gut sein, Kathreinl! Ich geh zum Weidhofer, daß er dem Herrn Pfarrer ein gutes Wort gibt!«

Aber sie sagte: »Das hilft dir nichts. Dein Ziehvater, der Meßmer, ist selber dabei gestanden, wie der Pfarrer so über die Mutter geschimpft und sie eine gottlose und unholde Person genannt hat; und er hat genickt zu der Rede vom Pfarrer und hat gesagt: Ganz recht! Meinen Buben, den Mathiasl, hat sie so auch schon behext gehabt, daß er nimmer heim will in den Weidhof.«

Dabei fiel sie mir um den Hals und weinte bitterlich, bis ich sagte: »Komm, sei fest und hör auf zu jammern! Was brauchen wir denn einen Pfarrer! Wir graben sie halt selber ein. Draußen am Weg unterm Feldkreuz geben wir ihr die Ruh. Unser Herrgott wird schon zufrieden sein damit!« Also nahmen wir Hacke und Schaufel und gingen hinaus auf den Weg und arbeiteten den halben Tag, um der Toten ein gutes Bett zu machen.

Dann gingen wir heim, ließen die Kuh und die Geißen aus dem Stall auf den Anger und tranken wieder ein wenig Milch und aßen ein Stück Brot.

Die Sonne stand gerade über uns, als wir den Schiebkarren mit Laub und Blumen geschmückt und die Tote in Leinlachen gehüllt und darauf gelegt hatten.

Das Kathreinl nahm nun einen Rosenkranz, das alte Buch, in dem die Mutter so gern gelesen, und ein Kästlein, in dem sie ihre wunderbaren und geheimen Dinge immer verwahrt hatte, legte sie zu den Füßen der Toten, und dann fuhren wir sie zum Grab.

Wir streuten Gras und Blumen in die Grube, beteten das Vaterunser und senkten den Leichnam weinend hinab. Darnach legten wir die Kostbarkeiten zu ihr, bedeckten sie mit Blättern und Blüten und machten das Grab wieder zu, indem wir dazu beteten: Herr, gib ihr die Ruhe, dein Licht leuchte ihr, laß sie ruhen in Frieden. Amen.

Darauf fuhren wir unseren Karren wieder heim, verschlossen alle Türen des Hauses und setzten uns auf das Bett und hielten uns wortlos bei den Händen.

Endlich stand ich auf und ging hinaus, um dem Kathreinl etwas zu richten; denn sie sah so bleich und elend aus, daß ich dachte, sie hätte gewiß Hunger. Aber sie lief mir sogleich nach und sagte: »Es hungert dich leicht, Bub?«

Und sie holte etliche Eier aus der kleinen Speiskammer und das Schmalzhäflein und schlug für mich drei und für sich zwei Eier in die Pfanne, und wir hielten auf der Ofenbank, während das Reisigbüschel am Herd verglimmte, ein trauriges Totenmahl.

Plötzlich sagte das Mädchen mit einem schwachen Lächeln: »Jetzt fehlt nur noch der Leichentrunk und der Totentanz! Wir müssen der Mutter doch die letzten Ehren schenken!«

Damit lief sie hinaus und kam nach einer Weile mit einem Krüglein saueren Mosts und einem schwarzen Holzkasten wieder.

»Trink«, sagte sie und nahm eine alte, abgegriffene Zither aus dem Kasten und legte sie auf die Knie.

Ich sah ihr mit Schaudern und Staunen zu und wollte diesem Empfinden eben Worte geben; da griff sie in die Saiten, schlug etliche Akkorde an und spielte einen alten, harten Landler.

»Den hat sie am liebsten gehört«, sagte sie darnach, »den hat ihr schon ihr Vater immer aufgespielt; er ist ein zwiefacher und geht gut zum Plattln. Früher hat die Mutter noch manchmal ein paar Burschen und Dirndln auf Besuch geladen, und sie haben da getanzt und gesungen; aber seit der Pfarrer einmal von der Kanzel gesagt hat, wen er noch mal bei der alten Waldhex antrifft, den absolviert er bei der Beicht nimmer, seit der Zeit hat sich keins mehr in den Heimgarten getraut außer dem Ödhoferbuben; aber der ist nicht wegen der Musik gekommen und auch nicht wegen einer von den Dirndln. Ich glaub auch, daß kein anderer dem Pfarrer was gemeldet hat von dieser Tanzmusik als wie der Ödhofer. Er hätt halt gern allein sein mögen zum Zuhören.«

Sie lachte plötzlich spitzbübisch auf, trank hastig und spielte darnach wieder weiter.

Ich fand mich nicht ganz wohl bei dieser ganzen Sache und meinte, indem ich ein leises Grausen abzuschütteln suchte: »Jetzt langt's schon, Kathreinl! Mir deucht, die Tot möcht jetzt lieber ihre Ruh haben!«

Aber das Mädchen schüttelte bloß den Kopf, trank wieder, nahm die Zither in eine Hand, stand auf und begann mit derselben einen tollen Tanz aufzuführen, indem sie mit voller Hand Akkorde griff und die Zither schwang. Das klang bald wie fernes Glockengeläute, bald wie wilde Orgelmusik, und ihre Füße stampften dazu, und sie wirbelte herum, daß ihre roten Zöpfe los wurden und herabfielen. Da erhaschte ich einen, als sie eben wieder an mir vorbeistampfte; ich hielt sie daran fest und umspannte, als sie aufschreiend stillhielt, ihren Leib.

Ganz elend bat ich sie flehentlich, doch aufzuhören, und ich drohte ihr, sogleich aus dem Haus zu laufen, wenn sie den Teufelstanz nochmals beginnen würde.

Sie stand erschöpft vor mir, und ihre Brust ging stürmisch auf und nieder. »Ja, ja; ich bin schon wieder still«, sagte sie heiser und verschloß sodann die Zither und lehnte den Kasten hinter den Ofen. Dann strich sie sich das Haar glatt, trank gierig und setzte sich, mich neben sich niederziehend, wieder aufs Bett.

Ich folgte ihr widerstrebend. Eine seltsame Scheu vor dem wilden Wesen des Mädchens hatte mich ergriffen und wich auch nicht, als diese plötzliche Wildheit einem stumpfen Vorsichhinstarren Platz machte.

Stumm saß ich neben ihr und spielte nachdenklich mit dem Ende ihres Zopfes und wickelte ihn gleich einem Ring um die Finger, als draußen heftig an die Haustür gepocht wurde.

Wir sprangen beide zugleich auf und sahen uns erschreckt an; da pochte es wieder.

Das Kathreinl sagte: »Nicht aufmachen! Sei ganz still! Ich schau, wer's ist!«

Und sie schlich ganz leise über die Stiegen hinauf und sah vom Söller durch eine Luke hinab auf den Einlaßbegehrenden.

Gleich darauf kam sie mit unhörbarem Schritt wieder herab und flüsterte mir zu: »Halt dich still! Der Schnepfalucka, der Leichenbschauer, ist's! Der soll nur wieder gehen!«

Da hielten wir uns ganz still und horchten, bis wir ihn wieder fortgehen hörten; das Kathreinl lief in die Speiskammer und sah durch das dichte Fliegengitter hinaus nach dem Weg, dann sagte sie: »Er geht schon wieder heim. Heut laß ich keinen Menschen mehr ins Haus, und morgen...«

Sie schwieg plötzlich und sah mich ganz traurig an, so daß ich fragte: »Was ist's morgen?«

»Morgen müssen wir halt fort – hinaus aus dem Haus«, sagte sie gepreßt, »der Bürgermeister hat mir befohlen, daß ich alles gut verschließen solle und ihm die Schlüssel bringen, damit er nicht selber herausgehen müsse wegen der Verlassenschaft.«

»Und du?« fragte ich erstaunt und erschrocken.

»Ich muß halt schauen, wo ich unterkomm derweil«, sagte sie, »ich bin ja bloß ein Balg, eine Hergelaufene; da muß erst die Verlassenschaft entscheiden, was mit mir geschieht.«

Da stieg ein großer Zorn gegen die von der Verlassenschaft in mir auf, obgleich ich das Wort nicht verstand; ich brachte es aber mit dem Begriff Verlassensein in enge Verbindung und dachte, daß das Kathreinl nun niemanden mehr habe auf der Welt, außer mir.

Darum sagte ich entschlossen zu ihr: »Da hat gar niemand was zu entscheiden wegen dir, als wie ich; und du mußt mit mir zu der Weidhoferin gehen, und sie muß dich nehmen. Und dann bleibst du bei mir.«

Ich war, obgleich ich noch gar nicht wußte, ob alles so hinausginge, so erfreut über die Lösung, daß ich das Mädchen ganz fidel mit mir in der Stube herumzog und mit vielen Worten mein Glück pries, daß sie bei mir bliebe.

Wir brachten den übrigen Tag ziemlich nutzlos zu und gingen fast nicht aus der Kammer.

Und da wir das Vieh eingetrieben und gemolken hatten und es allmählich dunkel wurde in der Stube, begann sich das Kathreinl zu fürchten und sagte, daß sie sich nicht in ihre Kammer traue, worauf ich wieder mein Bett mit ihr teilte und die halbe Nacht mit ihr redete und sie unterhielt, bis uns endlich beiden die Augen zufielen.

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