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Mathias Bichler

Lena Christ: Mathias Bichler - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
booktitleMathias Bichler
authorLena Christ
year1989
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-11035-x
titleMathias Bichler
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1914
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Abend

Es war im Erntemonat desselben Jahres, als mein väterlicher Freund und lieber Hausgenoß eines Morgens nicht, wie gewohnt, erschien; und da ich in seine Stube trat, lag er bleich und still auf seinem Lager und hatte die Augen für immer geschlossen.

Voll Leid und tiefer Trauer ließ ich ihn an der Seite seines besten Freundes hinabsenken und halte sein Angedenken still in Ehren, indem ich nur sein Leben und Wandeln zu Nutz und Frommen fleißig vor Augen führe und ihm nachzufolgen trachte.

Nicht lange nach ihm ging auch mein liebster Lehrer und Gönner, mein teuerer Meister Eberhard, zur Ruh, und ich stand einsam an seinem Grab und bedachte die Vergänglichkeit unserer Tage.

In dieser Zeit wurde mein Verlangen nach dem geruhigen Haus zu Sonnenreuth und nach dem schmalen Gesicht mit den gebleichten Schläfen, nach meiner Kathrein, wieder lebendig.

Und da ich einen meiner Gehilfen als eine gute, verlässige Kraft erkannt hatte, übergab ich ihm die Leitung der Werkstatt, die Sorge fürs Haus und eine Summe Geldes mit allen Vollmachten, dafür mir der treue Bursch von Herzen ergeben und dankbar war.

Und nach solchem packte ich mein Sach zusammen und reiste heim.

Das Kathreinl stand schon mit zwei Mägden vor dem Postgarten, daß meine War gut heim käm, und wir folgten über den Freithof nach und redeten kein Wort.

Und da wir Hand in Hand über die Schwelle traten, sagte sie bloß: »Grüaß di Gott daheim – und sei gern da.«

Beim großen Gott – ja! Ich war gern da, ich war daheim.

Jeder Tag ließ mich aufs neue die glückhafte Ruhe und den stillen Frieden der Heimat kosten, und meine Zeit und Weil war voll reiner Zufriedenheit.

Einmal noch habe ich mich aufgemacht und bin den Weg gen Bayrischzell gewandert und zum Haus des alten Thomas. Doch das war ganz verfallen und verödet, so daß ich, einer trüben Ahnung folgend, meine Schritte zu dem Freithof lenkte. Da stand ein einfaches Kreuz in einem Winkel, und ein ärmlichs Ränklein Epheu schlang sich darum und wand sich um das Täflein, darauf zu lesen stand:

»Hier ruhet der ehr und tugendreiche Jüngling
Thomas Beham, Bildlmacher von Bayrischzell.

Gestorben den zehnten Februaris 1820.

R. I. P.«

Ergriffen stand ich vor dem kleinen Hügel, bis mein Blick nach einer Weil auf einer Inschrift des armseligen Kreuzes daneben haften blieb:

»Hier liegt das Tiroler Katherl begraben.

Sie starb den Jakobitag des Jahres 1809 im Alter
von hundertundsieben Jahren. R. I. P.«

Still verließ ich die Ruhstatt der beiden Toten und machte mich langsam auf den Heimweg.

Es war schon dunkel, als ich heimkam, und das Kathreinl saß einsam auf der alten Hausbank und wartete auf mich. Ein Schreiben meines Gehilfen war gekommen, darin er mir zu wissen machte, daß eine sieben Schuh hohe Madonna für den Frauenaltar der Kirche zu Brunntal befohlen wär.

Also mußte ich unverhofft den andern Tag Abschied nehmen, dabei ich aber der liebsten Frau versprach, bis zur Weihnacht wieder bei ihr zu sein.

Fuhr deshalben sogleich dahin und machte mich an das Werk, welches nachmals als mein bestes gepriesen ward.

Tag um Tag saß ich nun dabei, formte die hohe Gestalt der himmlischen Frau, schnitt ihr faltigs Gewand, ihr Szepter, ihre feinen, adligen Händ und stemmte und schabte, schnitzte und schliff an dem Antlitz der Jungfrau, indes meine Gedanken sich in ferne Zeiten verloren und gemach sich in ein geruhiges Glück einspannen.

Es war schon später Herbst, als ich endlich mit dem Glasplättlein den letzten Strich schabte und starr und unverwandt das Angesicht der hohen Frau betrachtete, dessen Linien mich leise an ein wohlbekanntes Frauenbild gemahnten und das Heimweh nach ihm weckten.

Also daß ich mich beeilte und die Statue dem Meister Dreßler zur Bemalung übergab, der sie darnach zum Fest Mariä Empfängnis in die Kirche nach Brunntal verbrachte.

Und da man mir meine achthundert Gulden für das Bildwerk ausgezahlt hatte, fuhr ich fröhlichen Sinnes zurück nach Sonnenreuth, um mit meiner Kathrein die Weihnacht zu feiern.

Ein tiefer Winter war derweil gekommen, und der Schnee lag glänzend über der keimenden Saat, beugte die Bäume unter seiner Last und bedeckte die Dächer und Türme mit hohen, in der Sonne blitzenden Hauben.

Die Wege waren schuhtief verschneit, und männiglich steckte den Kopf fest unter den Mantelkragen und zog die Pelzhaube tief über die Ohren.

Meine Kathrein aber kniete vor dem großmächtigen Linnenschrank und holte das feinste von den selbstgewirkten Tafeltüchern heraus für die Weihnacht, indes die Mägd am Backtrog standen und den Teig zum Kletzenbrot kneteten.

Und da etliche Tag darnach der heilig Abend anbrach, stellte die liebste Frau die alte Hauskrippe unter den Altar, steckte rings um den Tisch rote Kerzen auf und trug schwere Schüsseln voll Äpfel, Nüsse und Weihnachtsbrot in die Stube.

Darnach stellte sie alle die armseligen Figürlein und Sachen, so ich ihr als Knab geschenkt, an ihren Platz und steckte eine große Kerze dazu.

Am End aber wies sie mir auch meinen Platz, indem sie ein Licht neben das ihre klebte und eine feine Silbertruhe, darin ein goldens Herz und in diesem ein alter Fingerring lag, dazustellte, worauf sie hinauslief, ihre Leut zu holen.

Nun legte auch ich meine Verehrung für sie, ein goldens Medaillon, sowie eine Statuette ihrer Patronin zu ihren Sachen und setzte mich darnach still auf die Ofenbank.

Lachend und schwatzend erschienen nun alle im Festgewand, wünschten mir einen guten Abend und knieten sich darnach um die Krippe.

Da trat auch die Kathrein in hohem Staat ein, trug einen brennenden Wachsstock in der Hand, lächelte leise zu mir herüber und entzündete die Kerzen, indem sie mit bewegter Stimm das Weihnachtslied begann. Da fielen alle ein und sangen:

»Was Wunder ist gschehen zu dieser Nacht,
Da uns die Jungfrau den Christ hat bracht!
Ein Jauchzen dringet vom Himmel her;
Englein tun singen: Gott sei die Ehr!
Es knieet Maria wohl auf dem Stroh
Und ist der erfülleten Botschaft froh,
Hälts Kindlein voll Lieb wohl in dem Arm
Und singet: Nun schlafe, mein Söhnelein, warm!
Ich wiege dich sanft und ich wiege dich fein,
Schlafe, mein herzliebes Kindelein, ein! –
Ihr Manne, der Joseph, das Bettlein aufmacht
In der Krippen, darein er ein Strohbund hat bracht;
Maria die legt ihren Schleier dazu
Und bettet ihr Söhnlein zur gueten Ruh.
Ein Ochs und ein Eslein, die wehren der Kält
Und halten fein warm den Erlöser der Welt.
Viel Engelein fliegen durchs nächtliche Tal,
Besingen das Kindlein in Bethlehems Stall,
Frohlockend des Wunders der heiligen Nacht,
Da Jerichos Rose das Blümlein hat bracht.«

Nach solchem Singen standen alle auf, und ein jegliches nahm sein Licht vom Tisch; das Kathreinl aber reichte ihnen den üblichen Christtaler, verteilte den Inhalt der Schüsseln unter sie und nahm darnach auch unser beider Verehrung vom Tisch, legte es in ihre Schürze und setzte sich schweigend zu mir, indes die Mägd aufdeckten und die Mahlzeit hereinbrachten.

Also ward fröhlich gegessen und getrunken, gelacht und gescherzt, indes das Feuer im Ofen krachte und der Kienspan knisterte.

Das Kathreinl trug nun unsere beiden Lichter samt den Gaben hinauf in meine Kammer und setzte sich darnach wieder auf die Ofenbank.

Sie schien müd und abgeschlagen zu sein, also daß ich meinte, sie mög sich doch hinlegen; – die heilig Nacht ging auch ohne ihr Zutun fröhlich hinüber.

Aber sie wollte nicht.

Und da es Zeit war, zur Metten zu gehen, und das Krachen der Böller und das Geläut der Glocken durch das Tal hallte, richtete sie die Laternen zu, schob den langsamen Zeiger der Uhr auf halb zwölf vor und hüllte sich in ihren großen Schal. Dann sagte sie zu mir: »Wirst wohl noch munter sein, wann ich wiederkomm, Mathiasl; – laß mir halt kein Unhold ins Haus und krieg den Weillang nit.«

Worauf sie mir lächelnd einen Weichbrunn gab, gute Nacht wünschte und den andern folgte.

Ich aber saß nachdenklich auf meiner Bank und dachte, daß das Kathreinl heut gar nicht wohl ausgesehen hätt, und daß sie besser tät, wenn sie den Hof verkaufte und sich zur Ruh setzte.

Und hing also einsam meinen Gedanken nach, als dumpfer Lärm an mein Ohr drang und mich erschreckt auffahren ließ.

Ich lief hinaus fürs Haus, – da kamen die Knecht und die Mägd – und trugen – heiliger Gott – meine Kathrein.

Sie wär ihnen ganz gerecht nachgekommen, erzählte der Oberknecht, – sei noch eine Weil dahingegangen, – hätt dann mit einem Mal ein erschreckliches Husten hören lassen – die Arm gählings in die Höhe geworfen – und sei wie ein Baum zusammengebrochen. – Und da sie voll Schrecken hinleuchten, ist der Schnee rings gerötet.

Wir legten sie aufs Bett.

Bleich und ohne Leben lag sie da.

Wir wuschen ihr das Gesicht mit Essigwasser, und ich hielt bebend ihre kalten Händ in der meinen, indes die einen zum Wundarzt liefen, – die andern zum Pfarrer.

Das übrige Gesind war leise hinausgegangen, und ich vernahm aus der Wohnstube herauf das gedämpfte Beten für die Kranke.

Meine liebste Frau öffnete die Augen, sah mich matt und hilflos an und schloß sie wieder.

Nach geraumer Weil kamen die andern zurück und meldeten: der Wundarzt wär nicht daheim, – käm auch nicht heim, die Nacht, – und der Herr Pfarrer hätt nicht der Weil, – und der Koprator auch nicht, – die müßten jetzt die Metten singen und das Christamt halten.

Dann gingen sie hinab zu dem übrigen Gesind.

Also saß ich allein am Bett meiner Kathrein, indes die hohe Uhr ihr langsames Tick Tack hackte, das Wachslicht flackernd niederbrannte und das murmelnde Beten zu mir heraufdrang.

Da schlug sie noch einmal die Augen auf, – sah mich an, öffnete den Mund und flüsterte meinen Namen. Ich beugte mich über sie und hielt mein Ohr an ihre Lippen, krampfhaft ein lautes Schluchzen verbeißend.

»Aufheben –«, lispelte sie.

Und ich schob leise meinen Arm unter ihr Hauptpolster und hob sie. Da lächelte sie ein wenig – sagte flüsternd: »Gelts – – – Gott – – – ich – – – geh – – – heim – – – o Jesus – – –«, und war still.

Ich legte sie stumm zurück – drückte die herzlieben Augen zu – und ging hinaus.

Und nun mag ich nimmer reden von meinem Leid.

Sie ward mit großem Gepräng zur Erden bestattet, ihr Hof zerteilt, dabei die herzliebste Frau auch mir ein Teil zumaß; – und dann reiste ich zurück in die Stadt, – suche Trost im Schaffen und lebe ein einsams Leben, – das mir der gut Vater zu einem gnädigen End führen wolle. Amen.

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