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Mathias Bichler

Lena Christ: Mathias Bichler - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
booktitleMathias Bichler
authorLena Christ
year1989
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-11035-x
titleMathias Bichler
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1914
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Heimkehr

Nun hatte ich also, wie man gemeiniglich sagt, mein Sach wohl bestellt, und es mangelte mir schier nichts mehr zu einem geruhigen, glückhaften Leben.

Und dennoch kunnt mein Herz nicht froh werden und mein Wünschen nicht still; denn ich gedacht grad jetzt in allem Überfluß oft wehmütigen Sinnes jener Zeit, da ich noch als der Weidhoferbalg ein freies Leben, herzliebe Zieheltern und annoch mein Kathreinl gehabt.

Und kunnt also mittendrin nicht anders, – mußt einen Bogen Papier nehmen, eine Feder schneiden und alles, was mich bedruckte, mit meinen großen, hölzernen Buchstaben vom Herzen herunterschreiben.

Dabei mir aber doch also weh ward, daß ich vermeinte, es sei gestern erst gewesen, da ich alles verloren hatte, was ich besessen.

Also setzte ich auf das Schreiben die Adreß der Lackenschusterin, versiegelte es und trugs zur Post, da man den ersten Tag in der Charwoch des Jahres 1835 schrieb.

Hab oft bei meinem Wandeln in dieser Erdenzeit das Fest der Auferstehung erwartet; doch mag ichs nun ruhig gestehn: Niemalen dünkte mich eine einschichtige Woch so lang wie diese, da ich auf eine Handschrift meiner Kathrein harrte.

Und es erfaßte mich wohl ein bitterer Schmerz, wenn in stillen Nächten immer wieder der Gedanke in mir aufstand: sie ist tot für dich; – vielleicht lange schon wirklich tot, – gewißlich aber als Lackenschusterin für dich verloren. Mag wohl auch deiner schon längst vergessen haben! –

In dieser trübseligen und harten Zeit hat mir mein väterlicher Freund und Berater, der alte Grail, wohl manches Trostwort gegeben und meinen Geist damit aufgericht.

Den Tag nach Ostern aber mußt er das Halleluja mit mir anstimmen; denn an diesem Tag erschien der Postbot mit einem großmächtigen Pack, darin ein Laib Osterbrot, gefärbte Eier und ein Büschel Palmkätzchen lagen nebst einem Handschreiben der Lackenschusterin, das also lautete:

 

»Herzlieber Mathiasle!

Mußt es halt nit in übel nehmen, wann ich dir annoch jetzund diesen Namen gib; habs halt nit anders im Sinn und Gedenken.

Hab also dein liebs Schreiben auf den grünen Pfinztag in die Händ kriegt als eine rechte herzliebe Ostergab. Und es ist mir eine große Freud, daß du Gottlob gsund und wohlauf bist, wie es verbleiben möge bis ins Absterbens. Amen.

Also dannen weil ich dir schreib, magst du wissen, daß ich wohl schon sither vierzehn Jahr eine Wittib bin und ein einschichtigs Weib, dieweilen meinen gueten Eheherrn, den Anderl, selbigsmal das Roß geschlagen und gar ertöt hat, also daß ich ihn halt eingraben hab müssen. Gott geb ihm die ewig Ruh. Amen.

Und also steh ich ohne ein Kind und ohne einen Sterbensmensch da und schaff halt weiter in dem Hof, daß die andern dereinstmalen eine Freud haben.

Aber habs mir nit in übel, lieber Mathiasl, daß ich grad nur von mein Sach red. Möcht, gern wissen, was du schaffst und wie es bei dir ausschaugt, sither du ein großer Herr bist worden und ein fürtrefflicher Bildschnitzer. Muß dir eben in dem Augenblick sagen, daß ich annoch deine Sachen guet bewahrt hab bis auf den heutigen Tag und verschlossen in dem Schreinen von der gueten Irschermuetter, Gott hab sie selig.

Nun mag ich dir nit verschweigen, was eine harte und auch betrübte Zeit und Weil allhier gewest, sither daß du selbigsmal so viel unnütz von unserm Haus und aus dem Ort entwichen bist.

Blitz und Hagelschlag haben damalen oft die Gau verheert und alles zerstört, eine große Teuerung ist allhier gewesen, daß der Gulden kein Pfennigs Wert mehr hat ghabt und ein Schäffl Gedraid het schier hundert Gulden golten. Nach solchem haben müssen sechsundzwanzig Kinder zu Sonnenreuth an den Blattern sterben; doch keins von mir, dieweilen der Herr meine Ehe nit hat segnen mögen mit solcher Gab. Hab mich halt dreingschickt in Geduld und Demut.

Alsdann hat hier gewütet ein teuflischs Morden und Schießen, – sind bald kommen Österreichische, bald Frankreichische von dem Napoleon, haben Quartier genommen, und mußten wir unaufhörlich liefern Leut, Vieh, Pferd, Geld und War, mußten Weib und Kind ein Schandtod sterben und Jungfrauen ihren Kranz lassen bei den Wüterichen. Napoleon wurde überall als ein Gott angebett, – einmal mit allen Glocken geläutt, weil es geheißen hat, daß er unsern Fürsten zu einem König verbrieft, – und ist darnach abermalen das Elend fortgangen die Jahr, bis unser lieber Herrgott ein End gemacht.

Nun mag ich nit versäumen, daß ich dich um eine gnädige Absolution bitt zwegen der fünf Gulden, so der Anderl, Gott laß ihn ruhen, selbigsmal von Euch verlangt hat als Bueß, daß du ihm davongangen bist. Habs gwiß nit wollen und ihm fleißig fürgstellt – das aber leider alles vergebens war.

Liebster Mathiasl, du fragst, ob ich einen Platz hab für einen kranken Mensch. Wär mir wohl der Gedank nit darwider, daß etwan du dieser Mensch bist, und wollt dich schon gsund machen in unserm Gau; aber wenn du schreibst, daß du gesund bist, wird schon wer anderst krank sein. Etwan gar deine Hausfrau. – Hast ja nit geschrieben, ob du schon ein Ehweib genommen – was mich leider ja auch nit angehet.

Also bring mir die kranke Person und kehr bald bei mir zu.

Und nimm Gotts Grueß von deiner

getreuen Kathrein
Lackenschusterin.«

Nun laß ich es sein, von meiner Freud zu sagen; ist wohl kein Mann noch Frau, so nicht einmal ein Gleiches hätt erlebt.

Mein ehrwürdiger Vater Grail aber sagte: »Pack zsamm, Hiasl! – Ich versorgs Haus schon, bis d' wiederkommst. Und der Eberhard ist ja auch da, wenn sich grad was fehlen sollt. – Aber – ich mein – es fehlt sich nix!«

Also machte ich mich reisefertig und fuhr den andern Tag dahin – heim.

Mag sonst wohl ein kurzweiligs Reisen sein, so durch die Gaue und durch mannigfache Dörfer und Märkt, vorüber an jungen Saatfeldern und Wiesen, an Wäldern und Ortschaften, immer die schneeglänzenden, blauschimmernden Bergketten vor Augen. Diese Reise aber deuchte mir schier wie eine Fahrt durch die Ewigkeit, obgleich ich mit der Eilpost dahinfuhr und die Landschaft mit ihren Hügeln und Tälern rasch an meinem Wagenfenster vorüberglitt.

Endlich aber wurde der Weg steiler, die Hügel wurden zu waldigen Höhen, die Bergkette wurde dunkler und rückte näher und näher.

Und da es um die Stunde war, daß der Landmann vom frischgeeggten Feld, von der Frühjahrsarbeit heimkehrte zur Abendsuppe, da ließ der Kutscher seine Geißel knallen und fuhr hinein in meinen Heimatort, durch blühende Obstgärten und helle Bauernhöfe, bis er gegenüber der Kirche vor dem Tor des Hauses hielt, darüber das Schild prangte: Postgarten Sonnenreuth.

Mit zitternden Knien stieg ich aus dem Wagen und gab meine Weisungen für die Rückfahrt.

Dann ging ich langsam hinauf zum Freithof und suchte meine herzlieben Zieheltern heim und wünschte ihnen den Frieden.

Indem läutete man zum Rosenkranz, und ein junger Pfarrer trat ein und verschwand in der Sakristei. Darnach kam ein hinkender Bursch im Meßmerrock, öffnete die Kirchentür und das Freithofsgitter und grüßte bald diesen, bald jenen aus der Gemeind.

Und dann wandelten sie daher: alte, gebeugte Männer, weißhaarige, runzlichte Mütter, etliche Jungfrauen mit niedergeschlagenem Blick und demütig geneigtem Haupt, und dazwischen die Kinder meiner Altersgenossen und Kameraden.

Noch einmal ertönte ein kurzes Zusammenläuten zweier Glocken, – die Uhr schlug fünf, und die Kirchentür wurde leise geschlossen, indes der schrille Ton der Sakristeiglocke das Eintreten des Priesters zum Altar verkündete.

In diesem Augenblick erscholl das feierliche Spiel der Orgel, die silbernen Glöcklein der Ministranten tönten während des Segens zu mir heraus, und nach einer Weil vernahm ich das gleichmäßig abgestimmte Beten der Gesätzlein des glorreichen Rosenkranzes: »Der von den Toten auferstanden ist.«

Noch ein paar Augenblicke lauschte ich, dann ging ich langsam aus dem Garten der Abgeschiedenen und wandte mein Aug der Stätte zu, da einstmals der Weidhof geprangt hatte. Ein mächtiger Besitz stand nun hier und ließ nicht ahnen, welches Unglück diesen Erdenfleck vor einer Zeit heimgesucht.

Mit Bitterkeit und Trauer wandte ich meine Blicke weg und schritt fürbaß, dem Lackenschusterhof zu.

Der stand frei auf der mit blühenden Obstbäumen bepflanzten Anhöhe und hob sich massig aus dem bläulichen Dunkel des Abends.

Eine feine Rauchsäule stieg aus dem Kamin, und etliche Knecht und Mägd gingen geschäftig ab und zu.

Ein zottiger Hund stand vor seiner Hütte und gab knurrend Laut, und eine schneeweiße Katze strich schnurrend um den Türstock, als ich mit klopfendem Herzen einging und mit überquellenden Augen in der Kuchel hinter sie trat: »Kathreinl!«

Als ein schmächtigs, betagts Frauenbild stand sie da und rührte mit dem Schäuflein im Schmarren. Ihr goldrotes Haar war an den Schläfen wie Flachs gebleicht und ihr schmales Gesicht war von der Herdhitz leicht gerötet.

Sie hatte mich nicht gehört und mein Kommen nicht weiter beachtet, also daß ich ganz nahe hinter sie trat und wieder sagte: »Kathreinl!«

Da wandte sie ganz langsam den Kopf, ihre Augen glitten wie aus weiter Fern über mein Gesicht, blickten mich eine Weil groß an und wurden langsam trüb und naß.

Dann falteten sich ihre Händ wie zum Beten, und sie sagte leise: »Mathiasl – ja – du bist es schon. – Grüaß di Gott!«

Und löste ihre Hände und erfaßte die meinen: »I hab schon gwart auf di. – Kimm nur glei auffa – dei Stüberl is schon gricht.«

Darnach rief sie eine Dirn in die Kuchel und führte mich hinauf über die knarzende Stiege in eine reiche Kammer, schob mir einen Stuhl hin und setzte sich zu mir, indem sie sagte: »Lang hab i warten müssen – aber jetz hab i di do no derwart. – Jetz bist do no hoam kommen.«

Ja – ich war heimgekommen. Und ich wußte es jetzt: Nirgends sonst gabs noch eine Heimstatt für mich denn bei ihr.

Wohl waren wir beide betagt, – hatten das Leben hinter uns, – aber wir wollten noch eine geruhige Weil – einen frohen Feierabend und einen friedlichen Heimgang.

Und so nahm das Kathreinl meinen Verspruch, daß ich bald wiederkäm und eine längere Zeit bei ihr bliebe; und nachmals, wenn unsere Tag ins Neigen gingen, wollten wir dieselben miteinander in dem ehrwürdigen Bauernhof beschließen und in einer Erdenkammer zum ewigen Schlaf gebettet werden.

Drei Tage blieb ich bei der liebsten Frau; dann fuhr ich wieder zurück in die Stadt mit dem festen Willen, bald wiederzukommen.

Und das Kathreinl gab mir noch die Hand in den Wagen und sagte: »Bleib nit z' lang, – i zähl jede Stund!«

Dann zogen die Pferde an, und ich winkte noch einmal zurück, indes sie still stand und, die Augen mit der Hand beschattend, mir nachsah, bis das Gefährt hinter der Kirche um die Ecke bog und aus dem Markt fuhr.

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