Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Lena Christ >

Mathias Bichler

Lena Christ: Mathias Bichler - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
booktitleMathias Bichler
authorLena Christ
year1989
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-11035-x
titleMathias Bichler
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1914
Schließen

Navigation:

Nach solchem Beten setzt ich mich auf den Schemel, hielt die Händ gefaltet und überdachte noch einmal den Gang der Tortur und meine Lage. Und da ich so stumpf vor mich hinstarrte, fiel mir eine Schrift in die Augen, die mit einem scharfen, spitzen Ding in das Holz der Liegerstatt geritzt war. Mühselig entzifferte ich bei dem dämmerigen Licht das Gekritzel und las:

»Drei Röslein im Garten, –
Drei Enten im See, –
Mein Everl mueß warten, –
Bis i wieder außi geh!«

Darunter stand: »Heiliger Peterl mit den Himmelschlüsseln, spirr meine Keuchen auf und führ mi naus!«

Da ich dies gelesen hatte, wurde ich wieder gefaßter; denn ich bedachte, daß auch vor mir schon mancher hier gebrummt und gezwirnt hatte, vielleicht mit noch geringerer Schuldigkeit – mit größerer Pein.

Stand also auf und suchte an Tür und Wänden überall nach Zeichen von solchen, die das gleiche Unglück, wie ich, oder vielleicht ein größeres gehabt.

Ach, da war schier kein Flecklein an der dicken Eichentür – kein Flecklein längs der grauen Wand, das nicht irgendein Mal, ein Zeichen oder sonst eine Inschrift gezeigt hätte!

Hier war ein Herz mit verschlungenen Buchstaben; darunter stand das Verslein:

»Du hast ein falsches Herz,
Das hab ich geprügelt,
Jetzt sitz ich voll Schmerz
Beim Wasserkrügel.«

Dort war ein Talerstück getreulich nachgezeichnet, darum die Worte standen:

»Die Daler waren gar zu scheen,
Deswegen mueß ich ins Zuchthaus gehn.«

Wieder eine Inschrift hieß also:

»Katherl, i kimm, wann i außi kimm;
Führ di in Gansbühl numero siem!«

Dazwischen waren allerhand Diebs- und Gaunerzeichen zu finden sowie geheime Zahlen und Zinken.

An der Tür aber standen in Rotwelsch etliche Sätze und darunter die Worte: »Kamerusche, noppelt für den Jahrler Toni! – Heut holchts in Falkenturm, morgen zur Inne, und in drei Jumen scheft ich kapore! – Memento more!«

Indem ich noch las und buchstabierte, kam der Schürg mit dem Magister wieder zurück und ließ ihn ein.

Der schmunzelte, sah nach der Tür zurück und sagte: »Haarbogen!«

Dann tat er einen Schluck aus dem Wasserkrug, streckte sich auf das hölzerne Lager, schob die Arme als Polster unter den Kopf und sah nachdenklich zur Weißdecke empor.

Ich war aber nun neugierig geworden, was die Inschrift an der Tür zu bedeuten hätte, und sagte: »Magister, was heißt das?«

Und las ihm den ganzen Schmarren vor, worauf er ihn mir verdeutschte und sagte:

»Das war einer von der Zunft; der klagt: Die Streifer haben mich gefangen, mich dummen Hund! – Jetzt bin ich Narr im Gefängnis ohne Kameraden. – Die Richter machen mir große Angst mit Stockschlägen und Tortur, wenn ich nicht gestehe. – Aber ich gestehe niemals! – Wenn ich nur ausbrechen könnt! – Ich fürcht, daß sie mich hängen oder köpfen, wenn sie meinen wahren Namen in die Nase kriegen. –

Und das andere heißt: Kameraden, betet für den Waldler Toni! – Heut gehts in den Falkenturm, morgen zur Tortur, – und in drei Tagen bin ich tot – kapore – memento more!«

Dann stand er auf, streckte sich und sagte: »Dem ist ganz recht geschehen, – das war ein wilder Bursch; – der hat nicht wenig Bauern kalt gemacht und dazu genommen, was er erwischt hat. – Ist ein teuflischer Kerl gewesen – aber – hin ist hin.«

Unter solchem Reden fiel mir mein eigenes Unglück wieder ein, und ich fragte den Magister, was er ausgericht hätt beim Richter; doch war nicht um alles in der Welt eine Antwort aus ihm zu bringen.

Er schob die Händ in den Sack, zuckte die Achseln und sagte bloß das eine Wort: »Abwarten!«

Also, daß ich aufs neue in große Kümmernis kam und nichts Gutes für den andere Morgen erwartete.

Zugleich aber stieg nun mein Groll gegen den Magister, als den Urheber meines Unglücks, heftig in mir auf; ich nannte ihn im stillen einen scheinheiligen Hund und sprach den ganzen Tag kein Wort mehr mit ihm.

Und den Abend, da von den Türmen Sankt Peters und Heilig Geists das Angelusläuten ertönte, warf ich mich auf mein Lager, schlug die Händ vors Gesicht und würgte die heftig aufquellenden Tränen hinunter, indem ich der Schand gedachte, die meiner wartete.

Ich aß auch nichts mehr und kehrte mich gegen die Wand, gab dem Magister auch auf sein Gut Nacht keinen Dank und entschlief, eh ichs bedachte.

Mitten in der Nacht aber wachte ich auf; – Fieber schüttelten mich, und ich sah mich im Geist schon auf der Bank ausgespannt liegen, zerschunden und zerfleischt. Die Haare standen mir zu Berg, und ich setzte mich auf, indes meine Glieder wie zerschlagen waren und schmerzten und brannten, daß ich aufstöhnte.

Und in dieser Stunde machte ich den Vorsatz, den andern Morgen, wenn man mich fortführen wollt, alles zuzugeben, dessen man mich beschuldigte.

Mocht man mich lieber als einen Fremden hängen, denn als Mathias Bichler schinden und schänden!

Nach solchem Entschluß ward ich wieder ruhiger und schloß die Augen.

Ein fahles Rot schien den andern Morgen durch die trübe Fensterscheibe, spielte um die grauen Spinnweben daran und zeichnete die starken Gitterstäbe als ein großes Kreuz an die mattbeleuchtete Wand.

Und also zog der Tag herauf, den ich mit der Ruhe und Entsagung eines sterbenden Klosterbruders erwartete.

Der Schürg brachte eine Schüssel voll brauner Brennsuppe für jeden; der Magister fuhr eilig von seiner Liegerstatt auf, rieb sich das Gesicht und aß sogleich mit großem Hunger.

Schweigend goß ich ihm auch meinen Teil in seine Schüssel, dazu er lachte und sich bedankte: »Wirst ja ohnehin heut was Bessers kriegen!« meinte er; »ich wollt, ich wär du!«

»Is scho recht!« erwiderte ich ihm bitter, setzte mich wieder auf meine Holzpritsche und verlor mich in allerhand trübe Gedanken, aus denen mich der Schürg aufschreckte, als er kam und sagte: »He da, Schröckh Hannes! – Mitgehen!«

Wortlos, mit einem stechenden Schmerz in der Brust folgte ich ihm in den Saal des Richters.

Der saß mit etlichen anderen an seinem Tisch und schrieb, als ich eintrat.

»Der Gefangene ist da, Euer Gestrengen!« meldete nun ein Schreiber, worauf der Richter einen forschenden Blick zu mir herschickte, seine Feder weglegte und, sich räuspernd, in den Akten herumblätterte.

Darnach fragte er einen Diener: »Sind die beiden da?«

»Mit Respekt zu melden: Ja, Euer Gestrengen!« erwiderte dieser.

Nun gings an mich.

»Also, Er prätendiert, daß Er nicht die Person ist, als welche Ihn seine Legitimationes signiren?«

»Jawohl, – nein, hoher Herr!« antwortete ich mit Zähneklappern; »ich gebs jetzt zu, daß ich der Lump bin!«

»Wie sagt Er? – Er ists auf einmal! – Er wollte doch gestern noch... äh... Mathias Bichler heißen!«

»Jawohl, hoher Herr! – Aber heut nimmer«, sagte ich nun; »ich geb alles zu. – Es ist alles so, wie der hohe Herr meint und sagt!«

»Subjekt! – Er will uns wohl zum Narren halten!« brüllte mich jetzt der Richter an, so daß mir vor Schreck und Ängsten bald schwarz, bald grün vor den Augen wurd.

»Aber nein, hoher Herr!« meinte ich zitternd und verzagt; »ich will niemand nixen zleid tun! – Wenn halt der hohe Herr glauben, ich bin der Schröckh, – so bin ichs, – wann nicht, – dann bin ichs auch nicht.«

»Der Kerl ist verrückt worden!« sagte der Richter darauf kopfschüttelnd, »Ihr habt doch gestern fest und steif behauptet, daß Ihr nicht Schröckh, sondern Bichler heißt!«

»Jawohl, hoher Herr!« bestätigte ich. »Aber heut nimmer. – Heut sag ich zu allem ja.«

»Hirnloses Subjekt!« donnerte nun der Richter und schlug mit der Faust in den Tisch. »Warum sagt Er zu allem ja? Warum heißt Er heut nicht mehr Bichler?«

»Ach Gott, – weils mir halt graust vor der Schinderei, hoher Herr!« sagte ich. »Ich hab mir denkt, es wär doch eine Sünd, wann ich die Herrn vom Gricht durch mein eigensinnigs Neinsagen dazu treiben tät, daß s' mich foltern müßten. Da sag ich lieber ja und laß mich gleich hängen!«

»Dummkopf!« sagte einer von den Herren; der Richter aber führte ein langgestieltes Spekulierglas an die Augen, besah meine stotternde Jammergestalt eine Weile mit spöttischer Miene und sagte dann zum Schreiber: »Holt mir die beiden Zeugen herein!«

Der Schreiber lief hinaus und brachte die beiden, die ich aber nicht sehen konnte, da sie hinter mir Platz nahmen.

Aber wie erschrak ich, als der Richter sagte: »Meister, wie heißt Ihr?« und eine bekannte Stimme antwortete: »Eberhard Birchmayer. Ich bin Bildhauer und loschier in der Hundskugel beim Chirurgus Waltermair.«

Dann trat er vor, indes ich meinen Kopf zur Seiten neigte und die Augen, wie mein geschnitzter Wandherrgott, schloß, und sagte mit mitleidigem Ton: »Ja, er ists schon, der Mathiasl; – was hat er denn angstellt?«

»Das ist noch nicht genugsam eruieret!« erwiderte der Richter. »Also, Ihr könnt einen Eid drauf geben, daß er Mathias Bichler heißt und aus Sonnenreuth ist?«

»Jawohl. So hat er mir erzählt«, sagte der Meister.

»Es ist gut. – Tretet zur Seiten!« winkte der Richter ab. – »Der zweite Zeuge soll vortreten! – Wie ist sein Name?«

»Friedrich Glotz«; klangs da an mein Ohr und ließ mich mit einemmal wieder aufschauen und für mein Leben hoffen.

»Gebürtig?« fragte der Richter weiter.

»Aus Sonnenreuth. – Aber – mit Verlaub – das ist ja mein Ziehbruder...!«

»Wart Er, bis Er gefragt wird!« fuhr ihn der Richter an. »Das kommt erst jetzt! – Also – Er kennt den Angeklagten?«

»Ja freilich, Herr Richter!« rief der Fritz aus. »Er ist ja mit mir aufgwachsen im Weidhof zu Sonnenreuth! – Is ja auf der Wanderschaft noch mit mir beinander gwesen, der Hiasl!«

Da wandte sich der Richter an mich: »Also – Er ist der Mathias Bichler. – Wie kommt Er aber zu den Papieren des Johannes Schröckh? – Weiß Er nicht, daß es strafbar ist wenn einer unter falschem Namen reist!«

»Ach Gott, ja, hoher Herr!« erwiderte ich zaghaft. »Habs ja auch nit wollen! – Gwiß nit! – Aber ich hab gar keine Kundschaft nit ghabt, – hätt ja auch keine kriegt, weil ich daheim davongangen bin mitten in der Nacht...«

»So ists, Herr Richter!« bestätigte mir der Fritz. »Er ist als Viehhüterbub vom Lackenschuster selbigsmal eingesteigert worden, wo s' mich auch so niederträchtig behandelt haben; – und daß er aus dem Stall davon ist, – das kann ihm kein Mensch nit verargen! – Da sind schon mehr davongangen!«

»Das mag sein!« erwiderte der Richter nun um vieles milder. »Aber wir können ihm nicht helfen. Er hat gegen das Gesetz gefehlt, da er sich falsche Papiere zulegte, und muß dafür bestraft werden. Doch gehört dies nicht in unsere peinliche Gerechtigkeit, sondern an die Polizei. Der Angeklagte wird also nach der Arrestkammer des Polizeihauses expedieret werden, wo ihm seine gebührende Strafe erteilt wird. – Und was die Geschichte mit dem... äh... Lackenschuster anlangt, so kann dieser den Entlaufenen wieder zurückfordern, Geldbußung verlangen und dessen Einlieferung durch Schub beantragen. Die Gemeinde aber kann sich weigern, ihm die notwendigen Legitimationes zum Zweck der Wanderschaft auszufertigen. – Doch dies nur nebenbei. – Die beiden Zeugen sind entlassen, – der Angeklagte wird abgeführt!«

Damit war das Verhör beendigt, und ich wurde in einen andern Teil des Gebäudes gebracht und in eine helle Kammer eingeschlossen, bis mich aufs neue einer holte und in einen Saal führte, da allerhand Leut, hohe und niedere, in Uniformen und Staatsröcken beieinandersaßen und standen.

Hier wurde also mein Fall noch einmal des langen und breiten durchgehechelt, der Magister, der Meister Birchmayer und mein Ziehbruder als Zeugen gehört und ich zu guter Letzt wegen Vergehens gegen die Landesgesetze zu einer Geldbuße von zehn Gulden verurteilt.

Darob mich neuer Schreck erfaßte, weilen ich ja keinen Kreuzer bei mir hatte und mein Meister, der Behringer, gewißlich ein guts Teil meiner Lohnung als Buß für mein unzeitigs Ausscheiden zurückbehielt.

Aber da trat mein Gönner und Fürsprecher, der Meister Eberhard vor, zog seine feine Börse und zahlte für mich die Buß; bat auch, man mög mich nunmehr freigeben, er würd schon für mein Unterkommen sorgen.

Noch war aber der Lackenschuster da; denn die Herren des Gerichts hatten sogleich ein Schreiben nach Sonnenreuth gehen lassen, und die Gerechtigkeit lief ihren Gang genau nach dem Buchstaben.

Allein, auch in dieser Not kam mir mein Gönner zu Hilf. Er gab Bürgschaft für mich, daß dem Lackenschuster gebüßt würde, was recht wär; und bat zugleich um Kundschaften für mich, die es mir möglich machten, in der Welt fortzukommen; darauf das Gericht nach einer Weil und nach geheimer Aussprach Ja und Amen sagte und mich freigab.

Meine Feder mags nicht beschreiben, wie froh und glückselig ich in jener Stund war! Konnt auch nicht anders, mußt noch eine Fürbitt einlegen für den Magister, der ja die wahre Ursach meiner Befreiung gewesen.

Hab nicht an Worten gespart und damit auch eins erreicht, daß er nämlich nicht dem peinlichen Gericht übergeben, sondern nur als ein Landstreicher nach Darmstadt expediert wurde, wo er aber leider nicht lang verblieb und eines Tags zu Berlin als ein Hochstapler ins Zuchthaus wanderte.

 << Kapitel 33  Kapitel 35 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.