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Mathias Bichler

Lena Christ: Mathias Bichler - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
booktitleMathias Bichler
authorLena Christ
year1989
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-11035-x
titleMathias Bichler
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1914
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Im Turm

Die Frau Meisterin hatte mir grad noch eine extrige Butterbretzel zu meinem Kaffeeweckl gelegt, nachdem ich ihr und dem Meister als erster einen guten Morgen gewunschen, da wurde draußen der schwere Türklopfer dreimal laut vernehmbar, und ins Haus traten zwei Gendarmen und ein Polizeidiener.

»Mit Verlaub, Meister Behringer!« sagte der Diener, da ihnen der Meister aufmachte. »Gut Morgen. – Haben was Fatals heut, – mit Respekt zu melden – ganz was Fatals. – Es soll nämlich – mit Verlaub – in Euerm Haus ein ganz gefährliches Individium – respektive – Subjekt sein, ein Erzspitzbub, Einbrecher, Straßenräuber und – mit Respekt zu melden – ein ganz gemeingefährliches Galgenfutter!«

Sprachlos starrte mein Meister die drei an, indes die Meisterin einen schwachen Schrei ausstieß und mit dem Seufzer: »Heiland! I stirb!« ohnmächtig mir in den Arm sank, der ich doch selber vor Schreck und Entsetzen wie ein Halm im Sturmwind schwankte; denn ich hatte es im ersten Augenblick schon gewußt: die sind wegen deiner da, – jetzt kommt die Straf Gottes!

Ganz gebrochen und mit bebenden Händen half mir der fassungslose Meister seine Ehefrau aufs Kanapee legen und brachte nur die Worte heraus: »In mein Haus! – In mein Haus! – A Räuber in mein Haus!«

In diesem Augenblick kamen die Gesellen die Stiege herab, und einer um den andern trat in die Stube – starr und verwundert.

In jener Stund hab ich auch 's Beten vergessen und 's Wünschen; denn mein Schicksal schien mir besiegelt.

Jetzt ists aus, – sagte ich mir; – jetzt gehts dahin, und der Scharfrichter mißt dir jetzt gähend ein rots Halsbindl an, – anstatt daß d' ein Künstler wirst und ein großer Herr!

Und überlegte also nur noch, wie ich meinem Meister die große Kümmernis ein wenigs abnehmen und mir die Schand ersparen kunnt, so vor dem ganzen Haus in Ketten gelegt und verarretiert zu werden.

Nahm also meine Kraft zusammen und wandte mich an die Gendarmen: »Verschonts doch die armen Leut! – Kommts da raus, – ich will euch über alles Aussag geben!« Sie mußten mich für den Sohn des Hauses halten; denn sogleich gab der Diener den beiden Gendarmen einen Wink, befahl, daß jeder Gsell in der Stube bleibe, und folgte mir auf den Gang hinaus.

»Ihr kennt wohl alle, die hier in Arbeit stehen?« fragte er mich alsdann.

»Ja!« erwiderte ich bebend. »Nennt den Namen!«

Da kams auch schon wie die Posaun vom Jüngsten Tag: »Johannes Schröckh, Malergesell, geboren und katholisch getauft im Jänner des Jahres 1786 zu Traunstein in Baiern.«

Alles Blut war aus meinem Gesicht gewichen; eine Schwäche faßte mich, und ich mußte mich an das Stiegengeländer lehnen, um nicht zu sinken.

Und sagte weiter nichts, als: »Es stimmt schon; nehmts mi nur gleich mit! – Ich bin der Johannes Schröckh gewesen.«

Verblüfft sahen mich alle drei an; aber ich hielt ihnen meine Händ hin zum Fesseln und sagte: »Es ist schon so. Ich heiß zwar Mathias Bichler, – aber ich bin unter dem Namen Schröckh da in Arbeit gestanden. – Warum, – das kann ich euch nit sagen!«

»Das kann man glauben und nicht glauben!« meinte nun der Polizeidiener. »Da muß ich schon eine Gwißheit drüber kriegen!«

»Die sollts gleich haben!« erwiderte ich und wollte hinaufgehen in die Kammer, meinen Passierschein aus dem Ranzen zu holen.

Aber in eben dem Augenblick trat der Meister aus der Stube, blickte wild von einem zum andern und sagte endlich grollend: »Ihr werdts wohl irr gangen sein! – In mein Haus arbeiten bloß ehrliche Leut, – koane Spitzbuben! – Und jetz möcht i nachher wieder an Ruah in meiner Hütten! – Verstanden, meine Herrn! – I bin ein Bürger! – Ein Münchner Bürger! – Verstanden!«

»Ho, ho ho! Meister!« ließ sich da einer von den Gendarmen hören. »Teans Eahna fein net so auslassen! – Mir san die hohe Obrigkeit – und das Gesetz – verstanden! – Mir tean ganz einfach unser Pflicht – verstanden!«

»Jawohl – ganz richtig!« pflichtete ihm der Diener bei. »Vor dem Gsetz und der Polizei hat jeder zu schweigen! – Wie heißen Eure Gesellen? – Vor- und Zunamen!«

Der gute Meister zitterte noch immer vor Zorn, und seine Stimme klang heiser, als er sagte: »Meine Gselln? – Dees kinnts glei von jeden selber hörn! – I sags Euch nachher schon, obs stimmt!«

Da sagte ich noch einmal: »Ich heiß Johannes Schröckh und bin aus Traunstein. – Moaster, – stimmts?«

»Jawohl, Hansl, – du bist es schon!« erwiderte der gute Alte und sah mich schier zärtlich an. »Und was die andern betrifft, so derfts es grad fragn! – I geh!«

Und spuckte also giftig aus, murmelte einen Fluch und ging in die Werkstatt, indes aus der Stube das laute Durcheinanderreden der Gesellen und klägliches Weinen der Frau Meisterin vernehmbar ward.

Noch einmal hielt ich meine Hände hin; die Gendarmen schlossen mich in Ketten und führten mich ab, wie ich ging und stand.

Der Polizeidiener aber rief zur Stubentür hinein: »Ihr könnt an euer Gschäft gehn! – Wir sind fertig!«

Ging und schlug das Haustor hinter sich zu, daß es krachte.

Also ward ich als ein übler Verbrecher unter großem Zulauf des Volks durch die Gassen geführt und hinter der Kirch Sankt Peter in ein Gebäud und vor den Kriminalrichter gewiesen, der mir eine Stunde lang alle erdenklichen Kreuz- und Querfragen vorlegte, ohne doch was anderes zu erfahren als die Wahrheit, die ihn aber leider als die ärgste Lug dünkte.

»Schade!« sagte er am End ingrimmig. »Schade, daß wir die Folter nicht mehr so brauchen dürfen wie vordem! – Aber du wirst schon bekennen, wenn man dich morgen einmal ein wenig auf die lange Bank legt, – deine Glieder streckt und dir so ein zwanzig, dreißig Streiche gibt! – Ab jetzt – in die Keuchen! – Wir finden schon was, um dich zur Wahrheit zu bringen, – Bürschlein! – Deinen Kragen kostets dich so oder so! – Morgen kommst du in den Falkenturm!«

Worauf mich einer abführte und in die Keuchen des Ratsturms sperrte.

Da saß schon einer auf einem Schemel, hatte den Kopf in beide Hände gestützt und rührte sich nicht, da ich eintrat; wandte auch den Kopf nicht, als der Schürg zu ihm sagte: »He, da! bruet wohl wieder neue Bosheiten aus, der Gauner!« und ihm dazu einen Rippenstoß gab, worauf er brummend wieder hinausging und hinter uns abschloß.

Nun erst wandte der Gefangene langsam den Kopf und sah mich an; – aber da stieß ich einen Schrei aus: es war der Magister.

Auch er starrte mich ohne alle Fassung an, packte mich an den Armen und rief dann aus: »Mathiasl! Ja zum Teufel! Wie kommst denn du da rein?«

»Wie werd ich reinkommen sein!« sagte ich bitter. »Zwegn deine verfluchten Malefizfetzen! – Dein Herr Johannes Schröckh ist heut aufgabelt worden! – Das hab ich bloß dir zu verdanken, daß ich jetz dasitz in der Schand! – Der Richter redt gar schon von der Tortur, und daß s' mich köpfen wolln oder hängen!«

»Ach was, Unsinn! – Köpfen!« sagte der Magister. »Wenns bei mir weiter nichts wär, wie bei dir, so könnt ich billig lachen! – Dein Fall kann doch sofort geklärt werden! – Für was bin denn ich noch da! – Nur Kopf hoch und nicht gleich so verzwazelt sein! – Ich halt, was ich versprochen hab!«

Dies gab mir wieder etwas Hoffnung in mein traurigs Gemüt; auch wars mir trotz meines Grolls auf den Magister um vieles leichter, daß ich nicht ganz allein war in meiner Gefangenschaft; daher erschrak ich nicht wenig, als der Diener nach einer Weil wiederkam und den Magister fortholte; denn ich wähnte, man würde ihn jetzt wo anders unterbringen.

Eine große Beklemmung kam über mich, und ich lief ruhelos zwischen den grauen Wänden hin und her, betrachtete scheu die elende Lagerstatt im Eck und den Stein, darauf ein Wasserkrug stand.

Ein armselige vergittertes Fensterloch ließ kaum ein wenig Tageslicht durch seine blinde Scheibe herein, und ein Unratkübel verbreitete einen bestialischen Gestank in der winzigen Keuchen.

Mein Hirn brannte, und eine harte Angst schnürte mir die Brust zusammen, da ich der Drohung des Richters gedachte.

Nun wußten es die Gesellen und der Meister schon, daß ich der Verbrecher war, den die Schürgen geholt!

Und der Meister Eberhard, der Birchmayer, erfuhr es wohl auch bald!

Ach Gott! – Und alles bloß wegen dieses Leichtsinns! –

Wer weiß, was dieser Magister alles geliefert hatte, daß er hier saß! – Er wollt mir helfen! – Wie wollt er mir denn helfen? – Dem schenkte ja doch niemand Glauben!

Und dacht also dies und jenes, dacht zurück in der Zeit und Weil und war schließlich am End, da ich in jener Nacht aus dem Haus der Lackenschusterin, meiner Kathrein, entwichen war.

Da stieg es mir heiß auf; – ich ließ mich auf die hölzerne Lagerstatt fallen und weinte bitterlich.

Schäme mich annoch jetzund dieser Tränen nicht, da sie doch mein Herz erleichterten und meine Sinne willfährig machten einer tiefen Reu über alle Leichtfertigkeit meines Lebens.

In solcher Zerknirschung fand mich nach einer geraumen Weil der Magister, als er wieder in das Loch gebracht wurde; und er verwunderte sich höchlich darüber, da es doch gar nicht schlecht um mich stünd, wie er meinte.

»Ich glaub gar, du flennst!« sagte er. »Möcht mich wohl schämen an deiner Stell, zu heulen! – Man hat mich geholt und mir befohlen, dich auszufragen über dein ganzes Leben, um dir die Tortur zu ersparen. – Ich werde mich also noch heut abends melden und über dich reden, wie sichs gehört. So. Und jetzt wird nimmer geheult! – Pfui Deibel!«

Er spuckte giftig an die Wand und sagte nach einer Weil vertraulich: »Habs auch nicht gut gemacht, mein Sach; hab einem Milchbauern seiner Kuh die Maulseuch abbeten wollen um zehn Taler. – Derweil zeigt mich der Hund an! – Weils nichts geholfen hat! – Jetzt kann ich zehn Tag brummen und darnach die Staup kriegen!«

Nach Verlauf etlicher Stunden ward ich abermals vor den Richter gestellt und mit vielen und beweglichen Worten ermahnt, doch zu gestehen: daß ich erstlich wirklich der Johannes Schröckh sei, zweitens, daß ich drüben bei Augsburg einem Handelsmann seine Barschaft geraubt und ihn durch Schläge mißhandelt und drittens das Gewölb eines Geschmeidhändlers erbrochen und ausgeraubt hätte.

Und da ich auf meinen alten Angaben, also bei der Wahrheit, bestehen blieb, ließ der würdige alte Herr einen Schreiber kommen, der mir den Gang der Tortur von einem Bogen Pergament ablesen mußte.

»Ist jemand vor dem Gesetz hinreichend verdächtig«, begann er, »ein Verbrechen begangen zu haben, und laugnet trotz aller Ermahnungen, so muß mit ihm zur üblichen Tortur geschritten werden.

Diese besteht darin: daß erstens der Verdächtige in die Torturkammer geführt werde.

Hier sind alle Wände ganz schwarz, rings mit Lichtern behangen, der Raum überall mit peinlichen Werkzeugen vollgestellt, so daß das Auge des Verbrechers keinen Ruhepunkt findet. – Nichts als Martergeräte.

Dort wird er ausgekleidet, ihm das Torturhemd, welches rückwärts offen ist, angelegt, und er auf die Streckbank geworfen, Händ und Füß mit Stricken angebunden und sein Leib auf alle Weis gedehnt und gestrecket.

Darnach dreißig harte Streiche mit der Rueten gegeben, daß ihm das Fleisch vom Gebein fallet.

So das nicht nützet und der Verbrecher noch laugnet, zweitens:

Den folgenden Tag Wiederholung der ersten Tortur, doch diesmal sechzig Streiche mit der Rueten.

Bekennt er auch dann nicht, so wird er: drittens, über Nacht in einen eisernen Leibring gespannt, die Händ in eiserne Handschuh gestecket und den dritten Tag also vorbereitet in die Marterkammer geführt, vom Nachrichter in den Stachelstuhl geworfen, daß sich die eisernen Zinken ins Fleisch bohren, und darnach sechzig Streiche.

Hierauf werden ihm die Daumen und großen Zehen kreuzweis mit Schnüren gebunden und eine Walze voll eiserner Spitzen unter die auf den Rucken gebundenen Arme geschoben; alsdann schnellet der Nachrichter von Zeit zu Zeit an den Schnüren, daß es den Körper heftig durchzuckt.

Dazwischen noch einmal sechzig bis siebenzig Streiche, dabei aber der Medikus Acht haben soll, ob der Verbrecher solches ohne Gefahr des Lebens bis zum End vertrage.«

Also las der Schreiber dies erschreckliche Schriftstück, dabei mich ein kalter Schauer schüttelte und ich für eine Weil die Sprach verlor.

In solchem elendigen Zustand fragte mich nun der Richter aufs neue, ob ich der besagte Johannes Schröckh sei oder nicht.

Da sagte ich noch: »Bei Gott, nein! – Mathias Bichler...«

Dann fiel ich wie ein Klotz zur Erden und wurde ohnmächtig in die Keuchen und zu dem Magister verbracht.

Der bebte vor Zorn, da ich wieder zu mir kam, und versicherte mir hoch und heilig, daß er mich retten wollt um jeden Preis.

Und da der Mittag kam und wir ein Schüsselchen Suppe zur Mahlzeit erhielten, sagte er zum Schürgen: »Sagt dem Richter, ich hätt was zu melden.«

Dann forschte er mein ganzes Leben aus mir heraus, nannte besonders die Namen des Lackenschusters und des Meisters Eberhard Birchmayer etwan zwanzigmal und wiederholte das, was ich ihm erzählt, so lange halblaut, bis er zum Richter geholt wurde, daselbst er leichtlich eine Stunde verblieb.

Hab eine harte Weil gehabt in jener Stund und billig unsers Herrn gedacht und seiner Not, da er vor seinem Sterben am Ölberg kniete und Blut schwitzte.

Und es kam mir wieder das alte Gebet auf die Lippen, das meine Ziehmutter, die Weidhoferin selig, jeden Donnerstag beim Nachtläuten gebetet hatte:

O du liebster Herr Jesu Christ,
Traurig zum Ölberg gangen bist;
Denn du erkanntest in deinem Herzen,
Daß du leiden müssest große Schmerzen,
Den Vater batest mit Begier,
Daß er nähm den Kelch von dir.
Vor Todesangst war dir so heiß,
Daß dir ausging der blutge Schweiß;
Und als du solchen überwunden,
Hast deine Jünger schlafend funden.
Als sie vor Traurigkeit dalagen,
Tätst du mit großer Liebe sagen:
Wachen und beten sollet ihr,
Daß keine Versuchung euch verführ!
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