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Mathias Bichler

Lena Christ: Mathias Bichler - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleMathias Bichler
authorLena Christ
year1989
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-11035-x
titleMathias Bichler
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1914
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Er stammte aus gutem Hause und war der Sohn eines rheinischen Gutsbesitzers. Die harte Zucht im elterlichen Haus ließ ihn schon als vierzehnjährigen Knaben den Entschluß fassen, heimlich davonzugehen. Er packte also einen Anzug, Geld und sonstige notwendige Dinge zusammen, versteckte den Pack in einem alten Boot am Rheinufer und ließ nach solchen Vorbereitungen noch einige Zeit verstreichen, ehe er verschwand.

Man wähnte, daß er im Rhein beim Baden ertrunken wär, weil man nachher seine alten Kleider daselbst gefunden hatte, und ließ ihn aus der Liste der Lebenden streichen, dieweil er mit einem Kaufschiff rheinaufwärts fuhr und schließlich in Basel längeren Aufenthalt nahm, ein Student wurde und durch seine Geniestreiche bald unter der Burschenschaft großen Ruhms und Ansehens genoß.

Lebte also flott und in Saus und Braus, machte Schulden, bis ihm kein Mensch mehr borgte, und kehrte schließlich im Jahr 1790 als ein etwa fünfundzwanzigjähriger Studiosus der schönen Wissenschaften Basel den Rücken; doch nicht, ohne noch seine Hauswirtin, eine mannstolle Wittib, durch das Märchen, er sei als Hofrat zu der Fürstin von Taxis nach Regensburg beordert worden und brauche dazu Geld und anständige Kleider, um ein schöns Sümmchen Geldes zu prellen. Sie gab ihm willig fünfhundert Gulden, nachdem er sie seine liebe Braut genannt und ihr versprochen hatte, sie zur Frau Hofrätin zu machen.

Darnach zog er lange Zeit in der Welt herum, tat gar fein und anhabisch, so daß man ihn überall als einen großen Herrn mit Hochachtung und Ehrfurcht behandelte, bis er eines Tages unter Rücklassung großer Schulden und etlicher trauernder Mädchen wieder verschwand.

Im Jahr 1800, da er eben ohne jeden Kreuzer Gelds in der ärmlichen Dachstube einer Vorstadt Wiens saß, fiel ihm ein Gedicht in die Hände, das auf einem Fetzen Papier stand, darein ihm die Mamsell vom Krämerladen sein Stück Speck gewickelt hatte. Es war eine Lobhymne auf den großen Fritz, den Preußenkönig.

Sogleich ging er nun daran, etwas Ähnliches auf einen österreichischen Herzog zu machen, widmete es »Seiner Durchlaucht alleruntertänigst« und erhielt dafür von dem alten Herrn, der sich durch den schwülstigen Lobgesang nicht wenig geschmeichelt fühlte, ein ansehnliches Geldgeschenk, ein huldvolles Handschreiben und eine silberne Dose mit fürstlicher Widmung.

Da ihm also solches so wohl geglückt war, machte er das Lumpenstück sogleich auch in Deutschland und dichtete bald diesen, bald jenen hohen Herrn an; doch folgte dieser einen großen Auszeichnung leider keine zweite mehr, und die deutschen Fürsten hatten höchstens einen Ordensstern oder ein paar trockene Dankesworte für ihn.

Noch einmal kehrte er nach Wien zurück, empfahl sich aber nach verschiedenen Streichen bald wieder, und schließlich erwischte ihn die Polizei, als er eben ohne Bezahlung seiner Zechschuld aus einem Gasthof zu Nürnberg verschwinden wollte.

Im Polizeigewahrsam hingen sich bald etliche zünftige Gauner an ihn; er lernte ihre welsche Sprache, und nachdem er wieder in Freiheit gesetzt war, zog er mit allerhand reisendem Gesindel durch die Gaue, um sich schließlich doch wieder von ihnen zu trennen.

Und so war er am End bis in die Berge gekommen und hatte in der Gegend von Kufstein den Bäcker und meinen Ziehbruder getroffen, mit denen er nun der Münchnerstadt zu wollte, um daselbst als Schreiber irgendwo unterzukommen.

Also tappte ich mit ihm und den beiden andern dahin, indes die Felder kahl wurden, die Obstbäume überall voll schwerer Früchte hingen und ein scharfer Wind durch die Äste der fahlen Buchen und Birken strich und auch uns durch die leichte Kluft fuhr.

Aus den Scheunen aber erscholl wieder das gleichmäßige Lied der Drischeln und gemahnte mich an jene glückhaften Tage im Weidhof, also daß ich gemach immer stiller wurd und im Innersten meines Herzens ein tiefes Weh nach jener Zeit und Weil verspürte.

Da schickte es sich, daß wir eines Abends so um Kirchweih durch ein größeres Bauerndorf nahe bei Ebersberg zogen und daselbst um Speis und Nachtquartier herumbettelten, als ein großmächtiger Blachenwagen aus dem Schupfen eines Wirtshauses gezogen, mit allerhand Kisten, Körben und Säcken beladen und mit zwei starken Rössern bespannt wurde.

Der Magister war sogleich zu dem Fuhrknecht hingegangen, sah ihm eine Weil zu und fragte ihn dann herablassend: »Wo aus noch mit der Fuhr, lieber Freund?«

Darauf der Bursch, ohne aufzuschauen, erwiderte: »Auf Münga. – Dös is 's Botenfuhrwerk.«

Nun stand der Magister noch eine Zeit, ohne ein Wort zu reden, sah dem andern beim Eingeschirren zu und wandte sich darnach an uns, die wir gleich ihm um das Fuhrwerk herumstanden.

»Ihr wollt wohl auch nach München?« fragte er uns scheinbar neugierig.

»Freilich wohl!« erwiderten wir frisch und machten, daß uns der Knecht plötzlich erstaunt und mißtrauisch ansah.

»Nix da!« sagte er unwirsch; »da kunnt jeder kommen und mitfahren wollen! – Habs nit mit solchen Gästen, wies ihr seids!«

»Das kann ich mir denken«, meinte der Magister halb lächelnd, halb mitleidig; »Ihr wollt halt auch nicht grad umsonst jeden fahren, der kommt. – Jawohl. – Da habt Ihr auch nicht so unrecht, lieber Mann! – Aber – wie wärs, wenn Ihr – natürlich gegen gutes Fahrgeld – mich mitnehmen würdet? – Ich habe droben beim Herrn Pfarrer amtshalber zu tun gehabt und hab leider die Post versäumt.«

Er tat, als sähe er auf seine Taschenuhr, dabei er doch nur eine Zwiebel an dem Band hängen hatte, und wiederholte: »Jawohl. – Leider. – Viel zu spät!«

Der Knecht geschirrte ruhig weiter, indes er ab und zu einen schnellen Blick auf den Magister warf und gleichmütig sagte: »So – beim Herr Pfarrer, sagts! – Mhm. – Ja, müaßts halt aufsitzen, wanns Euch nit z' hart is. – Mhm. – Dees kost nachher nit viel für Euch... Dees wißts ja selber!...«

Da zog der Magister mit fürnehmer Gebärde einen Gulden, den letzten, den er noch hatte, aus dem Sack und hielt ihn dem Knecht hin.

Der aber wollt von solchem reichen Fuhrlohn nichts wissen: »Naa, naa, gnädiger Herr!« sagte er; »a so tean ma nit! Um dees fahr i ja den ganzen Pfarrhof bis auf Münga! – Naa, so viel nimm i nit o! – So viel scho überhaupts nit!«

Da blinzelte der Magister zu uns herüber und meinte gutherzig: »Ihr seid ein braver Kerl. – Aber ich will Euch was sagen: ich geb Euch den Gulden, und dafür erbarmt Ihr Euch über die armen Brüder da und nehmt sie um Gottswillen mit in die Stadt. – Ich werde nicht versäumen, dem Herrn Pfarrer von Eurer Gutherzigkeit zu schreiben!...«

Da lag er drin – der Gimpel! – »No ja«, sagte er wieder langsam und gleichmütig; »nachher laß i s' halt aufsitzen, die drei.- Aber i hoff, daß s' Enk koan Unmuß nit machen!«

Und wandte sich an uns: »Also – nachher kinnts scho aufhocken!«

Gab ihm also der Magister den Gulden, – der Knecht bedankte sich untertänigst, – und wir stiegen fröhlich ein und freuten uns über die Keckheit des Magisters.

Der aber ließ sich fein »Gnädiger Herr« titulieren, setzte sich auf die weiche Decke, die ihm der Knecht noch gegeben hatte, und wünschte sich und uns eine gute Reis, indes der ander draußen den Handgaul beim Zaum faßte, lustig mit der Geißel knallte und aus dem Dorf fuhr.

Unterwegs, da die Pferde gemächlich in der einbrechenden Nacht dahinstapften und der Knecht pfeifend und singend nebenherschritt, lachten wir noch viel über diesen wohlgelungenen Streich und lobten die Schlauheit des Magisters.

Der aber erwiderte schmunzelnd: »O, das ist noch gar nichts! Da hab ich früher schon feinere Stückln geliefert!«

Und erzählte uns also die verschiedensten Streiche, die er als Studiosus, als Reisender und als Vagabund schon ausgeführt.

So ging er einmal bei Sturm und Regen, ohne einen Knopf im Sack, hungrig und durstig der Stadt Wien zu und dachte darüber nach, wie er es anstellen möcht, daß er sich ohne größere Ausgaben einmal wieder ordentlich satt essen und seinen äußeren Menschen ein wenig vorteilhafter gestalten kunnt, als ihm etwas einfiel.

Er lief also eilends zum Tor hinein, indem er dem Wächter eins jener huldvollen Handschreiben aus fürstlicher Feder unter die Nase hielt und sagte: »Es eilt, mein Lieber! Seine Durchlaucht wollen mich sprechen!«

War also glücklich drinnen in der Stadt und begab sich sogleich in einen Gasthof, daselbst er ein Zimmer begehrte, den Brief mit dem herzoglichen Siegel vorwies und sagte: »Wenn seine Durchlaucht nach mir senden sollte, dann meldet, daß ich momentan unpäßlich sei. Ich werde in zwei, drei Tagen kommen!«

Fragte auch gleich, wann die Wechselbank geöffnet sei, und befahl, man möchte sofort nach einem Schneider und zwei Schustern schicken; denn er sei unterwegs in den Platzregen gekommen und hätte im Augenblick kein Gepäck bei sich.

Man beeilte sich sogleich respektvollste die Wünsche »Seiner Gnaden« zu erfüllen, wies ihm ein nobles Zimmer mit Kabinett an und bewirtete ihn reichlich; ja – der Besitzer des Gasthofs ließ ihm sogar ein Paar feiner Staatshosen, neue Strümpfe und trockene Wäsche bringen, damit dem »Herrn Baron« nichts Unpäßliches zustoße.

Nacheinander kamen nun die Meister, und er ließ sich einen feinen Anzug nebst zwei Paar Schuhen anmessen, sagte, daß er die Sachen bestimmt in zwei Tagen haben müßte, holte aus dem alten Rock die Briefe der Fürstlichkeiten und legte sie offen auf den Tisch; sein altes Gewand aber schenkte er einem Armen.

Am übernächsten Tag kam zur bestimmten Stunde erst der Schneider; der Magister probierte die feinen Stücke und bemerkte, daß ihn die Hosen ziemlich spannten; darum sagte er: »Ich glaube, Ihr müßt die hintere Naht seichter nehmen, lieber Freund! Bedenket doch, daß ich als Gast des Herzogs viel Komplimente machen muß! – Aber bringt mir die Hosen ganz bestimmt um sechs Uhr wieder! – Den Rock und das Leibstück könnt Ihr hier lassen; – das paßt.«

Mit tiefen Verbeugungen verschwand der Schneider.

Nun trat der erste Schuster ein.

Sogleich probierte der Magister die fürnehmen Staatsschuhe und fand, daß ihn die linke kleine Zehe schmerze.

»Ach«, sagte er zu dem devot vor ihm knienden Meister; »Schlagt ihn doch noch zwei Stunden über den Leist, den linken! – Und um drei Uhr bringt Ihr ihn wieder; der andere paßt wie angegossen!«

Unter vielen Entschuldigungen ging der gute Mann, und gleich darauf erschien der andere Schuster.

Wieder probierte der Magister und gab den rechten Schuh mit dem Wunsch zurück, daß er noch ein wenig ausgeraspelt werden sollte; denn beim Auftreten steche ihn ein Stiften in die große Zehe. Doch müsse er den Schuh bestimmt bis zwei Uhr wieder haben, da er beim Herzog zur Tafel geladen sei.

»Gewiß, Euer Gnaden! – Schamster Diener!« sagte der Meister und ging.

Nun begab sich der Magister wohlausstaffiert hinab zum Wirt und fragte, ob die Bank jetzt offen sei, er müsse sich Geld holen.

»Jawohl, Herr Baron! Gerade gehts noch!« sagte der Wirt; »aber ich will Euer Gnaden doch lieber ein Pferd geben. Reiten geht schneller denn gehen, und der Bankportier kann ihn ja derweilen halten, den Gaul, bis Euer Gnaden fertig sind!«

Ließ also einen sauberen Fuchsen satteln, – und der Magister ritt fröhlichen Herzens zum Tor hinaus und bedauerte nur, daß er die Gesichter der Geprellten nicht mehr sehen konnte, wann sie es merkten, daß der Vogel ausgeflogen war mit ihren Federn. –

Unter solchen Erzählungen des Magisters waren wir schier die halbe Nacht gefahren, als uns endlich der Schlaf überfiel und wir uns auf die harten Kisten und Säcke streckten.

Da gab es dem Wagen plötzlich einen Ruck. Wir rissen die Augen auf, sahen uns schlaftrunken an und krochen dann neugierig unter der Blache hervor.

Da stand das Fuhrwerk vor dem Haus des Zolleinnehmers, und der Knecht klopfte eben ans Fenster des Beamten.

»Holla!« sagte da der Magister halblaut; »jetzt ists aber Zeit, daß wir verschwinden; sonst kommts auf, was ich für ein Vogel bin!«

Damit sprang er vom Wagen und rief dem Knecht zu: »Die armen Kerle suchen Arbeit; nun will ich sie einmal schnell zu meinem Vetter, dem Pfarrer von Maria Hilf, führen; der hat hübsch Holz zum Machen. – Also adjes, guter Freund! – Ich werde nicht versäumen!«

Der Knecht zog ehrfürchtig seine Haube und grüßte den Magister devot; wir aber liefen frisch dahin.

Es war ein schöner Morgen; über den Fluren und Wiesen lag ein glitzernder Reif, feine Nebel stiegen auf und nieder, und unter uns in einem Tal lag die Münchnerstadt wie ein Schattenriß mit ihren Türmen und Giebeln, Mauern und Zinnen.

Ein breites, dampfendes Wasser, das der Isarfluß war, floß rauschend zwischen herbstlich buntgefärbten Bäumen und Büschen dahin, und aus dem Nebelschleier ragten die mächtigen, grünlich schimmernden Kuppeln der Türme vom Dom unserer lieben Frau.

Glockengeläut tönte zu uns herüber, das Rufen und Juchzen der Flößer drang vom Fluß herauf, und allerhand Fuhrwerke und Leut bewegten sich auf den zwei Brucken, die unter uns über die Isar nach dem Tor der Münchnerstadt führten.

Also trabten wir den Rosenheimer Berg hinab, vorbei an niedern Häusern mit kleinen Gärten und geraniengeschmückten Fenstern, und schritten über die Brucken, darunter der Fluß mit wilden, grüngelben Wassern dahinfloß.

Vor dem Tor waren überall noch grüne Wiesen mit Schafherden; Gänse und Enten tummelten sich in Bächen, aus einer Kaserne ritten bunte Soldaten, im Wirtshaus zum Postgarten blies ein Postillon etliche Landlermelodien, und unter dem Isartor hobelte und schnitzte der Stadtwagner an der Deichsel einer fürstlichen Karosse; der Messerschmied daneben ließ die Funken von seinem Schleifstein sprühen, und ein Schlosser stieß eben seine glühende Eisenstange ins kalte Wasser und schlug und hämmerte sie zur kunstvollen Schnecke.

Vor dem Zollwächterhaus aber stand ein alter Soldat der Polizei, fragte nach unsern Papieren und machte, daß ich mich in diesem Augenblick elender fühlte als zu jener Stund, da ich alles verloren hatte.

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