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Mathias Bichler

Lena Christ: Mathias Bichler - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleMathias Bichler
authorLena Christ
year1989
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-11035-x
titleMathias Bichler
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1914
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Auf der Landstraße

Also stand ich an jenem Tag, es war im Erntemond des Jahres 1804, nachdenklich auf der Innbrucken und wußte nicht, wo aus und was tun, als drei Handwerksburschen die Straße daherzogen und fröhlich sangen:

»Steh auf, steh auf, du Handwerksgsell,
Die Zeit hast du verschlafen!
Die Vöglein singen im Grünen,
Die Fuhrleut tun schon blasen.

Was kümmert mich der Vögelein Sang
Und auch der Fuhrleut Blasen!
Ich bin ein fröhlicher Handwerksmann
Und ziehe meiner Straßen.

In der Schlossergassen im roten Hahn,
Da ist eine Herberg zu finden.
Da wollen wir singen und lustig sein,
Da wollen wir singen und trinken!«

Und da sie an mir vorüberkamen, tat einer einen hellen Juchschrei, eilte auf mich zu und schloß mich in seine Arme.

»Mathiasle!« schrie er; »ja, wie kommst denn du da her? – Willst etwan gar ins Wasser hupfen, daß d' so sinnierst?«

Eine heftige Freude durchfuhr mich: Es war mein Ziehbruder, der Fritz; und er lud mich ein, mit ihm und seinen Genossen durchs Bayerland und gegen die Münchnerstadt zu wandern.

Voll Verwunderung fragte ich ihn, wie er zu solcher Wanderschaft und in diese Kameradschaft käm – als Bauernknecht; da lachte er und sagte: »Zwegn der Kost, Bruderherz! Zwegn der Kost! – Allweil oa Suppen frißt der Bauer nit, dös woaßt ja selm! – No ja, – und dös ewige hausbacherne Brot – dös wachst oan am End aa zum Hals raus! –'s Zunftbrot schmeckt aa nit schlecht, sagt mein Freund, der Loabischmied!«

Zugleich rief er seinen zwei Genossen, die derweil langsam weitergegangen waren, nach: »He, Loabischmied! – He, Magister! – Geh, warts a wengl!«

Und indessen diese zögernd auf uns zukamen, hatte ich ihm mit wenig Worten meine Abenteuer berichtet und gesagt, daß ich gern mit ihm ginge, wenn ich nur etwelche Kundschaft oder einen Paß hätte.

Da ließ sich der älteste von den dreien, ein dicker, glattrasierter Mensch mit feinen Manieren, den sie Magister nannten, vernehmen: »Was? – Er möcht ein Pfiffges sein und durch die Märtine holchen, und hat keine Flebbe?«

Ich sah ihn wie ein blaues Wunder an und konnt mir gar nicht denken, was er meinte; doch der ander, der Bäcker oder Loabischmied, half mir drauf: »Ob du auch als Handwerksbursch durch die Märkt laufen willst, ohne daß du Briefe oder Papiere hast?«

Da sagte ich: »Ich hab noch nie ein Papier besessen; hab auch keins vonnöten gehabt auf meinen Reisen. – Wo kann man denn so was bekommen?«

»Auf der Polizei halt!« erwiderte mir der Fritz.

Der Magister aber wollt nicht viel davon wissen und brummelte: »Narr, einfältiger! Läßt den Kaffer zur Schmiere laufen! – Daß die grünen Hunde von mir Wind bekommen und mich einkasteln! Bist wohl verrückt – he!«

Dabei tat er ganz scheu und sah bald hinter sich, bald vor sich, ob nicht schon ein Schürge käme.

Die andern aber lachten und spotteten über seine Furcht, so daß er wieder munter wurde und mich, nachdem er gefragt, ob ich nichts am Kerbholz hätt, ebenfalls einlud, mitzugehen; für meine Papiere wolle er schon sorgen.

»Holch nur mit, Kotem!« sagte er; »brauchst nicht so grandig Bauser scheften! – Wir holchen jetzt durch die Mokum, fechten darnach in die Fede, achlen und schwächen grandig und josten uns darnach aufs Rauscher, bis die Glanzer unterholchen!«

Ich konnte ihn wieder auf keine Weise verstehen und fragte den Fritz, was der Gsell damit gemeint hätt und was das für eine seltsame Sprache wär.

»Das ist welsch«, sagte mein Ziehbruder. »Das versteht bloß der, welcher uns wohl gesinnt ist; für die andern ist die Sprach ausländisch. Ganz ausländisch. – Also, daß du's weißt: er meint, du sollst nur mitgehen, Kind, und nicht so viel Angst haben! – Wir gehen in die Stadt, betteln, und darnach in die Herberg, essen und trinken tüchtig und legen uns darnach aufs Stroh, bis die Stern untergehn. – Ich versteh ihn ganz gut; aber selber komm ich noch nicht bsunder zrecht mit dem Zeugs!«

»So ists auch bei mir«, fiel ihm der Bäcker ins Wort; »verstehen tu ich ihn gut, den Magister; – aber mit dem Nachsagen – da hats seinen Haken!«

»Nur Geduld!« sagte da der Magister väterlich; »Ihr lernts noch bald genug. Aber vor dem Bürschl da will ich wieder eine Weil deutsch parlen. – Wie heißt er denn, der Kaffer?«

»Mathias«, erwiderte ich; »Mathias Bichler.«

»Seine Profession?« fragte er weiter.

Ich kunnt ihm nichts antworten; denn was verstand ich zu der Zeit von solchen fremdklingenden Namen!

Dafür gab ihm der Fritz den Bescheid, daß ich gleich ihm bei den Bauern gearbeitet hätt und zuletzt bei einem Maler gewesen wär.

»Das ist schon eher was Zünftigs«, meinte auf diesen Bericht hin der Magister; »als Malergsell kann er die ganze Welt durchplatteln! – Kein Teufel schert sich drum! – Bloß muß er hie und da so dergleichen tun, als möcht er gern schanzen. – Braucht ja nicht lang bei einem Meister zu bleiben, wenn ihm grad ein Haar oder sonst was Unlustigs in die Suppen käm. – Aber jetzt wollen wir wieder eins singen, daß die Leut ein gerührts Herz kriegen für uns arme Mucken!«

Damit stimmte er ein frisches Burschenlied an, und wir zogen alle vier durch die Gassen dahin und walzten also den ganzen Tag bis zum Abend durch die ganze Rosenheimerstadt als vier arme, reisende Handwerksburschen und sprachen bald hier, bald da um Arbeit zu; darauf dann die Frau Meisterin oder der Meister in die Tasche griff und einen Zehrkreuzer herfürzog.

Waren eine saubere Gesellschaft, wir vier: der bleiche Loabischmied mit seiner mehlbestäubten Ballonhaube und dem fadenscheinigen Habit, – der Fritz in seinem blauen Fuhrknechtskittel und dem federgeschmückten Spitzhut, – der leichtlich seine vierzig Jahr alte, feiste Magister in seiner städtischen Gewandung, seidenen Strümpfen und dem abgeschabten Dreispitz, den er weit ins Gesicht setzte, ein feins spanischs Rohr in der Hand und ein mageres Felleisen umgehängt; – und dazu ich armseliger, kurzgestiefelter Zwack, der in der gleichen Zeit, da die andern einen Schritt machten, leichtlich seine drei haxelte.

Wo wir gingen, liefen Kinder hinter uns drein und reichten uns kleine Päcklein mit Kupfermünz; Männer nickten uns wohlwollend zu, und die Weiber und jungen Mädchen sahen neugierig aus den Häusern und blickten uns lange nach.

Abends machten wir endlich vor einem grauen, verwitterten Hause halt, und der Magister führte uns durch einen dunklen Gang in ein niederes Lokal, das von Rauch und Qualm, von Lärmen und Geschrei erfüllt war.

Bei unserm Eintreten wandten sich die meisten der an langen, schmutzigen Tischen sitzenden Gäste blitzschnell nach uns um; etliche zogen sich eilends in einen dämmerigen Winkel hinter dem mächtigen Ofen zurück und blickten scheu und forschend nach uns.

Der Magister aber begann sogleich, diesen oder jenen in seiner welschen Sprache zu begrüßen, schob uns eine Bank zurecht und verlangte vom Herbergsvater befehlend Speis und Trank.

Warf auch gleich einen Gulden auf den zinnernen Teller am Schanktisch und begehrte ein Nachtlager für alle vier. Der Wirt, ein buckliger, alter Tropf mit rinnenden Augen und langen Krallen an den Fingern, kam schlürfend in einem schmierigen Leinenkittel aus seinem Verschlag und stellte jedem von uns ein Glas Branntwein hin, langte einen Brotlaib aus dem Wandschrank und sagte: »Was is gfällig, meine lieben Leut? – Frische Gselchte hab i, oder Fleischknödl; a Voressen oder a Bröckerl Käs is aa no da. – Geht wohl so alles auf eine Rechnung, Herr Magister?«

»Aber freilich, Vater Kaspar!« rief da der Gsell; »solang wir grandig Kis scheften, ist jeder unser Brißger!«

Da stieß mich der Bäcker an: »Hast es ghört, Hiasl! Solange er hübsch Geld hat, sagt er, ist jeder sein Bruder! – Alle Hochachtung vor unserm Kameraden! – Alle Hochachtung!«

Mein Ziehbruder, der Fritz, aber sagte gar nichts, betrachtete die Gesichter der Burschen, die hier herumsaßen und standen, aßen und tranken, schwatzten, würfelten oder sich sonst unterhielten, und aß darnach mit gutem Hunger etliche Würste.

Also tat ich auch desgleichen, nachdem ich noch jedem gesagt hatte, daß ich ganz ohne Kreuzer Gelds wär; darauf aber alle drei nur ein lustigs Lachen hören ließen und mich ermahnten, gut zuzugreifen.

Nach solchem Mahl reckte der Magister behaglich seine Beine unter den Tisch, zündete sich eine kurze Pfeife an und schloß die Augen; doch verlor er kein Wort der Unterhaltung und gab jedem, der über den Tisch was fragte, sogleich Bescheid.

Da schwirrten die welschen Reden durchs Lokal, daß selbst meine Kameraden Müh hatten, sie zu verstehen und mir zu verdeutschen.

Endlich aber wurden wir müd und ließen uns das Nachtlager zeigen, dabei uns der Magister noch wohl ermahnte, nichts von Wert unverwahrt liegen zu lassen; so ein lakerer Koluf hätt seine Scheinling die ganze Zeit über bei uns herüben gehabt. Was soviel bedeuten sollt, als daß so ein falscher Hund seine Augen auf unsere Ranzen geworfen hätte.

Also legte jeder sein Sach unters Haupt, und ich konnt nicht umhin, einen Stoßseufzer zu unserer lieben Frau vom Birkenstein zu schicken, ehe ich die Glieder streckte und entschlief.

Hab nicht gar bsunder wohl geruht, die selbige Nacht; denn da wimmelte es in meinem Strohsack von allerlei Getier, so daß ich den andern Morgen am ganzen Leib voller Binkel und roter Fladen war und mir vor Jucken und Beißen kaum mehr zu helfen wußte.

Wär auch gern in ein Schaff kalts Wasser gesprungen, um mich darin eine Weil zu baden, eh ich wieder in meinen Habit schloff; das aber leider nicht geschehen kunnt, weil bloß ein armseligs Näpflein für alle Gäst bereit stand zum Waschen.

Waren ihrer nicht allzu viel, die sich in der trüben Brüh abwuschen, und der Magister riet mir, auch damit zu warten, bis wir unterwegs ein Orts einen Bach fänden; denn für Krätz und Läus sei ich noch zu jung. Die wären besser für die älteren Lumpen und Strolche.

Darnach gab er mir insgeheim ein schmals Büchlein und ein Päcklein Papiere, indem er sagte: »Hab gut acht drauf und weis sie nur vor, wanns gar nicht anders geht! Ich hab sie gestern noch für dich eingehandelt!«

Ich besah mir die Papiere darnach an einem geheimen Ort und erschrak nicht wenig, als ich las, daß ich der zwanzigjährige Malergesell Johannes Schröckh aus Traunstein sein sollt.

Ging also hinein und sagte zum Magister: »Ihr müßt Euch geirrt haben! Ich heiß Mathias Bichler und bin aus...«

Aber der alt Spitzbub hielt mir sogleich das Maul zu und fuhr mich halblaut an: »Haarbogen, dummer! – Halt dein Bonum! – Sei froh, daß du überhaupt was bist! – Ohne Kundschaft kommst du nicht weit im Land herum, das merk dir! – Da werden sie dich bald krank zopfen, und du kannst etliche Wochen hinter Schloß und Riegel brummen. – Oder sie fegen dich aus und schieben dich nach dem Nest ab, aus dem du stammst! – Die werden ja schauen, wenn du wieder kommst als ausgefegter Pfiffges!«

Damit ließ er mich stehen, ordnete sein Felleisen und mahnte den Bäcker und meinen Ziehbruder, die eine braune Zwiebelsuppe auslöffelten und Branntwein dazu tranken, zum Aufbruch.

»Avanti!« sagte er. »Schmust nicht lang; holcht, daß wir bald aus dem Bais und ins Flach stieben! – Mir ists, als sei die Schmier im Anzug! Ich habs nicht mit der kistigen Kontrolle!«

Da machten sich die beiden geschwind fertig, indessen ich einen harten Kampf mit mir ausfocht, ob ich sollt unter falschem Namen weiter wandern oder aber als der, welcher ich wirklich war, in Not und Elend kommen, von den Schürgen aufgegriffen und nach Sonnenreuth abgeschubt werden.

War mir gar nicht wohl bei solchem Überlegen, und ich hätt gern gewünscht, daß ich wieder bei dem alten Fegfeuer in dem Zigeunerwagen gesessen wär als ihr Sohn.

Aber in dem Augenblick faßte der Fritz meinen Arm, schüttelte mich und sagte: »Also, Hiasl, wannst mitwillst, mußt gleich gehen! Über eine Weil ists schon zu spät, – die Wach kommt um Sechse zum Visitieren!«

Da raffte ich mich auf, schnallte mein Ränzel um und folgte ihnen, ohne mich noch viel zu bedenken; darüber der Magister sehr erfreut schien und mir bei allen Zufällen seine Hilfe versprach.

Also zogen wir hinaus zum Tor und dahin durchs Gau, kamen in allerlei Ortschaften, da man uns mißtrauisch betrachtete, die Häuser verriegelte oder aber uns scheltend von der Tür jagte; besuchten Dörfer und Märkte, daselbst einer oder der ander auf eine Zeit Arbeit und Lohnung fand oder von guten Bauern mit Zehrung reich versehen wurd, und hielten dabei fest zusammen als gute Kameraden, die gern und willig miteinander teilen, was sie haben; sei's nun Geld oder Speis, Quartier oder Unterstand, oder der magere Inhalt des Felleisens.

Der Magister insbesondere tat mit uns gar brüderlich; hatte auch immer Geld, oder, wie er es nannte, Kis, obgleich er am wenigsten sich plagte oder lange wo arbeitete.

Doch dacht ich auch über dies nicht viel nach und vertraute ihm als einem weitgereisten und welterfahrenen Mann, der mir zwar als ein Vagabundus, niemals aber als ein wirklicher Spitzbub fürkam und grad für mich eine schier zärtliche Neigung hegte.

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