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Mathias Bichler

Lena Christ: Mathias Bichler - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleMathias Bichler
authorLena Christ
year1989
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-11035-x
titleMathias Bichler
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1914
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Ein wüstes Durcheinander von Gedanken stürmte durch mein Hirn; ich rannte ohne Besinnen dahin und fand mich schließlich vor dem Tor des Stiefelwirts.

Da kam es über mich: Kehr um und geh wieder zum Vater Thomas! – Geh nimmer zurück zu der Komödiantenbrut! – Es ist ja unmöglich, daß diese grausliche Alte deine leibhaftige Mutter sein sollt!

Und schon war der Entschluß, wieder zum Bildlmacher zurückzukehren, nahezu in mir fest worden, als mich ein silberns Lachen aufschreckte, ein weicher Arm sich in den meinen schob und die Theatermamsell mit süßer Stimm sagte: »Ich bin dir nachgelaufen, ohne daß es die Alten wissen! – Ich möcht ein wenig allein sein mit dir! – Ich hab dich sehr lieb!«

Ei! Da fuhr ich herum! – Faßte sie bei den Händen, verdrehte meine Augen und war vor Seligkeit und Glück ganz närrisch!

Vergessen war der gut Thomas, vergessen die schreckliche Alte, die sich meine Mutter nannte; – ich hatte nur noch einen Gedanken: mit ihr zu gehen – bei ihr zu bleiben!

Und ich sagte mit vor Freuden zitternder Stimm: »Dirndl! – Gern habn tust mich! – Ja, Himmel Herrgott!... Geh! Wart nur grad a Weil, bis ich mein Ranzl hol; nachher ghör ich dein, so lang als d' mich magst!«

Lief also eilends hinein zum Wirt und fragte um mein Ränzlein. Der aber gab mir auch noch ein verschnürts Päcklein und sagte: »Das hat dir der Beham noch zruckglassen; wirst es wohl brauchen können, meint er! – Und 'n Auftrag soll ich dir noch ausrichten von ihm: Wannst wieder kimmst, hat er gsagt, bist da. Und was sein ghört, das ghört auch dein. Und viel Glück zu der Wanderschaft!« Ach, zu jeder anderen Zeit meines Lebens hätt ich eine solche Red wohl anders hingenommen denn jetzt! – Wär wohl mit beschämtem Herzen wieder eilends zurückgelaufen zu dem herzguten alten Vater und hätt gesagt: »Da bin ich wieder. Nimm mich wieder auf!«

Aber leider Gott war in diesem Augenblick der heilige Geist samt allen seinen Gnaden von mir gewichen, und ich, so voller närrischer Lieb zu der Mamsell, konnt dem Wirt nicht einmal einen gerechten Dank geben für seine Red, geschweige denn ein verständigs Werk vollbringen.

Mein Sinnen und Trachten ging nur noch auf den Besitz der feinen Jungfer, und ich gab mich schon dem Traum hin, mit ihr bald ein lieblichs Eheleben zu führen.

Also nickte ich bloß etlichemal mit dem Kopf, schob das Päcklein geschwind in den Ranzen, hing mir diesen um und lief mit kurzem Gruß hinaus zu dem Mädchen, das mich verwundert ansah und fragte: »Ist das alles, was du hast?«

»Nein, nein!« lachte ich voll Lust. »Hab schon noch was anders auch! – Dich!«

Und wollt sie also gleich auf offener Gassen an mich reißen.

Aber sie schien gar nicht mehr so liebreich wie ehvor und wehrte mir meine Narrheit mit gemessenem Ernst; doch folgte sie mir nach langem Sträuben zu der Steinbank hinter dem Friedhof, daselbst ich ihr sogleich das karmisinrote Seidentuch und auch das Büchlein als Verehrung gab.

Sie dankte mit kargen Worten und sah kaum drauf hin; und über eine Weil fragte sie, ohne mich anzusehen: »Bist du bloß ein Handwerksbursch? Hast du kein Geld?«

»Was? Kein Geld?« rief ich da protzig. »Geld grad gnug hab ich!«

Und zog meinen Beutel und ließ die Kreuzer scheppern. »Mir langts leicht, was ich hab, und für dich verdien ich schon was, wannst mitgehst mit mir!«

Damit steckte ich das Geld wieder ein und kramte in dem Ranzen.

Da griff ich das Päcklein vom Thomas und zog es eilig heraus, indes die Mamsell neugierig fragte: »Was ist denn da drin?«

»Ah, nix Bsunders!« erwiderte ich; denn obgleich ich mir selber gar nicht denken konnt, was es sei, so wollt ich mir doch nicht merken lassen, daß es ein Geschenk des Bildlmachers wär.

Doch öffnete ich es mit Hast und hatte im nächsten Augenblick harte Müh, einen lauten Schrei zu unterdrücken; in dem Päcklein lagen Gulden und Kreuzer, österreichisch und bayrische Münz, ein reichlicher Batzen, und dabei ein Zettel, darauf stand: »Gsegn dirs Gott und komm bald wieder.«

In meine Augen stieg es brennend heiß. Ich starrte auf das Geld und auf das Blättlein Papier und spürte ein Würgen im Hals. Da fuhr die Mamsell kichernd mit der feinen Hand in das Häuflein Münz und jubelte: »O, wie hell das klingt! – Wie ich mir so was wünschte! – Schenk mir doch ein paar von den herrlichen Stücken!«

Gedankenlos sah ich ihr zu und gab ihr etliche Gulden; dann schob ich alles seufzend in den Ranzen, indes ein Gefühl der Scham in mir heraufkroch.

Die Jungfer aber schlang plötzlich in heißer Zärtlichkeit ihre Arme um meinen Hals und schmiegte ihre weichen Wangen an mein Gesicht, gab mir allerhand Koseworte und tat so lieblich, daß ich gar bald alle Reu und Scham vergaß und mir wie verzaubert vorkam.

Und so hab ich leider Ursach, jene Zeit zu beklagen und ihrer mit Scham und Bitterkeit zu gedenken als einer Zeit der Schand und Untreu gegen meinen herzensguten alten Vater, den Thomas, gegen das Andenken meiner allerliebsten Zieheltern und gegen meine alleinige Lieb, die Kathrein.

Denn jene Dirn erschien mir so holdselig und tat so zärtlich mit mir, daß ich ihr willig folgte, als sie mich mit sich nahm zu ihren Leuten. Und also lebte ich gleich den Zigeunern in einer wilden Ehgemeinschaft mit dem Weibsbild, das mir gemeinsam mit jenem Ungeheuer, so sich meine Mutter nannte, meine Kreuzer bis zum letzten aus dem Sack zog und mir alle Ehr und alle Scham raubte.

Da wurd gezecht und gewürfelt Tag um Tag; wurde gewerkt und gelumpt in dem niedern Wagen, der dieser wandernden Komödiantenbrut Heimat und Besitz, Obdach und Elysium bedeutete; und hatte der Herr des Theaters den Segen eines Pfarrers nicht vonnöten gehabt in seiner Eh, so schien mir dieser noch weit weniger notwendig in meiner Liebschaft, die gegen fleißige Lohnung und Geschenke an die Alten von diesen stillschweigend geduldet wurde, bis mein Beutel endlich leer und damit meine Freigebigkeit zu End war.

Bis dahin aber galt ich überall als ein Mitglied der Komedie und hatte auch etliche leichte Rollen eingelernt, um bei vorkommender Untersuchung durch die Obrigkeit bestehen zu können; denn ich besaß weder einen Paß noch sonst Kundschaft, die mich hätten nötigenfalls ausweisen oder empfehlen können.

Im übrigen aber war ich jetzund der Sohn des Theaterweibs und passierte als solcher unangefochten die Tore der Städte, darin wir spielten.

Somit kam ich also in dieser Zeit gar weit umher und lernte viele Orte kennen, wie: Linz, Innsbruck, Salzburg, Rosenheim, Wasserburg und andere; daselbst wir aber überall nur kurze Zeit verweilten und stets nur drei Komödien aufführten; die vom schönen Kätherlein, eine andere, die den Titel hatte: Bodo und Siglinde, oder das Zauberbild, und eine vom armen Heinrich und der Goldelse.

Nun mocht ich also leichtlich ein halbes Jahr in solchem Lumpenleben zugebracht haben, als meine Buhlin eines Tags in der Früh, da wir eben zu Rosenheim im Wirtshaus zur Sonne den Tanzsaal in ein Theater umwandelten, nicht wie sonst lachend und scherzend um mich herumtanzte, vielmehr sich mißmutig über meine traurige Gestalt, meine Mittellosigkeit und bäuerische Art beklagte, endlich hinauslief und den Tag über kaum mehr sichtbar ward.

Und da wir abends vor dichtgefüllten Bänken wieder das schöne Kätherlein spielten und also die Stelle kam, wo sie nach den Zaubereien des Zaranka mit ihrer Mutter wieder auf den Brettern erscheinen sollte, da warteten sie alle vergeblich: die Mutter, der Kupferschmied und die Zuschauer. Das Kätherlein, oder, wie sie sonsten hieß, Liane, blieb verschwunden; Zaranka aber verschwand gleichfalls zu dieser Stund.

Mit Müh und Not brachten wir einen kläglichen Schluß der Komödie zustande und durchsuchten darnach alle Winkel des Wirtshauses und des Wagens nach den beiden, doch vergebens.

Und den andern Morgen fand der Direktor auch den Platz in seinem Strohsack, da sonst seine Geldtruhe lag, leer.

Eine furchtbare Aufregung folgte, und nachdem er und die Alte, die Mutter zu nennen ich annoch heut nicht vermag, genugsam getobt und geplärrt hatten, verlangten sie von mir zwanzig Gulden als Notgeld.

Und da ich ihnen nicht beispringen konnt aus dem einen Grund, weil ich selber nichts mehr hatte, so fielen sie beide mit groben Schmähreden über mich her, und die Alte schrie: »Bist du auch noch ein Sohn deiner Mutter! Läßst mich im Unglück hängen wie jener Hund, dein Vater! – Marsch, sag ich! Fort aus meinen Augen! – Entweder du bringst das Frauenzimmer wieder, oder aber zwanzig Gulden! – Möcht doch wissen, wofür ich einen Sohn habe wenn er mir nichts zu Lieb tut!«

Mußt also mein Ränzl wieder umschnallen und nach dem Stecken greifen, dabei mir aber trotz aller Traurigkeit ein gar kurzweiligs Sprüchlein einfiel:

Lustig ists auf der Welt,
Ham die Herrn aa koa Geld,
Is für mi aa koa Schad,
Wann i koans hab!
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