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Mathias Bichler

Lena Christ: Mathias Bichler - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleMathias Bichler
authorLena Christ
year1989
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-11035-x
titleMathias Bichler
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1914
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Falsche Lieb

Ein harter Schlag von der Pratze des Bären, der auf dem Markt getanzt hatte und mir nun in meinen Träumen die liebliche Jungfer aus der Komödie, da ich sie eben in meinen Armen hielt, rauben wollt, schreckte mich aus meinem tiefen Schlaf auf, und ich wehrte mit beiden Händen ab, indes mich eine scheltende Stimm noch vollends munter machte.

Da blickte ich in das zornrote Gesicht des Burschen, der mich ehvor zum Besuch der Komödie verführt hatte und mir nun seinen Fuß grimmig in die Seite stieß, also daß ich mit einem Schrei in die Höhe fuhr und nicht übel Lust hatte, ihm etliche zu wischen.

Der aber plärrte: »Hat einer so was schon erlebt! – Liegt der Wicht am hellichten Nachmittag da auf den kostbaren Gewändern und schnarcht wie eine Baumsäg! – Ob er wohl auf und davon gehen will, bevor ich ihm Füße mach, dem Halunken! – Hat wohl stehlen wollen, he! – Ha! – Gewiß hat er stehlen wollen! – Aber wart, Bürschlein! Mein Alter wird dirs austreiben, das Stibitzen!«

Sprachlos stand ich da und wußte nur, daß er vom Nachmittag gesprochen hatte. –

Ja, Himmel! – Es war doch wohl noch nicht schon am andern Tag? – Aber, – die Nacht fiel mir ein, – es war ja schon zwölf Uhr gewesen, da ich ans Fortgehen gedacht hatte! – O, die verfluchte Komödie! – Was mocht der gut alt Thomas jetzt von mir denken! – Dacht wohl, daß er recht gehabt hätt mit seiner Meinung, ich wollt von ihm weg für immer! – Wie konnt nur dies einschichtige, rothaarige Weibsbild, diese Theatermamsell, meine Sinne so verwirren!

Aber indem ich noch so dachte, trat das Mädchen eben durch die niedere Tür ein und sah mich verwundert an.

»Ei!« rief sie aus; »hast du einen Besuch hier, Joschka?«

»Was Besuch!« erwiderte da der Bursch grimmig; »wär mir ein sauberer Besuch das! Schleicht sich bei Nacht und Dunkel ins Haus und will stehlen!«

Und da ich auffahren wollte, plärrte er mich an: »Was! Willst es noch leugnen? – Hab ich dich nicht erwischt mit dem teuern Mantel der Donna hier!«

Erschrocken fragte diese mit einem entsetzten Blick auf mich: »Wie sagst du? Meinen blauen Mantel hat er...!«

»Glaubts doch nicht, Jungfer!« sagte ich bittend mit einem giftigen Blick auf den Kerl. »Er lügt Euch aufs Maul, so wahr Ihr hier steht! – Ich wollt ja nur bloß...« – Da hielt ich inne, indes mir eine heiße Flamme übers Gesicht fuhr: Ich mocht es doch nicht vor diesem Flegel sagen, daß ich bloß aus närrischer Lieb für sie hiergeblieben war!

Der ander aber schrie sogleich, kaum er mich erröten und stocken sah: »Ha! – Fällts dir nimmer ein, jetzt! – Hat dir wohl die Red verschlagen, he! Seht Ihrs nun, Donna! Es ist so, wie ich sagte: stehlen hat er wollen. – Aber ich will ihm schon Mores lernen! Gleich geh ich jetzt zum Alten! Gleich! – Auf der Stell!«

Wirklich ging er, indes die Jungfer ganz erstarrt dastand, das dunkelrote Samtkleid, in dem sie prangte, fest an sich raffte und ihre schwarzen Augen voll Verachtung über meine armselige Gestalt wandern ließ. Da nahm ich mir einen Anlauf und sagte ihr ganz wahrhaftig und einfach, daß sie mir viel gälte, weil sie meiner verlornen Kathrein so ähnlich sei, und daß ich sie in der Nacht gesucht hätte und dabei nicht mehr aus dem Saal gekonnt und also, da ich müd ward, auf ihrem Mantel geschlafen hätt. Bat sie auch gleich, sie mög für mich bitten, daß ich um sie bleiben dürft; denn ich kunnt nimmer von ihr lassen.

Ganz still hatte sie auf meine Red gemerkt und mir so die Schneid gegeben, ihr mein Herz zu offenbaren.

Nun lachte sie leise für sich hin und sagte zwischen Spott und Mitleiden: »So so; seine Kathrein hat er verloren! – Der arme Bub!«

Dazu maßen mich abermals ihre Blicke, daß ich mich unwillkürlich auf die Zehen stellte und meinen verkrüppelten Leib streckte, so gut ichs vermochte.

Nach einer Weil fragte sie: »Wem gehörst du denn?«

»Ich ghör gar niemand«, erwiderte ich; »Vater oder Mutter weiß ich keine, und die mich aufgezogen haben, sind tot.«

»Und wo kommst du jetzt her?« forschte sie weiter, indem sie mit einem ihrer langen Zöpfe spielte.

»Von Bayrischzell. Vom Bildlmacher Beham«, sagte ich.

Und plötzlich fiel mirs ein: Der hatte ja einen Haufen Verdingungen für Votivtafeln erhalten! – Ich hätt ja wieder Rahmen schneiden sollen! –

Aber in mir sagte eine Stimm gar trotzig: »Das macht nichts. Der hat ehvor auch niemanden gehabt, – also wird er jetzt auch fertig werden, allein.«

Und ich fuhr fort: »Aber ich bin mein eigener Herr und kann hin, wo ich mag. – Und jetz möcht ich halt gern bei Euch bleiben, wann ich Euch nit zwider bin.«

Indem ich noch redete, kam der Tropf schimpfend wieder zurück, gefolgt von dem erzürnten Herrn des Theaters und der keifenden Alten.

»Hat ein Mensch noch Worte!« schrie diese keuchend, und ihre Brust wogte unter dem schmierigen, schleißigen Seidenkittel, »kann man da noch reden! – Das ist ja eine himmelschreiende Bosheit! – Wo ist denn der Teufelsbraten!« Und sie fuhr wütend und mit den Armen fuchtelnd auf mich los, packte mich bei den Schultern und schüttelte mich, daß mir grün und schwarz vor den Augen wurde und ihr die aufgesteckten künstlichen Locken zu Boden fielen.

»Karnalje!« zischte sie dazu; »unverschämte Karnalje! Töten werd ich dich, wenn du nicht Buß gibst für die Büberei!«

Da fiel ihr die Jungfer bittend in den Arm: »Laßt ihn doch Frau Direktorin! Er hat eigentlich gar nichts Schlimmes vorgehabt, der Kleine! – Er hat mirs gesagt: Die Liebe zur Kunst hat ihn getrieben, – ein Spieler wollt er werden!«

»Wer's glaubt!« mischte sich der lose Schelm bissig drein und spaizte in weitem Bogen auf die Bühne.

Aber der Direktor sagte, kaum er die Red des Mädchens vernommen, geschwind, indem er mich lauernd ansah: »Liebe hat er, sagst du? – Zur Kunst, sagst du? – Wohl, wohl! – Soll nur mitfahren mit uns, wenn er will! – Kann ihn schon brauchen, den Krischbel!«

Langsam ließen mich die Fäuste der Alten los, langsam beruhigte sich ihre wogende Brust; sie griff nach ihrer Frisur und hob eilig die Locken vom Boden und steckte sie wieder zu dem eigenen, dünnen, schwarzen Haar, indem sie sagte: »Wenn du dich nur nicht täuschst, Fritz! – Wenn er nur nicht wieder so ein Galgenvogel ist wie der Heinz!«

Sie steckte eine Haarnadel zwischen die Zähne und wand ein herabhängendes Flitterband um den Schopf.

»Wo bist du her, und wie heißt du?« fragte sie mich scharf, die Zähne fest zusammenbeißend, daß ihr die Nadel nicht entfiel.

»Mathias Bichler aus Sonnenreuth«, sagte ich tonlos.

»Was sind deine Eltern?« forschte der Direktor weiter.

»Das weiß ich nicht. Hab s' nit kennt. – Hab nie epps ghört davon. Mein Ziehvater, der Meßmer von Sonnenreuth, hat wohl gwähnt, es kunnten Vagierende gwesen sein oder Gaukler. Aber nix Gwiß weiß niemand drüber. – Bin ja grad ein Glegter!«

»Wie ich gedacht hab, – ein Balg!« höhnte der Rotzlöffel hinter mir; aber die Mamsell verwies ihm sein Schmähen, und auch der Alte sagte: »Halt den Schnabel! – Der Bursch bleibt da!«

Die Frau Direktor aber starrte mich eine Weil wie entgeistert an, ihre Brust begann mit einem Mal, sich wieder stürmisch zu bewegen, und dann breitete sie plötzlich die Arme aus, zog mich an sich und rief unter Tränen mit schmelzender Stimme: »Er ists!... Mein Sohn!... Mein süßes Kind!«

Ei, Teufel! Hab mich wohl grausam gewunden wie ein Wurm, den eine alte Bruthenn aufgepickt hat und verschlingen will; hab auch eine Haut wie ein getupfter Gänserich an mir überlaufen verspürt vor Grausen und Abscheu. Aber die Alt ließ mich nimmer los und drückte meinen Kopf fest an ihren nach alter Lederschmier riechenden Kittel, bis der Herr Direktor und die Jungfer sich von ihrem Erstaunen so viel ermannt hatten, daß sie wieder Worte fanden und also ausriefen. »Sie ist verrückt! – Sie ist vom Verstand kommen!«

Da ließ sie mich seufzend los, die Alte, und schaute mit schwimmenden Augen zum Himmel, indem sie mit bebender Stimme sagte: »Redet nicht!... Ich hab mein Kind wieder!... Es ist kein Traum!... Er ist wahrhaftig mein Sohn!«

Und erzählte also eine gar abenteuerliche Geschichte von meiner Herkunft.

»Ach!« sagte sie und setzte sich auf einen Schemel hinter der Bühne. »Es ist furchtbar traurig gewesen. – Du hast ihn ja gekannt, den Alessandro, – nicht wahr, Fritz! – Also, ich war leider damals noch seine Frau; allerdings auch nicht mit dem Segen der Kirche – nur so durch die Umstände des Lebens bedingt; denn ich war zur selben Zeit seine Partnerin auf dem hohen Turmseil. – Ach ja! Damals war ich noch eine Schönheit! Die Männer liefen mir nach, wie die Katzen der Maus! – Weißt du, Fritz, – wenn ich so mit der größten Grazie...«

Sie stand auf und balancierte kokett auf dem Schemel.

»... so mit Noblesse auf der einen Seite des Seiles stand und Alessandro auf der andern, – und wir dann elegant und sicher aufeinander zukamen – aneinander vorbeiglitten – und wieder auseinandergingen über die schwanke Schnur, als wärs ein Spazierweg über die Wiese, – Fritz – ich sage dir, – da waren die Leute alle hin vor Verwunderung, und ein rasender Beifall erhob sich! – Ach ja! – Damals!...« Sie hockte sich wieder breit auf ihren Sitz.

»... Aber er war brutal! – Und er hat mich verführt! Und als ich dastand im Elend, da wollt er nichts mehr wissen von mir und dem armen Würmlein.«

Sie brach in Schluchzen aus und tupfte sich die Augen mit einem Zipfel ihres Kittels.

»... O! – Es war entsetzlich! – Er nahm mir das Kind aus meinen Armen, – er riß es von meiner Brust und trug es fort!...«

Sie sprang auf, indes die andern wortlos dastanden, umschlang mich abermals mit theatralischer Gebärde und rief in Verzückung aus: »Aber nun hab ich dich wieder! Mein Engel! Mein Kind! Mein liebster Sohn! – Nun wird dich keine Erdenmacht mehr von mir trennen können!«

Ich litt große Pein, machte mich von ihr los und wollte was erwidern; da aber die andern immer noch wie angenagelt auf ihrem Fleck standen und nicht wußten, wie sie sich verhalten sollten, blieb ich still.

Die Alte aber faßte sich schnell wieder und fragte nach einer Weile lauernd: »Leben sie noch, deine Zieheltern?«

Darauf ich stumm den Kopf schüttelte.

»Sie sind beide schon tot?« fragte sie. »Haben sie dir was vermacht? – Sie waren doch reich...«

Wieder schüttelte ich bloß den Kopf.

»So bist du ganz ohne Hab und Gut?« kams forschend von ihrem Mund.

»Nein«, sagte ich, ohne recht zu wollen; »ich hab schon ein bißl was.«

Da wollte sie mich abermals umarmen, indes mich die andern wie ein heiligs Bild begafften und die schöne Jungfer ganz nah zu mir trat und mich lieblich ansah; aber ich fuhr fort und sagte: »Drent beim Stiefelwirt hab ich mein Sach. Ich geh und werds holen.«

Und hörte also auf nichts mehr und lief geraden Wegs zur Tür hinaus auf die Gassen.

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