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Mathias Bichler

Lena Christ: Mathias Bichler - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitleMathias Bichler
authorLena Christ
year1989
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-11035-x
titleMathias Bichler
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1914
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Komedie

Gemach ging der Tag hin; um die Berge zogen dichte Nebelschwaden, und die Marktgäst zündeten ihre Laternen an und trieben ihr Vieh heim mit schwankendem Tritt und fröhlichem Sinn, da leichtlich ein jeder vermeinte, er hätt allein den besten Tausch und wohlfeilsten Kauf gemacht auf diesem Markt, und also in solcher Freud gutding seine sieben, acht Krüg hinabgoß, bis der Wirt eine qualmende Öllampe auf den Tisch stellte, die schwarze Holztafel an das trübe Licht hielt und jedem liebwerten Gast mit großer Bedauernis seine Strichlein abzählte und in Münz umrechnete. Darauf dann einer um den andern den gefalteten Lederbeutel zog und fluchend und kreißend die paar Kreuzer herausklaubte, den hagelbuchernen Stecken mit dem gefüllten Bschaidtüchl dran unter der Bank hervorholte und nach dem Stall schwankte. Also sein Stück Vieh mit Wohlgefallen belastete und tätschelte in dem Bewußtsein, seinen Hof damit um ein guts größer und ansehnlicher gemacht zu haben.

Mittlerweil hatten auch die Händler und Handwerker angefangen, ihre War wieder einzupacken und die Ständ abzubrechen; und ich ging zum Platz des alten Thomas, diesem dabei ein wenigs an die Hand zu gehen.

Doch der war schon lang fertig und dahin, und sein Nachbar, der Lebzelter, rief mir zu, indem er einen Arm voll süßer Herzen in eine Kiste legte: »Der Alt sitzt schon lang beim Stiefel drent! Wohl schon seit zwo Stund! – Der kann lachen! – Hat alls verkauft bis auf ein etliche paar Bildln!«

Da machte ich ihm meinen Dank für die Botschaft und ging darnach eilig hinab zum Hirschen, da schon ein feister Mensch mit blaugefrornem Gesicht und lustigen Augen unter der Haustür stand und jeden, der vorbeiging, anrief: »Treten Sie ein, Euer Gnaden! Kommen Sie herein zu dem weltberühmten und wunderbaren Komedienspiel!«

Und derselbe Bursch, dem ich die Anzeigung des Theaters verdankte, lief in einem vielfarbigen Flecklgewand auf mich zu, klapperte mit zwei blechernen Schüsseln, die mir reich mit Geld gefüllt schienen, und schrie: »Herein, wer noch Platz will! Der letzte Sessel ist nur noch frei! Treten Sie ein, Herr Graf! Die Komedie beginnt!«

Ja, sie begann wohl und gewiß in diesem Augenblick! Eilends zog ich meine fünf Kreuzer aus dem Sack und hielt sie dem Tropfen hin, der sie mit einer Mien und Gebärd annahm, als seien's lautere Goldstück gewesen.

Darauf schob er mich in den Hausgang; der Dicke wies mir eine Tür, und im nächsten Augenblick fand ich mich in einem dunklen Saal, darin wohl leichtlich ein fünfzig Bänk in Reihen aufgestellt waren; doch konnte ich keinen Sterbensmenschen ersehen und wollt fast an der Schwelle wieder umkehren, als ganz vorn im Saal, da ich im Dunkel einen großmächtigen Vorhang erkannte, lautes Schimpfen und Schreien, Trampeln und Hämmern vernehmlich wurde.

In diesem Augenblick brachte ein Knecht etliche Öllampen und hing sie rings an die mit papiernen Girlanden, Rehgeweihen und Schützenscheiben gezierten Wänd; den fragte ich, wo denn die Leut alle wären, welche hier die Komedie anhören wollten. Doch der Tropf lachte und sagte: »Die gehn draußen noch ein wenig Luft schnappen, bis daß's losgeht!«

Daraus ich leichtlich ersehen konnt, daß der Flecklnarr mich angeschmiert hatte mit seinen Sprüchen. Doch machte ich mir nun, da ich die Sach beim Licht betrachten konnt, nichts mehr draus, sondern setzte mich in eine Bank und besah die grellgemalten Nixen und Teufel auf dem Vorhang und hing dabei meinen Gedanken nach.

Da öffnete sich die Saaltür, und es kamen etliche Gäst: zwei junge Burschen mit ihren Maidlen, ein Bauer und eine alte Ringlmacherin vom Markt, die den Tag über wohl manchen Kreuzer von den Verliebten und Versprochenen gelöst hatte für ihre Ohrgehäng und Fingerring, Silberschnallen und Halsketten.

Nun kam auch ich wieder hervor und setzte mich ganz in die Mitte der ersten Bank und sah unverwandt auf ein dunkles Loch im Vorhang, durch das von Zeit zu Zeit ein glühendes Aug auf die Bänke starrte.

Gemach füllte sich der Saal, und ein lebhaftes Reden und Disputieren entspann sich auf allen Plätzen, bis plötzlich hinter dem Vorhang eine mißtönende Musik erklang, die Lichter verlöscht wurden und die Nixen und Teufel sich quiksend um eine hölzerne Rolle an der Decke des Saales wanden.

Alles war still, und ich schaute staunend in eine Landschaft aus gemalten Leinwandstreifen, darin sich seltsam gekleidete Menschen in magisch rotem Licht bewegten und eine wunderlich geschnörkelte Sprache redeten.

Alsbald begannen etliche, sich zu schlagen und mit ihren Degen zu durchbohren, dabei dann der leibhaftige Teufel auf die Bretter sprang, einen Juchschrei tat und die Leichen packte, mit denen er verschwand.

Nun erschien ein alter, feister Ritter und sagte, er wär der Kupferschmied und so stark, daß ihm kein Mensch widerstehen kunnt; tat auch gar gewaltig und schrie nach der Weinkanne.

Da kam eine liebliche Jungfrau in himmelblauem Gewand, mit langen, goldroten Haaren, trug eine schwere Zinnkanne und reichte sie dem Ritter mit zierlichen, sittsamen Worten.

Es war das schöne Kätherlein; mich aber bedünkte es in demselben Augenblick, meine Kathrein stünd mit Leib und Seel da vor mir auf den Brettern; und ein Seufzer stieg in mir herauf.

Da blickte mich die Jungfrau an, und es schien, als lächle sie ein wenig, darüber ich gählings rot und bleich wurd, auf meinem Sitz hin und her rückte und nicht geringe Lust verspürte, aufzuspringen und die Jungfrau an mich zu ziehen und zu halsen.

Doch ging derweil das Spiel seinen Gang; der berühmte Magister Zaranka erschien als Teufel mit einem roten Federhut und begann mit dem Kupferschmied ein Geplänkel und dessen Kraft zu spotten.

Die schöne Jungfrau ging hinaus, und der Kupferschmied geriet durch die spitzen Reden des Teufels also in die Hitze, daß er mit lauten Worten einen Eid schwur, er wolle mit ihm seine Kraft messen und ihn durch Sonn und Mond werfen; ja, er verwettete seine eigene Tochter, das Kätherlein, daß er mit dem roten Ritter wollt fertig werden.

Dabei mir ein kalter Schauer den Rücken hinabging; denn ich vermeint nicht anders, als gält es nun in Wahrheit Leib und Leben des Maidleins, das meiner Kathrein so sehr glich.

Der Rote nahm den Kampf wirklich an, und bald gings ans Ringen und Werfen, daß die Bretter krachten, die gemalten Bäume schwankten und die Weinkanne in den Saal herabkugelte, worauf ein lautes Lachen, Trampeln und Beifallsschreien in den Bänken anhub, das erst verstummte, als der Teufel plötzlich einen wilden Fluch ausstieß, einen Zauberspruch sagte und mit den haarigen, rotbeschuhten Füßen auf den Boden stampfte, worauf ein weißes Gespenst erschien, einen dicken Rauch und Dampf machte und hinter demselben mitsamt dem lautschreienden Kupferschmied verschwand.

Nun begann Zaranka allerhand Zauberkunststücke zu vollbringen und verwandelte schließlich auf offener Bühne, freilich wieder hinter einer undurchdringlichen Rauchwolke, einen dünnen Stab in den Kupferschmied.

In diesem Augenblick erschien wieder das schöne Kätherlein, gefolgt von einem alten, gelb und rot gekleideten, dicken Weib, das sich ihre Mutter nannte und mit keifender Stimme bald den roten Ritter, bald ihren Ehgemahl, den Schmied, anplärrte.

Hab nicht wohl aufgemerkt auf ihr Getue; vielmehr waren meine Blicke starr auf die Jungfer gerichtet, und mein Geist verglich sie Spann um Spann mit der jungen Lackenschusterin, meiner Kathrein.

Und immer mehr Bekanntes, immer mehr Wesensgleiches fand ich an der goldroten Jungfer; meine Sinne hingen an ihr, und mein Herz schlug laut vor Erregung.

Und da nun das Spiel zu End war und die Gäste lärmend den Saal verließen, da schlüpfte ich behend unter den mächtigen Kachelofen und hielt mich still, bis alle Lichter verlöscht und hinter dem herabgelassenen Vorhang alles ruhig geworden war.

Nun kroch ich langsam hervor und tastete mich an den Bänken entlang bis zur Bühne, da noch die Kanne am Boden lag und im Mondlicht glänzte.

Ich griff mit zitternder Hand und klopfendem Herzen an den Vorhang; er gab dem Druck nach, und ich hielt mein Ohr lauschend an den Spalt.

Nichts regte sich. Da schwang ich mich eilig hinauf, schlüpfte hindurch und stand also bei stockdunkler Nacht an der Stell, da ehvor die schöne Spielerin gewandelt war.

Noch hielt ich nach jedem Tritt inne und horchte; doch nichts war zu vernehmen als mein eigenes, ungestümes Atmen.

Da tastete ich mich an den gemalten Bäumen weiter und fiel im nächsten Augenblick von den Brettern hinab in einen knisternden, krachenden Korb, der ganz mit Kleidern und Stoffen gefüllt schien.

Ich hatte beim Sturz erschrocken nach einem Halt gegriffen und hielt nun einen dicken Strick in Händen, während es hinter mir plötzlich licht war. Und da ich mich in heftigem Schreck umwandte, sah ich, daß ich den Bühnenvorhang in die Höh gerissen hatte.

Zog also, nachdem ich ängstlich gelauscht, ob niemand meinen Fall gehört hätte, bedächtig am Strick weiter, dabei das Quiksen und Klappern der Rolle geisterhaft wie das Schreien der Nachteulen durch den matterhellten, leeren Raum hallte.

Die großmächtige, bleiche Mondscheibe ließ ihren Schein durch die gefrornen Fenster über die weißgescheuerten Bänke auf die gemalte Landschaft des Hintergrundes und die zerlumpten Teppiche der Bühne fallen und hob die Schatten der Gegenstände gespenstisch von der Helle ab.

Ich stand starr und hielt krampfhaft das Seil in den Händen, indes mich ein plötzliches Grauen schüttelte; und als es im selben Augenblick vom Sankt Veitsturm zwölf Uhr schlug und der Wächter draußen die Mitternacht anblies, da ließ ich gählings los, daß der Vorhang schnallend herabsauste.

Ich hatte genug von dem Abenteuer, und es verlangte mich zurück zu dem alten Thomas. Herrgott! – Was mocht der sich derweil über mein Ausbleiben denken!

Vergessen war der ganze Rausch und die feine Jungfer, und ich suchte nach einem Ausgang.

Doch alles war fest verschlossen, die Tür des Saales, die neben der Bühne und auch die Fenster.

Vergebens wandte ich alle Kraft an, lief bald im Saal von Fenster zu Fenster, sprang auf die Bühne und schlüpfte durch den Vorhang: ich konnt's nicht ändern.

In meiner Not begann ich zu rufen und zu schreien; aber kein Mensch hörte oder erschien.

Am End ward ich müd vom Schreien, ein Frost packte mich, und ich verlangte nach dem Schlaf.

Und da mein Fuß eben wieder an den Korb stieß, suchte ich nach einem warmen Stück, wickelte mich darein und legte mich in den hintersten Winkel der Bühne, da ich mir aus dem Inhalt des Korbs ein notdürftigs Lager bereitete.

Also ließ ich den Schlaf über mich kommen, hüllte mich fest in das weiche Stück, von dem ich wähnte, daß es der himmelblaue Mantel des schönen Kätherleins wär, und sagte nur noch gähnend: »Guate Nacht, Himmelvater!«, wie ich es von meiner seligen Ziehmutter gelernt hatte.

Dann entschlief ich.

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