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Mathias Bichler

Lena Christ: Mathias Bichler - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleMathias Bichler
authorLena Christ
year1989
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-11035-x
titleMathias Bichler
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1914
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Allerhand um fünf Kreuzer

Gemach wurd es nun in unserer Herberg auch lebendig; der eine hustete, der ander krigelte, der dritt seufzte, und der viert drehte sich raunzend um. Vor der Kammertür gings trab trab die Stiegen auf und ab, und die Stasi klopfte nach einer Weil und stellte eine Latern herein, indem sie rief : »Auf in Gotts Nam! Tagnen tut's gähend!«

Schob also einer nach dem andern die Zudeck zur Seiten; der eine seufzend, der ander fluchend, wie es halt grad in der Natur eines jeden lag, und fuhr jeder in die Hosen mit viel Gekreißte und Gestöhn.

Der alt Thomas hockte schon auf einem Bänklein und mühte sich mit Schelten und Schnaufen, die Füß in seine langen Rohrstiefel zu zwängen, als mir einfiel, daß ich jetzund wohl auch aufstehen müsse.

Kroch also fröstelnd unter meiner Deck heraus, streckte mich gähnend und schlupfte dann eilends in meinen Habit, fuhr mit den Fingern durch die Haar und ging schließlich den andern nach, die grad mit dem Anziehen und Aufbetten fertig waren und nun aus der Kammer traten; und es liefen alle die Stiegen hinab und hinaus in den Hof, da einer aus dem Ziehbrunnen einen Eimer voll Wasser wand. Daraus schöpfte sich jeder die beiden Händ voll, schüttete sichs ins Gesicht und rieb sich gehörig ab; darnach mußte man die feiste Kucheldirn um das rupferne Handtuch bitten, woran sich jeder sein Gesicht und die Händ wischte und der Magd einen Kreuzer verehrte.

Ich tat auch wie die andern und griff in die Hosen, denkend, daß ich ja ganz ohne Geld wär; aber da zog ich einen kleinen Beutel heraus und fand ihn gefüllt mit lauter Silberkreuzern, daß ich erschrak. Gab also der Stasi ihre Lohnung und lief eilends hinauf in die Kammer, dem Vater zu danken für seine gütige Vorsorg; doch fand ich ihn nicht mehr droben und machte nachdenklich mein Bett. Dann öffnete ich ein Fenster und sah hinaus und horchte auf das Brüllen des Viehs, das auf den Markt getrieben wurde und nach seinen Stallgenossen schrie, indes die Treiber fluchten und mit der Geißel knallten.

Gemach verblaßten die Sterne, und ein gelblicher Streif am äußersten Himmel kündete den Tag an; drunten leuchteten Laternen auf, Lichter bewegten sich hin und her zwischen den Marktständen, und ein Hammer dröhnte in festem Schlag. Bald wurde es lebendiger, Männer schwatzten, erbrachen Kisten, nagelten an den Ständen; Weiber liefen hin und wider, hingen Tücher um die nackten Holzgestelle und Schautische, und ein wunderlicher Wagen, der einem fahrenden Häuslein glich, hielt auf dem Platz. Eine Drehorgel ertönte, und ein paar Kinderstimmen riefen: »Der Prater kommt! Heut wird Prater gfahren!«

In diesem Augenblick hörte ich den alten Thomas hinter mir rufen: »Ei tausad! Da steht er ja! – Was loahnst denn lang da uma? Dein Millibrei wird kalt!«

Ich wandte mich nach ihm um und dankte ihm für das schöne Geld, dabei er aber abweisend mit beiden Händen fuchtelte und rief: »Mein Ruah! Mein Ruah! – Wirst s' schon anbringen, die paar Gräten; und balst nit auskommst damit nachher sagst es, daß i dir noch epps gib!«

Ei! So gut hätt ers mit mir gemeint, der alt Vater! Aber mir deuchte allein mein Beutel voll schon ein Heiratsgut in diesem Augenblick, und ich wies seine Lieb gar heftig ab, also, daß er lachen mußte über meinen Eifer.

Nun gingen wir hinab in die Wirtsstuben, da schon allerhand Gäst bei der Frühmahlzeit saßen: die einen bei der Brennsuppe oder Milch, andere bei Schnaps und Käs oder Wurst und Bier.

Ich aß mit gutem Hunger und hing darnach mein Ränzel wieder um; alsdann folgte ich dem Thomas, der etliche Bretter von seinen Genossen erbat und nun an dem Platz, den er sich ausgesucht hatte, seinen luftigen Stand aufrichtete.

Zu seiner Rechten hatte er den Messerschmied als Nachbarn und zur Linken den Lebzelter; die gaben ihm gern einen Schragen ab, darauf er seine Bretter legte und ein rots Tuch darüberbreitete.

Ich half ihm noch beim Auspacken und Aufstellen der Täflein und ließ mir darnach Urlaub geben; denn inzwischen war es heller Tag worden, und mich gelüstete es, die Stadt zu besehen und die hohe Burg.

Der Alte zwinkerte mit den Augen, als er meine Red hörte, und meinte: »Trau dir nur nit z'weit! Kunntst am End nimmer zruckfinden zu mir! – Aber – wie dir halt ist! I red dir nix ein!«

»I komm bald wieder!« sagte ich; »und wann i alloans nimmer zruckfind, wird mich schon einer zruckweisen! Guate Gschäften derweil!«

Und ging also; beschaute mir erst den Platz und die Häuser beim Markt und machte mich darnach weiter auf den Weg, den Burgfelsen zu ersteigen.

Kam aber nicht weit; denn da standen ein paar wilde Soldaten und plärrten mich an, daß ich sollt schleunig umkehren, wenn ich nicht als ein Landsspion wollt verarretiert und erschossen werden!

Hei! Da wandt ich meine Füß gar schnell und lief, als hätten sie mich schon beim Genick!

Hätt bald ein alts Männlein über den Haufen gerannt bei solchem Stürmen; der schaute mich verwundert und voll Schrecken an und rief, indem er ein großes Kreuz schlug: »Ums Christi Bluet! – San s' leicht schon wieder da beim Brennan und Schiaßn?«

Und da ich ihm nichts erwidern konnt, schüttelte er die Faust gegen das flache Land und grollte: »Da san s' draußden, die Tuifeln! Ham uns alles zgrund gricht um und um, die franzesischn Hund! – Aber kriagt ham s'uns dengerscht nit! – Ha ha ha! – Aber der Boar wenn kimmt – Bua – der Boar –«, er faßte mich an der Schulter und wisperte mir das letzte ins Ohr und sah sich scheu um, – »da – wähn i – hilfts nix mehr! Da nutzt koa Stadtmauer und koa Burgmauer – der frißt uns mitsamt unserner Geroldsburg da drobn! – Bua, i sag dir grad so viel: der Napoli und der Teifi – die zwo san oans. Die ham Arm, so lang, daß s' die ganz Welt daglanga kinnan – und Kufstoa aa!«

Und da er dies gesagt hatte, steckte er den Kopf nachsinnend zwischen die Achseln und ging weiter.

Ich aber hatte nun genug von meiner Reis und betrachtete nachdenklich die himmelhohen schneeigen Bergwänd und Zacken, die aussahen wie eine unbezwingliche Mauer, die unsere zeitliche Welt von der andern, so man das Jenseits nennt, scheidet.

Leichtes Gewölk hing um die Zinken und Berggipfel, und darüber schien die Sonne mit blendend hellem Glanz und löste mit ihrer Wärme die Nebel in den Tälern und Schluchten, daß sie wie Spinnweben wurden und verflogen.

Gemach wandte ich mich um und schaute nieder ins weite Land über die grauen Mauern und Zinnen der Stadt, da der breite Innfluß wie ein silberne Band durchs Gau floß, wo mancherlei Örter zwischen bewaldeten Hügeln und beschneiten Fluren lagen und ringsum hohe Felswänd gen Himmel ragten.

»Ist gar ein schöns Stuck, dies Land!« dacht ich bei mir; »wär schad, wenns der Feind etwan verwüsten möcht!«

Und ging wieder zurück und dem Markt zu, da die Händler hinter ihren Ständen hockten, über schlechte Zeiten jammerten und in die Finger hauchten, um sich zu erwärmen.

Auch der Vater Thomas stand blasend und die Händ reibend da, trippelte und stampfte auf dem hartgefrornen Boden und rief mich an: »He, Bürschl! Hat d' Weltreis schon ein End? Sind dir d' Füaß angniglt, gelt; brauchst epps zum Aufwarmen, wie ich!«

Dabei griff er mit seinen erstarrten Fingern in den Hosensack, gab mir etliche Kreuzer und wies nach dem mit roten Tüchern gezierten Stand einer Schnapsbrennerin: »Lueg! Sell vorn hat d' Enzianlies ihren Stand! Is a guate Kameradin von mir und sehets gar nit ungern, daß ich s' zur Bildlthomaßin machet; also, sagst ihr 'n Gruaß von mir und ich hätt's Aufwarmen vonnöten!«

Dazu lachte er lustig und schaute mir nach, indes ich durch die Reih der Händler schritt.

Fand also die alte, wunderlich aufgeputzte Schnapslies, da sie grad ein Sträußlein Rosen aus Goldpapier auf ihren turmhohen, spitzen Hut steckte und dazu mit rauher Stimm das Lied sang:

»Schmecker und Rosenblüat
Steck i am Huat, am Huat,
D' Henn hat a Oarl ausbrüat,
Dös is nix für guat!
Der Gockl hat koa Schneid it ghabt,
Hat si nix traut, nix traut,
Sunst waar des sell Oarl epps worn,
Und i waar a Braut!«

Ich blieb vor ihren Flaschen und Fäßlein stehen und hörte zu, bis sie sich nach mir umwandte und geschäftig fragte: »Baunzerl, was fehlt dir? Nix a Glaserl gfällig von mein selberbrenntn Enzian?«

Da verlangte ich mein Sach und entbot ihr auch den Gruß vom Alten, darüber sie eine närrische Freud bezeigte und sogleich eine dickbauchige Steinkrugel aus einem besonderen Fäßlein füllte und dazu sagte: »Gfreut mi scho recht, sagst eahm, daß er no auf mi denkt, der Beham! Soll si nur guat aufwärmen, mein alter Kamerad, sagst, und i dank eahm viel und oft fürn Gruaß!«

Und da sie mir die Krugel in die Hand gab, rannen ihr ein paar dicke Tränen über die faltigen, blaugefrorenen Wangen, und sie fragte mit ängstlicher Stimm: »Bist eppa gar schon ein junger Beham? – Hat er leicht gar schon ein Weib, der Thomas? – 's sell waar mir mei Tod, Bua!«

»Naa, naa!« sagte ich lachend; »der is no allweil alloan in seiner Hütten; jammern tut er ja schon hie und da um a Hausfrau – aber –«, ich hielt inne, um die Alte nicht noch närrischer zu machen; denn sie konnt die Augen fast nimmer von meinen Lippen wenden, dieweil ich so redete; »was kost mein Schnaps?« fragte ich und hielt ihr meine Münz hin.

»Fünf Kreuzer für mein Kameraden, sagst!« erwiderte sie mir mit fröhlicher Miene; »und an Gruaß tust mir bstelln an Thomas, und daß der Lies 's Warten nit z'lang wird, und sollts nomal zwanzg Jahrl anstehn, bis er kimmt!...« Das ander hörte ich nimmer; denn ich lief, ihr ein kurzes Pfüa Gott zurufend, mit meiner Krugel davon.

Der Thomas schaute schon nach mir aus und empfing mich halb lachend und scheltend: »Gar schon! – Hab vermeint, du bleibst glei sell! – Hat di wohl schon als ihren Ziehbuben protokolliert, daß d' so langmächti z'schwatzen ghabt hast mit ihr!«

Ich hatt wohl Lust, dem alten Schelmen sein Getue mit einem losen Wort zu schlagen; sagts aber lieber nicht, indem ich bedacht, der Alt möcht schon seinen guten Grund haben, daß er der liebtollen Schnapslies so spottete.

Und da er mir zu trinken bot, tat ich es willig und trollte mich darnach wieder davon, den Markt weiter zu besehen.

Da standen und lehnten allenthalben die Handwerker und Handelsleut, hatten die Händ im Gewand vergraben und schrien einander ihre Klagen über die unruhigen, schlechten Zeiten zu, belobten, kaum ich an einen Stand trat, ihre War mit vielen Worten und machten, daß ich, noch ehe man von der Sankt Veitskirch drüben zum Mittag läutete, meine Taschen gefüllt hatte mit verschiedentlichen Dingen, indes mein Beutel gemach um vieles lockerer ward.

So hatte ich fünf Kreuzer gezahlt für ein karmisinrotes Halstuch aus florentinischer Seide, und sagte mir der Händler im Vertrauen, daß der Kaiser von Ninive das nämliche von ihm um zehn Kreuzer gekauft hätt. Fünf Kreuzer gab ich für ein zierlichs Besteck, das man in ein lederns Behältnis schließen und im Hosensack verwahren konnt; fünf Kreuzer für ein feins Büchlein, darin von einem jungen Abt zu lesen war, der eine tiefe Lieb zu einer Maid gefaßt und zum End sich selber den Tod gegeben hatte aus übergroßem Leid, da sie einen andern nahm zum Ehgemahl; dabei ich wieder in heftigem Schmerz an mein liebs Kathreinl denken mußt.

Konnt auch nicht anders – mußt mich auf eine einsame Steinbank hinter dem Gottsacker Sankt Veit setzen und das Büchlein vom Anfang bis zum End lesen, und kam unversehens dabei ins Brüten und Sinnieren, bis mich plötzlich ein lustigs Lachen daraus aufscheuchte und ein abenteuerlich gekleideter Bursch einen roten Zettel in mein Büchlein fallen ließ, darauf eine wunderliche Anzeigung stand: Im Wirtshaus zum Hirschen sollt denselben Abend ein ergötzlichs und feins Theaterstück aufgeführt werden, das den Titel trug: Kätherlein, die schöne Kupferschmiedstochter, und der Teufel. Als besonderer Glanzpunkt der Vorstellung waren hervorgehoben und angepriesen: die wunderseltsamen Zauberkunststücke des Magister Zaranka, der als Teufel die Jungfer Kätherlein auf offener Bühne verzaubern wollte. Jedermann war dazu gar höflich eingeladen gegen ein Eintrittsgeld von fünf Kreuzern, und jeder Gast sollte nach der Vorstellung vom Direktor ein artigs Andenken zum Geschenk erhalten.

Ich überlas die Anzeigung etlichemal, und es kam mich ein Gelüsten an, die also gepriesene Komedie zu sehen und zu hören.

Lief also eilends auf den Markt und zum Vater, ihm von meinem Begehren zu sagen; der aber, da er meine Red vernahm, lachte wieder still vor sich hin, blinzelte lustig mit den Augen und meinte: »So, so! Nach der Komedie verlangte di! – Is schon recht, geh nur. I geh nit hin; i bin lieber bei meine Leut; bin nit so drauf eingsprengt auf die Tausendkünstler und die Komediespieler!«

Darnach suchte er umständlich in seinem Geldbeutel und reichte mir endlich fünf Kreuzer, indem er weiter sagte: »Da, schau her! Nit, daß d' wähnst, i gunn dir's nit! Kimmt mir nit drauf an, auf die paar Gräten, wannst a Freud hast an dem Gschnaks.«

Und da ich meine Händ nicht aus dem Sack zog und trotzend vor mich hinsah, wurde seine Red schier bittend, und er sagte: »Geh nur hin, wanns di glust! Habs schon reichli verdient und profitiert, die fünf Kreuzer, mit deine Rahmerl. – Zwanzg Taferl gibts wieder z' machen für d' Kirch von Ebbs, daß koa Krieg nimmer auskommen sollt. – Alsdann! – Vielleicht helfen s' so viel, daß der Napoli sein Viduz aufs Tirolerland verliert!«

Damit steckte er mir das Geld in die Joppentasche und fragte mich, wo ich schon überall gewesen sei; doch kam ich nimmer zum Antworten, denn die dicke Stasi vom Stiefelwirt kam mit einem dampfenden, kupfernen Kessel daher und schrie: »Heiße Würst! – Wer mag a heiße Kreuzerwurst?«

Ei, da gings! »He, Stasi! Mir ein Paar!« – »I krieg aa zwee Stuck!« – »Halt, Mädla! Mir au e Paar Würschtle!«

Und auch der Thomas gab nochmals fünf von seinen Kreuzern hin und erstand vier von den langen Würsten und einen weißen Weck dazu und teilte es mit mir als Mittagsmahl; darnach tranken wir ein Schlücklein Enzian, und ich machte mich gemächlich wieder durch die Marktreihen, besah mir dies und erhandelte das und wartete mit großem Verlangen auf den Abend, da die wundersame Aufführung sein sollte.

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