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Mathias Bichler

Lena Christ: Mathias Bichler - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleMathias Bichler
authorLena Christ
year1989
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-11035-x
titleMathias Bichler
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1914
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Die Marktreis

Da wir durch Bayrischzell wanderten, war es eben um die neunte Morgenstund; die Glocken des alten Klosterkirchleins läuteten zusammen, und gegen den Gottsacker hin bewegte sich ein langer Leichenzug.

Sechs Jungfrauen in weißen Gewändern und hohen, schwarzen Pelzhauben trugen den Sarg, sechs gingen mit brennenden Kerzen nebenher; dahinter qualmte und duftete der Weihrauch; ein alter Priester las still in seinem Buch, der Schulmeister schritt gemessen hinter ihm drein, und dann folgten, gedämpft vorbetend, die Männer und Jünglinge: »Und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus, o Herr, gib ihr die ewig Ruah!«

»Und das ewig Liacht leucht ihr, heilige Maria, bitt für uns arme Sünder...«, beteten die Weiber und Kinder nach und ließen ihre Rosenkränze durch die Finger gleiten und schauten mitleidig auf das alte Weiblein, welches wohl in der Abgestorbenen ihr Kind so kläglich beweinte; denn sie tat ganz trostlos und übel.

Wir nahmen unsere Hüt ab und blieben stehen, bis der Sarg schwankend durch die Gittertür des Friedhofs getragen war und die Menge dichtgedrängt die offene Grube umstand, indes der Pfarrer mit dem Schulmeister die Grabgebete absang.

Dann gingen wir schweigend unsern Weg weiter.

Ringsum leuchteten die schneebedeckten Berge in der Sonn, feine Eisstäublein flogen in der kalten, klaren Luft, und der festgefrorne Schnee gurrte und knarzte unter unsern Tritten.

Bald lag das Dorf mit seinen niedern Holzhäusern, Schneedächern und leise rauchenden Kaminen weit hinter uns, das Glockengeläute drang nur noch wie ein Hauch im Wind ganz verloren in das Waldtal herüber, und endlich waren wir einsam und weit weg von allem und stiegen langsam empor zum Ursprung der Leizach.

Ein kleiner Bergsee lag hier mit einer Fischerhütte am jenseitigen Ufer; eine dünne Eisdecke spannte sich darüber und knisterte und krachte leise unter der Wärme des Sonnenlichts; aus der Ferne schallte das Schlagen der Holzfälleraxt, eine Schar Raben flog erschreckt von ihrem Fraß auf, als wir uns näherten, und wir sahen ein tots Reh im Gestrüpp liegen.

»Das ist erfroren«, meinte der alt Vater, »ist ein letzer Winter, das; denk lang kein solchen mehr, der so gach einkommen wär und so gruslat und streng g'wüat't hätt!«

Wir stiegen weiter und waren bald bei der Stockermühl und dem Stockersee, aus dem die Leizach ihre Wasser schöpft. Ein paar Häuslein standen darum, und aus den mit tropfenden Eisblumen überzogenen Fenstern schauten neugierige Gesichter.

Grüßend nickte eins oder 's ander; aus der Mühl aber lief ein kleins Büblein und rief uns zu: »Wart a bißl! Zu meiner Muatta kemma!«

Da hielt der Alte lächelnd inne, wandte sich gegen das Haus und meinte. »Ei, tausad, tausad! Is leicht gar epps Wunderlichs fürkemma bei der Muatta?«

Indem trat die Müllerin aus der Tür und rief: »Grüaß di, Thomas! A Votiv brauch i auf Birkastoa! Zwee Buam ham ma! – Und so guat ganga! – Ganz ohne Kindlweib! – Wie der Müller kemman ist mit der Wunsiedlin, bin i scho firti gwen! – Na, Gott sei Dank und insana liabn Frau!«

Bestellte also ein Täflein, gab dem Vater zwei Gulden dafür und bat ihn, daß er's gleich in den nächsten Tagen machte und ihrem Knecht, wann er hinabkäm, mitgäb.

Darnach wünschte sie uns noch eine gute Weil und Gottes Hut und ging hinein, indes wir uns wieder auf den Weg machten.

Gingen also weiter, vorbei an der Bäckeralp, und gelangten zu einem einsamen Wirtshaus bei Ursprung.

Da kehrten wir ein, aßen ein wenigs von unserm Speck, und der alte Vater ließ ein Krüglein roten Wein auftragen, nannte ihn Tiroler und tat, als hätt er süßen Met, dieweil er mir doch schier wie eine Essigbrüh fürkam; doch wollt ich nicht als ein Schleckermaul gelten und nahm herzhaft etliche Schluck von diesem Schindertrank.

Indem kam die Frau Wirtin und setzte sich zum alten Thomas, fragte dies und erzählte das und kam zum End auf ihre beiden Töchter zu reden.

»Ach, daß ihnen Gott gnad!« jammerte sie; »hast s' ja leicht gut kennt, alle zwo! – Habs bei die heilinga Frauen ghabt, z' Chiemsee. – Ja. – Und hat die erst schon d' Profeß gmacht, und die ander ist im Noviz gstanden. – Ach, daß 's Gott erbarm! Alle zwo hab i s' da! – Ach, über den Frevel! Alle Klöster zuaspirrn, die heilinga Leut vertreibn und das schöne Klostergeld einschiabn! – Thomas, mi deucht, es is nimmer weit zum Antichrist!«

So klagte die gut Seel; der Thomas aber schüttelte den Kopf und meinte: »Glaubs nit! Es glangt no nit! D' Welt muß no viel schlechter wern!«

»Ja, was nit gar!« schrie die Wirtin auf. »No schlechter! – Gibts leicht no epps Schlechters als wie dös, wann der Küni und der Kaiser schö stad zuaschaugt und sei Pfeiferl raucht, unterdem daß die andern alle Klöster zuaspirrn, d' Kirchen zuaspirrn, d' Meßgwander stehln und die Allerheiligsten Sachen, und nit amal insan liabn Herrn selm verschonen! – Is das nit schlecht, wann so a arms Trutscherl, wo nixn kennt hat als wie ihra Klosterzelln, ihrn Herrgott und ihrn Rosenkranz, wann die jetzt aufamal in dera sündhaften Welt heraußt umanandapudln muaß, die heilig Unschuld verliern und eppan gar no Kinder kriegn! Wann das nit traurig gnua is, und net schlecht gnua is, Thomas, na woaß i nimmer!«

Sie hatte einen brennroten Kopf aufgesetzt, die Wirtin, und stand wild vor dem Vater, der nachdenklich trank, sich ein Pfeiflein stopfte und dazu bedächtig die Achseln schutzte.

Da ging die Tür auf, und herein traten zwei liebliche Jungfern in schwarzen Wollgewändern; die eine mocht ein paar Jährlein älter sein als die ander, die ich auf etwan zwanzig schätzte.

Die Ältere hatte ein gar schmals, weißes Gsichtlein, große Augen, die ängstlich und versprengt von einem zum andern sahen; um die kurzgeschnittenen Haar trug sie ein feins Netz, das über der Stirn mit einer samtnen Schleife geziert war.

Die Jüngere aber, ein rotbackigs Maidlein mit lustigen Augen und lachendem Wesen, hatte den Kopf ganz voll dunkler Ringellocken; sie lief sogleich an den Tisch, begrüßte uns freundlich, indes die ander sich schweigend in eine Ecke setzte, und sagte: »Grüaß enk Good beinand! – Seids aa scho so weit herobn heut! – Wo gehts denn zu, wenn d' Frag verlaubt is?«

»Auf Kufstoa«, erwiderte der Thomas lächelnd, und auch ich brachte ein halblauts Grüaß di Good heraus.

Das Maidl gefiel mir so wohl, daß ich in alle Ewigkeit hätt so sitzen mögen und sie anschauen, indes die Wirtin und sie mit dem Vater schwatzten, über den Handel, über die Märkt, über die Leut und über die Zeit.

Frisch gab die Jungfer auf alles Bescheid; und da der alte Thomas sie unversehens fragte, ob sie denn nicht Weillang hätt nach dem Kloster, da lachte sie gar hell und rief: »Naa, Vaterl, gwiß nitta! – Dunkt mi viel schöner dahoamt bei der Muatta jetzand; viel schöner wie ehvor!«

Und sie tat so lieblich mit der Wirtin, daß diese ganz stolz sagte: »Ja, mei Rosl hat mi alleweil scho mögn! – Die halt't zu ihrana Muatta, da feit si nixn!«

Dann warf sie einen finstern Blick ins Eck, wo die andere Tochter still in einem Buche las, und fuhr fort: »Die hat si aa glei wieder eingwöhnt dahoamt, mei Rosl; die hilft mir in allem und hängt nit so brüatat umanand, wie dö legate Henn da hinten, d' Resli – Alls zu seiner Zeit! – 's Betn und 's Faulenzn is ganz schön – im Kloster –; aber da heraußt in der Welt, da muaß ma si rührn, da muaß ma anpackn und si was anglegn sei lassen! – Sagst es nit aa, Thomas?«

Der Vater war um die Antwort verlegen; er richtete unaufhörlich an seiner Pfeif, trank bedächtig und sagte schließlich, indes die bleiche Dirn gedrückt aus der Stube ging: »Sie wird halt nimmer recht taugn für d' Welt, wähn i. Muaßt es halt wieder wo einisteckn ins Kloster! – Werd scho an Orts wo oans sein, wo's d' es einitoa kannst!«

Die Wirtin wollte auffahren, da legte die Rosl ihre Hand vor den Mund der Mutter: »Nit greina, Muatta! – Der Bildlthomas hat scho recht; sie sollt halt wieder wo hin in a Kloster; i bleib ja da bei dir!« Hätt wohl auch haben mögen, daß mir das Maidl hätt also schön getan!

Aber der alt Thomas warf mir gach einen Stein in mein Glashaus: »Was is mei Schuldigkeit?« fragte er, zog den ledernen Zugbeutel mit dem Wieselgebiß an der Ziehschnur aus dem Hosensack und legte seine Kreuzer hin, nachdem ihm die Wirtin geantwortet: »Dös woaßt ja a so, Thomas; 's Krüagl an Sechser!«

Hieß mich also der Alte austrinken, klopfte seine Pfeife aus und schob sie ein, nahm seine Kraxe auf den Buckel und sagte den zwei Frauen Pfüa Gott.

Nun mußt ich wohl oder übel ein gleiches tun; tat aber noch mehr und drückte dem saubern Maidl noch gar fest die Hand zum Abschied, dazu sie freundlich lachte, und sagte mit großem Ernst zu ihr: »Mir wern uns wohl amal wieder sehgn! Pfüa Good derweil!«

Hatte auch einen gar heißen Kopf bekommen bei solchem Abschied; nun ich aber vor die Tür trat in die frische, kalte Winterluft, da wurd's bald wieder kühlig in meiner obern Stuben; ich tat einen hellen Juchzer und trabte munter hinter dem alten Vater drein, bis wir hinab ins Landl kamen.

Nun mag ich auch nicht versäumen, zu melden, daß wir unser Sach durchsuchen lassen und unsre schuldige Zollabgabe entrichten mußten, als wir das österreichisch Land betraten; da dann der alt Thomas aus dem linken Hosensack einen neuen Lederbeutel zog und dafür den alten hineinsteckte. Denn jetzund hieß es mit anderer Münz zahlen denn daheim im Bayerland.

Muß aber sagen, daß mir die Füß nit schwerer wurden im Tirolischen; ging ja auch allweil bergab auf der Straß ins Landl, da es mir gar wohl gefiel. Stund ein schöns Jagdschlößl auf einem Hügel, ein kleins Kirchlein darunter und etliche Holzhäuser, deren Fachwerk fein geschnitzt und bemalt war, und kunnt man auch eine gar schöne Inschrift lesen über der Tür eines Wirtshauses, die also hieß

Ich leb, weiß nit, wie lang,
Ich sterb, weiß nit, wann,
Ich fahr, weiß nit, wohin,
Mich wundert, daß ich so fröhlich bin.

Hat mich wohl ein gelinds Schauern erfaßt beim Lesen, und muß auch heut, da ich annoch schon fast betagt bin, dieser Wort gedenken und manchesmal mein Lachen dämpfen, wenn ich gleich mitten in der Lust bin.

Der alt Vater spürte kein G'lusten, in diesem Ort zu verweilen; er schnitt sich bloß ein Ränklein von seinem Brot ab und aß es unterm Gehen, indes uns aus den niedern Fenstern die Leut neugierig nachsahen.

Nun wars ein gar schöns Wandern zwischen den schneeglänzenden Bergen; uns zur Seiten rann ein klars Bächlein, das bald hüben, bald drüben mit einem Bergwässerlein zusammenkam, bis es endlich als breite Ach zu unserer Linken hinter den Bergen verschwand, indes wir uns mehr gegen Mittag hielten.

Hier wurde das Tal breiter, und wir kamen etwan ums Zwölfuhrläuten an den Schröcksee, dabei wir ein gastlichs Haus fanden, von einer alten Base des Bildlthomas geführt, die uns sogleich mit einem Gericht von Schöpsenfleisch und Rübenkraut bewirtete, einen Krug Wein auf den Tisch brachte und des langen und breiten von der ganzen Sippschaft des Alten schwatzte.

Darüber verging die Zeit, und ich wurde in der dunklen, heißen Stube bald müd und schläfrig, legte den Kopf auf den Arm und sunselte schön still dahin, bis mich am End der Alt erweckte und zum Weitergehen mahnte, zumal wir noch ein guts Stück bis Kufstein zu wandern hatten.

Da beutelte mich der Frost, und ich klapperte mit den Zähnen, da wir uns auf den verschneiten Weg machten und gegen das Endziel unserer Reis zuhielten.

Die Sonne war lang hinter einem dichten, grauen Nebelberg hinabgesunken; die Mondsichel stand bleich und hoch in einem kleinen klaren Himmelsfleck, und der Nordwind zog beißend und rauh durch mein Gewand.

Der alt Vater war nun ganz schweigsam worden, ging gesenkten Haupts dahin und sah nicht mehr nach mir um; mocht wohl allerhand aus frühern Tagen im Sinn tragen, das die Base wieder ausgegraben hatte aus dem Vergessen. So kamen wir denn ohne viel Lärm und lautes Wesen nach Kufstein, da mir die Mauern und Zinnen der Stadt und die Festung auf dem hohen Felsen gar wunderlich fürkamen in dem Dunkel des Abends.

Hab auch mein Verwundern gehabt an den vielen Häuslein, darin überall die Lichter brannten wie bei einer Kirchen; und es hatten auch die Gassen alle Lichter und glänzten da und dort feine Schilder und Wirtshauszeichen im Schein von roten Laternen.

Und indem wir so dahinstapften, kam aus einem alten Torbogen eine gelbe Kutsche gefahren; zwei feiste Schimmel trabten davor, und ein Postillon saß hoch am Bock und spielte auf seinem Hörndl eine schwermütige Weis und neigte dazu den Kopf bald rechts, bald links, daß der schwarze Buschen auf seinem hohen Hut wie ein Schilfrohr schwankte.

Hab ihm eine gute Weil noch nachgeschaut, da er so traurig spielte, indes die Schimmel gemächlich über die steinige Straß trabten; aber da war das Lied zu End, der Postillon knallte lustig mit der Geißel, und in frischer Fahrt bog der Wagen um die Ecke und rollte dahin und aus der Stadt.

Der alt Thomas war derweil immer weitergegangen, ohne nach mir zu schauen, und ich mußte lange Füß machen, ihm nachzukommen. Erwischte ihn auch grad noch, eh er hinter dem Torbogen verschwand, daraus zuvor die Postkutsche gekommen.

Nun war es gar seltsam in diesem Städtlein, daß die Weg nicht wie in andern Orten eben dahin gingen zwischen den Häusern, vielmehr stark bergauf führten, so daß wir, da wir auf dem Platz standen, wo den andern Tag der Lichtmeßmarkt sollt gehalten werden, das Horn des PostilIons gar weit unter uns im Tal verklingen hörten.

Noch eine Weil lauschte ich, indes der Thomas sich unter den aufgeschlagenen Holzständen umsah und nach einem Platz suchte, da er möcht am besten von den Marktbesuchern ersehen werden. Endlich hatte er ein Flecklein gefunden, das ihm günstig schien, und er sagte halblaut zu sich selber: »Alsdann. – Wird schon was gehn. – Das Platzl is nit übel – gar nit übel.«

Dann wandte er sich nach mir um, wies nach einem hochgiebeligen Haus, über dessen erleuchteter Tür ein grüner Reifen hing mit einem goldenen Stiefel darin, und sagte: »So, Bübl, jetz wiss' ma unsere Stand. – Jetz gehn wir in das Wirtshaus und schauen uns zwegn der Schlafstatt um; wird schon noch epps habn, der Stiefelwirt!«

Und er wandte sich gegen das Haus und stampfte hinein, als hätt er die Schuh voll Schnee.

Ich folgte ihm müd und frierend in die rauchige Gaststube, da er dann seine Kirm abnahm, zum Wirt an die Schenke trat und wegen des Quartiers unterhandelte; darnach schob er mich an einen vollbesetzten Tisch und rief: »Alsdann! Da wärn ma. – Grüaß Good, beinanda! – Gibts noch a Platzerl oder zwee vielleicht?«

»Ah, der Bildlmacher!« schrien da die Manner. »Freili gibts Platz! Freili! – Sitzts Enk nur eina!«

Und sie rückten ganz eng zusammen und schoben ihre Krüg und Gläser vor sich hin, indem sie sich neugierig über mich, das Baunzerl, hermachten: »Was habts denn da für ein' dabei, Thomas? – Wo habts denn dös Baunzerl aufklaubt? – Is dös schon ein Sohn?« Bis der alt Vater, der erst eine Weil schmunzelnd hingehört und sich seine Pfeif zugerichtet hatte, unwillig wurde und ihrem Gefrag wehrte: »Nur gmach, Leutln; nur gmach! – Nur nit so gach toa! – Kimmt alls noch mit der Zeit!«

Dann ließ er sich einen Krug Bier bringen, hieß mich antrinken, fragte mich nach meinem Hunger und sagte, da ich nur nach einem Strohsack verlangte aus übergroßer Müdigkeit: »Hat wieder einmal einer d' Augen größer ghabt wie's Maul! – Mi dunkt, für heunt is dir d' Welt scho groß gnug gwesen! – Wirst nit gar z' weit rumkommen, wann dir d' Füaß nit länger wachsen, wähn i! – Da darf unser Herrgott schon an Zaun rumsetzen um dös Fleckl, dös wo's du Welt heißst, damit daß d' nit irr gehst auf deiner Wanderschaft! – So, und jetzand gehst mit der Stasi auffi, na zoagt s' dir dei' Lagerstatt!«

Mußt also diese spöttische Red über mich ergehen lassen, darüber die Manner gar lustig lachten; ich sagte aber nichts drauf, als: Guat Nacht beinand!, und ging hinaus, fragte nach der Stasi und ließ mich von der feisten Kucheldirn mit den klappernden Holzpantoffeln und dem fettglänzenden Gesicht hinaufführen unters Dach, wo in einer niedern Kammer mit winzigen Guckfenstern etwan zehn Strohsäck auf dem Boden lagen, auf jedem ein dünner Hauptpolster und eine rauhe Zudeck ohne Federn.

Wies mir also die Stasi den letzten Strohsack hinten im Eck an, wünschte mir eine glückhafte Nacht und ging.

Da trat ich an eins der vereisten Fenster, öffnete es und tat noch einen Blick hinaus auf die hohen Giebel und schneebedeckten Dächer, schaute noch hinauf zu der hohen, dunklen Festung und zu dem stillen Nachthimmel mit seinen flimmernden Lichtern und legte mich darnach müd und ohne Nachdenken aufs Stroh, da ich alsdann nach wenig Augenblicken entschlief und keinen von den andern Nachtgästen mehr kommen hörte, als sie nach langer oder kurzer Weil ihren Tag endeten und sich hinlegten: der Lebzelter zum Seifensieder, der Leinweber zum Wurzenkramer, und der Holzschuhmacher zum Nagelschmied, ohne Brotneid und ohne Argwohn, auf Treu des Nachbars bauend und sein Handwerk achtend nach rechter Weis; indes draußen der Nachtwächter durch die Gassen stapfte und sein Stundenlied sang, das ich aber erst vernahm, als er grad vor dem Wirtshaus die vierte Morgenstund anblies und dazu sang:

»Hört, ihr Herrn, und laßt euch sagen:
Unsre Glock hat vier geschlagen!
Vierfach ist das Ackerfeld,
Mensch, wie ist dein Herz bestellt,'

Auf! Ermuntert eure Sinnen,
Denn es weicht die Nacht von hinnen!
Danket Gott, der uns die Nacht
Hat so väterlich bewacht!«

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