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Mathias Bichler

Lena Christ: Mathias Bichler - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleMathias Bichler
authorLena Christ
year1989
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-11035-x
titleMathias Bichler
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1914
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Der Alte hatte ein großes Wohlgefallen an mir gefunden und meinte darnach, da wir in der Schlafkammer auf unserer Strohschütt lagen: »Jetzand wirst mi aber do nit schon wieder bald verlassen wollen! – Hab schon lang Weillang ghabt nach so 'm Schlafkameraden, wie du bist! – Grad alloa sein und sein Lebtag alloa sein is aa nix. A bißl a Freundschaft tut halt do not auf der Welt!«

Und so mußt ich ihm also versprechen, daß ich etliche Zeit bei ihm bleiben wolle. Tat es auch gern und willig, zumal mir das Leben in diesem geruhigen Häuslein bei dem wunderlichen alten Vater wohl gefiel.

Der mochte leichtlich seine sechzig Jahr am Rucken haben und war klein und hager, schlohweiß an Haar und Bart und hatte das wetterbraune Gesicht voller Falten und Fältlein, die, wenn er lachte, gar lustig und freundlich aussahen. Zwinkerte schalkhaft mit seinen hellen Augen, wenn er was fragte oder erzählt', und konnt lachen, daß ihm die Tränen kamen.

Als der jüngste von vierzehn Geschwistern war er im Tirolerland geboren; sein Vater war ein Kraxenkrämer gewesen, der mit der Kirm am Buckel landaus, landein zog und den Leuten um etlich Kreuzer allerhand verkaufte. Wunderbalsam, Klufen und Nadeln, Bänder und Litzen, Haarpfeile und Pudelhauben, silberne Fingerringlein und goldene Hutschnüre.

Seine Mutter war ein Kräutlweib und brachte die Zeit, da ihr Ehemann auf der Wanderung war, mit dem Ansetzen von Schnäpsen, Sammeln von Kräutern und Wurzeln hin und gebar dazwischen ihre Kinder zur Welt und erzog sie in der Notdurft und Armseligkeit ihrer Umständ, bis ein jedes selber für sich sorgen konnte.

Kam der Vater von seinen Reisen heim, so brachte er meist jedem was mit aus den fremden Orten und von den Jahrmärkten, oder er wußte irgendein glückhaftes Schanzlein, eine gute Dienststell oder einen Lehrplatz für seine Kinder. Wurde also gemach eins ums ander hinausgeschickt in die Fremd, sein Brot zu suchen, dabei ihnen dann der alt Beham, ihr Vater, noch viel gute Reden und ein kleins Lederbeutlein mit zwölf Kreuzern als Aussteuer mit auf den Weg gab.

Und da nun alle längst dahin und im Land zerstreut waren und nur noch er, als der Nesthocker, der Jüngst, vom Tisch der Eltern aß, so kam endlich auch an ihn die Reih und sagte der alt Vater zu ihm: »Thomas, jetz werds Zeit, daß du auch ein wengl in der Welt umaschaugst; bist eh schon ein Mordshannacken her und frißt für zwee!«

Schnürte ihm also sein Ränzl, gab ihm als dem Kleinsten seinen väterlichen Segen mit einem Weichbrunn und dafür bloß zehn Kreuzer zur Aussteuer.

Die Mutter aber legte sich auf ihre Lagerstatt, ward krank und serbend und brauchte kurze Weil darnach den Totengraber und drei Schäuflein Erde für die ewig Ruh.

Das war also die Geschicht des alten Thomas Beham, meines gütigen Hausvaters. Ein mehreres war nicht aus ihm zu bringen, und er sagte bloß immer: »Ja ja. Und nachher bin i halt fort und habs probiert, hab dies gelernt und jenes, dies erlebt und jenes, – und bin z' guter Letzt vor vielen Jahren da in den Ort und zu der Hütten kommen, wo frühers ein alts Korbflechterweib ganz mutterseelenalleinig ghaust hat. Da hab i nachher ein Hoamatl gfunden – und no was: die schöne Kunst, wie man d' Welt auf an Wischhadern, auf ein Krautbrettl und auf an Hafndeckl hinzaubern kann mit so ein paar Farbhaferln und etliche Goaßpemsel.«

Und er war ein gar fleißiger Maler; Tag für Tag ging er hinaus und stellte sich bald hierhin, bald dorthin, eifrig betrachtend, zeichnend und malend.

Und zu allen diesen Bildern begann ich nun breite und schmale Rahmen zu schneiden und zu schnitzeln, sie mit allerhand Schnörkeln zu verzieren und Rosen in ihre Ecken zu setzen, wie ich es an den Bildertafeln der Kirche zu Sonnenreuth gesehen hatte.

Von Zeit zu Zeit aber wurden die fertigen und gerahmten Tafeln in eine hohe Kirm gepackt; der alte Thomas holte seinen Knotenstock aus der Ecke, setzte einen hohen, spitzigen Hut auf und ging auf die Märkt: bald nach Schliersee oder Miesbach, bald nach Tegernsee oder Tölz, indes ich daheim die Hütte mit den Tieren versorgte und auf das Tägliche acht hatte, bis der Vater nach etlichen Tagen wieder zurückkam und mir ein kleins Angebind auf den Tisch legte.

Doch hätt sich solch ein Reisen wohl nicht ausgetragen und gelohnt, wenn der Vater Thomas nicht schon längst als Exvotomacher einen guten Namen und eine gewisse Kundschaft gehabt hätte. So aber bracht er zu allen Zeiten reichlich Verdingungen heim aus der ganzen Gegend.

Da brauchte die Reiserin von Miesbach eine große Tafel; sollt auf den Birkenstein zu unsrer lieben Frau kommen, mußt eine Kindlstuben als Bild haben und drunter die Inschrift:

»Anno 1802 den heiligen Christtag hat Creszentia Reiserin zu Miesbach dies Bild hierher bringen lassen als eine Dankgab unserer lieben Frauen für Hilf in schweren Kindsnöten.«

Hatte dem Alten einen Silbergulden dafür gezahlt und ein Häflein mit Honig dazu für seinen kelzenden Husten.

Der Angerer von Hausham brauchte auch ein Taferl, darauf er selber abkonterfeit sein sollte, liegend unter dem Leiterwagen; und sollt ein starks Gewitter sein und die Rosse sich gar wild aufbäumen, drüber die heilig Jungfrau und drunter eine Danksagung zu finden.

Gab dafür einen halben Gulden und einen Ranken geselchts Fleisch von der Christtagsau.

Also kamen unsere Bildertafeln überall hin: nach Altenötting, auf den heiligen Berg zu Andechs, zu unserer lieben Frau vom Birkenstein, ins Mariazell und auf Herrgottsruh; und es zeigte ein jeds Stuck ein anders Leid und Gebrest, Unglück oder Anliegen.

Standen auch allerhand Sprüch und Danksagungen drunter, die das Unglück meldeten und auch die wunderbare Hilf; und es hat sie alle der gut Vater Thomas selber ausgedacht und draufgemalt auf die Tafeln.

Hab mir ein etlichs paar davon in meinem Gedächtnis aufgeschrieben und kann nicht umhin, sie hierherzusetzen und mich noch einmal daran zu ergötzen und zu erbauen:

Anno 1803 im Maien ist
Eine große Plag im Land gewesen,
Da ham die Mäus das ganz
Gedraid z'sammgfressen,
Ham's abgebutzet auf dem Feld,
Als wär es abgemaht;
In solcher Drangsal uns
Die Muetter Gottes gholfen hat,
Daß unser Feld und Acker
Unversehret blieb,
Indem sie solche Mäus
Ins Schwabenland hintrieb.
Bei uns ist widrum Ruh,
Indes man z' Augsburg klagt,
Maria für dein Hilf
Sei Dank gesagt!«

Diese Tafel wurde gestiftet von den Bauern zu Länggries in die Wallfahrtskirch zu Andechs und wurde dafür dem Vater die Summe von sieben Gulden als Lohnung gegeben.

Eine andere, unserer lieben Frauen zu Altenötting geweihte Exvototafel hieß also:

»Sitzen alle daheimt im Haus,
Grad der Michl ist noch draußt,
Hat sein Sensen an Eichbaum glaihnt
Und ein Unglück nit vermeint,
Da kömmt ein Blitz und Dunnerklapf,
Der Michl stürzet mit großer Klag.
Doch hat ihm die schwarz Muetter das Leben gschenkt
Deßwegen ist allhier diese Tafel aufghenkt.«

Muß auch noch einer Tafel gedenken, die unserer lieben Gottsmutter zu Ebbs im Tirol gestiftet wurde.

»Die Steinmüllerin zu Ebbs
Muß neunzehn Kinder gebärn,
Heilige Muetter Gottes hilf,
Daß sie alle selig wern!
Der Steinmüller hat 22 Frischling
Von einer Sau,
Sind all glücklich davonkommen
Mit Hilf unserer lieben Frau.«

Ein alts Weiblein aus dem Landl ließ für die Mutter vom Birkenstein auch ein Täflein machen, und es sollt dieser Dankspruch drunter kommen:

»Walburga Märzin verlobt sich mit offenen Füßen,
Maria hat geholfen – Gott sei gepriesen!«

Zahlte auch willig zwölf Kreuzer Lohnung für das Bild und wünschte noch tausend Vergelts Gott als Dreingab.

So brachte sich also der alt Beham Thomas mit seinem Handwerk gut durch und sagte manchesmal zu mir: »Es is do schad um mi, daß i nit gheirat hab; i woaß wirkli nit, für wen daß i arbat. Kunnt oana leicht amal schön erbn von mir; aber so – so muß i s' halt selber umbringen, meine Kreuzer! – Und du kannst mir dabei helfen!«

Weiß Gott, das hab ich auch getan und hab mirs gut gehen lassen bei dem alten Thomas.

Aber der Lauf dieser Welt bringt's halt mit sich, daß es der Mensch, wenn's ihm gut geht, noch besser haben möcht, daß den Gaul gar bald der Haber sticht und die Zufriedenheit alle Tag rarer wird und geringer.

Und aus dieser Ursach geschah es auch, daß ich, eh ichs recht bedacht, jenem Esel glich, der, wenn's ihm zu wohl wird, aufs Eis geht.

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