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Mathias Bichler

Lena Christ: Mathias Bichler - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleMathias Bichler
authorLena Christ
year1989
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-11035-x
titleMathias Bichler
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1914
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Der Bildlmacher

Fand mich also der zwanzigst Oktober des Jahres eintausendachthundertzwei, der Tag vor dem Kirchweihfest, auf der Landstraße, die über Trach und Stauden nach Geitau führt.

Rings um mich erhoben sich die Berg, und drüberhalb dem Wasser, was die Leizach gewesen, stand der Wendelstein, der Birkenstein und Fischbachau.

Besann mich eine Weil, ob ich noch einmal sollt hinaufsteigen und unserer lieben Frau mit dem Kindl einen Grüß Gott sagen; doch dacht ich, daß sie es mir gewißlich nicht weiter nachtragt, wenn ich, ohne solches zu vollbringen, auf meinem Weg weiterlief.

Also trabte ich weiter und sagte dabei laut für mich hin:

»Sei gegrüßt am Gnadenthron
Muetter Gottes hochgeehrt!
Vor dir und deinem liebsten Sohn
Lieg ich flehend ob der Erd.
Hör mein Seufzen und mein Bitt:
Muetter, ach verlaß mich nit!

Sieh, in dieser Not ich stecke,
Schrei um Hilf mit ach und weh,
Zu dir meine Händ aufrecke:
Muetter Gottes, mir beisteh!
Dein göttlichs Kindl für mich bitt,
Muetter, ach verlaß mich nit!«

Gedacht auch dabei der seligen Weidhoferin, meiner liebsten Ziehmutter, die mir dies Gebet einstmals angelernt und gar oft vorgebetet hatte; und es dünkte mich gar schwer, zu bedenken, daß ich sie nun samt dem Ziehvater in Ewigkeit nimmer sollt wiedersehen. Denn was die Menschen von der Auferstehung des Fleisches sagten, schien mir so furchtbarlich, daß ichs nicht glauben konnt oder wollt.

Wurd auch wieder an das schreckliche End des langen Ambros gemahnt und ging also in trüben Gedanken meinen Weg dahin, immer dem Lauf des Wassers entgegen, vorbei an einschichtigen Bauernhöfen und Mühlen; aß auch von meinem Brot und kam endlich gegen Mittag, da man gerad zum Essen läutete, nach Geitau.

Daselbst lud ich mich bei einem guten Bauern zu Tisch, ließ es mir auch gefallen, daß man mir die Taschen mit Kirchweihkräpflein vollstopfte, bedankt mich wohl und ging darnach wieder weiter in Gottesnamen, durch ein breites Tal, immer dem Weg nach, der mich endlich zu einem gar schönen und lieblichen Ort führte, daselbst es mich gelüstet, etliche Zeit zu verweilen.

War schon herzlich müd und abgeschlagen und wusch mir zum allerersten in dem klaren Bach die Füß, das Gesicht und die Händ, auch meine weißen Feststrümpf, die ich als einzigs Paar seit der traurigen Hochzeitsnacht bei mir trug. In solcher Arbeit fand mich ein alts, bärtigs Männlein, das ein wunderlichs, hölzerns Gestell in der einen Hand hielt und ein gemalts Bild in der andern, darauf das Tal und die Berg, darin ich mich befand, samt dem Dörflein Bayrischzell getreulich abkonterfeit und dargestellt waren.

»Ei tausad tausad!« rief der Alt; »mußt wohl deine Kirtastrümpf no gschwinds waschen, ehvorst auf 'n Tanzboden gehst damit!«

Verlegen sah ich mich um und sagte: »Grüaß Good.«

»Ja, grüaß di Good aa«, erwiderte er lächelnd; »ghörst du auf Boarischzell?«

»Nein«, sagte ich; »i bin drüberhalb die Berg her. Bin auf der Wanderschaft.«

»Ei tausad tausad!« rief da das Männlein wieder aus; »no so kloa und haderig, und scho auf d' Wanderschaft gehn! Wie nur grad a Vata so epps zuagebn kann!«

Da sagt ich ihm, daß ich ja keinen mehr hätt, daß ich überhaupts niemand hätt und halt schauen müßt, wie ich fortkäm in der Welt. Erzählte ihm also alles, was ich leichtlich sagen konnte, ohne was Geheims bekennen zu müssen; dabei aber doch dem guten Alten die Augen übergingen.

Hatte gar ein herzliche Mitleiden mit mir und sagte zu guter Letzt: »Wirst wohl kaum schon ein Orts zum Schlafen fürgsprochen haben, denk ich; kannst also mit mir gehen, wenn d' magst. Hab schon eine Schaw Stroh zum Drauflegen und ein Haferl zum Einbrocken; ein Löffel zum Ausessen wird sich nachher schon noch finden!«

»Den kann i mir ja selber schneiden!« rief ich voller Freuden; »und wann 's Ös aa no a paar brauchte, nachher schneid i Enk gern aa no a paar! Und ein Rahmerl um dös Bildl da!«

Ging also mit fröhlichem Herzen mit und dachte, daß ich schon weiterfinden würd mit der Hilf Gottes; nahm dem Alten sein Gestell ab und trugs ihm nach, bis er abseits vom Ort an eine gar wunderliche Hütten kam und mich hineinführte als seinen Gast.

Machte wohl große Augen, da ich über die Schwelle dieses Häusleins trat! Es hatte mir zwar schon von außen gar seltsam gedeucht mit seinem niedern Strohdach, darauf allerhand alte Gewandstücke, ein zierlichs, eiserns Gartengitter und ein rostigs Wirthausschild lagen; doch kann ichs kaum beschreiben, wie mir wurd, als ich mich plötzlich, statt im Hausflöz, in einem winzigen Stall befand, darin drei weiße Geißen lagen und dem Alten sogleich zumeckerten.

Indem ich aber noch gaffte und staunt, öffnete der alt Vater eine niedere, mit einer Landschaft bemalte Tür und sagte: »Tritt eina in mei Klausn, Büabl, und sei gern da!«

Folgte ihm also und trat ein in ein wundersams Stüblein, darinnen alle Wänd mit Bildern behangen, die Fensterscheiben mit Tierköpfen bemalt und die Gesimse mit allerhand Farbtöpfen vollgestellt waren.

In einer Ecke stand ein grüner Sesselofen, dessen Rohr gleich durch die Mauer ins Freie ging; daneben war eine Bank und davor ein wurmstichiger Tisch, auf dem ein hölzerner Teller mit Käs, ein Schmalzhäflein, etliche Pinsel und Farbtiegel sowie ein angeschnittener Brotlaib lagen und standen.

In einem Kasten, dessen ausgehängte Tür, mit dem Bild unserer lieben Frau vom Birkenstein bemalt, über einer kleinen Anricht hing, waren etliche altmodische Gewänder aufgehängt, und in einem Fach desselben lagen ein paar Wäschestück, ein dickes Buch und eine Flasche, darin das Leiden Christi in seinen Werkzeugen bildlich dargestellt und geheimnisvoll verschlossen war.

Inmitten der Stube aber stand eine Hühnerleiter, die zu einem hölzernen Verschlag emporführte, daraus lautes Gackern und Girren scholl, und eine Luke unter der Ofenbank stand als Ein- und Ausgang für die Hennen offen.

Über dem Ofen hingen an einer Stange etliche Tücher oder Hadern, eine eiserne und eine kupferne Pfanne und die Sichel.

Mein Maul stand noch offen vor Verwunderung, als der Alte abermals eine Tür aufsperrte und mir das Schlafgemach wies, darin ein Strohsack auf dem Boden lag mit einem Kissen und einer rauhen Decke. Eine alte Truhe und ein irdener Wasserkrug standen neben dieser Lagerstatt, und zwei Weidlinge voll Milch waren am Fensterbrett aufgesetzt.

Auch hier hingen vielerlei Bilder an den Wänden, die alle die Gegend vorstellten: bald im Sommer, bald im Winter, bald bei blauem Himmel, bald mit schwarzen Wetterwolken oder leuchtendem Abendrot. Manchmal tummelte sich auch eine Viehherde auf dem Bild, und ein Bauer kniete mit gefalteten Händen dabei, während in den Wolken die Jungfrau mit dem Kind thronte; oder eine Familie mit sieben, acht und noch mehr Kindern lag inmitten der Landschaft, dem Geschlecht und Alter nach ordentlich in zwei Reihen geschlichtet, auf den Knien und blickte andächtig gen Himmel, wo die Birkensteiner Mutter Gottes in einem leuchtend gelben Strahlenkranz schwebte.

Mochten wohl leichtlich an die fünfzig Bildertafeln herumhängen in dieser Kammer; lagen auch auf dem Boden noch etliche Stöß in jeglicher Art und Größe.

Hinten in der Ecke aber war ein großer Haufen Heu aufgeschichtet als Winterfutter für die Geißen; ein Sack mit MehI und eine Kiste mit Kleie standen daneben samt einem Körblein voll Eier.

»Jetzt mußt d' dir halt eine Gruben ins Heu machen als Liegerstatt«, meinte der alt Vater, als ich lang genug alles beschaut und betrachtet hatte; »ich gib dir dann auch noch ein Leilachen dazu und mein Schafpelz als Zudeck, daß di nit friert. – Und jetz wolln mir nachher einmal z'allererst epps zu der Nacht essen!«

Nahm also einen Weidling Milch und trug ihn hinaus in die Stube, holte Reisig und machte ein lustigs Feuer in den Ofen, darauf er dann die kupferne Pfann mit der Milch stellte; darnach ging er hinaus hinter die Hütte, wo ein kleiner Röhrlbrunnen stand, holte in einem Schäfflein Wasser und schöpfte die eiserne Pfann damit voll.

»So, das gibt unser Kaffeesupperl«, sagte er; »jetz muß i no gschwinds meine Goaßln und 'n Hennan dös eahna gebn, nachher koch ma unsern Kaffee, und nach 'n Essen muß i melchan.«

Mir war gar wohl bei diesem Mann; und da er mir nun seine Arbeit so hersagte, dachte ich: kannst ihm doch leichtlich was abnehmen!

Half ihm also beim Streubreiten und beim Füttern, nahm ihm auch gleich das Melken ab, dabei sich die Geißen so still hielten, als hätt ich sie schon ihr Lebtag immer gemolken.

Der Alte lachte still und zufrieden und gab mir noch allerhand Befehle und Weisungen, doch nicht wie ein Bauer, vielmehr wie ein guter Vater.

Ich mußt also aus einem Schränklein, das in die Wand gemauert war und ein Bild mit dem Bergglühen als Türl hatte, zwei irdene Schüsseln langen und mir einen Löffel schneiden, was aber derweilen lang geschehen war, bis der Vater ein Häuflein gebrannte Eicheln und Zichorienwurz zwischen zwei flachen Steinen gemahlen und die Kaffeesuppe davon gekocht hatte.

Drauf mußte ich von einem Zuckerhut etliche Brocken abklopfen und in Stücklein zwicken, indes der Vater eine Latern aus der Anricht holte, ein Stümplein Licht hineinsteckte und am Herdfeuer anbrannte.

Nun zog ich meine Kirchweihkräpflein aus den Taschen und teilte sie mit dem Hausvater in Redlichkeit.

Setzten uns also zum Tisch und aßen mit ruhigem Herzen. Hat mir gar wohl geschmeckt in dieser Hütten; gewißlich besser, wie dem großen Napoleon seine köstlichsten Mahlzeiten!

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