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Mathias Bichler

Lena Christ: Mathias Bichler - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleMathias Bichler
authorLena Christ
year1989
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-11035-x
titleMathias Bichler
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1914
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Um zwei Gulden

Da nun die Toten in Frieden ruhten, auch der Brandplatz gesäubert war, erscholl eines Tags schon früh am Morgen die Glocke des Gemeindeschreibers durch die Gassen, und der Aktenlippel rief in die Häuser: »Heut wird ausgeboten der Grund und Besitz des Weidhofs! Wer was schuldet, und wer was zu fordern hat, ist hiemit kommandiert, auf die Burgermeisterei zu kommen!«

Eija! Wie ward da mancher vordem Gerechte zum Spitzbuben!

Hatte keiner was zu zahlen, war keiner was schuldig, da doch mein guter Ziehvater vordem als der best und christlichst Geldgeber und Wohltäter gepriesen ward!

Da standen droben beim Klinglwirt etliche Küh im Stall, die er in der Brandnacht gar barmherzig aufgenommen hatte und gesagt: »Ach, des armen Weidhofers Küh!«

Nun aber der Tag gekommen, da er sie billigerweis hätt herausgeben müssen, waren es bei Ehr und Seligkeit seine eigenen!

Wie wars doch mit der Schwaigerin, der Nandl!

Hatte sie nicht einen ganzen Hausrat aus dem Weidhof im Kuchelwagen fortgefahren als eine Leihgab?

Ei was! Da stand der Pauli und beschwor, daß alles ein Geschenk der Toten gewesen wär, so wahr Gott lebte!

Ach, da kamen die Knecht und Mägd und hatten ein jedes zu fordern seinen Lohn und noch ein etlichs hundert Gulden aufgehebtes Geld!

Hatten 's alle angelegt gehabt im Weidhof, da doch keiner hätt mehr zu kriegen gehabt, denn seine zwanzig bis dreißig Gulden Jahrgeld und sein härwenes Hemd dazu!

O, der Schmach und Schand! Da kam der reiche Lackenschuster und verlangte Buß für die fünfhundert Gulden Heiratsgut seiner Ehefrau, der Kathrein! Verlangte Buß für die fünfhundert Gulden vom Verkauf des Waldhauses! Forderte hundert Gulden Buß für das verbrunnene Sach seiner ehelichen Hausfrau!

Ach, indes ich dabeigestanden war, drei Tag vor seiner Heirat, da ihm mein Vater, der Weidhofer, die blanken Gulden auf den Tisch gezählt und alles Glück gewunschen hatte!

Wohl hätt ich können mein Maul auftun und solches offenbaren; allein, wer wollt denn auf einen Spatzen hören! Pfeifen ihrer viel von den Dächern und merkt niemand drauf!

Schwieg also still und wartete, bis alle ihre Wünsch und Gerechtsamen dem Aktenlippel in die Feder diktiert; alsdann trat auch ich vor und bat um meinen Jahrlohn: sieben Gulden und dreißig Kreuzer als Viehbub.

Fuhr mich aber der Lippel rauh an und sagte, solch lumpiger paar Gräten wegen kunnt er nicht noch einen neuen Bogen schöns Papier verschmieren; sollt warten, was überblieb, das könnt ich alsdann unangefochten mein eigen nennen.

Also ward alles aufgeschrieben, der Grund und Besitz zerteilt und jedem sein Sach gegeben nach Maß der Forderung. Da erhielt der einen Acker, der ander zwee Wiesen; der dritt den Hausgrund samt dem Anger und der viert ein Kleefeld. Der Lackenschuster aber nahm das Waldhaus, die Alm und die vier Rösser. Ein jeder bekam sein Sach weil alles wohl aufgeschrieben war; da aber die Reih an mich kommen sollt, war nichts mehr, das sie mir hätten geben können, wie denn auch die andern Kostbuben ein jeder nur eine oder zwei Hennen erhielten als Lohnung und Erb.

Nach solcher Teilung ward wieder mit der Glocke geläutet: Gute Leut sollten sich melden, die einen von uns Waislbuben um Gottswillen aufnehmen wollten.

Aber da war niemand, der sich erboten hätte, und so sollten wir, altem Herkommen gemäß, am Tag darauf als Gemeindelümmel versteigert werden.

In der Gemeindestuben wurde noch ein jeder ausstaffiert mit einem rupfernen Hemd, ein Paar Holzschuhen und einem Tüchlein, darein diese Hab gebunden war.

Nach diesem sollten wir uns auf dem Marktplatz einfinden, um öffentlich ausgeboten zu werden.

Da waren unser aber bloß noch zwei; – die andern hatten sich fein bedankt für die Gab und waren darnach eilends aus Sonnenreuth entwichen, darüber bei den Bauern ein großes Gelächter, beim Aktenlippel aber wilder Zorn ausbrach.

Wurde also erst der Fritz ausgeboten: »Ein großs, handlichs Bürschl ist zu verdingen um den Jahrlohn von fünf Gulden und einem Hemd!«

Niemand wollte bieten.

»Um vier Gulden und ein Hemd!« schrie der Lippel wieder; »wer bietet vier Gulden?«

Keiner bot, und dem Fritz liefs blutrot über die Wangen, während ich bei mir dachte: »Lieber Himmel! Wenn sie schon für den baumlangen Burschen nicht vier Gulden wollen bieten – was wird dann wohl mit mir armseligem Häuflein Elend geschehen!«

Da schrie der Lippel voll Gift und Gall: »Geh, schaamts enk do, Manna! Habts denn gar koa Erbarmnis mit dem Bürschl? Mag'n denn wirkli koana?«

»Zum Hausanzünden!« sagte da ein alter Bauer, schüttelte abwehrend beide Hände und ging weiter.

Der Fritz aber hatte kaum das Wort vernommen, als er auch schon dem Lippel sein Päcklein vor die Füße warf und ohne ein Wort aus dem Kreis ging. Niemand hielt ihn auf, niemand sagte eine Silb des Schimpfs oder Unwillens, und auch der Gemeindeschreiber fand keine Red des Zorns.

Mir aber schnürte es den Hals zu, als ich dieses sah und hörte; wollt auch gern dem andern folgen, wenn mich nur meine Füß hätten tragen mögen.

So aber war ich keiner Bewegung mächtig und mußt es also leiden, daß mich der Lippel um das Gebot von drei Gulden und einem rupfernen Hemd ausrief.

Alle lachten, und etliche Bauern sagten: »Viel Geld für so ein hoalos Krischperl! Is ja zu nix z' brauchen als zum Fressen und Schlafen!«

»Um zwee Gulden fuchzg Kreuzer!« schrie der Lippel dazwischen. »Is niemand da, der das Büabl nimmt! – Kann Vieh hüten, s Kindsmensch machen, d' Floign ertöten...«

Wieder lachte die Menge, während ich meine Seligkeit hätt hingeben mögen um ein Mausloch, mich drein zu verkriechen. Hätt mich willig vom Teufel holen lassen, wenn er mich nur in dem Augenblick hätt wegführen wollen.

»Also, Manna, was is's?« fragte der Schreiber noch einmal; »mag'n neamd um dös Geld?«

Da trat der Lackenschuster vor: »I nimm 'n auf d' Alm um zwee Gulden dreißg Kreuzer. Gibst mir 'n um dös, nachher nimm i'n glei mit.«

Da gab mich der Lippel hin, nahm die dreißig Kreuzer als Drangeld in Verwahrung und schlug mit einem hölzernen Hammer auf sein Tischl: »Also nimmt 'n der Lackenschuster, was ihm Gott gsegnen mag!«

Wandte sich darnach an mich und fuhr mich an: »Daß d' eahm dankbarli bist und koa Schand machst, deinem Bauern! – Verstanden!«

Worauf mich der Lackenschuster an der Achsel faßte und sagte: »So, geh nur jetzt! Arbat gibts grad gnua für di!«

Und schob mich also aus dem Haufen, indes die Bauern sagten: »Is a guata Mo, der Anderl, a christlicher Mo.«

Mög mir's vergönnt sein, stillzuschweigen über meine Pein, da ich meiner liebsten Kathrein mußt unter die Augen gehn als ein armseliger Gemeindelümmel; auch fortan ihr Knecht heißen sollt, – ja, nicht einmal ihr Knecht, – gar bloß ihr Kühbub!

Und sollt von nun ab diesem Schinder angehören, der gefürcht war bei allem Dienstvolk im ganzen Umkreis wegen seines gachen Zorns.

Nun war die junge Hausfrau freilich gar gut und gnädig zu mir und setzte mich auch nicht gleich zu dem Gesind, um mir Gespött zu ersparen, darum, daß ich erst noch ein stolzer Brautführer und Jungherr gewesen bei ihr, und nun der mindest Dienstbub.

Doch wußt ich ihr keinen Dank dafür und brachte den Tag in trübem Schweigen hin.

Und da die Nacht kam und ich im Stall auf einem harten Strohsack mein armseligs Dasein überdacht, da kams mir in den Sinn, daß es besser wär, wenn ich gleich meinen Kostbrüdern die Schuh nach auswärts stellt.

Stand also mitten in der Nacht ganz leise auf, nahm mein Gemeindebündel und machte mich durch den Stall davon.

Lief also immer fort, ohne mich zu besinnen, wohin ich mich wenden sollt, und stand endlich bei Tagesanbruch vor einem dichtbewaldeten Berg, den die Leut den wilden Rohnberg heißen.

Da stieg ich denn hinauf, soweit ich konnte; mußt aber alle Augenblick verschnaufen und mich ausrasten. Und da ich endlich eine halbverfallene Streuhütte fand, kroch ich hinein und schlief darin den ganzen Tag bis zum Abend.

Stand darnach eilends auf und suchte nach einem Weg, auf dem ich wieder weiter wandern kunnt; fand auch schließlich einen Pfad, der mich leichtlich um den Berg führte und auf eine Landstraße.

Derweilen hatte mich aber ein großer Hunger ergriffen, und ich lief, so rasch ich konnte, dahin, um bald in einen Ort zu kommen, da man mir möcht etwas geben; gelangt auch endlich zu einem breiten Bach, einer Brucken und einer Mühl dabei.

Setzte mich also auf einen alten Mahlstein neben dem Haus und wartete sehnsüchtig auf den hellen Tag, da ich alsdann vor die Haustür trat und um ein Stücklein Brot bat, worauf mich die Müllerin eintreten hieß und mit einer guten Brennsuppen und einem Keil Brot speiste, nach meinem Woher und Woaus fragte und, nachdem ich ihr geantwortet: auf die Wanderschaft, mich mit einer wohlgefüllten Schnapsflasch und einem Säcklein Brot versorgte und mir gute Wanderschaft wünschte.

Ich dankte ihr mit frohem Herzen und machte mich darnach wieder auf den Weg, der mich in ein neus Leben und in die weite Welt hineinführen sollt.

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