Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Lena Christ >

Mathias Bichler

Lena Christ: Mathias Bichler - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleMathias Bichler
authorLena Christ
year1989
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-11035-x
titleMathias Bichler
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1914
Schließen

Navigation:

Peitschenknallen weckte mich endlich; der Wagen wurde mit sechs Ochsen bespannt, die Nähterin von Sonnenreuth ließ sich zum Spinnrad hinaufheben, die Kuh der seligen Irscherin trabte, mit Kränzen und Buschen geschmückt und geführt vom Zimmermann des Orts, aus dem Stall.

Zwölf Böllerschüsse krachten vom nahen Kreuzberg herab, und ein Häuflein Musikanten kamen mit ihren Fiedeln und Flöten in den Hof.

Da sprang die Jungfer und Hochzeiterin lachend die Stiegen herab und hielt mit der einen Hand das prächtige Gewand gerafft, mit der andern aber die hohe Pelzhaube aus der Stirn. Ihre Wangen waren purpurn, und ihre Augen leuchteten vor großer Freud, da sie um den Wagen ging und alles besah und betrachtete.

Der Weidhofer aber lief geschwind vom Kirchhof herüber, spannte die Kutsche ein, steckte große Buschen daran und hob darnach die Jungfer hinein; packte mich alsdann mit schnellem Griff und setzte mich rittlings auf eins der Rösser, gab mir eine mit Buchsbaum und Bändern geschmückte Peitsche in die Hand und sagte: »Mach 'n Führer! Daß d' mir Achtung hast! Nit, daß was passiert!«

Reichte dann der Hochzeiterin einen Korb hinauf in den Wagen, darin ein Säcklein voll Kreuzer und Groschen, ein Bund Schlüssel zu den Schränken und Laden war samt dem stehenden Angebind für den Hochzeiter, nämlich einem gar feinen, milchweißen Bierkrug, mit Blümlein bemalt, nebst einem selbstgesponnenen Hemd und selbstgestrickten weißen Strümpfen für ihn.

Derweil begannen die Knecht mit ihren Geißeln zu knallen und die Musikanten zu geigen und zu blasen; dann gings dahin. Die Musik machte den Vortrab; juchzend und knallend folgten die Knechte mit dem Kuchelwagen, und dahinter ging der Zimmermann und führte die Kuh. Das End aber machten wir mit dem Brautwagen.

Der Meßmer hatte sich zu der Hochzeiterin gesetzt und schrie mir zu: »He, Bua, schnalz und juchz, daß alles scheppert! – Dreimal um den Hof fahrn und darnach dahin!«

Ach, der hatt ein leichtes Reden! Ich aber saß auf meinem Rößl wie ein angepappter Kripperlmann und sah hilflos bald hierhin, bald dorthin; doch fand sich keiner, der mit mir hätt tauschen mögen. Da gab ich mir endlich selber einen Ansporn, schnalzte mit der Geißel, daß es nur so hallte, und schrie: »Huia, Heißerln! Ziehgts! Huiuh!«

Da liefen alle noch eilig an die Haustür; die Weidhoferin und die Schwaigernandl mit meinem Godenkindl am Arm, die Knecht und Mägd samt den Kostbuben – alle kamen noch herzu und wünschten viel Glück und einen guten Einstand, bis ich endlich am Zügel riß und anfuhr.

Sauste also dreimal um den Weidhof und knallte und plärrte dazu wie ein Schwed und fuhr darnach dahin durch Sonnenreuth. Doch kamen wir nicht weit; schon vor der Schmiede stand eine Schar Kinder, hielten eine Stange über den Weg und wünschten eine frohe Brautfahrt. Da holte die Hochzeiterin das Säcklein mit den Kreuzern aus dem Korb und warf eine Handvoll unter die Hord. Drauf ging die Fahrt weiter, bis abermals die Straße durch einen Haufen Kinder versperrt war.

Also mußte sich das Bräutl wieder loskaufen und das noch etlichemal, eh wir an den Hof des Lackenschusters kamen.

Da krachten wieder die Böller und hallten zwölf Schüsse durch das Tal; und es kam uns der Hochzeiter, ein stämmiger Bauernbursch mit kohlschwarzen Haaren und dunklen Augen, auf einem schön geschmückten Roß juchzend entgegengeritten, begrüßte alle freundlich und reichte dem Bräutl die Hand. Drauf bot er ihr aus einem feingeschliffenen Glaskrug, der mit allerhand Bändern, Perlen und Münzen geziert war, zu trinken, indem er rief: »Hochzeiterin, grüaß di der Himmel und grüaß di Gott dahoam! – Geh, tu mir Bscheid, obst gern und willig hoam gehst zu mir!«

Da nahm die Braut und Jungfer den Krug, und ihre Augen glänzten, als sie ihm den Bescheid tat: »Grüaß di Gott aa! Mit Verlaub – auf dein Gsund – auf unser Glück – auf mein Einstand in der neuen Hoamat!«

Drauf trank sie und gab ihm den Krug wieder zurück; er aber tat bloß noch einen herzhaften Trunk daraus und sagte darnach: »Ghalt 'n nur! Zum Angedenken auf die Stund!«

Worauf ihm die Hochzeiterin dankte, den Schlüsselbund aus dem Korb holte und, aus der Kutsche springend, sagte: »Also siechst mi zu deinen Füaßen stehn als dein anvertrautes Weib. I kimm mit Freuden, – da hast d' Schlüssel, und« – sie nahm das Hemd und die Strümpf – »wannst mir halt die Liab tätst und nahmst es an aus meiner Hand! Reiß's z'samm in Glück und Gsund!«

Da saß der Hochzeiter ab, faßte sein Bräutl an der Hand und führte sie in sein Haus. Der Weidhofer aber stieg aus dem Wagen, nahm das Roß des Hochzeiters beim Zaum und übergab es einem Knecht desselben; darnach hob er mich aus meinem Sattel und sagte: »Kannst auch mit ins Haus gehn und helfen einräumen, wannst magst!«

Aber ich mochte nicht. Hatt nichts verloren in dem Haus. Ging mich ja nichts an. Sollten nur die andern werken, saufen und Faxen treiben, wie es der Brauch!

Sagte also: »Ja, ja. Werd schon sehn, wie sichs schickt«, ließ den Weidhofer ins Haus gehen und macht mich davon, auf den Heimweg. So von ungefähr begegnete mir der Pfarrer; der fragte, ob ich vom Lackenschuster käm.

»Nein«, sagte ich; »bin vom Weidhof«, zog mein Hütl und lief davon; wußte wohl, daß er kam, um die neue Einricht, das Haus, das Vieh und alles im Lackenschusterhof einzusegnen und zu weihen.

Das aber war seine Sach und ging mich nichts an.

Sprachlos und grimmig sah mir der alte Herr nach und stand, als ich mich nach einer Weil umwandte, noch immer am selbigen Fleck und schüttelte mir die Faust.

Ich kehrte mich aber nicht viel daran. Bin auch mein Lebtag kein bsunderer Freund der Pfaffenröck gewesen, ausgenommen des einen, den ich aber erst nachmals in der Münchnerstadt kennen lernte.

Also trabte ich dahin und kam wieder zu meinem Godenkind. Das lag wohl schlafend im Wagen, und die Mutter Nandl fuhr es leise die Stube auf und ab und sprach mit der Weidhoferin über ihre Hochzeit und den Pauli.

»Ei was!« sagte die Nandl voller Freud, da sie mich sah; »der Herr Göd ist schon wieder zruck!«

Auch die Ziehmutter belobte mich, und beide dachten nicht anders, als daß dies rein aus Eifer und Lieb für das Wuzerlein geschehen wär, daran ich doch längst nimmer gedacht, vielmehr mein ganzes Herz bei der Kathrein gehabt hatt!

Doch schwieg ich still, ließ mir eine Schale Kaffee geben und aß dazu etliche Taufküchlein. Da gings denn an ein Gefrag und an ein Getue wegen des Einstands der Jungfer; ich sollt sagen, wie sie angekommen, wie er sie empfangen, ob der Pfarrer schon gesegnet hätt, ob's recht zuging jetzt, – kurzum eine wollt das Knetene wissen, die ander das Bachene. Sagt ihnen aber gar nichts von der ganzen Sach, als daß ich sie wohl hingebracht hätt, und dann sei ich gegangen; den Pfarrer hätt ich am Weg getroffen, wie er zum Segnen ging.

Dazu aß ich meinen Kaffee aus, wischte drauf meinen Löffel ans Tischtuch und wollt gehen; doch sagte die Meßmerin, ich sollt nur sitzen bleiben; an so einem heiligen Tag verlangt' kein Mensch, daß ich noch arbeit'.

Dann ging's Schwatzrädlein wieder munter um, und ich vernahm, daß der Pfarrer, eh er nach dem Lackenhof gegangen, dagewesen sei und der Nandl eine gar frohe Botschaft gebracht hätt; nämlich, daß er sie morgen schon zum drittenmal verkünden wollt, und wenn die Meßmerin nichts dagegen hätt, könnt man ja gleich zwiefache Hochzeit halten.

Also sollt am Irchtag in der kommenden Woch auch die Nandl mit ihrem Hochzeiter vereint werden, und die Weidhoferin versprach, daß sie ihr gleich morgen einen sauberen Kuchelwagen aufrichten wollt; der Wagen und die Ochsen seien ja schon gericht, und die Einricht und den Kastenprunk wollt sie der Nandl gern leihen zum Einstand, auf daß die Leut nit gleich neinschmecken kunnten in ihren Haushalt.

Weiß nicht, ob es noch so ist; damals aber war der Brauch, daß arme Hochzeiterinnen ihre reiche Freundschaft um leihweise Überlassung der Hausschätze angehen mußten, damit ja dem Kammer- oder Kuchelwagen, wenn er so öffentlich durch alle Gassen gefahren wurde, nichts mangelte an Prunk und Pracht. Da waren die Betten hoch und voller Flaum, und die Kästen gefüllt mit Leinwand, Flachs und reicher Wäsche; hätt einer aber etlich Wochen nach der Hochzeit nachgewogen, da wär wohl manche Lade gar leicht und gering befunden worden, und hätt es ihn leichtlich kaum mehr gelüst', in dem Himmelbett zu schlafen, das erst so mollig war und weich, nun aber so dünn und mager wie eine Haut.

War also die Mutter Nandl voller Freuden und schickte mich sogleich zum Pauli, daß ers halt wüßt und 's Häusl grecht macht' für den Einstand.

Dem wars nicht sonder zuwider; gab mir einen Groschen Botengeld und die Antwort, daß er mit Freud auf sie wart und alles richt.

Also mußte der Wagen sogleich, kaum die Knecht mit ihm zurückgekommen waren, wieder aufgerichtet werden; und die Weidhoferin räumte willig ihre Kinikammer aus und ließ Stück für Stück von den zierlich geschnitzten und fein bemalten Möbeln hinabtragen, stopfte selber den Kasten voll mit Linnen und Flachs, mit Wäsche und Wachs, mit seidenen und wollenen Tüchern und zierlichen Tassen und Gläsern.

»Kannst es ja nach und nach wieder zruckschaffen bei der Nacht!« meinte sie gutherzig; »zu mir kimmt doch kein sterblicher Mensch in d' Herberg!«

Der Kuchelwagen war eben vollendet und wieder aufgerichtet und sollt nun derweilen über Nacht in die Tenne geschoben werden, als der Weidhofer die Jungfer und Braut wieder zurückbrachte mit der Kutsche.

Haha! Machten große Augen alle beid! Glaubten wohl, daß sie ein Blendwerk narrte! Aber die Ziehmutter stand schon eifrig schwatzend da und berichtete, daß nun auch die Nandl am Irchtag ihre Hochzeit mach, und morgen sollt der Einstand sein.

Worauf die Nandl herzukam und sagte, daß sie noch am Montag zum Beichten ging und auch zum Vorsegnen, zumal sie schon aus den Kindlwochen sei.

Herrschte also überall große Lust und Fröhlichkeit und gedachte niemand des Spruchs:

Große Freud glangt nit weit.

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.