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Mathias Bichler

Lena Christ: Mathias Bichler - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleMathias Bichler
authorLena Christ
year1989
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-11035-x
titleMathias Bichler
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1914
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Im selben Augenblick kam der andere mit seinem Säbel eilig zur Haustür herein, hielt in einem roten Barchentsack eine schreiende Henne in die Höhe und rief:

»Hui! Auf, Kamerad! Mei Bräutl, dös hab i im Sack!
Lus auf, Bua, wie's juchazt und schrein tuat: gigg gagg!
Is sauber und mollat und liabli vom Fuaß bis zum Kopf,
Grad schad, daß's gelbe Augn hat, an rotn Schopf und'n Kropf!«

Drauf stieß er einen hellen Juchzer aus, schwang seinen Sack, daß die Henne laut schrie und gaggerte, und stampfte mit den Stiefeln und sang:

»Aber Dirnei, was knerrst denn und schreist denn a so!
Balst so ohabisch tuast, nachher kriagst ja koan Mo!
Du muaßt ja schö stad sei und's Herzerl auftoa,
Muaßt a zuckersüaße Drutschl sei, sunst bleibst alloa!«

Der Hochzeitlader war derweil aus der Stuben gekommen und begann nun überall nach der Braut zu suchen: in der Kuchel, in der Speis, im Stall. Dazu sang er:

»Jetz sollt i verkündn, daß a Bräutl da is,
Und kann s' nindascht findn, wo s' hingschloffa is!
Is in der Kuchl net, in der Speis net und in Stall nindascht z' sehgn,
Jatz muaß i 's Kirzl ozündn und leuchtn a weng!«

Zog also ein Wachs und Zündzeug aus dem Sack und schlug Feuer. Der andere aber gab ihm einen Rat:

»Schaug in Heubodn auffe, schaug in d' Kammer ei,
Schaug ins Millikastl und ins Krautfaß nei!
Schaug in d' Liegerstatt und hinter d' Kellerstiagn,
Balst es gscheid ohebst, werst es scho kriagn!«

Ich lehnte immer noch droben auf der Stiegen, und es war mir, als sei ich in einem Komödienhaus und hörte da ein närrisches Fastnachtsspiel; aber es war leider ein trauriges Zuschauen und Hören, da mir mein liebes Kathreinl für einen andern geworben und gefreit wurde.

Und am End konnt ich nicht mehr Stand halten, kroch an die Tür zum Heuboden und schlüpfte hinein; stieg an der Leiter hinab zur Tenne und lief durch den Stall hinaus in den Hof, wo die Stalldirn kehrte und fegte, daß der Staub aufwirbelte.

Indem fiel mir die Nandl ein, und ich sagte der Dirn, daß sie gleich mitkommen müßt auf die Schwaigen; sollt auch zwei, drei Flaschen Wein und ein etlichs paar Eier mitnehmen für die Wochnerin.

Unwillig erwiderte sie: »Laß mir nix schaffen vom Kühbuben!«

Dann fuhr sie mir mit dem Besen zornig über die Füße und kehrte weiter.

Eine Weile noch sah ich ihr gedankenlos zu und blieb auf dem Fleck; dann aber lief ich kurzerhand hinein ins Haus, wo der Hochzeitlader eben das Kathreinl aus dem Krautfaß zog und der Ziehvater und die Mutter lachend dabeistanden; fuhr also grimmig dazwischen und schrie die Weidhoferin an: »Machts einmal ein End mit der Narretei! Ich muß eine Schwaigerin haben! Eine Hilf brauch ich für die Nandl!«

»Oho! Net so gach, Büberl!« erwiderte die Ziehmutter hochfahrend. »Wann die Herrischen handeln, haben die Dienstigen das Maul zu halten! Wir haben jetzt keine Zeit für dich!«

Und der Meßmer rief spöttisch: »Geh nur und such dir dein Sach! Bist ja auch sonst so mannig!«

Himmel! Da kam's über mich, und es fuhr mir heraus, was an Gift und Galle in mir steckte, ungeachtet der zu erwartenden Straf; und ich schrie, daß mir die Stimm überschnappte: »Jawohl, das bin ich auch! Und so dumm wär ich auch nit, daß ich so eine nähm, die schon bei einem andern Buben glegen ist! Herrisch oder nit! Aber lieber eine Gänsdirn, als wie so eine!«

Heißa! Das traf! Und ich lief aus dem Haus und dahin auf die Alm; und in den Ohren gellten mir noch immer meine eigenen Worte. Sie ließen mich nimmer aus, hallten mir aus allen Geräuschen entgegen, aus dem Rauschen des Bergbachs, aus dem Keuchen meines Atems – und dazu mischte sich eine harte Anklag meiner selbst: »Du hast sie ehrlos gemacht aus Bosheit.«

Wie ein Feuer brannte es auf mir, daß ich so feig und gemein an dem Mädchen gehandelt hatte, und ich zermarterte mein Hirn, wie ich es wieder gut machen könnte. Planlos lief ich unter diesem dahin; ein leiser Regen begann zu fallen, und die Nebel sanken weit in die Täler hinab. Bald kam ein Frösteln über mich, und ich begann zu fiebern und zu frieren. Unsinnige Gedanken jagten durch meinen Kopf; bald wollte ich wieder zurücklaufen und die Geschmähte um Vergebung bitten, bald zum Wasserfall, mich hinabzustürzen; doch lief ich immerzu den geraden Weg nach der Weidhoferalm und kam endlich ganz durchnäßt an die Hütte.

Wollte also hinein; aber entsetzt fuhr ich zurück – unter der Tür stand grinsend mein Widersacher, der lange Ambros. Sein Gewand war zerfetzt, seine Haare zerwirrt; er war bleich, und in seinen Augen brannte es wie ein Feuer.

»Hab schon eine gute Weil auf dich gewart, Bürscherl!« sagte er und weidete sich an meinem Schreck. »Hab dich aber doch noch erwarten können, wie ich seh!«

Mich schüttelte ein Grausen; aber ich zwang mich zur Schneid und sagte gleichgültig: »Auf mich hast g'wart! Ich hab denkt auf d' Landjager, weil grad zwee daherkommen da vorn!« Dabei wies ich nach einer nahen Wegbiegung, die durch einen mächtigen Felsblock verdeckt war. Der aber hatte kaum das Wort Jager vernommen, rannte er auch schon davon und verschwand hinter der Hütte, während ich eilends hineinging und die Tür verriegelte.

Die Schwaigerin lag schlafend auf ihrer Liegerstatt und hielt das Kind warm an die Brust geschmiegt. Ich durchsuchte die Hütte nach der Mariandl, die mußte aber wohl schon wieder nach der Riedleralm zurück sein; denn ich konnte sie nirgends finden. Überlegte also, was ich nun beginnen sollt, besonder da ich auch ganz allein war und in dem Schelmen, dem Ambros, einen gefährlichen, ja unheimlichen Patron sah.

Mitnichten wollte ich allein in der Hütte bleiben; stellte also der Nandl einen Weidling voll Milch auf einen Hocker vors Bett, legte einen Löffel, Brot und Butter dazu und schlich mich leise wieder davon und versperrte die Hütte.

Nun sprang ich also eilends wieder hinab nach Sonnenreuth und war noch vor dem Abend am Weidhof.

Der Meßmer saß gerad mit der Jungfer auf der Hausbank und hatte einen köstlichen Rauchmantel aus der Pfarrkirch vor ihr ausgebreitet, als ich durch den Gadern trat.

»Flickst 'n halt a bißl z'samm, daß mans nimmer gar so stark sieht, das Brandloch«, sagte er und zupfte an einer brüchigen, vermengten Stelle des Mantels; da ging ich auf ihn zu und sagte, ohne lang zu grüßen: »Der Ambros ist in der Schwaigen gwesen, der hat nix Guts im Sinn; laßts wem Handlichen mitgehn, eh was passiert!« Erschrocken fuhr er in die Höhe: »Was – der Lump – in der Schwaigen, sagst?« Auch die Jungfer war aufgesprungen und hatte in dem Augenblick gewiß alles vergessen, was ich ihr zuvor angetan; die Hände zusammenschlagend, rief sie aus: »Der Ambros! Weidhofer, das gibt ein Unglück!«

Nun man willig auf mich hörte, berichtete ich alles, auch, daß die Nandl mit einem Bub in der Woch läge und daß wir so schnell wie möglich Hilf brauchten, worauf der Meßmer den Rauchmantel der Jungfer auf den Schoß warf und sagte: »Leg 'n derweil in dei Stuben, Maidl; ich muß Leut z'sammtrommeln.«

Dann pfiff er dem Ochsenbuben und der Stalldirn, gab der Weidhoferin Bericht und Befehle, nahm seinen Hut vom Nagel, und wir gingen alle zusammen fort.

Der Tag war längst hinter den Bergen verschwunden,. und die Nacht brach dunkel und sternlos herein, als wir auf unseren Almfleck anlangten, von da aus man noch ein guts Stück zu steigen hatte bis zur Schwaighütten. Da gewahrten wir durch den dichten, schwarzen Nebel einen seltsamen, hellen Schein.

»Aber heunt geht der Mondscha wunderlich auf!« meinte der Weidhofer, und auch uns mutete das Licht sonderbar an; da fuhr es mir plötzlich durch den Sinn: Das ist von der Schwaigen. Am End ist die Nandl gar tot oder das Kindl.

Ich glaubte nämlich damals fest daran, daß Leute sich, wenn sie von der Welt scheiden, anmelden oder dies durch Lichter anzeigen.

Indem ich aber noch darüber nachgrüble und den Lichtschimmer mit starren Augen betrachte, deucht es mir plötzlich, als stiege über dem Schein ein dicker Rauch auf; ein jäher Schreck durchfährt mich, und ich schreie gellend: »Das brennt! O Gott! D' Nandl – s' Kind!«

Dann stürz ich hin und weiß nichts mehr.

Doch nicht lange dauert diese Ohnmacht; ich raffe mich auf und finde mich allein, die andern sind wohl nach meinem Schrei sogleich dahingestürmt. Ich wende mich gegen die Richtung, wo ich vorhin das Licht gesehen; allgütiger Gott! Die Schwaigen brennt wirklich!

Nun fasse ich alle meine Kräfte zusammen und renne den Berg hinan und komme gerade in dem Augenblick an, wo das Dach über meiner Kammer mit Krachen und Zischen zusammenfällt. Es brennt nur ein Teil der Hütte; der, in dem die Nandl liegt, ist außen noch unversehrt. Da fällt mir die Kranke und das Kind ein. Herrgott! Ich habe ja den Schlüssel abgezogen! Sie kann nicht entweichen, und die Helfer können nicht zu ihr!

Aber da kommt auch schon der Weidhofer und der Ochsenbub von der Seite her, wo die Haustür ist, und sie tragen die Mutter und das Kind samt dem Strohsack; zwar ohne Besinnung, doch von dem Feuer unversehrt.

Ich hocke mich daneben, unvermögend, etwas anderes zu tun, als unter Zähnklappern und Frost für mich hinzusagen: »Gottlob, sie haben s'«, während die andern verzweifelt arbeiten, um zu retten, was noch zu retten ist; denn das Feuer an der hölzernen Hütte zu löschen ist doch unmöglich.

Dazwischen haben sie Müh und Not, die ängstlich gewordenen Tiere vom Feuer wegzubringen; und am End schreit der Meßmer: »Treibt mir eins das Vieh hintern Berg und nachher tragts alles weg vom Feuer, Leutln. Was jetz no drin is, lassn mir brennen!«

Nun faßte auch ich mit an; denn die Nandl hatte zuvor die Augen ein wenig aufgetan, nach ihrem schlafenden Kindl gegriffen und war mit einem Seufzer wieder zurückgesunken auf ihr Kissen.

Ich lockte und rief also das Vieh und brachte es ziemlich weit vom Feuer weg; der Weidhofer aber faßte den Strohsack der Wochnerin und trug diese mit Hilf des Ochsenbuben nach der Riedleralm.

Darnach blieben wir die Nacht über beim Vieh und berieten, was nun geschehen sollt.

Mit einer großen Ruhe sagte mein Ziehvater: »Heimtreiben muß man halt. D' Hauptsach is, aß nix verbrunnen ist an Leut und Vieh. Das ander ist gleich, das baut man halt wieder auf; gibt ja Holz genug. Aber den einen, den Lumpen, laß ich fangen. Der muß mirs büßen, das!«

Immer noch schossen Feuergarben gen Himmel, und ein Stück nach dem andern loderte, krachte und fiel zusammen.

Endlich aber wurden die Flammen kleiner, der Rauch bläulicher; und als der Morgen mit fahlem Schimmer aufstieg, sah man von der Schwaighütte nichts mehr als einen Haufen Asche, verkohlte und verrußte Trümmer und daneben, lustig plätschernd, den Brunnen der Schwaige, der durch einen günstigen Wind unversehrt geblieben war.

Da ging der Weidhofer noch einmal hinauf zur Brandstätte und begoß die rauchenden Überreste mit Wasser; dann eilte er hinab ins Dorf, um seinen Leuten das Unglück zu melden und seine Befehle zu geben, ehe er in die Kirche mußte, den Morgengruß zu läuten und bei der Frühmesse zu dienen.

Und da es Tag war, kamen nacheinander: der Oberknecht, der Mitterknecht, die Oberdirn, die Mitterdirn, das Kuchelmensch und der Hausl und besahen die abgebrannte Schwaig, fluchten dem Schelmen und nahmen jedes ein paar Trümmer des Geborgenen und trugen es hinab in den Weidhof. Darnach kam auch die Ziehmutter samt der Jungfer Kathrein, klagten über das Unglück und gingen hierauf nach der Riedleralm, die arme Nandl und ihr Kindlein heimzusuchen.

Derweilen richteten wir drei, der Ochsenbub, das Stallmensch und ich, die Kühe zum Abtrieb und schrien und sangen mit rauher Kehl und gebrochener Stimm:

»Kuahlein! Gehn ma hoamazua!
He, Schwoagasbua, der Wendlstoa tragts Hüatl scho voll Schnee!
Dös is a Zoacha, daß ma jetz gent hoamtreibn von der Höh.
Es dauert it lang, so legt er gent sein schneern Mantel o
Und deckt die ganzen Alma zua, drum roas' ma frei davo!
Kuahlein! Gehn ma hoamazua! Juchu!
Jetz muaß i meine Küah und Kalm mit Kränz und Buschn ziern,
Daß s' ausschaugn grad wia Hochzatleut, wo mir vo der Alm hoamführn.
Na pack i Pfann und Kübl z'samm und spirr mei Schwoagn zua
Und treib mit meine Küah und Kalm schö schdad gen Weidhof zua!
Kuahlein! Gehn ma hoamazua! Juchu!«

Da wandte erst die Vorderkuh den Kopf nach uns und schüttelte sich, daß die mächtige Glocke, die sie um den Hals trug, durch die Berge hallte, und trabte eilig auf mich zu; und indem ich ihr einen Kranz von wildem Enzian umhängte, kamen auch die andern und ließen sich willig Hals und Hörner mit Tannen und Enzian schmücken, stellten sich auch in schöner Ordnung hintereinander und drängten sich ganz dicht, bis wir drei unsere Hüt geziert und den letzten Juchzer in die Berg geschrien hatten.

Also ging ich, frisch mit meiner Geißel knallend, voran, die Stalldirn hielt zur Seite die Ordnung, und der Ochsenbub trabte hintendrein.

So kamen wir denn gegen Mittag auf den Hof, brachten das Vieh in den Stall und tränkten es und setzten uns darnach an den Tisch, unser Einstandsmahl zu verzehren, während der Weidhofer jedem einen Krug Most an seinen Platz stellte und einen blanken Silbergulden darunterlegte.

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