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Mathias Bichler

Lena Christ: Mathias Bichler - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleMathias Bichler
authorLena Christ
year1989
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-11035-x
titleMathias Bichler
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1914
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Von Mathäi zu Laurenzi

Nach diesen Ereignissen kam die Erntezeit; ein jedes im Weidhof hatte vollauf zu werken, und auch ich mußte nun meine Glieder fleißig brauchen; der Ziehmutter mangelte das Kuchelmensch, dem Vater der Ochsenbub, da beide im Heuet waren; auch mußte ich den Mahdern das Essen und den Scheps aufs Feld bringen, Heu und Klee wenden, die Leiterwagen zum Einführen der Ernte bald auf diesen, bald auf jenen Acker oder Grund fahren und zuweilen wohl auch an Stelle des Vaters in der Kirche zum Angelus läuten.

Im Waldhaus wurden nun alle Fensterladen geschlossen und die Stuben und Kammern mit dem reichen Ertrag an Klee, Heu, Wicken und Haber angefüllt, während die Stadel des Weidhofs Roggen, Korn und Grummet, Stroh und Laubstreu bargen.

Ein fröhliches Erntefest folgte auf diese an Arbeit und Sorge reiche Zeit, und es wurde wieder lebendig in dem bisher stillen Bauernhaus.

Bald erscholl auch wieder aus der weitgeöffneten Tenne das klappernde Lied der Dreschflegel:

Buama, hauts ein,
Hauts nur grad drein!
Dirndln, hauts ein,
Dreschts fleißig drein!
Laßts enka Drischl fliagn,
Daß mir an Lobspruch kriagn;
Drischts alle Spitzbuam z'samm,
Daß mir koa Plag it habn
Mit so an Teifisgfraß;
Hauts zua, na habts an Gspaß!
Unter der Drischl drin
Habts die foast Weberin
Und den kloan Nagelschmied;
Dreschts 'n nur aa guat mit!
Hauts nur grad zua allsam,
Dreschts es guat z'samm!
Bauer, hau ein,
Drisch uns an Wein!
Bäuerin, hau ein,
Drisch uns an Brei!
Laßts enka Drischl fliagn,
Daß mir hübsch Gulden kriagn;
Drischts alle Schulden z'samm,
Daß mir koan Schadn it habn;
Dreschts uns a Feirtagwand,
Gebts uns an Guldn auf d'Hand!
Unter der Bettziach drin
Habts enkan Geldsack liegn,
Teats 'n nur außa gschwind,
Daß 'n der Schwed it findt!
Laarts 'n am Dreschbodn hin,
Na san ma zfriedn!

Es ist schon ein alter Brauch, daß die Drescher in ihren Drischelliedern die Verfehlungen ihrer Nachbarn, besonders aber den Ehebruch, geißeln und rügen, ihre Gerechtsamen als Ehehalten dem Bauern und der Bäuerin fürhalten und auf ehrliche Auszahlung ihres Lohnes dringen.

Drum stellte auch die Weidhoferin während dieser Tage öfter als sonst den Fleischhafen übers Feuer und warf auch in den Brei allwegen ein größeres Stück Schmalz zum Schmeck als sonst.

Und als dann die Kirchweih kam, da trug sie Schüsseln auf, daß sich der Tisch bog: dreierlei Fleisch und dreierlei Knödel, zweierlei Tauch und zweierlei Schmalzküchlein, und ein eigenes Kirtabrot mit Zibeben und gedörrten Birnen und Zwetschgen gespickt, Kaffee, Bier, Most und Wein.

Dann kam der Zupfgeigenjackl und der Klarinettensteffl; der Oberknecht holte seine Zither unter der Bettstatt heraus, und der Ochsenbub nahm das Trumscheit aus der Ecke, und bald gings an ein Musikmachen und Singen, an ein Tanzen und Stampfen, daß alle Fenster schepperten und der Boden erzitterte.

Auch das Kathreinl brachte an diesem Tag seine Zither herab und schlug sie meisterlich, sang auch viele Trutzgsangln und war munter und aufgeräumt. Sie hatte wieder ihren Staat angelegt, und als sie einmal mit einem der Burschen tanzte, da klirrten die Taler und Münzen, die Träublein und Ringe an ihrem Silbergeschnür, und der Seidenzeug ihres Gewandes knisterte und rauschte.

An diesem Tag hat mancher, glaub ich, leichtlich vergessen gehabt, daß das Maidel einmal als Hexenjungfer verachtet und verschrien war; ja, ich glaube nicht übel zu raten, wenn ich dem oder jenem zutraue, er habe damals im Ernst erwogen, ob seine Spargroschen sich etwan wohl ausnähmen neben dem Geldsack der Jungfer oder ob sein pechschwarzer und strohgelber Haarschüppel zu den Goldzöpfen einer Herrischen gut stünde.

Auch mich ergriff wieder eine unbezwingliche Sehnsucht, das Mädchen an mich zu reißen und zu herzen; doch kämpfte ich hart dagegen und begann zu saufen und zu plärren, auf daß meine Sinne betäubt würden. Sang auch alle Trutzlieder durch, die mir bekannt waren, machte ungefüge neue hinzu, sang über die Junker und über die Pfaffen, spottete der Lieb und Treue und gehub mich am End so zügellos, daß der Weidhofer aufstund, mich bei den Ohren hinauszog und mir ein paar herunterstrich.

Über diese derbe Zurechtweisung war ich dann so sehr beschämt, daß ich mir nicht mehr getraute, zu den andern hineinzugehen, sondern mich ganz still und kleinlaut nach der Kuchel verzog, wo die Weidhoferin und das Kuchelmensch eifrig brieten und hantierten; bald wurde es mir aber darin zu dämpfig, und ich drückte mich nach dem Stall, lehnte mich an die Hühnersteigen und schlief schließlich dorten so fest ein, daß mich weder das Rufen der Stallmagd noch die Püffe des Ochsenbuben wieder erwecken konnten und das Stallmensch mir am End aus christlicher Nächstenlieb ihren Melkkittel unterbreitete und mich daraufstieß und schnarchen ließ bis zum andern Morgen.

Da verwunderte ich mich höchlich über diese seltsame Liegerstatt und konnte mich gar nicht drauf besinnen, wie ich dahin gekommen war. Es wurde mir aber bald ein Licht darüber aufgesteckt, indem die Burschen und Mägd allesamt, kaum ich darnach in die Stube trat, um meine Frühsuppe zu essen, anfingen, mich zu verlachen und als traurigen Helden zu rühmen, der, wenn er auch noch nach Windeln rieche, gleichwohl schon gut beschlagen sei im Saufen und Schreien, und der jede gute und ehrbarliche Gemein durch sein säuisches Benehmen in üble Nachred brächte.

Mit offenem Maul saß ich unter solchem Gered da und marterte mein Hirn, ohne daß mir was einfiel. Da half mir der Weidhofer drauf: »Gelt, heut sitzt da, als wenn dir d' Hennen 's Brot gnommen hätten! Aber gestern hat einer plärrt und grehrt wie ein narreter Stier, und hat sich aufgmandelt und ein rechtliche Maidl verächtlich gmacht!...«

Und da ich ihn ganz verdattert anglotzte, fuhr er fort: »Ja, ja. So hast es trieben, gestern. Aber jetzt hast ausgstänkert, mein ich; jetzt sind dir die Perlen rausgfallen aus der Kron; und deine Jungfer, denk ich, wird wohl auch genug haben an so einem Lüdrian, so einem Hannaken, wie du einer bist.«

Bei einer solchen Kirchweihpredigt wär einem andern auch kaum mehr bsunder geruhig zumut gewesen; mir aber ward so elend dabei, daß ich, weiß Gott, was drum gegeben hätt, wenn ich in diesem Augenblick hätt ein Tarnkäpplein oder Bleßpulver bei mir getragen, mich unsichtbar zu machen, oder einen Meilenstiefel, mich damit an das ander Weltend zu kutschieren; aber ich war verurteilt, zur Predigt auch noch das Amt zu hören, indem sie nun alle zusammenschrien und auf mich einfuhren, bis ich mit einemmal einen greulichen Fluch ausstieß, meinen Stuhl umwarf und hinausstürmte.

Ich riegelte mich in meine Kammer ein und ließ mich nicht mehr sehen, bis die andern auf dem Kirchgang waren; da denn der Kirchweihmontag bei uns als ein guter Feiertag gleich dem Oster- und Pfingstmontag galt. Erst als alles im Haus still geworden, schlich ich aus meiner Kammer und lief durch den Stall hinaus und fort, trieb mich etliche Zeit im Wald herum und ging darnach keck zu einem Sonnenreuther Bauern auf den Kirtaheimgarten; doch hielt ich mich dorten tapfer und sparte den Trunk. Gegen Abend bedankte ich mich sodann und ging heim, drückte mich, während die Unsern in der Stube sangen und spielten, eilig über die Stiegen hinauf in meine Kammer und ließ mich von dem Tag ab nur selten noch bei den Mahlzeiten sehen. Der Jungfer Kathrein aber ging ich nun noch mehr aus dem Weg wie ehvor und tat, wenn wir uns dennoch trafen, wie ein Fremder gegen sie; blieb auch den Winter über wie ein Einsiedel in meiner kalten Klausen, während die andern scherzend und lachend in der warmen Stube bei der Kunkel saßen und die Burschen den Maiden mit dem Kienspan zum Spinnen leuchteten und allerhand Fäden knüpften.

So kam der Auswärts, das Frühjahr, und der Weidhofer schickte mich wieder, wie ehedem, mit dem Vieh auf die Alm; denn, meinte er, zur groben Arbeit taugte mein zerschundener Leib doch nicht viel; womit er auch recht hatte: ich wurde nichts Rechtes mehr seit dem Sturz vom Felsen; mein Körper blieb unscheinbar, meine Füße waren kurz und stumpficht, meine Arme aber dürr und gar lang. Auch zwickte und riß es mich bald da, bald dort, und ich hatte manchen Tag, an dem ich mich kaum rühren konnte.

Ging also mit vieler Freud wieder auf die Berg wie ehvor, hütete das Vieh des Weidhofs und die Kuh samt dem Kalb und den Geißen der Jungfer Kathrein und schnitzelte dabei allerhand Krippenmännlein und Himmelmuttern, bis eines Tages etwas daherkam, das mich wie der gottlos und unbarmherzig Kuckuck aus meinem Nest warf und in eine fremde Welt hinausjagte.

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