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Mathias Bichler

Lena Christ: Mathias Bichler - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleMathias Bichler
authorLena Christ
year1989
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-11035-x
titleMathias Bichler
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1914
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Die Herrische

Nun hatte sich also der Weidhofer, mein Ziehvater, wie ein rechter, guter Christ der Jungfer Kathrein angenommen, hatte ihr in der Erbsache wohl geraten und auch ihr Geld in seine Obhut getan.

Die Kuh und Geißen standen nun im Stall bei seinem Vieh, und wegen des Waldhauses war er bald mit dem Mädchen einig um fünfhundert Gulden; denn er meinte, der Grund sei am Wald wohl saftig genug, daß man es mit Klee und Haber darauf probieren könne.

Nun waren aber noch alle Stuben im Waldhaus so, wie sie am Todestag der Irscherin gewesen; der Weidhofer nahm daher Rücksprach mit der Jungfer, ob sie nicht willens wär, das ganze Gerumpel auf den Markt zu stellen und versteigern zu lassen; denn, meinte er, es nehme ihm den Platz in der Hütte weg und sei dennoch nichts für gut.

»Was dir grad bsunder lieb und wert ist, kannst ja in meinen Hof schaffen«, sagte er, als sie ihn mit großen, angstvollen Blicken ansah; »von mir aus kannst dir auch deine Stuben vollstellen mit dem Zeug; aber das meiste, die Hauptsach, tät ich hergeben, wenn ich du wär!«

Da sagte sie ja, und nachdem der Hausl mit dem Fuhrwerk das Himmelbett, einen bemalten Kasten, eine Kommode, die Standuhr, die Zither und das Spinnradl samt Tisch, Stühlen und Bildtafeln in den Weidhof gebracht hatte, ließ sie die noch vorhandenen Kästen und Truhen leeren, behielt vom Inhalt, was ihr gefiel, und übergab das andere nebst dem Mobiliar dem alten Donatl, der an jedem ersten Mittwoch im Monat auf dem Marktplatz den Hammer schwang und überflüssige und entbehrliche Dinge wieder nutzbar und wertvoll machte, indem er sie denen, die sein Faß, auf dem er schrie und werkte, umstanden, mit vielen und wohlgewählten Worten anpries und ein ganz respektables Mindestgebot dafür forderte.

Ich half überall mit anpacken, auch beim Fortschaffen dessen, das auf den Markt kam, obgleich mir um jedes Stück, das ich aus dem Haus trug und zum Wagen schleppte, von Herzen leid war; denn ich hing doch viel mehr an dem Waldhaus, als es durch den kurzen Aufenthalt dort eigentlich bedingt gewesen wäre.

Aber gewaltsam unterdrückte ich jede Kundgebung meines Schmerzes, um ja dem Mädchen keinen Einblick in mein Inneres mehr zu geben; denn nichts in der Welt hätte noch vermocht, mich von dem einmal gefaßten Entschluß abzubringen, meine Lieb für sie ganz zu verschließen und zu verbergen. Ich ging ihr aus dem Weg, so gut dies in einem engen Bauernhaus eben möglich war; und wenn ich mit ihr dennoch beisammen sein mußte, legte ich ein so gleichgültiges, ja unfreundliches Wesen an den Tag, daß sie wohl glauben mußte, ich hätte keinen Gedanken mehr an sie und an das Vergangene.

Freilich, in den stillen Nächten, wenn es kein Aug ersehen, kein Ohr vernehmen konnte, da packte mich der Schmerz immer von neuem und trieb mir nicht selten grimmige Tränen in die Augen, wenn ich jener Stunden und Tage gedachte, die ich im Waldhaus mit dem Mädchen verbracht. Ich war durch meine Neigung zu ihr unversehens zu einem reifen Burschen geworden und hatte keinen Augenblick anders gedacht, als daß ich sie dermaleinst werde besitzen und für sie arbeiten können, bis die unselige Erbschaft alle meine Träume und mein Hoffen zerschlug.

Gegen Abend war nun das Waldhaus ganz leer, und der Weidhofer ging von Stube zu Stube und sagte zufrieden: »Da hat schon was Platz herin; herunten machen wir mit Futter voll und droben mit Stroh. Jetzt kann wachsen, so viel als mag; unterbringen tun wir's schon!«

Mit fröhlicher Miene verschloß er alles und ging gemächlich heim; die Jungfer schritt blaß neben ihm her, und ich folgte ihnen, nachdem ich noch einen Augenblick beim Kreuz verweilt hatte.

Der Hausl hatte derweil das Himmelbett und alles andere vom Leiterwagen herab und im Hof aufgestellt, worüber die Weidhoferin so erzürnt war, daß sie uns mit heftigem Schelten empfing, als wir in den Hausflöz traten.

Dennoch aber half sie darnach selber mit, die Kammer der Jungfer auszuräumen, und befahl sogleich einer Dirn, den Boden zu fegen und frische Vorhänge aufzustecken. Dann lief sie geschwind in ihre eheliche Schlafkammer, holte geweihten Rauch und Kräuter, legte sie aufs Glutpfännlein und räucherte die Stube damit aus, auf daß dem Kathreinl nichts Übles darin widerfahre.

Und da ihr die Jungfer mit einem guten Dank vergalt, wurde meine Ziehmutter plötzlich weich und meinte: »Mußt mir's nit sonderlich nachtragen, meine Letzheit gegen dich! Schau, wenn ich gwißt hätt, wo d' her bist...«

Sie wurde ganz rührselig und mußte die Schürze an die Augen drücken, so daß das Mädchen mit einem brennroten Gesicht sagte: »Aber, Weidhoferin! Zwegen dem brauchte Ihr doch nit zu heunen! Ob man jetzt von hoch oder nieder stammt – vor unserm Herrgott sind wir doch allesamt bloß arme Würm!«

Der Weidhofer unterbrach sie: »Ein Wetter steigt auf! Helfts und packts an, daß wir alles trocken unterbringen!« Da gings! Die Meßmerin regierte die Leut herbei, die Jungfer stand in der Kammer und nannte den Platz, wo sie ein jedes Ding haben wollte, und nach einer knappen Stunde war die Stube fertig, und das Mädchen gehörte zum Weidhof.

Und als nach einer Weile der Sturm ums Haus fegte und der Weidhofer in die Kirche lief, den Wettersegen zu läuten, da kniete auch die Jungfer drunten in der Wohnstube und betete mit dem ganzen Haus samt Kostkindern und Ehehalten das Evangelium Johannis: Im Anfange war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Aß auch am selben Abend noch unangefochten am großen Tisch mit den andern zur Nacht und ward von allen geehrt und hochgehalten als die leibliche Tochter des edlen Herren von Höhenrain.

Sie hatte einen Haufen kleiner Münze unter das Gesinde verteilt und, nachdem das Wetter sich verzogen hatte, allen zu Ehren ihres Einzugs Freibier und Honigkuchen gestiftet; mir aber legte sie, bevor sie zu Bett ging, den feinen Rock, ein samtenes Leibstück und die große Taschenuhr ihres Ziehvaters in meine Kammer und bat mich, daß ich es annehmen wolle zum Angedenken an die Irschermutter und das Waldhaus.

Sie begabte auch die Kirche und stiftete einen Jahrtag für ihre selige Mutter; wollte auch für die Irscherin einen anordnen, das ihr aber nicht gelang, dieweil der Pfarrer auch jetzt noch der Toten jede heilige Handlung und Segnung verweigerte. Doch wußte der Weidhofer hierin einen guten Rat und empfahl der betrübten Jungfer, sie solle doch zu unserer lieben Frau auf den Birkenstein gehen, dort wär die Stiftung wohl angenehm und in willfährigen Händen; wofür ihm die Jungfer groß dankte und fünfzig Gulden dorthin brachte.

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