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Materie und Gedächtnis

Henri Bergson: Materie und Gedächtnis - Kapitel 7
Quellenangabe
typetractate
authorHenri Bergson
titleMaterie und Gedächtnis
publisherEugen Diederichs in Jena
printrunZweites bis viertes Tausend
year1919
translatorJulius Frankenberger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131021
projectideaa98375
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Zusammenfassung und Schluß

Der Gedanke, den wir aus den Tatsachen gefolgert und durch Beweisführung erhärtet haben, ist folgender: unser Körper ist ein Werkzeug des Handelns und nur des Handelns. In keinem Grade, in keinem Sinne, unter keiner Form dient er dazu, eine Vorstellung vorzubereiten, und noch weniger sie zu erklären. Was die äußere Wahrnehmung betrifft, mußten wir feststellen, daß zwischen dem sogenannten Wahrnehmungsvermögen des Gehirns und den Reflexfunktionen des Rückenmarks nur ein Unterschied des Grades und nicht des Wesens besteht. Während das Mark die empfangenen Erschütterungen in mehr oder minder notwendig ausgeführte Bewegung umsetzt, setzt das Gehirn sie mit mehr oder minder freigewählten motorischen Mechanismen in Verbindung; aber was sich in unserer Wahrnehmung durch das Gehirn erklärt, ist begonnene, vorbereitete oder suggerierte Handlung, nicht unsere Wahrnehmung selbst. – Und was die Erinnerung betrifft, so steht es damit so, daß der Körper motorische Gewohnheiten konserviert, kraft deren die Vergangenheit von neuem gespielt werden kann; er vermag Haltungen wieder anzunehmen, denen sich, die Vergangenheit einfügt, oder er dient auch der Erinnerung durch die Wiederholung gewisser Gehirnvorgänge, welche sich früheren Wahrnehmungen anschlossen, als Verbindungsglied mit der Gegenwart, als ein Mittel, den verlorenen Einfluß auf die gegenwärtige Wirklichkeit wieder zu gewinnen; keinesfalls aber speichert das Gehirn Erinnerungen oder Bilder auf. So trägt der Körper weder in der Wahrnehmung noch im Gedächtnis und erst recht nicht in der höheren Geistestätigkeit jemals direkt zur Vorstellung bei. Indem wir diese Hypothese nach ihren verschiedenen Gesichtspunkten entwickelten und den Dualismus auf die Spitze trieben, gruben wir scheinbar zwischen Körper und Geist einen unüberbrückbaren Abgrund. In Wirklichkeit aber zeigten wir das einzig mögliche Mittel zu ihrer Annäherung und Vereinigung.

 

Alle Schwierigkeiten, die sich aus diesem Problem ergeben, sei es nun im vulgären Dualismus, sei es im Materialismus oder Idealismus, rühren nämlich daher, daß man in den Phänomenen der Wahrnehmung und des Gedächtnisses das Körperliche und das Geistige als Duplikate voneinander ansieht. Stelle ich mich auf den materialistischen Standpunkt des epiphänomenalen Bewußtseins, so bleibt mir durchaus unverständlich, warum gewisse Gehirnvorgänge von Bewußtsein begleitet sind, d. h. wozu die bewußte Wiederholung der zuvor gesetzten materiellen Welt nütze ist und wie sie sich vollzieht. – Gehe ich zum Idealismus über, dann gebe ich mir nur Wahrnehmungen und meinen Körper als eine von ihnen. Aber während mir die Beobachtung zeigt, daß die wahrgenommenen Bilder infolge ganz geringer Veränderungen in dem Bilde, das ich meinen Leib nenne, von Grund auf erschüttert werden (es genügt ja schon, daß ich die Augen schließe, um meine sichtbare Welt verschwinden zu lassen), versichert mir die Wissenschaft, daß alle Erscheinungen sich nach einer bestimmten Ordnung folgen und bedingen müssen, wo die Wirkungen im strengen Verhältnis zu den Ursachen stehen. Ich werde also genötigt sein, in dem Bilde, das ich meinen Leib nenne und das mir überallhin folgt, nach Veränderungen zu suchen, welche als Äquivalente, und zwar diesmal als gegenseitig wohlgeordnete und genau abgemessene Äquivalente für die Bilder gelten können, die um meinen Leib herum aufeinander folgen: und so werden die zerebralen Bewegungen, die ich jetzt auf diese Weise finde, wiederum das Duplikat meiner Wahrnehmungen. Allerdings sind diese Bewegungen noch immer Wahrnehmungen, »mögliche« Wahrnehmungen, und so ist diese zweite Hypothese verständlicher als die erste; aber dafür setzt sie nun eine unerklärliche Wechselbeziehung voraus zwischen meiner wirklichen Wahrnehmung der Dinge und meiner möglichen Wahrnehmung gewisser zerebraler Bewegungen, die jenen Dingen in keiner Weise ähnlich sind. Genau besehen ist dies die Klippe jedes Idealismus; sie steckt in dem Übergang von der Ordnung, die uns in der Wahrnehmung erscheint, zu der Ordnung, in der Wissenschaft gelingt, – oder wo es sich spezieller um den Kantischen Idealismus handelt, in dem Übergange von der Sinnlichkeit zum Verstande. – Bleibt noch der vulgäre Dualismus. Ich setze die Materie auf die eine und den Geist auf die andere Seite und nehme an, daß die zerebralen Bewegungen Ursache oder Anlaß meiner Vorstellung von den Dingen sind. Sind sie aber ihre Ursache, genügen sie, um sie zu erzeugen, dann falle ich Schritt für Schritt in die materialistische Hypothese des epiphänomenalen Bewußtseins zurück. Sind sie nur ihr Anlaß, so haben sie wiederum gar keine Ähnlichkeit mit ihr; und indem ich so die Materie aller Eigenschaften, die ich ihr in meiner Vorstellung gegeben habe, entkleide, muß ich notwendig wieder beim Idealismus anlangen. Idealismus und Materialismus sind also die beiden Pole, zwischen welchen diese Art Dualismus immer hin- und herschwanken wird; und wenn er, um die Dualität der Substanzen aufrecht zu erhalten, sich dazu versteht, beiden gleichen Rang zuzusprechen, sieht er schließlich in ihnen zwei Übersetzungen desselben Originals, zwei im voraus geregelte parallele Entwicklungen ein und desselben Prinzips, leugnet so ihren wechselseitigen Einfluß und – die Konsequenz ist unvermeidlich – opfert die Freiheit.

Sehe ich mir nun die Grundlage dieser drei Hypothesen genauer an, so finde ich, daß sie auf dem gleichen Boden gewachsen sind: sie halten die elementaren geistigen Operationen, Wahrnehmung und Gedächtnis, für Operationen der reinen Erkenntnis. Was sie an den Ursprung des Bewußtseins setzen, ist bald das unnütze Duplikat einer äußeren Wirklichkeit, bald das träge Baumaterial einer uninteressierten Verstandeskonstruktion; aber immer übersehen sie die Beziehung der Wahrnehmung zur Tätigkeit und der Erinnerung zur Leitung. Nun, man kann zweifellos ein uninteressiertes Gedächtnis und eine uninteressierte Wahrnehmung als idealen Grenzfall gelten lassen, aber in Wirklichkeit sind Wahrnehmung und Gedächtnis auf die Tat gerichtet, und diese ist es, welche der Körper vorbereitet. Wenn es sich um die Wahrnehmung handelt, so setzt die wachsende Kompliziertheit des Nervensystems die empfangene Erschütterung mit einer immer bedeutender werdenden Mannigfaltigkeit motorischer Apparate in Verbindung und läßt dadurch gleichzeitig eine immer größere Zahl möglicher Taten skizzieren. Und was das Gedächtnis betrifft, so ist dessen erste Funktion, alle vergangenen Wahrnehmungen, welche der gegenwärtigen Wahrnehmung ähnlich sind, wachzurufen, an das Vorhergehende und Nachfolgende zu erinnern und uns damit die nützlichste Entscheidung einzugeben. Aber das ist nicht alles. Indem es uns in einer einzigen Anschauung vielfältige Momente der Dauer erfassen läßt, hebt es uns heraus aus dem Flusse der Dinge, befreit uns von dem Rhythmus der Notwendigkeit. Je mehr dieser Augenblicke es in einen einzigen zusammenzuziehen vermag, um so größer ist die Macht, die es uns über die Materie gibt; sodaß das Gedächtnis eines Lebewesens vor allem als ein Maßstab für die Stärke seiner Wirksamkeit auf die Dinge und nur als ihr intellektueller Rückschlag erscheint. Gehen wir also von dieser Kraft zum Wirken als vom eigentlichen Prinzipe aus; nehmen wir an, daß der Körper ein Zentrum der Tätigkeit und nur das ist, und sehen wir zu, welche Folgerungen sich von da aus für die Wahrnehmung, für das Gedächtnis und die Beziehungen zwischen Körper und Geist ergeben.

 

Für die Wahrnehmung zunächst. Hier ist mein Körper mit seinen »Wahrnehmungszentren«. Diese Zentren werden erschüttert, und ich habe die Vorstellung der Dinge. Ich habe aber angenommen, daß diese Erschütterungen meine Wahrnehmung weder erzeugen noch übersetzen können. Sie ist also außer ihnen. Wo ist sie? Ich habe die Antwort bereit: indem ich meinen Körper setzte, habe ich ein bestimmtes Bild gesetzt, damit zugleich aber auch die Totalität der anderen Bilder, da es keinen materiellen Gegenstand gibt, der nicht seine Eigenschaften, seine Bestimmungen, kurzum seine Existenz dem Platze verdankte, den er in der Gesamtheit des Universums einnimmt. Meine Wahrnehmung kann also nur etwas von diesen Gegenständen selbst sein; sie ist mehr in ihnen als sie in ihr. Was von diesen Gegenständen ist sie aber genau genommen? Ich sehe, daß meine Wahrnehmung bis ins einzelne den Erschütterungen der sogenannten Empfindungsnerven folgt, und weiter weiß ich, daß die Aufgabe dieser Erschütterungen einzig die ist, die Reaktionen meines Körpers auf die umgebenden Körper vorzubereiten, meine virtuellen Handlungen zu entwerfen. Wahrnehmen würde also heißen, aus der Gesamtheit der Gegenstände die mögliche Wirkung meines Körpers auf sie abzulösen. Die Wahrnehmung ist dann nur eine Auswahl. Sie schafft nichts; ihre Aufgabe ist im Gegenteil, aus der Gesamtheit der Bilder alle die auszustoßen, auf die ich keinen Einfluß ausüben kann, und dann in den zurückbehaltenen Bildern selbst noch das auszuschließen, was für die Bedürfnisse desjenigen Bildes, das ich meinen Körper nenne, belanglos ist. Darauf läuft jedenfalls die sehr vereinfachte Darstellung, die schematische Beschreibung dessen hinaus, was wir die reine Wahrnehmung nannten. Wir wollen nun sofort die Stellung bezeichnen, die wir damit zwischen Realismus und Idealismus einnehmen.

Daß alle Wirklichkeit eine Verwandtschaft, eine Analogie, mit einem Worte einen Bezug zum Bewußtsein habe, das räumen wir dem Idealismus schon damit ein, daß wir die Dinge »Bilder« nennen. Übrigens kann keine philosophische Lehre, wenn sie anders mit sich selbst im Einklänge sein will, dieser Schlußfolgerung entgehen. Aber wenn man auch alle vergangenen, gegenwärtigen und möglichen Bewußtseinszustände aller bewußten Wesen zusammenfaßte, so würde man dadurch unserer Meinung nach nur einen sehr kleinen Teil der materiellen Wirklichkeit erschöpfen, weil die Bilder die Wahrnehmung allerseits überragen. Gerade diese Bilder möchten Wissenschaft und Metaphysik rekonstruieren, wenn sie die Kette, von welcher unsere Wahrnehmung nur einige Glieder enthält, in ihrer Vollständigkeit wiederherstellen wollen. Aber um so zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit die Beziehung des Teiles zum Ganzen herzustellen, mußte man der Wahrnehmung ihre eigentliche Aufgabe belassen, und die ist Vorbereitung der Handlungen. Das tut der Idealismus nicht. Weshalb scheitert er, wie wir eben sagten, an dem Übergang von der Ordnung, welche sich in der Wahrnehmung kundgibt, zu der Ordnung, welche in der Wissenschaft gelingt, d. h. von der Zufälligkeit, mit welcher unsere Empfindungen aufeinanderzufolgen scheinen, zu dem Determinismus, der die Naturerscheinungen verbindet? Doch eben, und weil er dem Bewußtsein in der Wahrnehmung eine spekulative Rolle zuweist, so daß man gar nicht mehr begreift, aus welchem Grunde sich das Bewußtsein z. B. zwischen zwei Empfindungen die Zwischenglieder, durch welche die zweite Empfindung sich aus der ersten ableitet, entgehen läßt. Diese Zwischenglieder und ihre strenge Ordnung bleiben dann im Unklaren, ob man sie nun mit Mill zu »möglichen Empfindungen« erhebt oder aber mit Kant diese Ordnung dem durch den unpersönlichen Verstand hergestellten Unterbau zuschreibt. Sobald wir aber annehmen, daß meine bewußte Wahrnehmung eine rein praktische Bestimmung hat, daß sie einfach in der Gesamtheit der Dinge bezeichnet, was meine mögliche Tätigkeit auf sie interessiert, so verstehe ich sofort, daß alles übrige mir entgeht und daß trotzdem alles übrige wesensgleich ist mit dem was ich wahrnehme. Meine Erkenntnis der Materie ist dann nicht mehr subjektiv, wie sie es für den englischen Idealismus ist, und nicht mehr relativ, wie der Kantische Idealismus annimmt. Subjektiv ist sie nicht, weil sie mehr in den Dingen als in mir ist. Relativ ist sie nicht, weil zwischen der »Erscheinung« und dem »Ding« nicht die Beziehung des Scheins zur Wirklichkeit; sondern einfach des Teiles zum Ganzen besteht.

Damit schienen wir auf den Realismus hinauszukommen. Aber wenn der Realismus nicht in einem wesentlichen Punkte berichtigt wird, ist er ebensowenig annehmbar als der Idealismus, und das aus demselben Grunde. Der Idealismus, sagten wir, kann den Übergang nicht finden von der Ordnung, welche sich in der Wahrnehmung kundgibt, zur Ordnung, die in der Wissenschaft gelingt, d. h. zur Wirklichkeit. Umgekehrt bringt es der Realismus nicht fertig, aus der Wirklichkeit das unmittelbare Bewußtsein, das wir von ihr haben, herauszuziehen. Versetzt man sich nämlich in den vulgären Realismus, so hat man einerseits eine vielfache Materie, die aus mehr oder minder selbständigen Teilen zusammengesetzt und im Räume verstreut ist, andererseits einen Geist, der nicht den mindesten Berührungspunkt mit ihr haben kann, wenn er nicht, wie es die Materialisten wollen, ihr unbegreifliches Epiphänomen ist. Faßt man speziell den Kantischen Realismus ins Auge, so findet man zwischen dem Ding an sich, d. h. dem Wirklichen, und der sinnlichen Mannigfaltigkeit, aus der sich unsere Erkenntnis aufbaut, keine begreifliche Beziehung, keinerlei gemeinsames Maß. Vertiefen wir nun aber diese beiden extremen Formen des Realismus, so finden wir, daß sie beide auf den gleichen Punkt konvergieren: alle beide setzen den homogenen Raum als Schranke zwischen den Verstand und die Dinge. Der naive Realismus macht aus dem Räume ein reales Medium, in welchem die Dinge in der Schwebe sind; der Kantische Realismus sieht in ihm ein ideales Medium, in welchem sich die Mannigfaltigkeit der Empfindungen ordnet; aber für beide ist dieses Medium zuerst gegeben als die notwendige Bedingung dessen, was in ihm wohnen soll. Und geht man nun dieser gemeinsamen Hypothese auf den Grund, so findet man, daß sie darauf hinausläuft, dem homogenen Räume einen Charakter der Uninteressiertheit beizulegen, sei es, daß er der materiellen Wirklichkeit den Dienst leistet, sie zu stützen, sei es, daß ihm die immer noch rein spekulative Funktion zufällt, den Empfindungen das Mittel zu ihrer gegenseitigen Einordnung darzubieten. So rührt also die Unklarheit des Realismus, wie die des Idealismus, daher, daß er unsere bewußte Wahrnehmung und die Bedingungen unserer bewußten Wahrnehmung nach der reinen Erkenntnis, statt nach der Tätigkeit orientiert. – Aber nehmen wir nun einmal an, daß dieser homogene Raum den materiellen Dingen und der reinen Erkenntnis, die wir von ihnen haben können, logisch nicht früher sondern später ist; nehmen wir an, daß die Ausdehnung vor dem Räume ist; nehmen wir an, daß der homogene Raum einzig und allein unsere Tätigkeit angeht, daß er wie ein unendlich feinmaschiges Netz ist, das wir unter der materiellen Kontinuität ausspannen, um ihrer Herr zu werden und sie für unserer Tätigkeiten und Bedürfnisse zerlegen zu können. Damit erreichen wir nicht nur den Anschluß an die Wissenschaft, welche uns zeigt, daß jedes Ding seinen Einfluß auf alle anderen ausübt und dadurch in gewissem Sinne die Totalität der Ausdehnung einnimmt (wenn wir auch jeweils von einem Dinge nur sein Zentrum wahrnehmen und seine Grenzen dort festsetzen, wo unser Körper aufhört, Macht über es zu haben). Wir erreichen damit nicht nur, daß wir in der Metaphysik jene Widersprüche auflösen oder abschwächen können, welche sich durch die Teilbarkeit im Raume ergeben, Widersprüche, welche, wie wir nachwiesen, immer daraus erstehen, daß man die beiden Gesichtspunkte, der Handlung und der Erkenntnis, nicht auseinanderhält. Wir erreichen damit in erster Linie die Beseitigung der unübersteigbaren Schranke, welche der Realismus zwischen den ausgedehnten Dingen und der Wahrnehmung, die wir von ihnen haben, aufrichtete. Denn während vorher auf der einen Seite eine vielfältige und geteilte äußere Wirklichkeit gesetzt wurde und auf der anderen Seite Empfindungen, die der Ausdehnung fernstehen und keinen möglichen Kontakt mit ihr haben, bemerken wir, daß die konkrete Ausdehnung nicht wirklich geteilt ist, so wenig wie die unmittelbare Wahrnehmung in Wahrheit unausgedehnt ist. Vom Realismus ausgehend, gelangen wir zu demselben Punkte, zu dem uns der Idealismus geführt hatte; wir versetzen die Wahrnehmung in die Dinge zurück. Und wir bemerken, wie Realismus und Idealismus sich in dem Maße der Übereinstimmung nähern, wie wir das von beiden anstandslos angenommene Postulat ausschalten, welches ihnen beiden als gemeinsame Grenze diente.

In Summa: Wenn wir eine ausgedehnte Kontinuität annehmen und in dieser Kontinuität das Zentrum wirklicher Tätigkeit, das durch unseren Körper dargestellt wird, so zeigt es sich, daß diese Tätigkeit mit ihrem Licht alle die Teile der Materie beleuchtet, welche sie in jedem Augenblick beeinflussen könnte. Dieselben Bedürfnisse und dieselbe Wirkungskraft, welche unseren Körper aus der gesamten Materie ausgeschnitten haben, grenzen auch distinkte Körper in der uns umgebenden Sphäre ab. Alles vollzieht sich so, als ob wir die reale Wirkung der äußeren Dinge durch uns hindurchsickern ließen, um ihre virtuelle Wirkung aufzufangen und zurückzubehalten: diese virtuelle Wirkung der Dinge auf unseren Körper und unseres Körpers auf die Dinge ist das, was wir unsere Wahrnehmung nennen. Aber da die Erschütterungen, die unser Körper von den umgebenden Körpern empfängt, in seiner Substanz ohne Unterlaß beginnende Reaktionen bewirken und da diese inneren Bewegungen der Gehirnsubstanz somit fortwährend unsere mögliche Wirkung auf die Dinge andeuten, so ist der Gehirnzustand in genauer Übereinstimmung mit der Wahrnehmung. Er ist weder ihre Ursache noch ihre Wirkung und in keinem Sinne ihr Duplikat: er setzt sie nur einfach fort, die Wahrnehmung ist unsere virtuelle Tätigkeit und der Gehirnzustand unsere begonnene Tätigkeit.

 

Diese Theorie der »reinen Wahrnehmung« mußte aber in zwei Punkten gleichzeitig eingeschränkt und vervollständigt werden. Diese reine Wahrnehmung, welche einem aus der Wirklichkeit herausgeschnittenen Fragment gliche, käme wohl einem Wesen zu, welches der Wahrnehmung anderer Körper nicht die Wahrnehmung seines eigenen Körpers, das will sagen seine Affektionen beimengen würde und daß seiner Anschauung des gegenwärtigen Augenblickes nicht die Anschauung anderer Augenblicke, d. h. seine Erinnerungen, hinzufügen würde. Mit anderen Worten, wir haben zunächst des bequemeren Verfahrens halber den lebenden Körper als einen mathematischen Punkt im Räume und die bewußte Wahrnehmung als einen mathematischen Augenblick in der Zeit behandelt. Wir mußten dem Körper seine Ausdehnung und der Wahrnehmung ihre Dauer wiedergeben. Damit stellten wir im Bewußtsein dessen beide subjektiven Elemente, die Affektivität und das Gedächtnis, wieder her.

Was ist eine Affektion? Wir sagten, unsere Wahrnehmung deute die mögliche Wirksamkeit unseres Körpers auf die anderen Körper an. Aber da unser Körper ausgedehnt ist, ist er imstande, nicht minder auf sich selbst als auf die anderen einzuwirken. Unserer Wahrnehmung wird sich also etwas von unserem Körper beimischen. Wenn es sich um die umgebenden Körper handelt, so sind sie eben laut Hypothese von dem unsrigen durch einen mehr oder minder beträchtlichen Raum getrennt, welcher den Maßstab der zeitlichen Entfernung ihrer Verheißungen oder Drohungen bildet: unsere Wahrnehmung dieser Körper bezeichnet deshalb lediglich mögliche Wirkungen. Je mehr dagegen die Entfernung zwischen jenen Körpern und dem unsrigen zusammenschrumpft, desto mehr neigt die mögliche Wirkung dazu, sich in eine wirkliche umzuwandeln, sie wird um so dringlicher, je geringer die Entfernung ist. Und wenn diese Entfernung gleich Null wird, d. h. wenn der wahrzunehmende Körper unser eigener ist, dann bezeichnet die Wahrnehmung eine reale Wirkung und nicht mehr eine virtuelle. Gerade dies ist aber das Wesen des Schmerzes, eine aktuelle Anstrengung des verletzten Teiles, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen, eine lokale, isolierte Anstrengung und dadurch allein schon zur Erfolglosigkeit verurteilt in einem Organismus, dem nur noch Gesamtanstrengungen möglich sind. Der Schmerz ist somit an dem Orte, wo er erzeugt wird, wie der Gegenstand an der Stelle ist, wo er wahrgenommen wird. Zwischen der empfundenen Affektion und dem wahrgenommenen Bilde ist der Unterschied, daß die Affektion in unserem Körper und das Bild außerhalb seiner ist. Und deshalb ist uns die Oberfläche unseres Körpers, die Grenze zwischen diesem Körper und den anderen Körpern, zugleich unter der Form von Empfindungen und unter der Form eines Bildes gegeben.

In dieser Innerlichkeit der affektiven Empfindung besteht ihre Subjektivität und in der Äußerlichkeit der Bilder im allgemeinen deren Objektivität. Aber auch hier stoßen wir auf den immer wieder auftauchenden Irrtum, den wir im ganzen Verlauf unserer Arbeit verfolgt haben. Empfindung und Wahrnehmung sollen für sich bestehen; ihre Aufgabe soll eine rein spekulative sein; und da man jene wirklichen und virtuellen Handlungen, mit welchen sie eng verbunden sind und mit deren Hilfe man sie unterscheiden könnte, vernachlässigt, kann man zwischen ihnen nur noch einen graduellen Unterschied finden. Dann benutzt man den Umstand, daß die affektive Empfindung nur undeutlich lokalisiert ist (wegen der Verworrenheit der Anstrengung, welche sie in sich schließt), erklärt sie gleich für unausgedehnt und macht aus diesen verminderten Affektionen oder unausgedehnten Empfindungen das Material, aus dem die Bilder im Raume zusammengesetzt sein sollen. Dadurch macht man es sich für immer unmöglich zu erklären, woher die Elemente des Bewußtseins oder Empfindungen, die man als lauter Absolutheiten setzt, stammen, wie diese unausgedehnten Empfindungen sich mit dem Räume verbinden und sich in ihm zusammenzuordnen, warum sie darin eine bestimmte Ordnung einer anderen vorziehen, und endlich aufweiche Weise es ihnen gelingt, eine feste Erfahrung zu begründen, welche allen Menschen gemein ist. Wir müssen umgekehrt diese Erfahrung, den notwendigen Schauplatz unserer Tätigkeit, als Ausgangspunkt nehmen. Was man zuerst zu setzen hat, ist also die reine Wahrnehmung, d. h. das Bild. Dann erscheinen die Empfindungen nicht mehr als das Material, aus welchem das Bild fabriziert wird, sondern ganz im Gegenteil als die Unreinheit, die sich ihm beimischt, denn sie sind ja das was wir von unserem Körper in alle übrigen hinein projizieren.

 

Aber solange wir bei der Empfindung und der reinen Wahrnehmung stehen bleiben, kann man kaum sagen, daß wir es mit dem Geiste zu tun haben. Allerdings stellen wir damit gegen die Theorie des epiphänomenalen Bewußtseins fest, daß keiner der Gehirnzustände das Äquivalent einer Wahrnehmung ist. Allerdings ist die Auswahl der Wahrnehmungen unter den Bildern im allgemeinen der Effekt einer Unterscheidung, die schon den Geist ankündigt. Allerdings endlich ist die materielle Welt selbst, definiert man sie als die Totalität der Bilder, eine Art Bewußtsein, ein Bewußtsein, in dem sich alles ausgleicht und neutralisiert, ein Bewußtsein, in dem alle potentiellen Teile durch Gegenwirkungen, die immer den Wirkungen gleichkommen, einander das Gleichgewicht halten und sich wechselseitig verhindern, aus dem Ganzen herauszusprengen. Aber um mit der Wirklichkeit des Geistes in Berührung zu kommen, muß man sich in den Punkt versetzen, wo ein individuelles Bewußtsein die Vergangenheit fortsetzt und bewahrt in eine Gegenwart hinein, die sich aus der Vergangenheit bereichert und sich damit dem Gesetz der Notwendigkeit entzieht, welches verlangt, daß die Vergangenheit ohne Unterlaß aus sich selbst folgt in einer Gegenwart, die lediglich eine Wiederholung der Vergangenheit in anderer Form ist, und daß alles in stetem Ablauf ist. Mit dem Übergang von der reinen Wahrnehmung zum Gedächtnis wenden wir uns endgültig von der Materie zum Geiste.

 

Die Theorie des Gedächtnisses, die den Mittelpunkt unserer Arbeit bildet, mußte zugleich die theoretische Konsequenz und die experimentelle Verifikation unserer Theorie der reinen Wahrnehmung sein. Daß die die Wahrnehmung begleitenden Gehirnzustände weder deren Ursache noch ihr Duplikat sind, und daß die Wahrnehmung zu ihren physiologischen Begleiterscheinungen im Verhältnis der virtuellen Tätigkeit zur begonnenen Tätigkeit steht, das konnten wir nicht durch Tatsachen feststellen, da sich ja in unserer Hypothese alles so zutragen muß, als ob die Wahrnehmung ein Resultat des Gehirnzustandes wäre. Denn in der reinen Wahrnehmung ist der wahrgenommene Gegenstand ein gegenwärtiger Gegenstand, ein Körper, der den unsrigen modifiziert. Sein Bild ist also aktuell gegeben, und folglich geben uns die Tatsachen gleichmäßig das Recht zu sagen (auf die Gefahr hin, daß wir uns sehr Verschiedenes dabei denken), daß die zerebralen Modifikationen die werdenden Reaktionen unseres Körpers andeuten oder daß sie das bewußte Duplikat des gegenwärtigen Bildes schaffen. Für das Gedächtnis aber liegt die Sache ganz anders, denn die Erinnerung ist die Vorstellung eines abwesenden Bildes. Hier werden die beiden Hypothesen entgegengesetzte Folgerungen ergeben. Wenn im Falle eines gegenwärtigen Gegenstandes schon ein Zustand unseres Körpers genügen soll, um die Vorstellung des Gegenstandes zu schaffen, so muß mit noch größerem Recht dieser Zustand genügen in dem Falle der Abwesenheit desselben Gegenstandes. In dieser Theorie muß also die Erinnerung aus der abgeschwächten Wiederholung des zerebralen Vorganges hervorgehen, welcher die erste Wahrnehmung verursachte, und nur in einer abgeschwächten Wahrnehmung bestehen. Woraus sich die Doppelthese ergibt: Das Gedächtnis ist nur eine Funktion des Gehirns, und zwischen Wahrnehmung und Erinnerung ist nur ein Unterschied der Intensität. – Wenn dagegen der Gehirnzustand unsere Wahrnehmung des gegenwärtigen Gegenstandes in keiner Weise erzeugt, sondern sie einfach nur fortsetzt, dann kann er zwar die Erinnerung, welche wir von ihr wachrufen, ebenso fortführen und ebenso in Tätigkeit setzen, nicht aber sie entstehen lassen. Und da nun unsere Wahrnehmung des gegenwärtigen Gegenstandes etwas von diesem Gegenstande selbst ist, so muß unsere Vorstellung vom abwesenden Gegenstande ein Phänomen ganz anderer Art sein als die Wahrnehmung, da es zwischen Gegenwärtigkeit und Abwesenheit keinen graduellen Übergang, keinen Mittelweg gibt. Woraus sich folgende Doppelthese, die Umkehrung der vorhergehenden, ergibt: Das Gedächtnis ist etwas anderes als eine Funktion des Gehirns; und zwischen Wahrnehmung und Erinnerung besteht nicht ein Unterschied des Grades, sondern des Wesens. – Damit nimmt der Gegensatz der beiden Theorien eine zugespitzte Form an, und jetzt kann die Erfahrung den Ausschlag geben.

Wir wollen hier nicht auf die Einzelheiten der Verifikation, die wir versucht haben, zurückkommen. Rufen wir uns lediglich die wesentlichen Punkte ins Gedächtnis zurück. Alle Tatsachenargumente, welche man zugunsten einer mutmaßlichen Anhäufung der Erinnerungen in der Rindensubstanz anführen kann, sind den lokalisierten Erkrankungen des Gedächtnisses entnommen. Aber wenn die Erinnerungen wirklich im Gehirn niedergelegt wären, so müßten den Fällen scharf begrenzter Vergessenheit die deutlich charakterisierten Hirnverletzungen entsprechen. Nun bemerkt man aber in den Amnesien, wo z. B. eine ganze Periode unseres vergangenen Daseins plötzlich und radikal aus dem Gedächtnis gerissen ist, keine bestimmte Hirnverletzung; dagegen beobachtet man bei den Gedächtnisstörungen, wo die Gehirnlokalisation scharf begrenzt ist, d. h. bei den verschiedenen Aphasien und den Krankheiten des visuellen oder auditiven Wiedererkennens, daß nicht diese oder jene bestimmten Erinnerungen aus der Stelle, wo sie von Rechts wegen ihren Sitz haben, gleichsam herausgerissen sind, sondern daß die Fähigkeit des Sichbesinnens mehr oder minder in ihrer Lebenskraft geschwächt worden ist, als ob der Patient mehr oder minder Mühe hätte, seine Erinnerungen mit der gegenwärtigen Lage in Kontakt zu bringen. Es wäre also der Mechanismus dieses Kontaktes zu untersuchen, um zu unterscheiden, ob es nicht vielmehr Aufgabe des Gehirns ist, die Wirksamkeit dieses Kontaktes sicherzustellen, als die Erinnerungen selbst in seinen Zellen gefangen zu halten. So waren wir darauf verwiesen, durch alle Wandlungen hindurch die fortschreitende Bewegung zu verfolgen, durch welche Vergangenheit und Gegenwart miteinander in Kontakt kommen; diese Bewegung ist das Wiedererkennen. Und wir fanden denn auch, daß das Wiedererkennen eines gegenwärtigen Gegenstandes sich auf zweierlei absolut verschiedene Weise vollziehen kann, daß aber in keinem der beiden Fälle das Gehirn sich als Bilderreservoir betätigt. Das eine Mal nämlich antwortet der Körper in rein passivem, nur gespieltem, nicht gedachtem Wiedererkennen auf eine erneuerte Wahrnehmung mit einer Bewegung oder Haltung, die automatisch geworden sind: dann erklärt sich alles durch motorische Apparate, welche die Gewohnheit im Körper montiert hat, und Verletzungen des Gedächtnisses können von der Zerstörung dieser Mechanismen herrühren. Das andere Mal dagegen geschieht das Wiedererkennen aktiv, durch Erinnerungsbilder, welche sich der gegenwärtigen Wahrnehmung entgegendrängen; dann müssen aber diese Erinnerungen, in dem Augenblicke wo sie sich über die Wahrnehmung legen, die Möglichkeit haben, im Gehirn dieselben Apparate anzutreiben, welche sonst die Wahrnehmung in Gang setzt, um wirksam zu werden: wenn nicht, so werden sie, von vornherein zur Ohnmacht verurteilt, keine Neigung haben, sich zu aktualisieren. Und das ist der Grund, weshalb in allen jenen Fällen, in denen eine Hirnverletzung eine bestimmte Kategorie der Erinnerungen befällt, die befallenen Erinnerungen sich nicht etwa darin gleichen, daß sie derselben Epoche angehören, oder logische Verwandtschaft miteinander haben, sondern einfach darin, daß sie entweder alle auditiv oder alle visuell oder alle motorisch sind. Was verletzt scheint, sind also die verschiedenen sensorischen und motorischen Regionen und öfter noch jene zubehörenden Zentren, vermöge welcher sie vom Innern der Rinde aus angetrieben werden können, aber nicht die Erinnerungen selbst. Wir gingen noch weiter, und auf Grund einer aufmerksamen Untersuchung des Wiedererkennens der Worte und der Erscheinungen der sensorischen Aphasie haben wir es unternommen, festzustellen, daß das Wiedererkennen sich durchaus nicht als ein mechanisches Erwachen von im Gehirn eingeschlummerten Erinnerungen vollzieht. Es erfordert im Gegenteil eine größere oder geringere Spannung des Bewußtseins, welches aus dem reinen Gedächtnis die reinen Erinnerungen holt, um sie im Kontakt mit der gegenwärtigen Wahrnehmung fortschreitend zu materialisieren.

Aber was ist dieses reine Gedächtnis, was sind die reinen Erinnerungen? Mit der Beantwortung dieser Frage vervollständigten wir den Beweis für unsere These. Bis dahin hatten wir nur einen ersten Punkt festgestellt und gezeigt, daß das Gedächtnis etwas anderes ist als eine Funktion des Gehirns. Es blieb uns noch durch Analyse der »reinen Erinnerung« nachzuweisen, daß zwischen Erinnerung und Wahrnehmung nicht ein einfacher Unterschied des Grades, sondern ein radikaler Unterschied des Wesens ist.

 

Weisen wir gleich auf die metaphysische und nicht bloß psychologische Bedeutung dieses Problems hin. Die These, daß die Erinnerung eine abgeschwächte Wahrnehmung sei, ist zweifellos rein psychologisch. Aber man täusche sich darüber nicht: wenn die Erinnerung nur eine schwächere Wahrnehmung ist, muß umgekehrt die Wahrnehmung etwas wie eine intensivere Erinnerung sein. Hier in der Tat ist der Keim des englischen Idealismus zu suchen. Dieser Idealismus kennzeichnet sich dadurch, daß er zwischen der Realität des wahrgenommenen Gegenstandes und der Idealität des vorgestellten Gegenstandes nur einen Unterschied des Grades und nicht des Wesens sieht. Und die Ansicht, daß wir die Materie mit unseren inneren Zuständen konstruieren, daß die Wahrnehmung nur eine wahre Halluzination sei, stammt ebenfalls daher. Diese Ansicht ist es, die wir in unseren Ausführungen über die Materie unaufhörlich bekämpft haben. Also ist entweder unsere Auffassung der Materie falsch, oder aber die Erinnerung muß als von der Wahrnehmung radikal verschieden angesehen werden.

Wir haben somit ein metaphysisches Problem so umgestellt, daß es mit einem Problem der Psychologie zusammenfällt, welches durch bloße Beobachtung gelöst werden kann. Wie löst sie es? Wenn die Erinnerung einer Wahrnehmung nur diese Wahrnehmung im abgeschwächten Zustande wäre, müßte es uns z. B. geschehen, daß wir die Wahrnehmung eines leisen Tones für die Erinnerung an ein starkes Geräusch hielten. Eine solche Verwechslung findet aber niemals statt. Aber man kann noch weiter gehen und wieder durch Beobachtung beweisen, daß das Bewußtsein einer Erinnerung niemals als schwächerer aktueller Zustand beginnt, den wir in die Vergangenheit zurückzudrängen suchten, nachdem wir uns seiner Schwäche bewußt geworden; wie wäre es denn übrigens möglich, wenn wir nicht die Vorstellung einer früher erlebten Vergangenheit schon hätten, die minder intensiven Zustände in diese Vergangenheit zurückzuverweisen, wo es doch so einfach wäre, sie neben die starken Zustände zu stellen als eine gegenwärtige verworrene Erfahrung neben eine gegenwärtige klarere Erfahrung? In Wahrheit besteht das Gedächtnis durchaus nicht in dem Zurückschreiten der Gegenwart zur Vergangenheit, sondern im Gegenteil in einem Fortschreiten der Vergangenheit zur Gegenwart. Wir versetzen uns von vornherein in die Vergangenheit. Wir gehen von einem »virtuellen Zustand« aus, welchen wir allmählich durch eine Reihe verschiedener Bewußtseinsebenen, bis zu jenem Grenzpunkte führen, wo er sich in einer aktuellen Wahrnehmung materialisiert, d. h. zu dem Punkte, wo er ein gegenwärtiger und wirksamer Zustand wird, kurz zu der äußersten Ebene unseres Bewußtseins, in der unser Körper liegt. In diesem virtuellen Zustande besteht die reine Erinnerung.

Woher kommt es, daß das Zeugnis des Bewußtseins hier verkannt wird? Woher kommt es, daß man aus der Erinnerung eine schwächere Wahrnehmung macht, von der man weder weiß, warum wir sie in die Vergangenheit zurückschieben, noch wie wir ihr Datum wiederfinden, noch auch mit welchem Recht sie gerade in dem einem Augenblicke wiedererscheint und nicht in einem anderen? Nur immer daher, daß man die praktische Bestimmung unserer aktuellen Seelenzustände außer acht läßt. Man macht aus der Wahrnehmung eine uninteressierte Verrichtung des Geistes, eine bloße Betrachtung. Und da die reine Erinnerung augenscheinlich nur etwas derartiges sein kann, (denn sie entspricht ja nicht einer gegenwärtigen und dringenden Wirklichkeit), so werden Erinnerung und Wahrnehmung Zustände derselben Art, zwischen denen man nur noch einen Intensitätsunterschied zu finden vermag. In Wahrheit aber darf man unsere Gegenwart nicht als das definieren, was intensiver ist: sie ist das, was auf uns wirkt und uns wirken macht, sie ist sensorisch und sie ist motorisch; – unsere Gegenwart ist vor allem der Zustand unseres Körpers. Unsere Vergangenheit dagegen ist das was nicht mehr wirkt, aber wirken könnte, was wirken wird, wenn es sich einer gegenwärtigen Empfindung einfügt und von ihr Vitalität entleiht. In dem Augenblicke allerdings, in dem sich die Erinnerung so in Wirksamkeit aktualisiert, hört sie auf, Erinnerung zu sein und wird wieder Wahrnehmung.

Jetzt begreift man, warum die Erinnerung nicht aus einem Gehirnzustande hervorgehen konnte. Der Gehirnzustand setzt die Erinnerung fort; er gibt ihr Macht über die Gegenwart durch die Materialität, die er ihr verleiht; die reine Erinnerung ist aber eine geistige Manifestation. Mit dem Gedächtnis sind wir recht eigentlich in das Gebiet des Geistes eingetreten. Es war nicht unsere Aufgabe, dieses Gebiet näher zu erforschen. Wir standen am Zusammenflusse von Geist und Materie; und da wir vor allem darauf aus waren, sie ineinander strömen zu sehen, brauchten wir von der Spontaneität des Verstandes nur den Punkt festzuhalten, wo sie sich mit einem körperlichem Mechanismus verbindet. Und so kamen wir dazu, uns den Vorgang der Ideenassoziation und die Geburt der einfachsten Allgemeinbegriffe anzusehen.

Welches ist der Hauptirrtum des Assoziationismus? Dieser, daß er alle Erinnerungen in dieselbe Ebene verlegt und den mehr oder minder beträchtlichen Abstand übersieht, der sie von dem gegenwärtigen körperlichen Zustande, d. h von der Tätigkeit, trennt. Deshalb war er weder imstande zu erklären, wie die Erinnerung der Wahrnehmung, die sie wachruft, anhängt, noch warum die Assoziation sich nach Ähnlichkeit und Kontiguität und nicht auf irgendeine andere Art vollzieht, noch auch durch welchen Zufall gerade diese bestimmte Erinnerung aus den tausend Erinnerungen erwählt wird, welche der aktuellen Wahrnehmung ebensogut nach Ähnlichkeit oder Kontiguität verbunden werden könnten. Das bedeutet, daß die Assoziationspsychologie alle verschiedenen Bewußtseinsebenen durcheinander gebracht und verwirrt hat, weil sie sich darauf versteift, in einer weniger vollständigen Erinnerung lediglich eine weniger zusammengesetzte zu sehen, während sie doch in Wirklichkeit eine weniger traumhafte Erinnerung ist, d. h. eine, die der Tätigkeit näher steht und gerade dadurch banaler ist und fähiger, sich – wie ein Konfektionsanzug – der Neuheit der gegenwärtigen Lage anzupassen. Die Gegner des Assoziationismus sind ihm übrigens auf dieses Gebiet gefolgt. Sie machen ihm den Vorwurf, daß er die höheren Tätigkeiten des Geistes durch Assoziationen erkläre, nicht aber den Vorwurf, daß er die wahre Natur der Assoziation selbst mißverstehe. Und doch liegt gerade da der Grundfehler des Assoziationismus.

Zwischen der Ebene des Handelns – in welcher unser Körper seine Vergangenheit in motorische Gewohnheiten zusammengezogen hat – und der Ebene des reinen Gedächtnisses, in welcher unser Geist das Gemälde unseres abgelaufenen Lebens mit allen Einzelheiten aufbewahrt, glaubten wir dagegen, tausend und abertausend verschiedene Bewußtseinsebenen zu sehen, tausend vollständige und doch verschiedenartige Wiederholungen der Totalität unserer erlebten Erfahrung. Die Vervollständigung einer Erinnerung durch persönlichere Einzelheiten besteht durchaus nicht in einer mechanischen Nebeneinanderstellung von Erinnerungen neben diese Erinnerung, sondern in dem Übergang auf eine ausgedehntere Bewußtseinsebene, in einer Entfernung von der Tätigkeit in der Richtung zum Traume hin. Ebensowenig besteht die Lokalisation einer Erinnerung darin, daß sie mechanisch zwischen andere Erinnerungen eingeschoben wird, sondern darin, daß durch eine zunehmende Ausweitung des Gedächtnisses als Ganzes ein Kreis umschrieben wird, groß genug, diese Einzelheit der Vergangenheit darin aufzunehmen. Diese Ebenen sind übrigens nicht wie fertige Dinge gegeben, von welchen eines über dem anderen liegt. Ihr Dasein ist vielmehr virtuell, von jener Art, die dem Geistigen eigen ist. Der Verstand bewegt sich in dem Raum, der sie trennt, ständig hin und her und findet sie so immer wieder oder vielmehr schafft sie immer wieder neu: und in dieser Bewegung besteht sein Leben. Nun verstehen wir, warum die Gesetze der Assoziation vorzugsweise die der Ähnlichkeit und Kontiguität sind, warum das Gedächtnis unter ähnlichen oder benachbarten Erinnerungen gewisse Bilder anderen bei der Auswahl vorzieht, und endlich wie sich durch die gemeinsame Arbeit von Körper und Geist die ersten allgemeinen Begriffe bilden. Das Interesse eines lebenden Wesens verlangt, daß es in einer gegenwärtigen Lage erfaßt, was einer früheren ähnlich ist, mit ihr in Verbindung bringt, was damals vorausging und besonders was nachfolgte, und so aus seiner vergangenen Erfahrung Nutzen zieht. Von allen denkbaren Assoziationen sind also die der Ähnlichkeit und der Kontiguität zunächst die einzigen, die eine vitale Nützlichkeit haben. Um aber den Mechanismus dieser Assoziationen und besonders die scheinbar launenhafte Auswahl, die sie unter den Erinnerungen treffen, zu begreifen, muß man sich abwechselnd in die beiden äußersten Ebenen versetzen, welche wir als die Ebene der Tätigkeit und die Ebene des Traumes bezeichneten. Auf der ersteren finden sich nur motorische Gewohnheiten, von denen man sagen kann, daß sie eher gespielte oder gelebte als vorgestellte Assoziationen sind: hier sind Ähnlichkeit und Kontiguität miteinander verschmolzen, denn analoge äußere Lagen haben durch ihre Wiederholung bewirkt, daß gewisse Bewegungen unseres Körpers sich miteinander verbunden haben, und deshalb wird auch dieselbe automatische Reaktion, in der wir diese durch Kontiguität verbundene Bewegung ablaufen lassen, aus der sie veranlassenden Lage deren Ähnlichkeit mit früheren Lagen herausholen. Aber in dem Maße wie man von den Bewegungen zu den Bildern und von den ärmeren zu den reicheren Bildern übergeht, trennen sich Ähnlichkeit und Kontiguität, um zuletzt auf jener anderen äußersten Ebene, wo den Bildern keinerlei Tätigkeit mehr zukommt, sich einander entgegenzusetzen. Die Auswahl einer Ähnlichkeit unter vielen Ähnlichkeiten, einer Kontiguität unter anderen Kontiguitäten vollzieht sich also nicht zufällig: sie hängt von dem sich unaufhörlich verändernden Grade der Spannung des Gedächtnisses ab, welches, je nachdem es mehr dazu neigt, sich der gegenwärtigen Tätigkeit einzufügen oder sich von ihr loszumachen, sich ganz und gar in den einen oder den anderen Ton transponiert. Und diese zwiefache Bewegung des Gedächtnisses zwischen seinen beiden äußersten Grenzen ist es auch, welche, wie wir nachwiesen, die ersten allgemeinen Begriffe erzeugt dadurch daß die motorische Gewohnheit zu den ähnlichen Bildern aufsteigt, um aus ihnen die Ähnlichkeiten herauszuziehen, während die ähnlichen Bilder zur motorischen Gewohnheit herabsteigen, um z. B. in der automatischen Aussprache des sie vereinenden Wortes miteinander zu verschmelzen. Die Allgemeinheit des Begriffes besteht also schon bei ihrer Geburt in einer gewissen Aktivität des Geistes, in einer Bewegung zwischen der Tätigkeit und der Vorstellung. Deshalb wird es, so stellten wir fest, einer gewissen Philosophie immer leicht sein, den Allgemeinbegriff an einem der beiden Enden zu lokalisieren, ihn in Worte zu kristallisieren oder in Erinnerungen zu verflüchtigen, während er in Wirklichkeit in dem Fortschreiten des Geistes vom einen Ende zum anderen besteht.

 

Indem wir uns auf diese Art die elementare Tätigkeit des Geistes vorstellten und diesmal nun den Körper mit allem, was ihn umgibt, als die letzte Ebene unseres Gedächtnisses ansahen, als das äußerste Bild und die bewegliche Spitze, welche unsere Vergangenheit fortwährend in unsere Zukunft hineinstößt, bestätigten und erhellten wir das, was wir über die Funktion des Körpers gesagt hatten, und bereiteten zugleich die Wege für eine Annäherung zwischen Körper und Geist.

Nachdem wir nämlich nacheinander die reine Wahrnehmung und das reine Gedächtnis untersucht hatten, blieb uns noch übrig, sie beide zusammenzubringen. Wenn die reine Erinnerung schon Geist ist und die reine Wahrnehmung noch etwas von der Materie wäre, müßten wir, wenn wir uns in den Schnittpunkt der reinen Erinnerung und der reinen Wahrnehmung versetzten, Licht bringen können in die Wechselwirkung von Geist und Materie. Tatsächlich ist die »reine«, d. h. augenblickliche Wahrnehmung nur ein Ideal, eine Grenze. Jede Wahrnehmung beansprucht eine gewisse Dichte der Dauer, setzt die Vergangenheit in die Gegenwart fort und nimmt dadurch am Gedächtnis teil. Indem wir nun die Wahrnehmung in ihrer konkreten Form als Synthese der reinen Erinnerung und der reinen Wahrnehmung, d. h. des Geistes und der Materie nahmen, zogen wir das Problem der Vereinigung von Seele und Leib in seine engsten Grenzen zusammen. Dies war der Versuch, dem wir vorzüglich den letzten Teil unserer Arbeit widmeten.

Der Gegensatz der beiden Prinzipien im Dualismus überhaupt löst sich auf in den dreifachen Gegensatz des Unausgedehnten zum Ausgedehnten, der Qualität zur Quantität und der Freiheit zur Notwendigkeit. Wenn nun unsere Auffassung von der Funktion des Körpers, wenn unsere Analysen der reinen Wahrnehmung und der reinen Erinnerung die Wechselbeziehung von Körper und Geist irgendwie aufzuklären imstande sein sollen, so kann dies nur geschehen, wenn diese drei Gegensätze aufgehoben oder abgeschwächt werden. Untersuchen wir sie also nacheinander, indem wir die Schlußfolgerungen, die wir bisher einzig der Psychologie entnahmen, jetzt in einer mehr metaphysischen Form darstellen.

1. – Stellt man sich z. B. einerseits eine wirklich in Körperchen geteilte Ausdehnung vor und andererseits ein Bewußtsein mit an sich unausgedehnten Empfindungen, die in den Raum projiziert werden sollen, dann wird man offenbar zwischen dieser Materie und diesem Bewußtsein, zwischen dem Körper und dem Geist nichts Gemeinsames finden. Aber diese Gegenüberstellung von Wahrnehmung und Materie ist das künstliche Werk eines Verstandes, der nach seinen Gewohnheiten oder Gesetzen zerlegt und wiederzusammensetzt: sie ist in der unmittelbaren Anschauung nicht gegeben. Gegeben sind nicht unausgedehnte Empfindungen: wie könnten diese sich mit dem Raum vereinigen, sich darin einen Ort wählen, kurzum sich in ihn einordnen, um eine allgemeingültige Erfahrung zustande zu bringen? Wirklich ist ebensowenig eine in selbständige Teile zerlegte Ausdehnung: wie könnte sie auch sonst, da sie so gar keine mögliche Beziehung zu unserem Bewußtsein hätte,, in sich eine Reihe von Veränderungen entfalten, deren Anordnung und Beziehungen genau der Anordnung und Beziehungen unserer Vorstellungen entsprächen? Gegeben, wirklich ist eine Art Zwischending zwischen der geteilten Ausdehnung und dem reinen Unausgedehnten; wir haben es das Extensive genannt. Die Extensivität ist die auffallendste Eigenschaft der Wahrnehmung. Wenn wir sie verfestigen und mittels eines abstrakten Raumes, den wir auf Grund der Bedürfnisse unserer Aktivität unter ihr ausspannen, in Teile zerlegen, stellen wir die vielfältige und unendlich teilbare Ausdehnung her. Wenn wir sie dagegen verfeinern und bald sich in affektiven Empfindungen auflösen, bald in Nachahmungen der reinen Begriffe verflüchtigen lassen, erhalten wir jene inextensiven Empfindungen, aus welchen wir vergebens Bilder zu rekonstruieren versuchen. Und die beiden entgegengesetzten Richtungen, in denen wir diese zwiefache Arbeit verrichten, tun sich uns auf ganz natürliche Weise auf, denn aus den Erfordernissen der Tätigkeit ergibt sich von selbst, daß die Ausdehnung für uns in absolut selbständige Gegenstände zerfällt (daher der Hinweis, die Ausdehnung zu zerteilen) und ebenso, daß man ganz allmählich von der Affektion zur Wahrnehmung übergeht, daher die Neigung, die Wahrnehmung mehr und mehr für inextensiv zu halten. Aber unser Verstand, dessen Aufgabe es ja ist, logische Unterscheidungen und also einschneidende Gegensätze herzustellen, stürzt sich abwechselnd auf beide Wege und geht jeden ganz zu Ende. So stellt er an dem einen äußersten Ende eine unendlich teilbare Ausdehnung und am anderen absolut unausgedehnte Empfindungen auf. Und so schafft er den Gegensatz, über den er dann erstaunt.

2. – Weit weniger künstlich ist der Gegensatz von Qualität und Quantität, d. h. von Bewußtsein und Bewegung; aber dieser zweite Gegensatz wird erst dann radikal, wenn man von der Annahme des ersten ausgeht. Denn nimmt man einmal an, daß die Qualitäten der Dinge sich auf unausgedehnte, ein Bewußtsein affizierende Empfindungen reduzieren, so daß diese Empfindungen homogene und berechenbare räumliche Veränderungen als deren Symbole darstellen, so muß man sich zwischen diesen Empfindungen und diesen Veränderungen eine unbegreifliche Wechselbeziehung vorstellen. Verzichtet man dagegen darauf, zwischen ihnen a priori diesen künstlichen Gegensatz aufzustellen, so sieht man nach und nach alle Schranken fallen, welche sie zu trennen schienen. Zunächst einmal ist es nicht wahr, daß das Bewußtsein, in sich zusammengerollt, einer inneren Prozession inextensiver Wahrnehmungen zusieht. Wir müssen also die reine Wahrnehmung wieder in die wahrgenommenen Dinge selbst verlegen, und damit wäre das erste Hindernis hinweggeräumt. Wir stoßen freilich gleich auf ein zweites: die homogenen und berechenbaren Veränderungen, mit denen die Wissenschaft operiert, scheinen mannigfaltigen und selbständigen Elementen, etwa den Atomen, anzugehören, deren bloßes Akzidens sie wären; diese Mannigfaltigkeit schiebt sich zwischen die Wahrnehmung und ihren Gegenstand. Aber wenn die Teilbarkeit der Ausdehnung lediglich auf unsere mögliche Wirkung auf sie Bezug hat, wird der Begriff selbständiger Körperchen a fortiori schematisch und provisorisch; zudem gibt uns die Wissenschaft selbst ein Recht, ihn auszuschalten. Damit ist eine zweite Schranke gefallen. Noch ein letzter Raum ist zu überbrücken: der, welcher die Heterogeneität der Qualitäten von der scheinbaren Homogeneität der Bewegungen in der Ausdehnung trennt. Aber gerade dadurch, daß wir die Elemente, Atome oder was sie sonst sein sollen, welche der Sitz dieser Bewegungen waren, ausgeschaltet haben, kann hier nicht mehr die Rede sein von der Bewegung als Akzidens eines beweglichen Körpers, nicht mehr von der abstrakten Bewegung, welche die Mechanik untersucht und welche im Grunde nur der gemeinsame Maßstab der konkreten Bewegungen ist. Wie könnte diese abstrakte Bewegung, welche Unbeweglichkeit wird, wenn man den Bezugspunkt wechselt, wirkliche, d. h. empfundene Veränderungen begründen? Wie könnte sie, zusammengesetzt aus einer Reihe momentaner Lagen, eine Dauer erfüllen, deren Teile sich ineinanderdehnen und fortsetzen? Es bleibt also nur eine mögliche Hypothese: daß die konkrete Bewegung, die imstande ist, wie das Bewußtsein, ihre Vergangenheit in ihre Gegenwart zu verlängern, imstande, durch Wiederholung die Empfindungsqualitäten zu erzeugen, schon etwas vom Bewußtsein, schon etwas von der Empfindung ist. Sie ist die Empfindung selbst, nur verdünnt und auf eine unendlich viel größere Anzahl von Augenblicken verteilt, die Empfindung selbst, vibrierend, wie wir sagten, im Innern ihrer Chrysalide. Dann bliebe noch ein letzter Punkt aufzuklären: wie vollzieht sich die Kontraktion, nun nicht mehr von homogenen Bewegungen in heterogene Eigenschaften, sondern von weniger heterogenen Veränderungen in heterogenere Veränderungen? Doch diese Frage beantwortet sich durch unsere Analyse der konkreten Wahrnehmung: diese Wahrnehmung, als lebendige Synthese der reinen Wahrnehmung und des reinen Gedächtnisses, vereinigt notwendigerweise in ihrer scheinbaren Einfachheit eine ungeheure Vielheit von Momenten. Zwischen den Empfindungsqualitäten, als Elementen unserer Vorstellung, und diesen selben Qualitäten, als berechenbaren Veränderungen, besteht also nur ein Unterschied im Rhythmus der Dauer, ein Unterschied der inneren Spannung. So haben wir durch den Begriff der Spannung, der Tension, den Gegensatz zwischen Qualität und Quantität wie durch den Begriff der Extension, der Ausspannung, den zwischen Nichtausgedehntem und Ausgedehntem aufzuheben versucht. Extension und Spannung lassen vielfache, aber immer bestimmte Grade zu. Die Funktion des Verstandes ist es, von diesen beiden Gattungen, der Extension und der Spannung, ihren leeren Behälter, d. h. den homogenen Raum und die reine Quantität abzulösen, dadurch an Stelle geschmeidiger Realitäten, welche eine Abstufung vertragen, starre Abstraktionen zu setzen, welche aus den Bedürfnissen der Tätigkeit geboren sind und die man hinnehmen oder lassen muß, und damit das reflektierende Denken vor Dilemmata zu stellen, deren Alternativen weder so noch so von den Dingen akzeptiert werden.

3. – Wenn man aber die Beziehungen zwischen Ausgedehntem und Nichtausgedehntem, zwischen Qualität und Quantität von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, wird es leichter, den dritten und letzten Gegensatz zu verstehen, den Gegensatz zwischen Freiheit und Notwendigkeit. Die absolute Notwendigkeit müßte sich durch eine vollkommene gegenseitige Gleichwertigkeit der sukzessiven Momente der Dauer darstellen. Ist dies nun in der Dauer der materiellen Welt der Fall? Kann jeder dieser Augenblicke mathematisch aus dem vorhergehenden abgeleitet werden? Wir haben im Verlaufe dieser Arbeit zur Vereinfachung der Untersuchung überall angenommen, daß dem so sei; und wirklich ist auch der Abstand zwischen dem Rhythmus unserer Dauer und dem des Ablaufs der Dinge derartig, daß die Kontingenz des Naturverlaufes, welche kürzlich so gründlich philosophisch erforscht worden ist, für uns praktisch der Notwendigkeit gleichkommt. Behalten wir also unsere Hypothese bei, die wir freilich von Rechts wegen einschränken sollten. Aber auch dann noch ist die Freiheit in der Natur nicht wie ein Staat im Staate. Wir sagten, daß diese Natur als ein neutralisiertes und folglich latentes Bewußtsein angesehen werden könnte, ein Bewußtsein, dessen eventuelle Kundgebungen sich gegenseitig in Schach halten und in dem Augenblicke, da sie hervortreten wollen, vernichten würden. Die ersten Strahlen, welche ein individuelles Bewußtsein innerhalb der Natur auswirft, erhellen sie also nicht mit einem unerwarteten Licht: dieses Bewußtsein hat nichts weiter getan als ein Hindernis weggeräumt, aus der Ganzheit der Wirklichkeit einen virtuellen Teil herausgezogen, kurz es hat, was ihm von Interesse war ausgewählt und abgelöst; und wenn es durch diese intelligente Auswahl beweist, daß seine Form vom Geiste stammt, so zieht es doch seine Materie aus der Natur. Zur selben Zeit übrigens, da wir Zeuge des Aufblühens dieses Bewußtseins sind, sehen wir lebende Körper hervortreten, welche in einfachster Form spontaner, unvoraussehbarer Bewegungen fähig sind. Der Fortschritt der lebenden Materie besteht in einer Differenzierung der Funktionen, welche zuerst zur Bildung und allmählich zur immer komplizierteren Ausgestaltung eines Nervensystems führt, das imstande ist, Reize zu kanalisieren und Taten zu organisieren; je mehr höhere Zentren sich entwickeln, um so zahlreicher werden die motorischen Bahnen, zwischen welchen derselbe Reiz der Tat die Wahl bietet. Eine immer größere Weite steht der Bewegung im Raume offen: das ist es, was allgemein gesehen wird. Was man dagegen nicht sieht, ist die im selben Grade wachsende Spannung des Bewußtseins in der Zeit. Nicht nur behält dieses Bewußtsein durch sein Gedächtnis der alten Erfahrungen die Vergangenheit immer besser, um sie mit der Gegenwart zu immer reicherer und neuerer Entscheidung zu gestalten, sondern dadurch daß es ein immer intensiveres Leben lebt, daß es durch sein Gedächtnis der unmittelbaren Erfahrung eine immer wachsende Zahl äußerer Augenblicke in seine gegenwärtige Dauer zusammenzieht, wird es immer fähiger, Taten zu tun, deren innere Indeterminiertheit um so leichter durch die Maschen der Notwendigkeit hindurchgehen wird, als sie sich über eine große Anzahl (so groß man sie nur will) von Augenblicken der Materie verteilen muß. So scheint die Freiheit, ob wir sie nun vom Standpunkte der Zeit oder des Raumes ins Auge fassen, immer ihre Wurzeln tief in die Notwendigkeit zu versenken und sich mit ihr aufs innigste zu verbinden.

Der Geist entnimmt der Materie die Wahrnehmungen, aus denen er seine Nahrung zieht, und gibt sie ihr als Bewegung zurück, der er den Stempel seiner Freiheit aufgedrückt hat.

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