Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Henri Bergson >

Materie und Gedächtnis

Henri Bergson: Materie und Gedächtnis - Kapitel 5
Quellenangabe
typetractate
authorHenri Bergson
titleMaterie und Gedächtnis
publisherEugen Diederichs in Jena
printrunZweites bis viertes Tausend
year1919
translatorJulius Frankenberger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131021
projectideaa98375
wgs
Schließen

Navigation:

III. Allmählicher Übergang von den Erinnerungen zu den Bewegungen. Wiedererkennung und Aufmerksamkeit.

Wir kommen hier auf den Kernpunkt der ganzen Frage. Es handelt sich darum, ob in den Fällen des aufmerksamen Wiedererkennens, d. h. dann, wenn die Erinnerungsbilder sich regelmäßig zur gegenwärtigen Wahrnehmung gesellen, das Auftreten der Erinnerungen durch die Wahrnehmung mechanisch bedingt ist, oder ob sie der Wahrnehmung spontan zuströmen.

Von der Antwort, die man auf diese Frage gibt, wird es abhängen, was man für das Wesen der Beziehungen erklärt, die zwischen Gehirn und Gedächtnis bestehen. Bei jeder Wahrnehmung findet eine Erschütterung statt, die von den Nerven den Wahrnehmungszentren zugeleitet wird. Wenn nun das Übergreifen dieser Bewegung auf andere kortikale Zentren wirklich die reale Folge hätte, daß aus ihnen Bilder auftauchen, dann könnte man allen Ernstes behaupten, das Gedächtnis sei nur eine Funktion des Gehirns. Stellen wir aber den Satz auf, daß hier, wie überall sonst, Bewegung nur Bewegung erzeugen kann, daß der Wahrnehmungsreiz einfach die Funktion hat, den Körper zu einer gewissen Haltung zu vermögen, in die sich alsdann die Erinnerungen einfügen, dann bestünde die Leistung der materiellen Erschütterung ausschließlich in der Herstellung dieser motorischen Einstellung, und man hätte die Erinnerung anderswo zu suchen. In der ersten Hypothese würden die Störungen des Gedächtnisses, die durch eine Verletzung des Gehirns hervorgerufen werden, daher rühren, daß die betreffenden Erinnerungen das verletzte Gebiet inne hatten und deshalb mit ihm zerstört wurden. In der zweiten Hypothese dagegen würden jene Verletzungen unsere (werdende oder mögliche) Tätigkeit angehen, und zwar ausschließlich diese Tätigkeit. Einmal würden sie den Körper verhindern, dem Gegenstand gegenüber diejenige Haltung anzunehmen, die das Bild wachrufen würde; das andre Mal würden sie der Erinnerung ihre Verbindung mit der Wirklichkeit der Gegenwart durchschneiden, d. h. sie würden, indem sie das letzte Stadium jenes Prozesses, in dem die Erinnerung sich realisiert, das Stadium der Tätigkeit, unterdrücken, zugleich ihr Aktuellwerden unmöglich machen. Aber in beiden Fällen würde eine Verletzung des Gehirns nicht eigentlich die Erinnerungen zerstören.

Diese zweite Hypothese soll die unsre sein. Bevor wir sie aber zu verifizieren suchen, wollen wir kurz sagen, wie wir uns allgemein das Verhältnis von Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Gedächtnis vorstellen. Wir werden den Resultaten des nächsten Kapitels hie und da vorgreifen müssen, wenn wir zeigen wollen, wie eine Erinnerung allmählich dahin gelangen kann, sich einer Haltung oder Bewegung einzufügen.

Was ist Aufmerksamkeit? Einerseits besteht der Effekt der Aufmerksamkeit darin, daß die Wahrnehmung intensiver und ihre Einzelheiten distinkter werden: materiell betrachtet ließe sie sich also auf eine gewisse Ausweitung des intellektuellen Zustandes zurückführen. Marillier, Remarques sur le mécanisme de l'attention ( Revue Philosophique 1889, Bd. XXVII). – Vgl. Ward, Artikel Psychology in der Encyclopaedia Briiannica und Bradley, Is there a Special Activity of Attention? Mind 1885. Bd. XI. S. 305). Aber andererseits konstatiert das Bewußtsein einen radikalen formellen Unterschied zwischen diesem Zuwachs an Intensität und demjenigen Zuwachs, der auf eine Verstärkung des äußeren Reizes zurückgeht: er scheint nämlich von innen zu kommen und eine bestimmte Haltung des Intellekts zu bezeugen. Aber gerade hier setzt die Unklarheit ein, denn der Begriff einer intellektuellen Haltung ist kein klarer Begriff. Man spricht von einer »Konzentration des Geistes« Hamilton, Lectures on Metaphysics Bd. I. S. 247. oder auch von einer »apperzeptiven« Anstrengung, Wundt, Grundzüge der physiologischen Psychologie, 2. Auflage, Bd. II. S. 219 f.,239f., die Wahrnehmung in den Blickpunkt des deutlichen Bewußtseins zu bringen. Einige kommen, indem sie diesen Begriff materialistisch formulieren, zur Annahme einer besonderen Spannung der Gehirnenergie Maudsley, Physiology of Mind. S. 299. – Vgl. Bastian, Les processus nerveux dans l'attention ( Revue Philosophique Bd. XXXIII. S. 360 ff.). oder sogar eines dem empfangenen Reiz hinzugefügten Aufwandes an zentraler Energie. W. James, Principles of Psychology. Bd. I. S. 441. Aber entweder überträgt man damit einfach eine psychologisch festgestellte Tatsache in die Sprache der Physiologie, die wir unsererseits für noch weniger klar halten, oder aber es läuft wieder auf eine Metapher hinaus.

Auf diesem Wege wird man schrittweise dazu kommen, die Aufmerksamkeit als eine allgemeine Anpassung mehr des Körpers als des Geistes zu definieren und in jener Haltung des Bewußtseins wesentlich das Bewußtsein einer Haltung zu erblicken. Das ist der Standpunkt, den Ribot in dieser Frage einnimmt, Psychologie de l'attention, Paris 1889. und obwohl er bestritten worden ist, Mariliier, l. c. Vgl. J. Sully, The Psycho-physical Process in Attention, Brain 1890, S. 154. scheint er doch seine volle Kraft zu behalten, freilich wohl nur so lange, als man in den von Ribot beschriebenen Bewegungen lediglich die negative Bedingung des Phänomens sieht. Denn würde man tatsächlich annehmen, daß die Begleitbewegungen der willkürlichen Aufmerksamkeit wesentlich Hemmungsbewegungen sind, so bliebe noch die ihnen entsprechende geistige Arbeit zu erklären, d. h. jener mysteriöse Vorgang, daß dasselbe Organ, das nach wie vor denselben Gegenstand in derselben Umgebung wahrnimmt, auf einmal viel mehr Dinge an ihm entdeckt. Aber man kann weiter gehen und die Behauptung aufstellen, daß die Hemmungserscheinungen nichts weiter als eine Vorbereitung für die eigentlichen Bewegungen der willkürlichen Aufmerksamkeit sind. Denn nehmen wir an, daß die Aufmerksamkeit, wie wir schon angedeutet haben, eine Rückwärtswendung des Geistes impliziert, der darauf verzichtet, den Nutzfolgen der gegenwärtigen Wahrnehmung nachzugehen: so muß zunächst einmal Bewegung inhibiert werden, es muß eine Hemmungsbewegung ausgeführt werden. Aber diese allgemeine Haltung wird sehr bald subtilere Bewegungen zu tragen haben, von denen einige beobachtet und beschrieben worden sind, N. Lange, Beitr. zur Theorie der sinnlichen Aufmerksamkeit ( Philos. Studien von Wundt. Bd. VII. S. 390–422). und deren Funktion es ist, den Umriß des wahrgenommenen Gegenstandes genauer durchzugehen. Mit diesen Bewegungen setzt, über die rein negative Arbeit hinaus, die positive Leistung der Aufmerksamkeit ein. Ihre Fortsetzung findet sie in Erinnerungen.

Wenn nämlich die äußere Wahrnehmung in uns Bewegungen veranlaßt, die ihre großen Umrisse skizzieren, so dirigiert unser Gedächtnis jene früheren ähnlichen Bilder, für die diese Skizze ja auch paßt, auf die gegenwärtige Wahrnehmung hin. So schafft es die gegenwärtige Wahrnehmung noch einmal von sich aus oder verdoppelt sie vielmehr, indem es ihr das eigene Bild oder ein Erinnerungsbild gleicher Art zugesellt. Wenn das behaltene oder erinnerte Bild zur Deckung aller Einzelheiten des wahrgenommenen Bildes nicht ausreicht, so ergeht ein Aufruf an die tieferen und entfernteren Regionen des Gedächtnisses, bis andere, früher erfahrene Einzelheiten herbeikommen und sich auf die bisher unbekannten projizieren. Und dieser Vorgang kann sich ins Endlose fortsetzen: das Gedächtnis verstärkt und bereichert die Wahrnehmung, die ihrerseits, je mehr sie sich entwickelt, eine wachsende Zahl von Ergänzungserinnerungen an sich zieht. Hören wir doch auf, mit der Vorstellung zu arbeiten, der Geist verfüge über irgend eine bestimmte Quantität von Licht, die er entweder rings um sich ausgießen oder auf einen Punkt konzentrieren könne. Bild gegen Bild: wir würden die Grundleistung der Aufmerksamkeit lieber mit dem vergleichen, was der Telegraphist macht, der eine wichtige Depesche bekommt und sie Wort für Wort an den Aufgabeort zurückgibt, um sie auf ihre Richtigkeit zu prüfen.

Aber um eine Depesche zurückzugeben, muß man den Apparat handhaben können. Ebenso müssen wir, um auf eine Wahrnehmung unser Bild von ihr zu reflektieren, imstande sein, es zu reproduzieren, d. h. es durch eine Synthese zu rekonstruieren. Man hat die Aufmerksamkeit ein analytisches Vermögen genannt, mit Recht; man hat aber nicht hinreichend erklärt, wie eine solche Analyse möglich ist, noch durch was für einen Prozeß wir an einer Wahrnehmung schließlich entdecken, was sich anfangs nicht an ihr gezeigt hat. In Wahrheit vollzieht sich diese Analyse in einer Reihe von Synthesen, die wir versuchen, oder was dasselbe ist, in einer Reihe von Hypothesen: unser Gedächtnis wählt nacheinander verschiedene analoge Bilder aus und richtet sie auf die neue Wahrnehmung. Diese Wahl vollzieht sich aber nicht aufs Geratewohl. Was auf die betreffenden Hypothesen hinweist und die Auswahl von ferne leitet, das sind die Nachahmungsbewegungen, in denen sich die Wahrnehmung fortsetzt und die den gemeinsamen Rahmen für die Wahrnehmung sowohl als für die Erinnerungsbilder abgeben;

Dann wird man sich aber den Mechanismus der distinkten Wahrnehmung anders vorstellen müssen als es gewöhnlich geschieht. Die Wahrnehmung besteht nicht nur in vom Geiste gesammelten und verarbeiteten Eindrücken. Das trifft höchstens auf die kaum empfangen auch schon ausgegebenen Wahrnehmungen zu, die wir als nützliche Handlungen verzetteln. Jede aufmerksame Wahrnehmung aber setzt in Wahrheit eine Reflexion, im etymologischen Sinne des Wortes, voraus, d. h. die Projektion eines aktiv geschaffenen Bildes nach außen, eines Bildes, das dem Gegenstande identisch oder ähnlich ist und sich nach seinen Konturen formt. Wenn wir einen Gegenstand scharf ansehen und unsern Blick plötzlich wegwenden, so erhalten wir ein Nachbild: müssen wir nicht annehmen, daß dieses Nachbild sich schon während des Ansehens gebildet hat? Die neuerliche Entdeckung zentrifugaler Perzeptionsfasern kann die Annahme nahelegen, daß dies die Regel ist und daß neben dem zentripetalen Prozeß, welcher den Eindruck zum Zentrum trägt, noch ein anderer entgegengesetzter stattfindet, der das Bild an die Peripherie zurückbringt. Allerdings handelt es sich hierbei um direkte Bilder des Gegenstandes, sozusagen um Photographien, und um Erinnerungen, die sich unmittelbar an die Wahrnehmung anschließen, sozusagen ihr Echo sind. Aber hinter diesen Bildern, die mit dem Gegenstand identisch sind, stehen im Gedächtnis aufgespeichert andere, die dem Gegenstande ähnlich sind, und endlich noch andere, die ihm nur irgendwie näher oder ferner verwandt sind. Sie alle strömen der Wahrnehmung entgegen. Diese nährt sie mit ihrer Substanz und dadurch erlangen sie genügend Kraft und Leben, um sich mit ihr zusammen nach außen zu projizieren. Die Versuche von Münsterberg Beiträge zur experimentellen Psychologie, Heft 4. S. 15 ff. und Külpe Grundriß der Psychologie, Leipzig 1893, S. 185. lassen hierüber keinen Zweifel: jedes Erinnerungsbild, das zur Interpretation unsrer aktuellen Wahrnehmung dienen kann, weiß sich so vollkommen in sie einzuschieben, daß wir nicht mehr scheiden können, was Wahrnehmung und was Erinnerung ist. Das Interessanteste aber in dieser Hinsicht sind die geistvollen Versuche von Goldscheider und Müller über den Mechanismus des Lesens. Zur Physiologie und Pathologie des Lesens (Zeitschrift für klinische Medizin 1893). – Vgl. McKeen Cattell, Über die Zeit der Erkennung von Schriftzeichen {Philosophische Studien 1885/86.) Gegen Grashey, der in einer berühmten Arbeit behauptet hatte, daß wir die Worte Buchstabe für Buchstabe lesen, Über Aphasie und ihre Beziehungen zur Wahrnehmung {Archiv für Psychiatrie 1885. Bd. XVI). haben diese Forscher festgestellt, daß fließendes Lesen in Wahrheit ein Erahnen ist: unser Geist erfaßt da und dort schnell ein paar charakteristische Züge; den ganzen Zwischenraum füllt er mit Erinnerungsbildern aus, die er auf das Papier projiziert, wo sie die wirklichen gedruckten Buchstaben verdrängen, ersetzen, ja zu sein scheinen. So sind wir unaufhörlich schaffend oder rekonstruierend tätig. Unsere distinkte Wahrnehmung ist wahrlich einem geschlossenen Ringe vergleichbar, wo das Wahrnehmungsbild, das nach dem Geiste hineilt, und das Erinnerungsbild, das in den Raum lanciert wird, hintereinander herlaufen.

Dieser Punkt scheint uns wichtig. Man stellt sich die aufmerksame Wahrnehmung gern als eine Reihe von Vorgängen vor, die schnurstracks an einem Faden entlang laufen: der Gegenstand erregt Empfindungen, die Empfindungen lassen Vorstellungen vor sich aufsteigen, jede Vorstellung setzt weitergreifend immer mehr Punkte der geistigen Masse in Bewegung. Das wäre ein Fortgang in gerader Linie, bei dem der Geist sich immer weiter vom Gegenstande entfernte und nie mehr zu ihm zurückkehrte. Wir behaupten dagegen, daß die bewußte Wahrnehmung ein Stromkreis ist, in dem alle Elemente, das wahrgenommene Objekt einbegriffen, im Verhältnis gegenseitiger Spannung stehen wie in einem elektrischen Stromkreis, so daß keine Reizung, die das Objekt ausschickt, sich etwa unterwegs in den Tiefen des Geistes irgendwo verlieren kann: sie muß immer wieder zum Objekt zurück. Das ist nicht einfach ein Streit um Worte. Es handelt sich um zwei radikal verschiedene Auffassungen von der Arbeit des Intellekts. Nach der ersten vollzieht sich alles mechanisch; wie die Posten zufällig aufeinanderfolgen, so werden sie summiert. So würden sich zum Beispiel in jedem Moment einer aufmerksamen Wahrnehmung neue Elemente, die aus einer tieferen Region des Geistes ausströmen, zu den alten gesellen können, ohne eine allgemeine Störung zu verursachen und eine Neuordnung des Systems nötig zu machen. Nach der zweiten Auffassung dagegen besteht in dem Akt der Aufmerksamkeit, der Spannung auf einen Gegenstand, solch ein innerer Zusammenhang zwischen Geist und Gegenstand, sie sind ein so geschlossener Stromkreis, daß man zu Zuständen höherer Konzentration nicht übergehen kann, ohne immer einen neuen ganzen Kreis zu spannen, der den vorhergehenden umschließt; gemeinsam ist all diesen Kreisen, die wir später genauer untersuchen werden, nur der wahrgenommene Gegenstand. Der Kreis zunächst der unmittelbaren Wahrnehmung sei A. Er enthält nichts als den Gegenstand O mit dem Nachbild, das sich von uns auf ihn zurücklegt. Die immer weiteren Kreise B, C, D hinter ihm entsprechen dem stärkeren Streben des Intellekts nach Expansion. In jeden dieser Stromkreise geht, wie wir sehen werden, das ganze Gedächtnis ein, da es ja immer gegenwärtig ist; aber dieses Gedächtnis, das vermöge seiner Elastizität sich unendlich ausdehnen kann, strahlt eine immer größere Zahl von Bildern, die der Gegenstand nahelegt, auf ihn aus – bald sind es Einzelheiten am Gegenstand selbst, bald Nebenumstände, die ihn zu erhellen helfen können. Wenn wir so den wahrgenommenen Gegenstand als selbständiges Ganzes herstellen, so stellen wir mit ihm alle, auch noch die fernsten Bedingungen her, mit denen zusammen er ein System bildet. Wir bezeichnen die Ursachen dieser wachsenden Tiefe, die hinter dem Gegenstand liegen und virtuell mit ihm gegeben sind, mit B', C', D'. Nun ist klar, daß mit dem Fortschritt der Aufmerksamkeit nicht nur der wahrgenommene Gegenstand neu geschaffen wird, sondern zugleich die immer weiteren Systeme, in die er eingestellt werden kann; wenn also die Kreise B, C, D eine immer stärkere Expansion des Gedächtnisses darstellen, so sind B', C', D' ihre Reflexion, mit der wir entsprechend tiefere Schichten der Wirklichkeit erreichen.

.

So wiederholt sich dasselbe psychische Leben unendlich viele Male in den aufeinanderfolgenden Stockwerken des Gedächtnisses, derselbe geistige Vorgang kann sich in ganz verschiedener Höhe abspielen. Im Akt gespannter Aufmerksamkeit gibt sich der Geist immer ganz, aber er gibt sich einfacher oder komplizierter je nach dem Niveau, das er sich für seine Arbeit aussucht. Gewöhnlich orientiert er sich an der gegenwärtigen Wahrnehmung; aber je nach der Spannung, in die er sich zusammennimmt, nach der Höhe, auf die er sich erhebt, entwickelt in uns die Wahrnehmung eine größere oder kleinere Zahl von Erinnerungsbildern.

Mit anderen Worten: die genau lokalisierten persönlichen Erinnerungen, deren ganze Reihe den Lauf unseres vergangenen Lebens bezeichnen würde, bilden zusammen die letzte, weiteste Hülle unseres Gedächtnisses. Sie sind ihrem Wesen nach so flüchtig, daß sie nur durch Zufall einmal Gestalt gewinnen, sei es, daß eine bestimmte zufällig genau passende körperliche Haltung sie anzieht, sei es, daß gerade die Unbestimmtheit der Haltung ihrer Laune, ob sie sich zeigen wollen, freies Spiel läßt. Aber diese äußerste Hülle kehrt enger und enger in konzentrischen Kreisen wieder, die dieselben Erinnerungen umfassen, aber verkleinert, immer ärmer an persönlicher, origineller Färbung, immer banaler und dadurch immer verwendbarer für die gegenwärtige Wahrnehmung und sie in einer ähnlichen Weise bestimmend wie das Individuum von seiner Gattung befaßt wird. Es kommt ein Augenblick, wo sich die derart reduzierte Erinnerung so gut in die gegenwärtige Wahrnehmung einfügt, daß sich nicht sagen läßt, wo die Wahrnehmung aufhört und die Erinnerung anfängt. Dieser Augenblick ist genau der, wo das Gedächtnis seine Vorstellung nicht mehr nach Laune auftauchen und verschwinden läßt, sondern sich in allen Einzelheiten genau nach den körperlichen Bewegungen richtet.

Aber je mehr sich diese Erinnerungen der Bewegung und damit der äußeren Wahrnehmung nähern, desto bedeutsamer wird die Arbeit des Gedächtnisses für das Handeln. Werden die vergangenen Bilder treu in allen Einzelheiten bis in ihre Gefühlsfärbung hinein reproduziert, so sind es Bilder der Träumerei oder des Traumes: handeln aber heißt gerade erreichen, daß dies Gedächtnis sich mehr und mehr verengt oder vielmehr schärft, so daß es schließlich wie mit der Schärfe einer Klinge in die Erfahrung dringt. Weil man hier das motorische Moment im Gedächtnis nicht erfaßt hat, deshalb im Grunde hat man das Automatische in der Besinnung auf Erinnerungen bald verkannt und bald übertrieben. Nach unserer Auffassung ergeht der Ruf an unsere Aktivität in dem Augenblick, wo sich unsere Wahrnehmung automatisch in Nachahmungsbewegungen zergliedert hat: auf diese Weise bekommen wir eine Skizze, und unsere Leistung ist, daß wir Detail und Kolorit mit Hilfe von näheren oder ferneren Erinnerungsbildern ergänzen. Gewöhnlich stellt man sich freilich diese Dinge sehr anders vor. Entweder man begabt den Geist mit schrankenloser Autonomie; man verleiht ihm die Macht, mit gegenwärtigen und abwesenden Dingen zu arbeiten, wie es ihm beliebt; dann versteht man nicht, wie kleinste Verletzungen des sensorisch-motorischen Gleichgewichts eingreifende Störungen der Aufmerksamkeit und des Gedächtnisses zur Folge haben können. Oder man sieht in den Vorstellungsprozessen lauter mechanische Wirkungen der gegenwärtigen Wahrnehmung; man nimmt an, daß in notwendiger immer gleicher Verkettung der Gegenstand Empfindungen hervorruft und daß sich an die Empfindungen Vorstellungen anhängen: da es nun keinen Grund gibt, warum das ursprünglich mechanische Phänomen unterwegs sein Wesen verändern sollte, so landet man bei der hypothetischen Annahme eines Gehirns, in dem intellektuelle Zustände sich ablagern, schlafen und erwachen können. Im einen wie im andern Falle verkennt man die wahre Funktion des Leibes, und da man nicht gesehen hat, wann die Vermittlung eines Mechanismus nötig ist, so versteht man ihn auch nicht zur rechten Zeit aufzuhalten, wenn man ihn einmal hereingebracht hat.

Doch es ist jetzt an der Zeit, diese Allgemeinheiten zu verlassen. Wir haben zu untersuchen, ob unsere Hypothese durch die Tatsachen der Gehirnlokalisation, soweit sie bekannt sind, bestätigt oder entkräftet wird. Die Störungen des Vorstellungsgedächtnisses, die den lokalen Verletzungen der Hirnrinde entsprechen, sind immer Krankheiten des Wiedererkennens, sei es nun des visuellen und auditiven Wiedererkennens im allgemeinen (Seelenblindheit oder -taubheit), sei es des Wiedererkennens der Worte (Wortblindheit, Worttaubheit usw.). Das sind also die Störungen, die wir zu untersuchen haben.

Wenn aber unsere Hypothese begründet ist, dann können die Störungen des Wiedererkennens unmöglich daher rühren, daß die Erinnerungen die verletzte Region einnehmen. Zwei Ursachen werden für sie in Betracht kommen: entweder unser Körper ist dem von außen kommenden Reiz gegenüber nicht mehr imstande, automatisch gerade die Haltung einzunehmen, durch deren Vermittlung sich die Auswahl unter den Erinnerungen vollzog; oder die Erinnerungen finden im Körper keinen Anhaltspunkt mehr, kein Mittel, sich in Handlungen fortzusetzen. Im ersten Falle sind von der Verletzung die Mechanismen betroffen, die die erhaltenen Erschütterungen in automatisch ausgeführte Bewegungen umsetzen: die Aufmerksamkeit kann nicht mehr vom Objekt festgehalten werden. Im zweiten Falle trifft die Verletzung jene besonderen Zentren der Hirnrinde, die die willkürlichen Bewegungen vorbereiten, indem sie ihnen das nötige sensorische Vorderglied geben, die Vorstellungszentren, wie man sie mit Recht oder Unrecht nennt: die Aufmerksamkeit kann nicht mehr vom Subjekt festgehalten werden. Aber im einen wie im anderen Fall werden aktuelle Bewegungen verletzt oder künftige, sich vorbereitende, unterbunden: eine Zerstörung von Erinnerungen hat nicht stattgefunden.

Nun, die Pathologie bestätigt diese Annahme. Sie lehrt, daß es zwei völlig verschiedene Arten von Seelenblindheit und Seelentaubheit, von Wortblindheit und Worttaubheit gibt. Bei der ersten Art werden die Gesichts- oder Gehörserinnerungen noch wachgerufen, können aber nicht mehr auf die entsprechenden Wahrnehmungen angewendet werden. Bei der zweiten Art können die Erinnerungen nicht einmal mehr wachgerufen werden. Betrifft nun die Verletzung wirklich, wie wir behaupten, im ersten Fall die sensorischmotorischen Mechanismen der automatischen Aufmerksamkeit, und im zweiten Falle die Vorstellungsmechanismen der willkürlichen Aufmerksamkeit? Wir müssen, wollen wir unsere Hypothese verifizieren, uns auf ein spezielles Beispiel beschränken. Wir könnten etwa nachweisen, daß im visuellen Wiedererkennen der Dinge im allgemeinen und der Worte im besonderen zuerst ein halbautomatischer motorischer Prozeß, dann eine aktive Projektion der in die entsprechende Haltung sich einfügenden Erinnerungen einbeschlossen ist. Aber wir ziehen vor, uns an die Gehörseindrücke und insbesondere an das Hören der gesprochenen Sprache zu halten, weil dieses Beispiel von allen das umfassendste ist/Denn das gesprochene Wort hören, heißt ersteinmal den Klang wiedererkennen, dann den Sinn wiederfinden und endlich es in einen mehr oder weniger weiten Interpretationszusammenhang stellen: kurz, alle Grade der Aufmerksamkeit durchlaufen und nacheinander verschiedene Vermögen des Gedächtnisses betätigen. Überdies kommen keine Störungen so häufig vor und sind so gründlich untersucht worden, wie diejenigen des auditiven Wortgedächtnisses. Und endlich tritt die Vernichtung akustischer Wortbilder nicht auf ohne ernste Verletzung gewisser ganz bestimmter Windungen der Hirnrinde: wir haben also ein unanfechtbares Beispiel von Lokalisation zur Verfügung, an dem wir uns fragen können, ob das Gehirn wirklich fähig ist, Erinnerungen aufzuspeichern. Wir müssen also in dem auditiven Wiedererkennen der Worte nachweisen: 1. einen automatischen sensorisch-motorischen Prozeß; 2. eine aktive, sozusagen exzentrische Projektion von Erinnerungsbildern.

 

Zwei Menschen unterhalten sich in einer unbekannten Sprache; ich höre zu. Heißt das, daß ich sie höre? Dieselben Schwingungen, die ihre Ohren treffen, kommen auch zu mir. Ich apperzipiere aber nur ein verworrenes Geräusch, wo ein Laut dem anderen ähnelt. Ich unterscheide nichts und könnte nichts wiederholen. Die beiden Redenden dagegen scheiden in dieser selben Schallmasse Konsonanten, Vokale und Silben, die recht verschieden sind, kurzum deutliche Worte. Wo ist der Unterschied zwischen ihnen und mir?

Die Frage ist, wie die Kenntnis einer Sprache, die nichts als Erinnerung ist, den materiellen Inhalt einer gegenwärtigen Wahrnehmung so modifizieren kann, daß die einen wirklich etwas hören, wo andere unter denselben physikalischen Bedingungen nichts hören. Man nimmt allerdings an, daß die im Gedächtnis angehäuften auditiven Worterinnerungen dem Ruf der Klangreize antworten und ihre Wirkung verstärken. Aber wenn das Gespräch, das ich höre, für mich nur ein Geräusch ist, so kann man die Laute verstärken, so viel man will: dadurch, daß das Geräusch stärker wird, wird es nicht klarer. Soll durch das gehörte Wort die Erinnerung an das Wort wachgerufen werden, so muß mindestens das Ohr das Wort hören. Wie können die gehörten Klänge zum Gedächtnis sprechen, wie können sie aus dem Speicher der Gehörsbilder diejenigen, die sich zu ihnen gesellen sollen, auswählen, wenn sie nicht schon vorher getrennt, unterschieden, das heißt als Silben und Worte apperzipiert wurden?

Diese Schwierigkeit ist, scheint es, den Theoretikern der sensorischen Aphasie nicht genügend aufgefallen. Bei der Worttaubheit befindet sich nämlich der Kranke seiner eigenen Sprache gegenüber in derselben Lage, in der wir uns befinden, wenn wir eine unbekannte Sprache sprechen hören. Sein Gehörssinn im allgemeinen ist intakt, aber er versteht nichts von den Worten, die er sprechen hört und oft gelingt es ihm nicht einmal, sie als einzelne Worte zu hören. Man hält es für eine genügende Erklärung dieses Zustandes, wenn man sagt, die auditiven Worterinnerungen in der Hirnrinde seien zerstört, oder eine entweder transkortikale oder subkortikale Verletzung hindere die Gehörserinnerung, die begriffliche Vorstellung wachzurufen, oder hindere die Wahrnehmung, sich mit der Erinnerung zu verbinden. Aber damit bleibt, wenigstens für den zweiten Fall, die psychologische Frage unberührt: welcher Bewußtseinsprozeß ist durch die Verletzung vernichtet worden, und über welches Zwischenglied hinweg vollzieht sich normalerweise die Unterscheidung der Worte und Silben, die dem Ohre zunächst als ungegliederte Klangmasse gegeben sind?

Die Schwierigkeit wäre unüberwindlich, wenn wir es wirklich nur mit Gehörseindrücken einerseits und mit Gehörserinnerungen andererseits zu tun hätten. Anders läge die Sache, wenn von den Gehörseindrücken Bewegungsansätze organisiert würden, durch die der gehörte Satz in seinen Hauptphasen rhythmisch gegliedert werden könnte. Diese automatischen inneren Begleitbewegungen wären zuerst verworren und schlecht koordiniert, würden aber mit der Wiederholung immer leichter funktionieren; sie würden schließlich eine vereinfachte Figur darstellen, in der der Zuhörende in großen Zügen und in ihren Hauptrichtungen genau die Bewegungen des Sprechenden finden würde. So würde sich in unserem Bewußtsein in Form werdender Muskelempfindungen etwas entwickeln, was wir das motorische Schema des gehörten Wortes nennen wollen. Sein Ohr den Elementen einer neuen Sprache anpassen, hieße dann weder etwas an dem Klang als Klang ändern, noch eine Erinnerung zu ihm hinzutun; es hieße vielmehr, die motorischen Tendenzen der Stimmmuskeln mit den Gehörseindrücken zusammenordnen, es hieße die motorische Begleitung vervollkommnen.

Wenn wir eine körperliche Übung lernen wollen, so machen wir zunächst einmal die Bewegung im ganzen nach, so wie unsere Augen sie uns von außen zeigen, so wie wir glauben, sie gesehen zu haben. Wir haben sie nicht klar wahrgenommen: so wird auch die Bewegung, mit der wir sie nachzuahmen versuchen, unklar sein. Aber während unsere Gesichtswahrnehmung die Wahrnehmung eines kontinuierlichen Ganzen war, ist die Bewegung, in der wir ihr Bild wiederherzustellen suchen, aus einer Vielheit von Muskelkontraktionen und -spannungen zusammengesetzt; und auch das Bewußtsein, das wir von ihr haben, umfaßt vielfache Empfindungen, die durch das wechselnde Spiel der Artikulationen hervorgerufen werden. Die unklare Bewegung, in der wir das Bild nachahmen, ist also virtuell schon dessen Zerlegung; sie trägt sozusagen ihre eigene Analyse in sich. Der Fortschritt, der sich aus Übung und Wiederholung ergibt, besteht dann einfach darin, das bisher Gebundene freizusetzen, jedem Bewegungselement die Selbständigkeit zu geben, durch die die Klarheit gesichert wird, ihm aber zugleich den Zusammenhang mit den anderen zu wahren, ohne den es unnütz würde. Es ist richtig, daß eine Gewohnheit durch Wiederholung erworben wird; aber was hätte die Wiederholung für einen Nutzen, wenn sie nur immer das Gleiche reproduzierte? Die wirkliche Leistung der Wiederholung ist die, daß sie erst zerlegt, dann zusammensetzt, und sich damit an die Intelligenz des Körpers wendet. Sie setzt mit jedem neuen Mal gebundene Bewegungen frei; sie lenkt jedesmal die Aufmerksamkeit des Körpers auf eine neue Einzelheit, die unbemerkt geblieben war; sie macht, daß er einteilt und klassifiziert; sie unterstreicht ihm das Wesentliche; sie sucht in der Gesamtbewegung Zug für Zug die Linien auf, die ihre innere Struktur bezeichnen. In diesem Sinne ist eine Bewegung erlernt, sobald der Körper sie begriffen hat.

In dieser Weise würde die motorische Begleitung der gehörten Rede die Kontinuität der Klangmasse brechen. Bleibt die Frage, worin diese Begleitung besteht. Ist es die Rede selbst, innerlich reproduziert? Dann müßte ja aber ein Kind alle Worte, die sein Ohr unterscheidet, wiederholen können; und wir selbst brauchten eine fremde Sprache nur zu verstehen, um sie mit richtigem Akzent auszusprechen. So einfach liegen die Dinge nicht. Ich kann eine Melodie erfassen, ihrer Linie folgen, ja sie im Gedächtnis behalten und brauche sie doch nicht singen zu können. Wenn ich einen Engländer deutsch sprechen höre, unterscheide ich mühelos Eigentümlichkeiten der Modulation und Betonung, ich verbessere ihn also innerlich, aber daraus folgt nicht, daß ich selbst den deutschen Satz mit richtiger Modulation und Betonung sprechen könnte. Die klinischen Fälle bestätigen hier übrigens die tägliche Erfahrung. Man kann der Rede noch folgen und sie verstehen, wenn man schon nicht mehr zu sprechen imstande ist. Motorische Aphasie hat nicht notwendig Worttaubheit zur Folge.

Die Sache ist die, daß das Schema, mit dessen Hilfe wir die gehörte Rede rhythmisch gliedern, nur die markanten Umrisse gibt. Es verhält sich zur Rede wie eine Skizze zum ausgeführten Bilde. Denn ein anderes ist es, eine schwierige Bewegung verstehen, ein anderes, sie ausführen können. Um sie zu verstehen, genügt es, ihr Wesentliches zu realisieren, gerade genug, um sie von den anderen möglichen Bewegungen zu unterscheiden. Aber um sie ausführen zu können, muß man sie außerdem noch seinem Körper verständlich gemacht haben. Nun duldet die Logik des Körpers keine Lücken und Selbstverständlichkeiten. Sie fordert, daß alle konstitutiven Teile der verlangten Bewegung einer nach dem anderen vorgezeigt, dann zum Ganzen wieder vereinigt werden. So wird eine vollständige Analyse nötig, die keinen einzelnen Zug vernachlässigt, und eine wirkliche Synthese, in der nichts verkürzt wird. Das gedankliche Schema, aus einigen werdenden Muskelempfindungen zusammengesetzt, war nur eine Skizze. Erst die wirklich und vollständig erlebten Muskelempfindungen geben ihm Farbe und Leben.

Bleibt die Frage, wie eine Begleitung solcher Art zustande kommen kann und ob sie in Wirklichkeit immer zustande kommt. Bekanntlich braucht man beim wirklichen Aussprechen eines Wortes die gleichzeitige Mitwirkung der Zunge und der Lippen zur Artikulation, des Kehlkopfes zur Stimmbildung und endlich der Brustmuskeln zur Erzeugung des Luftstromes. Jeder ausgesprochenen Silbe entspricht also das Spiel eines Verbandes von Mechanismen, die in den Zentren des Rückenmarks und des verlängerten Marks fertig montiert bereitstehen. Diese Mechanismen sind durch die achsenzylindrischen Fortsätze der Pyramidenzellen in der motorischen Region mit den oberen Zentren der Hirnrinde verbunden; diese Bahn hat der Willensimpuls zu durchlaufen. Je nachdem wir nun diesen oder jenen Laut artikulieren wollen, leiten wir den Befehl zum Handeln diesen oder jenen motorischen Mechanismen zu. Wenn aber die fertigen Mechanismen, die zu den verschiedenen möglichen Artikulations- und Stimmbildungsbewegungen gehören, mit den Ursachen, von denen sie im willkürlichen Sprechen ihren Antrieb erhalten, zusammenhängen, mögen diese Ursachen übrigens sein wie sie wollen, so gibt es Tatsachen, die einen Zusammenhang dieser selben Mechanismen mit der Gehörswahrnehmung der Worte außer Zweifel setzen. Unter den zahlreichen Arten der Aphasie, welche von den Klinikern beschrieben worden sind, wissen wir zunächst von zweien (Lichtheims 4. und 6. Art), die eine derartige Beziehung vorauszusetzen scheinen. So hatte in einem von Lichtheim selbst beobachteten Falle der Patient infolge eines Sturzes das Gedächtnis für die Wortartikulation und infolgedessen auch die Fähigkeit zu spontanem Sprechen verloren; dabei wiederholte er aufs genaueste was man ihm vorsprach. Lichtheim: On Aphasia (Brain, Januar 1885 S.447). Andererseits kann in Fällen, wo bei unversehrter spontaner Sprachfähigkeit völlige Worttaubheit eingetreten ist, wo der Kranke aber nicht mehr versteht was man ihm sagt, die Fähigkeit, die Worte anderer zu wiederholen, vollständig erhalten sein. Ebenda S. 454 Soll man mit Bastian sagen, daß diese Phänomene einfach nur von einer Trägheit des artikulatorischen oder auditiven Wortgedächtnisses zeugen und daß die Gehörseindrücke lediglich dieses Gedächtnis aus seinem Schlafe wecken? Bastian: On Different Kinds of Aphasia (British Medical Journal, Oktober und November 1887, S.935). Diese Hypothese, die wir übrigens in Betracht ziehen werden, scheint uns die eigentümlichen Erscheinungen der Echolalie nicht erklären zu können, auf die schon Romberg, Romberg: Lehrbuch der Nervenkrankheiten 1853. Bd. II. dann Voisin Zitiert von Bateman: On Aphasia, London 1890, S.79. Vgl. Marcé: Mémoire sur quelques observations de physiologie pathologique (Mém. de la Soc. de Biologie, 2 e série Bd.III. S.102). und Winslow Winslow: On Obscure Diseases of the Brain, London 1861, S.505. hingewiesen haben, und die Kußmaul, Kußmaul: Die Störungen der Sprache, S.54 ff. zweifellos übertreibend, für akustische Reflexe ausgegeben hat. Bei dieser Krankheit wiederholt der Patient mechanisch und vielleicht unbewußt die gehörten Worte, als wenn sich die Gehörsempfindungen von selbst in Artikulationsbewegungen umsetzten. Von hier aus sind andre Forscher zu der Annahme eines besonderen Mechanismus gekommen, durch den ein akustisches Wortzentrum mit einem artikulatorischen Sprechzentrum Arnaud: Contribution à l'étude clinique de la surdité verbale (Archives de Neurologie 1886 S.192). – Spamer: Über Asymbolie (Archiv für Psychiatrie, Bd.VI. S.507 und 524). verbunden würde. Die Wahrheit scheint zwischen beiden Hypothesen zu liegen: diese Erscheinungen sind mehr, als rein mechanische Aktionen, aber weniger als ein Appell an das willkürliche Gedächtnis; sie zeugen von einer Tendenz der auditiven Worteindrücke, sich in Artikulationsbewegungen fortzusetzen, einer Tendenz, die der allgemeinen Kontrolle unseres Willens sicherlich nicht entgeht, die vielleicht sogar ein rudimentäres Unterscheidungsvermögen einschließt und die sich im normalen Zustande als innere Wiederholung der markanten Züge des gehörten Satzes kundgibt. Nun, nichts anderes ist unser motorisches Schema.

Wenn wir dieser Hypothese weiter nachgingen, fänden wir vielleicht in ihr die psychologische Erklärung gewisser Formen der Worttaubheit, die wir noch eben verlangten. Es sind einige Fälle von Worttaubheit bekannt bei integralem Fortbestand der Gehörserinnerungen. Beim Kranken sind sowohl die Gehörserinnerungen der Worte als der Gehörssinn unversehrt geblieben, und dennoch erkennt er keines der Worte, die er aussprechen hört. Man sehe besonders: P. Sérieux: Sur an cas de surdité verbale pure (Revue de Médecine 1893 S.733ff.); Liehtheim l.c. S.461 und Arnaud: Contrib. à l'étude de la surdité verbale (2. Artikel) ( Arch. de Neurologie 1886 S.366). Man nimmt hier eine subkortikale Verletzung an, welche die Gehörseindrücke hindere, die auditiven Wortbilder in den Zentren der Hirnrinde aufzusuchen, wo man sie deponiert glaubt. Aber erstens ist es ja gerade die Frage, ob das Gehirn Bilder aufspeichern kann; und dann könnte uns selbst die Feststellung einer Verletzung der Leitungsbahnen der Wahrnehmung nicht davon entbinden, nach einer psychologischen Deutung des Phänomens zu suchen. Laut Hypothese können ja die Gehörserinnerungen ins Bewußtsein zurückgerufen werden; laut Hypothese gelangen die Gehörseindrücke auch zum Bewußtsein: es muß folglich im Bewußtsein selbst eine Lücke sein, eine Auflösung der Kontinuität, kurz etwas, das sich der Vereinigung von Wahrnehmung und Erinnerung widersetzt. Nun, die Sache klärt sich auf, wenn man bemerkt, daß die rohe Gehörswahrnehmung eigentlich die Wahrnehmung einer kontinuierlichen Schallmasse ist und daß es im normalen Zustande die Aufgabe der durch Gewohnheit eingestellten sensorisch-motorischen Verbindungen sein muß, jene Kontinuität aufzulösen: eine Verletzung der Bewußtseinsmechanismen wird diese Auflösung verhindern und dadurch den Zustrom der Erinnerungen, die sich den entsprechenden Wahrnehmungen einfügen wollen, absperren. Es könnte also wohl das »motorische Schema« sein, das durch die Verletzung betroffen wird. Man sehe sich einmal die übrigens ziemlich seltenen Fälle von Worttaubheit mit Beibehaltung der Gehörserinnerungen an: man wird da gewisse Einzelheiten finden, die hier sehr interessant sind. Adler bezeichnet es als eine merkwürdige Tatsache bei der Worttaubheit, daß die Kranken sogar auf sehr starke Geräusche nicht mehr reagieren, obgleich das Gehör bei ihnen die größte Feinheit bewahrt hat. Adler, Beitrag zur Kenntnis der selteneren Formen von sensorischer Aphasie (Neurologisches Zentralblatt, 1891 S.296-297). Mit anderen Worten, der Ton findet bei ihnen kein motorisches Echo mehr. Ein Kranker Charcots, der von vorübergehender Worttaubheit befallen war, sagt aus, daß er wohl seine Uhr schlagen hörte, aber nicht fähig war, die Schläge zu zählen. Bernard, De l'Aphasie. Paris 1889 S.143.. Offenbar gelang es ihm also nicht, sie voneinander zu trennen und zu unterscheiden. Ein anderer dieser Kranken gibt an, daß er die Worte der Unterredung wohl wahrnimmt, aber als wirres Geräusch. Ballet, Le langage intérieur, Paris 1888, S.85 (bei Félix Alcan). Und endlich kommt es vor, daß ein Patient, der das gehörte Wort nicht mehr verstehen kann, das Verständnis wieder erlangt, wenn man ihm das Wort zu wiederholten Malen vorspricht und besonders wenn man dabei Silbe für Silbe skandiert. Siehe die drei von Arnaud angeführten Fälle in den Archives de Neurologie 1886 S.366 ff. ( Contribution clinique à l'étude de la surdité verbale, 2. Artikel). – Vgl. den Fall von Schmidt, Gehörs- und Sprachstörung infolge von Apoplexie (Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie 1871 Bd.XXVII. S.304). Diese letzte Tatsache, welche bei verschiedenen ganz einwandfreien Fällen von Worttaubheit mit Beibehaltung der Gehörserinnerungen festgestellt wurde, ist doch sehr bezeichnend.

Strickers Stricker, Du langage et de la musique, Paris 1885. Irrtum bestand darin, daß er an eine vollständige innere Wiederholung des gehörten Wortes glaubte. Seine These wäre schon durch die einfache Tatsache widerlegt, daß wir nicht einen einzigen Fall von motorischer Aphasie kennen, der Worttaubheit nach sich gezogen hätte. Alle Tatsachen vielmehr beweisen übereinstimmend das Vorhandensein einer motorischen Tendenz, die Töne zu gliedern und ihr Schema herzustellen. Diese automatische Tendenz ist übrigens – wie wir oben ausgeführt haben – nicht ohne eine bestimmte rudimentäre intellektuelle Arbeit: wenn dem nicht so wäre, wie könnten wir alsdann ähnliche Worte identifizieren und unter dasselbe Schema fassen, wenn sie in verschiedenen Höhenlagen und mit der Klangfarbe verschiedener Stimmen ausgesprochen werden? Die inneren Bewegungen der Wiederholung und des Wiedererkennens sind wie ein Vorspiel zur willkürlichen Aufmerksamkeit. Sie bezeichnen die Grenze zwischen dem Willen und dem Automatismus. Durch sie werden – wie wir schon andeuteten – die charakteristischen Phänomene des intellektuellen Wiedererkennens vorbereitet und bestimmt. Was ist nun aber dieses vollkommene Wiedererkennen, das zum vollen Bewußtsein seiner selbst gekommen ist?

 

Wir gelangen an den zweiten Teil dieser Untersuchung: wir gehen von den Bewegungen zu den Bildern über. Das aufmerksame Wiedererkennen ist, sagten wir, ein richtiger Stromkreis, in dem der äußere Gegenstand um so tiefere Teile seiner selbst an uns abgibt, je höher die Spannung ist, welche das symmetrisch gestellte Gedächtnis annimmt, um seine Erinnerungen auf ihn zu projizieren. In unserem besonderen Falle ist der Gegenstand eine redende Person, deren Ideen sich in ihrem Bewußtsein zu Gehörsvorstellungen entfalten, um sich dann in gesprochene Worte zu materialisieren. Wenn wir nun mit unserer Annahme der Wahrheit nahe sind, so hätte der Zuhörer sich mit einem Schlage in entsprechende Ideen zu versetzen und sie zu Gehörsvorstellungen zu entwickeln, welche sich mit den rohen wahrgenommenen Tönen deckten, indem sie sich selbst dem motorischen Schema einschachteln. Einer Rechnung folgen heißt, sie selbst nachrechnen. So hieße die Worte anderer verstehen, die Kontinuität der vom Ohre wahrgenommenen Töne intelligent, d.h. von den Ideen ausgehend, wiederherstellen. Allgemeiner gesagt: Aufmerksamkeit, intelligentes Wiedererkennen und Interpretation hätten in ein und dieselbe Operation zusammenzuschmelzen, durch die der Geist, nachdem er die Ebene gewählt hat, nachdem er gegenüber den rohen Wahrnehmungen den Punkt in sich gewählt hat, der ihrer mehr oder minder unmittelbaren Ursache symmetrisch ist, auf sie, die Wahrnehmungen, die Erinnerungen hinströmen läßt, die sich über sie legen wollen.

Doch sagen wir es gleich, für gewöhnlich werden die Dinge nicht so angesehen. Da haben wir unsere assoziationistischen Gewohnheiten, kraft deren wir uns Töne vorstellen, welche durch Kontiguität Gehörserinnerungen wachrufen, und die Gehörserinnerungen wiederum begriffliche Vorstellungen. Und dann sind da die Gehirnverletzungen, die das Verschwinden der Erinnerungen im Gefolge zu haben scheinen: in unserem Falle wird man sich im besonderen auf die charakteristischen Verletzungen bei der kortikalen Worttaubheit berufen können. So scheint die psychologische Beobachtung sich mit den klinischen Tatsachen die Hand zu reichen. Man könnte in der Hirnrinde schlummernde Gehörsvorstellungen annehmen, etwa in Form von physiko-chemischen Modifikationen der Zellen: ein von außen kommender Reiz weckt sie auf, und durch einen intrazerebralen Prozeß, vielleicht durch transkortikale Bewegungen, welche die komplementären Vorstellungen herbeiholen, rufen sie Ideen wach.

Man bedenke aber die merkwürdigen Folgerungen, die sich aus einer derartigen Hypothese ergeben. Das Gehörsbild eines Wortes ist kein Gegenstand mit fest umrissenen Konturen, denn dasselbe Wort von verschiedenen Stimmen oder von derselben Stimme in verschiedenen Stimmlagen gesprochen gibt einen verschiedenen Klang. Es müßten also soviele Gehörserinnerungen eines Wortes da sein, als es Tonhöhen und Klangfarben gibt. Werden sich alle diese Bilder im Gehirn anhäufen? Oder wenn das Gehirn wählt, welches Bild wird es vorziehen? Geben wir einmal zu, daß es seine Gründe habe, eines auszuwählen: wie soll dann dasselbe Wort, von einer neuen Person ausgesprochen, sich mit einer Erinnerung, von der es abweicht, vereinigen können? Vergessen wir nicht, daß diese Erinnerung, laut Hypothese, ein träges und passives Ding ist, unfähig infolgedessen, in äußerlichen Verschiedenheiten eine innere Ähnlichkeit zu erfassen. Man redet uns vom Gehörsbild des Wortes, als sei es eine Wesenheit oder eine Art: als Art besteht es zweifellos für ein aktives Gedächtnis, das die Ähnlichkeit der komplexen Töne schematisiert; aber für ein Gehirn, das nur die Materialität der wahrgenommenen Töne registriert, weil es nur diese Materialität zu registrieren vermag, muß es von einem Worte tausend und abertausend verschiedene Bilder geben. Von einer neuen Stimme ausgesprochen, wird es ein neues Bild darstellen, das sich einfach neben die übrigen gesellt.

Aber es bleibt noch eine Schwierigkeit. Ein Wort bekam eine Individualität für uns erst in dem Augenblicke, als unsere Lehrer uns lehrten, es zu abstrahieren. Nicht Wörter sind das erste, was wir sprechen lernen, sondern Sätze. Ein Wort verbindet sich immer mit den anderen, die es begleiten, und je nach der Wendung und Bewegung des Satzes, dessen integrierender Teil es ist, erscheint es unter verschiedenem Aspekte: so wie jede Note eines musikalischen Themas irgendwie das ganze Thema reflektiert. Nehmen wir also an, daß es repräsentative Gehörserinnerungen gibt, die in gewissen intrazerebralen Einrichtungen liegen und den Klangeindrücken beim Durchgange aufpassen: diese Eindrücke würden doch hindurch gehen, ohne wiedererkannt zu werden. Wo ist da auch in der Tat das Kommensurable, wo ist der Berührungspunkt zwischen dem trockenen, leblosen, vereinzelten Bild und der lebensvollen Wirklichkeit des Wortes, das im Satze organisiert ist? Ich verstehe sehr gut den Einsatz des automatischen Wiedererkennens, das, wie wir oben gesehen haben, darin besteht, daß die Gliederung des Satzes unterstrichen und damit die Bewegung aufgenommen wird. Aber es sei denn, daß wir alle Menschen mit identischen Stimmen begaben und sie die gleichen stereotypen Sätze im gleichen Tone sprechen lassen, so sehe ich nicht ein, wie die gehörten Worte sich mit ihren Bildern in der Hirnrinde vereinigen sollen.

Wenn nun wirklich Erinnerungen in den Zellen der Rinde niedergelegt wären, müßte man in der sensorischen Aphasie z. B. den endgültigen Verlust bestimmter Worte und die vollständige Erhaltung anderer feststellen können. Tatsächlich ist dies aber nicht der Fall. Bald verschwinden die Erinnerungen in ihrer Totalität, die Fähigkeit des inneren Gehörs ist ganz und gar aufgehoben, bald steht man einer allgemeinen Schwächung dieser Funktion gegenüber; aber gewöhnlich ist es die Funktion, die verringert ist und nicht die Zahl der Erinnerungen. Es scheint, als ob der Kranke nicht mehr die Kraft hat, seine akustischen Erinnerungen wieder zu erfassen, als drehe er sich um das Wortbild, ohne daß es ihm gelänge, seiner habhaft zu werden. Oftmals genügt es, um ihn ein Wort wiederfinden zu lassen, daß man ihm auf den Weg hilft, ihm die erste Silbe vorsagt oder auch nur ihm gut zuredet. Rieger, Beschreibung der Intelligenzstörungen infolge einer Hirnverletzung, Würzburg 1889, S. 35. Eine Erregung kann dieselbe Wirkung haben. Wernicke, Der aphasische Symptomenkomplex, Breslau 1874, S. 39. – Vgl. Valentin, Sur un cas d'aphasie d'origine traumatique (Revue médicale de l'Est, 1880 S. 171. Gleichwohl gibt es Fälle, wo offenbar Gruppen von bestimmten Vorstellungen aus dem Gedächtnis ausgelöscht sind. Wir haben eine große Zahl dieser Tatsachen geprüft, und uns will scheinen, daß man sie in zwei absolut getrennte Kategorien scheiden kann. In der ersten geht der Verlust der Erinnerungen im allgemeinen plötzlich vor sich; in der zweiten ist er progressiv. In der ersten Kategorie sind die Erinnerungen, die sich vom Gedächtnis ablösen, beliebige, zufällig, ja launenhaft ausgewählte: es können gewisse Worte oder Zahlen oder oft sogar alle Worte einer erlernten Sprache sein. In der zweiten verschwinden die Worte nach einer bestimmten methodischen und grammatikalen Ordnung, und zwar jener Ordnung, die das Ribotsche Gesetz aufstellt: die Eigennamen verschwinden zuerst, dann die Gattungsnamen und endlich die Zeitwörter. Ribot, Les maladies de la mémoire, Paris 1881, S. 131 ff. Dieses wären die äußeren Unterschiede. Und nun nach unserer Ansicht der innere Unterschied: bei den Amnesien der ersten Art, welche fast alle die Folge einer heftigen Erschütterung sind, neigen wir zu der Annahme, daß die scheinbar aufgehobenen Erinnerungen in Wahrheit vorhanden, und nicht nur vorhanden sondern auch wirksam sind. Um ein Beispiel zu nehmen, das oft aus Winslow herangezogen wird, Winslow, On obscure Diseases of the Brain, London 1861 das jenes Patienten, welcher einzig und allein den Buchstaben F vergessen hatte, fragen wir uns, ob es möglich ist, von einem bestimmten Buchstaben überall, wo man ihm begegnet, zu abstrahieren, ihn folglich von den gesprochenen oder geschriebenen Worten, zu denen er gehört, loszulösen, wenn man ihn nicht vorher implicite wiedererkannt hat. In einem anderen Falle desselben Autors Ibid. S.372. hatte der Patient Sprachen, die er erlernt, und ebenso Gedichte, die er gemacht hatte, vergessen. Als er wieder zu dichten anfing, machte er wieder fast die gleichen Verse. Man erlebt übrigens in solchen Fällen oftmals eine gänzliche Wiederherstellung der verschwundenen Erinnerungen. Ohne uns zu kategorisch über eine Frage dieser Art aussprechen zu wollen, können wir doch nicht umhin, eine Analogie zwischen diesen Phänomenen und jenen Spaltungen der Persönlichkeit zu erblicken, welche Pierre Janet beschrieben hat: Pierre Janet, Etat mental des hystériques, Paris 1894, II. S.263ff. – Vergleiche vom selben Verfasser: L'automatisme psychologique, Paris 1889 einige unter ihnen haben eine erstaunliche Ähnlichkeit mit den »negativen Halluzinationen« und »Suggestionen mit Merkpunkt«, welche die Hypnotiseure herbeiführen. Man vergleiche den Fall von Grashey, den Sommer neu untersucht und bei dem jetzigen Stand der Theorien über die Aphasie als unerklärbar bezeichnet hat. In diesem Beispiel erschienen die vom Patienten ausgeführten Bewegungen durchaus als Signale, die an ein unabhängiges Gedächtnis gerichtet sind (Sommer, Zur Psychologie der Sprache, Zeitschrift für Psychologie und Physiologie der Sinnesorgane Bd. II. 1891 S.143 ff.). – Vgl. die Mitteilungen Sommers auf dem Kongresse deutscher Irrenärzte, Archives de Neurologie Bd. XXIV. 1892). – Ganz anders sind die Aphasien der zweiten Art, die eigentlichen Aphasien. Diese hängen, wie wir gleich zu zeigen versuchen werden, mit der progressiven Verminderung einer genau lokalisierten Funktion zusammen, mit der Fähigkeit nämlich, die Worterinnerungen zu aktualisieren. Wie ist es zu erklären, daß die Amnesie hier einen methodischen Verlauf nimmt, mit den Eigennamen anfängt und mit den Zeitwörtern aufhört? Man fände wohl kaum eine Erklärung, wenn die Wortbilder wirklich in den Zellen der Hirnrinde niedergelegt wären: wäre es nicht merkwürdig, daß die Krankheit diese Zellen immer in derselben Reihenfolge befallen sollte? Die Tatsache klärt sich indessen auf, wenn man mit uns annimmt, daß die Erinnerungen, um sich zu aktualisieren, einer motorischen Unterstützung bedürfen und daß sie, um zurückgerufen zu werden, eine Art geistiger Haltung brauchen, welche ihrerseits einer körperlichen Haltung eingepflanzt ist. Nun sind die Zeitwörter, deren Wesentliches es ist, nachahmbare Tätigkeiten auszudrücken, gerade jene Worte, welche wir durch eine körperliche Anstrengung noch erfassen können, wenn die Funktion der Sprache uns zu entgleiten droht: und im Gegensatz dazu sind die Eigennamen von allen Worten am weitesten entfernt von jenen unpersönlichen Handlungen, welche unser Körper zu skizzieren vermag, also diejenigen, welche durch eine Schwächung der Funktion am ehesten in Mitleidenschaft gezogen werden. Beachten wir die merkwürdige Tatsache, daß ein Aphatischer, der durchaus unfähig geworden ist, das Substantiv, das er sucht, jemals zu finden, es durch eine passende Umschreibung zu ersetzen versucht, in die andere Substantive sich einschleichen und manchmal sogar das widerspenstige Substantiv selbst: da er das richtige Wort nicht denken kann, hat er die entsprechende Tätigkeit gedacht, und diese Haltung hat die allgemeine Richtung einer Bewegung bestimmt, aus welcher der Satz hervorgegangen ist. So kann es uns geschehen, daß wir, wenn wir von einem vergessenen Namen noch den Anfangsbuchstaben behielten, jenen wiederfinden, wenn wir diesen aussprechen. Graves zitiert den Fall eines Kranken, welcher alle Namen vergessen hatte, sich aber ihrer Initialen erinnerte und durch diese dahin gelangte, jene wiederzufinden. (Zitiert von Bernard, De l'Aphasie S. 179.) – So ist also bei den Tatsachen der zweiten Kategorie die Funktion in ihrer Gesamtheit angegriffen, und bei denen der ersten Kategorie ist das Vergessen, obwohl es schärfer erscheint, in Wirklichkeit durchaus nicht immer endgültig. Weder in dem einen noch im anderen Falle finden wir Erinnerungen in bestimmten Zellen der Hirnsubstanz lokalisiert und durch die Vernichtung der Zellen zerstörbar.

Aber befragen wir unser Bewußtsein. Fragen wir es, was in ihm vorgeht, wenn wir die Worte anderer hören mit dem Wunsche, sie zu verstehen. Warten wir passiv auf die Eindrücke, daß sie sich ihre Bilder aufsuchen? Fühlen wir nicht vielmehr, daß wir uns in eine gewisse Disposition bringen, die sich je nach dem Redenden, nach der Sprache, die er spricht, nach der Art der Ideen, die er vorbringt, und besonders nach der allgemeinen Bewegung seines Satzes verändert, als ob wir erst einmal den Ton unserer intellektuellen Arbeit stimmen wollten? Das motorische Schema unterstreicht die Intonationen des Redenden, folgt von Wendung zu Wendung der Kurve seiner Gedanken und zeigt so unseren Gedanken den Weg. Es ist der leere Behälter, welcher durch seine Form die Form bestimmt, zu der die hereinschießende flüssige Masse von sich aus strebt.

Aber man wird Bedenken tragen, auf diese Weise den Mechanismus der Interpretation zu erklären, aus jener unüberwindlichen Neigung heraus, die uns bei jeder Gelegenheit treibt, lieber Dinge als Vorgänge zu denken. Wir sagten, daß wir von der Idee ausgingen und daß wir sie zu Gehörserinnerungsbildern entwickelten, die sich dem motorischen Schema einpassen können, um die gehörten Töne zu überdecken. Wir haben damit einen kontinuierlichen Vorgang, durch den die Nebelhaftigkeit der Idee sich zu deutlichen Gehörsbildern verdichtet, die, anfangs flüssig, sich schließlich festigen, indem sie mit den materiell wahrgenommenen Tönen verwachsen. In keinem Augenblick kann man genau sagen, daß die Idee oder das Erinnerungsbild aufhört, daß das Erinnerungsbild oder die Empfindung beginnt. Und in der Tat, wo ist die Grenzlinie zwischen der Wirrnis der als Masse perzipierten Töne und der Klarheit, die sie durch die wiedererinnerten Gehörsbilder bekommen, zwischen der Diskontinuität dieser wiedererinnerten Bilder selbst und der Kontinuität der ursprünglichen Idee, die sie dissoziieren und in unterschiedene Worte brechen? Aber das wissenschaftliche Denken, das diese ununterbrochene Reihe von Vorgängen analysiert, gibt dabei seinem unüberwindlichen Hange zu symbolischer Darstellung nach, hält die Hauptphasen dieser Entwickelung fest und verdichtet sie zu fertigen Dingen. Es erhebt die gehörten rohen Töne zu vollständigen getrennten Worten, alsdann die wiedererinnerten Gehörsbilder zu unabhängigen Wesenheiten, unabhängig von der Idee, die sie entwickeln, und diese drei Termini: unentwickelte Wahrnehmung, Gehörsbild und Idee werden so zu gesonderten Ganzheiten, von denen jede sich selbst genug ist. Und während es, um sich an die reine Erfahrung zu halten, geboten gewesen wäre, von der Idee auszugehen, da die Gehörserinnerungen ihr ihre Verschweißung verdanken und die rohen Töne ihrerseits sich nur durch die Erinnerungen vervollständigen, läßt man sich nicht stören, nachdem man ganz willkürlich den rohen Ton vervollständigt und ebenso willkürlich die Erinnerungen zusammengeschweißt hat, die natürliche Ordnung der Dinge umzukehren und zu behaupten, daß wir von der Wahrnehmung zu den Erinnerungen und von den Erinnerungen zur Idee gelangen. Um die Notwendigkeit aber, die unterbrochene Kontinuität der drei Termini unter dieser oder jener Form, in diesem oder jenem Moment wiederherzustellen, ist nicht herumzukommen. Man wird also annehmen, daß diese drei Termini, die in drei getrennten Abteilungen des verlängerten Marks und der Hirnrinde untergebracht sind, Verbindung miteinander halten, indem die Wahrnehmungen sich zu den Gehörserinnerungen begeben und sie wecken, und die Erinnerungen dann wieder die Ideen. Wie man zuvor die Hauptphasen der Entwicklung zu unabhängigen Terminis verfestigt hat, so materialisiert man jetzt die Entwicklung selbst zu Verbindungswegen und Impulsbewegungen. Aber nicht ungestraft hat man so die wirkliche Ordnung verkehrt und als notwendige Folge jedem Terminus der Reihe Elemente einverleibt, die erst nach ihm in Erscheinung treten. Nicht ungestraft auch hat man die Kontinuität eines ungeteilten Vorganges in getrennte und unabhängige Glieder erstarren lassen. Dieser Symbolismus mag vielleicht genügen, solange man ihn streng auf die Tatsachen beschränkt, aus denen er erwachsen ist: aber jede neue Tatsache zwingt dazu, das Bild zu komplizieren, neue Stationen in die Linie der Bewegung einzuschalten, ohne daß jemals dieses Nebeneinander von Stationen es fertig brächte, die Bewegung selbst wiederherzustellen.

Nichts ist lehrreicher in dieser Hinsicht als die Geschichte der »Schemata« der sensorischen Aphasie. In einer ersten Periode, die durch die Arbeiten von Charcot, Bernard, De l'Aphasie. S. 37. Broadbent Broadbent, A Case of Peculiar Affection of Speech ( Brain 1879, S. 494). Kußmaul Kußmaul, Die Störungen der Sprache, Leipzig 1877. S. 182. und Lichtheim Lichtheim, On Aphasia ( Brain 1885). Es muß indessen bemerkt werden, daß Wernicke, der erste, welcher die sensorische Aphasie systematisch untersuchte, kein Ideenzentrum annahm. ( Der aphasische Symptomenkomplex, Breslau 1874.) bezeichnet ist, hält man sich in der Tat an die Hypothese eines »ideationellen Zentrums«, das durch transkortikale Bahnen mit den verschiedenen Wortzentren verbunden ist. Aber dieses Ideenzentrum löste sich sehr schnell auf, als man anfing, es zu analysieren. Während in Wirklichkeit die Gehirnphysiologie zwar Empfindungen und Bewegungen immer besser, niemals aber Ideen zu lokalisieren wußte, zwang die Verschiedenheit der sensorischen Aphasien die Kliniker, das intellektuelle Zentrum in Vorstellungszentren von wachsender Vielheit zu zerlegen, ein Zentrum der Sehvorstellungen, ein Zentrum der Tastvorstellungen, ein Zentrum der Gehörsvorstellungen und so weiter – ja schließlich dazu, sogar den Weg, der zu ihrer paarweisen Verbindung dient, bisweilen in zwei verschiedene Bahnen, die eine aufsteigend, die andere absteigend, zu zerteilen. Bastian, On Different Kinds of Aphasia ( British Medical Journal 1887). – Vgl. die Erklärung der optischen Aphasie von Bernheim (nur als möglich angedeutet: ( De la cécité psychique des choses. ( Revue de Médecine 1885.) Dies war der charakteristische Zug der Schemata der späteren Periode von Wysman, Wysman, Aphasie und verwandte Zustände ( Deutsches Archiv für klinische Medizin 1890). Magnan hatte übrigens diesen Weg schon betreten, wie es das Schema von Skwortzoff zeigt: De la cécité des mots ( Th. de méd. 1881 pl. I). Moeli, Moeli, Über Aphasie bei Wahrnehmung der Gegenstände durch das Gesicht ( Berliner klinische Wochenschrift 28. April 1890) Freud Freud, Zur Auffassung der Aphasien, Leipzig 1881. usw. So verwickelte sich die Theorie immer mehr, ohne daß sie doch zur Erfassung der komplexen Wirklichkeit gelangt wäre. Ja noch mehr, je komplizierter die Schemata wurden, desto mehr verlangten und suggerierten sie die Möglichkeit von Verletzungen, die, gerade weil sie so verschieden sein sollten, immer spezieller und einfacher ausfallen mußten, schrieb sich doch die Kompliziertheit des Schemas gerade von der Dissoziation der Zentren her, die man zuerst ungetrennt gelassen hatte. Nun, die Erfahrung hat hier der Theorie nichts weniger als recht gegeben, denn sie zeigte fast immer mehrere jener einfachen psychischen Verletzungen, welche die Theorie isolierte, in partiellen und mannigfaltigen Kombinationen vereinigt. Wenn sich so die Kompliziertheit der Theorien über die Aphasie selbst zerstört hat, kann es uns da Wunder nehmen, daß die heutige Pathologie, immer skeptischer gegenüber den Schemata, einfach zur Beschreibung der Tatsachen zurückkehrt? Sommer, Mitteilungen an einen Irrenärzte-Kongreß (Arch. de Neurologie). Bd. XXIV, 1892.

Aber wie konnte es auch anders sein? Wenn man gewisse Theoretiker der sensorischen Aphasie hört, könnte man glauben, daß sie sich niemals die Struktur eines Satzes genauer angesehen haben. Sie argumentieren, als ob ein Satz aus lauter Namen bestände, welche Bilder von Dingen wachrufen. Was wird dabei aus den mannigfaltigen Redeteilen, deren Aufgabe es gerade ist, zwischen den Bildern Beziehungen und Nuancen aller Art herzustellen? Will man sagen, daß jedes dieser Worte selbst ein materielles, zweifellos verworreneres, aber doch bestimmtes Bild ausdrückt und wachruft? Man denke doch an die Fülle verschiedener Bezüge, die dasselbe Wort zum Ausdruck bringt, je nach dem Platz, den es einnimmt und den Begriffen, die es verbindet! Wird man einwenden, daß dies die Verfeinerungen einer schon sehr gebildeten Sprache seien, daß eine Sprache aus konkreten Namen bestehend gedacht werden kann, welche Bilder von Dingen hervorrufen? Ich will es gern zugeben; aber je primitiver die Sprache ist, die man mit mir spricht, und je ärmer an Ausdrücken für Beziehungen, um so stärker muß die Aktivität meines Geistes herangezogen werden, da er gezwungen ist, die Beziehungen herzustellen, die nicht ausgedrückt sind: man entfernt sich also immer mehr von der Hypothese, nach welcher jedes Wortbild die ihm entsprechende Idee aufzusuchen und loszuhaken hätte. In Wahrheit liegt hier immer nur eine Frage des Grades vor: ob raffiniert oder primitiv, in jeder Sprache liegt viel mehr zwischen den Worten, als sie mit ihnen auszudrücken vermag. Ihrem Wesen nach diskontinuierlich, weil sie in nebeneinandergereihten Worten fortschreitet, hat die Sprache nur die Möglichkeit, von Mal zu Mal die Hauptetappen der Bewegung des Gedankens abzustecken. Deshalb werde ich die Rede eines anderen verstehen, wenn ich von einem ihr ähnlichen Gedanken ausgehe, um ihren Wendungen mit Hilfe von Wortbildern zu folgen, welche gleich Wegweisern dazu bestimmt sind, mir von Zeit zu Zeit den Weg zu zeigen. Aber ich werde sie nie verstehen, wenn ich von den Wortbildern selbst ausgehe, denn zwischen zwei einander folgenden Wortbildern ist ein Intervall, das von keinen konkreten Vorstellungen jemals ausgefüllt werden kann. Denn die Bilder sind nie etwas anderes als Dinge, und der Gedanke ist eine Bewegung.

Es ist also vergebliche Mühe, Erinnerungsbilder und Ideen als fertige Dinge zu betrachten, um ihnen alsdann problematische Zentren zum Aufenthalte anzuweisen. Soviel man auch diese Hypothese mit einer der Anatomie und Physiologie entlehnten Sprache verkleidet, sie ist doch nichts weiter als die assoziationistische Auffassung des Geisteslebens; für sie spricht nur die beständige Tendenz des diskursiven Verstandes, jeden Vorgang in Phasen zu zerlegen und alsdann diese Phasen zu Dingen zu verfestigen; und da sie a priori aus einer Art metaphysischen Vorurteils hervorgegangen ist, hat sie weder den Vorteil, der Bewegung des Bewußtseins zu folgen, noch die Erklärung der Tatsachen zu vereinfachen.

Aber wir müssen diese Illusion weiter verfolgen bis zu dem Punkte, wo sie in einen offenbaren Widerspruch ausartet. Die Ideen, so sagten wir, die aus den Tiefen des Gedächtnisses aufgerufenen reinen Erinnerungen, entwickeln sich zu Erinnerungsbildern, die mehr und mehr die Fähigkeit erlangen, sich dem motorischen Schema einzupassen. Je mehr diese Erinnerungen die Form einer vollständigen, konkreten und bewußten Vorstellung annehmen, um so mehr neigen sie dazu, sich mit der Wahrnehmung, welche sie anzieht oder deren Rahmen sie annehmen, zu verschmelzen. Also gibt es nicht und kann es nicht im Gehirn eine Region geben, wo die Erinnerungen gerinnen und angehäuft werden. Die angebliche Zerstörung der Erinnerungen durch Hirnverletzungen ist nur eine Unterbrechung des kontinuierlichen Vorganges, durch den die Erinnerung aktualisiert wird. Und folglich, wenn man denn durchaus lokalisieren will, die Gehörserinnerungen der Worte z. B. in einem bestimmten Punkte des Gehirns, so wird man aus gleich guten Gründen sowohl dazu gebracht werden können, dieses Vorstellungszentrum vom Wahrnehmungszentrum zu unterscheiden, als beide Zentren in eins zu verschmelzen. Nun, die Erfahrung bestätigt das.

Denn wir stellen doch einen seltsamen Widerspruch fest, in den die psychologische Analyse einerseits und die pathologischen Tatsachen andererseits diese Theorie führen. Einerseits will es scheinen, daß, wenn die einmal vollzogene Wahrnehmung im Gehirn als aufgespeicherte Erinnerung verbleibt, dies nur sein kann als erworbene Disposition der Elemente selbst, die die Wahrnehmung affiziert hat: wie und in welchem Momente soll sie auf die Suche nach anderen ihresgleichen gehen können? In der Tat bleiben Bain Bain, The Senses and the Intellekt, S.329. – Vgl. Spencer, Principles of psychology, Bd.I, S.448 (2.Aufl.). und Ribot Ribot, Les maladies de la mémoire, Paris 1881, S.10. bei dieser natürlichen Lösung. Aber auf der anderen Seite steht die Pathologie und zeigt uns, daß die Erinnerungen einer gewissen Art uns alle entschwinden können und doch gleichzeitig die entsprechende Fähigkeit der Wahrnehmung unversehrt bleibt. Die Seelenblindheit hindert nicht zu sehen, ebensowenig wie die Seelentaubheit zu hören. Und was insonderheit den Verlust der Gehörserinnerungen der Worte betrifft – der einzige, der uns hier beschäftigt – so gibt es zahlreiche Fälle, die ihn regelmäßig von einer Verletzung der ersten und zweiten linken Temporalwindung begleitet zeigen Man sehe die Aufzählung der deutlichsten Fälle in dem Aufsatz von Shaw: The sensory side of Aphasia (Brain 1893, S.501). – Mehrere Autoren beschränken übrigens die charakteristische Verletzung für den Verlust der verbalen Gehörsbilder auf die erste Windung. Siehe besonders Ballet, Le langage intérieur, S. 153. – ohne daß ein einziger Fall bekannt ist, wo dieselbe Verletzung eine Taubheit im eigentlichen Sinne hervorgerufen hätte: man hat sie sogar experimentell am Affen hervorrufen können, ohne an ihm etwas anderes zu erzielen als Seelentaubheit, d.h. eine Unfähigkeit, Töne zu deuten, die er zu hören fortfuhr. Luciani, zit. v. J. Soury, Les Functions du Cerveau, Paris 1892, S.211. Man muß also wohl der Wahrnehmung und der Erinnerung besondere Nervenelemente zuweisen. Aber diese Hypothese hätte wiederum die elementarste psychologische Beobachtung gegen sich, denn wir sehen, daß eine Erinnerung, je klarer und stärker sie wird, umso mehr dazu neigt, Wahrnehmung zu werden, ohne daß es dabei einen genauen Augenblick gäbe, wo eine radikale Transformation einträte und wo man folglich sagen könnte, daß sie sich aus den Vorstellungselementen in die sensorischen Elemente versetzt. So sind diese beiden entgegengesetzten Hypothesen, deren erste die Wahrnehmungselemente mit den Gedächtniselementen identifiziert und deren zweite sie unterscheidet, derartig beschaffen, daß jede auf die andere verweist, ohne daß man sich an eine von ihnen halten könnte.

Wie sollte es aber auch anders sein? Denn auch hier betrachtet man deutliche Wahrnehmung und Erinnerungsbild im statischen Zustand, wie Dinge, von denen das erste vollendet sein kann ohne das zweite, anstatt den dynamischen Vorgang zu beachten, durch welchen das eine zum anderen wird.

Denn einerseits kann sich die vollständige Wahrnehmung nur durch ihre Verwachsung mit einem Erinnerungsbild, das wir ihr entgegenschicken, bestimmen und unterscheiden. Nur so ist die Aufmerksamkeit zu denken, und ohne Aufmerksamkeit gibt es nur ein passives Nebeneinander von Empfindungen, die von einer mechanischen Reaktion begleitet sind. Und andererseits, wie wir später zeigen werden, würde das Erinnerungsbild selbst, wenn es reine Erinnerung bliebe, wirkungslos sein. Diese Erinnerung ist virtuell; aktuell kann sie nur durch die Wahrnehmung werden, von der sie angezogen wird. An sich machtlos, leiht sie sich Leben und Kraft von der gegenwärtigen Empfindung, in der sie sich materialisiert. Kommt das nicht darauf hinaus, daß die distinkte Wahrnehmung durch zwei einander entgegengesetzte Ströme erzeugt wird, deren einer zentripetaler vom äußeren Gegenstande kommt, während der andere zentrifugale als Ausgangspunkt die »reine Erinnerung« hat? Der erste Strom allein gäbe nur eine passive Wahrnehmung mit den sie begleitenden mechanischen Reaktionen. Der zweite, wenn sich selbst überlassen, strebt danach, eine aktualisierte Erinnerung zu geben, die um so aktueller wird je mehr sich der Strom akzentuiert. Vereinigt bilden die beiden Ströme in dem Punkte, wo sie zusammentreffen, die distinkte und wiedererkannte Wahrnehmung.

Das ist es, was die innere Beobachtung aussagt. Aber wir haben kein Recht, hierbei stehen zu bleiben. Gewiß, die Gefahr ist groß, sich ohne genügendes Licht in die dunklen Fragen der Gehirnlokalisation zu wagen. Aber wir haben festgestellt, daß die Trennung der vollständigen Wahrnehmung vom Erinnerungsbilde die klinische Beobachtung mit der psychologischen Analyse in Konflikt bringt und daß sich daraus für die Lehre der Erinnerungslokalisation eine ernste Antinomie ergibt. Wir sind verpflichtet zu untersuchen, was aus den bekannten Tatsachen wird, wenn man das Gehirn nun nicht mehr als Erinnerungsbehälter ansieht. Die Theorie, welche wir hier entwickeln, ähnelt übrigens in einer Hinsicht derjenigen Wundts. Stellen wir gleich die Gemeinsamkeit und den wesentlichen Unterschied fest. Mit Wundt halten wir dafür, daß die deutliche Wahrnehmung eine zentrifugale Tätigkeit in sich begreift, und damit werden wir weiter zu der Annahme geführt, die auch die seine ist (obgleich in einem etwas verschiedenen Sinne), daß die sogenannten Vorstellungszentren vielmehr Gruppierungszentren von Sinneseindrücken sind. Aber während nach Wundt die zentrifugale Tätigkeit in einem »apperzeptiven Reiz« besteht, dessen Natur nur ganz allgemein erklärbar ist und welcher dem, was man gewöhnlich die Fixierung der Aufmerksamkeit nennt, zu entsprechen scheint, behaupten wir, daß jene zentrifugale Tätigkeit in jedem einzelnen Falle eine besondere Form annimmt, eben die des »virtuellen Gegenstandes«, welcher sich stufenweise zu aktualisieren strebt. Hieraus ergibt sich eine wichtige Unterscheidung in der Auffassung der den Zentren zukommenden Aufgabe. Wundt gelangt dahin festzustellen: 1. Ein allgemeines Apperzeptionsorgan mit dem Sitz im Stirnlappen. 2. Besondere Zentren, welche freilich keine Bilder aufspeichern, indessen Tendenzen oder Dispositionen, sie zu reproduzieren, bewahren können. Wir dagegen behaupten, daß nichts von einem Bilde in der Gehirnsubstanz bleiben kann und daß auch kein Apperzeptionszentrum existieren kann, sondern daß sich einfach in jener Substanz Organe der virtuellen Wahrnehmung befinden, welche durch die Absicht der Erinnerung beeinflußt werden, wie es an der Peripherie wirkliche Organe der Wahrnehmung gibt, welche durch die Tätigkeit des Gegenstandes beeinflußt werden. (Siehe die Grundzüge der physiol. Psychologie, Bd. I, 4.Aufl. S. 213-240.)

Um die Darlegung zu vereinfachen, nehmen wir einen Augenblick an, daß von außen kommende Reize elementare Empfindungen, sei es in der Hirnrinde sei es in anderen Zentren, erzeugen. Dadurch haben wir immer noch nichts anderes als elementare Empfindungen. Nun enthält tatsächlich jede Wahrnehmung eine beträchtliche Anzahl solcher Empfindungen, alle koexistent und in bestimmter Weise angeordnet. Woher kommt diese Ordnung und was verbürgt diese Koexistenz? Handelt es sich um einen gegenwärtigen materiellen Gegenstand, so ist die Antwort unzweifelhaft: Ordnung und Koexistenz rühren von einem durch den äußeren Gegenstand affizierten Sinnesorgane her. Dieses Organ ist ausgerechnet so eingerichtet, daß es einer Mehrzahl gleichzeitiger Reize ermöglicht, es in einer bestimmten Weise und bestimmten Ordnung zu affizieren, indem sie sich alle zugleich über ausgewählte Teile seiner Oberfläche verteilen. Es ist gleichsam ein ungeheures Klavier, auf welchem der äußere Gegenstand mit einem Schlage seinen tausendstimmigen Akkord greift und damit in einem einzigen Augenblick und in einer bestimmten Ordnung eine ungeheure Menge elementarer Empfindungen weckt, die allen beteiligten Punkten des sensorischen Zentrums korrespondieren. Nun denke man sich den äußeren Gegenstand fort oder das Sinnesorgan oder beide: dieselben elementaren Empfindungen können erregt werden, denn dieselben Saiten sind da, bereit in der gleichen Weise zu ertönen; aber wo ist das Klavier, welches ermöglicht, Tausende und Abertausende jener Saiten auf einmal anzuschlagen und so viele einfache Töne in einem großen Akkord zu vereinigen? Unseres Erachtens kann die »Region der Bilder«, wenn sie existiert, nichts anderes als ein solches Klavier sein. Sicherlich wäre es garnicht unbegreiflich, daß eine rein psychische Ursache direkt alle beteiligten Saiten in Tätigkeit setzte. Aber in dem uns hier allein beschäftigenden Falle des geistigen Hörens erscheint die Lokalisation der Funktion erwiesen, da eine bestimmte Verletzung des Schläfenlappens sie aufhebt; andererseits haben wir die Gründe dargelegt, die uns die Annahme, ja die Denkmöglichkeit von Bildrückständen verbieten, die in einer Region der Gehirnsubstanz deponiert wären. So bleibt nur die eine Hypothese möglich, daß jene Region sich an der Stelle befindet, die, bezogen auf das Gehörszentrum selbst, zu dem Sinnesorgane – hier dem Ohre – symmetrisch liegt: das wäre ein geistiges Ohr.

Dann verschwindet der aufgezeigte Widerspruch. Man begreift einerseits, daß das erinnerte Gehörsbild dieselben Nervenelemente in Bewegung setzt wie die erste Wahrnehmung und daß die Erinnerung sich so allmählich in die Wahrnehmung verwandelt. Und man begreift auch andererseits, daß die Fähigkeit, komplexe Töne, wie die Worte, zu erinnern, andere Teile der Nervensubstanz beteiligen kann als die Fähigkeit, sie wahrzunehmen: deshalb überlebt das wirkliche Gehör in der Seelentaubheit das geistige Gehör. Die Saiten sind noch da und unter dem Einflüsse äußerer Töne vibrieren sie noch; das innere Klavier fehlt.

Mit anderen Worten endlich: die Zentren, in denen die elementaren Empfindungen entstehen, können gewissermaßen von zwei verschiedenen Seiten aus in Tätigkeit gesetzt werden, von vorn und von hinten. Von vorn empfangen sie die Eindrücke von den Sinnesorganen und folglich von einem wirklichen Gegenstande; von hinten sind sie durch eine Reihe von Mittelgliedern dem Einfluß eines virtuellen Gegenstandes unterstellt. Die Bildzentren, wenn sie überhaupt vorhanden sind, können nur die den Sinnesorganen symmetrischen Organe sein, bezogen auf die sensorischen Zentren. Sie sind ebensowenig Behälter für die reinen Erinnerungen, d. h. virtuellen Gegenstände, als die Sinnesorgane Behälter der wirklichen Gegenstände sind.

Fügen wir noch hinzu, daß dies eine unendlich abgekürzte Übersetzung dessen ist, was sich in Wirklichkeit zutragen mag. Die verschiedenen sensorischen Aphasien beweisen zur Genüge, daß das Wachrufen eines Gehörsbildes kein einfacher Vorgang ist. Zwischen die intendierte reine Erinnerung und das eigentliche auditive Erinnerungsbild schieben sich meistens erst einmal Erinnerungsstufen ein, die sich als Erinnerungsbilder in mehr oder minder entfernten Zentren realisieren. In graduellen Übergängen gelingt dann der Idee ihre Verkörperung in jenem besonderen Bilde, welches das Wortbild ist. Dadurch kann das geistige Gehör von der Unverletztheit verschiedener Zentren und der zu ihnen führenden Bahnen abhängen. Aber diese Komplikationen ändern im Grunde nichts an der Sache. Von welcher Anzahl und Art die eingeschobenen Glieder auch sein mögen, wir gehen nicht von der Wahrnehmung zur Idee, sondern von der Idee zur Wahrnehmung, und der Vorgang des Wiedererkennens ist in seinem Wesen nicht zentripetal, sondern zentrifugal.

Es bliebe freilich noch zu erklären, wie von innen ausgehende Reize durch ihre Einwirkung auf die Hirnrinde oder sonstige Zentren Empfindungen erzeugen können. Aber es leuchtet wohl ein, daß dies nur eine bequeme Ausdrucksweise ist. In dem Maße wie die reine Erinnerung aktuell wird, strebt sie danach, alle entsprechenden Empfindungen im Körper hervorzurufen. Aber diese virtuellen Empfindungen müssen, um reell zu werden, ihrerseits dahin wirken, den Körper in Tätigkeit zu versetzen, ihm die Bewegungen und Haltungen, deren habituelle Vorläufer sie sind, mitzuteilen. Die Erschütterungen der sogenannten sensorischen Zentren, Erschütterungen, welche gewöhnlich den vom Körper ausgeführten oder angedeuteten Bewegungen vorausgehen, ja deren normale Aufgabe es ist, sie vorzubereiten, indem sie sie beginnen, sind also weniger die wirkliche Ursache der Empfindung als das Merkmal ihrer Macht und die Bedingung ihrer Wirksamkeit. Der Vorgang, durch welchen das virtuelle Bild sich realisiert, ist nichts weiter als die Stufenreihe, durch welche dieses Bild dahin gelangt, den Körper zu nützlichen Schritten zu veranlassen. Die Reizung der sogenannten sensorischen Zentren ist die letzte dieser Stufen; sie ist das Vorspiel einer motorischen Reaktion, der Beginn einer Tätigkeit im Räume. Mit anderen Worten, das virtuelle Bild entwickelt sich zur virtuellen Empfindung und die virtuelle Empfindung zur wirklichen Bewegung: diese Bewegung realisiert in ihrer eigenen Verwirklichung zugleich die Empfindung, deren natürliche Fortsetzung sie wäre, und das Bild, welches sich mit der Empfindung verkörpern wollte. Wir wollen diesen virtuellen Zuständen weiter auf den Grund gehen, und indem wir tiefer in den inneren Mechanismus der psychischen und psycho-physischen Tätigkeit eindringen, zeigen, durch welchen kontinuierlichen Prozeß die Vergangenheit ihren verlorenen Einfluß wiederzugewinnen sucht, indem sie sich aktualisiert.

III. Vom Weiterleben der Bilder, Gedächtnis und Geist

Fassen wir das Vorhergehende kurz zusammen. Wir unterschieden drei Termini: die reine Erinnerung, das Erinnerungsbild und die Wahrnehmung, deren keiner in der Wirklichkeit vereinzelt entsteht. Die Wahrnehmung ist niemals bloß ein Kontakt des Geistes mit dem gegebenen Gegenstand; sie ist immer von Erinnerungsbildern durchsetzt, welche sie vervollständigen, indem sie sie erklären. Das Erinnerungsbild wiederum partizipiert an der »reinen Erinnerung«, welche es zu materialisieren beginnt, und an der Wahrnehmung, in welche es sich inkarnieren will: unter diesem letzten Gesichtspunkte könnte man es als eine beginnende Wahrnehmung bezeichnen. Und endlich manifestiert sich die von Rechts wegen zweifellos unabhängige reine Erinnerung in der Regel nur in dem farbigen und lebendigen Bilde, durch welches sie zur Offenbarung kommt. Wenn wir diese drei Termini durch aufeinander folgende Abschnitte AB, BC, CD einer geraden Linie AD darstellen, können wir sagen, daß unser Denken in einer kontinuierlichen Bewegung von A zu D diese Linie durchläuft und daß es unmöglich ist, mit Bestimmtheit zu sagen, wo der eine Terminus aufhört und der andere anfängt.

.

Das Bewußtsein bestätigt das ohne weiteres, so oft es, um das Gedächtnis zu analysieren, selbst der Bewegung des arbeitenden Gedächtnisses nachgeht. Immer wenn es sich darum handelt, eine Erinnerung wiederzufinden, eine Periode unserer Geschichte wachzurufen, haben wir das Bewußtsein von einem Vorgang sui generis, durch welchen wir uns von der Gegenwart loslösen, um uns erst einmal ganz allgemein in die Vergangenheit, dann in eine bestimmte Region der Vergangenheit zurückzuversetzen: ein probierendes Herumtasten ähnlich wie beim Einstellen eines photographischen Apparates. Unsere Erinnerung bleibt aber dabei noch virtuell; wir machen uns lediglich geschickt, sie zu empfangen, indem wir die geeignete Haltung einnehmen. Nach und nach erscheint sie wie ein dichter werdender Nebel; vom virtuellen geht sie in den aktuellen Zustand über; und je schärfer ihre Umrisse, je fertiger ihre Oberflächen werden, um so mehr neigt sie, die Wahrnehmung nachzuahmen. Aber sie bleibt der Vergangenheit durch ihre Wurzeln in der Tiefe verhaftet, und wenn sie, einmal realisiert, nicht das Gepräge ihrer ursprünglichen Virtualität behielte, wenn sie nicht, obgleich ein gegenwärtiger Zustand, etwas wäre, was grell gegen die Gegenwart absticht, würden wir sie niemals als eine Erinnerung erkennen.

Es ist der ständige Irrtum der Assoziationspsychologie, daß sie diese Kontinuität des Werdens, die lebendige Wirklichkeit, durch eine diskontinuierliche Vielheit lebloser, nebeneinandergestellter Elemente ersetzt. Gerade weil jedes der so gebildeten Elemente auf Grund seines Ursprungs etwas von dem enthält, was ihm vorausging und ebenso etwas von dem, was nach ihm kommt, müßte es in unseren Augen die Form eines gemischten, gewissermaßen unreinen Zustandes annehmen. Nach dem Prinzip der Assoziationspsychologie aber soll jeder psychische Zustand eine Art Atom, ein einfaches Element sein. Daher die Notwendigkeit, in jeder der unterschiedenen Phasen das Flüssige dem Starren, das heißt, den Anfang dem Ende zu opfern. Handelt es sich um die Wahrnehmung, so sieht man in ihr nur ein Agglomerat der Empfindungen, die ihr die Farbe geben, und übersieht die erinnerten Bilder, die ihren dunklen Kern bilden. Handelt es sich dann um das erinnerte Bild selbst, so nimmt man es in seiner fertigen Gestalt, als schwache Wahrnehmung realisiert, und schließt die Augen vor der reinen Erinnerung, welche dieses Bild allmählich entwickelt hat. In diesem Kampfe des Starren mit dem Flüssigen, den die Assoziationspsychologie erzeugt, wird also die Wahrnehmung immer das Erinnerungsbild und das Erinnerungsbild die reine Erinnerung verdrängen müssen. Deshalb scheidet die reine Erinnerung am Ende gänzlich aus. Indem die Assoziationspsychologie die Totalität des Prozesses AD durch die Linie GO entzwei schneidet, sieht sie in dem Teil OD nur die ihn beendigenden Empfindungen, die für sie die ganze Wahrnehmung ausmachen; – und andererseits reduziert sie auch den Teil AO auf das realisierte Bild, in das letzten Endes die reine Erinnerung eingeht. Das Seelenleben reduziert sich so völlig auf die beiden Elemente Empfindung und Bild. Und da man einerseits im Bilde die reine Erinnerung, die seine Originalität ausmachte, erstickt und andererseits das Bild noch der Wahrnehmung angenähert hat, indem man von vornherein etwas vom Bilde selbst in sie hineinlegte, muß man zuletzt zwischen diesen beiden Zuständen nur einen Unterschied des Grades oder der Intensität sehen. Daher die Unterscheidung von starken und schwachen Zuständen, welche ersteren als Wahrnehmungen der Gegenwart, letztere – ohne ersichtlichen Grund – als Vorstellungen der Vergangenheit zu stabilisieren sein sollen. Wahrheit aber ist, daß wir niemals die Vergangenheit erreichen werden, wenn wir uns nicht mit einem Schlage in sie versetzen. Ihrem Wesen nach virtuell, kann die Vergangenheit von uns als vergangen nur erfaßt werden, wenn wir der Bewegung folgen, in der sie sich zum gegenwärtigen Bilde entfaltet, aus dem Dunkeln ins Licht emportaucht. Es wäre vergebens, ihre Spur in irgend etwas Aktuellem und schon Realisiertem zu suchen: ebensogut könnte man die Dunkelheit im Lichte suchen. Das ist ja gerade der Irrtum der Assoziationspsychologie: vom Aktuellen ausgehend, erschöpft sie sich in vergeblichen Bemühungen, in einem realisierten und gegenwärtigen Zustande das Zeichen seines Ursprungs in der Vergangenheit zu entdecken, die Erinnerung von der Wahrnehmung zu unterscheiden und zu einem Wesensunterschiede zu erheben, was sie von vornherein verurteilt hat, ein bloßer Größenunterschied zu sein.

Vorstellen ist nicht erinnern. Ohne Zweifel hat eine Erinnerung in dem Maße wie sie sich vergegenwärtigt das Bestreben, in einem Bilde zu leben; das Umgekehrte aber findet nicht statt, das reine und einfache Bild wird mich nicht zur Vergangenheit zurückführen, es sei denn, daß ich es wirklich in der Vergangenheit aufgesucht habe und so dem kontinuierlichen Prozeß gefolgt bin, welcher es aus der Dunkelheit zum Licht führte. Das ist es, was die Psychologen so oft vergessen, wenn sie daraus, daß eine erinnerte Empfindung um so aktueller wird, je mehr man sich ihr zuwendet, schließen wollen, daß die Erinnerung der Empfindung, die beginnende Empfindung selbst sei. Die Tatsache, die sie anführen, ist zweifellosrichtig. Je mehr ich mich bemühe, mich eines vergangenen Schmerzes zu erinnern, um so mehr komme ich dazu, ihn wirklich zu empfinden. Aber das ist leicht begreiflich, da der Prozeß der Erinnerung, wie wir sagten, gerade darin besteht, daß sie sich materialisiert. Die Frage aber ist, ob die Erinnerung des Schmerzes in ihrem Ursprünge wirklich Schmerz war. Wenn die hypnotisierte Person schließlich Kälte empfindet, wenn man ihr andauernd wiederholt, daß sie friere, so folgt doch daraus nicht, daß die Worte der Suggestion selbst kalt wären. Daraus, daß die Erinnerung einer Empfindung sich in diese Empfindung selbst fortsetzt, darf man ebensowenig schließen wollen, daß die Erinnerung eine beginnende Empfindung gewesen sei: vielleicht spielt wirklich die Erinnerung in bezug auf die werdende Empfindung geradezu die Rolle des suggerierenden Magnetiseurs. Die Erklärung, die wir hier kritisieren, ist also schon in dieser Form ohne Beweiskraft; aber sie enthält noch keinen Fehler, weil sie von der unbestreitbaren Wahrheit profitiert, daß die Erinnerung sich umwandelt in dem Maße, wie sie sich vergegenwärtigt. Aber ihre Absurdität tritt zutage, wenn man bei der Erklärung den umgekehrten Weg einschlägt – der doch in der angenommenen Hypothese gleich legitim sein sollte –, das heißt wenn man, statt die Intensität der reinen Erinnerung anwachsen zu lassen, die Intensität der Empfindung sich vermindern läßt. Dann müßte, wenn diese beiden Zustände nur dem Grade nach voneinander verschieden wären, tatsächlich ein Moment eintreten, in dem sich die Empfindung in Erinnerung umwandelte. Wenn z. B. die Erinnerung eines großes Schmerzes nur ein schwacher Schmerz wäre, müßte umgekehrt ein intensiv empfundener Schmerz, dadurch daß er sich abschwächt, schließlich ein großer erinnerter Schmerz sein. Nun kommt zweifellos ein Augenblick, wo es mir unmöglich wird zu sagen, ob was ich fühle eine schwache Empfindung ist, die ich erlebe, oder eine schwache Empfindung, die ich mir einbilde (und das ist natürlich, da ja das Erinnerungsbild schon an der Empfindung partizipiert), aber niemals wird dieser schwache Zustand mir als die Erinnerung eines starken Zustandes erscheinen. Die Erinnerung ist also etwas ganz anderes.

Der Irrtum aber, welcher zwischen der Erinnerung und der Wahrnehmung nur einen Unterschied des Grades annimmt, ist mehr als eine bloße Folge des Assoziationismus, mehr als ein Fehlgriff in der Geschichte der Philosophie. Seine Wurzeln liegen tief. Er beruht im letzten Grunde auf einer falschen Auffassung von dem Wesen und dem Zweck der äußeren Wahrnehmung. Man will in der Wahrnehmung nur eine Unterweisung erblicken, die sich an einen reinen Geist richtet und nur ein spekulatives Interesse hat. Da nun gerade die Erinnerung ihrem Wesen nach eine Erkenntnis dieser Art ist, weil sie ja kein gegenwärtiges Objekt mehr hat, kann man zwischen der Wahrnehmung und der Erinnerung nur einen Unterschied des Grades finden: die Wahrnehmung, behauptet man, verdrängt die Erinnerung und bildet so unsere Gegenwart einfach kraft des Rechtes des Stärkeren. Aber zwischen Vergangenheit und Gegenwart gibt es einen ganz anderen Unterschied als einen bloß graduellen. Meine Gegenwart ist, was mich interessiert, was mir lebendig ist, mit einem Worte, was mich zur Tätigkeit anreizt, während meine Vergangenheit wesentlich machtlos ist. Verweilen wir bei diesem Punkte. Wir werden die Natur dessen, was wir die »reine Erinnerung« nennen, gleich besser verstehen, wenn wir sie der gegenwärtigen Wahrnehmung gegenüberstellen.

Denn man würde vergeblich versuchen, die Erinnerung eines vergangenen Zustandes zu charakterisieren, wenn man nicht damit anfinge, das vom Bewußtsein akzeptierte konkrete Zeichen der gegenwärtigen Realität zu definieren. Was ist für mich der gegenwärtige Augenblick? Das der Zeit Eigentümliche ist, daß sie abläuft; die schon abgelaufene Zeit ist die Vergangenheit, und Gegenwart nennen wir den Augenblick, in dem sie abläuft. Aber hier kann nicht die Rede sein von einem mathematischen Augenblick. Zweifellos gibt es eine ideale Gegenwart, rein begrifflich als unteilbare Grenze zwischen Vergangenheit und Zukunft genommen. Aber die wirkliche, die konkrete, erlebte Gegenwart, die ich meine, wenn ich von meiner gegenwärtigen Wahrnehmung spreche, beansprucht notwendigerweise eine gewisse Dauer. Wo ist nun diese Dauer anzunehmen? Liegt sie diesseits oder jenseits des mathematischen Punktes, den ich ideal bestimme, wenn ich an den gegenwärtigen Augenblick denke? Es ist ganz klar, daß sie zugleich diesseits und jenseits ist, und daß das, was ich »meine Gegenwart« nenne, mit einem Fuße in meiner Vergangenheit und mit dem anderen in meiner Zukunft steht. In meiner Vergangenheit vorerst, denn »der Augenblick, in dem ich spreche, ist schon weit von mir«; dann in meiner Zukunft, denn es ist die Zukunft, zu welcher der jetzige Augenblick hinstrebt, es ist die Zukunft, auf die ich gerichtet bin, und wenn ich jene unteilbare Gegenwart, dies unendlich kleine Element der Zeitkurve, festlegen könnte, so würde sie die Richtung der Zukunft zeigen. Der psychische Zustand, den ich »meine Gegenwart« nenne, muß also zugleich eine Wahrnehmung der unmittelbaren Vergangenheit und eine Bestimmung der unmittelbaren Zukunft sein. Nun ist, wie wir sehen werden, die unmittelbare Vergangenheit insofern sie wahrgenommen wird Empfindung, da jede Empfindung eine sehr lange Folge elementarer Erschütterungen übersetzt; und die unmittelbare Zukunft ist, insofern sie determiniert ist, Tätigkeit oder Bewegung. Meine Gegenwart ist also zugleich Empfindung und Bewegung; und da meine Gegenwart ein unteilbares Ganzes bildet, muß diese Bewegung sich dieser Empfindung anschließen und sie als Handlung fortführen. Woraus ich schließe, daß meine Gegenwart aus einem kombinierten System von Empfindungen und Bewegungen besteht. Meine Gegenwart ist ihrem Wesen nach sensorisch-motorisch.

Das bedeutet, daß meine Gegenwart in dem Bewußtsein besteht, das ich von meinem Körper habe. Im Raume ausgedehnt, hat mein Körper Empfindungen und führt zugleich Bewegungen aus. Da Empfindungen und Bewegungen sich in bestimmten Punkten dieser Ausdehnung lokalisieren, kann es in einem gegebenen Augenblick nur ein einziges System von Bewegungen und Empfindungen geben. Aus diesem Grunde erscheint mir meine Gegenwart als ein absolut bestimmtes Ding, das sich von meiner Vergangenheit scharf unterscheidet. Zwischen die Materie, die ihn beeinflußt, und die Materie, die er beeinflußt, hineingestellt, ist mein Körper ein Tätigkeitszentrum, der Ort, wo die empfangenen Eindrücke intelligent ihre Bahn wählen, um sich in ausgeführte Bewegungen umzusetzen: er stellt also den aktuellen Zustand meines Werdens dar, was in meiner Dauer gerade in der Bildung begriffen ist. Allgemeiner gesagt, in dieser Kontinuität des Werdens, welche die Wirklichkeit selbst ist, wird der gegenwärtige Augenblick durch den quasi momentanen Schnitt gebildet, den unsere Wahrnehmung in die im Ablauf begriffene Masse vollzieht, und was wir die materielle Welt nennen, das ist gerade dieser Schnitt: unser Körper nimmt ihr Zentrum ein; er ist von dieser materiellen Welt der Teil, dessen Ablauf wir direkt fühlen; in seiner Aktualität besteht die Aktualität unserer Gegenwart. Da nach unserer Ansicht Materie, insofern sie im Räume ausgedehnt ist, als eine Gegenwart, die unaufhörlich wieder beginnt, definiert werden muß, ist umgekehrt unsere Gegenwart die Materialität unseres Daseins, d.h. ein System von Empfindungen und Bewegungen, nichts anderes. Und dieses System ist ein bestimmtes, einzig für jeden Augenblick der Dauer, einfach weil Empfindungen und Bewegungen Orte des Raumes einnehmen und weil am gleichen Orte nicht mehrere Dinge auf einmal sein können. – Wie war es möglich, daß man eine so einfache, so evidente Wahrheit, die zudem nur die Vorstellung des gesunden Menschenverstandes ist, so mißverstehen konnte?

Der Grund dafür liegt eben darin, daß man sich darauf versteift, zwischen den aktuellen Empfindungen und der reinen Erinnerung nur einen Unterschied des Grades, nicht des Wesens sehen zu wollen. Nach unserer Ansicht ist der Unterschied ein radikaler. Meine aktuellen Empfindungen nehmen bestimmte Teile der Oberfläche meines Körpers ein; an der reinen Erinnerung dagegen ist kein Teil meines Körpers beteiligt. Zweifellos wird sie, indem sie sich materialisiert, Empfindungen erzeugen; aber in demselben Augenblick wird sie aufhören, Erinnerung «u sein, und in den Zustand einer gegenwärtigen Sache übergehen, die aktuell erlebt wird, und ich kann ihr ihren Charakter als Erinnerung nur dadurch wiedergeben, daß ich zu der Tätigkeit zurückkehre, durch welche ich sie, virtuell wie sie ist, aus der Tiefe meiner Vergangenheit wachrief. Gerade dadurch, daß ich sie aktiv werden ließ, ist sie aktuell, d. h. Empfindung geworden, die Bewegungen veranlassen kann. Im Gegensatz hierzu sehen die meisten Psychologen in der reinen Erinnerung nur eine abgeschwächte Wahrnehmung, eine Versammlung beginnender Empfindungen. Da sie so von vornherein jeden Wesensunterschied zwischen Empfindung und Erinnerung verwischt haben, werden sie durch die Logik ihrer Hypothese dahin geführt, die Erinnerung zu materialisieren und die Empfindung zu vergeistigen. Sie sehen die Erinnerung nur unter der Form des Bildes, d.h. schon verkörpert in beginnenden Empfindungen. Da sie so das Wesentliche der Empfindung auf die Erinnerung übertragen haben und in der Geistigkeit der Erinnerung nicht das Besondere sehen wollen, das sich deutlich von der Empfindung unterscheidet, sind sie genötigt, wenn sie zur reinen Empfindung zurückkommen, ihr jene Geistigkeit zu lassen, die sie stillschweigend der beginnenden Empfindung zugesprochen haben. Wenn die Vergangenheit, welche laut Hypothese nicht mehr wirkt, in der Form einer schwachen Empfindung weiter bestehen kann, muß es machtlose Empfindungen geben. Wenn die reine Erinnerung, welche laut Hypothese keinen bestimmten Teil meines Körpers in Mitleidenschaft zieht, eine beginnende Empfindung ist, so folgt, daß die Empfindung nicht notwendigerweise in einem bestimmten Punkt meines Körpers lokalisiert ist. Daher der Fehlschluß, daß die Empfindung ein schwebender Zustand ohne Ausdehnung sei, welcher nur durch Zufall Ausdehnung erlangen und sich im Körper befestigen könne: ein Fehlschluß, der, wie wir sahen, von verderblichem Einfluß auf die Theorie der äußeren Wahrnehmung ist und ein gut Teil der zwischen den verschiedenen metaphysischen Anschauungen von der Materie schwebenden Fragen auf dem Gewissen hat. Man muß hier Farbe bekennen: die Empfindung ist ihrem Wesen nach ausgedehnt und lokalisiert; sie ist eine Quelle der Bewegung; – die reine Erinnerung, die unausgedehnt und machtlos ist, hat an der Empfindung in keiner Weise teil.

Was ich meine Gegenwart nenne, ist meine Haltung der unmittelbaren Zukunft gegenüber, meine bevorstehende Tätigkeit. Meine Gegenwart ist demnach wirklich sensorischmotorisch. Von meiner Vergangenheit wird nur das zum Bilde und folglich zur Empfindung, wenigstens zu einer beginnenden, was bei dieser Tätigkeit mitarbeiten kann, sich der Haltung einfügen, mit einem Wort sich nützlich machen kann; aber sobald meine Vergangenheit Bild wird, verläßt sie den Zustand der reinen Erinnerung und schmilzt mit einem Teil meiner Gegenwart zusammen. Die zum Bilde vergegenwärtigte Erinnerung unterscheidet sich also gründlich von der reinen Erinnerung. Das Bild ist ein gegenwärtiger Zustand und kann an der Vergangenheit nur teilhaben durch die Erinnerung, aus der es hervorgegangen ist. Die Erinnerung dagegen, machtlos solange sie unnützlich bleibt, bleibt frei von jeder Vermengung mit der Empfindung, ohne Zusammenhang mit der Gegenwart und folglich unausgedehnt.

 

Gerade diese radikale Machtlosigkeit der reinen Erinnerung wird uns helfen zu verstehen, wie sie sich im latenten Zustande erhält. Ohne noch den Kernpunkt der Frage zu berühren, beschränken wir uns auf die Bemerkung, daß unsere Abneigung gegen den Begriff des unbewußten psychischen Zustandes besonders darin wurzelt, daß wir das Bewußtsein als wesentliche Eigenschaft des psychischen Zustandes ansehen, so daß ein psychischer Zustand, scheint es, nicht aufhören kann bewußt zu sein, ohne daß er zu existieren aufhört. Aber wenn das Bewußtsein nur das charakteristische Merkmal der Gegenwart, d. h. des gegenwärtig Erlebten, d. h. des Tätigen ist – so kann das, was nicht tätig ist, aufhören, dem Bewußtsein anzugehören, ohne damit notwendig aufzuhören, in irgendeiner Form zu existieren. Mit anderen Worten, Bewußtsein ist auf psychologischem Gebiete nicht gleichbedeutend mit Dasein, sondern nur mit wirklicher Tätigkeit oder unmittelbarer Wirksamkeit, und nachdem hiermit der Umfang dieses Begriffes eingeschränkt ist, wird es nun leichter sein, sich einen psychischen Zustand unbewußt, und das heißt schließlich eben machtlos, vorzustellen. Welche Vorstellung man sich auch von dem Bewußtsein an sich macht, so wie es erscheinen würde, wenn es ohne Hemmungen sich betätigte, so wird man nicht bestreiten können, daß das Bewußtsein bei einem Wesen, das körperliche Funktionen vollzieht, hauptsächlich die Aufgabe haben wird, die Tätigkeit zu leiten und die Wahl zu beleuchten. Es wirft also sein Licht auf die unmittelbaren Vorgänge vor der Entscheidung und auf alle die vergangenen Erinnerungen, die sich mit diesen nützlich verbinden können; das übrige bleibt im Dunkeln. Aber wir finden hier wieder in einer neuen Form die ewig wiederkehrende Illusion, die wir vom Beginn dieser Arbeit an verfolgen. Man besteht darauf, daß das Bewußtsein, auch wenn es an körperliche Funktionen gebunden ist, nur beiläufig eine praktische Fähigkeit, im wesentlichen aber auf die Spekulation gerichtet sei. Und da nicht zu sehen ist, welches Interesse es haben könnte, die Erkenntnisse, die es besitzt, entschlüpfen zu lassen, wo es sich doch der reinen Erkenntnis widmet, versteht man nicht, daß es darauf verzichtet, etwas zu beleuchten, was es nicht ganz verloren hat. Woraus sich dann ergäbe, daß ihm nur das von Rechts wegen gehört, was es tatsächlich besitzt, und daß auf dem Gebiete des Bewußtseins alles Reale aktuell ist. Gibt man aber dem Bewußtsein seine wirkliche Aufgabe wieder, so wird man nicht mehr Grund haben zu sagen, daß die einmal wahrgenommene Vergangenheit erlischt, als anzunehmen, daß die materiellen Gegenstände aufhören zu existieren, wenn ich aufhöre, sie wahrzunehmen.

Verweilen wir bei diesem letzten Punkte, denn dies ist der Mittelpunkt der Schwierigkeiten und die Quelle der Zweideutigkeiten, die das Problem des Unbewußten umgeben. Der Begriff einer unbewußten Vorstellung ist, trotz eines verbreiteten Vorurteils, klar; man könnte sogar sagen, daß wir uns seiner fortwährend bedienen und daß es für den gesunden Menschenverstand keinen vertrauteren Begriff gibt. Jedermann gibt ja zu, daß die in unserer Wahrnehmung aktuell gegenwärtigen Bilder nicht das Ganze der Materie ausmachen. Was aber kann andererseits ein nicht wahrgenommener materieller Gegenstand, ein nicht vorgestelltes Bild sein, wenn nicht eine Art unbewußten geistigen Zustandes? Jenseits der Wände meines Zimmers, welche ich in diesem Augenblick wahrnehme, sind die angrenzenden Zimmer, ferner das übrige Haus und endlich die Straße und die Stadt, die ich bewohne. Gleichgültig zu welcher Theorie der Materie ich mich bekenne, ob Realist oder Idealist, werde ich doch, wenn ich von der Stadt, von der Straße, von den anderen Zimmern des Hauses spreche, an ebensoviele aus meinem Bewußtsein abwesende und dennoch außer ihm gegebene Wahrnehmungen denken. Sie bilden sich nicht erst, indem mein Bewußtsein sie aufnimmt; irgendwie waren sie also schon, und da laut Hypothese nicht mein Bewußtsein sie faßte, wie anders konnten sie an sich existieren, wenn nicht im unbewußten Zustande? Woher kommt es nun, daß eine Existenz außerhalb des Bewußtseins uns klar erscheint, wenn es sich um Objekte handelt, und unklar, wenn wir vom Subjekte sprechen? Unsere Wahrnehmungen, die aktuellen wie die virtuellen, erstrecken sich in zwei Richtungen, deren eine horizontale AB alle simultanen Gegenstände im Räume enthält, während auf der anderen vertikalen CI unsere sukzessiven, in der Zeit gestaffelten Erinnerungen sich aneinanderreihen. Einzig der Schnittpunkt I der beiden Linien ist unserem Bewußtsein wirklich gegeben. Woher kommt es, daß wir nicht anstehen, die ganze Linie AB als real zu setzen, auch wenn sie nicht wahrgenommen bleibt, daß dagegen von der Linie AI das gegenwärtige, wirklich wahrgenommene I der einzige Punkt ist, der uns als wahrhaft existent erscheint? Dieser radikalen Unterscheidung zwischen der zeitlichen und der räumlichen Reihe liegen so viele verworrene oder schlecht verarbeitete Ideen zugrunde, so viele allen spekulativen Wertes bare Hypothesen, daß es unmöglich ist, ihre Analyse auf einmal erschöpfend auszuführen. Um diesen Irrtum völlig zu entlarven, müssen wir bis in ihren Ursprung hinein und durch all ihre Windungen hindurch jene doppelte Bewegung verfolgen, die uns dahin führt, daß wir objektive Realitäten ohne Beziehung auf das Bewußtsein und Bewußtseinszustände ohne objektive Realität setzen, wobei denn der Raum in ihm nebeneinandergestellte Dinge für alle Ewigkeit aufzubewahren, die Zeit aber in ihr aufeinanderfolgende Zustände in ihrem Ablauf zu zerstören scheint, je nachdem sie auftauchen. Ein Teil dieser Arbeit ist in unserem ersten Kapitel getan, wo wir von der Objektivität im allgemeinen handelten; ein anderer Teil wird auf den letzten Seiten dieses Buches ausgeführt werden, wenn wir von dem Begriff der Materie sprechen. Wir beschränken uns hier auf ein paar wesentliche Punkte.

.

Die der Linie AB entlang gestaffelten Gegenstände stellen in unseren Augen dar, was wir wahrzunehmen im Begriff sind, während die Linie CI nur enthält, was schon wahrgenommen wurde. Nun hat die Vergangenheit aber kein Interesse mehr für uns; sie hat ihre mögliche Wirkung erschöpft oder bekäme nur dadurch wieder Einfluß, daß sie die Lebenskraft der gegenwärtigen Wahrnehmung entlehnte. Die unmittelbare Zukunft dagegen besteht in einer nahebevorstehenden Tätigkeit, in einer noch nicht ausgegebenen Energie. Der nicht wahrgenommene Teil des materiellen Universums, voll von Verheißungen und Drohungen, hat also für uns eine Realität, welche die gegenwärtig nichtwahrgenommenen Perioden unserer vergangenen Existenz nicht haben können und dürfen. Aber diese ganz auf den praktischen Nutzen und die materiellen Bedürfnisse unseres Lebens bezogene Unterscheidung nimmt in unserem Geiste mehr und mehr die Form eines metaphysischen Unterschiedes an.

Wir haben ja nachgewiesen, daß die uns umgebenden Gegenstände eine (graduell verschiedene) Wirkung darstellen, die wir auf die Dinge ausüben können oder von ihnen erleiden müssen. Der Termin des Eintretens dieser möglichen Wirkung ist durch die größere oder geringere Entfernung des entsprechenden Gegenstandes bezeichnet, so daß der räumliche Abstand das Maß für die zeitliche Nähe einer Drohung oder Verheißung ist. Der Raum stellt uns also plötzlich ein Schema unserer nächsten Zukunft auf; und da diese Zukunft ins Unendliche ablaufen muß, muß der Raum, durch den sie symbolisiert wird, die Eigentümlichkeit haben, in seiner Unbeweglichkeit unbegrenzt offen zu bleiben. Daher kommt es, daß der unserer Wahrnehmung gegebene unmittelbare Horizont uns notwendigerweise von einem größeren Kreise umgeben scheint, der da ist, wenn er auch nicht wahrgenommen wird; dieser Kreis verlangt wieder einen anderen um sich, der ihn umgibt, und so weiter ins Unendliche. Es liegt also im Wesen unserer aktuellen Wahrnehmung, insoferne sie ausgedehnt ist; immer nur ein Enthaltenes zu sein in bezug auf eine weiterreichende, ja unendliche Erfahrung, in der sie enthalten ist; und diese Erfahrung, die nicht in unserem Bewußtsein sein kann, da sie ja über den wahrgenommenen Horizont hinausreicht, erscheint deshalb nicht weniger aktuell gegeben. Aber während wir uns an diese materiellen Gegenstände, die wir so zu gegenwärtigen Wirklichkeiten erheben, geknüpft fühlen, sind uns im Gegenteil unsere Erinnerungen, insoferne sie vergangen sind, ebensoviele tote Gewichte, die wir mit uns schleppen und derer wir uns lieber ledig denken. Aus demselben Instinkt heraus, der uns treibt, den Raum vor uns ins Unendliche aufzustoßen, schließen wir die jeweils abgelaufene Zeit hinter uns ab. Und während die Wirklichkeit, insoferne sie ausgedehnt ist, unsere Wahrnehmung unendlich zu übersteigen scheint, halten wir im Gegenteil in unserem inneren Leben das allein für real, was mit dem gegenwärtigen Augenblicke beginnt; das übrige ist praktisch erledigt. Wenn nun eine Erinnerung im Bewußtsein wiedererscheint, macht sie uns den Eindruck eines Gespenstes,, dessen mysteriöse Erscheinung durch besondere Ursachen erklärt werden muß. In Wirklichkeit ist die Adhärenz dieser Erinnerung an unseren gegenwärtigen Zustand durchaus, der Adhärenz der nichtwahrgenommenen Gegenstände an die Gegenstände, die wir wahrnehmen, zu vergleichen, und das Unbewußte spielt in beiden Fällen eine ähnliche Rolle.

Aber es wird uns sehr schwer, die Dinge so vorzustellen,, weil wir die Gewohnheit angenommen haben, die Unterschiede zu betonen und die Ähnlichkeiten zu verwischen,, die zwischen der Reihe der im Räume gleichzeitig gestaffelten Gegenstände und der Reihe der in der Zeit sukzessiv entwickelten Zustände bestehen. In der ersten bedingen die Termini sich in durchaus bestimmter Art, so daß der Eintritt jedes neuen Terminus vorausgesehen werden kann. So weiß ich genau, wenn ich aus meinem Zimmer gehe, durch welche Zimmer ich werde zu gehen haben. Meine Erinnerungen dagegen stellen sich in scheinbar launenhafter Ordnung ein. Die Ordnung der Vorstellungen ist also in dem einen Falle eine notwendige, im anderen ungewiß; und diese Notwendigkeit ist es, die ich gewissermaßen hypostasiere, wenn ich von einer Existenz der Gegenstände außerhalb alles Bewußtseins spreche. Wenn ich nichts Ungebührliches darin finde, die Totalität der nicht wahrgenommenen Gegenstände als gegeben anzunehmen, so rührt das daher, daß die streng bestimmte Ordnung dieser Gegenstände ihnen den Anschein einer Kette gibt, in welcher meine gegenwärtige Wahrnehmung nur ein Ring wäre: dieser Ring teilt dann seine aktuelle Gegenwart dem übrigen Teil der Kette mit. – Bei näherem Zusehen aber würde man finden, daß unsere Erinnerungen eine Kette derselben Art bilden, und daß unser Charakter, der bei all unseren Entscheidungen gegenwärtig ist, in der Tat die aktuelle Synthese aller unserer vergangenen Zustände ist. In dieser kondensierten Form existiert unser früheres Seelenleben in sogar noch stärkerem Grade für uns als die äußere Welt, von der wir immer nur einen sehr kleinen Teil wahrnehmen, während wir mit unserer erlebten Erfahrung immer in ihrer Totalität arbeiten. Freilich besitzen wir sie nur als Abriß, und unsere alten Wahrnehmungen, als gesonderte Individualitäten betrachtet, machen uns den Eindruck, entweder vollständig verschwunden zu sein oder nur auf das Geheisch ihrer Laune wieder zu erscheinen. Dieser Anschein vollständiger Zerstörung oder launenhaften Auflebens rührt jedoch einfach daher, daß das aktuelle Bewußtsein in jedem Augenblick das Nützliche annimmt und das Überflüssige sofort zurückweist. Immer auf die Tätigkeit gespannt, kann es von unseren alten Wahrnehmungen nur die materialisieren, welche sich mit der gegenwärtigen Wahrnehmung organisieren, um zur Entscheidung beizutragen. Wenn es nötig ist, damit mein Wille sich an einem gegebenen Punkte des Raumes manifestieren kann, daß mein Bewußtsein eins nach dem anderen die Zwischenglieder oder Hindernisse überschreitet, deren Summe den Abstand im Raume ausmacht, ist es ihm andererseits zur Beleuchtung jener Tätigkeit nützlich, das Zeitintervall zu überspringen, das die gegenwärtige Situation von einer früheren ähnlichen trennt; und da das Bewußtsein dies mit einem einzigen Sprunge tut, entgeht der ganze zwischenliegende Teil der Vergangenheit seinem Griffe. Dieselben Gründe, welche bewirken, daß unsere Wahrnehmungen sich in strenger Kontinuität im Räume ordnen, bewirken also auch, daß unsere Erinnerungen in der Zeit diskontinuierlich aufleuchten. Wir haben es bei den nichtwahrgenommenen Gegenständen im Raum und den unbewußten Erinnerungen in der Zeit nicht mit zwei radikal verschiedenen Formen der Existenz zu tun; aber die Aktivität erheischt in dem einen Falle das Umgekehrte wie im anderen.

Aber wir rühren hier an das Grundproblem der Existenz, ein Problem, das wir nur streifen dürfen, wenn wir nicht von Frage zu Frage ins Herz der Metaphysik hineingeraten wollen. Sagen wir nur soviel, daß die Existenz mit Bezug auf die Dinge der Erfahrung – und nur diese beschäftigen uns hier – zwei Bedingungen zusammen vorauszusetzen scheint: 1. die Darstellung im Bewußtsein, 2. die logische oder kausale Verknüpfung dessen, was so dargestellt wird, mit dem was ihm vorausgeht und nachfolgt. Die Realität eines seelischen Zustandes oder eines materiellen Gegenstandes besteht für uns in der zwiefachen Tatsache, daß unser Bewußtsein sie perzipiert und daß sie Glieder einer zeitlichen oder räumlichen Reihe sind, deren Elemente sich gegenseitig bestimmen. Aber diese beiden Bedingungen lassen Gradunterschiede zu, und es ist verständlich, daß sie, obwohl sie beide notwendig sind, nicht gleichmäßig erfüllt werden. So ist im Falle der aktuellen inneren Zustände die Verknüpfung weniger eng, und die Bestimmung der Gegenwart durch die Vergangenheit hat, dadurch daß sie der Zufälligkeit Spielraum läßt, nicht den Charakter einer mathematischen Ableitung; – dafür ist die Darstellung im Bewußtsein vollkommen, denn ein aktueller seelischer Zustand gibt uns die Totalität seines Inhaltes in dem Akte selbst, durch den wir ihn wahrnehmen. Wenn es sich dagegen um äußere Gegenstände handelt, so ist es die Verknüpfung, die vollkommen ist, weil diese Gegenstände notwendigen Gesetzen gehorchen; aber dafür ist die andere Bedingung, die Darstellung im Bewußtsein, immer nur teilweise erfüllt, denn der materielle Gegenstand scheint gerade wegen der Mannigfaltigkeit der nichtwahrgenommenen Elemente, die ihn mit allen anderen Gegenständen verbinden, unendlich viel mehr in sich zu enthalten und hinter sich zu haben als was er uns sehen läßt. – Wir müßten also sagen, daß die Existenz, im empirischen Sinne des Wortes, bewußtes Erfassen und regelmäßige Verknüpfung impliziert, beides immer zugleich, aber graduell verschieden. Aber unser Verstand, dessen Funktion es ist, scharfe Unterschiede aufzustellen, faßt die Dinge nicht so auf. Anstatt für sämtliche Fälle die Gegenwart beider Elemente in verschiedener Mischung zuzugeben, trennt er lieber diese beiden Elemente und schreibt damit den äußeren Gegenständen einerseits, den inneren Zuständen andererseits zwei radikal verschiedene Arten der Existenz zu, die jeweils durch die ausschließliche Gegenwart der einen Bedingung charakterisiert sind, die richtigerweise nur als die überwiegende angesehen werden dürfte. Danach besteht die Existenz der seelischen Zustände ganz und gar in ihrer Erfassung durch das Bewußtsein und die Existenz der äußeren Phänomene auch ganz und gar in der strengen Ordnung ihrer Gleichzeitigkeit und ihrer Aufeinanderfolge. Daher die Unmöglichkeit, den existenten, aber nicht perzipierten materiellen Gegenständen die geringste Teilnahme am Bewußtsein und den inneren, nicht bewußten Zuständen die geringste Teilnahme an der Existenz zu belassen. Wir haben zu Anfang dieses Buches die Folge dieser ersten Illusion aufgezeigt: sie läuft auf die Fälschung unserer Vorstellung von der Materie hinaus. Die zweite, der ersten komplementär, verdirbt unsere Auffassung vom Geiste, indem sie über den. Begriff des Unbewußten ein künstliches Dunkel breitet. Unser vergangenes Seelenleben bedingt ganz und gar unseren gegenwärtigen Zustand, ohne ihn in einer notwendigen Weise zu bestimmen; ganz und gar offenbart es sich auch in unserem Charakter, obgleich keiner der vergangenen Zustände sich explicite im Charakter manifestiert. Vereinigt sichern diese beiden Bedingungen jedem der vergangenen seelischen Zustände eine reale, wenngleich unbewußte Existenz.

Aber wir sind so gewöhnt, um des größeren praktischen Vorteils willen die wirkliche Ordnung der Dinge umzukehren, wir stehen in einem solchen Grade unter dem Zwang der Bilder räumlicher Herkunft, daß wir uns nicht enthalten können zu fragen, wo die Erinnerung erhalten bleibt. Wir begreifen, daß physio-chemische Phänomene im Gehirn stattfinden, daß das Gehirn im Körper ist, der Körper in der Luft, die ihn umspielt, usw.; aber wenn die einmal vollendete Vergangenheit wirklich erhalten bleibt, wo ist sie? Sie als molekulare Modifikation in die Gehirnsubstanz zu verlegen, das scheint einfach und klar, weil wir dann ein aktuell gegebenes Reservoir haben, das wir nur zu öffnen brauchen, um die latenten Bilder in das Bewußtsein strömen zu lassen. Aber wenn das Gehirn dafür nicht zu gebrauchen ist, in welchem Speicher sollen wir dann die angehäuften Bilder unterbringen? Man vergißt, daß die Beziehung des Enthaltenden zum Enthaltenen ihre scheinbare Klarheit und Allgemeinheit der Notwendigkeit verdankt, die uns zwingt, den Raum immer vor uns aufzustoßen und die Dauer immer hinter uns abzuschließen. Durch den Nachweis, daß eine Sache in einer anderen ist, hat man das Phänomen ihrer Erhaltung durchaus nicht aufgeklärt. Ja noch mehr: geben wir einen Augenblick zu, daß die Vergangenheit als aufgespeicherte Erinnerung im Gehirn weiterlebt. Dann wäre es nötig, daß das Gehirn, um die Erinnerung zu erhalten, zunächst einmal selbst erhalten bleibt. Nun nimmt aber das Gehirn, insoferne es ein im Räume ausgedehntes Bild ist, immer nur den gegenwärtigen Moment ein; es bildet mit der übrigen materiellen Welt einen ewig erneuerten Querschnitt des allgemeinen Werdens. Entweder wird man dann annehmen müssen, daß diese Welt durch ein wahres Wunder in jedem Moment der Dauer vergeht und wieder entsteht, oder aber man wird die Kontinuität der Existenz, die man dem Bewußtsein abspricht, auf sie übertragen und aus ihrer Vergangenheit eine Realität machen müssen, welche sich überdauert und sich in ihre Gegenwart fortsetzt; man hat also nichts damit gewonnen, daß man die Erinnerung in der Materie verstaut hat, man sieht sich im Gegenteil gezwungen, jenes unabhängige und vollständige Weiterleben der Vergangenheit, welches man den psychischen Zuständen absprach, auf die Totalität der Zustände der materiellen Welt auszudehnen. Dieses Weiterleben an sich der Vergangenheit drängt sich uns also in der einen oder anderen Form auf, und daß es uns so schwierig wird, es zu begreifen, kommt einfach daher, daß wir auf die Reihe der Erinnerungen in der Zeit jene Notwendigkeit des Enthaltens und des Enthaltenseins anwenden, welche nur für die Gesamtheit der momentan im Räume wahrgenommenen Körper gilt. Die fundamentale Illusion besteht darin, daß wir die Gestalt der Momentquerschnitte, die wir an der Dauer vornehmen, auf die ablaufende Dauer selbst übertragen.

Aber wie soll die Vergangenheit, welche laut Hypothese zu sein aufgehört hat, sich aus sich selbst erhalten? Ist das nicht wirklich ein Widerspruch? – Wir antworten, daß es ja gerade die Frage ist zu wissen, ob die Vergangenheit aufgehört hat zu existieren oder ob sie nicht nur einfach aufgehört hat, nützlich zu sein. Man definiert willkürlich die Gegenwart als das was ist, während sie einfach nur das ist, was geschieht. Nichts ist so wenig wie der gegenwärtige Augenblick, wenn man darunter jene unteilbare Grenze zwischen Vergangenheit und Zukunft versteht. Wenn wir uns diese Gegenwart als sein werdend denken, ist sie noch nicht; und wenn wir sie als seiend denken, ist sie schon vergangen. Wenn man dagegen die konkrete und vom Bewußtsein wirklich erlebte Gegenwart ansieht, kann man sagen, daß diese Gegenwart großenteils in der unmittelbaren Vergangenheit besteht. In dem Bruchteil der Sekunde, welche die kürzeste mögliche Wahrnehmung des Lichtes dauert, haben Billionen von Schwingungen stattgefunden, deren erste von der letzten durch ein unendlich teilbares Intervall getrennt ist. So besteht unsere Wahrnehmung, so momentan sie sein mag, aus einer unzählbaren Menge erinnerter Elemente, und in Wahrheit ist jede Wahrnehmung schon Gedächtnis. Praktisch nehmen wir nur die Vergangenheit wahr, die reine Gegenwart ist das unfaßbare Fortschreiten der Vergangenheit, die an der Zukunft nagt.

Das Bewußtsein erhellt also mit seinem Lichte in jedem Moment den unmittelbaren Teil der Vergangenheit, der, auf die Zukunft gerichtet, daran arbeitet, sie zu verwirklichen und sie sich anzufügen. Einzig damit beschäftigt, derart eine noch unbestimmte Zukunft zu bestimmen, wird es ein wenig seines Lichtes auf jene weiter in der Vergangenheit zurückliegenden Zustände werfen können, die für eine nützliche Verbindung mit unserem gegenwärtigen Zustande, d. h. mit unserer unmittelbaren Vergangenheit in Betracht kommen; das übrige bleibt im Dunkel. Kraft des Fundamentalgesetzes des Lebens, welches ein Gesetz der Aktivität ist, verbleiben wir innerhalb dieses erhellten Teiles unserer Geschichte: daher die Schwierigkeit, sich Erinnerungen zu denken, die im Dunkeln erhalten bleiben. Unsere Abneigung, das unveränderte Weiterleben der Vergangenheit zuzugeben, hängt also im Grunde mit der Richtung unseres Seelenlebens zusammen, das sich als ein Ablauf von Zuständen darstellt, an denen wir ein Interesse haben zu beobachten, was abläuft, aber nicht, was schon vollständig abgelaufen ist.

Wir kommen so auf einem langen Umwege zu unserem Ausgangspunkt zurück. Wir sagten, es gäbe zweierlei durchaus verschiedene Formen des Gedächtnisses: die eine, an den Organismus gebunden, ist nichts anderes als die Gesamtheit der intelligent montierten Mechanismen, welche eine passende Antwort auf die verschiedenen möglichen Fragen verbürgen. Sie macht, daß wir uns der gegenwärtigen Lage anpassen und daß die Wirkungen, die wir erleiden, sich von selbst in Rückwirkungen fortsetzen, welche sowohl ausgeführte als nur beginnende, immer aber mehr oder minder angepaßte Reaktionen sind. Gewohnheit mehr als Gedächtnis, spielt sie unsere vergangene Erfahrung, ruft aber nicht ihr Bild hervor. Das andere ist das wahre Gedächtnis. Koextensiv mit dem Bewußtsein, hält es alle unsere Zustände fest und reiht sie, wie sie sich einstellen, aneinander, läßt jeder Tatsache ihren Platz und gibt ihr ihr Datum, bewegt sich wirklich in der endgültigen Vergangenheit und nicht wie das erste in einer Gegenwart, die unaufhörlich von neuem beginnt. Aber mit dieser prinzipiellen Unterscheidung der beiden Formen des Gedächtnisses hatten wir noch nicht ihren Zusammenhang nachgewiesen. Über dem Körper mit seinen den angehäuften Effekt der Anstrengung vergangener Taten symbolisierenden Mechanismen schwebte das vorstellende und wiederholende Gedächtnis im Leeren. Wenn wir aber niemals etwas anderes wahrnehmen als unsere unmittelbare Vergangenheit, wenn unser Bewußtsein von der Gegenwart schon Gedächtnis ist, dann werden die beiden Gedächtnisformen, die wir erst trennten, eng miteinander verschmelzen. Aus diesem neuen Gesichtspunkte gesehen, ist unser Körper in der Tat nichts anderes als der unabänderlich wieder erstehende Teil unserer Vorstellung, der immer gegenwärtige Teil oder besser der immer gerade vergangene. Selbst ein Bild, kann dieser Körper keine Bilder aufspeichern, da er ein Teil der Bilder ist; und deshalb ist es ein chimärisches Unternehmen, die vergangenen oder selbst die gegenwärtigen Wahrnehmungen im Gehirn lokalisieren zu wollen: sie sind nicht in ihm, sondern es ist in ihnen. Aber jenes ganz besondere Bild, welches mitten unter den anderen fortbesteht und welches ich meinen Körper nenne, bildet jeden Augenblick, wie wir sagten, einen Querschnitt des allgemeinen Werdens. Er ist also der Durchgangsort der empfangenen und zurückgegebenen Bewegungen, der Bindestrich zwischen den Dingen, welche auf mich wirken, und den Dingen, auf welche ich wirke, der Sitz mit einem Worte der sensorisch-motorischen Vorgänge. Wenn ich die Totalität der in meinem Gedächtnis angehäuften Erinnerungen durch einen Kegel S A B darstelle, so bleibt seine Basis A B, die in der Vergangenheit liegt, unbewegt, während die Spitze S, welche in jedem Moment meine Gegenwart bezeichnet, unaufhörlich vorwärts geht und zugleich unaufhörlich die bewegliche Ebene E meiner gegenwärtigen Vorstellung des Universums berührt. In S konzentriert sich das Bild des Körpers; und da es zur Ebene E gehört, beschränkt es sich darauf, die von allen Bildern, aus denen sich die Ebene zusammensetzt, ausgehenden Wirkungen aufzunehmen und zurückzugeben.

.

Das Gedächtnis des Körpers, das von der Gesamtheit der durch die Gewohnheit organisierten sensorisch-motorischen Systeme gebildet wird, ist also ein quasi momentanes Gedächtnis, dem das eigentliche Gedächtnis der Vergangenheit als Grundlage dient. Da die beiden nicht zwei getrennte Dinge sind, da das erste, wie wir sagten, nur die bewegliche Spitze ist, die durch das zweite in die fortschreitende Ebene der Erfahrung eingeführt wird, so ist es natürlich, daß diese beiden Funktionen sich gegenseitig unterstützen. Einerseits bietet nämlich das Gedächtnis der Vergangenheit den sensorisch-motorischen Mechanismen alle Erinnerungen dar, die imstande sind, sie in ihrer Aufgabe zu führen und die motorische Reaktion im Sinne der durch die Erfahrung suggerierten Lehren zu lenken: und gerade darin bestehen die Assoziationen durch Kontiguität und durch Ähnlichkeit. Andererseits aber geben die sensorisch-motorischen Apparate den machtlosen, d. h. unbewußten Erinnerungen die Möglichkeit, einen Körper anzunehmen, sich zu materialisieren, kurz gegenwärtig zu werden. Denn damit eine Erinnerung im Bewußtsein wieder erscheinen kann, muß sie aus den Höhen des reinen Gedächtnisses bis zu dem Punkte herabsteigen, wo sich die Tat vollzieht. Mit anderen Worten, von der Gegenwart geht der Ruf aus, auf den die Erinnerung antwortet, und von den sensorisch-motorischen Elementen der gegenwärtigen Tätigkeit leiht die Erinnerung jene Wärme, welche ihr Leben gibt.

Und erkennen wir nicht gerade an der Festigkeit dieser Verbindung, an der Präzision, mit der diese beiden komplementären Gedächtnisse ineinandergreifen, die »wohlausbalanzierten« Köpfe, d. h. im Grunde die Menschen, die dem Leben vollkommen angepaßt sind? Was den Tatmenschen charakterisiert, ist die Geschwindigkeit, mit der er in einer gegebenen Lage alle darauf zu beziehenden Erinnerungen parat hat; aber ebenso charakterisiert ihn die unübersteigliche Schranke, auf die bei ihm alle unnützen oder gleichgültigen Erinnerungen stoßen, wenn sie sich auf der Schwelle des Bewußtseins einstellen. In der reinen Gegenwart leben, auf einen Reiz mit einer unmittelbaren, den Reiz fortsetzenden Reaktion antworten, ist das Zeichen eines niederen Tieres: ein Mensch, welcher so vorgeht, ist eine impulsive Natur. Aber der ist kaum weniger zum Handeln geeignet, der in der Vergangenheit aus bloßer Freude an ihr lebt und bei dem die Erinnerungen zum Licht des Bewußtseins auftauchen ohne Nutzen für die gegenwärtige Lage: das ist dann keine impulsive Natur mehr, sondern ein Träumer. Zwischen diesen beiden Extremen steht die glückliche Beschaffenheit eines Gedächtnisses, das biegsam genug ist, den Konturen der gegenwärtigen Lage präzis zu folgen, und energisch genug, jedem anderen Anruf zu widerstehen. Der gesunde oder praktische Menschenverstand ist wahrscheinlich nichts anderes.

Die außerordentliche Entwicklung des spontanen Gedächtnisses bei den meisten Kindern hängt aufs engste damit zusammen, daß sie ihr Gedächtnis noch nicht in Übereinstimmung mit ihrem Betragen gebracht haben. Sie folgen gewöhnlich dem Eindrucke des Augenblicks, und wie sich bei ihnen die Tat nicht den Anweisungen der Erinnerung unterwirft, so beschränken sich umgekehrt ihre Erinnerungen nicht auf die Erfordernisse der Tat. Sie scheinen nur deshalb mit größerer Leichtigkeit zu behalten, weil sie sich mit weniger Unterscheidung erinnern. Die augenscheinliche Verminderung des Gedächtnisses bei zunehmender Entwicklung des Verstandes hängt demnach mit der wachsenden Verbindung der Erinnerungen mit den Handlungen zusammen. Das bewußte Gedächtnis verliert so an Ausdehnung, was es an Schärfe gewinnt: es hatte zuerst die Leichtigkeit des Traumgedächtnisses, aber nur weil es in Wahrheit träumte. Man beobachtet übrigens dieses Überwuchern des spontanen Gedächtnisses auch bei Menschen, deren geistige Entwicklung kaum über die der Kindheit hinausgeht: Ein Missionar hörte, nachdem er afrikanischen Wilden eine lange Predigt gehalten hatte, wie einer von ihnen den Text wörtlich mit denselben Gebärden von Anfang bis zu Ende wiederholte. Kay, Memory and how to improve it. New York 1888. S.18.

Aber wenn unsere Vergangenheit uns deshalb fast gänzlich verborgen bleibt, weil sie durch die Erfordernisse der gegenwärtigen Tätigkeit gehemmt wird, wird sie ihre Kraft, die Schwelle des Bewußtseins zu überschreiten, in all den Fällen wiederfinden, wo wir uns von den Interessen unserer Tätigkeit loslösen, um uns gewissermaßen in das Leben des Traumes zurückzuversetzen. Der natürliche oder künstliche Schlaf erzeugt eine Loslösung dieser Art. Man hat jüngst in dem Schlafe eine Unterbrechung des Kontaktes zwischen den sensorischen und motorischen Nervenelementen nachgewiesen. Mathias Duval, Théorie histologique du sommeil (C.R. de la Soc. de Biologie 1895. S.74). Vgl. Lépine l.c. S.85 und Revue de Médecine Aug. 1894, und besonders Pupin, Le neurone et les hypothèses histologiques, Paris 1896. Wenn man sich auch nicht für diese scharfsinnige Hypothese entscheidet, so ist es doch unmöglich, im Schlafe nicht eine wenigstens funktionelle Erschlaffung der Spannung des Nervensystems zu sehen, das im Wachen immer bereit ist, den empfangenen Reiz zu einer angepaßten Reaktion fortzusetzen. Nun ist die »Exaltation« des Gedächtnisses in gewissen Träumen und gewissen somnambulen Zuständen eine alltägliche Beobachtung. Erinnerungen, die man erledigt glaubte, kehren dann mit auffallender Genauigkeit wieder; wir erleben gänzlich vergessene Szenen aus der Kindheit mit allen Einzelheiten wieder; wir sprechen Sprachen, die wir uns nicht einmal mehr erinnern gelernt zu haben. Aber nichts Lehrreicheres gibt es in dieser Hinsicht als was sich in manchen Fällen plötzlicher Erstickung, bei Ertrinkenden und Erhängten zuträgt. Die wie der zum Leben gebrachte Person erklärt, daß sie in der kurzen Zeit alle vergessenen Begebenheiten ihres Daseins mit ihren kleinsten Umständen und in derselben Ordnung, in der sie sich zugetragen haben, an sich hat vorüberziehen sehen. Winslow, Obscure Diseases of the Brain, S.250 ff. – Ribot, Maladies de la Mémoire, S.139 ff. – Maury, Le sommeil et les rêves, Paris 1878, S.439. – Egger, Le moi des mourants. (Revue Philosophique, Jan. und Okt. 1896.) Vgl. den Satz von Ball: »Das Gedächtnis ist eine Fähigkeit, welche nichts verliert und alles registriert«. (Zit. von Rouillard: Les amnésies, Thèse de médecine. Paris 1885, S.25.)

Ein menschliches Wesen, das seine Existenz träumen statt leben würde, würde so wohl in jedem Augenblick die unendliche Mannigfaltigkeit der Einzelheiten seines vergangenen Daseins im Auge behalten. Dagegen der, welcher auf dieses Gedächtnis mit allem was es erzeugt verzichten wollte, würde sein Leben unaufhörlich spielen, statt es sich wirklich vorzustellen: als bewußter Automat würde er dem Hange der nützlichen Gewohnheiten folgen, welche den Reiz in angepaßte Reaktion fortsetzen. Der erste käme nie aus dem Besonderen, ja Individuellen heraus. Indem er jedem Bilde sein Datum in der Zeit und seinen Ort im Räume ließe, würde er nur sehen, inwiefern es sich von den anderen unterscheidet und nicht worin es ihnen ähnlich ist. Der andere würde dagegen, immer von der Gewohnheit getragen, in einer Situation nur jene Seite erkennen, durch die sie den früheren Situationen gleicht; unfähig, das Allgemeine zu denken, da der Allgemeinbegriff die mindestens virtuelle Vorstellung einer Menge erinnerter Bilder voraussetzt, würde er sich trotzdem im Allgemeinen bewegen, denn für das Tun ist die Gewohnheit, was die Allgemeinheit für das Denken ist. Aber diese beiden extremen Formen: das rein kontemplative Gedächtnis, welches in seinem Schauen nur das Einzelne erfaßt, und das rein motorische Gedächtnis, welches seinem Tun das Merkmal der Allgemeinheit aufprägt, kommen nur in Ausnahmefällen isoliert und rein zum Ausdruck. Im normalen Leben durchdringen sie sich innig, geben so beide etwas von ihrer ursprünglichen Reinheit auf. Die erste Form äußert sich in der Erinnerung der Unterschiede, die zweite in der Wahrnehmung der Ähnlichkeiten: wo die beiden Ströme zusammenfließen, erscheint der Allgemeinbegriff.

 

Es handelt sich hier nicht darum, die Frage der Allgemeinbegriffe in Bausch und Bogen zu entscheiden. Unter diesen Begriffen gibt es welche, die nicht nur Wahrnehmungen als alleinigen Ursprung und nur sehr entfernte Beziehungen zu materiellen Gegenständen haben. Wir lassen diese beiseite und wenden uns ausschließlich den Allgemeinbegriffen zu, die sich auf das, was wir die Wahrnehmung der Ähnlichkeiten nennen, gründen. Wir wollen dem reinen, dem unveränderten Gedächtnis in seinem stetigen Bemühen, sich der motorischen Gewohnheit einzufügen, nachgehen. Von hier aus werden wir Aufgabe und Natur dieses Gedächtnisses leichter verständlich machen; und von hier aus, unter diesem ganz speziellen Aspekte, werden wir vielleicht auch die beiden gleich dunklen Begriffe der Ähnlichkeit und der Allgemeinheit aufklären können.

Wenn man die Schwierigkeiten psychologischer Art, die sich um das Problem der Allgemeinbegriffe lagern, möglichst eng faßt, kommt man nach unserer Meinung dahin, sie in einen Kreis einzuschließen: um zu verallgemeinern, muß man zuerst abstrahieren, aber um mit Nutzen zu abstrahieren, muß man schon zu verallgemeinern verstehen. Um diesen Kreis herum gravitieren, bewußt oder unbewußt, sowohl der Nominalismus als auch der Konzeptualismus, und für jede der beiden Lehren spricht insonderheit die Unzulänglichkeit der anderen. Denn die Nominalisten, die vom Allgemeinbegriff nur seinen Umfang festhalten, sehen in ihm bloß eine offene und unbegrenzte Reihe individueller Gegenstände. Die Einheit des Begriffs kann für sie also nur in der Identität des Symboles bestehen, mit dem wir unterschiedslos alle diese unterschiedenen Gegenstände bezeichnen. Wenn man ihnen glauben soll, so fangen wir damit an, daß wir ein Ding wahrnehmen, dann fügen wir ihm ein Wort bei: dieses Wort, das aus der Fähigkeit oder Gewohnheit, sich auf eine unbegrenzte Anzahl anderer Dinge auszudehnen, seine Kraft schöpft, wird dann zum Allgemeinbegriff erhoben. Aber damit ein Wort sich so ausdehnt und dennoch auf die Gegenstände beschränkt, welche es bezeichnet, ist es doch nötig, daß diese Gegenstände uns Ähnlichkeiten aufweisen, durch die sie sich einander nähern und von allen anderen Gegenständen unterscheiden, auf welche das Wort keine Anwendung hat. Die Verallgemeinerung ist, so scheint es, nicht angängig ohne die abstrakte Betrachtung der gemeinsamen Eigenschaften, und so wird der Nominalismus Schritt für Schritt dazu kommen, den Allgemeinbegriff nach seinem Inhalt zu definieren und nicht allein nach seinem Umfang, wie er es zuerst wollte. Von diesem Inhalt nun geht der Konzeptualismus aus. Nach ihm löst der Verstand die oberflächliche Einheit des Individuums in unterschiedliche Eigenschaften auf, deren jede, abgelöst vom Individuum, das sie einschränkte, eben durch diese Ablösung zum Repräsentanten einer Art. wird. Statt anzunehmen, daß jede Art in Wirklichkeit eine Vielheit von Gegenständen umfaßt, behauptet man jetzt im Gegenteil, daß jeder Gegenstand in Möglichkeit, und als lauter Eigenschaften, die er gefangen hält, eine Vielheit von Arten umschließt. Aber es fragt sich ja gerade, ob individuelle Eigenschaften, selbst wenn man sie durch Abstraktion losgelöst hat, nicht individuell bleiben wie zuvor und ob, um sie zu Arten zu erhöhen, nicht ein neuer Akt des Geistes nötig wird, in welchem er erstens jeder Eigenschaft einen Namen beilegt und zweitens unter diesem Namen eine Vielheit individueller Gegenstände vereinigt. Das Weiß einer Lilie ist nicht das Weiß eines Schneefeldes; sie bleiben, auch von der Lilie und dem Schnee abgelöst, das Weiß der Lilie und das Weiß des Schnees. Sie geben ihre Individualität nur auf, wenn wir ihnen kraft ihrer Ähnlichkeit einen gemeinsamen Namen geben; indem wir nun diesen Namen auf eine unendliche Anzahl ähnlicher Gegenstände anwenden, schicken wir, gleichsam rikoschettierend, der Eigenschaft die Allgemeinheit zu, welche das Wort in seiner Anwendung auf die Dinge sich geholt hatte. Wenn man aber so folgert, gelangt man da nicht zu dem Standpunkt des Umfanges zurück, den man vorher aufgegeben hatte? Wir drehen uns also wirklich in einem Kreise; der Nominalismus führt uns zum Konzeptualismus, und der Konzeptualismus bringt uns zum Nominalismus zurück. Die Verallgemeinerung kann nur durch eine Herausziehung der gemeinsamen Eigenschaften vollzogen werden; aber die Eigenschaften mußten, um als gemeinsam zu erscheinen, schon die Arbeit der Verallgemeinerung über sich ergehen lassen.

Wenn man nun diese beiden gegensätzlichen Theorien gründlich untersucht, wird man in ihnen ein gemeinsames Postulat entdecken: sie haben beide zur Voraussetzung, daß wir von der Wahrnehmung individueller Gegenstände ausgehen. Die erste bildet die Art durch eine Aufzählung; die zweite löst sie durch eine Analyse heraus; aber Analyse und Aufzählung beziehen sich auf Individuen, welche man der unmittelbaren Anschauung als lauter Wirklichkeiten gegeben glaubt. Dies ist das Postulat. Trotz seiner scheinbaren Evidenz ist es weder wahrscheinlich noch den Tatsachen entsprechend.

A priori freilich erscheint deutliche Unterscheidung der individuellen Gegenstände als Luxus der Wahrnehmung ebenso wie die klare Vorstellung der Allgemeinbegriffe als Raffinement des Intellektes. Die volle begriffliche Erfassung der Arten ist ohne Zweifel das Eigentümliche des menschlichen Denkens; sie erfordert einen Akt der Reflexion, durch den wir aus einer Vorstellung die Besonderheiten der Zeit und des Ortes ausscheiden. Aber die Reflexion über diese Besonderheiten – ohne diese Reflexion würde uns die Individualität der Gegenstände entgleiten – setzt eine Fähigkeit die Unterschiede zu bemerken voraus und damit ein Gedächtnis für Bilder, welches sicherlich das Vorrecht des Menschen und der höheren Tiere ist. Es scheint also demnach, daß wir weder mit der Wahrnehmung des Individuums noch mit dem begrifflichen Erfassen der Art anfangen, sondern mit einer dazwischen liegenden Erkenntnis, mit einem verworrenen Gefühl der hervorstechenden Eigenschaft oder der Ähnlichkeit: dieses Gefühl, gleichweit entfernt von der völlig begriffenen Allgemeinheit wie von der deutlich wahrgenommenen Individualität, erzeugt sie beide durch eine Dissoziation. Die gedankliche Analyse läutert es zum Allgemeinbegriff; das unterscheidende Gedächtnis verdichtet es zur Wahrnehmung des Individuellen.

Ganz klar wird uns das, wenn wir auf die rein utilitären Ursprünge unserer Wahrnehmung der Dinge zurückgehen. Was uns an einer gegebenen Lage interessiert, was wir darin zuerst erfassen müssen, ist jene Seite, durch welche sie einer Neigung oder einem Bedürfnis entgegen kommt: nun, das Bedürfnis geht direkt auf die Ähnlichkeit oder Eigenschaft los und macht sich nichts mit den individuellen Unterschieden zu schaffen. Auf diese Unterscheidung des Nützlichen wird sich gewöhnlich die Wahrnehmung der Tiere beschränken. Es ist das Gras im allgemeinen, das den Pflanzenfresser anzieht: die Farbe und der Duft des Grases, als Kräfte gefühlt und erlebt (wir gehen nicht so weit zu sagen: als Eigenschaften oder Arten gedacht), sind die einzigen unmittelbaren Begebenheiten seiner äußeren Wahrnehmung. Von diesem Grunde von Allgemeinheit oder Ähnlichkeit wird sein Gedächtnis die Kontraste abstechen lassen können, aus denen sich die Differenzierungen ergeben; er wird dann eine Landschaft von einer anderen Landschaft, ein Feld von dem anderen unterscheiden; aber dies ist, wir wiederholen es, das Überflüssige an der Wahrnehmung und nicht das Notwendige. Man wird einwenden, daß wir das Problem nur zurückschieben, daß wir den Prozeß, durch den die Ähnlichkeiten hervorheben und die Arten sich bilden, einfach ins Unbewußte verlegen. Aber wir verlegen nichts ins Unbewußte, aus dem sehr einfachen Grunde, weil es nach unserer Meinung keine Arbeit psychischer Natur ist, welche hier die Ähnlichkeit herausschält: diese Ähnlichkeit wirkt objektiv wie eine Kraft und ruft Reaktionen hervor, die identisch sind dank dem rein physikalischen Gesetze, daß gleiche Gesamtwirkungen auf gleiche Grundursachen zurückgehen. Weil die Salzsäure immer in der gleichen Weise auf den kohlensauren Kalk wirkt, er sei nun Marmor oder Kreide, wird man deshalb annehmen müssen, daß die Säure in den verschiedenen Arten die charakteristischen Züge einer Gattung unterscheidet? Nun, es besteht kein wesentlicher Unterschied zwischen dem Prozeß, durch den die Säure ihre Base aus dem Salze zieht, und der Tätigkeit der Pflanze, die aus dem verschiedensten Boden immer die gleichen Elemente herauszieht, die ihr zur Nahrung dienen sollen. Machen wir nun einen Schritt weiter und stellen wir uns ein rudimentäres Bewußtsein vor, wie vielleicht das der Amöbe, die sich im Wassertropfen bewegt: das Tierchen wird die Ähnlichkeit und nicht den Unterschied der verschiedenen organischen Substanzen empfinden, welche es sich assimilieren kann. Kurz, wir können vom Mineral zur Pflanze, von der Pflanze zu den einfachsten bewußten Wesen, vom Tier zum Menschen die Entwicklung des Prozesses verfolgen, durch den die Dinge und die Wesen aus ihrer Umgebung herausgreifen, was sie anzieht, was sie praktisch interessiert, ohne daß sie es nötig hätten zu abstrahieren, einfach weil die übrige Umgebung sie nichts angeht: diese Identität der Rückwirkung auf Wirkungen, die nur oberflächlich verschieden sind, ist der Keim, welchen das menschliche Bewußtsein zu Allgemeinbegriffen entwickelt.

Man bedenke einmal die Bestimmung unseres Nervensystems, wie sie sich aus seinem Bau zu ergeben scheint. Wir sehen da sehr verschiedene Wahrnehmungsapparate, welche alle durch Vermittlung der Zentren mit denselben motorischen Apparaten verbunden sind. Die Empfindung ist unbeständig; sie kann die verschiedensten Nuancen annehmen; der motorische Mechanismus dagegen, sobald er einmal ausgebildet, montiert ist, funktioniert ein für alle Mal in derselben Weise. Man mag also Wahrnehmungen so verschieden als möglich in ihren Oberflächeneinzelheiten annehmen: wenn sie sich in dieselben motorischen Reaktionen fortsetzen, wenn der Organismus ihnen dieselben nützlichen Wirkungen entnehmen kann, wenn sie dem Körper dieselbe Haltung aufprägen, so wird etwas Gemeinsames daraus hervorgehen, und der Allgemeinbegriff wird so gefühlt und erlebt sein, bevor er vorgestellt wird. – Und damit sind wir nun endlich aus dem Kreise heraus, in dem wir zuerst eingeschlossen schienen. Um zu verallgemeinern, sagten wir, muß man die Ähnlichkeiten abstrahieren, aber um die Ähnlichkeit nutzbringend herauszuschälen, muß man vorher zu verallgemeinern wissen. In Wahrheit gibt es keinen Kreis, weil die Ähnlichkeit, von der der Geist ausgeht, wenn er zuerst abstrahiert, nicht jene Ähnlichkeit ist, bei der er anlangt, wenn er bewußt verallgemeinert. Die Ähnlichkeit, von der er ausgeht, ist eine gefühlte, erlebte, oder wenn man will, eine automatisch gespielte. Die Ähnlichkeit, bei der er endet, ist eine intellektuell wahrgenommene oder gedachte. Und im Verlaufe dieses Prozesses bilden sich durch die doppelte Arbeit des Verstandes und des Gedächtnisses die Wahrnehmung der Individuen und die begriffliche Erfassung der Arten, indem das Gedächtnis den spontan abstrahierten Ähnlichkeiten Unterschiede aufpfropft, der Verstand aus der Gewohnheit der Ähnlichkeiten den klaren Begriff der Allgemeinheit herausschält. Dieser Allgemeinheitsbegriff war ursprünglich nichts weiter als unser Bewußtsein von einer Identität der Haltung in einer Mannigfaltigkeit von Situationen; er war einfach die Gewohnheit, die sich aus der Sphäre der Bewegungen zur Sphäre des Gedankens erhob. Indes, von den Arten, die so mechanisch durch die Gewohnheit skizziert waren, sind wir durch eine über diesen Prozeß selbst vollzogene Arbeit der Reflexion übergegangen zum Allgemeinbegriff der Art; und nachdem dieser Begriff einmal gebildet war, haben wir, und diesmal freiwillig, eine unbeschränkte Zahl allgemeiner Begriffe gebildet. Es ist hier nicht von Belang, dem Verstände bei dieser Bildung im einzelnen nachzugehen. Beschränken wir uns darauf auszusprechen, daß der Verstand in Nachahmung der Arbeit der Natur seinerseits künstliche motorische Apparate montiert hat, welche, an Zahl beschränkt, einer unbeschränkten Menge individueller Gegenstände antworten sollen: die Gesamtheit dieser Mechanismen ist die artikulierte Rede.

Es ist übrigens nicht die Meinung, daß diese beiden divergenten Geistestätigkeiten, deren eine Individuen unterscheidet und deren andere Arten bildet, die gleiche Arbeit erforderten und mit gleicher Schnelligkeit vor sich gingen. Die erste, welche nur der Vermittlung des Gedächtnisses bedarf, vollzieht sich vom Beginn unserer Erfahrung an; die zweite wird ins Unendliche fortgesetzt, ohne jemals fertig zu werden. Die erste endet mit der Bildung fester Bilder, die ihrerseits im Gedächtnis aufgespeichert werden; die zweite bildet Vorstellungen, die unbeständig und vergänglich sind. Bleiben wir bei diesem letzten Punkte stehen. Wir berühren hier ein wesentliches Phänomen des Geisteslebens.

Das Wesen des Allgemeinbegriffes besteht nämlich darin, daß er sich ohne Unterlaß zwischen der Sphäre der Tätigkeit und der Sphäre des reinen Gedächtnisses hin und her bewegt. Gehen wir noch einmal auf das früher entworfene Schema zurück. In S ist die gegenwärtige Wahrnehmung, die ich von meinem Körper, d. h. von einem gewissen sensorischmotorischen Gleichgewicht habe. An der Oberfläche der Basis A B sollen meine Erinnerungen in ihrer Totalität angeordnet sein. In dem so bestimmten Kegel wird der Allgemeinbegriff fortwährend zwischen der Spitze S und der Basis A B hin und her schwingen. In S würde er die ganz klar bestimmte Form einer körperlichen Haltung oder eines gesprochenen Wortes annehmen; in A B würde er das nicht weniger bestimmte Gesicht der tausend individuellen Bilder annehmen, in die sich ihre zerbrechliche Einheit auflösen würde. Deshalb wird eine Psychologie, welche sich an das Fertige hält, welche nur Dinge kennt und die Prozesse übersieht, von dieser Bewegung nur die Endpunkte bemerken, zwischen denen sie hin und her schwingt; sie wird den Allgemeinbegriff einmal mit der Tätigkeit, die ihn spielt, oder dem Worte, das ihn bezeichnet, zusammenfallen lassen und ein andermal wieder mit den mannigfaltigen zahllosen Bildern, welche ihr Äquivalent im Gedächtnis sind. In Wahrheit aber entschlüpft uns der Allgemeinbegriff sofort, wenn wir ihn an einem dieser Endpunkte festlegen wollen. Er besteht in dem doppelten Strom, der von einem zum anderen geht – immer bereit, sich in gesprochene Worte zu kristallisieren oder in Erinnerungen zu verflüchtigen.

Das kommt darauf hinaus, daß es zwischen den durch den Punkt S dargestellten sensorisch-motorischen Mechanismen und der in A B angeordneten Totalität der Erinnerungen, wie wir schon im vorhergehenden Kapitel andeuteten, Platz gibt für tausend und abertausend Wiederholungen unseres seelischen Lebens, die wir durch ebensoviele Schnitte A' B', A'' B'' u.s.w. desselben Kegels darstellen.

.

Wir neigen dazu, uns in A B zu zerstreuen, je mehr wir uns von unserem sensorisch-motorischen Zustand losmachen, um ein Leben des Traumes zu leben; wir neigen dazu, uns in S zu konzentrieren, je fester wir uns an die gegenwärtige Realität anschließen, indem wir auf sensorische Reize mit motorischen Reaktionen antworten. Tatsächlich bindet sich das normale Ich niemals an eine dieser extremen Stellungen; es bewegt sich zwischen ihnen, nimmt abwechselnd die durch die Schnitte A' B' usw. angedeuteten Stellungen ein oder, mit anderen Worten, gibt seinen Vorstellungen gerade genug vom Bilde und gerade genug vom Begriff, damit sie zur gegenwärtigen Tätigkeit nutzbringend beitragen können.

 

Aus dieser Auffassung des niederen Geisteslebens lassen sich die Gesetze der Ideenassoziation ableiten. Aber bevor wir diesen Punkt erörtern, wollen wir zuerst die Unzulänglichkeit der gangbaren Assoziationstheorien nachweisen.

Daß jede im Geiste auftauchende Vorstellung eine Beziehung der Ähnlichkeit oder der räumlich-zeitlichen Nachbarschaft mit dem vorhergehenden geistigen Zustand hat, ist unbestreitbar; aber eine solche Feststellung sagt uns nichts über den Mechanismus der Assoziation, ja sie sagt uns in Wahrheit überhaupt nichts. Man würde vergeblich nach zwei Vorstellungen suchen, die nicht untereinander irgendeinen ähnlichen Zug hätten oder sich nicht irgendwo berührten. Handelt es sich um die Ähnlichkeit: so groß auch die Unterschiede sein mögen, welche zwei Bilder trennen, man wird immer, wenn man nur weit genug zurückgeht, eine gemeinsame Art finden, zu der sie gehören, und folglich auch eine Ähnlichkeit, die ihnen als Bindestrich dient. Wendet man sich der räumlich-zeitlichen Nachbarschaft, der Kontiguität, zu: eine Wahrnehmung A ruft, wie wir weiter oben ausführten, »nach räumlich-zeitlicher Nachbarschaft« ein früheres Bild B nur dann wach, wenn es uns zuvor ein Bild A' erinnert, welches ihm ähnlich ist, denn nicht die Wahrnehmung A, sondern eine Erinnerung A' berührt in Wirklichkeit B im Gedächtnis. Wie weit man also auch die beiden Termini A und B voneinander annimmt, es kann sich zwischen ihnen immer eine Beziehung der Kontiguität einstellen, wenn der eingeschaltete Terminus A' mit A eine genügend entfernte Ähnlichkeit hat. Das kommt darauf hinaus, daß es zwischen zwei beliebigen zufällig ausgewählten Vorstellungen immer Ähnlichkeit und wenn man will auch immer Kontiguität gibt, sodaß durch die Entdeckung einer Beziehung der Kontiguität oder der Ähnlichkeit zwischen zwei einander folgenden Vorstellungen noch durchaus keine Erklärung dafür gegeben ist, warum die eine die andere hervorruft.

Die eigentliche Frage ist, zu wissen, wie die Auswahl unter einer Unendlichkeit von Erinnerungen, welche alle von irgendeiner Seite der gegenwärtigen Wahrnehmung ähnlich sind, sich vollzieht und warum eine einzige unter ihnen, und gerade nur diese, an das Licht des Bewußtseins auftaucht. Aber auf diese Frage kann der Assoziationismus nicht antworten, weil er die Vorstellungen und Bilder zu unabhängigen Wesenheiten erhoben hat, welche gleich den Atomen des Epikur in einem inneren Raume schweben, sich einander nähern und aneinander festhaken, wenn der Zufall sie in die gegenseitige Anziehungssphäre bringt. Und wenn man der Lehre in diesem Punkte auf den Grund ginge, würde sich herausstellen, daß ihr Irrtum darin besteht, die Vorstellungen zu sehr zu intellektualisieren, ihnen eine rein spekulative Funktion zuzuweisen, zu glauben, daß sie nur ihretwegen und nicht unseretwegen da sind, und die Beziehung zu verkennen, in welcher sie zur Aktivität des Wollens stehen. Wenn die Erinnerungen gleichgültig in einem trägen und amorphen Bewußtsein herumirren, ist kein Grund, warum die gegenwärtige Wahrnehmung irgendeine von ihnen vorzugsweise an sich ziehen solle: ich kann also nur das Zusammentreffen konstatieren, wenn es sich schon vollzogen hat, und von Ähnlichkeit und Kontiguität sprechen – was im Grunde auf eine vage Anerkennung der Tatsache hinausläuft, daß die Bewußtseinszustände gewisse Wahlverwandtschaften untereinander haben.

Aber auch für diese Affinität, welche unter der zwiefachen Form der Kontiguität und der Ähnlichkeit auftritt, hat der Assoziationismus keine Erklärung. Die allgemeine Tendenz, sich zu assoziieren, bleibt in dieser Lehre ebenso dunkel wie die besonderen Formen der Assoziation. Nachdem der Assoziationismus die individuellen Erinnerungsbilder zu fertigen Dingen erhoben hat, zu festen Gegebenheiten im Ablaufe unseres geistigen Lebens, ist er gezwungen, zwischen diesen Gegenständen geheimnisvolle Anziehungen anzunehmen, von denen man nicht einmal, wie bei der physikalischen Anziehung, im voraus sagen kann, in welchen Erscheinungen sie sich offenbaren werden. Warum sollte auch ein Bild, das – so ist doch die Annahme – sich selbst genügt, nach einer Verbindung mit anderen, ähnlichen oder räumlich-zeitlich benachbarten, trachten? Doch in Wahrheit ist dies unabhängige Bild ein künstliches und spätes Produkt des Geistes. Tatsächlich nehmen wir die Ähnlichkeiten vor den sich ähnelnden Individuen wahr, und in einem Aggregat kontingierender Teile das Ganze vor den Teilen. Wir gehen von der Ähnlichkeit zu den ähnlichen Gegenständen, indem wir auf die Ähnlichkeit, als den gemeinsamen Kanevas, die Mannigfaltigkeit der individuellen Verschiedenheiten sticken. Und ebenso gehen wir vom Ganzen zu den Teilen durch eine Auflösungsarbeit, deren Gesetz wir später aufweisen werden und welche darin besteht, die Kontinuität des Wirklichen zur größeren Bequemlichkeit des praktischen Lebens zu zerstückeln. Nicht die Assoziation also ist das Ursprüngliche; wir beginnen mit einer Dissoziation, und die Tendenz jeder Erinnerung, sich mit anderen zu verbinden, erklärt sich aus einer natürlichen Rückwendung des Geistes zur ungeteilten Einheit der Wahrnehmung.

Aber wir entdecken hier das Grundübel des Assoziationismus. Setzen wir eine gegenwärtige Wahrnehmung als gegeben, die nacheinander mit verschiedenen Erinnerungen verschiedene Assoziationen bildet, so gibt es, sagten wir, zwei Wege, den Mechanismus dieser Assoziation zu verstehen. Man kann annehmen, daß die Wahrnehmung mit sich identisch bleibt als ein regelrechtes psychisches Atom, welches andere, wenn sie an ihm vorbeiziehen, sich angliedert. Dies ist der Standpunkt des Assoziationismus. Aber es gibt noch einen anderen, und den haben wir bei unserer Theorie des Wiedererkennens eingenommen. Wir nahmen an, daß unsere ganze Persönlichkeit mit der Totalität unserer Erinnerungen ungeteilt in unsere gegenwärtige Wahrnehmung eingeht. Wenn nun die Wahrnehmung jeweils verschiedene Erinnerungen hervorruft, so geschieht dies nicht durch mechanische Angliederung immer zahlreicherer Elemente, welche sie, selbst unbeweglich, um sich heranzieht, sondern durch eine Ausweitung unseres ganzen Bewußtseins, welches dadurch, daß es sich über eine größere Oberfläche verbreitert, seinen inneren Reichtum detaillierter herausstellen kann. So löst sich eine Nebelmasse, durch immer stärkere Teleskope gesehen, in eine immer größere Zahl von Sternen auf. In der ersten Hypothese (welche nichts weiter für sich hat als eine scheinbare Einfachheit und die Analogie mit einem falsch verstandenen Atomismus) bildet jede Erinnerung ein selbständiges und erstarrtes Wesen, von dem man weder begreift, warum es sich andere anzugliedern strebt, noch wie es zwischen tausend gleichberechtigten Erinnerungen, die es sich kraft einer Kontiguität oder einer Ähnlichkeit assoziieren will, die Wahl treffen kann. Man muß annehmen, daß die Vorstellungen durch Zufall aneinanderstoßen oder daß geheimnisvolle Kräfte zwischen ihnen walten, und behält doch das Zeugnis des Bewußtseins gegen sich, das uns niemals psychische Tatsachen zeigt, die unabhängig umherschweben. In der zweiten Hypothese wird lediglich die Solidarität der psychischen Tatsachen konstatiert, die dem unmittelbaren Bewußtsein als eine Gesamtheit gegeben sind, als ein unteilbares Ganzes, das erst durch das Denken in distinkte Fragmente zerlegt wird. Dann bleibt nicht mehr der Zusammenhang der inneren Zustände zu erklären, sondern die zwiefache Bewegung der Kontraktion und Expansion, durch welche das Bewußtsein die Entfaltung seines Inhaltes einengt oder erweitert. Diese Bewegung läßt sich aber, wie wir nachweisen werden, aus den fundamentalen Lebensbedürfnissen ableiten; und es ist dann auch leicht begreiflich, warum die »Assoziationen«, welche wir im Laufe dieser Bewegung zu bilden scheinen, alle möglichen Grade der räumlich-zeitlichen Nachbarschaft und der Ähnlichkeit durchlaufen.

Nehmen wir einmal einen Augenblick an, daß unser psychisches Leben auf die sensorisch-motorischen Funktionen allein reduziert sei. Mit anderen Worten, versetzen wir uns in der schematischen Figur, die wir auf S. 158 gegeben haben, in den Punkt S, welcher der größtmöglichen Vereinfachung unseres geistigen Lebens entsprechen würde. In diesem Zustande setzt sich alle Wahrnehmung von selbst in geeignete Reaktionen fort, denn die analogen früheren Wahrnehmungen haben mehr oder weniger verwickelte Apparate eingerichtet, die nur auf die Wiederholung desselben Anrufs warten, um in Tätigkeit zu treten. Nun gibt es in diesem Mechanismus eine Assoziation nach der Ähnlichkeit, da die gegenwärtige Wahrnehmung kraft ihrer Ähnlichkeit mit den vergangenen Wahrnehmungen wirkt, und es gibt da ebenso eine Assoziation nach der Kontiguität, da die auf die alten Wahrnehmungen folgenden Bewegungen sich wieder einstellen und sogar eine unendliche Anzahl von Bewegungen, der ersten koordiniert, im Gefolge haben können. Wir fassen hier also die Assoziation nach der Ähnlichkeit und nach der Kontiguität an ihrem Ausgangspunkte und fast miteinander verschmolzen – gewiß nicht insofern sie gedacht werden, sondern insofern sie gespielt und erlebt werden. Sie sind also nicht zufällige Formen unseres Seelenlebens. Sie vertreten die beiden sich ergänzenden Seiten ein und derselben Grundtendenz, der Tendenz jeglichen Organismus, jeder gegebenen Lage ihr Nützliches zu entnehmen und die eventuelle Reaktion als motorische Gewohnheit aufzuspeichern, um sie in Lagen gleicher Art dienstbar werden zu lassen.

Versetzen wir uns nun mit einem Sprung in den anderen Endpunkt unseres Geisteslebens. Gehen wir unserem Verfahren gemäß von der nur »gespielten« psychischen Existenz zu der ausschließlich »geträumten« über. Versetzen wir uns mit anderen Worten in die Basis A B des Gedächtnisses (S.158), wo alle Ereignisse unseres abgelaufenen Lebens mit ihren geringsten Einzelheiten eingetragen sind. Ein Bewußtsein, von der Tätigkeit abgelöst und so die Totalität seiner Vergangenheit im Auge behaltend, hätte gar keinen Grund, sich auf einen Teil dieser Vergangenheit mehr zu richten als auf einen anderen. Im einen Sinne würden sich alle seine Erinnerungen von seiner aktuellen Wahrnehmung unterscheiden, denn wenn man sie mit der Mannigfaltigkeit ihrer Einzelheiten nimmt, sind nicht zwei Erinnerungen identisch. Aber in einem anderen Sinne könnte jede beliebige Erinnerung der gegenwärtigen Lage angenähert werden: es genügte dazu, in der Wahrnehmung und in der Erinnerung genügend Einzelheiten zu unterdrücken, damit allein die Ähnlichkeit hervorträte. Übrigens würden sich, wenn die Erinnerung einmal an die Wahrnehmung angeschlossen ist, zugleich eine Menge der Erinnerung benachbarter Geschehnisse an die Wahrnehmung hängen – eine unendliche Menge, die erst da ihre Grenze fände, wo es einem gut schiene sie zu beschränken. Die Bedürfnisse des Lebens fehlen hier, um die Wirkung der Ähnlichkeit und folglich der Kontiguität zu regeln, und da im Grunde sich alles ähnelt, so folgt, daß auch alles einander assoziiert werden kann. Vorher setzte sich die aktuelle Wahrnehmung in bestimmte Bewegungen fort; jetzt löst sie sich in eine Unendlichkeit von gleich möglichen Erinnerungen auf. In A B bewirkt also die Assoziation eine willkürliche Wahl, in S einen notwendigen Schritt.

Aber dies sind nur zwei Grenzfälle, an die sich der Psychologe der Bequemlichkeit der Untersuchung wegen abwechselnd zu halten hat und die in der Wirklichkeit nie realisiert werden. Man findet, wenigstens beim Menschen, keinen rein sensorisch-motorischen Zustand und ebensowenig ein rein imaginatives Leben ohne ein gewisses Substrat von Aktivität. Unser normales Seelenleben schwingt, sagten wir, zwischen diesen beiden äußersten Punkten hin und her. Einerseits gibt der sensorisch-motorische Zustand S dem Gedächtnis die Orientierung, er stellt ja im Grunde nur den aktuellen und aktiven Grenzfall des Gedächtnisses dar; und andererseits führt dieses Gedächtnis selbst mit der Totalität unserer Vergangenheit einen Vorstoß aus, um den größtmöglichen Teil seiner selbst der gegenwärtigen Tätigkeit einzufügen. Aus dieser zwiefachen Tendenz entspringt jeden Augenblick eine unendliche Menge möglicher Zustände des Gedächtnisses, welche wir in unserem Schema mit den Schnitten A' B', A'' B'' usw. bezeichnet haben. Es sind, wie wir sagten, ebensoviele Wiederholungen unseres ganzen vergangenen Lebens. Doch jeder dieser Schnitte ist mehr oder minder umfassend, je nachdem er der Basis oder der Spitze näher liegt; und ferner, jede dieser vollständigen Vorstellungen unserer Vergangenheit führt nur das zum Lichte des Bewußtseins, was sich dem sensorisch-motorischen Zustande einfügen kann, folglich das, was der gegenwärtigen Wahrnehmung vom Standpunkte der auszuführenden Handlung ähnlich ist. Mit anderen Worten, das vollständige Gedächtnis antwortet dem Anruf eines gegenwärtigen Zustandes mit zwei gleichzeitigen Bewegungen, einer der Translation, mit der es geschlossen der Erfahrung entgegengeht und sich im Hinblick auf die Handlung mehr oder minder zusammenzieht, ohne sich zu teilen, und einer anderen der Rotation um sich selbst, durch welche es sich auf die momentane Lage hinorientiert, um ihr die nützlichste Seite zuzuwenden. Diesen verschiedenen Graden der Kontraktion entsprechen die verschiedenen Formen der Assoziation nach der Ähnlichkeit.

Alles vollzieht sich demnach so, als ob unsere Erinnerungen unendliche Male in diesen tausend und aber tausend möglichen Reduktionen unseres vergangenen Lebens wiederholt würden. Sie nehmen eine banalere Form an, wenn das Gedächtnis sich enger zusammenzieht, eine persönlichere, wenn es sich weitet, und sie treten so zu einer unbeschränkten Menge von verschiedenen »Systematisationen« zusammen. Ein Wort einer fremden Sprache, das mein Ohr trifft, kann mich an diese Sprache im allgemeinen denken machen oder aber an eine Stimme, welche sie einstmals auf eine gewisse Art aussprach. Diese beiden Ähnlichkeitsassoziationen sind nicht dem zufälligen Eintreffen zweier verschiedener Vorstellungen zuzuschreiben, die von ungefähr nacheinander in die Anziehungssphäre der aktuellen Wahrnehmung eingeführt würden. Sie entsprechen zwei verschiedenen geistigen Dispositionen, zwei verschiedenen Spannungsgraden des Gedächtnisses, hier dem reinen Bilde näherliegend, dort mehr der unmittelbaren Erwiderung, d. h. der Tätigkeit, zuneigend. Diese Systeme zu klassifizieren, die Gesetze zu erforschen, welche sie mit den verschiedenen »Tonarten« unseres geistigen Lebens verbinden, nachzuweisen, wie jede dieser Tonarten ihrerseits durch die Erfordernisse des Augenblicks sowohl als auch durch den wechselnden Grad unserer persönlichen Anspannung bestimmt ist, wäre ein schwieriges Unternehmen: diese ganze Psychologie muß erst geschaffen werden, und wir wollen für den Augenblick nicht einmal den Versuch dazu machen. Aber jeder von uns fühlt wohl, daß diese Gesetze bestehen und daß es feste Beziehungen dieser Art gibt. Wir wissen z. B., wenn wir einen psychologischen Roman lesen, daß gewisse Vorstellungsassoziationen, die man uns schildert, wahr sind, daß sie erlebt sein können; andere dagegen ärgern uns oder geben uns nicht den Eindruck der Wirklichkeit, weil wir darin die Wirkung einer mechanischen Verbindung der verschiedenen Schichten des Geistes fühlen, als ob der Autor sich nicht auf der einmal gewählten Ebene des geistigen Lebens zu halten verstanden hätte. Das Gedächtnis hat also wohl seine aufeinanderfolgenden und deutlich unterschiedenen Grade der Spannung und Vitalität, die zweifellos schwer zu definieren sind, die aber der Maler der Seele nicht straflos durcheinander mischen darf. Die Pathologie bestätigt uns hier übrigens, freilich an groben Beispielen, eine Wahrheit, die uns allen im Instinkt liegt. In den »systematisierten Amnesien« der Hysteriker z. B. sind die scheinbar aufgehobenen Erinnerungen in Wirklichkeit gegenwärtig; aber sie sind wahrscheinlich alle mit einer gewissen bestimmten Tonart intellektueller Vitalität verknüpft, in die der Patient sich nicht mehr hineinfinden kann.

Wenn es so eine unendliche Anzahl verschiedener Ebenen gibt für die Assoziation nach der Ähnlichkeit, so ist dies auch der Fall für die Assoziation nach der Kontiguität. In der äußersten Ebene, welche die Basis des Gedächtnisses darstellt, gibt es keine Erinnerung, die nicht durch Kontiguität mit der Totalität der vorausgehenden und auch der nachfolgenden Ereignisse verbunden wäre. Wohingegen in dem Punkte, in welchem sich unsere Tätigkeit im Raume konzentriert, die Kontiguität nur die einer früheren ähnlichen Wahrnehmung unmittelbar in Form einer Bewegung folgende Reaktion herbeiführt. Tatsächlich impliziert jede Assoziation nach der Kontiguität eine geistige Lage zwischen diesen beiden äußersten Grenzen. Wenn man auch hier eine Menge möglicher Wiederholungen der Totalität unserer Erinnerungen annimmt, so muß jedes dieser Exemplare unseres abgelaufenen Lebens sich auf seine Art in bestimmte Abschnitte zerlegen, und die Art der Teilung wird beim Übergang von einem Exemplar zum anderen nicht dieselbe sein, weil jedes von ihnen jeweils durch die Art der herrschenden Erinnerungen charakterisiert wird, an welche die übrigen Erinnerungen sich wie an Stützpunkte anlehnen. Je mehr man sich z. B. der Tätigkeit nähert, um so näher kommt die Kontiguität der Ähnlichkeit und um so mehr unterscheidet sie sich von einer einfachen chronologischen Folgebeziehung: deshalb wird man von den Worten einer fremden Sprache, wenn sie einander im Gedächtnis wachrufen, nicht sagen können, ob sie sich nach der Ähnlichkeit oder nach der Kontiguität assoziieren. Je mehr wir uns dagegen von der wirklichen oder möglichen Tätigkeit abwenden, um so mehr neigt die Assoziation nach der Kontiguität dazu, einfach die aufeinanderfolgenden Bilder unseres vergangenen Lebens zu reproduzieren. Es ist unmöglich, diese verschiedenen Systeme hier einer näheren Erörterung zu unterziehen. Es genüge, festzustellen, daß diese Systeme nicht aus nebeneinandergestellten Erinnerungen, als aus ebenso vielen Atomen, gebildet sind. Es finden sich immer einige herrschende Erinnerungen, leuchtende Punkte, um welche die übrigen einen vagen Nebel bilden. Diese leuchtenden Punkte vermehren sich in dem Maße, wie unser Gedächtnis sich erweitert. Der Vorgang der Lokalisation einer Erinnerung in der Vergangenheit z. B. besteht durchaus nicht darin, wie man angenommen hat, daß man in die Masse unserer Erinnerungen wie in einen Sack greift, um daraus einander immer näherliegende Erinnerungen herauszuziehen, unter welchen die zu lokalisierende Erinnerung ihren Platz fände. Durch welch glücklichen Zufall sollten wir die Hand auf eine wachsende Zahl gerade der zwischengeschalteten Erinnerungen legen? Die Arbeit der Lokalisation besteht in Wirklichkeit in einem wachsenden Bestreben der Expansion, durch welches das Gedächtnis, immer in seiner Ganzheit sich selbst gegenwärtig, seine Erinnerungen auf eine immer größere Oberfläche ausdehnt und so schließlich in einem bis dahin verworrenen Haufen die Erinnerung unterscheidet, welche ihren Platz nicht wiederfinden konnte. Auch hier gibt uns überdies die Pathologie des Gedächtnisses lehrreiche Aufklärung. Bei der retrograden Amnesie sind die aus dem Bewußtsein verschwundenen Erinnerungen wahrscheinlich in den fernen Ebenen des Gedächtnisses erhalten, und der Patient kann sie dort kraft einer außergewöhnlichen Anstrengung, wie es die hypnotische ist, wiederfinden. Diese Erinnerungen haben aber gewissermaßen in den unteren Ebenen auf das herrschende Bild gewartet, an das sie sich anlehnen könnten. Irgendeine plötzliche Erschütterung, irgendeine heftige Erregung kann das entscheidende Ereignis sein, dem sie sich anhängen; und wenn dieses Ereignis sich auf Grund seiner Plötzlichkeit von unserer übrigen Geschichte loslöst, werden sie ihm in die Vergessenheit folgen. Man versteht also, daß das einem physischen oder moralischen Choc folgende Vergessen die unmittelbar vorhergehenden Ereignisse einbegreift – eine Erscheinung, die bei allen anderen Auffassungen des Gedächtnisses sehr schwer zu erklären ist. Eine Bemerkung im Vorbeigehen: wenn man den nahen, ja den relativ fernen Erinnerungen irgendein solches Warten nicht zuschreiben will, so wird die normale Arbeit des Gedächtnisses unverständlich. Denn jedes Ereignis, dessen Erinnerung sich dem Gedächtnis eingeprägt hat, sei es noch so simpel, hat eine gewisse Zeit beansprucht. Die Wahrnehmungen, welche den ersten Abschnitt dieses Intervalls erfüllt haben und welche jetzt mit den nachfolgenden Wahrnehmungen eine ungeteilte Erinnerung bilden, waren also tatsächlich »in der Schwebe«, solange das entscheidende Moment des Ereignisses sich noch nicht eingestellt hatte. Zwischen dem Verschwinden einer Erinnerung mit ihren verschiedenen vorläufigen Einzelheiten und der durch retrograde Amnesie hervorgerufenen Aufhebung einer größeren oder geringeren Anzahl von vor einem gegebenen Ereignis liegenden Erinnerungen besteht also nur ein einfacher Unterschied des Grades und nicht des Wesens.

 

Aus diesen verschiedenen Betrachtungen über das niedrige Geistesleben ergibt sich eine gewisse Auffassung des intellektuellen Gleichgewichts. Dieses Gleichgewicht kann augenscheinlich nur durch die Verwirrung der Elemente, welche ihm als Stoff dienen, gestört werden. Es kann sich hier nicht darum handeln, an die Probleme der Pathologie des Geistes heranzutreten; wir können sie indessen auch nicht ganz umgehen, da wir die genaue Beziehung zwischen Geist und Körper zu bestimmen versuchen.

Wir nahmen an, daß der Geist unaufhörlich das Intervall zwischen seinen beiden äußersten Grenzen, der Ebene der Tätigkeit und der Ebene des Traumes, durchläuft. Handelt es sich darum, einen Entschluß zu fassen: indem er die Totalität seiner Erfahrung zu dem, was wir seinen Charakter nennen, zusammenfaßt und organisiert, läßt er sie zu Taten konvergieren, in denen zusammen mit der Vergangenheit, die ihnen als Stoff dient, die unvorhergesehene Form, welche die Persönlichkeit ihnen aufprägt, sichtbar wird; die Tat ist aber nur dann ausführbar, wenn sie sich der gegenwärtigen Lage einfügt, d. h. der Summe von Umständen, die aus einer gewissen bestimmten Stellung des Körpers in Raum und Zeit entspringt. Handelt es sich um eine geistige Arbeit, einen Begriff zu bilden, eine mehr oder minder allgemeine Idee aus der Mannigfaltigkeit der Erinnerungen herauszuziehen: da ist der Phantasie einerseits und andererseits dem logischen Unterscheidungsvermögen ein großer Spielraum gelassen; aber die Idee muß, um lebensfähig zu sein, mit irgendeiner Seite die gegenwärtige Wirklichkeit berühren, d. h. sie muß stufenweise und durch fortschreitende Verminderung oder Kontraktion ihrer selbst ebensogut mehr oder minder durch den Körper gespielt wie durch den Geist vorgestellt werden können. So ist unser Körper mit den Empfindungen, welche er erhält, und den Bewegungen, welche er auszuführen fähig ist, das was unsern Geist festigt, was ihm Gegen- und Gleichgewicht gibt. Die Aktivität des Geistes überragt unendlich weit die Masse der angehäuften Erinnerungen, wie diese Masse der Erinnerungen wiederum unendlich weit die Empfindungen und Bewegungen der gegenwärtigen Stunde überragt; aber diese Empfindungen und Bewegungen bedingen das, was man die Aufmerksamkeit auf das Leben nennen könnte, und deshalb hängt bei der normalen Arbeit des Geistes alles von ihrer Kohäsion ab, wie bei einer Pyramide, die auf der Spitze stehen soll.

Man werfe nur einen Blick auf die feine Struktur des Nervensystems, wie es sich uns durch die letzten Entdeckungen darstellt. Man glaubt überall nur Leiter, nirgends Zentren zu sehen. Aneinandergefügte Fäden, deren Enden sich zweifellos nähern, wenn der Strom hindurchgeht, das ist alles, was man sieht. Und vielleicht ist das alles, was da ist, wenn es sich bewahrheitet, daß der Körper nur der Treffpunkt der empfangenen Reize und der ausgeführten Bewegungen ist, wie wir dies im ganzen Verlauf unserer Arbeit angenommen haben. Aber diese Fäden, welche aus der äußeren Umgebung Erschütterungen und Reize aufnehmen und in Form von geeigneten Reaktionen wieder zurückgeben, diese so kunstgerecht von Peripherie zu Peripherie gespannten Fäden verbürgen eben durch die Festigkeit ihrer Verbindungen und die Exaktheit ihrer Kreuzungen das sensorisch-motorische Gleichgewicht des Körpers, d. h. seine Anpassung an die gegenwärtige Lage. Man lockere diese Spannung oder hebe dieses Gleichgewicht auf, und alles wird so vor sich gehen, als ob die Aufmerksamkeit sich vom Leben abgewendet hätte. Traum und Wahnsinn scheinen nichts anderes zu sein.

Wir sprachen eben von der kürzlich aufgestellten Hypothese, welche den Schlaf einer Unterbrechung des Zusammenhanges zwischen den Neuronen zuschreibt. Wenn man nun auch diese Hypothese nicht annimmt (die jedoch durch merkwürdige Erfahrungen bestätigt wird), so muß man doch während des tiefen Schlafes eine wenn auch nur funktionelle Unterbrechung der im Nervensystem bestehenden Verbindung zwischen dem Reiz und der motorischen Reaktion annehmen. So daß der Traum immerhin der Zustand eines Geistes wäre, bei dem die Aufmerksamkeit nicht durch das sensorisch-motorische Gleichgewicht des Körpers fixiert würde. Und es erscheint immer wahrscheinlicher, daß diese Abspannung des Nervensystems der Vergiftung seiner Elemente zuzuschreiben ist, welche durch die nicht ausgeschiedenen Produkte ihrer normalen Tätigkeit im Wachzustande hervorgerufen wird. Der Traum gleicht nun in allem dem Wahnsinn. Nicht allein finden sich alle psychischen Symptome des Wahnsinns im Traume wieder – in solchem Grade, daß der Vergleich dieser beiden Zustände banal geworden ist –, sondern der Wahnsinn scheint ebenfalls seinen Ursprung in einer zerebralen Erschöpfung zu haben, welche wie die normale Ermüdung durch Anhäufung gewisser spezifischer Gifte in den Elementen des Nervensystems verursacht ist. Diese Ansicht ist kürzlich von verschiedenen Autoren entwickelt worden. Man findet eine sehr systematische Darstellung darüber in der Arbeit von Cowles: The Mechanism of Insanity. (American Journal of Insanity, 1890/91.) Es ist bekannt, daß der Wahnsinn oft im Gefolge infektiöser Krankheiten auftritt und daß man auf dem Wege des Experimentes mittels gewisser Gifte alle Phänomene des Wahnsinns erzeugen kann. Man sehe besonders Moreau de Tours: Du hachisch, Paris 1845.. Ist es nun nicht wahrscheinlich, daß der Bruch des geistigen Gleichgewichtes beim Wahnsinn ganz einfach von einer Störung der im Organismus hergestellten sensorisch-motorischen Beziehungen verursacht wird? Diese Störung würde ausreichen, eine Art psychischen Schwindels zu erzeugen und so Gedächtnis und Aufmerksamkeit den Kontakt mit der Wirklichkeit verlieren zu lassen. Man lese die Beschreibungen, welche gewisse Verrückte von dem Beginn ihrer Krankheit geben: man wird finden, daß sie oft eine Empfindung der Befremdung oder wie sie sagen der »Nicht-Wirklichkeit« haben, als ob die wahrgenommenen Dinge für sie ihr Relief und ihre Festigkeit verlören. Ball, Leçons sur les maladies mentales. Paris 1890. S. 608ff. Wenn unsere Analysen richtig sind, besteht tatsächlich das konkrete Gefühl, das wir von der gegenwärtigen Wirklichkeit haben, in unserem Bewußtsein von den wirklichen Bewegungen, mit denen unser Organismus von Natur aus auf Reize antwortet – so daß dort, wo die Verbindungen zwischen Empfindungen und Bewegungen sich entspannen oder verderben, der Sinn für das Wirkliche sich abschwächt oder verschwindet. Vgl. eine sehr merkwürdige Analyse: Visions, a Personal Narrative (Journal of mental science, 1896. S. 284).

Es wären hier übrigens eine Menge von Unterscheidungen zu machen, nicht allein zwischen den verschiedenen Arten von Wahnsinn, sondern auch zwischen dem eigentlichen Wahnsinn und jenen Spaltungen der Persönlichkeit, deren merkwürdige Verwandtschaft mit dem Wahnsinn eine neuere Psychologie aufgezeigt hat. S. o. S. 139. Pierre Janet, Les accidents mentaux, Paris 1894. S. 292 ff.

In diesen Erkrankungen der Persönlichkeit scheinen ganze Gruppen von Erinnerungen sich vom zentralen Gedächtnis abzulösen und auf ihren Zusammenhang mit den übrigen zu verzichten. Aber es ist sehr selten, daß man dann nicht gleichzeitig Spaltungen der Gefühls- und Bewegungsfähigkeit beobachtet. Pierre Janet, L'automatisme psychologique, Paris 1889, S. 95 ff. Wir können nicht umhin, in diesen letzten Erscheinungen das eigentliche materielle Substrat der ersten zu sehen. Wenn es wahr ist, daß unser intellektuelles Leben ganz und gar auf seiner Spitze ruht, d. h. auf den sensorisch-motorischen Funktionen, durch welche es sich der gegebenen Wirklichkeit einfügt, dann wird das intellektuelle Gleichgewicht auf verschiedene Weise gestört werden können, je nachdem diese Funktionen auf die eine oder die andere Art gestört sind. Nun gibt es außer den Verletzungen, welche die allgemeine Vitalität der sensorisch-motorischen Funktionen angreifen und dadurch das, was wir den Wirklichkeitssinn nannten, schwächen oder aufheben, andere, welche sich als eine jetzt nicht mehr dynamische, sondern mechanische Schwächung dieser Funktionen bemerkbar machen, als ob gewisse sensorisch-motorische Zusammenhänge sich einfach von den übrigen abtrennten. Ist unsere Hypothese begründet, so muß das Gedächtnis in diesen beiden Fällen in sehr verschiedener Weise in Mitleidenschaft gezogen werden. Im ersten Falle wird keine Erinnerung abgetrennt sein, aber alle Erinnerungen werden weniger Gewicht haben, weniger sicher auf die Wirklichkeit gerichtet sein, woraus sich eine regelrechte Störung des geistigen Gleichgewichts ergibt. Im zweiten Falle wird das Gleichgewicht nicht gestört sein, aber es verliert an Zusammengesetztheit. Die Erinnerungen behalten ihr normales Aussehen, geben aber teilweise ihren Zusammenhang auf, weil ihre sensorisch-motorische Basis anstatt sozusagen chemisch verändert, mechanisch verringert ist. Weder im einen noch im anderen Falle sind übrigens die Erinnerungen direkt angegriffen oder verletzt.

 

Die Ansicht, daß der Leib Erinnerungen in Form von zerebralen Vorrichtungen aufbewahrt, daß die Verluste und Verminderungen des Gedächtnisses in der mehr oder minder völligen Zerstörung jener Mechanismen, die Exaltation des Gedächtnisses und die Halluzination dagegen in einer Übersteigerung ihrer Tätigkeit bestehen, wird also weder durch logischen Beweis noch durch die Tatsachen bestätigt. In Wahrheit gibt es nur einen einzigen Fall, wo die Beobachtung diese Ansicht zunächst nahezulegen scheint: wir meinen die Aphasie oder allgemeiner die Störungen des auditiven oder visuellen Wiedererkennens. Dies ist der einzige Fall, wo man der Krankheit einen festen Sitz in einer bestimmten Gehirnwindung zuschreiben kann; aber gerade bei diesem Falle liegt keine mechanische und sofort endgültige Losreißung dieser oder jener Erinnerungen vor, sondern vielmehr eine graduelle und funktionelle Schwächung der Gesamtheit des beteiligten Gedächtnisses. Und wir haben nachgewiesen, wie die Hirnverletzung eine solche Abschwächung verursachen kann, ohne daß man deshalb in irgendeiner Weise einen Vorrat von im Gehirn angehäuften Erinnerungen anzunehmen brauchte. Wirklich angegriffen sind hier die dieser Klasse der Wahrnehmungen entsprechenden sensorischen und motorischen Sphären und insonderheit die dazu gehörigen Regionen, kraft deren sie von innen her in Gang gebracht werden können, sodaß die Erinnerung keinen Anhaltspunkt mehr findet und schließlich praktisch machtlos wird. Machtlosigkeit aber bedeutet in der Psychologie: Unbewußtheit. In allen anderen Fällen wirkt die beobachtete oder angenommene, niemals deutlich lokalisierte Verletzung durch die Störung, welche sie in die Gesamtheit der sensorisch-motorischen Zusammenhänge hineinbringt, sei es daß sie diese Masse beschädigt oder daß sie sie zerbricht: daher eine Störung oder eine Vereinfachung des geistigen Gleichgewichtes und als Gegenspiel die Unordnung oder Abtrennung der Erinnerungen. Die Lehre, welche aus dem Gedächtnis eine unmittelbare Funktion des Gehirns macht, eine Lehre, welche unlösbare theoretische Schwierigkeiten erzeugt, eine Lehre, deren Verwickeltheit aller Einbildungskraft spottet und deren Resultate mit den Gegebenheiten der inneren Beobachtung unvereinbar sind, kann also nicht einmal auf die Unterstützung der Gehirnpathologie rechnen. Alle Tatsachen und alle Analogien sprechen zugunsten einer Theorie, welche im Gehirn nur einen Vermittler zwischen den Empfindungen und den Bewegungen sieht, welche die Gesamtheit dieser Empfindungen und Bewegungen als die äußerste Spitze des geistigen Lebens gelten läßt, als die Spitze, welche sich fortwährend dem Gewebe der Ereignisse einfügt; eine Theorie, welche, indem sie dem Körper einzig die Funktion zuspricht, das Gedächtnis auf die Wirklichkeit zu richten und es mit der Gegenwart in Verbindung zu setzen, dieses Gedächtnis selbst als absolut unabhängig von der Materie betrachtet. In diesem Sinne trägt das Gehirn wohl dazu bei, die nützliche Erinnerung ins Gedächtnis zurückzurufen, mehr aber noch, alle anderen vorläufig auszuschalten. Wir können nicht einsehen, wie das Gedächtnis in der Materie wohnen sollte; aber wir können wohl verstehen, wie – nach einem tiefen Wort eines zeitgenössischen Philosophen – »die Materialität in uns das Vergessen zeitigt«. Ravaisson, La Philosophie en France au XIX 6. siècle 3. éd. S. 176.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.