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Materie und Gedächtnis

Henri Bergson: Materie und Gedächtnis - Kapitel 4
Quellenangabe
typetractate
authorHenri Bergson
titleMaterie und Gedächtnis
publisherEugen Diederichs in Jena
printrunZweites bis viertes Tausend
year1919
translatorJulius Frankenberger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131021
projectideaa98375
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II. Vom Wiedererkennen der Bilder. Gedächtnis und Gehirn

Sprechen wir gleich die Konsequenzen aus, die sich für die Theorie des Gedächtnisses aus unseren Prinzipien ergeben. Wir sagten, daß der Leib, zwischen die Objekte gestellt, mit denen er in Wechselwirkung steht, nur ein Leiter sei, der Bewegungen aufzunehmen und, falls er sie nicht inhibiert, an gewisse motorische Mechanismen weiterzugeben hat, die entweder von vornherein feststehen, wenn nämlich die Handlung eine reflektorische, oder frei gewählt werden, wenn sie eine willkürliche ist. Alles muß sich also so vollziehen, als ob ein unabhängiges Gedächtnis die Bilder sammle, wie sie im Laufe der Zeit hervortreten, und als ob unser Leib mit allem, was ihn umgibt, stets nur eines aus der Zahl dieser Bilder sei, das letzte gewissermaßen, das wir aber in jedem Moment aufzeigen können, wenn wir in dem allgemeinen Strom des Werdens einen Momentschnitt machen. In der Ebene dieses Schnittes nimmt unser Leib das Zentrum ein. Die Dinge, die um ihn sind, wirken auf ihn ein, und er wirkt mit Taten auf sie. Die Kompliziertheit und Variabilität seiner Reaktionen richtet sich nach Zahl und Art der Mechanismen und Apparate, die von der Erfahrung in seiner Substanz montiert worden sind. Der Leib vermag also die Taten der Vergangenheit in Form, motorischer Vorrichtungen, aber auch nur in dieser Form aufzuspeichern. Daraus folgt, daß die vergangenen Bilder selbst, als Bilder, in anderer Weise erhalten werden, daß wir also als erste Hypothese formulieren können:

I. Das Vergangene lebt in zwei verschiedenen Formen fort: erstens in motorischen Mechanismen; zweitens in unabhängigen Erinnerungen.

Dann muß aber die praktische, folglich normale Tätigkeit des Gedächtnisses, die Nutzbarmachung vergangener Erfahrung für das gegenwärtige Tun, mit einem Worte das Wiedererkennen auf zweierlei Weise vor sich gehen. Einmal wird es sich im einfachen Ablaufe der Handlung vollziehen, durch die automatische Auslösung eines den Umständen angepaßten Mechanismus; das andere Mal wird dazu eine Arbeit des Geistes gehören, der die Vorstellungen, die sich in die vorliegende Situation am besten eingliedern, in der Vergangenheit aufsuchen wird, um sie auf die Gegenwart zu richten. Daraus folgt unser zweiter Satz:

II. Das Wiedererkennen eines gegenwärtigen Objektes geschieht durch Bewegungen, wenn es vom Objekt ausgeht, durch Vorstellungen, wenn es aus dem Subjekt hervorgeht.

Allerdings tut sich eine letzte Frage auf: wie sich jene Vorstellungen erhalten und in welchen Beziehungen sie zu den motorischen Mechanismen stehen. Wir werden diese Frage gründlich erst in unserem nächsten Kapitel behandeln, wenn wir vom Unbewußten gehandelt und gezeigt haben, worin im Grunde der Unterschied zwischen Vergangenheit und Gegenwart besteht. Aber schon jetzt können wir vom Leibe als der vorrückenden Grenze zwischen Zukunft und Vergangenheit sprechen, der vordringenden Spitze, die unsere Vergangenheit unaufhörlich in unsere Zukunft stößt. Betrachtet man ihn als vereinzelten Moment, so ist mein Leib nur wie eine Leiter zwischen die Objekte gestellt, mit denen er in Wechselwirkung steht. Versetzt man ihn dagegen zurück in den Fluß der Zeit, so steht er immer genau da, wo meine Vergangenheit sich in eine Tat löst. Folglich stehen jene besonderen Bilder, die ich Gehirnmechanismen nenne, in jedem Augenblick am Ende der Reihe meiner vergangenen Vorstellungen, sind ihr letzter Ausläufer in die Gegenwart, der Punkt ihrer Berührung mit dem Wirklichen, d. h. mit der Tat. Man löse diese Berührung, und das vergangene Bild wird vielleicht nicht zerstört sein, aber man hat ihm jede Möglichkeit genommen, auf die Realität zu wirken und folglich, wie wir noch zeigen werden, sich zu realisieren. In diesem und nur in diesem Sinne kann durch die Verletzung des Gehirns etwas aus dem Gedächtnis entfernt werden. Hieraus ergibt sich unser dritter und letzter Satz:

III. Von den zeitlich angeordneten Erinnerungen vollzieht sich ein unmerklicher Übergang zu den Bewegungen, durch die sich, sei es in Ansätzen oder als Möglichkeiten, die Erinnerungen in räumliche Handlung umsetzen. Verletzungen des Gehirns können zwar diese Bewegungen, aber nicht die Erinnerungen affizieren.

Es fragt sich nun, ob die Erfahrung diese drei Sätze bestätigt.

I. Die beiden Formen des Gedächtnisses. – Ich will ein Gedicht auswendig lernen und dazu lese ich es erst einmal Zeile für Zeile mit deutlicher Betonung; dann wiederhole ich es mir etliche Male. Bei jedem neuen Hersagen vollzieht sich ein Fortschritt, die Worte verbinden sich immer besser, bis sie schließlich ein zusammenhängendes Ganzes bilden. Genau in diesem Augenblicke kann ich mein Gedicht auswendig; man sagt dann, das Gedicht ist Erinnerung geworden, es hat sich meinem Gedächtnis eingeprägt.

Ich untersuche nun im einzelnen, wie das Auswendiglernen des Gedichts vor sich gegangen ist, und vergegenwärtige mir zu dem Zweck die verschiedenen Phasen, die ich nacheinander durchlaufen habe. Jede einzelne Wiederholung stellt sich mit ihrer individuellen Besonderheit in meinem Geiste wieder ein. Ich sehe sie unter denselben Begleiterscheinungen wieder vor mir, in denen sie damals auftrat und von denen sie auch jetzt umrahmt wird; sie unterscheidet sich von den vorhergehenden und den nachfolgenden schon durch die Stelle, die sie in der Zeit einnimmt; kurz, jede einzelne Wiederholung zieht wieder an mir vorüber als ein bestimmtes Ereignis meiner Geschichte. Man wird auch hier sagen, daß diese Bilder Erinnerungen sind, daß sie sich meinem Gedächtnis eingeprägt haben. Man gebraucht dieselben Ausdrücke in beiden Fällen. Handelt es sich auch um dieselbe Sache?

Die Erinnerung an das auswendig gelernte Gedicht hat alle Merkmale einer Gewohnheit. Wie jede Gewohnheit wurde sie durch Wiederholung derselben Handlung erworben. Wie jede Gewohnheit erforderte sie erst eine Zerlegung der ganzen Arbeit, dann die Wiederzusammenfügung der Teile. Und wie jede gewohnheitsmäßige Übung des Körpers hat sie sich schließlich in einem Mechanismus niedergeschlagen, den ein einziger Anstoß ganz zum Ablauf bringen kann, in einem geschlossenen System automatischer Bewegungen, die in einer bestimmten Ordnung und innerhalb einer bestimmten Zeit aufeinander folgen. Im Gegensatz hierzu trägt die Erinnerung an eine einzelne Wiederholung beim Auswendiglernen, an die zweite oder dritte zum Beispiel, kein einziges Merkmal der Gewohnheit. Ihr Bild muß sich gleich beim erstenmal dem Gedächtnis eingeprägt haben, da ja doch die weiteren Lesungen schon der Definition nach neue, andere Erinnerungen ergeben. Sie ist wie ein Ereignis meines Lebens; es ist ihr wesentlich, daß sie genau datiert ist, sich also nicht wiederholen kann. Alles, was die späteren Wiederholungen ihr etwa hinzufügen könnten, würde nur ihr ursprüngliches Wesen verändern; und wenn es mir auch mit jedem Male leichter wird, jenes Bild zu reproduzieren, so ist doch das Bild selbst, an und für sich betrachtet, notwendigerweise von Anfang an gewesen, was es immer sein wird.

Man könnte einwenden, daß diese beiden Erinnerungen, an die Wiederholung und an das Gedicht, sich nur quantitativ unterscheiden, daß bei jeder Wiederholung das neue Bild sich auf die alten legt und daß das schließlich gelernte Gedicht das durch Übereinanderlagerung aller einzelnen Bilder entstandene Gesamtbild ist. Fraglos unterscheidet sich jede spätere Wiederholung von der vorhergehenden besonders dadurch, daß das Gedicht besser gekonnt wird. Aber ebenso gewiß ist, daß eine jede Wiederholung, sieht man in ihr einen neuen Akt und nicht das immer besser gelernte Gedicht, sich völlig selbst genügt, unverändert fortbesteht und mit allen gleichzeitigen Wahrnehmungen ein originelles Moment meiner Geschichte darstellt. Man kann sogar noch weiter gehen und sagen, daß das Bewußtsein uns zwischen diesen beiden Arten der Erinnerung einen tiefgehenden Unterschied, einen Unterschied des Wesens, offenbart. Die Erinnerung an eine einzelne Wiederholung ist eine Vorstellung und nur eine Vorstellung; sie wird von mir in einer Anschauung, die beliebig lang oder kurz sein kann, intuitiv erfaßt; ich verfüge von mir aus über ihre Dauer; nichts hindert mich, sie mit einem Blick wie ein Gemälde zu überschauen. Im Gegensatz dazu erfordert die Erinnerung an das gelernte Gedicht, auch wenn ich es mir nur innerlich aufsage, eine ganz bestimmte Zeit, dieselbe, welche nötig ist, um alle nötigen Artikulationsbewegungen, wenn auch nur in der Einbildung, nacheinander zu vollziehen; sie ist also keine Vorstellung mehr, sondern eine Tat. Und gewiß trägt das einmal gelernte Gedicht kein einziges Merkmal an sich, das seine Ursprünge verriete und es in die Vergangenheit einreihte; es ist ein Teil meiner Gegenwart geworden, wie meine Gewohnheit zu gehen oder zu schreiben, es wird mehr erlebt und »getan« als vorgestellt; ich würde es am Ende für angeboren halten, wenn ich mir nicht gleichzeitig als lauter Einzelvorstellungen die aufeinanderfolgenden Wiederholungen vergegenwärtigen könnte, die mir zum Auswendiglernen gedient haben. Diese Vorstellungen bestehen also für sich und wie sie dem Erlernen und Hersagen des Gedichts vorausgegangen sind, so können sie, nun das Gedicht einmal erlernt ist, entbehrt werden.

Man kann diese fundamentale Unterscheidung zu Ende denken und sich zwei theoretisch voneinander unabhängige Gedächtnisse vorstellen. Das erste würde in Form von Erinnerungsbildern alle Ereignisse unseres täglichen Lebens, wie sie sich nacheinander abspielen, registrieren; es würde nicht die mindeste Einzelheit vergessen; jede Tatsache, jede Gebärde behielte es mit Ort und Datum. Ohne Hintergedanken an Nützlichkeit oder praktische Verwendbarkeit würde es die Vergangenheit aus bloßer natürlicher Notwendigkeit aufspeichern. Es würde die intelligente oder vielmehr intellektuelle Wiedererkennung einer früher erlebten Wahrnehmung möglich machen; es käme uns immer zu Hilfe, wenn wir, um ein bestimmtes Bild zu suchen, den Abhang unseres vergangenen Lebens zurückgehen müssen. Aber jede Wahrnehmung ist werdende Tätigkeit; und während die einmal wahrgenommenen Bilder sich in diesem Gedächtnis befestigen und einreihen, hinterlassen die Bewegungen, die aus ihnen hervorgehen, im Organismus Veränderungen und schaffen so im Körper neue Dispositionen des Handelns. Auf diese Weise bildet sich eine Erfahrung ganz anderer Art, die sich im Körper niederschlägt, eine Reihe funktionsbereiter Mechanismen mit immer zahlreicheren und mannigfaltigeren Reaktionen auf die äußeren Reize, mit fertigen Antworten auf die unaufhörlich wachsende Menge möglicher Interpellationen. Wir werden uns dieser Mechanismen in dem Augenblick bewußt, wo sie in Aktion treten, und dieses Bewußtsein einer in der Gegenwart aufgespeicherten Vergangenheit von Handlungen ist allerdings auch ein Gedächtnis, aber ein von jenem ersten durchaus verschiedenes Gedächtnis, immer auf Tätigkeit gestellt, in der Gegenwart zu Hause und nur auf die Zukunft gerichtet. Von der Vergangenheit bewahrt es nur, in intelligenter Verknüpfung, die Bewegungen, die die Anhäufung des vergangenen Tuns darstellen; es findet in sich die Taten der Vergangenheit nicht, als Erinnerungsbilder vor, in denen es sie wieder aufleben lassen könnte, sondern als das streng geordnete System von Bewegungen, die sich aktuell vollziehen. Genau gesagt, es stellt unsere Vergangenheit nicht mehr vor, es spielt sie, es imaginiert sie nicht, es agiert sie, und wenn es überhaupt noch den Namen Gedächtnis verdient, so nicht, weil es uns alte Bilder aufbewahrt, sondern weil es ihre Resultate bis in den gegenwärtigen Augenblick hinein zu nützlicher Wirkung lebendig hält.

Von diesen beiden Gedächtnissen, deren eines vorstellt und deren anderes wiederholt, kann das zweite das erste vertreten, ja es kann sogar das erste zu sein scheinen. Wenn ein Hund seinen Herrn mit freudigem Gebell und Zärtlichkeiten empfängt, so erkennt er ihn ohne Zweifel wieder; aber bedeutet dieses Wiedererkennen das Reproduzieren eines vergangenen Bildes und die Vereinigung dieses Bildes mit der gegenwärtigen Wahrnehmung? Besteht es nicht vielmehr in einem Bewußtsein, das dem Tier aus einer eigentümlichen, seinem Körper vertrauten Haltung kommt, einer Haltung, die seine vertraulichen Beziehungen zu seinem Herrn allmählich in ihm herausgebildet haben und die jetzt die bloße Wahrnehmung seines Herrn bei ihm mechanisch auslöst? Doch gehen wir nicht zu weit. Selbst bei dem Tiere werden vielleicht vage Bilder der Vergangenheit in die gegenwärtige Wahrnehmung hineinreichen; ja man könnte sich denken, daß seine ganze Vergangenheit virtuell in sein Bewußtsein eingezeichnet wäre; aber diese Vergangenheit interessiert es nicht genügend, um sie von der fascinierenden Gegenwart abzulösen, und deshalb ist sein Wiedererkennen mehr erlebt als gedacht. Um die Vergangenheit in Form eines Bildes wachzurufen, muß man vom gegenwärtigen Tun abstrahieren können, muß man dem Nutzlosen einen Wert geben können, muß man träumen wollen. Vielleicht ist nur der Mensch einer Leistung dieser Art fähig. Und selbst wenn wir uns so in der Vergangenheit noch einmal ergehen, so ist dieser Weg immer schlüpfrig und ungewiß, als ob diesem rückläufigen Gedächtnis immer das andere über den Weg liefe, das ursprünglicher, natürlicher ist und dessen vorwärtsstrebende Bewegung uns zum Handeln und Leben treibt.

Wenn die Psychologen in der Erinnerung so etwas wie eine Knickfalte sehen, einen Eindruck, der sich, indem er sich wiederholt, immer tiefer eingräbt, so vergessen sie, daß die überwiegende Mehrzahl unserer Erinnerungen auf solche kleine oder große Ereignisse unseres Lebens geht, denen es wesentlich ist, daß sie ein bestimmtes Datum tragen und folglich sich nie wiederholen. Die Erinnerungen, die man sich freiwillig durch Wiederholung aneignet, sind selten und bilden die Ausnahme. Dagegen vollzieht sich die Registrierung einmaliger Tatsachen und Bilder durch das Gedächtnis beständig und in jedem Augenblick. Da aber die erlernten Erinnerungen die nützlicheren sind, werden sie leichter bemerkt. Und da die Aneignung dieser Erinnerungen durch Wiederholung der gleichen Handlung dem wohlbekannten Vorgange der Gewohnheit ähnlich ist, so schiebt man gern diese Art Erinnerung in den Vordergrund, erhebt sie zum Typus der Erinnerung überhaupt und sieht dann in der spontanen Erinnerung nur noch das Anfangsstadium desselben Phänomens, den Anfang eines Auswendiglernens. Aber wie kann man sich der Einsicht verschließen, daß zwischen dem, was nur durch Wiederholung zustandekommt, und dem, was sich seinem Wesen nach nicht wiederholen kann, ein radikaler Unterschied besteht? Die selbsttätige Erinnerung ist sofort vollständig; die Zeit kann ihrem Bilde nichts hinzufügen, ohne es zu verfälschen; sie behält für das Gedächtnis ihre Bestimmtheit nach Ort und Datum. Dagegen hebt sich die erlernte Erinnerung umso mehr aus der Zeit heraus, je besser das Gedicht gekonnt wird; sie wird immer unpersönlicher, unserm vergangenen Leben immer fremder. Die Wirkung der Wiederholung besteht also durchaus nicht darin, daß die erste Art der Erinnerung in die zweite umgesetzt wird; ihre Aufgabe ist einfach, die Bewegungen, die aus der ersten hervorgehen, nutzbar zu verwenden, sie immer organischer zu verbinden und, indem sie einen Mechanismus montiert, eine körperliche Gewohnheit zu scharfen. Den Charakter der Erinnerung hat diese Gewohnheit nur deshalb, weil ich mich erinnere, sie erworben zu haben; und ich erinnere mich, sie erworben zu haben, nur weil ich an das spontane Gedächtnis appelliere, als welches sie Ereignisse datiert und sie als einmalige registriert. Von den beiden Gedächtnissen, die wir unterscheiden, erscheint also das erste doch wohl als das Gedächtnis par excellence. Das zweite, mit dem sich die Psychologen gewöhnlich abgeben, ist eher die Gewohnheit im Lichte des Gedächtnisses als das Gedächtnis selbst.

Allerdings ist das Beispiel von dem auswendig gelernten Gedicht ziemlich künstlich. Immerhin verläuft unsere Existenz innerhalb einer begrenzten Anzahl von Gegenständen, die mehr oder weniger oft an uns vorüberziehen: ein jeder von ihnen ruft in dem Augenblicke, wo er wahrgenommen wird, Bewegungen oder wenigstens Ansätze zu Bewegungen in uns hervor, durch die wir uns ihm anpassen. Diese Bewegungen schaffen sich, indem sie sich wiederholen, einen Mechanismus, gehen in den Zustand der Gewohnheit über und fixieren in uns bestimmte Haltungen, die durch eine Wahrnehmung der Dinge automatisch ausgelöst werden. Zu einer anderen Funktion ist, wie wir schon des öfteren sagten, unser Nervensystem schwerlich geschaffen. Die zuleitenden Nerven bringen dem Gehirn einen Reiz, der seinen Weg geschickt zu finden weiß und sich auf motorische Mechanismen überträgt, die die Wiederholung geschaffen hat. So ergibt sich die geeignete Reaktion, das Gleichgewicht mit dem Milieu, mit einem Wort die Anpassung, die allgemein Zweck des Lebens ist. Und ein lebendes Wesen, das nichts als leben wollte, hätte nichts weiter nötig. Aber während diese Prozesse der Wahrnehmung und Anpassung vor sich gehen, die auf die Aufbewahrung der Vergangenheit in Form motorischer Gewohnheiten hinauslaufen, hält zugleich, wie wir sehen werden, das Bewußtsein das Bild der einzelnen Situationen, die es nach und nach durchlaufen hat, fest und reiht sie in der Ordnung, in der sie einander gefolgt sind, ein. Wozu dienen diese Erinnerungsbilder? Werden sie nicht, wenn man sie im Gedächtnis aufbewahrt und wenn sie im Bewußtsein wieder auftauchen, den praktischen Charakter des Lebens verderben, werden sie nicht Traum in die Wirklichkeit mengen? So würde es ohne Zweifel sein, wenn nicht unser jeweiliges Bewußtsein, das ja genau die Anpassung unseres Nervensystems an die jeweilige Situation widerspiegelt, aus der Schar der vergangenen Bilder alle die ausschaltete, die sich in die gegenwärtige Wahrnehmung nicht einordnen und sich mit ihr nicht zu einem nützlichen Ganzen verbinden lassen. Höchstens daß dabei gewisse verworrene Erinnerungen, ohne Beziehung zur gegenwärtigen Lage, den Kern der nützlichen Bilder umspielen, ihn mit einem Saum von minderer Helligkeit umgeben, der sich in das unendliche Dunkel verliert. Tritt aber ein Umstand ein, der das vom Gehirn aufrecht erhaltene Gleichgewicht zwischen der äußeren Reizung und der motorischen Reaktion stört, läßt für einen Moment die Spannung der Fäden nach, die von der Peripherie über das Zentrum zur Peripherie gehen, sofort drängen jene verdunkelten Bilder ans Licht. Diese Bedingung ist ohne Zweifel gegeben, wenn wir im Schlafe träumen. Von den beiden Gedächtnissen, die wir unterschieden haben, muß also das zweite, das aktive oder motorische, beständig das erste zurückdämmen oder darf wenigstens von ihm nur annehmen, was die gegenwärtige Lage nutzbringend beleuchten und kompletieren kann: auf diese Weise wären die sogenannten Assoziationsgesetze zu erklären. – Aber unabhängig von den Diensten, die sie durch ihre Assoziation mit der gegenwärtigen Wahrnehmung leisten, haben die von dem spontanen Gedächtnis aufgespeicherten Bilder noch einen andern Wert. Sie sind ohne Zweifel traumhaften Charakters; ohne Zweifel erscheinen und verschwinden sie gewöhnlich ganz unabhängig von unserem Willen; gerade deshalb müssen wir eine Sache, die wir wirklich wissen und zu unserer Verfügung haben wollen, auswendig lernen, d.h. an Stelle des spontanen Bildes einen motorischen Mechanismus setzen, der es ersetzen kann. Aber durch eine Anspannung ganz bestimmter Art sind wir in der Lage, das Bild selbst für eine gewisse Zeit im Blickpunkt unseres Bewußtseins zu halten; und dank dieser Fähigkeit brauchen wir nicht die gelegentliche Wiederholung derselben Lage vom Zufall zu erwarten, wir können die Begleitbewegungen auch so zu einer Gewohnheit fest verbinden: wir bedienen uns des flüchtigen Bildes, um einen bleibenden Mechanismus zu konstruieren, durch den das Bild überflüssig wird. – Unsere Unterscheidung zweier unabhängiger Gedächtnisse ist also entweder unbegründet, oder wir müssen, wenn sie den Tatsachen entspricht, in der Mehrzahl der Fälle, wo das sensorisch-motorische Gleichgewicht des Nervensystems gestört ist, eine Steigerung des spontanen Gedächtnisses konstatieren können; im normalen Zustand dagegen eine Verdrängung aller spontanen Erinnerungen, soweit sie nicht dazu dienen, das jeweilige Gleichgewicht zu verbessern; in dem Vorgang endlich, in dem die Erinnerungsgewohnheit gebildet wird, die latente Mitwirkung des Erinnerungsgebildes. Werden die Tatsachen die Hypothese bestätigen?

Wir werden vorläufig weder auf den ersten noch auf den zweiten Punkt näher eingehen: wir hoffen, sie werden beide ganz deutlich werden, wenn wir die Gedächtnisstörungen und die Assoziationsgesetze untersuchen. Wir wollen erst einmal zeigen, wie die beiden Gedächtnisse beim Auswendiglernen Hand in Hand gehen und sich gegenseitig stützen. Daß die dem motorischen Gedächtnis eingeprägten Zusammenhänge sich automatisch wiederholen, lehrt die tägliche Erfahrung; die Beobachtung der pathologischen Fälle aber ergibt, daß der Automatismus dabei viel weiter reicht als wir denken. Man kennt Fälle, wo Wahnsinnige eine Reihe von Fragen ganz verständig beantworteten, ohne sie zu verstehen: die Sprache funktionierte bei ihnen reflexmäßig. Robertson, Reflex Speech (Journal of Mental Science, April 1888). Vgl. den Aufsatz von Ch. Féré: Le langage réflexe ( Revue Philosophique, Januar 1896). Apathische, die spontan kein Wort aussprechen können, erinnern sich, wenn sie eine Melodie singen, fehlerlos der Worte des Textes. Oppenheim, Über das Verhalten der musikalischen Ausdrucksbewegungen bei Apathischen ( Charité-Annalen XIII, 1888; S. 348 ff). Auch ein Gebet, eine Reihe von Zahlen oder die Wochentage und Monate des Jahres können sie ganz geläufig hersagen. Ibid. S. 365. So können Mechanismen von äußerster Kompliziertheit, die an Feinheit des Arbeitens den Intellekt zu erreichen scheinen, wenn sie einmal konstruiert sind, von selbst funktionieren, und folglich wird für gewöhnlich ein bloßer Anfangsantrieb des Willens genügen, um sie in Gang zu setzen. Aber was geschieht, indem sie konstruiert werden? Wenn wir z.B. ein Gedicht einüben, dann ist, auditiv oder visuell, das Gesamtbild, dessen Rekomposition unsere Bemühungen gelten, irgendwie schon unsichtbar in unserem Geiste gegenwärtig. Von dem ersten Hersagen an macht sich uns jeder Fehler, den wir begangen haben, durch ein vages Gefühl des Unbehagens bemerkbar, als erhielten wir eine Warnung aus den dunkeln Tiefen des Bewußtseins. Über dieses Irrtumsgefühl vergleiche man den Artikel von Müller und Schumann: Experimentelle Beiträge zur Untersuchung des Gedächtnisses ( Zeitschr. f. Psych. und Phys. der Sinnesorgane, Dez. 1893. S. 305). Konzentrieren wir uns auf das, was in uns vorgeht, so fühlen wir, daß das vollständige Bild da ist, aber ganz flüchtig, wie ein Phantom, das gerade in dem Augenblick entschwindet, wo unsere motorische Tätigkeit seine Umrisse fixieren will. Bei Gelegenheit von Versuchen, die zu übrigens ganz anderen Zwecken unternommen waren, W. G. Smith: The relation of attention to memory ( Mind, Jan. 1895). erklärten die Versuchspersonen, genau dieses Erlebnis zu haben. Man ließ während einiger Sekunden vor ihren Augen eine Reihe von Buchstaben erscheinen, die sie sich merken sollten. Aber damit sie nicht die wahrgenommenen Buchstaben durch die entsprechenden Artikulationsbewegungen akzentuierten, verlangte man, daß sie beim Anschauen des Bildes fortwährend eine bestimmte Silbe wiederholten. Daraus ergab sich ein eigentümlicher seelischer Zustand, indem sich die Personen vollständig im Besitz des Sehbildes fühlten, »ohne jedoch im gegebenen Augenblick auch nur den kleinsten Teil reproduzieren zu können: zu ihrem großen Erstaunen war die Zeile verschwunden. Nach Aussage des einen Beobachters lag eine Gesamtvorstellung zugrunde, eine Art Komplexvorstellung, die das Ganze umfaßte und die Teile in einer gefühlten aber schwer beschreibbaren Einheit enthielt«. According to one observer, the basis was a » Gesamtvorstellung«, a sort of all embracing complex idea in which the parts have an indefinitely felt unity (Smith, 1.c, S. 73).

Diese spontane Erinnerung, die hinter der erworbenen Erinnerung steckt, kann gelegentlich plötzlich aufzucken; bei der leisesten Regung des willkürlichen Gedächtnisses aber verschwindet sie. Die Buchstabenreihe, deren Bild die Person fest zu besitzen glaubte, verschwindet dann am sichersten, wenn sie sie wiederholen will: »diese Anstrengung scheint alles, was vom Bild noch übrig war, aus dem Bewußtsein zu vertreiben«. Sollte nicht etwas ähnliches auch in dem Zustande vor sich gehen, den die deutschen Forscher mit Dyslexie bezeichnen? Der Kranke liest die ersten Worte eines Satzes richtig, hält dann plötzlich unfähig fortzufahren, inne, als ob die Artikulationsbewegungen die Erinnerungen gehemmt hätten. Man vergleiche hierzu: Berlin, Eine besondere Art der Wortblindheit (Dyslexie), Wiesbaden 1887, und Sommer: Die Dyslexie als funktionelle Störung (Archiv für Psychiatrie, 1893). Wir können mit diesen Erscheinungen auch die eigentümlichen Fälle von Worttaubheit in Parallele stellen, wo der Kranke wohl das Sprechen anderer, aber nicht mehr sein eignes versteht (Siehe die Beispiele, die Bateman zitiert: On Aphasia, S. 200; Bernard, De l'Aphasie, Paris 1889, S. 143f.; und Broadbent: A case of peculiar affeetion of speech, Brain 1878/79 S. 484ff.). Untersucht man die Methoden der Mnemotechnik, so wird man finden, daß es das Ziel dieser Wissenschaft ist, die entgleitende spontane Erinnerung oben zu halten und sie als aktive Erinnerung unserer freien Verfügung zu unterstellen: zu dem Zweck unterdrückt man zunächst alle Ansätze zu motorischer Reproduktion. Die Fähigkeit der geistigen Photographie, sagt ein Autor, Mortimer Granville, Ways of remembering ( Lancet 27. September 1879, S. 458). kommt eher dem Unterbewußtsein als dem Bewußtsein zu; dem Willen steht sie nicht leicht zu Gebote. Um sie zu üben, muß man sich z. B. daran gewöhnen, mehrere Gruppen von Punkten auf einmal festzuhalten, ohne sie erst zählen zu wollen: Kay, Memory and how to improve it, New York 1888.: man muß gleichsam den Augenblickscharakter dieses Gedächtnisses nachahmen, wenn man es disziplinieren will. Und selbst dann bleibt es immer launenhaft in seinen Äußerungen, und da die Erinnerungen, die es herzuträgt, etwas vom Traum haben, würde das intellektuelle Gleichgewicht vermutlich eine tiefgehende Störung erleiden, wenn es häufiger in das geistige Leben eingriffe.

Was dieses Gedächtnis eigentlich ist, woher es stammt und wie es funktioniert, soll unser nächstes Kapitel zeigen. Vorläufig mag ein schematischer Begriff genügen. Wir können das Bisherige dahin zusammenfassen, daß die Vergangenheit sich, wie wir vermutet hatten, offenbar in zwei extremen Formen aufspeichert: einmal in den motorischen Mechanismen, durch die sie nutzbar gemacht wird, sodann in den persönlichen Erinnerungsbildern, die alle ihre Ereignisse mit Umrissen, Farbe und zeitlicher Bestimmtheit einzeichnen. Von diesen beiden Gedächtnissen liegt das erste in der allgemeinen Richtung der Natur; das zweite würde, bliebe es sich selbst überlassen, vielmehr die entgegengesetzte Richtung nehmen. Das erste, durch Arbeit erworbene, bleibt in Abhängigkeit von unserem Willen; das zweite, ganz unwillkürliche, ist im Behalten treu, aber im Reproduzieren launenhaft. Es kann dem ersten nur den einen Dienst regelmäßig und zuverlässig leisten: es kann ihm die Bilder dessen zeigen, was in analogen Situationen vorausgegangen und gefolgt ist, und damit seine Entscheidung erhellen: hierin besteht die Assoziation der Vorstellungen. Dies ist der einzige Fall, in dem das rückschauende Gedächtnis dem wiederholenden regelmäßig gehorcht. Überall sonst konstruieren wir lieber einen Mechanismus, der uns in den Stand setzt, bei Bedarf das Bild neu zu zeichnen, denn wir fühlen gar wohl, daß wir auf sein Wiedererscheinen nicht mit Sicherheit rechnen können. Das sind die beiden Formen des Gedächtnisses, als extreme, reine Fälle betrachtet.

Um es gleich zu sagen: weil man sich an die gewissermaßen unreinen Zwischenformen gehalten hat, hat man das wahre Wesen der Erinnerung verkennen müssen. Anstatt zunächst die beiden Elemente, Erinnerungsbild und Bewegung, voneinander zu trennen und dann die Vorgänge zu untersuchen, in deren Folge sie, ihre ursprüngliche Reinheit zum Teil aufgebend, allmählich ineinanderfließen, betrachtet man nur das komplexe Phänomen, das sich aus ihrer Verschmelzung ergeben hat. Dies komplexe Phänomen stellt sich von der einen Seite als motorische Gewohnheit, von der andern Seite als mehr oder weniger bewußt lokalisiertes Bild dar. Es soll aber durchaus ein einfaches Phänomen sein. Man muß also annehmen, daß der Mechanismus des Gehirns, des Rückenmarks oder des verlängerten Rückenmarks, welcher der motorischen Gewohnheit als Basis dient, gleichzeitig das Substrat des bewußten Bildes sei. Daher dann die seltsame Hypothese von Erinnerungen, die im Gehirn aufgespeichert seien, wie durch ein Wunder bewußt würden und uns in geheimnisvollem Gange in die Vergangenheit zurückführten. Einige freilich halten sich mehr an die bewußte Seite des Vorganges und möchten darin etwas anderes als ein Epiphänomenon sehen. Aber da sie nicht gleich zu Anfang jenes Gedächtnis, das die einzelnen Wiederholungen als einzelne Erinnerungsbilder in ihrer festen Reihenfolge aufbewahrt, vom andern getrennt haben, da sie es mit der Gewohnheit, die durch Übung vervollkommnet wird, zusammenwerfen, so glauben sie schließlich, die Wirkung der Wiederholung beziehe sich auf ein und dasselbe unteilbare Phänomen, das sich einfach durch Wiederholung verstärke: und da dieses Phänomen zuletzt fraglos nur eine motorische Gewohnheit ist und einen zerebralen oder sonst einen Mechanismus als Korrelat verlangt, so müssen sie wohl oder übel die Annahme machen, daß dem Bilde von allem Anfang an ein solcher Mechanismus zugrunde läge und daß das Gehirn ein Organ der Vorstellung sei. Wir wollen diese Zwischenformen näher ins Auge fassen und in einer jeden die Bewegungsansätze, das heißt den Anteil des Gehirns, und den Anteil des unabhängigen Gedächtnisses, das heißt die Erinnerungsbilder, aufweisen. Welches sind diese Formen? Einerseits sind sie, als motorische, laut unserer Hypothese Fortsetzungen einer aktuellen Wahrnehmung; andrerseits aber, als Bilder, reproduzieren sie vergangene Wahrnehmungen. Nun aber ist der konkrete Vorgang, durch den wir die Vergangenheit in der Gegenwart ergreifen, das Wiedererkennen. Wir werden also das Wiedererkennen zu untersuchen haben.

II. Vom Wiedererkennen im allgemeinen: Erinnerungsbilder und Bewegungen.

Es gibt zweierlei gebräuchliche Erklärungen für das Gefühl, daß einem etwas »bekannt vorkommt«. Die einen meinen, eine gegenwärtige Wahrnehmung wiedererkennen heiße, sie gedanklich in eine frühere Umgebung einfügen. Begegne ich einem Menschen zum erstenmal, so nehme ich ihn einfach wahr. Treffe ich ihn zum zweiten Male, so erkenne ich ihn wieder in dem Sinne, daß die Begleitumstände der ersten Wahrnehmung mir im Geiste wiederkommen und dem gegenwärtigen Bild einen Rahmen geben, der in der aktuellen Wahrnehmung nicht da ist. Wiedererkennen hieße demnach, eine gegenwärtige Wahrnehmung mit Bildern assoziieren, die früher einmal in Berührung mit ihr aufgetreten sind. Man vergleiche hierzu die systematische, experimentell gestützte Darlegung in den Aufsätzen von Lehmann: Über Wiedererkennen (Wundts Philos. Stadien V, 96 ff. u. VII, 169 ff.). Aber wie man mit Recht bemerkt hat, Pillon, La formation des idées abstraites ei générales (Crit. Philos. 1885, I, 208 ff.). – Vergl. Ward, Assimilation and Association of Mind, Juli 1893 und Oktober 1894), kann eine zweite Wahrnehmung die Begleitumstände der ersten nur dann wachrufen, wenn diese selbst zuvor durch den ihr ähnlichen gegenwärtigen Zustand geweckt worden ist. Die erste Wahrnehmung sei A; die Begleitumstände B, C, D seien durch Berührung mit ihr assoziiert. Bezeichnen wir dieselbe Wahrnehmung, wenn sie zum zweiten Male auftritt, mit A', so wird, da die Elemente B, C, und D mit A und nicht mit A' verbunden sind, eine Assoziation durch Ähnlichkeit zuerst A auftauchen lassen müssen, ehe B, G und D hervorgerufen werden können.

Man wird vergebens behaupten, A' sei identisch mit A. Die beiden, wenn auch ähnlichen Zustände sind numerisch unterschieden, zum mindesten scheidet sie die einfache Tatsache, daß A' eine Wahrnehmung, A nur noch eine Erinnerung ist. Die erste der beiden Interpretationen, die wir ankündigten, mündet damit in die zweite ein, der wir uns nun zuwenden.

Diesmal wird angenommen, daß die gegenwärtige Wahrnehmung immer in der Tiefe des Gedächtnisses nach dem Erinnerungsbild einer früheren, ähnlichen Wahrnehmung sucht: das Bekanntheitsgefühl ergäbe sich dann aus einer Nebeneinanderstellung oder Verschmelzung von Wahrnehmung und Erinnerung. Allerdings ist die Ähnlichkeit, wie man scharfsinnig bemerkt hat, Brochard, La loi de similarité, Revue Philosophique, 1880, IX, 258. In seinen Leçons de Philosophie. Bd. I, Psychologie, S. 187-192 schließt sich Rabier dieser Ansicht an. eine Beziehung, die der Geist zwischen Elementen stiftet, die er einander nahe bringt, also schon besitzt, so daß also die Wahrnehmung einer Ähnlichkeit eher Wirkung als Ursache der Assoziation ist. Aber neben dieser wohlumrissenen Ähnlichkeit, die dadurch zustande kommt, daß der Geist einen elementaren Bestandteil als beiden Vorstellungen gemeinsam apperzipiert, gibt es noch eine vage, gewissermaßen objektive Ähnlichkeit, die auf der Oberfläche der Bilder selbst ruht und fast wie eine physikalische Anziehungskraft wirken kann. Pillon, l.c. S. 207. – Vgl. James Sully, The Human Mind, London 1892, I, 331. Machen wir geltend, daß wir oft einen Gegenstand wiedererkennen, ohne daß es uns gelingt, ihn mit einem früheren Bilde zu identifizieren, so wird man sich mit der bequemen Hypothese von Gehirnspuren helfen, die sich decken, von Gehirnbewegungen, die durch Übung leichter werden, Höffding, Über Wiedererkennen, Assoziation und psychische Aktivität ( Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie 1889, S. 433). von Wahrnehmungszellen, die mit den Zellen, in denen die Erinnerungen ruhen, in Verbindung stehen. Munk, Über die Funktionen der Großhirnrinde, Berlin 1881, S. 108ff. In der Tat verlieren sich diese Theorien vom Wiedererkennen schließlich wohl oder übel in physiologische Hypothesen solcher Art. Sie wollen alles Wiedererkennen aus einem Zusammenrücken von Wahrnehmung und Erinnerung hervorgehen lassen; dagegen spricht aber die Aussage, der Erfahrung, daß in den meisten Fällen die Erinnerung erst dann hervortritt, wenn die Wahrnehmung wiedererkannt worden ist. Man muß also, was man zuerst für eine Assoziation von Vorstellungen ausgegeben hatte, als Kombination von Bewegungen oder als Zusammenhang von Zellen ins Gehirn verweisen und die Tatsache der Wiedererkennung – die für uns ganz klar liegt – durch die unserer Meinung nach recht dunkle Hypothese erklären, daß das Gehirn Vorstellungen aufspeichere.

Aber in Wirklichkeit genügt die Assoziation einer Wahrnehmung mit einer Erinnerung durchaus nicht, um den Vorgang der Wiedererkennung zu erklären. Denn wenn das Wiedererkennen so vor sich ginge, müßte es unmöglich geworden sein, sobald die früheren Bilder verschwunden sind, und immer stattfinden, solange sie erhalten sind. Die Seelenblindheit, d. h. die Unfähigkeit, wahrgenommene Gegenstände wieder zu erkennen, träte dann nie ohne Verlust des Seh-Gedächtnisses auf, und insbesondere müßte der Verlust des Seh-Gedächtnisses unausbleiblich Seelenblindheit zur Folge haben. Nun aber wird keine dieser beiden Konsequenzen durch die Erfahrung bestätigt. In einem von Wilbrand untersuchten Falle Die Seelenblindheit als Herderscheinung, Wiesbaden 1887, S. 56. konnte die Kranke mit geschlossenen Augen die Stadt beschreiben, in der sie wohnte, und sich in der Phantasie in ihr ergehen: trat sie aber auf die Straße, so schien ihr alles neu, sie erkannte nichts wieder und konnte sich nicht zurechtfinden; Ähnliche Fälle sind von Fr. Müller Ein Beitrag zur Kenntnis der Seelenblindheit ( Archiv für Psychiatrie, Bd. XXIV; 1892) und Lissauer Ein Fall von Seelenblindheit ( Archiv für Psychiatrie, 1889). beobachtet worden. Die Kranken sind imstande, das Bild eines Dinges, das man ihnen nennt, in sich hervorzurufen; sie können es recht gut beschreiben; zeigt man es ihnen, so erkennen sie es nicht wieder. Das Fortbestehen einer Seh-Erinnerung, selbst das bewußte, genügt also nicht zur Wiedererkennung einer ähnlichen Wahrnehmung. Umgekehrt war in dem von Charcot Bericht von Bernard: Un cas de suppression brusque et isolée de la vision mentale ( Progrès Médical, 21. Juli 1883). untersuchten, klassisch gewordenen Falle bei vollständigem Verschwinden der Seh-Bilder die Wiedererkennung der Wahrnehmungen nicht völlig aufgehoben. Man kann sich leicht davon überzeugen, wenn man den Bericht über diesen Fall genau nachliest. Der Patient erkannte zwar die Straßen seiner Heimatstadt nicht wieder, er konnte ihre Namen nicht mehr nennen und sich in ihnen nicht zurechtfinden; er wußte aber, daß es Straßen waren und daß er Häuser sah. Er kannte seine Frau und seine Kinder nicht wieder, konnte aber, als er sie sah, sagen, daß es eine Frau und Kinder waren. Dies alles wäre unmöglich gewesen, wenn es sich um Seelenblindheit im vollen Sinne gehandelt hätte. Nicht die allgemeine Fähigkeit der Wiedererkennung war aufgehoben, nur eine besondere Art, die wir noch zu untersuchen haben werden. Wir kommen zu dem Schluß, daß nicht jedes Wiedererkennen der Vermittlung eines früheren Bildes bedarf, und daß man andererseits solche Bilder hervorrufen kann, ohne daß es zu gelingen braucht, die Wahrnehmungen mit ihnen zu identifizieren. Was ist also eigentlich das Wiedererkennen, und wie soll man es definieren?

Da gibt es zunächst, als Grenzfall, eine augenblickliche Wiedererkennung, die der Körper ganz allein leistet, ohne daß geradezu eine Erinnerung eingriffe. Sie besteht in einer Handlung und nicht in einer Vorstellung. Nehmen wir ein Beispiel. Ich gehe zum erstenmal durch eine Stadt. An jeder Straßenecke zögere ich und weiß nicht, wohin ich gehe. Ich bin meiner nicht sicher, das heißt: mein Körper wird immer wieder vor Entscheidungen gestellt, mein ganzer Gang durch die Stadt hat keinen rechten Fluß, keine meiner Haltungen weist auf die nächste Bewegung hin, die ich machen werde. Nach einem längeren Aufenthalt in der Stadt werde ich mechanisch in ihr umhergehen, ohne die Gegenstände, an denen ich vorübergehe, deutlich wahrzunehmen. Zwischen diesen beiden extremen Zuständen, dem, wo die Wahrnehmung die erforderlichen Bewegungen noch nicht organisiert hat, und dem andern, wo diese Bewegungen so vollkommen organisiert sind, daß meine Wahrnehmung überflüssig geworden ist, gibt es nun einen Zwischenzustand, wo das Objekt noch apperzipiert wird, aber schon zusammenhängende, notwendig ineinander überleitende Bewegungen hervorruft. Am Anfang steht ein Zustand, in dem nur meine Wahrnehmung zu unterscheiden ist; am Ende ein Zustand, wo ich eigentlich nur von meinem Automatismus etwas weiß: dazwischen liegt ein Mischzustand, eine mit einem werdenden Automatismus unterbaute Wahrnehmung. Wenn nun die späteren Wahrnehmungen sich von der ersten dadurch unterscheiden, daß sie im Körper eine geeignete mechanische Reaktion anbahnen, wenn andererseits diese erneuten Wahrnehmungen für den Geist die eigentümliche charakteristische Note vertrauter oder wiedererkannter Wahrnehmungen bekommen, müssen wir dann nicht annehmen, daß der Grund für dieses Gefühl der Vertrautheit in dem Bewußtsein gut geregelter Begleitbewegungen, einer wohlorganisierten motorischen Reaktion liegt? So läge also dem Wiedererkennen ein Phänomen motorischer Art zugrunde.

Einen Gebrauchsgegenstand wieder kennen heißt im wesentlichen, sich seiner zu bedienen wissen. Das ist so augenfällig, daß die ersten Beobachter jener Erkrankung des Wiedererkennungsvermögens, die wir Seelenblindheit nennen, den Namen Apraxie gaben. Kußmaul, Die Störungen der Sprache, Leipzig 1877, S. 181. – Allen Starr, Apraxia and Aphasia (Medical Record, 27. Oktober 1888). – Vgl. Laquer, Zur Lokalisation der sensorischen Aphasie (Neurolog. Centralblatt, 15. Juni 1888) und Dodds, On some central affections of vision (Brain, 1885). Aber sich seiner zu bedienen wissen, heißt schon die zugehörigen Bewegungen andeuten, heißt eine gewisse Haltung annehmen oder wenigstens sie in Form von »Bewegungsantrieben«, wie die Deutschen es nennen, intentionieren.

Die Gewohnheit, das Objekt zu benützen, führt also schließlich dazu, daß Bewegungen und Wahrnehmungen sich zusammen organisieren, und somit läge das Bewußtsein dieser werdenden Bewegungen, welche die Wahrnehmung wie eine Art Reflex begleiten, auch hier dem Wiedererkennen zugrunde.

Es gibt keine Wahrnehmung, die sich nicht in Bewegung fortsetzte, Ribot Les mouvements et leur importance psychologique (Revue Philosophique 1879. Bd. VIII, S. 371 ff.) Vgl. Psychologie de l'Attention, Paris 1889, S. 75 (bei Félix Alcan). und Maudsley Physiology of Mind S. 206 ff. haben schon lange auf diesen Punkt aufmerksam gemacht. Die Erziehung der Sinne besteht recht eigentlich in der Herstellung fester Verbindungen zwischen dem Sinneseindruck und der Bewegung, die ihn auszunutzen vermag. Je öfter sich der Eindruck wiederholt, desto fester wird die Verbindung. Der Mechanismus dieses Vorgangs hat übrigens nichts Geheimnisvolles. Unser Nervensystem ist offenbar auf den Bau von Bewegungsapparaten eingerichtet, die durch Vermittlung der Zentren mit den Sinnesreizen verbunden sind, und die Diskontinuität der Nervenelemente, die Mannigfaltigkeit ihrer Verästelungen, deren Enden sich sicher bald so, bald so einander nähern können, lassen die Zahl der möglichen Verbindungen zwischen den Eindrücken und den entsprechenden Bewegungen ins Unbeschränkte wachsen. Solange aber die Mechanismen eben erst aufgebaut werden, müssen sie sich notwendig dem Bewußtsein anders darstellen, als wenn sie fertig sind. Die fertigen Bewegungssysteme des Organismus haben ihre eigentümliche und ganz unverkennbare Struktur. In der Hauptsache kommt sie wohl dadurch zustande, daß ihr Ablauf äußerst schwer zu modifizieren ist. Wir haben es hier wieder mit jener Präformation der folgenden Bewegungen in den vorhergehenden zu tun, infolge deren der Teil das Ganze virtuell enthält, wie etwa in einer Melodie, die man kann, wo jede Note gleichsam gespannt auf den richtigen Einsatz der folgenden wartet. In einem der geistvollsten Kapitel seiner Psychologie (Paris 1893. Bd. I, S. 242) sagt Fouillée, daß das Gefühl der Vertrautheit zum großen Teil in der Schwächung des inneren Chocs besteht, der das Wesen der Überraschung ausmacht. Wenn also jede gewohnte Wahrnehmung ihre organisierte Begleitbewegung hat, so hat das gewöhnliche Gefühl des Wiedererkennens seine Wurzel im Bewußtsein dieser Organisation.

Das heißt, daß wir gemeinhin unser Wiedererkennen erst spielen, ehe wir es denken. Unser tägliches Leben vollzieht sich zwischen Gegenständen, deren bloße Gegenwart für uns die Aufforderung enthält, in Aktion zu treten: das macht für uns ihre Vertrautheit aus. Uns das Gefühl des Wiedererkennens zu geben, werden also schon die Bewegungsantriebe genügen. Doch beeilen wir uns hinzuzufügen, daß meist noch etwas anderes hinzukommt.

Während sich nämlich unter dem Einfluß der vom Körper immer besser analysierten Wahrnehmungen die Bewegungsapparate im Organismus aufbauen, ist unser früheres Seelenleben auch noch da: es überdauert sich – wir werden das zu beweisen versuchen – mit all seinen einzelnen, zeitlich genau lokalisierten Begebenheiten. Durch das praktische, aufs Nützliche gerichtete Bewußtsein des gegenwärtigen Augenblickes, d. h. durch das sensorisch-motorische Gleichgewicht des zwischen Wahrnehmung und Handlung gespannten Nervensystems fortwährend gehemmt, wartet dieses Gedächtnis nur darauf, daß sich zwischen aktuellem Eindruck und begleitender Bewegung eine Spalte zeige, durch die es seine Bilder eindringen lassen kann. Wollen wir den Lauf unseres Lebens zurückverfolgen, um in der Vergangenheit das bekannte, zeitlich lokalisierte, persönliche Erinnerungsbild zu suchen, das sich auf die Gegenwart bezieht, so bedarf es gewöhnlich einer Anstrengung, um uns vom Handeln, zu dem unsere Wahrnehmung uns hindrängt, zu befreien: sie will uns in die Zukunft treiben, wir aber müssen in die Vergangenheit zurück. Während in diesem Sinne die Bewegung das Bild eher wegschiebt, trägt sie andererseits doch dazu bei, ihm die Wege zu bereiten. Denn wenn auch unsere vergangenen Bilder uns alle gegenwärtig bleiben, so muß doch die der aktuellen Wahrnehmung ähnliche Vorstellung unter all den möglichen Vorstellungen ausgewählt werden. Die fertigen oder werdenden Bewegungen bereiten diese Wahl vor; zum mindesten stecken sie das Feld der Bilder ab, in dem wir suchen müssen. Unser Nervensystem macht uns zu Wesen, bei denen sich gegenwärtige Eindrücke in geeignete Bewegungen fortsetzen: wenn nun frühere Bilder finden, daß sie sich in diesen selben Bewegungen auch fortsetzen können, so wird das für sie der Weg, um an die aktuelle Wahrnehmung heranzugleiten und sich von ihr aufnehmen zu lassen. Sie tauchen dann in der Tat in unserem Bewußtsein auf, während sie eigentlich, so scheint es, vom gegenwärtigen Zustande verdeckt bleiben müßten. Man kann also sagen, daß die Bewegungen, die das mechanische Wiedererkennen hervorrufen, das Wiedererkennen durch Bilder einerseits verhindern, andererseits begünstigen. Im Prinzip wird die Vergangenheit durch die Gegenwart verdrängt. Aber andererseits: gerade weil das Verschwinden der früheren Bilder ein Verdrängtwerden durch die Gesamthaltung der Gegenwart ist, werden diejenigen Bilder, die sich nach ihrer Form dieser Haltung einpassen können, geringeren Widerstand finden als die übrigen. Wenn also eines von ihnen über das Hindernis wegkommt, so wird es das sein, das der gegenwärtigen Wahrnehmung ähnlich ist.

Ist unsere Analyse richtig, so werden die Erkrankungen des Wiedererkennungsvermögens in zwei charakteristisch verschiedenen Formen vorkommen, und es werden zwei Arten von Seelenblindheit zu beobachten sein. Einmal wird man sich wirklich auf die früheren Bilder nicht mehr besinnen können, das andre Mal wird bloß das Band zwischen der Wahrnehmung und den gewohnten Begleitbewegungen gerissen sein, so daß die Wahrnehmung diffuse Bewegungen hervorruft, als wäre sie erstmalig. Wird dieser Schluß von den Tatsachen bestätigt?

Der erste Punkt ist wohl kaum bestreitbar. Die scheinbare Vernichtung der Seh-Erinnerungen bei der Seelenblindheit ist eine so gewöhnliche Tatsache, daß sie eine Zeitlang zur Definition dieser Krankheit hat dienen können. Wir werden uns fragen müssen, in wieweit und in welchem Sinne Erinnerungen wirklich verschwinden können. Vorläufig interessiert uns, daß es Fälle gibt, wo kein Wiedererkennen mehr stattfindet, ohne daß das Sehgedächtnis ganz vernichtet wäre. Handelt es sich in diesen Fällen wirklich, wie wir behaupten, um eine einfache Störung der Bewegungsgewohnheiten oder, wenn das nicht, wenigstens um eine Unterbrechung der Verbindung zwischen Bewegungen und Sinneswahrnehmungen? Da noch kein Beobachter sich diese Frage gestellt hat, so wäre es für uns sehr schwierig, eine Antwort darauf zu geben, wenn wir nicht in den Berichten hier und da gewisse Tatsachen gefunden hätten, welche uns bedeutsam erscheinen.

Die erste dieser Tatsachen ist der Verlust des Orientierungssinnes. Allen Autoren, die über die Seelenblindheit geschrieben haben, ist diese Eigentümlichkeit aufgefallen. Der Kranke Lissauers hatte die Fähigkeit, sich in seinem Hause zurecht zu finden, vollständig verloren. Im zitierten Artikel Archiv für Psychiatrie 1889/90 S. 224. Vgl. Wilbrand, l. c. S. 140 und Bernhardt: Eigentümlicher Fall von Hirnerkrankung ( Berliner klinische Wochenschrift 1877, S. 581). Fr. Müller hebt die Tatsache hervor, daß während Erblindete sehr schnell ihren Weg finden lernen, seelenblind Gewordene auch nach monatelanger Übung sich nicht in ihrem eignen Zimmer zurechtfinden können. Im zitierten Artikel Archiv für Psychiatrie, Bd. XXIV, S. 898. Ist aber die Fähigkeit des Sichzurechtfindens nicht eben die Fähigkeit, die Bewegungen des Leibes mit den Gesichtseindrücken zusammenzuordnen und die Wahrnehmungen mechanisch in nützliche Reaktionen fortzusetzen?

Es gibt eine zweite Tatsache, die noch charakteristischer ist. Wir meinen die Art, wie diese Kranken zeichnen. Man kann zwei Arten des Zeichnens unterscheiden. Die erste besteht darin, daß man tastend eine gewisse Zahl Punkte zu Papier bringt, sie miteinander verbindet und dabei fortwährend prüft, ob das Bild dem Gegenstande gleicht. Man könnte das ein Zeichnen »in Punkten« nennen. Gewöhnlich bedienen wir uns aber eines ganz anderen Verfahrens. Nachdem wir den Gegenstand betrachtet oder ihn uns vorgestellt haben, zeichnen wir »in einem Zuge«. Wie wäre eine solche Fähigkeit zu erklären, wenn nicht durch unsere Gewohnheit, die Organisation der gewöhnlichsten Konturen sofort zu übersehen, d. h. durch unsere motorische Tendenz, ihr Schema in einem Zuge darzustellen? Wenn nun aber in gewissen Formen der Seelenblindheit gerade diese Gewohnheiten oder Verbindungen aufgelöst werden, so wird der Kranke die Elemente der Linie vielleicht noch leidlich fixieren und miteinander verbinden können; aber er wird nicht mehr in einem Zuge zeichnen können, weil er die Bewegung des Umrisses nicht mehr in der Hand hat. Genau das bestätigt die Erfahrung. Schon Lissauers Beobachtung ist in dieser Beziehung lehrreich. Im zitierten Artikel Archiv für Psychiatrie 1889/90, S. 233. Sein Kranker hatte die größte Mühe, einfache Gegenstände zu zeichnen, und wenn er sie aus dem Kopf zeichnen wollte, zeichnete er einzelne, willkürlich herausgenommene Teile, die miteinander zu verbinden ihm nicht gelingen wollte. Aber die Fälle völliger Seelenblindheit sind selten. Viel häufiger ist die Wortblindheit, bei der der Verlust des visuellen Wiedererkennungsvermögens auf die Buchstaben des Alphabetes beschränkt bleibt. Nun ist es eine häufig beobachtete Tatsache, daß in solchen Fällen der Kranke unfähig ist, wenn er die Buchstaben kopieren will, das, was man ihren Zug, die ihnen innewohnende Bewegung nennen könnte, zu erfassen. Er fängt an irgendeinem Punkte an zu zeichnen und vergewissert sich jeden Augenblick, ob er auch mit der Vorlage im Einklang bleibt. Das ist um so erstaunlicher, als er dabei oft die Fähigkeit behält, nach Diktat oder von sich aus zu schreiben. Was hier zerstört ist, ist also die Gewohnheit, die Gliederung des wahrgenommenen Gegenstandes zu übersehen, d. h. die Gesichtswahrnehmung durch eine Bewegungstendenz, die sein Schema nachbildet, zu ergänzen. Woraus man schließen muß, daß, wie wir vorausgesagt haben, dies die Grundbedingung des Wiedererkennens ist.

Aber wir müssen nun von der automatischen Wiedererkennung, die sich in der Hauptsache motorisch vollzieht, zu jener anderen übergehen, die die regelmäßige Vermittlung der Erinnerungsbilder erheischt. Die erste ist eine Wiedererkennung ohne Konzentration; die zweite, wie wir sehen werden, die Wiedererkennung mit Aufmerksamkeit.

Auch sie fängt mit Bewegungen an. Während aber beim automatischen Wiedererkennen unsere Bewegungen die Wahrnehmung fortsetzen, um nützliche Folgen aus ihr zu entwickeln, und uns damit von dem wahrgenommenen Gegenstande entfernen, werden wir hier durch die Bewegungen zum Gegenstande zurückgeführt, um seine Umrisse genauer zu erfassen. Daraus ergibt sich die entscheidende und jetzt nicht mehr nebensächliche Funktion der Erinnerungsbilder. Denn nehmen wir an, daß die Bewegungen ihr praktisches Ziel aufgeben und daß die Bewegungsaktivität, statt die Wahrnehmung in nützliche Reaktionen zu verlängern, plötzlich zurückstaut und sich ausschließlich auf die Herausarbeitung ihrer charakteristischen Züge richtet: dann werden die der gegenwärtigen Wahrnehmung ähnlichen Bilder, die Bilder also, deren Form durch die Form der Bewegungen vorgezeichnet ist, nicht mehr zufällig, sondern regelmäßig in den damit gegebenen Rahmen sich einfügen, bereit allerdings, viel von ihren Einzelzügen aufzugeben, um sich die Einfügung zu erleichtern.

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