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Materie und Gedächtnis

Henri Bergson: Materie und Gedächtnis - Kapitel 3
Quellenangabe
typetractate
authorHenri Bergson
titleMaterie und Gedächtnis
publisherEugen Diederichs in Jena
printrunZweites bis viertes Tausend
year1919
translatorJulius Frankenberger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131021
projectideaa98375
wgs
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I. Von der Auswahl der Bilder bei der Vorstellung. Die Funktion des Leibes

Wir wollen uns einen Augenblick vorstellen, daß wir weder von den Theorien über die Materie, noch von den Theorien über den Geist, noch von den Streitigkeiten über die Realität oder Idealität der Außenwelt irgendetwas wüßten. Da sehe ich mich denn umgeben von Bildern – das Wort im unbestimmtesten Sinne verstanden –, Bildern, die ich wahrnehme, wenn ich meine Sinne öffne, und nicht wahrnehme, wenn ich sie schließe. All diese Bilder stehen mit allen ihren elementaren Bestandteilen in Wechselwirkung, nach konstanten Gesetzen, die wir die Naturgesetze nennen, und da die vollkommene Wissenschaft dieser Gesetze uns zweifellos in den Stand setzen würde, das künftige Geschehen in einem jeden dieser Bilder vorauszusehen und zu berechnen, so muß die Zukunft der Bilder in ihrer Gegenwart enthalten sein und ihr nichts mehr hinzuzufügen haben. Jedoch ist eines unter ihnen, das sich von allen anderen dadurch abhebt, daß ich es nicht nur von außen durch Wahrnehmungen, sondern auch von innen durch Affektionen kenne: mein Leib. Wenn ich nun frage, unter welchen Bedingungen diese Affektionen auftreten, so finde ich, daß sie sich immer zwischen Reizungen, die ich von außen erhalte, und Bewegungen, die ich daraufhin ausführe, einschalten, als ob sie einen gewissen, an sich nicht bestimmten Einfluß auf die endgültige Entscheidung auszuüben berufen wären. Ich mustere die verschiedenen Affektionen, und da scheint mir, daß eine jede in ihrer Art eine Aufforderung zum Handeln enthält, mir aber gleichzeitig die Möglichkeit freistellt, abzuwarten oder auch gar nichts zu tun. Ich sehe näher zu und finde da begonnene, aber nicht ausgeführte Bewegungen, Hinweise auf eine mehr oder weniger nützliche Entscheidung, aber nicht einen Zwang, der die Wahl ausschlösse. Ich wecke und vergleiche meine Erinnerungen und besinne mich, daß ich überall in der organischen Welt diese selbe Fähigkeit der Empfindlichkeit genau in dem Augenblick habe auftauchen sehen, wo die Natur dem Lebewesen die Fähigkeit räumlicher Fortbewegung gegeben hat und nun der Gattung auf dem Wege der Empfindung die ihr drohenden allgemeinen Gefahren anzeigt, es aber übrigens den Individuen anheimstellt, mit Hilfe welcher Maßregeln sie den Gefahren entgehen wollen. Ich frage endlich mein Bewußtsein, welche Funktion es sich bei der Affektion zuschreibt, und es sagt mir, daß es tatsächlich als Gefühl oder Empfindung alle Schritte begleitet, bei denen ich mich als aus eigenem Willen handelnd empfinde, daß es dagegen auslöscht und verschwindet, wenn mein Tun automatisch wird und dadurch seiner entraten zu können erklärt. Entweder also der subjektive Befund trügt oder aber die Tat, in die der Empfindungszustand ausläuft, ist nicht von der Art, daß sie sich aus den vorhergehenden Erscheinungen streng ableiten ließe, wie sich eine Bewegung aus einer anderen Bewegung ableiten läßt; und wenn dem so ist, so tritt mit ihr wirklich etwas Neues in die Welt und ihre Geschichte ein. Halten wir uns doch an den Befund; ich formuliere einfach und schlicht, was ich fühle und sehe: In der Welt der Bilder, die ich das Universum nenne, geht alles so vor sich, als ob etwas wirklich Neues nur durch die Vermittlung gewisser eigentümlicher Bilder entstehen könne, deren Typus mir in meinem Leibe gegeben ist.

Und nun prüfe ich an Körpern, die dem meinen ähnlich sind, die Gestaltung dieses besonderen Bildes, das ich meinen Leib nenne. Da bemerke ich zentripetale Nerven, die den Nervenzentren Reizungen zuleiten, und zentrifugale Nerven, die zentrale Reizungen zur Peripherie leiten und den Körper teilweise oder ganz in Bewegung setzen. Ich befrage den Physiologen und den Psychologen über die Bestimmung dieser beiden Nervenarten. Sie antworten, daß die zentrifugal verlaufenden Prozesse im Nervensystem die Bewegung des Körpers oder einzelner Organe hervorzurufen vermögen, die zentripetal verlaufenden aber, oder wenigstens gewisse von ihnen, die Vorstellung der Außenwelt erzeugen. Wie ist das zu verstehen?

Die zentripetalen Nerven sind Bilder, das Gehirn ist ein Bild, die Reizungen, welche durch die sensorischen Nerven ins Gehirn fortgepflanzt werden, sind wiederum Bilder. Wenn jenes Bild, das ich Gehirnreiz nenne, die äußeren Bilder erzeugen soll, so müßten diese Bilder in irgendeiner Weise in ihm selbst enthalten sein, und die Vorstellung vom Ganzen der materiellen Welt müßte in der Vorstellung vom molekularen Prozesse mit einbegriffen sein. Eine solche Behauptung braucht man aber nur auszusprechen, um sofort ihre Absurdität einzusehen. Nicht die materielle Welt bildet einen Teil des Gehirns, sondern das Gehirn bildet einen Teil der materiellen Welt. Man denke das Bild der materiellen Welt weg; damit vernichtet man zugleich das Gehirn und die Reizung im Gehirn, welche Teile dieser Welt sind. Stellt man sich dagegen vor, diese beiden Bilder, das Gehirn und die Gehirnreizung verschwinden, so sind eben nur sie ausgelöscht, und das ist wenig genug, eine unbedeutende Einzelheit in einem ungeheuren Gemälde. Dieses Gemälde als Ganzes, das Universum, besteht vollständig weiter. Das Gehirn zur Bedingung des Gesamtbildes machen wollen, heißt sich selbst widersprechen, da das Gehirn laut Hypothese ein Teil dieses Bildes ist. Also: weder die Nerven noch die Nervenzentren können das Bild des Universums bedingen.

Bleiben wir bei diesem letzten Punkte. Da sind also die äußeren Bilder, alsdann mein Leib und endlich die Modifikationen, die mein Leib an den ihn umgebenden Bildern bewirkt. Ich verstehe die Art des Einflusses, den die äußeren Bilder auf das Bild, welches ich meinen Leib nenne, ausüben: sie übertragen Bewegung auf ihn. Ebenso verstehe ich den Einfluß meines Leibes auf die äußeren Bilder: er gibt ihnen Bewegung zurück. Mein Leib ist also in der Gesamtheit der materiellen Welt ein Bild, das sich wie die anderen Bilder betätigt: Bewegung aufnimmt und abgibt, mit dem einzigen Unterschiede vielleicht, daß mein Leib bis zu einem gewissen Grade die Wahl zu haben scheint, in welcher Form er das Empfangene zurückgeben will. Aber wie soll mein Leib im allgemeinen und mein Nervensystem im besonderen die Vorstellung des Universums ganz oder teilweise erzeugen können? Man nenne meinen Leib Materie oder man nenne ihn Bild, auf das Wort kommt es mir nicht an. Ist er Materie, dann ist er ein Teil der materiellen Welt und folglich existiert die materielle Welt um ihn und außer ihm. Ist er Bild, dann kann dieses Bild nur das geben, was es darstellt, und da es laut Hypothese nur das Bild meines Leibes ist, wäre es unsinnig, das Bild des ganzen Universums aus ihm auswickeln zu wollen. So ist mein Leib ein Gegenstand, bestimmt, andere Gegenstände zu bewegen, also ein Zentrum von Handlung; er ist nicht imstande, eine Vorstellung zu erzeugen.

Aber wenn mein Leib ein Gegenstand ist, der auf die ihn umgebenden Gegenstände reale und neue Wirkungen ausüben kann, muß er wohl ihnen gegenüber eine bevorzugte Stellung einnehmen. Im allgemeinen beeinflußt jedwedes Bild die anderen Bilder in bestimmter, ja berechenbarer Weise, dem gemäß, was wir die Naturgesetze nennen. Da ihm keine Wahl bleibt, hat es weder nötig seine Umgebung zu erforschen, noch sich vorläufig an bloßen Wirkungsmöglichkeiten zu versuchen. Die Wirkung, die notwendig ist, wird sich ganz von selbst vollziehen, wenn ihre Stunde gekommen ist. Ich habe aber nun angenommen, daß die Funktion des Bildes, das ich meinen Leib nenne, in der Ausübung eines wirklichen Einflusses auf andere Bilder bestehe, was eine Wahl zwischen verschiedenen materiell möglichen Akten voraussetzt. Und da es nun diese Akte nach dem größeren oder geringeren Vorteil, der aus den umgebenden Bildern zu ziehen ist, richten wird, so ist es nötig, daß die Bilder selbst in dem Gesicht, das sie mir zeigen, irgendwie den Vorteil andeuten, den ich aus ihnen ziehen könnte. In der Tat beobachte ich, daß die Größe, die Form, ja selbst die Farbe der äußeren Gegenstände sich verändert, je nachdem sich mein Körper ihnen nähert oder von ihnen entfernt, daß die Intensität der Gerüche, die Stärke der Töne sich mit dem Grade der Entfernung erhöht oder vermindert, kurz, daß diese Entfernung selber das Maß ist, in dem die Dinge der Umwelt gegen die unmittelbare Wirkung meines Leibes sozusagen versichert sind. Je mehr sich mein Horizont erweitert, desto gleichförmiger wird der Hintergrund, von dem sich die Bilder meiner Umgebung abheben, und desto gleichgültiger werden mir diese selbst. Je mehr ich meinen Horizont einenge, um so deutlicher stufen sich mir die Gegenstände ab, je nach der größeren oder geringeren Leichtigkeit, mit der mein Körper sie berühren und bewegen kann. Sie sind also wie ein Spiegel und zeigen meinem Leibe seinen eventuellen Einfluß; sie ordnen sich meinem Körper unter in dem Maße wie seine Macht zu- oder abnimmt. Die Gegenstände, welche meinen Körper umgeben, reflektieren die mögliche Wirkung meines Körpers auf sie.

 

Ich will jetzt einmal, ohne an die anderen Bilder zu rühren, an dem, was ich meinen Leib nenne, eine kleine Änderung vornehmen. Ich denke mir an diesem Bilde alle zentripetalen Nerven des zerebrospinalen Systems durchgeschnitten. Was wird geschehen? Das Messer hat einige Faserbündel zerschnitten: die übrige Welt und sogar der übrige Leib sind geblieben, was sie waren. Die verursachte Veränderung erscheint also unbedeutend. Tatsächlich aber ist »meine Wahrnehmung« total verschwunden. Sehen wir genauer zu, was eigentlich geschehen ist. Da sind einmal die Bilder, welche die Gesamtheit des Universums ausmachen, dann jene, welche unmittelbar an meinen Leib grenzen, und endlich mein Leib selbst. In diesem letzten Bilde haben die zentripetalen Nerven die spezifische Funktion, Bewegungen auf das Gehirn und das Rückenmark zu übertragen; die zentrifugalen Nerven geben diese Bewegung an die Peripherie zurück. Der Schnitt durch die zentripetalen Nerven kann nur eine einzige wirklich begreifliche Folge haben: er unterbricht den Strom, der von Peripherie zu Peripherie läuft und dabei durch das Zentrum geht; damit nimmt er meinem Körper die Möglichkeit, aus den Dingen, die ihn umgeben, Bewegung von der Art und in der Menge zu schöpfen, wie er sie braucht, um auf die Dinge zu wirken. Also um Wirken handelt es sich und bloß um Wirken. Und doch erlischt meine Wahrnehmung. Was kann das anderes heißen, als daß meine Wahrnehmung die Wirkungsmöglichkeiten meines Körpers in die Gesamtheit der Bilder wie einen Schatten, wie einen Reflex einzeichnet? Nun, das System der Bilder, in dem das Messer nur eine geringe Veränderung bewirkt hat, ist das, was man gemeinhin die materielle Welt nennt; und andererseits ist das, was dabei erlischt, »meine Wahrnehmung« der Materie. Daraus ergeben sich vorläufig die beiden Definitionen: Materie nenne ich die Gesamtheit der Bilder, und Wahrnehmung der Materie diese selben Bilder bezogen auf die mögliche Wirkung eines bestimmten Bildes, meines Leibes.

 

Vertiefen wir diese letzte Beziehung. Ich betrachte meinen Körper mit den zentripetalen und zentrifugalen Nerven und den Nervenzentren. Ich weiß, daß die äußeren Gegenstände auf die zentripetalen Nerven Reizungen ausüben, die sich zu den Zentren fortpflanzen, daß die Zentren der Schauplatz von sehr mannigfaltigen molekularen Bewegungen sind und daß diese Bewegungen von der Beschaffenheit und der Lage der Gegenstände abhängen. Man ändere die Gegenstände, modifiziere ihre Beziehung zu meinem Körper, und die inneren Bewegungen meiner Wahrnehmungszentren sind durchaus verändert. Aber auch »meine Wahrnehmung« ist völlig verändert. Meine Wahrnehmung ist also Funktion dieser molekularen Bewegungen, sie hängt von ihnen ab. Aber wie hängt sie von ihnen ab? Man antwortet mir vielleicht, daß sie sie einfach übersetzt und daß ich mir letzten Endes nichts anderes vorstelle als die molekularen Bewegungen der Gehirnsubstanz. Aber dieser Satz hätte nicht den geringsten Sinn, da das Bild des Nervensystems und seiner inneren Bewegung, laut Hypothese, nur das eines einzelnen materiellen Gegenstands ist und ich mir doch das Universum in seiner Totalität vorstelle. Man versucht allerdings hier die Schwierigkeit zu umgehen. Man zeigt uns ein Gehirn, das in seinem Wesen dem übrigen Universum gleicht, folglich ein Bild ist, wenn das Universum eines ist. Nun will man ja aber beweisen, daß die inneren Bewegungen dieses Gehirns die Vorstellung der gesamten materiellen Welt – also eines Bildes, das unendlich viel mehr umfaßt als das Bild der Gehirnschwingungen – hervorbringen oder bestimmen: man tut also auf einmal, als sähe man weder in diesen molekularen Bewegungen noch in der Bewegung überhaupt Bilder wie alle anderen, sondern habe in ihnen ein Etwas, das mehr oder weniger als ein Bild, jedenfalls von anderer Art als ein Bild wäre und aus dem die Vorstellung durch ein wahres Wunder hervorginge. Die Materie wird dadurch ein von der Vorstellung radikal Verschiedenes, das folglich für uns nie Bild werden kann; man stellt ihr ein Bewußtsein gegenüber, in dem es gar keine Bilder gibt, was eine mögliche Vorstellung ist; und um dieses Bewußtsein auszufüllen, erfindet man schließlich eine unbegreifliche Wirkung dieser Materie ohne Form auf dieses Denken ohne Materie. In Wirklichkeit aber enthalten die Bewegungen der Materie überhaupt kein Problem, solange man in ihnen Bilder sieht, und es ist kein Grund, in ihnen etwas anderes zu sehen, als was der Augenschein lehrt. Die einzige Schwierigkeit wäre, aus jener einen ganz besonderen Klasse von Bildern die unendliche Mannigfaltigkeit der Vorstellungen abzuleiten; aber warum dieses wollen, da doch nach der Ansicht aller die Gehirnschwingungen einen Teil der materiellen Welt bilden und folglich diese besonderen Bilder nur eine sehr kleine Ecke der Vorstellung sind. Was sind denn nun aber eigentlich diese Bewegungen, und welche Funktion haben diese besonderen Bilder bei der Vorstellung des Ganzen? – Zweifellos verhält es sich so: sie sind Bewegungen im Innern meines Leibes, die die Rückwirkung meines Leibes auf die Wirkung der äußeren Gegenstände in die Wege leiten und derart die erste Phase dieser Rückwirkung darstellen. Da sie selbst Bilder sind, können sie keine Bilder erzeugen; aber sie zeigen jeden Augenblick, wie ein unter der Nadel verschobener Kompaß, die Lage eines bestimmten Bildes, meines Körpers, in bezug auf die umgebenden Bilder an. In der Gesamtvorstellung sind sie von geringer Bedeutung; aber sie sind von größter Wichtigkeit für jenen Teil der Vorstellung, den ich meinen Leib nenne, dessen mögliches Verhalten sie jeden Augenblick in Umrissen festlegen. Es ist also zwischen dem sogenannten Wahrnehmungsvermögen des Gehirnes und den Reflexfunktionen des Rückenmarks nur ein gradueller und durchaus kein wesentlicher Unterschied. Das Rückenmark setzt die empfangenen Reize auf der Stelle in ausgeführte Bewegungen um; das Gehirn verlängert sie erst einmal in bloße Anfangsstadien von Reaktionen, aber in beiden Fällen ist es die Funktion der Nervensubstanz, Bewegungen zu leiten, zu kombinieren oder zu hemmen. Wie kommt es nun, daß »meine Wahrnehmung des Universums« von den inneren Bewegungen der Gehirnsubstanz abzuhängen scheint, daß sie sich verändert, wenn diese sich verändern, daß sie erlischt, wenn diese zerstört werden?

Die Schwierigkeit dieses Problems liegt darin, daß man sich die graue Substanz und ihre Modifikationen als etwas aus sich selbst Existierendes vorstellt, als etwas, das sich von dem übrigen Universum isolieren könnte. Materialisten und Dualisten stimmen im Grunde in diesem Punkte überein. Sie betrachten die fraglichen molekularen Bewegungen der Gehirnsubstanz ganz für sich, und so sehen die einen in unserer bewußten Wahrnehmung eine Phosphoreszenz, welche die Gehirnbewegungen begleitet und ihren Gang beleuchtet; die anderen lassen unsere Wahrnehmungen in einem Bewußtsein vor sich gehen, welches die molekularen Vorgänge der Rindensubstanz beständig in seine eigene Sprache übersetzt: in einem Falle wie im andern aber wird angenommen, daß in der Wahrnehmung Zustände unseres Nervensystems abgebildet oder übersetzt zum Ausdruck gebracht werden. Aber kann das Nervensystem lebend gedacht werden ohne den Organismus, der es ernährt, ohne die Atmosphäre, in welcher der Organismus atmet, ohne die Erde, welche von dieser Atmosphäre umweht wird, ohne die Sonne, um welche die Erde gravitiert? Allgemeiner gesprochen: die Fiktion eines materiellen Gegenstandes, der isoliert für sich bestünde, enthält, kann man sagen, eine Absurdität; denn der Gegenstand verdankt ja seine physikalischen Qualitäten den Relationen, in denen er mit allen anderen Gegenständen steht, und hängt mit allen seinen Bestimmtheiten und somit seiner ganzen Existenz von seinem Platze in der Gesamtheit des Universums ab. Wir können also nicht sagen, daß unsere Wahrnehmungen einfach von den molekularen Bewegungen der Gehirnmasse abhängen. Sondern: sie verändern sich zwar mit ihnen, aber die Bewegungen selbst bleiben unzertrennlich an die übrige materielle Welt gebunden. Also es handelt sich nicht mehr bloß um die Frage, wie unsere Wahrnehmungen mit den Modifikationen der grauen Substanz verknüpft sind; das Problem erweitert sich jetzt und kann nun in viel klareren Begriffen formuliert werden. Da ist einmal ein System von Bildern, das nenne ich meine Wahrnehmung des Universums; in ihm ändert sich alles von Grund auf, wenn sich an einem bevorzugten Bilde, meinem Leib, leichte Veränderungen vollziehen. Dieses Bild befindet sich im Mittelpunkte; nach ihm richten sich alle anderen; bei jeder seiner Bewegungen verändert sich alles, wie wenn man ein Kaleidoskop dreht. Und da sind andererseits dieselben Bilder, aber jedes nur auf sich selbst bezogen; zweifellos einander beeinflussend, aber doch so, daß die Wirkung immer im genauen Verhältnis zur Ursache steht: das nenne ich das Universum, Wie ist es zu erklären, daß diese beiden Systeme nebeneinander bestehen und daß dieselben Bilder im Universum relativ unveränderlich, in der Wahrnehmung dagegen unendlich veränderlich sind? Das Problem, das dem Streit zwischen Realismus und Idealismus, ja vielleicht auch dem zwischen Materialismus und Spiritualismus zugrunde liegt, würden wir also so formulieren: Wie geht es zu, daß dieselben Bilder zu gleicher Zeit zwei verschiedenen Systemen angehören können, einem System, in dem jedes Bild für sich selbst variiert und zwar genau nach Maßgabe der realen Wirkungen, die es von den andern Bildern erfährt, und einem anderen System, in dem alle Bilder für ein einziges variieren und zwar verschieden je nach der Weise, in der sie die virtuelle Wirkung des einen bevorzugten Bildes reflektieren?

Jedes Bild ist für gewisse Bilder innen und für andere außen, aber von der Gesamtheit der Bilder kann man nicht sagen, daß sie in uns, und ebensowenig, daß sie außer uns sei, da ja Innen und Außen nur Beziehungen zwischen Bildern sind. Fragen, ob das Universum nur in unseren Gedanken oder draußen für sich existiere, heißt das Problem in schiefen, wenn nicht überhaupt unverständlichen Begriffen stellen; es heißt, sich zu einer unfruchtbaren Diskussion verdammen, wo die Begriffe Gedanke, Sein, Universum von beiden Seiten notgedrungen in ganz verschiedenem Sinn gebraucht werden. Um den Streit zu Ende zu bringen, muß zuerst einmal ein gemeinsamer Boden gefunden werden, wo der Kampf stattfinden kann, und da beide Parteien darin einig sind, daß wir die Dinge nur in der Form von Bildern erfassen, so müssen wir unser Problem für Bilder, und nur für Bilder, stellen. Nun, keine philosophische Lehre bestreitet, daß dieselben Bilder gleichzeitig in zwei deutlich unterschiedene Systeme eingehen können: in eines, das der Wissenschaft (science) zugehört, wo jedes Bild, nur auf sich selbst bezogen, seinen absoluten Wert behält, und in ein anderes, in die Welt des Bewußtseins (conscience), wo sich alle Bilder nach einem zentralen Bilde, unserem Leibe, richten, von dessen Veränderungen sie abhängen. Die Frage zwischen Realismus und Idealismus wird nun ganz klar: welche Beziehung besteht zwischen diesen beiden Systemen von Bildern? Und es ist leicht zu ersehen, daß der subjektive Idealismus sich dadurch kennzeichnet, daß er das erste System aus dem zweiten herleitet, während der materialistische Realismus das zweite auf das erste zurückführt.

Der Realist geht in der Tat vom Universum aus, d. h. von einer Gesamtheit von Bildern, die in ihren gegenseitigen Beziehungen von unwandelbaren Gesetzen beherrscht werden, nach denen die Wirkungen den Ursachen entsprechen; das Charakteristikum dieses Universums ist, daß es kein Zentrum hat, daß alle Bilder sich in einer und derselben Ebene ins Unendliche aneinanderreihen. Aber der Realist ist gezwungen zu konstatieren, daß es außer diesem Systeme noch Wahrnehmungen gibt, d. h. Systeme, in welchen diese selben Bilder auf ein einziges Bild bezogen sind, sich in verschiedenen Ebenen um dieses gruppieren und sich bei jeder leichten Änderung dieses zentralen Bildes in ihrer Gesamtheit verändern. Von dieser Wahrnehmung geht nun gerade der Idealist aus: in seinem System von Bildern gibt es in der Tat ein bevorzugtes Bild, seinen Leib, und nach dem ordnen sich die anderen Bilder. Aber sobald er die Gegenwart an die Vergangenheit knüpfen und die Zukunft voraussehen will, ist er sofort gezwungen, diesen seinen Ausgangspunkt aufzugeben, alle Bilder wieder in eine Ebene zu verlegen, anzunehmen, daß sie nicht für ihn, sondern für sich selbst variieren, und sie so zu behandeln, als gehörten sie einem Systeme an, wo jede Veränderung gewissermaßen die Größe ihrer Ursache genau mißt. Nur unter dieser Voraussetzung wird die Wissenschaft vom Universum möglich; und da diese Wissenschaft existiert und da es ihr in der Tat gelingt, die Zukunft vorauszusehen, so kann die Hypothese, auf der sie beruht, keine willkürliche sein. Das erste System allein ist in der gegenwärtigen Erfahrung gegeben, an das zweite aber glauben wir, sobald wir die Kontinuität von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft annehmen. So wird sowohl im Idealismus als im Realismus das eine der beiden Systeme gesetzt und dann versucht, das andere daraus abzuleiten.

Aber in dieser Ableitung kann weder der Realismus noch der Idealismus zum Ziele kommen, da keines der beiden Bildersysteme in dem andern enthalten ist und jedes sich selbst genügt. Geht man von jenem Bildersystem ohne Mittelpunkt aus, in dem jedes Element seine absolute Größe und seinen bestimmten Wert hat, dann ist nicht einzusehen, warum dieses System ein zweites hinzuzieht, in dem jedes Bild einen veränderlichen Wert bekommt, der allen Wechselfällen des zentralen Bildes unterworfen ist. So ist man, um die Wahrnehmung entstehen zu lassen, genötigt, einen deus ex machina einzuführen, wie es die materialistische Hypothese vom Bewußtsein als Epiphänomenon tut. Man wählt dann unter all den sich absolut verändernden Bildern, von denen man ausgegangen ist, das eine Bild, das wir unser Gehirn nennen, und verleiht dessen inneren Zuständen das eigentümliche Vorrecht, sich – man weiß zwar nicht wie – durch die (jetzt relative und variable) Reproduktion aller anderen Bilder zu verdoppeln. Zwar wird man sich hinterher den Anschein geben, als legte man gar kein Gewicht auf diese Vorstellung und sähe darin nur eine Phosphoreszenz, welche die Gehirnschwingungen hinterließen; als ob die Gehirnsubstanz, die Gehirnschwingungen, verflochten wie sie sind in die Bilder, aus denen jene Vorstellung besteht, von anderem Wesen sein könnten als diese Bilder selbst! Der Realismus wird also immer aus der Wahrnehmung einen Zufall und damit ein Mysterium machen. Aber geht man umgekehrt von einem System veränderlicher Bilder aus, die um ein bevorzugtes Zentrum gruppiert sind und durch leichte Verschiebungen dieses Zentrums beträchtlich modifiziert werden, dann wird man von vornherein der Ordnung der Natur nicht gerecht, jener Ordnung, der es ganz gleichgültig ist, welchen Standpunkt man einnimmt und an welchem Ende man anfängt. Um dann diese Ordnung überhaupt wieder einzuführen, wird man ebenfalls zu einem deus ex machina greifen müssen, indem man durch eine willkürliche Hypothese irgendeine prästabilierte Harmonie zwischen den Dingen und dem Geiste, oder wenigstens, um mit Kant zu reden, zwischen der Sinnlichkeit und dem Verstand annimmt. Damit wird die Wissenschaft zum Zufall und ihr Erfolg zum Mysterium. – Man kann also weder das erste System der Bilder aus dem zweiten, noch das zweite aus dem ersten ableiten, und wenn die beiden gegensätzlichen Lehren, Realismus und Idealismus, sich endlich auf demselben Boden begegnen, dann stürzen sie beide, von verschiedenen Seiten kommend, an demselben Hindernis.

Wenn wir nun den Grundlagen dieser beiden Lehren nachgraben, so decken wir ein gemeinsames Postulat auf, das sich folgendermaßen formulieren läßt: die Wahrnehmung hat ein rein spekulatives Interesse; sie ist reine Erkenntnis. Und ihr ganzer Streit läuft darauf hinaus, welcher Wert dieser Erkenntnis gegenüber der wissenschaftlichen Erkenntnis zukommt. Die einen bestehen auf der von der Wissenschaft geforderten Ordnung und sehen in der Wahrnehmung nichts als eine verworrene und vorläufige Wissenschaft. Die anderen setzen die Wahrnehmung an die erste Stelle, erheben sie zum Absoluten und halten dann die Wissenschaft für einen symbolischen Ausdruck der Realität. Aber für die einen wie für die anderen bedeutet Wahrnehmen vor allem Erkennen.

Nun, dieses Postulat fechten wir an. Es wird schon durch die oberflächlichste Prüfung der Struktur des Nervensystems im Tierreich widerlegt, und man kann es nicht gelten lassen, ohne das dreifache Problem der Materie, des Bewußtseins und ihres Zusammenhangs hoffnungslos zu verwirren.

Verfolgt man nämlich die Entwicklung der äußeren Wahrnehmung Schritt für Schritt von der Monere an bis zu den höchsten Wirbeltieren, so findet man, daß die lebende Materie schon im Zustand des einfachen Protoplasmaklümpchens reizbar und zusammenziehbar ist, daß sie dem Einfluß äußerer Reize untersteht und mit mechanischen, physikalischen und chemischen Reaktionen auf sie antwortet. Je weiter man in der Reihe der Organismen aufsteigt, desto differenzierter gestaltet sich die physiologische Arbeit. Nervenzellen treten auf, differenzieren sich und zeigen die Tendenz, sich zu Systemen zu vereinigen. Gleichzeitig werden die Bewegungen, mit denen das Lebewesen auf den äußeren Reiz reagiert, mannigfaltiger entwickelt. Aber wenn sich auch der empfangene Reiz nicht mehr sofort in eine ausgeführte Bewegung verlängert, so scheint er doch immer auf eine Gelegenheit dazu zu warten, und derselbe Eindruck, der dem Organismus die Veränderungen der Umgebung übermittelt, bestimmt ihn auch oder disponiert ihn, sich ihnen anzupassen. Bei den höheren Wirbeltieren bildet sich zweifellos ein radikaler Unterschied heraus zwischen dem reinen Automatismus, der seinen Sitz vor allem im Rückenmark hat, und der willkürlichen Tätigkeit, welche der Vermittlung des Gehirns bedarf. Es könnte scheinen, als ob sich der empfangene Eindruck, statt sich wie früher zu Bewegungen auszuwachsen, zur Erkenntnis vergeistigte. Aber man braucht nur die Struktur des Gehirns mit der des Rückenmarks zu vergleichen, um sich zu überzeugen, daß die Funktion des Gehirns und die Reflextätigkeit des Rückenmarksystems nicht in ihrem Wesen, sondern nur in ihrer Kompliziertheit verschieden sind. Denn was geht denn eigentlich bei einer Reflexwirkung vor sich? Die zentripetale, durch den Reiz vermittelte Bewegung wird durch die Vermittlung der Nervenzellen des Rückenmarks sofort in eine zentrifugale Bewegung umgesetzt, die eine Muskelkontraktion hervorruft. Und worin besteht andererseits die Funktion des Gehirnsystems? Statt sich direkt zu den motorischen Zellen des Rückenmarks fortzupflanzen und dem Muskel die jeweils nötige Kontraktion mitzuteilen, steigt die peripherische Reizung erst zum Gehirn auf und läuft dann von da zu jenen motorischen Zellen des Rückenmarks, die schon die Reflexbewegung vermittelten. Was hat sie nun auf diesem Umwege gewonnen und was hat sie in den sogenannten sensorischen Nervenzellen der Hirnrinde zu suchen gehabt? Ich verstehe nicht und werde nie verstehen, daß sie dort die wunderbare Kraft schöpfen soll, sich in eine Vorstellung von Dingen zu verwandeln; ich halte zudem diese Hypothese für unnütz, wie man sofort sehen wird. Dies aber ist mir sehr deutlich: daß die Zellen der verschiedenen sogenannten sensorischen Regionen der Hirnrinde, die zwischen die verästelten Enden der zentripetalen Fasern und die motorischen Zellen der Rolandischen Furche eingeschaltet sind, der Reizung die Möglichkeit geben, diesen oder jenen motorischen Mechanismus des Rückenmarks nach Belieben zu erreichen und so die Art ihrer Wirksamkeit zu wählen. Je mehr solche Zellen zwischengeschaltet sind, je mehr sie solche amöboiden Fortsätze aussenden, die zweifellos fähig sind, verschiedene Verbindungen zu schlagen, desto zahlreicher und verschiedener werden die Bahnen sein, welche sich vor ein und demselben peripherischen Reiz auftun können, desto zahlreicher werden folglich auch die Bewegungskomplexe sein, unter welchen ein und dieselbe Reizung die Wahl läßt. Das Gehirn ist also nach unserer Ansicht nichts anderes als eine Telephonzentrale: seine Aufgabe ist, »die Verbindung herzustellen« – oder aufzuschieben. Es fügt dem, was es empfängt, nichts hinzu; aber da alle Wahrnehmungsorgane mit ihren letzten Enden in ihm münden und alle motorischen Mechanismen des Rückenmarks und des verlängerten Marks ihre befugte Vertretung in ihm haben, so ist es in Wahrheit eine Zentralstelle, wo der peripherische Reiz Anschluß an diesen oder jenen motorischen Mechanismus gewinnt, den er sich jetzt wählt und nicht mehr aufdrängen läßt. Da sich aber in dieser Substanz eine ungeheure Menge motorischer Bahnen auftun können und zwar alle zugleich für ein und denselben peripherischen Reiz, so hat dieser Reiz die Fähigkeit, sich ins Unendliche zu teilen und sich folglich in unzähligen bloßen Ansätzen zu motorischen Reaktionen zu verlieren. Somit ist die Aufgabe des Gehirns, einesteils die aufgenommene Bewegung zum Zwecke der Reaktion dem gewählten Organe zuzuführen, andernteils vor dieser Bewegung die Totalität der motorischen Bahnen aufzutun, damit sie ihnen alle erdenklichen Reaktionen, mit denen sie geladen ist, einzeichnen und sich selbst in dieser Zerstreuung analysieren kann. Mit anderen Worten: das Gehirn erscheint inbezug auf die aufgenommene Bewegung als ein Werkzeug der Analyse und inbezug auf die ausgeführte Bewegung als ein Werkzeug der Auswahl. Aber in dem einen wie dem andern Falle besteht seine Funktion nur in der Vermittlung und Zerteilung von Bewegung. Und in den höheren Zentren der Hirnrinde arbeiten die Nervenzellen ebensowenig wie im Rückenmark mit irgendwelcher Abzweckung auf Erkenntnis, sie zeigen nur entweder eine Menge möglicher Wirkungen auf einmal auf oder bringen eine einzige von ihnen zur Ausführung.

Damit ist gesagt, daß das Nervensystem schlechterdings nichts von einem Apparate hat, der zur Fabrikation, ja auch nur zur Zubereitung von Vorstellungen dienen könnte. Seine Funktion ist, Reize aufzunehmen, motorische Apparate zusammenzusetzen und einem gegebenen Reize die größtmögliche Zahl dieser Apparate zur Verfügung zu stellen. Je mehr es sich entwickelt, desto zahlreichere und fernere Punkte des Raumes setzt es zu seinen immer komplizierter werdenden motorischen Mechanismen in Beziehung: damit vergrößert sich der Spielraum, den es unserer Tätigkeit erschließt, und gerade hierin besteht seine wachsende Vervollkommnung. Aber wenn im Aufstieg des Tierreiches das Nervensystem auf ein allmähliches Freierwerden der Tätigkeit abzielt, muß man da nicht annehmen, daß auch die Wahrnehmung, deren Fortschritt von dem des Nervensystems abhängt, ganz und gar auf Tätigkeit und nicht auf die reine Erkenntnis gerichtet ist? Und wenn dem so ist, sollte dann nicht die wachsende Fülle dieser Wahrnehmung einfach die Versinnbildlichung der wachsenden Indeterminiertheit sein, die dem Lebewesen den Dingen gegenüber eine immer freiere Wahl läßt? Gehen wir also von dieser Indeterminiertheit als dem eigentlichen Prinzip aus. Untersuchen wir, ob sich nicht aus ihr die bewußte Wahrnehmung als möglich oder gar notwendig deduzieren läßt. Mit anderen Worten, setzen wir dieses System engverbundener Bilder, die wir die materielle Welt nennen, und denken wir uns hier und dort in diesem System Zentren wirklicher Tätigkeit, durch die lebende Materie repräsentiert: wir wollen beweisen, daß sich um jedes dieser Zentren Bilder gruppieren müssen, die von seiner Lage abhängen und sich mit ihr verändern; daß sich die bewußte Wahrnehmung ergeben muß, und noch mehr, daß es möglich ist zu begreifen, wie diese Wahrnehmung entsteht.

Beachten wir zunächst, daß ein strenges Gesetz die Weite der bewußten Wahrnehmung an die Stärke der Aktivität bindet, über die das Lebewesen verfügt. Wenn unsere Hypothese begründet ist, dann müssen wir annehmen, daß die Wahrnehmung genau in dem Moment auftritt, in dem ein von der Materie empfangener Reiz sich nicht in eine notwendige Reaktion verlängert. Handelt es sich um einen Organismus niederer Art, so bedarf es allerdings eines unmittelbaren Kontaktes mit dem Reizobjekt, wenn ein Reiz ausgelöst werden soll, und da kann denn die Reaktion nicht gut verzögert werden. So ist bei den niederen Lebewesen der Gefühlssinn passiv und aktiv zugleich; er dient zugleich zum Erkennen und zum Ergreifen des Raubes, zur Empfindung und zur Abwehr der Gefahr. Die verschiedenen Fortsätze der Protozoen, die Ambulakralfüßchen der Echinodermen fungieren sowohl als Bewegungsorgane wie als Organe des Tastsinns; der Nesselapparat der Coelenteraten ist gleichzeitig ein Sinneswerkzeug und eine Verteidigungswaffe. Mit einem Wort: je unmittelbarer die Reaktion sein muß, um so mehr muß die Wahrnehmung einer bloßen Berührung gleichen, und der ganze Vorgang von Wahrnehmung und Reaktion unterscheidet sich dann kaum von einem mechanischen Anstoß mit notwendig darauffolgender Bewegung. Aber je ungewisser die Reaktion wird und je mehr sie ein Abwarten zuläßt, desto mehr nimmt auch die Entfernung zu, in der das Lebewesen die Wirkung des Gegenstandes, der es beschäftigt, empfindet. Durch das Gesicht, durch das Gehör setzt es sich zu einer immer größer werdenden Zahl von Dingen in Beziehung und unterliegt ihren Einflüssen auf immer größere Entfernungen; und ob ihm nun diese Dinge Vorteil versprechen oder Gefahr drohen, gerade weil sie nur versprechen und drohen, ist der kritische Moment hinausgeschoben. Aus dem Grade der Unabhängigkeit, über die ein Lebewesen verfügt, oder, wie wir sagen wollen, aus der Größe der Zone von Indeterminiertheit, die seine Aktivität umgibt, läßt sich a priori auf die Zahl und Entfernung der Dinge, mit denen es in Beziehung steht, schließen. Welcher Art diese Beziehung und die eigentliche Beschaffenheit der Wahrnehmung auch sei, jedenfalls kann behauptet werden, daß die Weite der Wahrnehmung in genauem Verhältnis zur Indeterminiertheit der nachfolgenden Tat steht. Wir können also folgendes Gesetz formulieren: Die Wahrnehmung beherrscht den Raum genau in dem Verhältnis, in dem die Tat die Zeit beherrscht.

Aber warum nimmt diese Beziehung des Organismus zu mehr oder weniger fernen Dingen gerade die Form der bewußten Wahrnehmung an? Wir haben untersucht, was im organischen Körper vor sich geht; wir fanden weitergeführte oder gehemmte Bewegungen, umgesetzt in vollzogene Handlungen oder in bloße Ansätze zu Handlungen zersplittert. Diese Bewegungen gingen, so schien es, einzig und allein die Aktivität an; sie blieben dem Vorstellungsprozesse absolut fremd. Dann betrachteten wir die Aktivität selbst und die Indeterminiertheit, von der sie umgeben ist, eine Indeterminiertheit, die in der Struktur des Nervensystems gegeben ist und auf die dieses System in seiner Einrichtung viel eher abzuzwecken scheint als auf die Vorstellung. Diese Indeterminiertheit einmal als Tatsache angenommen, konnten wir zu dem Schlusse kommen, daß es Wahrnehmungen geben muß, d. h. eine variable Beziehung zwischen dem Lebewesen und den mehr oder minder fernen Einflüssen der Gegenstände, die es beschäftigen. Wie kommt es nun, daß diese Wahrnehmung Bewußtsein ist, und warum geht alles so vor sich, als ob das Bewußtsein aus den inneren Bewegungen der Gehirnsubstanz geboren würde?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir zuerst einmal die Bedingungen stark vereinfachen, unter denen sich die bewußte Wahrnehmung vollzieht. Tatsächlich gibt es keine Wahrnehmung, die nicht mit Erinnerungen gesättigt ist. Dem, was unsere Sinne uns unmittelbar und gegenwärtig geben, mengen wir tausend und abertausend Elemente aus unserer vergangenen Erfahrung bei. Meistens verdrängen diese Erinnerungen unsere eigentlichen Wahrnehmungen, und es bleiben uns von diesen nur noch Andeutungen zurück, bloße »Zeichen«, die uns an frühere Bilder erinnern sollen. Wir erkaufen um diesen Preis das bequeme und rasche Funktionieren unserer Wahrnehmung; aber auch Täuschungen aller Art stammen aus dieser Quelle. Nichts hindert, an Stelle dieser ganz vergangenheitsgetränkten Wahrnehmung die Wahrnehmung eines reifen und ausgebildeten Bewußtseins zu setzen, welches aber ganz in der Gegenwart befangen, von jeder anderen Funktion ausgeschlossen und nur der Aufgabe hingegeben sei, sich rein nach dem äußeren Gegenstande zu formen. Das ist natürlich eine freie Fiktion, und diese ideale Wahrnehmung, die wir durch Elimination der individuellen Zufälligkeiten gewinnen, entspricht gar nicht mehr der Wirklichkeit. Aber wir wollen nachweisen, daß diese individuellen Zufälligkeiten jener unpersönlichen Wahrnehmung aufgepfropft sind, daß die unpersönliche Wahrnehmung die eigentliche Wurzel unserer Kenntnis von den Dingen ist und daß man aus ihr nur deshalb eine Art innerer subjektiver Vision, die sich von der Erinnerung nur durch größere Intensität unterschied, hat machen können, weil man sie mißverstand und nicht auseinanderhielt, was ihr vom Gedächtnis hinzugefügt oder genommen wird. Dieses wäre also unsere erste Hypothese. Aber sie zieht von selbst eine andere nach sich. So kurz man die Wahrnehmung auch ansetzen mag, so erfüllt sie doch immer eine gewisse Zeit und bedarf folglich einer Anstrengung des Gedächtnisses, durch welche die einzelnen Momente ineinandergedehnt und verschmolzen werden. Selbst die »Subjektivität« der Empfindungsqualitäten besteht, wie wir zu zeigen versuchen wollen, hauptsächlich in dieser Kontraktion des Wirklichen, die unser Gedächtnis leistet. Kurz, das Gedächtnis, das einerseits einen Kern von unmittelbarer Wahrnehmung mit einer Hülle von Erinnerungen umwebt und andererseits eine Mehrzahl von Momenten in eins zusammenzieht, bildet bei der Wahrnehmung den Hauptbestandteil des individuellen Bewußtseins, die subjektive Seite unserer Erkenntnis der Dinge; und wenn wir nun, um unsern Gedankengang zu vereinfachen, gerade diesen Bestandteil vernachlässigen, so wagen wir uns auf unserem Wege weiter, als wir dürften. Aber wir brauchen ja nur auf unserer Bahn alsdann wieder zurückzugehen und besonders dadurch, daß wir das Gedächtnis wieder einführen, unsere vielleicht übertriebenen Folgerungen zu korrigieren. Man darf also im folgenden nichts weiter als eine schematische Darstellung erblicken, und ich bitte, vorläufig unter Wahrnehmung nicht meine konkrete und komplexe Wahrnehmung zu verstehen, die mit meinen Erinnerungen gesättigt ist und immer eine gewisse Dauer aufweist, sondern die reine Wahrnehmung, die freilich mehr dem Rechte als der Tatsache nach besteht, eine Wahrnehmung, die ein Wesen in meiner Lage haben würde, das lebte, wie ich lebe, das aber von der Gegenwart absorbiert und fähig wäre, durch Elimination des Gedächtnisses in allen seinen Formen von der Materie eine unmittelbare und rein momentane Anschauung zu haben. Lassen wir uns also auf diese Hypothese ein und sehen wir zu, wie sich dann die bewußte Wahrnehmung erklären läßt.

Das Bewußtsein deduzieren zu wollen, wäre ein gewagtes Unternehmen, aber dies ist hier in der Tat auch gar nicht nötig, da die materielle Welt setzen eine Summe von Bildern setzen heißt, und da es zudem überhaupt unmöglich ist, etwas anderes als Bilder zu setzen. Keine Theorie der Materie kommt um diese Notwendigkeit herum. Denn führt man die Materie auf bewegte Atome zurück: selbst wenn man diesen Atomen ihre physikalischen Qualitäten nimmt, so werden sie doch nur durch Beziehung auf eine mögliche Anschauung oder mögliche Berührung denkbar, und damit fällt dann wieder die Materialität des Lichtes und des Stoffes. Verdichtet man das Atom zu Kraftzentren, löst man es in rotierende Wirbel eines kontinuierlichen Fluidums auf: auch dieses Fluidum, diese Bewegungen und Zentren sind denkbar nur durch eine freilich ganz abgeblaßte Fühlbarkeit, Kraftwirkung und Farbigkeit – sie sind also immer noch Bilder. Es ist richtig, ein Bild kann sein, ohne wahrgenommen zu werden; es kann gegenwärtig sein, ohne vorgestellt zu werden, und gerade das Auseinanderfallen dieser beiden Begriffe Gegenwärtigkeit und Vorstellung scheint die Differenz zwischen Materie und bewußter Wahrnehmung der Materie auszumachen. Aber untersuchen wir die Sache genauer und sehen wir zu, worin eigentlich dieser Unterschied besteht. Wenn der zweite jener Begriffe ein Plus gegenüber dem ersten enthielte, wenn man, um von der Gegenwärtigkeit zur Vorstellung zu gelangen, jener etwas hinzufügen müßte, so bliebe der Abstand unübersteigbar, und der Übergang von der Materie zur Wahrnehmung bliebe in ein undurchdringliches Geheimnis gehüllt. Etwas anderes wäre es, wenn man auf dem Wege der Subtraktion vom ersten Begriffe zum zweiten übergehen könnte und folglich die Vorstellung eines Bildes ein Minus gegenüber seiner Gegenwart bedeutete; denn dann würde man nur den gegenwärtigen Bildern etwas von ihrem Wesen zu nehmen brauchen, wenn sich ihre einfache Gegenwart in Vorstellung verwandeln soll. Also: hier ist das Bild, das ich materieller Gegenstand nenne; ich habe eine Vorstellung davon. Woher kommt es, daß es an sich etwas anderes zu sein scheint als für mich? Das hat seinen Grund darin, daß es in die Gesamtheit der übrigen Bilder fest eingefügt ist und sich ebenso in denen, die ihm folgen, fortsetzt wie es die Fortsetzung der vorangegangenen ist. Um nun sein reines bloßes Sein in Vorstellung zu verwandeln, würde es genügen, alles was ihm folgt und vorangeht, aber auch das, wovon es erfüllt ist, auszuscheiden, also bloß noch die äußere Schale, die oberste Haut übrig zu behalten. Das, was dieses gegenwärtige Bild, diese objektive Realität von einem vorgestellten Bilde unterscheidet, ist der Zwang, dem es untersteht, mit allen seinen Punkten auf alle Punkte der übrigen Bilder zu wirken, alle empfangenen Einwirkungen weiterzuleiten, jeder Wirkung eine äquivalente Reaktion entgegenzusetzen, mit einem Wort; nichts anderes als ein Schnittpunkt aller Veränderungen im unendlichen Weltall zu sein. Ich könnte es in Vorstellung verwandeln, wenn ich es isolieren könnte, insonderheit seine Hülle isolieren könnte. Die Vorstellung ist ja immer da, aber immer nur virtuell, da sie in dem Augenblick, wo sie aktuell werden würde, neutralisiert wird durch den Zwang, sich fortzusetzen und in etwas Anderem aufzugehen. Um jene Verwandlung zu vollziehen, bedarf es nicht der Aufhellung des Gegenstandes, sondern im Gegenteil der Verdunkelung gewisser Seiten an ihm, der Verminderung um den größten Teil seines Wesens, so daß der Rest, statt wie ein Ding in die Umgebung eingeschachtelt zu sein, sich wie ein Gemälde davon abhebt. Wenn nun aber die Lebewesen im Weltall »Zentren der Indeterminiertheit« darstellen und diese Indeterminiertheit mit der Zahl und der Feinheit ihrer Funktionen wächst, begreift man, daß ihr Vorhandensein ganz von selbst die Ausscheidung aller der Elemente in den Gegenständen mit sich führt, an denen ihre Funktionen nicht interessiert sind. Sie lassen gewissermaßen jene äußeren Wirkungen, die ihnen gleichgültig sind, durch sich hindurchgehen; dadurch werden die anderen isoliert und eben durch diese Isolierung zu »Wahrnehmungen«. Es wird sich also für uns alles so vollziehen, als ob wir das Licht, das von den Oberflächen ausgeht, auf sie zurückwürfen, ein Licht, das niemals sichtbar geworden wäre, wenn es sich ungestört fortgepflanzt hätte. Die uns umgebenden Bilder scheinen nun unserem Körper jene Seite, die ihn interessiert, und zwar diesmal im vollen Lichte, zuzuwenden, sie geben von ihrem Gehalt das an uns ab, was wir im Vorübergehen festgehalten haben, weil wir einen Einfluß darauf auszuüben vermögen. Der Zusammenhang, in dem die Bilder untereinander stehen, ist der indifferente einer rein mechanischen Beziehung, sie wenden einander alle ihre Seiten auf einmal zu, d. h. sie wirken und reagieren mit allen ihren Elementen auf einander, und folglich wird keines von ihnen zur Wahrnehmung, und keines nimmt bewußt wahr. Stoßen sie aber irgendwo auf ein Etwas, das mit einer gewissen Stärke spontan reagiert, so wird ihre Wirkung in demselben Maße geschwächt, und diese Verringerung ihrer Wirkung ist gerade unsere Vorstellung von ihnen. Unsere Vorstellung von den Dingen würde also letzten Endes daher stammen, daß die Dinge sich an unserer Freiheit brechen.

Wenn ein Lichtstrahl aus einem Medium in ein anderes übergeht, ändert er gewöhnlich seine Richtung. Aber die spezifische Dichtigkeit der beiden Medien kann so sein, daß bei einem gegebenen Einfallswinkel eine Brechung nicht mehr möglich ist. Dann tritt totale Reflexion ein. Es bildet sich von dem leuchtenden Punkte ein virtuelles Bild, das gewissermaßen die Unfähigkeit der Lichtstrahlen, ihren Weg fortzusetzen, symbolisiert. Diesem Phänomen ähnelt die Wahrnehmung. Gegeben ist die Totalität der Bilder der materiellen Welt mit der Totalität ihrer inneren Elemente. Aber wenn wir Zentren tatsächlicher d. h. spontaner Aktivität annehmen, dann werden die Strahlen, die auf sie treffen und ihr Interesse zu erregen vermögen, nicht mehr durch sie hindurchgehen, sondern zurückgeworfen werden und so die Konturen des Gegenstandes, der sie aussendet, abzeichnen. Es geschieht dabei nichts Positives, dem Bilde wird nichts hinzugefügt, es tritt nichts Neues auf. Die Gegenstände geben nur etwas von ihrer reellen Wirkung auf und stellen dafür ihre virtuelle Wirkung dar, und das heißt im Grunde den möglichen Einfluß des Lebewesens auf sie. Die Wahrnehmung ähnelt also ganz den Phänomenen der Reflexion, die in gewissen Fällen an Stelle der Brechung treten; sie ist eine Art Spiegelungserscheinung.

Damit aber ist gesagt, daß zwischen dem Sein und dem bewußten Wahrgenommenwerden der Bilder nur ein Unterschied des Grades und nicht des Wesens ist. Die Realität der Materie besteht in der Totalität ihrer Elemente und in deren mannigfaltigen Wirkungen. Unsere Vorstellung der Materie entspricht genau unserer möglichen Wirkung auf die Körper; sie resultiert, wenn wir alles eliminieren, was für unsere Bedürfnisse oder allgemeiner: unsere Funktionen ohne Interesse ist. In gewissem Sinne könnte man sagen, daß das Wahrnehmen irgend eines unbewußten materiellen Punktes in seiner reinen Momentaneität unendlich viel umfassender und vollständiger sei als das unsere, da dieser Punkt ja alle Wirkungen aller Punkte der materiellen Welt aufnimmt und weitergibt, während unser Bewußtsein nur gewisse Teile und nur gewisse Seiten dieser Teile erfaßt. Gerade in dieser Auswahl besteht – soweit die äußere Wahrnehmung in Betracht kommt – das Wesen des Bewußtseins. Aber in dieser notwendigen Armut unserer bewußten Wahrnehmung steckt etwas Positives, etwas, das bereits den Geist ankündigt: das Vermögen zu unterscheiden.

Die ganze Schwierigkeit des Problems, mit dem wir uns beschäftigen, rührt daher, daß man sich die Wahrnehmung als eine Art photographischer Ansicht der Dinge vorstellt, welche von einem bestimmten Punkte mit einem besonderen Apparat – unserem Wahrnehmungsorgan – aufgenommen wird, um alsdann in der Gehirnsubstanz durch einen unbekannten chemischen und psychischen Vorgang entwickelt zu werden. Aber warum will man nicht sehen, daß die Photographie, wenn es überhaupt eine Photographie ist, von allen Punkten des Raumes aus im Innern der Dinge schon aufgenommen und schon entwickelt ist? Keine Metaphysik, nicht einmal die Physik kann sich dieser Schlußfolgerung entziehen. Baut man das Universum aus Atomen auf: in jedem Atom machen sich, qualitativ und quantitativ mit der Entfernung variierend, die Wirkungen bemerkbar, die alle materiellen Atome ausüben. Baut man es aus Kraftzentren auf: die Kraftlinien, die von jedem einzelnen Zentrum nach allen Richtungen ausgesendet werden, leiten die Einflüsse der gesamten materiellen Welt auf jedes einzelne Zentrum hin. Und baut man endlich aus Monaden: jede Monade ist nach Leibniz ein Spiegel des Universums. Man ist sich also über diesen Punkt völlig einig. Nur liegt, wenn man einen beliebigen Punkt im Weltall betrachtet, die Sache so, daß die Wirkung der gesamten Materie ohne Widerstand und ohne Verlust hindurchgeht; dann bleibt die Photographie des Ganzen Licht, denn es fehlt die Platte, auf der das Bild aufgefangen wird. Unsere Zonen der Indeterminiertheit übernehmen sozusagen die Rolle dieser Platte. Sie fügen dem Vorhandenen nichts hinzu; sie bewirken nur, daß die reelle Wirkung durchgeht und die virtuelle bleibt.

Das ist keine Hypothese. Wir beschränken uns darauf, Tatsachen zu formulieren, an denen keine Theorie der Wahrnehmung vorüber kann. Der Psychologe kann überhaupt an das Studium der äußeren Wahrnehmung nicht herantreten, ohne wenigstens die Möglichkeit einer materiellen Welt anzunehmen, und das bedeutet im Grunde die virtuelle Wahrnehmung aller Dinge. Aus dieser nur als möglich gedachten Masse der Materie isoliert man dann das besondere Objekt, das ich meinen Leib nenne, und in diesem Leibe wiederum die Wahrnehmungszentren: man zeigt mir dann, wie eine Erschütterung von irgend einem Punkte des Raumes herkommt, die Nerven entlang läuft und die Zentren erreicht. Aber nun wird plötzlich ein Taschenspielerkunststück ausgeführt. Diese materielle Welt, die den Körper umgibt, dieser Körper, der das Gehirn beherbergt, dieses Gehirn, in dem man Zentren unterschied – alles das wird kurzerhand verabschiedet; und wie mit einem Zauberstabe läßt man nun als etwas absolut Neues eine Vorstellung erscheinen, die Vorstellung von dem, was man zuerst gesetzt hatte. Man reißt diese Vorstellung aus dem Raume heraus, damit sie nichts mehr mit der Materie, von der man doch ausging, gemein habe. Auch auf die Materie selbst würde man gerne verzichten, wenn es nur ginge, aber ihre Phänomene stellen untereinander eine so strenge, gegen jedweden Ausgangspunkt so gleichgültige Ordnung dar, daß solche Regelmäßigkeit und Gleichgültigkeit wahrlich eine unabhängige Existenz begründet. Man muß sich also wohl oder übel entschließen, von der Materie wenigstens ein Schattenbild beizubehalten. Das aber beraubt man aller der Eigenschaften, die das Leben ausmachen. Aus einem amorphen Raum schneidet man bewegliche Figuren aus; oder man denkt sich (was ungefähr auf dasselbe hinausläuft) Größenbeziehungen zwischen ihnen, mathematische Funktionen, die ablaufen und dabei ihr inneres Gesetz entwickeln: und dann kann sich freilich die Vorstellung, im erborgten Glanze des besten Teils der Materie, in dem unausgedehnten Bewußtsein schön entfalten. Aber mit dem Zerschneiden ist es nicht getan, man muß auch wieder zusammennähen. Man muß jetzt zeigen, wie die Qualitäten, die man von ihrer materiellen Grundlage losgelöst hat, wieder damit zu vereinigen sind. Jedes Attribut, um das man die Materie kürzt, vergrößert den Zwischenraum von der Vorstellung zu ihrem Objekt. Wenn man diese Materie unausgedehnt sein läßt, woher soll ihr dann die Ausdehnung kommen? Wenn man sie auf eine homogene Bewegung reduziert, woher stammt dann die Qualität? Und vor allem: wie soll man sich eine Beziehung zwischen Ding und Bild, zwischen Materie und Gedanken vorstellen, da doch jeder dieser beiden Begriffe laut Definition gerade nur das besitzt, was dem andern fehlt? So wachsen einem die Schwierigkeiten unter den Händen, und bei jedem Griff, mit dem man eine zu beseitigen sucht, hat man ein ganzes Nest von neuen in der Hand. Was verlangen wir also? Einfach, daß man seinen Zauberstab aus dem Spiele lasse und den anfänglichen Weg zu Ende gehe. Man hat uns äußere Bilder gezeigt, die auf die Sinnesorgane treffen, die Nerven modifizieren und ihren Einfluß zum Gehirne fortpflanzen. Gehen wir doch diesen Weg zu Ende. Die Bewegung wird durch die Gehirnsubstanz hindurchgehen, nicht ohne darin zu verweilen, und schließlich wird eine willkürliche Handlung aus ihr hervorwachsen. Und damit haben wir den Mechanismus der Wahrnehmung beisammen. Was diese Wahrnehmung selbst, insofern sie Bild ist, betrifft, so braucht man ihrer Genesis gar nicht erst nachzugehen, da man sie von allem Anfang an gesetzt hat und ja auch gar nicht anders konnte, als sie setzen; denn als man das Gehirn, als man den geringsten Teil der Materie annahm, hat man damit nicht die Gesamtheit aller Bilder angenommen? Was also nach Erklärung verlangt, ist nicht die Entstehung der Wahrnehmung, sondern ihre Beschränktheit, denn sie sollte doch von Rechts wegen das Bild des Ganzen sein, gibt uns aber de facto nur, was uns interessiert. Wenn sie sich aber von dem reinen Bilde gerade dadurch unterscheidet, daß sich ihre Teile im Bezuge auf ein variables Zentrum ordnen, dann ist ihre Eingeschränktheit ganz begreiflich: von Rechts wegen unbegrenzt, beschränkt sie sich tatsächlich darauf, das Maß von Indeterminiertheit anzugeben, das den Handlungen des besonderen Bildes, das wir unseren Leib nennen, gelassen ist. Und folglich ist umgekehrt die Indeterminiertheit der Körperbewegungen, so wie sie aus der Struktur der grauen Hirnsubstanz resultiert, der exakte Maßstab für den Umfang unserer Wahrnehmung. Es braucht uns also nicht in Erstaunen zu setzen, wenn alles so verläuft, als ob unsere Wahrnehmung die Folge der inneren Bewegungen des Gehirns sei und irgendwie aus den kortikalen Zentren hervorginge. Sie kann aber gar nicht daraus hervorgehen, da das Gehirn nur ein Bild wie alle anderen ist und in der Masse der anderen Bilder steckt, und da es absurd wäre zu sagen, daß das Enthaltende aus dem Enthaltenen hervorginge. Die strenge Beziehung zwischen bewußter Wahrnehmung und zerebraler Modifikation geht vielmehr darauf zurück, daß einerseits die Struktur des Gehirns den genauen Plan der Bewegungen, unter denen wir die Wahl haben, darstellt und daß andererseits diejenigen Bestandteile der äußeren Bilder, die gewissermaßen zu sich selbst zurückkehren und so die Wahrnehmung bilden, genau die Punkte des Universums bezeichnen, auf die jene Bewegungen einen Einfluß ausüben können. Die sogenannte wechselseitige Abhängigkeit von bewußter Wahrnehmung und Gehirnmodifikation rührt also einfach daher, daß sie beide aus einem dritten, nämlich der Indeterminiertheit des Willens, folgen.

Nehmen wir z. B. einen leuchtenden Punkt P, dessen Strahlen die Netzhaut in den Punkten a, b und c treffen. In diesem Punkte lokalisiert die Wissenschaft Schwingungen von einer gewissen Amplitude und einer gewissen Dauer. In diesem selben Punkte P nimmt das Bewußtsein Licht wahr. Wir wollen nun im Verlauf dieser Untersuchung zeigen, daß beide Recht haben und daß kein wesentlicher Unterschied zwischen diesem Licht und jenen Bewegungen besteht, vorausgesetzt daß man der Bewegung die Einheitlichkeit, Unteilbarkeit und qualitative Heterogenität wiedergibt, welche eine abstrakte Mechanik ihr abspricht, und weiter vorausgesetzt, daß man die Empfindungsqualitäten als Kontraktionen auffaßt, die von unserem Gedächtnis geleistet werden: Wissenschaft und Bewußtsein würden so für den reinen Moment zusammenfallen. Sagen wir vorläufig ganz schlicht, ohne den Sinn der Worte zu tief zu fassen, daß der Punkt P der Netzhaut Lichterschütterungen zusendet. Was wird geschehen? Wenn das visuelle Bild des Punktes P nicht gegeben wäre, dann müßten wir zu erforschen suchen, wie es sich bildet, und dann ständen wir sehr bald vor einem unlösbaren Problem. Aber wie man auch vorgehen will, man kommt nicht darum herum, das visuelle Bild von Anfang an zu setzen: die einzige Frage ist also, warum und wieso gerade dieses Bild ausgewählt und in meine Wahrnehmung einbezogen wurde, da doch unendlich viele andre Bilder ausgeschlossen bleiben. Nun sehe ich, daß die Erschütterungen, welche vom Punkte P auf die verschiedenen Zellen der Netzhaut ausgehen, den subkortikalen und kortikalen Sehzentren, zuweilen auch anderen Zentren zugeleitet werden und daß diese Zentren sie manchmal an motorische Mechanismen weitergeben und manchmal sie fürs erste festhalten. Welche Wirksamkeit die empfangene Erschütterung bekommt, wird also davon abhängen, welche Elemente des Nervensystems beteiligt sind; in ihnen symbolisiert sich die Indeterminiertheit des Willens; von ihrer Integrität hängt diese Indeterminiertheit ab, und folglich muß jede Verletzung dieser Elemente, in dem sie unsere Aktivität verringert, in gleichem Maße unsere Wahrnehmung verringern. Mit anderen Worten, wenn es in der materiellen Welt Punkte gibt, wo die empfangenen Erschütterungen nicht mechanisch weitergeführt werden, wenn es Zonen der Indeterminiertheit, wie wir sie nannten, gibt, müssen diese Zonen auf dem Wege des sensorisch-motorischen Prozesses genau wie Trajekte fungieren; und deshalb wird alles so vor sich gehen, als ob die Strahlen Pa, Pb, Pc an dieser Stelle des Weges wahrgenommen und dann in den Punkt P projiziert würden. Ja noch mehr: während diese Indeterminiertheit sich ihrer Natur nach dem Experiment und der Berechnung entzieht, so ist dies nicht mit den Elementen des Nervensystems der Fall, von denen der Eindruck aufgenommen und weitergeführt wird. Diese Elemente sind es also, mit denen sich die Physiologen und Psychologen werden beschäftigen müssen, nach ihnen richten und aus ihnen erklären sich alle Einzelheiten der äußeren Wahrnehmung. Man kann dann, wenn man will, sagen, daß der Reiz, nachdem er diese Elemente durchlaufen und das Zentrum erreicht hat, sich hier in ein bewußtes Bild umsetzt, das alsdann nach außen in den Punkt P verlegt wird. Aber wenn man so formuliert, tut man es nur, weil man unter dem Zwange der wissenschaftlichen Methode steht; der wirkliche Vorgang wird damit in keiner Weise beschrieben. In Wirklichkeit gibt es kein unausgedehntes Bild, daß sich im Bewußtsein bildet und dann in den Punkt P projiziert wird. Die Wahrheit ist die, daß der Punkt P, die Strahlen, die er aussendet, die Netzhaut und die beteiligten Elemente des Nervensystems ein solidarisches Ganzes bilden, in dem der Punkt P ein Teil ist, und daß im Punkte P, und nirgends anders, das Bild von P gebildet und wahrgenommen wird.

Wir wenden uns nur eben der naiven Auffassung des gesunden Menschenverstandes wieder zu, wenn wir uns die Dinge so vorstellen. Wir alle haben damit angefangen zu glauben, daß wir in das Objekt selbst eindringen, daß wir es in ihm wahrnehmen und nicht in uns. Wenn der Psychologe diese ebenso einfache wie der Wirklichkeit nahekommende Auffassung verwirft, geschieht es aus dem Grunde, weil ihm der intrazerebrale Vorgang, dieser winzige Teil der Wahrnehmung, die ganze Wahrnehmung zu repräsentieren scheint. Wenn wir das wahrgenommene Objekt ausschalten und nur den inneren Vorgang beibehalten, so wird er erklären, daß sich nichts ändere, daß das Bild des Gegenstandes bleibe. Und dieser Glaube ist leicht begreiflich; es gibt zahlreiche Zustände, wie z. B. Traum und Halluzination, wo Bilder auftauchen, die der äußeren Wahrnehmung in allen Stücken gleichen. Da in diesem Falle das Objekt verschwunden ist, während das Gehirn weiterbesteht, so schließt man daraus, der Gehirnvorgang genüge zur Erzeugung des Bildes. Aber man vergesse nicht, daß in allen psychischen Zuständen dieser Art das Gedächtnis die Hauptrolle spielt. Nun werden wir weiter unten zu zeigen versuchen, daß, faßt man den Begriff der Wahrnehmung einmal so wie wir, das Gedächtnis auftreten muß und daß dieses Gedächtnis ebenso wenig wie die Wahrnehmung selbst in einem Gehirnzustande seinen reellen und ausreichenden Grund hat. Ohne zunächst an die Untersuchung dieser beiden Punkte heranzutreten, führen wir eine ganz einfache und wohlbekannte Beobachtung an. Bei vielen Blindgeborenen sind die Sehzentren völlig unversehrt, dennoch leben und sterben sie, ohne ein einziges Sehbild gehabt zu haben. Ein solches Bild kann also nur dann auftreten, wenn der äußere Gegenstand wenigstens ein erstes Mal seine Rolle gespielt hat: er muß folglich, das erste Mal wenigstens, beim Zustandekommen der Vorstellung wirksam beteiligt gewesen sein. Und dies genügt uns für den Augenblick, denn wir meinen jetzt die reine Wahrnehmung und nicht die durch Hinzutritt des Gedächtnisses komplizierte Wahrnehmung. Schalten wir also den Anteil des Gedächtnisses aus und betrachten die Wahrnehmung im Rohzustande, dann ist klar, daß es kein Bild ohne Gegenstand gibt. Sobald man außer den intrazerebralen Prozessen den äußeren Gegenstand setzt, der ihre Ursache ist, sehe ich leicht ein, wie mit und in diesem Gegenstande sein Bild gegeben ist; wie aber dieses Bild aus der Gehirnbewegung hervorgehen soll, das sehe ich ganz und gar nicht ein.

Wenn eine Verletzung der Nerven oder der Zentren das Trajekt, über das die nervöse Reizung läuft, mehr oder minder stört, so wird die Wahrnehmung um ebensoviel beeinträchtigt. Soll uns das wundern? Die Aufgabe des Nervensystems besteht ja doch darin, Reizungen auszunützen, sie in praktische Handlungen, seien es reelle oder virtuelle, umzusetzen. Wenn nun aus irgendeinem Grunde der Reiz keinen Durchgang mehr findet, dann wäre es sonderbar, wenn die entsprechende Wahrnehmung noch stattfände, da diese Wahrnehmung ja alsdann unseren Körper zu Punkten des Raumes in Beziehung setzen würde, die nicht mehr direkt eine Wahl von ihm fordern. Durchschneidet man bei einem Tiere den Sehnerv, so wird der von einem bestimmten Punkte ausgehende Lichtreiz nicht mehr auf das Gehirn und von da auf die motorischen Nerven übertragen; der Faden, der den äußeren Gegenstand durch den Sehnerv hindurch mit den motorischen Mechanismen des Tieres verband, ist zerrissen: die Gesichtswahrnehmung ist machtlos geworden, und weil sie machtlos ist, ist sie unbewußt; ihre Unbewußtheit ist der Ausdruck ihrer Machtlosigkeit. Daß die Materie ohne die Mitwirkung eines Nervensystems und ohne Sinnesorgane wahrgenommen werden könnte, ist theoretisch nicht undenkbar, aber praktisch unmöglich, weil eine Wahrnehmung dieser Art zu nichts gut wäre. Sie würde einem Phantome anstehen, aber nicht einem lebenden d. h. handelnden Wesen. Man stellt sich den lebenden Körper immer als einen Staat im Staate vor, das Nervensystem als ein Wesen für sich, dessen Aufgabe darin bestände, zuerst Wahrnehmungen herzustellen und dann Bewegungen zu schaffen. In Wahrheit ist mein Nervensystem, das zwischen die Objekte, welche meinen Körper affizieren und die, auf welche ich Einfluß habe, eingeschaltet ist, nur einfach ein Konduktor, der Bewegung weiterleitet, verteilt oder aufhebt. Dieser Konduktor besteht aus einer ungeheuren Menge von Fäden, die von der Peripherie zum Zentrum und vom Zentrum zur Peripherie gespannt sind. Soviel Fäden von der Peripherie zum Zentrum laufen, soviel Punkte im Räume gibt es, die an meinen Willen appellieren und sozusagen eine elementare Frage an meine motorische Tätigkeit richten können: jede solche Frage ist eben das, was man eine Wahrnehmung nennt. Deshalb wird unsere Wahrnehmung um eins ihrer Elemente verringert, so oft einer der sogenannten sensorischen Fäden durchschnitten wird, denn dadurch wird ein Teil des äußeren Gegenstandes außerstand gesetzt, an unsere Tätigkeit zu appellieren; dasselbe geschieht, wenn sich eine feste Gewohnheit gebildet hat, weil dann die fertige Antwort die Frage überflüssig macht. Was hier im einen Falle wie im andern verschwindet, ist die scheinbare Rückläufigkeit des äußeren Reizes, die Rückkehr des Lichtes zu dem Bilde, von welchem es ausging, oder vielmehr jener Akt der Ablösung, der Unterscheidung, der die Wahrnehmung vom Bilde trennt. Man kann demnach sagen, daß jede Einzelheit der Wahrnehmung völlig von den sensorischen Nerven abhängt, daß aber die Wahrnehmung als Ganzes ihre Wurzel wirklich und schließlich in der Tendenz unseres Körpers zur Bewegung hat. Ursache für die Täuschung, der man in diesem Punkte gewöhnlich unterliegt, ist die scheinbare Gleichgültigkeit unserer Bewegungen gegen die Art des Reizes, der sie hervorruft. Es scheint, daß die Bewegung meines Körpers, durch die ich einen Gegenstand erreiche und modifiziere, dieselbe bleibt, ob ich nun seine Existenz durch das Gehör, das Gesicht oder das Gefühl erfahren habe. Von da aus wird meine motorische Tätigkeit zu einer besonderen Wesenheit, zu einer Art Behälter, aus dem die Bewegung nach Belieben hervorgeht, immer dieselbe Bewegung für dieselbe Handlung, gleichgültig, welche Art von Bild sie hervorgelockt hat. Aber tatsächlich ist es so, daß äußerlich identische Bewegungen im Innern etwas ganz Verschiedenes sind, je nachdem sie auf einen Gesichts-, Gehör- oder Tasteindruck die Antwort geben. Ich sehe eine Menge Gegenstände im Raum; sie appellieren alle an meine Tätigkeit, insoweit ein jeder optische Form ist. Wenn ich nun plötzlich die Sehkraft verliere, so verfüge ich zweifellos noch über dieselbe Quantität und Qualität von Bewegungen im Raume; aber diese Bewegungen können nicht mehr mit optischen Eindrücken verbunden werden; sie müssen von nun an anderen Sinneseindrücken, etwa den taktilen, folgen, und zweifellos wird sich im Gehirn eine neue Ordnung herstellen; die protoplasmischen Fortsätze der motorischen Nerven stehen jetzt in der Hirnrinde mit einer viel geringeren Anzahl von sensorischen Nerven in Beziehung. Meine Tätigkeit ist also doch tatsächlich geschmälert, denn wenn ich auch die noch dieselben Bewegungen auszuführen vermag, die Gegenstände geben mir jetzt weniger Gelegenheit dazu. Und folglich hat die plötzliche Unterbrechung der optischen Leitung dadurch eine wesentliche und einschneidende Wirkung gehabt, daß sie einen beträchtlichen Teil der früheren Appellationen an meine Tätigkeit unterdrückt hat: diese Appellationen aber sind die Wahrnehmungen, wie wir gesehen haben. Wir legen hier den Finger auf den Irrtum derer, die die Wahrnehmung aus der sensorischen Erschütterung im engeren Sinne hervorgehen lassen und nicht aus einer Frage, die unserer motorischen Tätigkeit gestellt wird. Jene trennen Wahrnehmungsprozeß und motorische Tätigkeit, und da diese das Erlöschen der Wahrnehmung zu überdauern scheint, so folgern sie, daß die Wahrnehmung in den sogenannten sensorischen Nerven lokalisiert sein müsse. In Wirklichkeit ist sie ebensowenig in den sensorischen wie in den motorischen Zentren; sie ist das Maß der Komplexheit der Beziehungen zwischen beiden und ist da, wo sie erscheint.

Die Kinderpsychologie hat festgestellt, daß unsere Vorstellung im Anfang unpersönlich ist. Nur ganz allmählich und erst auf Grund sehr vieler Induktionen bezieht sie sich auf unsern Leib als Mittelpunkt und wird damit unsere Vorstellung. Wie das zugeht, ist übrigens leicht verständlich. Wenn mein Körper im Raume den Ort wechselt, verändern sich alle anderen Bilder entsprechend, und nur er selbst bleibt unveränderlich. Ich muß also wohl oder übel ihn zu dem Mittelpunkt machen, auf den ich alle übrigen Bilder beziehe. Mein Glaube an eine Außenwelt kann unmöglich daraus entstehen, daß ich unausgedehnte Empfindungen nach außen projiziere, denn wie könnten diese Empfindungen Ausdehnung bekommen und woher sollte ich den Begriff des Außen nehmen? Wenn man mir aber, wie es ja auch die Erfahrung bezeugt, zugibt, daß die Gesamtheit der Bilder von vornherein gegeben ist, dann kann ich sehr gut verstehen, wie mein Körper in dieser Gesamtheit schließlich zu einer bevorzugten Stellung kommen muß. Ich verstehe dann auch, wie weiterhin der Begriff des Äußeren und des Inneren entsteht; er ist im Anfang nichts weiter als die Unterscheidung meines Körpers von den übrigen Körpern. Geht man nämlich von meinem Körper aus, wie man das gewöhnlich tut, so wird man mir nie klar machen können, wieso Eindrücke, die mein Körper erhält und die nur ihn angehen, sich für mich zu unabhängigen Gegenständen zusammenschließen und eine Außenwelt bilden. Gehe ich dagegen von der Masse der Bilder im allgemeinen aus, so muß sich zuletzt mein Körper ganz von selbst als ein besonderes in ihrer Mitte abheben, da die übrigen immerfort wechseln und nur er unverändert bleibt.

Der Unterschied zwischen Innen und Außen läuft so auf den Unterschied zwischen Teil und Ganzem hinaus. Zuerst ist also die Gesamtheit der Bilder; in dieser Gesamtheit sind »Zentren von Aktivität«, von denen die Bilder, soweit sie diese Aktivität interessieren, reflektiert zu werden scheinen; auf diese Weise werden die Wahrnehmungen erzeugt und die Handlungen vorbereitet. Was sich im Mittelpunkt der Wahrnehmungen abhebt, ist mein Leib; meine Persönlichkeit ist dasjenige Wesen, auf das die Handlungen zu beziehen sind. Alles wird klar und verständlich, wenn man derart von der Peripherie der Wahrnehmung zum Zentrum geht, wie es das Kind tut und wie uns unmittelbare Erfahrung und gesunder Menschenverstand nahelegen. Dagegen wird alles dunkel und unklar, und die Probleme vermehren sich ins Unabsehbare, wenn man mit den Männern der Theorie vom Zentrum nach der Peripherie gehen will. Woher kommt dann auf einmal diese merkwürdige Idee einer Außenwelt, die aus ausdehnungslosen Empfindungen Stück für Stück künstlich konstruiert wird, wo man dann weder begreift, wie solche Unausgedehntheiten eine Ausdehnung zustande bringen noch wie sie nach außen projiziert werden? Warum soll ich denn gegen allen Augenschein von meinem bewußten Ich zu meinem Körper und dann von meinem Körper zu den andern Körpern vorgehen, während ich mich doch tatsächlich mit einem Schlage in die gesamte materielle Welt versetze und dann erst allmählich das Zentrum von Aktivität abgrenze und von allem andern unterscheide, das ich meinen Leib nennen werde? In diesem Glauben an die ursprüngliche Unausgedehntheit unserer äußeren Wahrnehmung steckt eine solche Menge von Irrtümern, und in der Ansicht, daß wir rein innere Zustände nach außen projizieren, sind so viele Mißverständnisse, so viel schiefe Antworten auf verkehrte Fragen enthalten, daß wir nicht hoffen dürfen, alles das mit einem Schlage zu entwirren. Wir hoffen das mit der Zeit zu tun, wenn wir hinter diesen Irrtümern den metaphysischen Wirrwarr von unteilbarer Ausdehnung und homogenem Raum und die psychologische Vermischung der »reinen Wahrnehmung« mit dem Gedächtnis aufzeigen werden. Freilich finden diese Theorien einen gewissen Anhalt an einer Reihe von Tatsachen, die wir gleich hier anführen wollen, um ihre Interpretation richtig zu stellen.

Die erste dieser Tatsachen besteht in der Erziehungsbedürftigkeit unserer Sinne. Weder Gefühl noch Gesicht bringen es gleich fertig, ihre Eindrücke zu lokalisieren. Nur durch eine ganze Reihe von Vergleichungen und Induktionen können wir allmählich unsere Eindrücke einander koordinieren. Es ist ein Sprung, wenn man daraus schließt, die Empfindungen seien ihrem Wesen nach unausgedehnt und die Ausdehnung käme erst dadurch zustande, daß sie sich nebeneinander lagern. Aber man sieht leicht ein, daß auch für unsern Standpunkt die Sinne der Erziehung bedürfen, freilich nicht, um sich den Dingen anzupassen, aber um sich untereinander in Übereinstimmung setzen. Hier habe ich inmitten all der Bilder ein Bild, das ich meinen Leib nenne; seine virtuelle Aktivität erscheint als Reflexion der umgebenden Dinge auf sich selbst. So viele Arten möglicher Tätigkeiten es für meinen Leib gibt, so viele verschiedene Systeme der Reflexion muß es für die anderen Körper geben, und jedes dieser Systeme muß einem meiner Sinne entsprechen. Mein Leib benimmt sich also wie ein Bild, das andere Bilder reflektiert, indem es sie unter dem Gesichtspunkte der verschiedenen Wirkungen, die es auf sie ausüben kann, analysiert. Folglich symbolisiert jede der von meinen verschiedenen Sinnen an ein und demselben Gegenstande wahrgenommenen Qualitäten eine gewisse Richtung meiner Aktivität, ein gewisses Bedürfnis. Werden nun alle Wahrnehmungen, die ich mittels meiner verschiedenen Sinne von demselben Körper habe, durch ihre Vereinigung mir ein vollständiges Bild von diesem Körper geben? Natürlich nicht, da sie gleichsam aus einem größeren Ganzen herausgepflückt worden sind. Alle Einflüsse von allen Punkten aller Körper wahrnehmen, hieße zum materiellen Gegenstande werden. Bewußt wahrnehmen heißt wählen, und das Bewußtsein besteht vor allem in diesem praktischen Unterscheidungsvermögen. Die verschiedenen Wahrnehmungen, die mir meine verschiedenen Sinne von ein und demselben Gegenstande geben, stellen also nicht durch ihre Vereinigung das vollständige Bild des Gegenstandes her, sondern es bleiben zwischen ihnen Lücken, deren jede gewissermaßen einem nicht vorhandenen Bedürfnis entspricht; und um diese Lücken auszufüllen, bedarf es der Erziehung der Sinne. Zweck dieser Erziehung ist, meine Sinne in Übereinstimmung zu bringen, zwischen ihren Gegebenheiten den durchgängigen Zusammenhang, der eben durch die Zusammenhanglosigkeit der Bedürfnisse meines Körpers zerstört worden ist, wiederherzustellen, kurz, das Gesamtbild des materiellen Gegenstandes annähernd zu rekonstruieren. So erklärt sich in unserer Hypothese die Notwendigkeit einer Erziehung der Sinne. Vergleichen wir diese Erklärung mit der vorigen. Nach dieser sollten sich unausgedehnte Gesichtsempfindungen mit unausgedehnten Tast- und anderen Sinnesempfindungen verbinden und durch diese Synthese die Vorstellung des materiellen Gegenstandes ergeben. Aber erstens ist nicht einzusehen, wo diese Empfindungen Ausdehnung erwerben sollen, und vor allem wie man, die Ausdehnung einmal im allgemeinen als erworben angenommen, die Tatsache erklären will, daß sich im einzelnen Fall eine bestimmte Empfindung gerade mit diesem Punkt im Raume verbindet. Und weiter kann man fragen, durch welch glückliches Zusammentreffen, kraft welcher prästabilierten Harmonie diese verschiedenartigen Empfindungen sich zusammenordnen und einen kompakten, von nun an beständigen Gegenstand bilden, der meiner Erfahrung und derjenigen aller Menschen gemeinsam und in seinem Verhalten zu den übrigen Gegenständen an die unbeugsamen Regeln gebunden ist, die man Naturgesetze nennt. Nach unserer Erklärung dagegen sind »die Gegebenheiten unserer verschiedenen Sinne« Qualitäten der Dinge und werden von Anfang an mehr in ihnen als in uns wahrgenommen: ist es da erstaunlich, daß sie sich wieder zu einem Ganzen zusammenschließen, wo sie doch nur durch Abstraktion getrennt worden waren? – Nach der ersten Hypothese fällt das materielle Ding und unsere Wahrnehmung vollständig auseinander, das materielle Ding ist nicht, was wir wahrnehmen: man setzt auf der einen Seite das Bewußtsein mit den Empfindungsqualitäten, auf der andern die Materie, von der man nichts auszusagen weiß und die man durch Negationen definieren muß, weil man sie aller wirklichen Merkmale von vornherein beraubt hat. Nach der zweiten Hypothese ist eine immer tiefere Erkenntnis der Materie möglich. Wir verkürzen die Materie um keine einzige Qualität, die wir an ihr wahrnehmen, im Gegenteil, wir nehmen es auf uns, alle ihre Qualitäten zusammenzubringen, ihre Verwandtschaft herauszufinden und zwischen ihnen den Zusammenhang herzustellen, den unsere Bedürfnisse zerstört haben. Unsere Wahrnehmung der Materie ist alsdann nicht mehr relativ und subjektiv, wenigstens nicht im Prinzip und abgesehen vom Gefühl und vor allem vom Gedächtnis, wie wir gleich sehen werden: sie ist nur zerstückelt durch die Vielspältigkeit unserer Bedürfnisse. – In der ersten Hypothese ist der Geist ebenso unerkennbar, wie die Materie, nachdem man ihm die mystische Fähigkeit beilegt, Empfindungen hervorzurufen, man weiß nicht woher, und sie, man weiß nicht warum, in einen Raum zu projizieren, wo sie dann Körper bilden. In der zweiten dagegen ist die Rolle des Bewußtseins klar bestimmt: Bewußtsein bedeutet mögliche Tätigkeit; und die vom Geiste herausgebildeten festen Formen, die uns sein Wesen verhüllen, sind von diesem Grundprinzip aus aufzulösen. So ergibt sich bei unserer Hypothese die Möglichkeit, Geist und Materie klarer zu unterscheiden und gleichzeitig eine engere Beziehung zwischen ihnen zu sehen. Lassen wir aber jetzt diesen ersten Punkt beiseite und gehen zum zweiten über.

Die zweite der bezeichneten Tatsachen besteht in dem, was man lange Zeit die spezifische Sinnesenergie genannt hat. Man weiß, daß die Reizung der Sehnerven durch eine äußere Erschütterung oder einen elektrischen Strom eine Sehempfindung gibt und daß derselbe elektrische Strom, auf den Hörnerv oder den Zungen- und Schlundnerv gerichtet, einen Ton oder einen Geschmack erzeugt. Aus diesen recht speziellen Tatsachen folgert man die zwei reichlich allgemeinen Gesetze, daß, wenn auf den gleichen Nerven verschiedene Ursachen wirken, die gleiche Empfindung ausgelöst wird, und daß, wenn auf verschiedene Nerven die gleiche Ursache wirkt, verschiedene Empfindungen hervorgerufen werden. Aus diesen Gesetzen schließt man dann wieder, daß unsere Empfindungen eine bloße Zeichensprache sind und unsere Sinne so funktionieren, daß jeder homogene mechanische Bewegungen, die im Raume geschehen, in seine eigentümliche Sprache übersetzt. Und von hier aus kommt man endlich auf die Idee, unsere Wahrnehmung in zwei scharf geschiedene, hinfort nicht mehr zu vereinigende Teile zu spalten: hier die homogenen Bewegungen im Raume, dort die unausgedehnten Empfindungen im Bewußtsein. Es ist nicht unsere Sache, auf die nähere Untersuchung der physiologischen Probleme einzugehen, die aus der Interpretation dieser beiden Gesetze erwachsen. Wie man auch diese Gesetze versteht, ob man nun die spezifische Energie den Nerven zuspricht oder sie in die Zentren verlegt, jedenfalls wird man immer auf unüberwindliche Hindernisse stoßen. Aber ganz abgesehen davon werden die Gesetze selbst mehr und mehr problematisch. Schon Lotze hegte Zweifel an ihrer Richtigkeit. Er wollte, ehe er an sie glaubte, abwarten, »bis die Schallwellen dem Auge die Empfindung des Lichtes, und Lichtschwingungen dem Ohre einen Ton geben würden«. Lotze, Metaphysik, 2. Aufl., S. 508 u. f. In Wahrheit scheinen alle angeführten Tatsachen auf einen einzigen Typus zurückführbar: wenn wir ein und denselben Reiz verschiedenartige Empfindungen oder verschiedene Reize ein und dieselbe Empfindung hervorrufen sehen, so handelt es sich immer entweder direkt um den elektrischen Strom oder um eine mechanische Ursache, die im Organ eine Änderung des elektrischen Gleichgewichts herbeiführt. Nun könnte man fragen, ob der elektrische Reiz nicht verschiedene Komponenten in sich begreift, die objektiv den verschiedenen Arten der Empfindungen entsprechen, und ob nicht jeder Sinn seine besondere Aufgabe einfach darin hat, aus dem Ganzen die Komponente herauszuziehen, die ihn angeht: dann würden also doch dieselben Reize, dieselben Empfindungen und verschiedene Reize verschiedene Empfindungen hervorrufen. Um deutlicher zu sein: es ist kaum denkbar, daß z. B. die Elektrisierung der Zunge nicht chemische Veränderungen hervorrufen sollte; nun, solche Veränderungen nennen wir in jedem Falle Geschmacksempfindungen. Oder: wenn es dem Physiker gelungen ist, das Licht mit einer Störung des elektromagnetischen Gleichgewichts zu identifizieren, kann man auch umgekehrt sagen, daß, was hier Störung des elektromagnetischen Gleichgewichts heißt, Licht ist, so daß es also wirklich Licht wäre, was der Sehnerv wahrnimmt, wenn er elektrisiert wird. Für keinen andern Sinn schien die Lehre von der spezifischen Energie so sicher begründet wie für das Ohr, und nirgends sonst ist die wirkliche Existenz der wahrgenommenen Dinge wahrscheinlicher geworden, als gerade hier. Wir wollen nicht weiter auf diese Tatsachen eingehen, da man sie in einem neueren Werke gründlich und nach allen Richtungen dargestellt finden kann. Schwarz, Das Wahrnehmungsproblem, Leipzig 1892. S. 313 u. f. Nur darauf wollen wir hinweisen, daß die Empfindungen, von denen hier immer die Rede ist, keine von uns außerhalb unseres Körpers wahrgenommenen Bilder, sondern vielmehr in unserem Körper selbst lokalisierte Affektionen sind. Nun folgt aus der Natur und Bestimmung unseres Körpers, wie wir gleich sehen werden, daß jedes seiner sensorischen Organe seine eigentümliche reelle Wirksamkeit hat und daß von gleicher Art wie diese reelle die virtuelle Wirksamkeit sein muß, die es als Wahrnehmung auf die äußeren Gegenstände richtet; auf diese Weise versteht man dann, warum jeder sensorische Nerv nur auf eine bestimmte Empfindungsweise hin erregbar ist. Aber um diesen Punkt aufzuhellen, müssen wir das Wesen der Affektion gründlicher untersuchen. Wir kommen damit zu dem letzten und dritten Argument, das wir untersuchen wollten.

Dieses dritte Argument stützt sich auf die Tatsache, daß man ganz unmerklich aus dem vorstellenden Verhalten, das Raum einnimmt, in das affektive Verhalten übergeht, das ohne Ausdehnung ist. Hieraus schließt man, daß alle Empfindung von Natur und notwendig unausgedehnt sei, daß die Ausdehnung zur Empfindung erst hinzutrete und daß der Vorgang der Wahrnehmung im Ganzen als Veräußerlichung innerer Zustände aufzufassen sei. Der Psychologe geht nämlich von seinem Körper aus, und da ihm die Eindrücke, die die Peripherie seines Körpers empfängt, zum Aufbau der gesamten materiellen Welt zu genügen scheinen, so reduziert er zunächst einmal das Universum auf seinen Körper. Aber diese seine erste Position ist nicht haltbar; sein Körper hat und kann nicht mehr und nicht weniger Realität haben als alle übrigen Körper. Er wird also noch weiter gehen und sein Prinzip bis zu Ende durchführen müssen: nachdem er das Universum auf die Oberfläche des lebenden Körpers hat zusammenschrumpfen lassen, muß er diesen Körper zu einem Zentrum zusammenziehen, dem er schließlich das Prädikat unausgedehnt beilegen wird. Dann läßt er von diesem Zentrum unausgedehnte Empfindungen ausgehen, die gewissermaßen anschwellen, sich zu Ausgedehntheiten auswachsen und erst unsern ausgedehnten Körper und dann alle anderen materiellen Gegenstände ergeben. Aber diese sonderbare Annahme wäre unmöglich, wenn es nicht zwischen den ausgedehnten Bildern und den unausgedehnten Vorstellungen ausgerechnet eine Reihe von mehr oder minder undeutlich lokalisierten Zwischenzuständen gäbe, die affektiven Zustände. Seinem gewohnten Irrtum folgend erzeugt unser Verstand die aussichtslose Alternative: eine Sache müsse entweder ausgedehnt oder unausgedehnt sein; und da der affektive Zustand nur ungefähr an der Ausdehnung partipiziert, nur undeutlich lokalisiert ist, so schließt er, der affektive Zustand sei ganz und gar unausgedehnt. Dann aber sollen sich die sukzessiven Grade der Ausgedehntheit und die Ausdehnung selbst durch ich weiß nicht welche erworbene Eigenschaft der unausgedehnten Zustände erklären lassen; die Geschichte der Wahrnehmung wird damit zur Geschichte von unausgedehnten inneren Zuständen, die sich nach außen projizieren und ausdehnen. Dieselbe Argumentation tritt noch in anderer Gestalt auf. Es gibt kaum eine Wahrnehmung, welche nicht durch eine verstärkte Wirkung ihres Gegenstandes auf unseren Körper zur affektiven Empfindung, spezieller zum Schmerz werden könnte. So geht Berührung mit der Nadel unmerklich in den Stich über. Und umgekehrt, läßt der Schmerz nach, so fällt er allmählich mit der Wahrnehmung seiner Ursache zusammen und veräußerlicht sich sozusagen zur Vorstellung. Es scheint demnach allerdings zwischen Empfindung und Wahrnehmung nur ein gradueller und nicht ein Wesensunterschied zu bestehen. Nun aber ist die erste eng mit meiner persönlichen Existenz verbunden; was wäre auch ein Schmerz, losgelöst von dem fühlenden Subjekt? Es muß also scheinen, daß es mit der zweiten ebenso bestellt sei, und daß die äußere Wahrnehmung durch Projektion der schmerzlos gewordenen Empfindung in den Raum entstehe. Realisten und Idealisten stimmen in diesem Räsonnement überein. Die Idealisten sehen im materiellen Universum einfach eine Synthese unausgedehnter subjektiver Zustände; die Realisten fügen nur hinzu, daß hinter dieser Synthese eine unabhängige Realität steht, die mit ihr übereinstimmt; aber beide schließen aus dem allmählichen Übergang von der Empfindung zur Vorstellung, daß die Vorstellung vom materiellen Universum relativ und subjektiv sei, daß sie sozusagen aus uns hervorgegangen sei, wo doch vielmehr wir uns erst von ihr abgelöst haben.

Ehe wir zur Kritik dieser anfechtbaren Interpretation einer unbestreitbaren Tatsache übergehen, wollen wir zeigen, daß sie weder das Wesen des Schmerzes, noch der Wahrnehmung zu erklären oder auch nur aufzuhellen vermag. Denn daß affektive Zustände, die wesentlich an meine Person gebunden sind und verschwinden, wenn ich verschwinde, durch eine bloße Intensitätsverringerung zu Ausdehnung kommen, einen bestimmten Ort im Raume einnehmen und eine dauerhafte Erfahrung begründen sollen, die immer mit sich selbst und mit der Erfahrung der übrigen Menschen im Einklang steht, das wird man sehr schwer begreiflich machen können. Wie man es auch anfängt, schließlich wird man doch immer in irgendeiner Form den Empfindungen erst die Ausgedehntheit und dann die Selbständigkeit wiedergeben müssen, ohne die man auskommen wollte. Und andererseits ist in dieser Hypothese Empfindung kaum ein klarerer Begriff als Vorstellung. Denn wenn nicht einzusehen ist, wie Empfindungen durch Verringerung ihrer Intensität zu Vorstellungen werden können, so ist auf der anderen Seite mindestens ebenso unbegreiflich, wie dasselbe Phänomen, das zuerst als Wahrnehmung gegeben war, nun durch bloße Verstärkung der Intensität zur Empfindung werden soll. Im Schmerz steckt etwas Positives, Aktives, dem man nicht gerecht wird, wenn man ihn mit gewissen Philosophen für eine undeutliche Vorstellung erklärt. Aber das ist immer noch nicht die Hauptschwierigkeit. Daß durch allmähliche Steigerung des Reizes schließlich aus der Wahrnehmung ein Schmerz wird, ist unbestreitbar, und nicht minder wahr ist, daß dieser Übergang sich in einem ganz bestimmten Augenblick fühlbar macht: warum aber gerade in diesem Augenblick und nicht in einem andern? Und was ist der eigentliche Grund dafür, daß ein Phänomen, dem ich erst als gleichgültiger Zuschauer gegenüberstand, plötzlich ein vitales Interesse für mich bekommt? Ich kann also mit dieser Hypothese zweierlei nicht erfassen: erstens warum in einem ganz bestimmten Augenblicke eine Verringerung der Intensität dem Phänomen ein Recht auf Ausdehnung und offenbare Selbständigkeit gibt und zweitens wie durch Verstärkung der Intensität in diesem ganz bestimmten Augenblick und keinem andern jene neue Qualität Schmerz entsteht, die eine Quelle positiven Handelns wird.

Wir kehren nun zu unserer eigenen Hypothese zurück und zeigen, wie aus dem Bilde in einem bestimmten Augenblick die Empfindung hervorgehen muß. Wir werden dann auch verstehen, wie man von einer Wahrnehmung, die Ausdehnung hat, zu einer unausgedehnten Empfindung kommt. Doch sind dafür einige einleitende Bemerkungen über die eigentliche Bedeutung des Schmerzes nicht zu entbehren.

Wenn ein fremder Körper einen der Fortsätze einer Amöbe berührt, so zieht sich dieser Fortsatz zurück; die protoplasmische Masse ist also in jedem ihrer Teile fähig, den Reiz aufzunehmen und auf ihn zu reagieren; Wahrnehmung und Bewegung fallen hier noch in eine einzige Fähigkeit zusammen: die Zusammenziehbarkeit. Aber wenn der Organismus komplizierter wird, so tritt Arbeitsteilung ein, die Funktionen differenzieren sich und die dadurch gebildeten anatomischen Organe gehen ihrer Selbständigkeit verlustig. In einem Organismus wie dem unsern haben die sogenannten sensorischen Nerven ausschließlich die Funktion, die Reize nach einer zentralen Region zu leiten, von wo die Erschütterung sich auf motorische Nerven fortpflanzt. Es möchte also scheinen, daß sie auf selbständige individuelle Tätigkeit verzichtet haben, um als vorgeschobene Posten bei den Bewegungen des ganzen Körpers mitzuwirken. Nichtsdestoweniger bleiben sie denselben Fährlichkeiten ausgesetzt, die den ganzen Organismus bedrohen; während aber der Gesamtorganismus sich fortbewegen und so der Gefahr entgehen und sich wehren kann, verbleiben die sensorischen Organe in der relativen Bewegungslosigkeit, zu der sie die Arbeitsteilung verurteilt. So entsteht der Schmerz, der nach unserer Ansicht nichts anderes ist, als die Anstrengung des verletzten Organs, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen, eine Art motorische Tendenz in einem sensorischen Nerv. Jeder Schmerz ist also eine Anstrengung und zwar eine ohnmächtige Anstrengung. Jeder Schmerz ist eine lokale Anstrengung, und gerade sein lokaler Charakter ist die Ursache seiner Ohnmacht, denn da die Teile des Organismus solidarisch verbunden sind, so ist er nur noch als Ganzes bewegungsfähig. In dem lokalen Charakter der Anstrengung gründet auch das absolute Mißverhältnis zwischen dem Schmerz und der Gefahr für den Körper: die Gefahr kann tödlich und der Schmerz nur leicht sein; und der Schmerz kann unerträglich und die Gefahr unbedeutend sein, beim Zahnschmerz zum Beispiel. Es gibt also und es muß einen bestimmten Augenblick geben, wo der Schmerz einsetzt, und zwar ist er dann gegeben, wenn der beteiligte Teil des Organismus, statt den Reiz aufzunehmen, ihn zurückstößt. Und zwischen Wahrnehmung und Empfindung gibt es nicht nur einen Unterschied des Grades, sondern des Wesens.

Wenn wir so sagen, betrachten wir den lebenden Körper als eine Art Mittelpunkt, der die Wirkung, die die umgebenden Objekte auf ihn ausüben, auf diese Objekte reflektiert; in dieser Reflexion besteht die äußere Wahrnehmung. Aber dieser Mittelpunkt ist kein mathematischer Punkt: er ist ein Körper und wie alle Körper der Wirkung äußerer Ursachen ausgesetzt, die sein Gefüge zu zerstören drohen. Wir sahen soeben, daß er dem Einfluß dieser Ursachen Widerstand entgegensetzt. Er reflektiert nicht nur die von außen kommende Wirkung, sondern er kämpft gegen sie und absorbiert damit einen Teil von ihr. Hier ist die Quelle der Empfindung zu suchen. Man könnte somit metaphorisch sagen: wie die Wahrnehmung der Maßstab für die reflektierende Kraft des Körpers ist, so ist die Empfindung der Maßstab für seine absorbierende Kraft.

Aber das ist nur eine Metapher. Man muß die Dinge etwas näher besehen und sich klar machen, daß die Empfindung mit Notwendigkeit aus der Existenz der Wahrnehmung hervorgeht. Die Wahrnehmung, in unserem Sinne verstanden, entspricht unserer möglichen Wirkung auf die Dinge und daher auch umgekehrt der möglichen Wirkung der Dinge auf uns. Je größer die Aktionsfähigkeit des Körpers (die sich in einer größeren Kompliziertheit des Nervensystems ausspricht), um so größer das Gebiet, das die Wahrnehmung umfaßt. Die Entfernung, die unsern Körper von einem wahrgenommenen Gegenstande trennt, ist also tatsächlich der Gradmesser für die mehr oder minder große Nähe sei es einer Gefahr oder eines Vorteils. Und deshalb ist unsere Wahrnehmung eines von unserem Körper verschiedenen und durch einen Zwischenraum von ihm getrennten Gegenstandes nichts andres als der Ausdruck einer virtuellen Handlung. Je kleiner aber die Entfernung zwischen diesem Gegenstand und unserem Körper, je dringender mit anderen Worten die Gefahr und je wahrscheinlicher der Vorteil wird, desto stärker wird die Tendenz der virtuellen Handlung, sich in eine aktuelle umzwandeln. Nehmen wir nun den Grenzfall, nehmen wir an, daß die Entfernung gleich Null wird, d. h. daß der Gegenstand der Wahrnehmung mit unserm Körper zusammenfällt, d. h. daß unser Körper selbst der Gegenstand der Wahrnehmung wird; dann drückt sich in diesem Spezialfall von Wahrnehmung keine virtuelle, sondern eine aktuelle Wirkung aus: und darin besteht die Empfindung. Unsere Empfindungen verhalten sich also zu unseren Wahrnehmungen wie die reelle Tätigkeit unseres Körpers zu seiner möglichen oder virtuellen Tätigkeit. Seine virtuelle Tätigkeit bezieht sich auf die anderen Gegenstände und kommt an ihnen zum Ausdruck; seine reelle Tätigkeit bezieht sich auf ihn selbst und kommt folglich an ihm selber zum Ausdruck. Kurzum es spielt sich alles so ab, als ob wahrhaftig sowohl die reellen als die virtuellen Handlungen zu ihren Beziehungs- oder Ausgangspunkten zurückkehrten, als ob die äußeren Bilder von unserem Körper in den umgebenden Raum reflektiert, die reellen Handlungen von ihm im Innern seiner Substanz zurückgehalten würden. Und deshalb ist die Oberfläche meines Körpers, als gemeinsame Grenze des Äußern und des Innern, der einzige Teil der ausgedehnten Welt, der zugleich wahrgenommen und empfunden wird.

Es ergibt sich also abermals, daß die Wahrnehmung außerhalb meines Körpers, die Empfindung dagegen in meinem Körper ist. Ebenso wie die äußeren Gegenstände von mir dort wahrgenommen werden, wo sie sind, nämlich in ihnen und nicht in mir, so werden meine Empfindungszustände dort erlebt, wo sie auftreten, d. h. in einem bestimmten Punkte meines Körpers. Betrachten wir das System der Bilder, welches man die materielle Welt nennt. Mein Körper ist eins von ihnen. Um dieses Bild ordnen sich die Vorstellungen, d. h. seine eventuellen Einflüsse auf die andern Bilder. In ihm entsteht die Empfindung, d. h. seine aktuelle Wirkung auf sich selbst. Das ist im Grunde der Unterschied, den jeder von uns naturgemäß von selbst zwischen einem Bilde und einer Empfindung macht. Wenn wir sagen, daß das Bild draußen existiert, so meinen wir, daß es außerhalb unseres Körpers ist. Wenn wir von der Empfindung als einem inneren Zustand sprechen, wollen wir sagen, daß sie in unserem Körper entsteht. Und deswegen behaupten wir, daß die Gesamtheit der wahrgenommenen Bilder fortbesteht, auch wenn unser Körper verschwindet, daß wir aber unsern Körper nicht wegdenken können, ohne damit auch unsere Empfindungen aufzuheben.

An dieser Stelle erkennen wir die Notwendigkeit einer ersten Korrektur unserer Theorie von der reinen Wahrnehmung. Wir haben argumentiert, als ob unsere Wahrnehmung ein von der Substanz der Bilder einfach abgelöster Teil sei, als ob sie, indem sie die virtuelle Wirkung des Gegenstandes auf unsern Körper und unsers Körpers auf den Gegenstand zum Ausdruck bringt, einfach von dem Gesamtobjekt diejenige Ansicht lostrennte, an der wir interessiert sind. Man muß aber bedenken, daß unser Körper kein mathematischer Punkt im Raume ist, daß seine virtuellen Handlungen sich mit den aktuellen vermengen und durchdringen, mit andern Worten, daß es keine Wahrnehmung ohne Empfindung gibt. Die Empfindung ist demnach das, was wir vom Innern unsers Körpers dem Bilde der äußeren Körper zufügen; was wir also, wollen wir das Bild wieder in reiner Gestalt bekommen, zuförderst von der Wahrnehmung zu sondern haben. Der Psychologe freilich, der nicht sehen will, wie sich Wahrnehmung und Empfindung ihrem Wesen und ihrer Funktion nach unterscheiden, – diese enthält ein wirkliches Tun, jene nur ein mögliches – muß zuletzt zwischen ihnen nur noch einen Gradunterschied finden. Weil die Empfindung (infolge der vagen, unorganisierten Anstrengung, die in ihr liegt) nur undeutlich lokalisiert ist, erklärt er sie sofort für unausgedehnt und macht dann verallgemeinernd aus der Empfindung das einfache Element, aus dem wir durch einfache Zusammensetzung die äußeren Bilder aufbauen. In Wahrheit aber ist die Empfindung gar nicht der Rohstoff, aus dem die Wahrnehmung gemacht ist; weit eher die Unreinigkeit, die ihr beigemengt ist. Wir fassen hier den Irrtum an der Wurzel, der den Psychologen dahin führt, die Empfindung als unausgedehnt und die Wahrnehmung als ein Aggregat von Empfindungen anzusehen. Dieser Irrtum verstärkt sich, wie wir sehen werden, unterwegs durch Argumente, welche einer falschen Auffassung von der Bedeutung des Raumes und vom Wesen der Ausdehnung entnommen sind. Überdies wird er durch falsch interpretierte Tatsachen gestützt, die es jetzt näher zu untersuchen gilt.

Zuerst dies: es scheint, daß die Lokalisation einer Empfindung an einer Stelle des Körpers tatsächlich einer besonderen Erziehung bedarf. Es dauert eine Weile, bis ein Kind dazu kommt, genau die Stelle der Haut zu finden, wo es einen Stich empfangen hat. Die Tatsache ist unanfechtbar, aber was aus ihr geschlossen werden kann, ist einzig, daß ein Betasten nötig ist, um die schmerzhaften Eindrücke der Haut, die den Stich empfing, mit den Empfindungen des Muskelsinnes, der die Bewegungen des Armes und der Hand dirigiert, zusammenzuordnen. Unsere inneren Empfindungen zerfallen wie unsere äußeren Wahrnehmungen in verschiedene Arten. Wie bei der Wahrnehmung so besteht auch bei der Empfindung zwischen diesen Arten kein kontinuierlicher Übergang, sondern sie sind deutlich voneinander geschieden und erst die Erziehung stellt die Verbindung zwischen ihnen her. Daraus folgt aber durchaus nicht, daß es nicht für jede Art Empfindung eine unmittelbare Lokalisation bestimmter Art gäbe, eine Lokalfarbe, die nur ihr eignet. Wir können noch weiter gehen: wenn die Empfindung diese Lokalfarbe nicht gleich hat, so wird sie sie niemals haben. Denn alles, was die Erziehung tun kann, ist, der jeweiligen Empfindung die Vorstellung einer bestimmten Seh- oder Tastwahrnehmung zu assoziieren, sodaß eine bestimmte Empfindung das Bild einer ebenso bestimmten Seh- oder Tastwahrnehmung erweckt. Es muß also in jeder Empfindung bereits etwas sein, was sie von andern Empfindungen gleicher Art unterscheidet und es möglich macht, daß wir sie gerade mit dieser Gesichts- oder Tastwahrnehmung in Verbindung bringen und nicht mit einer anderen. Heißt das aber nicht, daß die Empfindung von Anfang an eine gewisse räumliche Bestimmtheit hat?

Auch die Lokalisationstäuschungen werden gern angeführt, zum Beispiel die Empfindungstäuschungen nach Amputationen (die man übrigens einer erneuten Untersuchung würdigen sollte). Aber was folgt daraus? Doch nur, daß die Gewöhnung, einmal erworben, bestehen bleibt, und daß die Angaben des Gedächtnisses, soweit sie für das praktische Leben nützlicher sind, an die Stelle der Angaben des unmittelbaren Bewußtseins treten. Wir sind als handelnde Wesen darauf angewiesen, unser Empfindungserlebnis in dispositionelle Gesichts-, Gefühls- und Muskelwahrnehmungen zu übersetzen. Ist einmal diese Übersetzung vollzogen, so verblaßt das Original; aber sie hätte sich nie vollziehen können, wenn das Original nicht zuvor gegeben gewesen wäre und wenn sich nicht die Empfindung von vornherein von sich aus und auf eigene Art lokalisiert hätte.

Dem Psychologen aber fällt es sehr schwer, diese Anschauung des gesunden Menschenverstandes hinzunehmen. Ebenso wie die Wahrnehmung seiner Meinung nach nur dann in den Dingen sein könnte, wenn diese selbst wahrnähmen, so könnte, meint er, auch die Empfindung nur dann im Nerv sein, wenn dieser selbst empfände. Nun ist es aber offenbar, daß der Nerv nicht empfindet. So nimmt man denn die Empfindung, löst sie von dem Punkte, wo der gesunde Menschenverstand sie lokalisiert, los und rückt sie dem Gehirn näher, mit dem sie noch enger zusammenzuhängen scheint als mit dem Nerven: logischerweise müßte man sie schließlich in das Gehirn verlegen. Aber sehr bald bemerkt man, daß sie, wenn sie nicht in dem Punkte ist, wo sie erlebt wird, erst recht nicht wo anders sein kann; daß sie also, wenn nicht im Nerv, auch nicht im Gehirn sein wird; denn um ihre Projektion aus dem Zentrum an die Peripherie zu erklären, ist eine gewisse Kraft nötig, die man nicht umhin können wird einem mehr oder minder aktiven Bewußtsein zuzuschreiben. Man wird also noch weiter gehen müssen: erst hat man die Empfindungen zum Gehirnzentrum konvergieren lassen, jetzt aber stößt man sie aus dem Gehirn und damit aus dem Raume überhaupt. Man denkt sich jetzt absolut unausgedehnte Empfindungen und dazu einen leeren Raum, dem die Empfindungen, die sich in ihn projizieren, völlig gleichgültig sind, und müht sich nun auf alle Weise ab, uns verständlich zu machen, wie diese unausgedehnten Empfindungen zu Ausdehnung kommen und, wenn sie sich lokalisieren, ganz bestimmte Punkte des Raumes allen anderen vorziehen. Aber diese Lehre ist nicht nur nicht imstande, uns zu sagen, wie das Unausgedehnte sich ausdehnt, sie macht alle drei, Empfindung, Ausdehnung und Vorstellung, gleicherweise unerklärbar. Sie muß die affektiven Zustände als lauter Absoluta nehmen, die ohne jeden ersichtlichen Grund im Bewußtsein bald erscheinen und bald wieder verschwinden. Auch der Übergang von der Empfindung zur Vorstellung bleibt in undurchdringliches Geheimnis gehüllt, weil sich, wir wiederholen es, in einfachen und unausgedehnten inneren Zuständen niemals ein Grund wird finden lassen, warum sie gerade diese oder jene bestimmte Ordnung im Raume annehmen sollen. So muß man schließlich auch die Vorstellung als ein Absolutes setzen: man weiß weder ihren Ursprung noch ihre Bestimmung.

Geht man dagegen von der Vorstellung selbst, das heißt von der Gesamtheit der wahrgenommenen Bilder aus, so klärt sich die Lage. Meine Wahrnehmung nimmt, wenn sie rein und von Gedächtnis frei ist, ihre Richtung nicht von meinem Körper auf die andern Körper, sondern sie ist von vornherein in der Gesamtheit der Körper, schließt sich allmählich zusammen und nimmt meinen Körper als Mittelpunkt. Sie kommt dazu eben durch die Erfahrung, daß dieser Körper zweierlei kann, Handlungen ausführen und Empfindungen erleben, mit andern Worten durch die Erfahrung der sensorisch-motorischen Kraft eines bestimmten, vor den andern ausgezeichneten Bildes. Dieses Bild steht nämlich einerseits immer im Mittelpunkt der Vorstellung, derart, daß die übrigen Bilder sich darum lagern, in der Ordnung, in der sie Objekt seiner Tätigkeit werden können; andererseits perzipiere ich dieses Bild von innen mit Hilfe affektiver Erlebnisse, die ich Empfindungen nenne, ich perzipiere bei ihm nicht nur die äußere Oberfläche, wie bei den übrigen Bildern. Ich finde also in der Gesamtheit der Bilder ein vor den andern bevorzugtes Bild, das in seiner Tiefe und nicht nur an seiner Oberfläche wahrgenommen wird, Sitz von Empfindungen und zugleich Quelle von Tätigkeit ist: dieses besondere Bild mache ich zum Mittelpunkt meines Universums und zur physischen Grundlage meiner Persönlichkeit.

Doch ehe wir weiter gehen und die Beziehung zwischen der Person und den Bildern, in deren Mitte sie sich einrichtet, genau aufzeigen, wollen wir in Kürze, mit Betonung des Gegensatzes zu den Analysen der üblichen Psychologie, unsere bisher skizzierte Theorie der »reinen Wahrnehmung« resümieren.

Der Einfachheit halber nehmen wir wieder den Gesichtssinn als Beispiel. Man nimmt da gewöhnlich elementare Empfindungen an, welche den von den Zapfen und Stäbchen der Netzhaut empfangenen Eindrücken entsprechen. Aus diesen Empfindungen soll nun die Gesichtswahrnehmung aufgebaut werden. Nun aber gibt es zunächst nicht nur eine Netzhaut, sondern zwei. Man müßte also nachweisen, wie zwei als getrennt angenommene Empfindungen zu einer einzigen Wahrnehmung verschmelzen können, die dem, was wir einen Punkt des Raumes nennen, entspräche.

Aber nehmen wir an, diese Frage sei erledigt. Die Empfindungen, mit denen man arbeitet, sind unausgedehnt. Wie kommen sie zu Ausdehnung? Gleichviel ob einem die Ausdehnung ein leerer Rahmen zu sein scheint, der zur Aufnahme von Empfindungen bereitsteht, oder ob man sie einzig aus der Gleichzeitigkeit der Empfindungen, die im Bewußtsein koexistieren, ohne zu verschmelzen, als Effekt resultieren läßt, in beiden Fällen führt man mit der Tatsache der Ausdehnung etwas Neues ein, daß man nicht erklären kann: der Prozeß, mit dessen Hilfe die Empfindung Ausdehnung bekommt, und die Tatsache, daß jeder elementaren Empfindung ein bestimmter Punkt im Raum entspricht, bleiben auf diese Weise unerklärt.

Doch lassen wir auch diese Schwierigkeit beiseite: der Sehraum sei da. Wie geht es zu, daß er sich mit dem Tastraum vereinigt? Alles, was mein Gesicht im Raume feststellt, wird durch meinen Tastsinn verifiziert. Will man uns etwa einwenden, daß die Gegenstände sich ja gerade durch das Zusammenwirken von Gesichts- und Tastsinn bilden, und daß die Übereinstimmung der beiden Sinne in der Wahrnehmung sich durch die Tatsache erkläre, daß das wahrgenommene Objekt ihr gemeinsames Werk ist? Aber welche Gemeinsamkeit, die qualitativ wäre, ließe sich wohl zwischen einer elementaren Gesichtsempfindung und einer Tastempfindung finden, da doch beide ganz verschiedenen Arten angehören? Die Übereinstimmung zwischen dem Sehraum und dem Tastraum könnte also nur durch einen Parallelismus der Ordnung der Gesichtsempfindungen mit der Ordnung der Tastempfindungen erklärt werden. Wir sind also genötigt, außer den Gesichtsempfindungen und außer den Tastempfindungen noch eine bestimmte Ordnung anzunehmen, die beiden gemeinsam ist und folglich von beiden unabhängig sein muß. Und wir können noch weiter gehen: diese Ordnung ist auch unabhängig von unserer individuellen Wahrnehmung, da sie ja für alle Menschen dieselbe ist und eine materielle Welt konstituiert, in der Wirkungen an Ursachen geknüpft sind und die Erscheinungen nach Gesetzen verlaufen. Und damit stehen wir vor der Hypothese einer objektiven, von uns unabhängigen Ordnung, d. h. einer von der Empfindung verschiedenen materiellen Welt.

So hat sich uns im Fortgang unserer Überlegung die Zahl der nicht weiter erklärbaren Tatsachen vergrößert und die einfache Hypothese, von der wir ausgingen, ist immer komplizierter geworden. Aber haben wir damit etwas gewonnen? Die Materie, bei der wir gelandet sind, ist zwar höchst brauchbar, um die wunderbare Übereinstimmung der Empfindungen untereinander zu erklären, aber was wissen wir denn in Wahrheit von ihr, da wir ihr ja doch alle wahrnehmbaren Qualitäten und alle Empfindungen absprechen müssen und ihr nur die Funktion lassen dürfen, den Zusammenhang unter diesen zu erklären? Sie hat nichts Wißbares und Erfahrbares an sich, nicht einmal denkbar ist sie. Sie bleibt eine rechte mystische Wesenheit.

Aber dann bleibt auch unser eigenes Wesen, bleibt Aufgabe und Bestimmung unserer Person in ein mystisches Dunkel gehüllt. Denn woher kommen, wie entstehen und wozu dienen jene unausgedehnten elementaren Empfindungen, die im Raum zur Entwicklung kommen? Man muß sie als lauter Absoluta setzen, deren Ursprung und Endzweck unverkennbar ist. Und wenn man nun von der Notwendigkeit überzeugt ist, daß in jedem von uns Geist und Körper zu scheiden sind, wie will man dann, sei es vom Körper, sei es vom Geiste, sei es vom Zusammenhang beider irgendetwas erkennen können?

Worin besteht dagegen unsere Hypothese und an welchem Punkte scheidet sie sich von der anderen? Statt von der Empfindung auszugehen, von der wir nichts aussagen können, da gar keine Notwendigkeit einzusehen ist, daß sie gerade das ist, was sie ist und nicht etwas ganz anderes, gehen wir von der Tätigkeit aus, d.h. von unserer Fähigkeit, Veränderungen in den Dingen zu bewirken, einer Fähigkeit, die uns das Bewußtsein beglaubigt und in die alle Kräfte des organischen Körpers einzugehen scheinen. Damit versetzen wir uns mit einem Schlage mitten in die Gesamtheit der ausgedehnten Bilder, und da, in diesem materiellen Universum, finden wir Zentren der Indeterminiertheit, die auf Leben schließen lassen. Damit von diesen Zentren Handlungen ausstrahlen können, müssen die Bewegungen oder Einflüsse der anderen Bilder einerseits aufgenommen, anderseits nutzbar gemacht werden. Diese Funktion macht die lebende Materie neben den Funktionen der Ernährung und Regeneration schon in ihrer einfachsten Form, als homogene Masse, aus. Der Fortschritt dieser lebenden Materie besteht darin, daß sie diese doppelte Arbeit auf zwei Kategorien von Organen verteilt, von denen die ersten, die Ernährungsorgane, die Bestimmung haben, die zweiten zu erhalten. Diese zweiten sind da, um zu handeln. Ihre einfache Grundform ist eine Kette von Elementen nervöser Substanz, die zwischen zwei Punkten gespannt ist; der eine Endpunkt nimmt äußere Eindrücke auf, der andere führt Bewegungen aus. So ist, um auf unser Beispiel von der Gesichtswahrnehmung zurückzukommen, die Funktion der Zapfen und Stäbchen einfach die, Reizungen aufzunehmen, die sich dann in Bewegungen oder in Ansätze zu Bewegungen umsetzen. Niemals aber kann daraus eine Wahrnehmung entstehen, und nirgends im Nervensystem gibt es Bewußtseinszentren, sondern die Wahrnehmung entsteht aus derselben Ursache, aus der die nervöse Kette, die Organe, die sie tragen, und das Leben überhaupt hervorgegangen sind: sie ist Ausdruck und Maß für die Aktivität des Lebewesens, für die Indeterminiertheit der Bewegung oder Handlung, die auf die aufgenommene Reizung folgt. Diese Indeterminiertheit wird, wie wir gesehen haben, in einer Reflexion der unsern Körper umgebenden Bilder auf sich selbst oder vielmehr in einer Teilung dieser Bilder zum Ausdruck kommen; und nur weil gerade die nervöse Kette, welche die Bewegungen aufnimmt, hemmt oder weiterleitet, Sitz und Maß dieser Indeterminiertheit ist, entspricht unsere Wahrnehmung in allen Einzelheiten den Veränderungen der nervösen Substanz und erscheint als deren unmittelbarer Ausdruck. Unsere Wahrnehmung ist, wenn sie rein ist, wirklich ein Bestandteil der Dinge selbst. Und die eigentliche Empfindung bricht keineswegs spontan aus den Tiefen des Bewußtseins hervor, um durch Einbuße an Intensität Ausdehnung im Raum zu gewinnen, sie ist vielmehr identisch mit den natürlichen Modifikationen, die unter dem Einfluß der übrigen Bilder jenes eine besondere Bild erfährt, das ein jeder von uns seinen Leib nennt.

Dies wäre also die vereinfachte schematische Theorie der äußeren Wahrnehmung, die wir aufstellen wollten. Es wäre eine Theorie der reinen Wahrnehmung. Wenn man sie für definitiv hielte, so hätte unser Bewußtsein bei der Wahrnehmung einzig die Funktion, an dem fortlaufenden Faden unseres Gedächtnisses eine ununterbrochene Kette momentaner Anschauungen aufzureihen, die vielmehr ein Bestandteil der Dinge selbst als Teil von uns wären. Daß übrigens unser Bewußtsein bei der äußeren Wahrnehmung wirklich diese Aufgabe vor allen andern hat, das kann schon a priori aus der Definition der lebenden Körper abgeleitet werden. Denn wenn auch die lebenden Körper den Zweck haben, Reize aufzunehmen und sie zu unvorhersehbaren Reaktionen zu verarbeiten, so darf es doch nicht vom Zufall abhängen, welche Reaktion gewählt wird. Die Wahl der Reaktion wird ohne Zweifel von der bisherigen Erfahrung inspiriert und vollzieht sich nie, ohne daß auf die Erinnerung an analoge Vorgänge zurückgegriffen wird. Die Indeterminiertheit der zu vollziehenden Handlungen erfordert folglich, soll sie nicht zu reiner Willkür werden, die Erhaltung der wahrgenommenen Bilder. Man könnte sagen, daß ohne einen Rückblick von entsprechender Weite keine Besitzergreifung der Zukunft möglich ist; daß der Vorstoß unserer Aktivität nach vorwärts eine Leere hinter sich läßt, in die sich die Erinnerungen stürzen; daß somit unser Gedächtnis eine Art Rückwirkung darstellt, die sich in der Sphäre des Bewußtseins als eine Folge der Indeterminiertheit unseres Willens ergibt. – Aber die Tätigkeit unseres Gedächtnisses erstreckt sich viel weiter und tiefer als diese oberflächliche Prüfung erraten läßt. Der Augenblick ist gekommen, das Gedächtnis wieder in die Wahrnehmung einzuführen, dadurch richtig zu stellen, was unsere Folgerungen etwa Übertriebenes haben könnten, und so den Berührungspunkt zwischen dem Bewußtsein und den Dingen, zwischen Körper und Geist genauer als bisher zu bestimmen.

Zunächst: nehmen wir überhaupt ein Gedächtnis, d.h. den Fortbestand vergangener Bilder an, so werden sich diese Bilder fortwährend mit unserer gegenwärtigen Wahrnehmung mischen und sogar an ihre Stelle treten können. Denn sie sind ja nur geblieben, um sich nützlich zu machen; sie vervollständigen jeden Augenblick die gegenwärtige Erfahrung und bereichern sie aus den Schätzen der früher erworbenen; und da diese sich unaufhörlich vergrößert, muß sie zuletzt die andere überdecken und überschwemmen. Es ist unbestreitbar, daß der Bestand an wirklicher, sozusagen momentaner Anschauung, auf welcher sich unsere Wahrnehmung der äußeren Welt aufbaut, sehr klein ist im Vergleich zu all dem, was unser Gedächtnis hinzufügt. Gerade weil die Erinnerung an frühere analoge Anschauungen nützlicher ist, als die Anschauung selbst, da sie in unserem Gedächtnis mit der ganzen Reihe der nachfolgenden Ereignisse verknüpft ist und deshalb unsere Entscheidung besser beleuchten kann, vermag sie die wirkliche Anschauung zu ersetzen, deren Aufgabe dann nur noch, wie wir später zeigen werden, darin besteht, die Erinnerung herbeizurufen, ihr einen Körper zu geben, sie aktiv und dadurch aktuell zu machen. Wir hatten also recht, wenn wir behaupteten, daß das Zusammenfallen der Wahrnehmung mit dem wahrgenommenen Objekt mehr de jure als de facto gelte. Man muß eben im Auge behalten, daß Wahrnehmung schließlich nur noch ein Anlaß zur Erinnerung ist, daß wir in der Praxis die Realität eines Eindrucks am Grade seiner Nützlichkeit messen und daß uns alles daran liegen muß, die unmittelbaren Schauungen, die im Grunde mit der Realität selbst zusammenfallen, als bloße Zeichen für das Wirkliche hinzustellen. Und ganz deutlich wird uns jetzt der Irrtum derer, die in der Wahrnehmung eine Projektion unausgedehnter, aus den Tiefen unserer Seele stammender, im Raume sich entwickelnder Empfindungen erblicken. Daß unsere Gesamtwahrnehmung voll von Bildern ist, die uns persönlich zugehören, Bildern, die wir nach außen setzen (d. h. alles in allem: Erinnerungen), das zu beweisen wird ihnen nicht schwer; sie vergessen dabei nur, daß ein unpersönlicher Bestand bleibt, in welchem die Wahrnehmung mit dem Objekte zusammenfällt, und daß dieser Bestand geradezu das Außen ist.

Der Hauptirrtum, der Irrtum, der aus der Psychologie in die Metaphysik eindringt und uns zuletzt die Erkenntnis des Körpers sowohl wie des Geistes verdeckt, besteht darin, daß man zwischen der reinen Wahrnehmung und der Erinnerung nur einen Unterschied der Intensität und nicht einen Unterschied des Wesens sieht. Unsere Wahrnehmungen sind zweifellos von Erinnerungen durchsetzt, und umgekehrt kann eine Erinnerung, wie wir später zeigen wollen, nur so wieder gegenwärtig werden, daß sie von irgendeiner Wahrnehmung den Körper leiht und sich ihm einfügt. Die beiden Vorgänge, Wahrnehmung und Erinnerung, durchdringen sich fortwährend und tauschen fortwährend durch eine Art Endosmose etwas von ihren Substanzen aus. Die Aufgabe des Psychologen wäre nun, sie auseinanderzulösen und jeden wieder im reinen Zustande herzustellen; auf diese Weise würden sich eine Menge Schwierigkeiten der Psychologie und vielleicht auch der Metaphysik aufklären. Aber das tut man keineswegs. Man bleibt dabei, jene seelischen Gebilde, die zu ungleichen Teilen aus reiner Wahrnehmung und reiner Erinnerung gemischt sind, seien einfache Zustände. So begibt man sich in die mißliche Lage, daß man sowohl reine Erinnerung wie reine Wahrnehmung gar nicht sieht und nur noch eine einzige Art von Phänomenen kennt, welche man einmal Erinnerung, das andere Mal Wahrnehmung nennt, je nachdem sie mehr der einen oder der andern ähnlich sehen, so daß man zuletzt zwischen Wahrnehmung und Erinnerung nur noch einen Gradunterschied, aber keinen Wesensunterschied findet. Die erste Folge dieses Irrtums ist, wie wir des Näheren sehen werden, daß die Theorie des Gedächtnisses gründlich verdorben wird; denn wenn man die Erinnerung für eine schwächere Wahrnehmung hält, verkennt man den Wesensunterschied zwischen Vergangenheit und Gegenwart und verzichtet darauf, die Phänomene des Wiedererkennens und den Mechanismus des Unbewußten überhaupt zu verstehen. Und umgekehrt muß man, da man aus der Erinnerung eine abgeschwächte Wahrnehmung gemacht hat, die Wahrnehmung notwendigerweise für eine gesteigerte Erinnerung halten. Man arbeitet alsdann mit der Wahrnehmung, als ob sie uns, wie die Erinnerungen auch, als ein innerer Zustand gegeben wäre, als einfache Modifikation unserer Person, man verkennt dabei den originalen Wahrnehmungsakt, jenen Akt, der für die reine Wahrnehmung konstitutiv ist und durch den wir uns mit einem Schlage in die Dinge versetzen. Und derselbe Irrtum, der in der Psychologie durch seine radikale Unfähigkeit, den Mechanismus des Gedächtnisses zu erklären, sichtbar wird, ist in der Metaphysik in die Auffassung der Materie, die realistische sowohl wie die idealistische, tief eingedrungen.

Für den Realismus nämlich beruht die unveränderliche Ordnung der Naturerscheinungen auf einer von unseren Wahrnehmungen durchaus verschiedenen Ursache, mag nun diese Ursache unerkennbar bleiben oder durch eine (mehr oder weniger willkürliche) metaphysische Konstruktion erfaßt werden. Für den Idealisten dagegen sind unsere Wahrnehmungen die ganze Realität, und die unveränderliche Ordnung der Naturerscheinungen ist nichts weiter als das Symbol, durch welches, neben den wirklichen Wahrnehmungen, die möglichen Wahrnehmungen ausgedrückt werden. Aber sowohl für den Realismus wie für den Idealismus sind die Wahrnehmungen »wahre Halluzinationen«, nach außen projizierte Zustände des Subjektes, und die beiden Lehrsysteme unterscheiden sich nur darin, daß in dem einen jene Zustände die Realität ausmachen, während sie in dem anderen mit ihr übereinstimmen wollen.

Aber hinter diesem Irrtum steckt noch ein anderer, der auf die allgemeine Erkenntnistheorie übergreift. Die materielle Welt besteht, wie wir gesehen haben, aus Gegenständen, oder wenn man will, aus Bildern, die mit allen ihren Bestandteilen in einer Wechselwirkung von Bewegungen stehen. Und was wir unsere reine Wahrnehmung heißen, das ist unsere ansetzende Aktivität, die sich im Herzen der Dinge abzeichnet. Aktuell ist unsere Wahrnehmung, weil sie aktiv ist, weil sie Bewegungen zur Folge hat, und nicht weil sie intensiver ist als die Erinnerung: die Vergangenheit ist nur Vorstellung, die Gegenwart ist bewegende Vorstellung. Aber gerade gegen diese Einsicht sträubt man sich, weil man die Wahrnehmung für eine Art Kontemplation hält, ihr einen rein spekulativen Zweck setzt und der Meinung ist, sie sei auf wer weiß welche uneigennützige Erkenntnis gerichtet: als ob sie nicht dadurch, daß man sie von der Tätigkeit isoliert und so ihre Verbindungen mit dem Wirklichen zerschneidet, völlig unerklärlich und zugleich unnütz würde! Man hebt durch diese Anschauung jeden Unterschied zwischen Wahrnehmung und Erinnerung auf, denn die Vergangenheit ist ja ihrem Wesen nach das was nicht mehr wirkt; und wenn man diesen Charakter der Vergangenheit übersieht, so ist man nicht mehr in der Lage, sie von der Gegenwart, d.h. vom Wirkenden richtig zu unterscheiden. Dann kann freilich der Unterschied zwischen Wahrnehmung und Gedächtnis nur rein graduell sein, und weder hier noch dort kommt das Subjekt aus sich selbst heraus. Stellen wir dagegen den wahren Charakter der Wahrnehmung wieder her, weisen wir in der reinen Wahrnehmung ein System beginnender Handlungen nach, das seine Wurzeln tief in der Wirklichkeit hat, so wird diese Wahrnehmung sich von der Erinnerung radikal unterscheiden und die Realität der Dinge wird nun nicht mehr konstruiert oder rekonstruiert, sondern erfaßt, durchdrungen, erlebt. Das Problem aber, das zwischen Realismus und Idealismus schwebt, wird dann nicht in ewigen metaphysischen Streitigkeiten immer wieder aufleben, sondern von der Intuition gelöst oder besser aufgelöst werden.

Damit ist auch klar, welche Stellung zwischen Realismus und Idealismus wir einzunehmen haben, die beide sich genötigt sehen, in der Materie lediglich eine Konstruktion oder Rekonstruktion durch den Geist zu erblicken. Verfolgen wir nämlich das von uns aufgestellte Prinzip, nach welchem die Subjektivität unserer Wahrnehmung hauptsächlich auf dem Einschlag unseres Gedächtnisses beruht, bis zu Ende, so müssen wir sagen, daß die empfindbaren Eigenschaften der Materie wirklich an sich, von innen heraus und nicht mehr von außen, erkannt werden könnten, wenn es uns gelänge, sie aus dem eigentümlichen Rhythmus der Dauer, in dem unser Bewußtsein besteht, loszulösen. Denn so flüchtig wir unsere reine Wahrnehmung auch ansetzen, sie nimmt doch eine gewisse konkrete Dauer ein, so daß unsere aufeinanderfolgenden momentanen Wahrnehmungen niemals wirkliche Momente der Dinge sind, wie wir bisher angenommen haben, sondern vielmehr Momente unseres Bewußtseins. Theoretisch sollte nun, wie wir bisher angenommen haben, die Aufgabe des Bewußtseins bei der äußeren Wahrnehmung darin bestehen, daß es durch den fortlaufenden Faden des Gedächtnisses momentane Anschauungen der Wirklichkeit miteinander verbände. Tatsächlich aber gibt es für uns nichts Momentanes. Was wir so nennen, enthält schon eine Leistung unseres Gedächtnisses und folglich unsres Bewußtseins, das beliebig zahlreiche Momente einer unendlich teilbaren Zeit ineinanderdehnt, um sie in einer verhältnismäßig einfachen Gesamtanschauung ergreifen zu können. Und wo ist nun eigentlich der Unterschied zwischen der Materie, wie sie der radikale Realismus versteht, und unserer Wahrnehmung von der Materie? Unsere Wahrnehmung liefert uns vom Universum eine bunte Reihe diskontinuierlicher Ansichten: wir können nicht von unserer aktuellen Wahrnehmung auf künftige Wahrnehmungen schließen, weil in einer Summe gegebener Empfindungsqualitäten nichts zu finden sein wird, wodurch sich voraussehen ließe, in welche neuen Qualitäten die jetzigen sich verwandeln werden. Wogegen die Materie, wie sie der Realismus gewöhnlich versteht, sich derart entwickelt, daß man durch mathematische Deduktion von einem Moment zum andern übergehen kann. Allerdings kann der wissenschaftliche Realismus zwischen dieser Wahrnehmung und dieser Materie keinen Berührungspunkt finden, weil er die Materie zu homogenen Veränderungen im Raume umdenkt und die Wahrnehmung, in Gestalt unausgedehnter Empfindungen, in ein Bewußtsein einsperrt. Trifft aber unsere Hypothese zu, dann sieht man ohne weiteres, wodurch Wahrnehmung und Materie sich unterscheiden und worin sie übereinstimmen. Die qualitative Heterogenität unserer aufeinanderfolgenden Wahrnehmungen des Universums beruht darauf, daß jede dieser Wahrnehmungen sich bereits über eine gewisse konkrete Dauer erstreckt, daß in jeder das Gedächtnis eine ungeheure Mannigfaltigkeit von Erschütterungen so verdichtet hat, daß wir sie alle auf einmal gegenwärtig haben, obgleich sie doch eine auf die andere folgen. Man brauchte nur diese unteilbare Zeitdauer zerteilt zu denken, darin die nötige Menge von Momenten zu unterscheiden, mit einem Wort das Gedächtnis völlig zu eliminieren – um von der Wahrnehmung zur Materie, vom Subjekt zum Objekt zu gelangen. Wenn sich in dieser Weise unsere ausgedehnten Empfindungen auf eine größere Zahl von Momenten verteilten, so würde damit die Materie mehr und mehr homogen werden und sich asymptotisch dem System homogener Erschütterungen nähern, von dem der Realismus spricht. Es wäre dann gar nicht nötig, einerseits den Raum mit nichtwahrgenommenen Bewegungen und andererseits das Bewußtsein mit unausgedehnten Empfindungen zu setzen. Im Gegenteil, in einer ausgedehnten Wahrnehmung würden Subjekt und Objekt von vornherein vereinigt sein; die subjektive Seite der Wahrnehmung bestünde in der Kontraktion der einzelnen Momente durch das Gedächtnis, und die objektive Realität der Materie verschmölze mit der Menge sukzessiver Erschütterungen, in welche die Wahrnehmung innerlich zerfällt. Wenigstens ist das der Schluß, zu dem wir im letzten Teil unserer Arbeit zu gelangen hoffen: die auf Subjekt und Objekt, auf ihre Unterscheidung und Vereinigung bezüglichen Fragen müssen als Fragen mehr der Zeit als des Raumes formuliert werden.

 

Aber unsere Unterscheidung der »reinen Wahrnehmung« und des »reinen Gedächtnisses« hat noch einen anderen Zweck. Ebenso wie uns die reine Wahrnehmung dadurch, daß sie Hinweise auf das Wesen der Materie gibt, eine Stellung zwischen Realismus und Idealismus ermöglicht, so muß das reine Gedächtnis dadurch, daß es einen Blick auf das Wesen des Geistes eröffnet, im Streit jener beiden andern Lehren, des Materialismus und des Spiritualismus, ausschlaggebend sein. Wir werden uns sogar in den beiden folgenden Kapiteln mit dieser Seite der Frage zuerst beschäftigen, da gerade von hier aus für unsere Hypothese eine gewissermaßen experimentelle Bestätigung möglich ist.

Denn man könnte unsere Schlüsse über die reine Wahrnehmung so zusammenfassen: in der Materie ist mehr als das aktuell Gegebene, aber nichts Andersgeartetes. Sicherlich erfaßt die bewußte Wahrnehmung nicht das Ganze der Materie, da sie, soferne sie bewußt ist, in der Trennung oder »Unterscheidung« dessen besteht, was an dieser Materie unsere verschiedenen Bedürfnisse angeht. Aber zwischen dieser Wahrnehmung der Materie und der Materie selbst ist nur ein Unterschied des Grades und nicht des Wesens, da sich die reine Wahrnehmung zur Materie wie der Teil zum Ganzen verhält. Das will sagen, daß die Materie keine andersartigen Wirkungen auszuüben vermag als die wir an ihr wahrnehmen. Geheimnisvolle Kräfte hat sie nicht, kann also auch keine im Hinterhalt haben. Um ein ganz bestimmtes Beispiel heranzuziehen, eines das uns obendrein am meisten interessiert: vom Nervensystem sagen wir aus, daß es ein materielles Gebilde mit bestimmten Qualitäten (der Farbe, des Widerstandes, der Kohäsion usw.) ist, das vielleicht noch andere unwahrnehmbare physikalische Qualitäten besitzt, aber eben nur physikalische Qualitäten. Und also ist seine einzige Funktion, Bewegungen aufzunehmen, zu hemmen oder weiterzuleiten.

Nun liegt im Wesen des Materialismus immer beschlossen, daß er das Gegenteil behauptet, da er das Bewußtsein mit allen seinen Funktionen einzig und allein aus dem Spiel der materiellen Elemente hervorgehen lassen will. So kommt er dazu, schon die Qualitäten der Materie, die wahrgenommenen, also wahrnehmbaren, also vorhandenen Qualitäten der Materie, lediglich als Phosphoreszenzen anzusehen, die im Wahrnehmungsakt dem Lauf der Gehirnvorgänge folgen. Eine Materie, die derart die elementaren Tatsachen des Bewußtseins erzeugen könnte, müßte natürlich auch die höchsten intellektuellen Vorgänge hervorbringen können. Der Satz von der völligen Relativität der sinnlichen Qualitäten liegt also im Wesen des Materialismus; nicht ohne Grund ist dieser Satz, den schon Demokrit genau formuliert hat, so alt wie der Materialismus selbst.

Der Spiritualismus aber ist in einer merkwürdigen Verblendung dem Materialismus auf dieser Bahn immer gefolgt. Weil er glaubte, der Geist würde reicher, wenn die Materie ärmer würde, hat er niemals gezögert, die Materie der Qualitäten, mit denen sie in unserer Wahrnehmung ausgestattet ist, zu berauben und lauter subjektive Erscheinungen daraus zu machen. Er hat damit nur zu oft aus der Materie eine mystische Wesenheit gemacht, die, gerade weil wir sie nicht selber, sondern nur ihre »Erscheinung« kennen, so gut wie alle andern Phänomene auch die des Denkens gebären könnte.

In Wahrheit gibt es nur ein einziges Mittel, den Materialismus zu widerlegen: daß man die Materie absolut für das nimmt, was sie zu sein scheint. Dadurch würde man ihr jede Virtualität, jede verborgene Kraft nehmen, und die Phänomene des Geistes bekämen eine unabhängige Realität. Man müßte dann freilich der Materie alle Qualität lassen, die ihr in seltsamer Eintracht Materialisten und Spiritualisten absprechen, diese, um Vorstellungen des Geistes daraus zu machen, jene, um in ihnen das zufällige Kleid des Räumlichen zu sehen.

Genau dies ist die Anschauung des gesunden Menschenverstandes von der Materie, und deshalb glaubt der gesunde Menschenverstand auch an den Geist. Die Philosophie, so haben wir uns gedacht, sollte hier die Anschauung des gesunden Menschenverstandes annehmen, freilich nicht, ohne sie in einem Punkte zu berichtigen. Das Gedächtnis nämlich, das in der Praxis von der Wahrnehmung nicht zu trennen ist, schaltet Vergangenes in das Gegenwärtige ein, zieht viele Momente der Dauer in einer einzigen Schauung zusammen, und wird durch diese doppelte Funktion Ursache, daß wir die Materie tatsächlich in uns wahrnehmen, wo wir sie doch von Rechts wegen in ihr selbst wahrnehmen.

Daher die entscheidende Bedeutung des Gedächtnisproblems. Wenn der subjektive Charakter der Wahrnehmung vornehmlich vom Gedächtnis herrührt, so muß die Theorie der Materie vor allem danach streben, den Anteil des Gedächtnisses auszuschalten. Davon gingen wir aus und fügen jetzt hinzu: da uns die reine Wahrnehmung das Ganze oder wenigstens das Wesentliche der Materie gibt, das übrige aber aus dem Gedächtnis stammt und zur Materie hinzutritt, so muß das Gedächtnis im Prinzip eine von der Materie absolut unabhängige Kraft sein. Ist also der Geist eine Wirklichkeit: hier, in dem Phänomen des Gedächtnisses müssen wir ihm experimentell beikommen können. Und deshalb wird sich jeder Versuch, die reine Erinnerung aus einem Gehirnvorgang abzuleiten, in der Analyse als ein fundamentaler Irrtum erweisen.

Sprechen wir dasselbe noch einmal und deutlicher aus. Wir behaupten, daß die Materie keine verborgene oder unerkennbare Kraft hat, daß sie in allem wesentlichen mit der reinen Wahrnehmung zusammenfällt. Daraus schließen wir, daß der lebende Körper im allgemeinen, das Nervensystem im besondern nur Durchgangsstellen für Bewegungen sind, die als Reiz empfangen und als Reflexe oder als willkürliche Handlungen weitergegeben werden. Also wäre es vergeblich, wollte man der Gehirnsubstanz die Erzeugung von Vorstellungen als Eigenschaft beilegen. Nun wird eine oberflächliche Psychologie die Phänomene des Gedächtnisses, in denen wir den Geist in seiner greifbarsten Form zu erfassen glauben, am liebsten ganz aus der Gehirntätigkeit hervorgehen lassen, gerade weil sie sich am Berührungspunkte von Bewußtsein und Materie vollziehen und weil deshalb sogar die Gegner des Materialismus nicht anstehen, im Gehirn einen Behälter mit Erinnerungen zu sehen. Gelänge es aber einwandfrei festzustellen, daß der Gehirnvorgang nur einem ganz kleinen Teil des Gedächtnisses entspricht, daß er eher dessen Wirkung als seine Ursache ist, daß die Materie hier wie überall das Vehikel einer Tätigkeit und nicht das Substrat einer Erkenntnis ist, dann wäre unsere These ausgerechnet an dem Beispiel bewiesen, das man allgemein gerade dazu für am ungeeignetsten halten wird, und es ergäbe sich die Notwendigkeit, den Geist zu einer selbständigen Realität zu erheben. Außerdem würde dann vielleicht das Wesen dessen, was wir Geist nennen, und die Möglichkeit der gegenseitigen Einwirkung von Geist und Materie zum Teil verständlich werden. Denn eine Beweisführung dieser Art darf nicht rein negativ bleiben. Nachdem wir gezeigt haben, was das Gedächtnis nicht ist, ersteht uns die Aufgabe zu untersuchen, was es ist. Nachdem wir dem Leibe nur die eine Funktion, Handlungen vorzubereiten, beigelegt haben, sind wir gezwungen zu untersuchen, warum das Gedächtnis aufs engste mit diesem Leibe zusammenzuhängen scheint, ob und wie es von körperlichen Verletzungen betroffen wird und wieso es in seiner Verfassung von der Beschaffenheit der Gehirnsubstanz abhängt. Zudem muß uns am Ende diese Untersuchung zugleich über den psychologischen Mechanismus des Gedächtnisses, wie auch über verschiedene andere geistige Funktionen, die damit zusammenhängen, Aufschlüsse geben. Und wenn so von unserer Hypothese aus auf die Probleme der reinen Psychologie einiges Licht fallen dürfte, so wird dabei auch umgekehrt die Hypothese selbst an Sicherheit und Festigkeit gewinnen.

Doch wir müssen denselben Gedanken noch in einen dritten Zusammenhang einstellen, um ganz deutlich zu machen, weshalb wir das Problem des Gedächtnisses für so wichtig halten. Aus unserer Analyse der reinen Wahrnehmung können zwei in gewissem Sinne divergierende Folgerungen gezogen werden; beide gehen über das Gebiet der Psychologie hinaus, die eine in der Richtung der Psychophysik, die andere in der Richtung der Metaphysik, beide lassen eine unmittelbare Verifikation nicht zu. Die erste betrifft die Aufgabe des Gehirns bei der Wahrnehmung: das Gehirn sollte ein Werkzeug der Tätigkeit, nicht der Vorstellung sein. Wir konnten von den Tatsachen keine direkte Bestätigung dieser These erwarten, da laut Definition die reine Wahrnehmung sich auf gegenwärtige Objekte richtet, indem sie unsere Organe und Nervenzentren in Bewegung setzt, und sich deshalb alles so vollziehen muß, als ob unsere Wahrnehmungen aus unserem Gehirn hervorgingen und alsdann auf einen Gegenstand projiziert würden, der von ihnen absolut verschieden ist. Mit andern Worten, in dem Falle der äußern Wahrnehmung führen beide Thesen, die von uns bekämpfte und unsere eigene, zu ganz denselben Konsequenzen, so daß man zugunsten der einen oder anderen wohl ihre leichtere Begreiflichkeit, aber niemals die Autorität der Erfahrung anführen kann. Dagegen kann und muß eine empirische Untersuchung des Gedächtnisses zwischen beiden den Ausschlag geben. Denn die reine Erinnerung ist laut Hypothese die Vorstellung eines nicht gegenwärtigen Objektes. Wenn nun die Wahrnehmung ihre notwendige und zureichende Ursache in einer bestimmten Gehirntätigkeit hätte, so müßte diese selbe Gehirntätigkeit, wenn sie sich in Abwesenheit des Objektes mehr oder weniger vollständig wiederholt, genügen, um die Wahrnehmung zu reproduzieren: dann ließe sich das Gedächtnis restlos durch das Gehirn erklären. Wenn wir aber finden, daß der Gehirnmechanismus die Erinnerung zwar in gewisser Hinsicht bedingt, daß er aber nicht genügt, ihren Fortbestand zu sichern; daß er mit der Reproduktion der Wahrnehmungen mehr im Dienst unseres Tuns als unseres Vorstellens steht, dann sind wir zu dem Schluß berechtigt, daß er schon bei der Erzeugung der Wahrnehmungen eine analoge Aufgabe hat und daß seine Funktion einfach ist, unserm Tun seine Wirkung auf das jeweilige Objekt zu sichern. Damit wäre dann unsere erste Schlußfolgerung bestätigt. – Bliebe alsdann jene zweite Folgerung mehr metaphysischer Art: daß wir in der reinen Wahrnehmung wirklich außer uns versetzt werden und daß wir dabei die Realität des Gegenstandes in einer unmittelbaren Anschauung erfassen. Auch hier wäre eine experimentelle Verifikation nicht möglich, da der Effekt ganz derselbe sein muß, gleichgültig ob man die Realität des Objektes intuitiv wahrnimmt oder verstandesgemäß konstruiert. Aber eine Untersuchung der Erinnerung wird auch hier zwischen den beiden Hypothesen entscheiden können. In der zweiten Hypothese kann nämlich zwischen Wahrnehmung und Erinnerung nur ein Unterschied der Intensität oder allgemeiner des Grades bestehen, da beide einfach Vorstellungsphänomene sind, die sich selbst genügen. Stellt sich dagegen heraus, daß zwischen Erinnerung und Wahrnehmung nicht ein einfacher Unterschied des Grades, sondern ein radikaler Unterschied des Wesens besteht, dann neigt sich die Schale zugunsten der Hypothese, die in der Wahrnehmung ein Etwas findet, das in der Erinnerung auch nicht im schwächsten Grade anzutreffen ist: eine intuitiv erfaßte Realität. So ist das Problem des Gedächtnisses wirklich von ungemeiner Wichtigkeit, da es zur psychologischen Verifikation zweier Thesen führt, die unverifizierbar scheinen, und von denen die zweite, metaphysischen Ranges, weit jenseits aller Psychologie zu liegen scheint.

Unser Weg ist also klar vorgezeichnet. Wir werden zunächst die verschiedenen Fakten der normalen und der pathologischen Psychologie Revue passieren lassen, aus denen man eine physiologische Theorie des Gedächtnisses glaubt ableiten zu können. Diese Untersuchung wird notwendigerweise sehr in die Einzelheiten gehen müssen, da sie anders unnütz wäre. Wir müssen, indem wir uns so genau wie möglich an die Tatsachen halten, zu erforschen suchen, wo bei den Operationen des Gedächtnisses die Beteiligung unseres Körpers anfängt und wo sie aufhört. Und sollten wir bei dieser Untersuchung unsere Hypothese bestätigt finden, so würden wir ohne Zaudern einen Schritt weitergehen und die elementare Funktion des Geistes für sich ins Auge fassen, um die Theorie von den Beziehungen zwischen Geist und Körper, die wir dann werden ausgeführt haben, in diesem Stücke zu ergänzen.

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