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Master Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band

Charles Dickens: Master Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMaster Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band
publisherVerlag von Carl Zieger
printrunDritte Auflage
yearo.J.
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150121
modified20180917
projectide099f732
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Der Raritätenladen.

Achtunddreißigstes Kapitel

Kit – denn wir haben jetzt nicht nur hinreichend Zeit, seine weitern Schicksale zu verfolgen, sondern der nothwendige Gang dieser Abenteuer schmiegt sich auch so sehr unserer Bequemlichkeit und Neigung an, daß er stets diejenige Richtung nehmen muß, welche uns als die wünschenswertheste erscheint – Kit wurde, während der in den letzten fünfzehn Kapiteln verhandelten Ereignisse, allmälig vertrauter mit Herrn und Madame Garland, Herrn Abel, den Pony und Barbara, so daß er sie nachgerade sammt und sonders alle Freunde und Abel Cottage Finchley als seine eigentliche Heimath betrachten lernte.

Halt! – die Worte sind geschrieben und mögen daher so in die Welt gehen; wenn sie aber zu der Vermuthung Anlaß geben sollten, Kit habe von dem reichbesetzten Tisch und der gemächlichen Wohnung seines neuen Aufenthalts geringschätzig auf die dürftige Kost und das arme Ameublement seiner früheren Wohnung herunterzusehen angefangen, so begehen sie eine Ungerechtigkeit gegen den guten Jungen und thun ihre Pflicht schlecht. Wer gedachte der in der Heimath Zurückgebliebenen – obgleich sie nur eine Mutter und zwei Kinder waren – fleißiger als Kit? Welcher sich brüstende Vater erzählte je in der Fülle seiner Herzensfreude von seinem Wunderkinde solche Heldenthaten, als Kit, ohne zu ermüden, in den Abendstunden der Jungfer Barbara von dem kleinen Jakob mitzutheilen wußte! Gab es wohl je eine solche Mutter, als Kit's Mutter in der Darstellung ihres Sohnes war? Oder lag je eine solche Behaglichkeit in der Armuth, als dieß in Kit's Familie der Fall war, wenn man anders aus seiner glühenden Schilderung einen Schluß ziehen durfte?

Möge denn hier auch die Bemerkung ein Plätzchen finden, daß, wenn je häusliche Anhänglichkeit und Liebe etwas Herzerhebendes sind, dieß besonders bei den Armen der Fall ist. Die Bande, welche den Reichen und Stolzen an die Heimath ketten, mögen auf Erden geschmiedet sein, aber diejenigen, welche den Armen an seinen niedrigen Herd fesseln, sind von ächtem Metalle und tragen den Stempel des Himmels. Der Abkömmling eines hohen Hauses mag wohl die ererbten Hallen und Ländereien als einen Theil seiner selbst betrachten, als Trophäen seiner Geburt und seiner Macht; seine Vorliebe dafür ist die Vorliebe des Stolzes und des Reichthums; aber die Anhänglichkeit des Armen an seine armselige Hütte, die vordem ein Fremder besessen und die vielleicht morgen wieder einem Fremden anheimfällt, hat eine weit ehrwürdigere Wurzel und holt ihre Nahrung aus einem reinen Boden. Seine Laren sind von Fleisch und Blut, mit keiner Beimischung von Silber, Gold oder kostbaren Steinen; er hat kein Eigenthum, als das Lieben seines Herzens, und wenn dieses ihm seine kahlen Hausfluren und Wände theuer macht, trotz der Lumpen, der Mühe des Tages und des spärlichen Mahles, so herrscht ein Wiederstrahl von dem Urquell des Seins in seinem Innern, und seine armselige Hütte wird zu einem Prachtpalaste!

O! wenn doch Diejenigen, die das Geschick der Völker lenken, dessen eingedenk sein wollten – wenn sie doch im Gedächtniß behielten, wie schwer es den ganz Armen wird, in ihren Herzen jene Liebe zur Heimath zu erzeugen, aus der alle häuslichen Tugenden stammen, wenn sie in dichten, schmutzigen Massen beisammen leben, wo geselliger Anstand verloren geht, oder vielmehr nie gefunden wird, – wenn sie nur einmal ablenkten von den weiten Straßen und großen Häusern, und sich bemühen wollten, die elenden Hütten und Gassen zu verbessern, wo nur die Armuth wandeln mag! Dann würde manches niedrige Dach gerader gen Himmel zeigen, als der höchste Kirchthurm, der jetzt sein stolzes Haupt über einem Gewühl von Schuld, Verbrechen und schrecklichen Krankheiten erhebt, um sie durch den Gegensatz zu verhöhnen. Jeden Tag predigen das Armenbeschäftigungshaus, das Hospital und das Gefängniß diese Wahrheit mit hohler Stimme, und haben sie schon seit Jahren gepredigt. Es ist keine geringfügige Angelegenheit, kein Schrei des arbeitenden Pöbels, keine bloße Frage über Volkswohl und Volksbehaglichkeit, die an Donnerstag-Abenden ausgepfiffen werden kann. Die Liebe zum Vaterlande hat in der Liebe zur Heimath ihren Grund, und welche sind in der Stunde der Noth die besten und treuesten Patrioten – Diejenigen, welche das Land verehren, weil seine Wälder, seine Ströme, sein Boden und seine Produkte ihr Eigenthum sind? oder Diejenigen, welche ihr Vaterland lieben, ohne daß sie einen Fußbreit Grundes in dem ganzen weiten Gebiete ihr eigen nennen können?

Für Kit waren solche Fragen ein unbekannter Boden, aber er wußte, daß seine alte Heimath ein sehr armer Ort war, mit dem sich die neue durchaus nicht vergleichen ließ, und doch sah er beständig mit dankbarer Freude und zärtlicher Besorgtheit auf dieselbe zurück, und oft schrieb er vierschrötig zusammengelegte Briefe an seine Mutter, unter Anschluß eines Shilling, eines Achtzehnpencestücks, oder sonstiger kleiner Geschenke, zu welchen ihn Herrn Abel's Freigebigkeit befähigte. Hin und wieder, wenn er gerade in der Nachbarschaft war, fand er Muße, bei den Seinigen anzusprechen, und groß war dann die Freude und der Stolz von Kit's Mutter, und außerordentlich geräuschvoll die Lust des kleinen Jakobs und des anderen Brüderleins, und herzlich die Glückwünsche des ganzen Hofes, wo man mit verwundertem Ohre auf die Berichte über Abel Cottage horchte und doch nie genug von seinen Wundern und von seiner Herrlichkeit hören konnte.

Obgleich Kit bei der alten Dame, dem alten Herrn, Herrn Abel und Barbara in hohen Gnaden stand, so ist doch gewiß, daß kein Glied der Familie eine so ausgezeichnete Vorliebe für ihn an den Tag legte als der eigensinnige Pony, der, obgleich er sonst der störrigste und eingebildetste Pony auf der Welt war, in seinen Händen zum demüthigsten und lenksamsten Thiere wurde. Es ist zwar wahr, daß er genau in dem Verhältnisse, als er sich von Kit leiten ließ, ungeberdiger gegen jeden andern Menschen wurde, als sei er fest entschlossen, seinen Freund auf jede Gefahr hin in der Familie zu erhalten, und daß er selbst, unter dem Zügel seines Lieblings, zur großen Nervenaufregung der alten Dame, bisweilen ganz merkwürdige Sprünge und Capriolen ausführte. Da jedoch Kit solche Manöver immer als den Erguß froher Laune oder als die Art und Weise darstellte, worin das Thier seine Anhänglichkeit an seine Herrschaft kund gäbe, so ließ sich Madame Garland selbst zu diesem Glauben bereden und befestigte sich endlich so sehr darin, daß sie sich, wenn der Pony einmal in einer solchen Anwandlung die Chaise umwarf, zufrieden darein ergab, weil er es ja in der besten Absicht von der Welt gethan hatte.

Kit schwang sich in kurzer Zeit nicht nur zu einem wahren Wunder in allen Stallangelegenheiten empor, sondern bildete sich bald auch zu einem ganz leidlichen Gärtner, einem gewandten Burschen im Hause und einem unentbehrlichen Diener des Herrn Abels, der ihm mit jedem Tage einen neuen Beweis seines Zutrauens und seiner Gewogenheit gab. Auch Herr Witherden, der Notar, war freundlich gegen ihn gesinnt, und sogar Herr Chuckster ließ sich bisweilen herab, ihm leicht mit dem Kopfe zuzunicken, ihn mit jener eigenthümlichen Form näherer Bekanntschaft zu beehren, welche man mit dem Ausdruck »einen Esel bohren« belegt, oder ihm durch eine andere gleich scherzhafte Begrüßung seine Gönnerschaft zu erkennen zu geben.

Eines Morgens fuhr Kit, wie es häufig zu geschehen pflegte, seinen jungen Herrn nach dem Hause des Notars, und war eben im Begriffe, den Pony nach einem nahegelegenen Lohnstalle zu treiben, als derselbe Herr Chuckster aus der Bureauthüre auftauchte und »O-o-o-o-o-oha!« rief, wobei er lange auf dem o verweilte, um dem Herzen des Pony einen ergreifenden Schrecken einzujagen und einen Beleg von der Oberherrschaft des Menschen über die untergeordneten Thiere zu geben.

»Halt, du Schliffel,« rief Herr Chuckster, indem er sich an Kit wandte. »Man braucht dich drinnen.«

»Es sollte mich wundern, wenn Herr Abel etwas vergessen hätte,« sagte Kit im Absteigen.

»Nur keine langen Gegenreden, du Naseweis,« entgegnete Herr Chuckster. »Geh' hinein und sieh' selbst zu. O-o–oha! Willst du? Wenn der Pony mein gehörte, wollte ich ihm schon seinen Starrkopf brechen.«

»Haben Sie die Güte, nur recht sachte mit ihm umzugehen,« sagte Kit, »Sie könnten ihn sonst etwas schwierig finden. Wenn's gefällig ist, so würden Sie besser thun, ihn nicht an den Ohren zu zerren. Ich weiß, so etwas sagt ihm nicht zu.«

Herr Chuckster würdigte diese Vorstellung keiner weiteren Antwort, als daß er Kit mit einer stolzen und abgemessenen Miene einen »jungen Burschen« nannte und ihn ersuchte, sich zu packen und in möglichster Eile wieder herauszukommen. Der »junge Bursche« willfahrte, und Herr Chuckster, der seine Hände in die Taschen steckte, versuchte es, auszusehen, als ob er sich um den Pony gar nicht zu kümmern brauche und nur zufällig außen herumschlendere.

Kit kratzte seine Schuhe außen sorgfältig ab (denn er hatte seine Achtung vor den Aktenbündeln und Blechkapseln noch nicht verloren), und pochte an die Bureauthüre, welche alsbald von dem Notar in Person geöffnet wurde.

»Oh! nur herein, Christoph,« sagte Herr Witherden.

»Ist dieß der Junge?« fragte ein ältlicher, aber wohlbeleibter Herr, der im Zimmer war.

»Dieß ist der Junge,« sagte Herr Witherden. »Er traf an meiner Hausthüre mit meinem Clienten, dem Herrn Garland, zusammen, Sir. Ich habe Grund, anzunehmen, daß er ein guter Junge ist, Sir, und daß Sie ihm auf's Wort glauben dürfen. Erlauben Sie mir, Ihnen Herrn Garland, seinen jungen Gebieter, vorzustellen – ein immatrikulirter Zögling und sehr intimer Freund von mir, Sir,« wiederholte der Notar, indem er sein seidenes Tuch aus der Tasche zog und sich damit das Gesicht fächelte.

»Ihr Diener, Sir,« sagte der fremde Herr.

»Jedenfalls der Ihrige, Sir,« versetzte Herr Abel sanft. »Sie wünschten Christoph zu sprechen, Sir?«

»Ja. Habe ich Ihre Erlaubniß?«

»Oh, gewiß.«

»Mein Anliegen ist kein Geheimniß – oder wie ich vielmehr sagen sollte – braucht hier kein Geheimniß zu sein,« sagte der Fremde, als er bemerkte, daß Herr Abel und der Notar sich entfernen wollten. »Es bezieht sich auf einen Raritätenhändler, bei dem er im Dienste stand und für den ich ein angelegentliches und warmes Interesse habe. Ich bin eine lange Reihe von Jahren in diesem Lande ein Fremder gewesen, meine Herren, und wenn ich einen Verstoß gegen die üblichen Förmlichkeiten begehe, so hoffe ich auf Vergebung.«

»Ist keine Vergebung nöthig, Sir; – durchaus nicht,« versetzte der Notar; und Herr Abel sagte desgleichen.

»Ich habe in der Gegend, wo sein alter Herr lebte, Nachforschungen angestellt und daraus entnommen, daß er von diesem Jungen bedient wurde. Ich suchte das Haus seiner Mutter auf und wurde von derselben hierher gewiesen, weil dieser Ort der nächste sei, wo ich ihn wahrscheinlich finden könne. Dieß ist der Grund meines Morgenbesuchs.«

»Ich freue mich jeden Anlasses, Sir,« entgegnete der Notar, »der mir die Ehre Ihrer Bekanntschaft verschafft.«

»Sir,« erwiederte der Fremde, »Sie sprechen wie ein reiner Weltmann und ich halte Sie für etwas Besseres. Wenn ich daher bitten darf, so fallen Sie nicht aus Ihrem wahren Charakter, indem Sie mich mit nichtssagenden Complimenten bewirthen.«

»Hem!« hustete der Notar. »Sie sprechen gerade aus, Sir.«

»Und handle auch gerade,« versetzte der Fremde. »Möglich, daß meine lange Abwesenheit und mein Mangel an Erfahrung mich zu einer unrichtigen Folgerung führten, aber ich bin der Ansicht, daß, wenn Leute, die gerade heraussprechen, in diesem Theile der Welt schon selten sind, solche, die geradeaus handeln, als noch größere Raritäten gelten können. Wenn meine Sprache Sie beleidigt haben sollte, Sir, so hoffe ich, daß meine Handlungsweise den Fehler wieder gut machen wird.«

Herr Witherden schien über die Art, wie der ältliche Herr den Dialog führte, etwas verblüfft zu sein, und Kit stierte denselben mit offenmundigem Erstaunen an, neugierig, welche Sprache er mit ihm führen würde, da er schon mit dem Notar so frei und ungezwungen umging. Er wurde in dieser Hinsicht bald befriedigt, denn der Herr wandte sich jetzt, zwar ohne Barschheit, aber doch mit einer Reizbarkeit und Hast, die in seinem Charakter zu liegen schien, an ihn und sagte:

»Wenn du glaubst, mein Junge, ich stelle diese Nachforschungen in einer andern Absicht an, als um Denjenigen, welche ich suche, zu dienen und sie wieder zurückzuführen, so thust du mir das größte Unrecht und täuschest dich selbst. Ich bitte dich also, laß dich nicht von einer irrigen Vorstellung beherrschen und vertraue meiner Versicherung.«

»Die Sache ist nämlich die,« fügte er bei, indem er sich abermals an den Notar und seinen Zögling wandte, »daß ich mich in einer sehr peinlichen und unerwarteten Lage befinde. Ich kam nach dieser Stadt mit einem Lieblingswunsche im Herzen, und dachte nie, daß seiner Erfüllung Hindernisse und Schwierigkeiten in den Weg treten könnten. Aber jetzt finde ich mich plötzlich in Ausführung meines Planes durch ein Geheimniß angehalten, daß ich nicht durchdringen kann. Was ich auch versuchen mochte, diente nur dazu, es noch dunkler und verwirrter zu machen, und ich scheue mich, meine Nachforschungen öffentlich zu betreiben, damit nicht diejenigen, welchen ich ängstlich folge, noch weiter vor mir fliehen; es soll Sie nicht reuen, mir Beistand geleistet zu haben, wenn Sie es können. Oh, gewiß, Sie würden mir gerne jeden ihnen möglichen Beistand leisten und keinen Augenblick damit zögern, wenn Sie wüßten, wie sehr ich desselben benöthigt bin und welche Last Sie mir von dem Herzen nehmen.«

Es war eine Einfalt in diesem Vertrauen, welche einen raschen Anklang in der Brust des gutmüthigen Notars fand. Er erwiederte daher in demselben Geiste, daß der Fremde mit seinem Anliegen vor die rechten Leute gekommen sei, und daß er selbst sich zu jedem in seinen Kräften liegenden Dienst bereit finden lasse.

Kit wurde sofort in's Verhör genommen und von dem unbekannten Herrn hinsichtlich seines alten Meisters und des Kindes, namentlich was ihre zurückgezogene Lebensweise betraf, auf's genaueste befragt. Die nächtlichen Ausgänge des alten Mannes, bei denen das Kind allein sein mußte, seine Krankheit und Wiedergenesung, Quilp's Besitznahme von dem Hause und ihr plötzliches Verschwinden – bildeten lauter Gegenstände für eine Reihe von Fragen und Antworten. Endlich theilte Kit dem Herrn mit, das Anwesen sei jetzt zu vermiethen und ein Brett an der Thür verweise alle Nachfragenden an Herrn Sampson Braß, Advokat zu Bevis Marks, von dem sich vielleicht weitere Einzelheiten erfahren ließen.

»Nicht durch Anfragen,« sagte der Herr, den Kopf schüttelnd. »Ich wohne dort.«

»Wie, Sie wohnen bei Braß, dem Advokaten?« rief Herr Witherden in einiger Ueberraschung, denn er kannte den fraglichen Gentleman aus seinem Geschäfsverkehr.

»Ja,« lautet die Antwort. »Ich habe mich neulich bei ihm einquartirt, hauptsächlich, weil mir jenes Brett zu Gesicht gekommen war. Ich mache mir wenig daraus, wo ich wohne, und ich hegte eine verzweifelte Hoffnung, es möchte mir dort zufällig eine Auskunft in den Weg kommen, die ich anderswo nicht erreichen konnte. Ja, ich wohne bei Braß; – Sie meinen vermuthlich, desto mehr Schande für mich?«

»Das ist bloß Sache der Meinung,« sagte der Notar, die Achseln zuckend. »Man betrachtet ihn als einen ziemlich zweifelhaften Charakter.«

»Zweifelhaft?« wiederholte der Andere. »Es freut mich, zu hören, daß da noch jemand zweifeln kann, denn ich meinte, man müsse hierüber längst durchaus in's Klare gekommen sein. Wollen Sie mir aber erlauben, ein paar Worte mit Ihnen im Vertrauen zu sprechen?«

Da Herr Witherden einwilligte, so begaben sie sich in ein Nebencabinet und blieben daselbst etwa eine Viertelstunde in eifrigem Gespräch, worauf sie wieder in das Bureau zurückkehrten. Der Fremde hatte seinen Hut in Herrn Witherden's Zimmer gelassen und schien sich in dieser kurzen Zeit mit dem Letzteren auf ganz freundlichen Fuß gestellt zu haben.

»Ich will dich nicht länger zurückhalten,« sagte er, indem er mit einem Blicke auf den Notar, Kit eine Krone in die Hand drückte.

»Du sollst weiter von mir hören. Aber merke wohl, du sagst keinem Menschen etwas von dem Vorgefallenen, als deiner Herrschaft.«

»Aber die Mutter, Sir, würde sich freuen, wenn –« stotterte Kit.

»Nun, über was freuen?«

»Wenn sie etwas erführe – das heißt, wenn es keinen Schaden bringt – von Miß Nell.«

»Wirklich? Wohlan denn, so magst du ihr's sagen, wenn sie ein Geheimniß bewahren kann. Aber merke dir's, kein Wort von Allem zu sonst Jemandem. Vergiß das nicht. Sei behutsam.«

»Ich will mich in Acht nehmen, Sir,« entgegnete Kit. »Danke, Sir, und guten Morgen.«

Nun traf es sich aber, daß der Herr in seiner Besorgniß, es Kit recht nachdrücklich an's Herz zu legen, daß er von dem zwischen ihnen Vorgefallenen nichts ausplaudere, dem Jungen zur Thüre hinausfolgte, um die Vorsichtsmaßregeln noch einmal einzuschärfen; und ferner traf sich's, daß in demselben Momente die Augen des Herr Richard Swiveller dieser Richtung zugewandt waren, so daß er seines geheimnißvollen Freundes und Kit's zumal ansichtig wurde.

Es war reiner Zufall, und es ging dabei folgendermaßen her. Herr Chuckster, als ein Gentleman von kultivirtem Geschmack und verfeinertem Geiste, gehörte mit zu der Loge der gloriosen Apollers, von denen Herr Swiveller beständiger Großmeister war. Herr Swiveller geht eben in Bestellung eines Braßischen Auftrags durch die Straßen und sieht Einen seiner gloriosen Brüderschaft aufmerksam auf einen Pony blicken, weßhalb er über den Weg herüberkömmt, um jene brüderliche Begrüßung abzugeben, womit beständige Großmeister Kraft ihres Amtes verbunden sind, ihre Schüler zu erfreuen und zu ermuthigen. Er hatte ihm kaum seinen Segen ertheilt und sich dann in einer allgemeinen Bemerkung über den gegenwärtigen Stand und die Aussichten des Wetters ausgesprochen, als er seine Augen erhob und den ledigen Herrn von Bevis Marks in ernstem Gespräch mit Christoph Nubbles erblickte.

»Holla!« sagte Dick, »was ist das?«

»Er besuchte diesen Morgen meinen Principal,« versetzte Herr Chuckster; »außerdem weiß ich nichts weiter von ihm, als daß er ohne Zweifel von Adam abstammt.«

»Sie kennen aber doch wenigstens seinen Namen?« entgegnete Dick.

Herrn Chuckster's Erwiederung klang in einer Erhebung der Stimme, die eines gloriosen Apollers würdig war, und lautete dahin, daß er »ewig in der Hölle brennen wolle,« wenn er es wisse.

»Alles, was ich weiß, mein theurer Logenbruder,« fügte Herr Chuckster bei, indem er mit den Fingern durch die Haare strich, »besteht darin, daß er Ursache ist, warum ich zwanzig Minuten hier stehen muß, und dafür hasse ich ihn mit einem tödtlichen und unsterblichen Hasse; ja, und ich würde ihn verfolgen, bis an die Gränzen der Ewigkeit, wenn ich Zeit dazu hätte.«

Während sie sich in dieser Weise miteinander unterhielten, trat der Gegenstand ihres Gesprächs, der Herrn Richard Swiveller nicht zu erkennen schien, wieder in das Haus, und Kit kam zu ihnen herunter. Diesem legte Herr Swiveller, obschon mit keinem bessern Erfolge, die gleiche Frage vor.

»Er ist ein ganz artiger Herr, Sir,« sagte Kit; »und weiter weiß ich nichts von ihm.«

Herr Chuckster gerieth in Wuth über diese Antwort, und ohne seine Bemerkung auf irgend einen speciellen Fall anzuwenden, erwähnte er der allgemeinen Wahrheit, daß es passend wäre, Schliffeln den Schädel einzuschlagen und ihre Nasen zu bestübern. Ohne seine Beistimmung zu dieser Ansicht auszudrücken, fragte Herr Swiveller nach einem kurzen Nachdenken, welchen Weg Kit führe; und als ihm dieß mitgetheilt war, erklärte er, er müsse auch in diese Richtung und werde sich für verpflichtet halten, wenn Kit ihn aufsitzen lasse. Kit hätte nun gar gerne diese angebotene Ehre abgelehnt, aber da Herr Swiveller sich bereits des Sitzes an seiner Seite bemächtigt hatte, so wäre dieß auf keine andere Weise als durch ein gewaltsames Hinauswerfen angegangen, und deßhalb fuhr er rasch weiter – in der That so rasch, daß er den Abschied zwischen Chuckster und seinem Großmeister kurz abschnitt und Veranlassung gab, daß der erstere Herr in Folge einer Quetschung durch den ungeduldigen Pony einige Unbequemlichkeit an seinen Hühneraugen erlitt.

Da der Klepper das Stehen satt hatte und Herr Swiveller so gütig war, ihn durch ein schrilles Pfeifen und unterschiedliche ermunternde Ausrufe noch mehr zu spornen, so rasselte die Chaise mit einer solchen Raschheit dahin, daß von einem Gespräche keine Rede sein konnte, zumalen da der Pony, durch Herrn Swiveller's Ermahnungen in's Feuer gesetzt, eine besondere Vorliebe für Lampenpfosten und Karrenräder entwickelte, deßgleichen aber auch ein großes Verlangen an den Tag legte, auf den Trottoirs zu gehen und sich an Ziegelmauern zu reiben. Herr Swiveller fand demnach nicht eher Zeit zu sprechen, bis sie vor dem Stall anlangten und die Chaise aus einem sehr kleinen Thorweg herausgewunden war, in welchen sie der Pony, wahrscheinlich in der Meinung, daß er sie nach seinem gewöhnlichen Stalle mitnehmen könne, hineingezerrt hatte.

»'st harte Arbeit,« sagte Richard. »Was sagt Ihr zu einem Glas Bier?«

Kit lehnte Anfangs die Einladung ab, ließ sich jedoch bald bereden, und so begaben sie sich gemeinschaftlich nach dem Schenkverschlag eines benachbarten Wirthshauses.

»Wir wollen unseres Freundes, Wie-heißt-er-doch, Gesundheit trinken,« sagte Dick, indem er den blanken, schäumenden Krug in die Höhe hielt; – »Ihr wißt, ich meine den, mit welchem Ihr diesen Morgen gesprochen habt. Ich kenne ihn – ein guter Kerl, aber excentrisch – sehr excentrisch. Die Gesundheit des Herrn Wie-heißt-er-doch!«

Kit that auf diesen Toast Bescheid.

»Er wohnt in meinem Hause,« fuhr Dick fort; »wenigstens in dem Hause der Firma, bei welcher ich als eine Art von – von geschäfsführender Associé betheiligt bin; – ein schwieriger Kerl, wenn man etwas von ihm herauskriegen will. Aber wir haben ihn gerne – wir haben ihn gerne.«

»Ich muß jetzt gehen, Sir, wenn Sie erlauben,« sagte Kit, indem er sich entfernen wollte.

»Beeilt Euch nicht so, Christoph,« versetzte sein Gönner. »Wir wollen Eurer Mutter Gesundheit trinken.«

»Ich danke Ihnen, Sir.«

»Eine ausgezeichnete Frau, diese Eure Mutter, Christoph,« sagte Herr Swiveller. »Wer kam, vom Fall mich aufzuheben und küssend neu mich zu beleben? Meine Mutter. Eine prächtige Frau. Er ist ein freigebiger Mann! Wir müssen ihn dahin bringen, daß er etwas für Eure Mutter thut. Kennt er sie, Christoph?«

Kit schüttelte mit einem verschmitzten Blicke auf den Fragesteller seinen Kopf, dankte für das Genossene, und machte sich davon, ehe noch ein weiteres Wort gewechselt werden konnte.

»Hum!« sagte Herr Swiveller nachdenkend. »Das ist sonderbar. Nichts als Geheimnisse, die mit dem Braß'schen Hause in Verbindung stehen! Ich will's übrigens für mich behalten. Bisher hat Jedermann und alle Welt sich in mein Vertrauen getheilt, aber nun, glaube ich, will ich selber auch ein Geschäftsmann werden. Sonderbar – sehr sonderbar.«

Nachdem Herr Swiveller mit ungemein weiser Miene eine Weile nachgedacht hatte, ließ er sich noch einiges Bier schmecken, rief dann einen kleinen Jungen, der ihm zugesehen hatte, herbei, goß die letzten paar Tropfen als Libation auf den Boden, und hieß ihn das leere Gefäß nebst seinem Compliment in den Schenkverschlag tragen, wobei er ihm vor allen Dingen einschärfte, ein nüchternes und mäßiges Leben zu führen, und sich aller berauschenden und aufregenden Flüssigkeiten zu enthalten. Nachdem der beständige Großmeister der gloriosen Apollers dem Knaben für seine Mühe diesen moralischen Rath ertheilt hatte (der, wie er sich weislich ausdrückte, weit besser als ein Halbpence sei), steckte er seine Hände in die Taschen und schlenderte weiter, im Gehen noch immer Erwägungen anstellend.


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