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Master Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band

Charles Dickens: Master Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMaster Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band
publisherVerlag von Carl Zieger
printrunDritte Auflage
yearo.J.
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150121
modified20180917
projectide099f732
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Der Raritätenladen.

Sechsunddreißigstes Kapitel

Da der ledige Herr nach einem Aufenthalte von einigen Wochen in seiner Wohnung noch immer nicht geneigt war, durch Worte oder Geberden mit Herrn Braß und seiner Schwester in Verbindung zu treten, sondern unabänderlich Richard Swiveller zum Kanal seiner Mittheilungen wählte; und da er sich ferner in jeder Hinsicht als einen höchst wünschenswerthen Hausgenossen erwies, sintemal er Alles zum Voraus bezahlte, sehr wenig Störung veranlaßte, keinen Lärm machte und früh nach Hause kam, – so erhob sich Herr Richard Swiveller unmerklich zu einer bedeutsamen Stellung in der Familie, indem man ihn als einen Mann betrachtete, der Einfluß auf diesen geheimnißvollen Miether hatte, und mit demselben über Gut und Böse verhandeln konnte, wenn Niemand Anders sich seiner Person nahen durfte.

Um jedoch die Wahrheit zu sagen – selbst Herrn Swiveller's Zutritt zu dem ledigen Herrn war von sehr abgemessener Art und erhielt eine gar geringe Ermuthigung. Da er jedoch nie von seiner einsylbigen Unterhaltung mit dem Unbekannten zurückkehrte, ohne sich auf Ausdrücke zu beziehen, als da waren: »Swiveller, ich weiß daß ich mich auf Sie verlassen kann« – »ich nehme keinen Anstand, zu sagen, Swiveller, daß ich große Achtung vor Ihnen hege« – »Swiveller, Sie sind mein Freund, und ich bin überzeugt, daß Sie mir zur Seite stehen werden,« und so noch viele andere kurze Redensarten in ähnlicher familiärer und vertraulicher Weise, welche der ledige Herr gegen ihn geäußert haben und die den gewöhnlichen Gegenstand ihres Gespräches bilden sollten, so beanstandeten Herr Braß und Miß Sally keinen Augenblick die Ausdehnung seines Einflußes, sondern schenkten ihm den vollständigsten und unbedingtesten Glauben.

Aber ganz gesondert und unabhängig von dieser Quelle seiner Beliebtheit sprudelte für Herrn Swiveller noch eine andere, von welcher sich hoffen ließ, daß sie gleich dauernd werde und seine Lage beträchtlich erleichtern könne.

Er hatte nämlich Gnade in den Augen der Miß Sally Braß gefunden. Mögen nicht leichtsinnige Spötter über weiblichen Zauber ihre Ohren spitzen, um eine neue Liebesgeschichte zu hören, die ihnen doch nur Anlaß zum Scherze geben würde; denn wie sehr auch Miß Braß geschaffen war, um geliebt zu werden, so hatte sie doch durchaus nichts Sentimentales an sich. Dieser liebenswürdigen Jungfrau, die sich von frühester Jugend an die Schöße der Jurisprudenz geklammert, unter Beihülfe derselben ihr erstes Laufen gelernt und sie seitdem nicht wieder losgelassen hatte, war das Leben in einer Art juristischer Kindheit hingeschwunden. Als zartes Kind hatte sie sich durch ihr ungewöhnliches Talent ausgezeichnet, den Gang und die Geberden des Gerichtsdieners nachzuäffen, in welcher Rolle sie auch gelernt hatte, ihre kleinen Spielgefährten auf die Schultern zu klopfen und dieselben nach einem imaginären Schuldthurme zu führen; dies that sie denn auch mit einer Correctheit der Nachahmung, welche bei allen Zeugen ihrer Leistungen Staunen und Lust erregte, und nur durch die exquisite Weise übertroffen wurde, mit der sie in ihrer Puppenstube Execution einlegte und ein genaues Inventar der Stühle und Tische aufnahm. Diese unschuldigen Spiele hatten natürlich den Lebensabend ihres verwittweten Vaters, eines exemplarischen Herrn, der von seinen Freunden wegen seines außerordentlichen Scharfsinnes nur »das alte Füchschen« genannt wurde, besänftigt und erheitert; er ermuthigte dieselben nach Kräften, und seine Hauptsorge, als es mit ihm dem Houndsditch-Kirchhofe immer näher ging, bestand nur darin, daß er seiner Tochter kein Advokatenpatent auswirken und sie in die Liste eintragen lassen konnte. Voll dieses zärtlichen und rührenden Schmerzes hatte er sie feierlichst als eine unschätzbare Gehülfin seinem Sohne Sampson anempfohlen; und seit dem Ableben des alten Herrn bis zu der Periode, von welcher unsere Geschichte handelt, war Miß Sally Braß die Stütze und der Pfeiler des Geschäfts.

Da sich die Dame von Kindheit an nur diesem einzigen Dichten und Trachten geweiht hatte, so fällt es in die Augen, daß sie von der Welt wenig mehr, als ihre Beziehungen zu dem Gesetze kannte und daß von einem mit einer so hohen Geistesrichtung begabten Frauenzimmer eine Erfahrung in jenen sanfteren und edleren Künsten, worin sich das weibliche Geschlecht gewöhnlich auszeichnet, kaum zu erwarten war. Miß Sally's Vorzüge waren alle von männlicher und streng juristischer Art. Sie begannen und endigten mit der Praxis eines Anwalts, und die Dame befand sich daher, so zu sagen, in einem Zustande juristischer Unschuld. Das Recht war ihre Amme gewesen, und sofern man schiefe Beine und ähnliche physische Deformitäten der Kinder für die Folge schlechter Pflege hält, so konnte man nur der Amme von Miß Sally Braß einen Vorwurf machen, wenn sich in einer so schönen Seele irgend eine moralische Schiefe oder Verkrümmung vorfand.

Diese Dame also war es, auf welche Herr Swiveller den lebensfrischen Eindruck eines niegehabten Traumes übte, wenn er das Bureau mit seinen Liederstrophen und seiner Jovialität erheiterte, mit Tintenfässern und Oblatenschachteln Taschenspielerkünste ausführte, mit einer Hand drei Orangen auffing, die Schreibeböcke auf dem Kinn und Federmesser auf der Nase balancirte, und ohne Unterlaß hundert andere Großthaten einer ähnlichen Kunstfertigkeit ausführte; denn mit solchen Erholungen ertödtete Richard, wenn Herr Braß abwesend war, die Langeweile seiner Gefangenschaft. Diese geselligen Eigenschaften, welche Miß Sally ganz zufällig entdeckte, übten allmälig einen solchen Eindruck auf sie, daß sie Herrn Swiveller oft zu bitten pflegte, er möchte ein wenig ausruhen und thun, als ob sie nicht zugegen wäre, was sich Herr Swiveller natürlich nicht zweimal sagen ließ. Und so entspann sich zwischen ihnen eine Freundschaft. Herr Swiveller gewann es bald über sich, sie in der Weise ihres Bruders Sampson zu betrachten, nämlich so, wie er einen Collegen betrachtet haben würde. Er weihte sie in das Geheimniß ein, um Obst, Ingwerbier, gebratene Kartoffeln, oder auch um einen bescheidenen Löscher Karten zu spielen, und Miß Braß nahm keinen Anstand, die Spielprämien mitzugenießen. Oft wußte er sie auch zu bereden, daß sie zu dem ihrigen auch noch seinen eigenen Schreibantheil übernahm, und bisweilen belohnte er sie dafür mit einem kräftigen Schlag auf den Rücken, wobei er betheuerte, sie sei ein verteufelt guter Kerl, ein jovialer Kauz und dergleichen, – Complimente, welche Miß Sally in der besten Laune und mit vollkommener Zufriedenheit entgegennahm.

Nur ein Umstand lag schwer auf Richards Herzen, nämlich, daß die kleine Dienstmagd sich fortwährend in den Eingeweiden der Erde unter Bevis Marks umtrieb und nie auf die Oberfläche kam, als wenn der ledige Herr klingelte, nach Besorgung ihres Auftrags aber stets gleich wieder verschwand. Sie ging nie aus, kam nie in das Bureau, hatte nie ein reines Gesicht, nahm nie ihre grobe Schürze ab, sah nie aus dem Fenster, stand nie unter der Hausthüre, um frische Luft einzuathmen, und hatte nie Ruhe, oder was immer für eine Erholung. Niemand besuchte sie, Niemand sprach mit ihr und Niemand kümmerte sich um sie. Herr Braß hatte einmal gesagt, er glaube, sie sei »ein Kind der Liebe« (was alles Andere, nur nicht ein geliebtes Kind besagen will) und dieß war die ganze Auskunft, welche Richard Swiveller zu erlangen wußte.

»Es führt zu nichts, wenn ich den Drachen darüber befrage,« dachte Dick, als er eines Tages dasaß und sich in die Züge von Miß Sally Braß vertiefte; »denn wenn ich in dieser Hinsicht Fragen stellte, so wäre es vermuthlich mit unserem guten Einvernehmen zu Ende. Ich möchte übrigens wissen, ob sie wirklich aus dem Drachengeschlecht ist, oder ob sie nicht vielmehr beziehungsweise zu der Rasse der Meerjungfern gehört. Jedenfalls hat sie ein etwas schuppigtes Aussehen. Aber Meerjungfern betrachten sich gerne im Spiegel, was bei ihr nicht zutrifft; auch pflegen sie sich häufig die Haare zu kämmen, was bei ihr wieder nicht der Fall ist. Nein, sie ist ein Drache.«

»Wohin wollen Sie, alter Bursche,« sagte Dick laut, als Miß Sally ihre Feder wie gewöhnlich an dem grünen Kleide abwischte und von ihrem Sitze aufstand.

»Zum Mittagessen,« antwortete der Drache.

»Zum Mittagessen,« dachte Dick. »Das ist ein anderer Umstand. Ich glaube nicht, daß die kleine Dienstmagd je etwas zu essen kriegt.«

»Sammy kömmt nicht nach Hause,« sagte Miß Braß. »Bleiben Sie, bis ich wieder zurückkomme. Ich werde nicht lange fort sein.«

Dick nickte und verfolgte mit den Augen Miß Braß bis zur Thüre, mit den Ohren aber bis zu dem kleinen Hinterstübchen, wo sie und ihr Bruder ihre Mahlzeiten einzunehmen pflegten.

»Nun,« sagte Dick, indem er, die Hände in seinen Taschen, auf und ab ging, »ich würde etwas geben – vorausgesetzt, daß ich etwas hätte – wenn ich wüßte, wie man jenes Kind behandelt und wo es sich aufhalten muß. Meine Mutter muß eine sehr neugierige Frau gewesen sein, und ohne Zweifel habe ich irgendwo ein Fragezeichen als Muttermal. Ich unterdrücke mein Gefühl, doch du bist meiner Aengste Quelle – auf mein Wort,« fügte Herr Swiveller bei, indem er sich selbst unterbrach und gedankenvoll in den Clientenstuhl sank; »ich möchte wissen, wie man sie behandelt.«

Nachdem sich Herr Swiveller eine Weile so ergangen hatte, öffnete er sachte die Bureauthüre, in der Absicht, nach einem Glase milden Porters über die Straße hinüber zu schlüpfen. In diesem Augenblick gewahrte er noch einen Zipfel von Miß Sally's Kopfputze, welche eben die Küchentreppe hinunterglitt.

»Und beim Jupiter!« dachte Dick, »sie geht hin, um der Magd Nahrung zu reichen. Jetzt oder nie!«

Er blickte zuerst über dem Geländer weg, bis der Kopfputz unten in der Dunkelheit verschwunden war, tappte sich dann hinab und gelangte an die Thüre einer Hinterküche, in welche Miß Braß, eine kalte Hammelskeule in der Hand, eben eingetreten war. Es war ein sehr dunkler, erbärmlicher Ort, sehr niedrig, sehr feucht und die Wände durch tausend Risse und Flecken entstellt. Das Wasser rann aus einem lecken Fasse und eine ausgehungerte Katze leckte die Tropfen mit der krankhaften Gier des Verschmachtens auf. Der große Gitter war so dicht zusammengedreht und geschraubt, daß nur eine kleine, dünne Schicht von Feuer darauf Platz hatte. Alles war verschlossen; der Kohlenkeller, die Lichterkiste, die Salzlade, der Fleischschrank – überall ein Madenschloß. Es war nicht so viel da, daß ein Käfer davon hätte frühstücken können. Der verzwickte und magere Anblick des Ortes hätte ein Chamäleon getödtet; denn beim ersten Mundvoll würde es gemerkt haben, daß die Luft nicht als Speise dienen könne, und in Verzweiflung hätte es seinen Geist aufgeben müssen. – Die kleine Dienstmagd stand unterwürfig vor Miß Sally und ließ den Kopf hängen.

»Bist du da?« sprach Miß Sally.

»Ja Ma'am,« antwortete die Kleine mit schwacher Stimme.

»Geh weiter weg von der Hammelskeule, denn ich weiß wohl, daß du sie bemausen würdest,« sagte Miß Sally.

Das Mädchen zog sich in einen Winkel zurück, während Miß Braß einen Schlüssel aus der Tasche holte, den Speiseschrank öffnete und einen trübseligen Haufen kalter Kartoffeln hervorlangte, die so eßbar wie Flußkiesel aussahen. Diese stellte sie der kleinen Magd hin und befahl ihr, sich dazu niederzusetzen; dann ergriff sie ein großes Vorlegemesser und machte gewaltige Anstalten, es an der entsprechenden Gabel zu wetzen.

»Siehst du dieß?« fragte Miß Braß, die nach dieser großartigen Einleitung ungefähr zwei Quadratzolle von der Hammelskeule abschnitt, und dem Mädchen das winzige Stückchen an der Spitze der Gabel hinhielt.

Das kleine Mädchen betrachtete den Riesenbrocken mit so gierigen Augen, als ob sie jede Faser daran zählen wollte, und antwortete:

»Ja.«

»Dann brauchst du aber nicht immer hinzugehen und zu sagen, daß du hier kein Fleisch erhieltest,« entgegnete Miß Sally. »Da, iß es auf.«

Dieß war bald geschehen.

»Nun, willst du etwa noch mehr?« fragte Miß Sally.

Das hungrige Geschöpf hauchte als Erwiederung ein mattes »Nein.« Augenscheinlich handelte es sich dabei um eine hergebrachte Förmlichkeit.

»Du hast einmal Fleisch erhalten,« sagte Miß Braß, indem sie die Thatsache resumirte; »du hast so viel bekommen, als du essen konntest; man hat dich gefragt, ob du mehr wolltest, und du hast mit ›nein‹ geantwortet; du brauchst also nicht immer hinzugehen und zu sagen, man halte dich spärlich: merke dir das.«

Nach diesen Worten nahm Miß Sally, das Fleisch weg, schloß es in den Schrank, trat dann an die Seite des kleinen Dienstmädchens und sah demselben zu, wie es über die Kartoffeln verfügte.

Es war augenscheinlich, daß irgend ein außerordentlicher Aerger in Miß Sally's zarter Brust schaffen mußte, und daß dieser sie veranlaßte, ohne die mindeste augenfällige Ursache das Kind mit der Messerklinge bald auf die Hand, bald auf den Kopf, bald auf den Rücken zu klopfen, als ob sie es ganz unmöglich fände, dem armen Geschöpfe so nahe zu stehen, ohne ihm einige leichte Püffe zu versetzen. Noch größer war aber die Ueberraschung, als Herr Swiveller sah, wie sein weiblicher College, nachdem er langsam der Thüre zugegangen, als wolle er die Küche verlassen und könne es doch nicht recht über sich gewinnen, plötzlich wieder vorwärts stürzte, über die kleine Dienstmagd herfiel und ihr mit geballter Faust einige tüchtige Schläge versetzte. Die arme Dulderin schrie, aber mit so gedämpfter Stimme, als fürchte sie sich, ihre Stimme zu erheben, und endlich stieg Miß Sally, nachdem sie sich an einer Prise Schnupftabak geletzt hatte, die Treppe hinauf, als Richard eben wohlbehalten wieder in dem Bureau angelangt war.


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