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Master Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band

Charles Dickens: Master Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMaster Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band
publisherVerlag von Carl Zieger
printrunDritte Auflage
yearo.J.
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150121
modified20180917
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Der Raritätenladen.

Fünfunddreißigstes Kapitel

Als Herr Braß wieder nach Hause kam, nahm er den Bericht seines Schreibers mit großem Wohlgefallen und viel Zufriedenheit auf, besonders angelegentlich sich nach der Zehnpfundnote erkundigend, die seine gute Laune beträchtlich erhöhte, da sie sich bei genauer Prüfung als ein guter und gesetzlicher Schein der Bank von England auswies. In der That überströmte er auch so sehr von Freigebigkeit und Herablassung, daß er in der Ueberfülle seines Herzens Herrn Swiveller einlud, in jener fernen und unbestimmten Periode, welche man gewöhnlich mit dem Titel »der nächsten Tage« zu belegen pflegt, ein Bowle Punsch mit ihm zu leeren; dabei machte er ihm viele schöne Complimente über seine ungewöhnliche Geschäftstüchtigkeit, die er am ersten Tage seiner Dienstzeit so offenkundig an den Tag gelegt hatte.

Es gehörte zu den Grundsätzen des Herrn Braß, daß die Gewohnheit, mit Complimenten auszuzahlen, die Zunge eines Menschen ohne weitere Unkosten eingeölt erhalte, und da ein solches nützliches Glied bei einem Rechtsgelehrten nie in seinen Angeln einrosten darf, sondern im Gegentheil immer glatt und geläufig sein muß, so versäumte er selten eine Gelegenheit, dasselbe durch schöne Reden und wohllautende Ausdrücke in Uebung zu erhalten. Dieß war ihm auch so zur Gewohnheit geworden, daß sich, wenn man auch nicht gerade sagen konnte, er habe seine Zunge an seinen Fingerspitzen, doch mit Sicherheit behaupten ließ, sie befinde sich bei ihm überall, nur nicht in seinem Gesichte. Wir haben nämlich bereits gesehen, daß sein Charakter etwas rauh und zurückstoßend war, folglich sich nicht so leicht einölen ließ, und so umnachtete dasselbe Finster alle seine glatten Reden – einem jener natürlichen Leuchtthürme gleich, welche den Seefahrer gegen die Untiefen und Brandungen der Welt oder die gefährliche Meerenge der Jurisprudenz verwarnen und ihn ermahnen, nach einem weniger trügerischen Hafen zu spähen und sein Glück anderswo zu versuchen.

Während Herr Braß abwechselnd seinen Schreiber mit Complimenten überschüttete und die Zehnpfundnote beäugelte, zeigte Miß Sally keine besondere Aufregung – jedenfalls keine von angenehmer Art. Ihre Vorliebe für die juristische Praxis brachte es nämlich mit sich, ihre Gedanken kleinen Gewinnen und Mausereien zuzuwenden und ihre natürliche Weisheit dadurch zu wetzen und zu schärfen, weßhalb sie es etwas mißliebig aufnahm, daß der ledige Herr das Logis so leicht und schnell erhalten hatte, denn sie argumentirte, da er einmal so sehr darauf versessen war, so hätte man ihm wenigstens das Doppelte oder das dreifache des gewöhnlichen Preises abnehmen können, und Herr Swiveller hätte genau in demselben Verhältnisse, in welchem der Herr vorwärts drängte, zurückhalten sollen. Aber weder die gute Meinung des Herrn Braß, noch die Unzufriedenheit von Miß Sally machten irgend einen Eindruck auf unsern Ehrenmann, der die Verantwortlichkeit für diese und alle späteren Handlungen seinem unglücklichen Geschicke zur Last legte und daher ganz resignirt und getröstet war – völlig gefaßt auf das Schlimmste und mit philosophischer Gleichgültigkeit gegen das Beste.

»Guten Morgen, Herr Richard,« sagte Herr Braß zu Herrn Swiveller am dritten Tag seiner Schreiberschaft. »Sally hat in Whitechapel einen alten Schreibebock für Sie aufgetrieben – sie ist ein durchtriebener Kerl, was das Handeln anbelangt, kann ich Ihnen sagen, Herr Richard. Sie werden finden, daß es ein Sitz erster Klasse ist, Sir – mein Wort darauf.«

»Dem Ansehen nach freilich etwas gebrechlich,« versetzte Dick.

»Seien Sie versichert, daß sich's erstaunlich gut darauf sitzen läßt,« entgegnete Herr Braß. »Er wurde in offener Straße gerade dem Hospital gegenüber gekauft, und da er vielleicht einen Monat oder zwei dort gestanden hat, so ist er etwas staubig und von der Sonne gebräunt. Das ist Alles.«

»Hoffentlich steckt doch kein Fieber oder etwas der Art in ihm,« sagte Dick, indem er sich mißvergnügt zwischen Herrn Sampson und der keuschen Sally niedersetzte. »Eines seiner Beine ist länger, als die anderen.«

»Dann nehmen wir ein Stückchen davon ab, Sir, und kriegen dadurch Holz in den Kauf,« erwiderte Braß. »Ha, ha, ha! Wir kriegen dadurch Holz in den Kauf, Sir, und das ist ein weiterer Vorteil, wenn meine Schwester für uns auf den Markt geht. Miß Braß, Herr Richard ist der – –«

»Willst du doch einmal ruhig sein,« unterbrach ihn der schöne Gegenstand dieser Bemerkungen von den Papieren aufsehend. »Wie soll ich denn arbeiten, wenn du in einem fort plapperst?«

»Was du doch für ein unzuverlässiger Kunde bist,« entgegnete der Rechtsgelehrte. »Das eine Mal nichts als plaudern, das andere Mal nichts als arbeiten. Man kann nie wissen, in welcher Stimmung man dich findet.«

»Jetzt bin ich in der Stimmung zu arbeiten,« sagte Miß Sally, »muß daher bitten, mich nicht zu stören. Und halte ihn nicht von seinem Geschäft ab,« fügte Miß Sally bei, indem sie mit ihrer Feder auf Richard deutete. »Ich wette, er thut ohnehin nicht mehr, als er eben muß.«

Herr Braß war augenscheinlich sehr geneigt, eine zornige Erwiderung zu geben, ließ sich aber durch Rücksichten der Klugheit oder der Furcht abschrecken, da er nur etwas von Belästigung und Landläufer murmelte, ohne jedoch diese Ausdrücke mit irgend einem Individuum in Verbindung zu bringen, sintemal er ihrer nur in Beziehung auf einige abstrakte Ideen, die ihm eben zu Sinne kamen, erwähnte. Sie schrieben nun eine lange Zeit in tiefem Schweigen fort – in einem so langweiligen Schweigen, daß Herr Swiveller, der Aufregung haben mußte, mehrere Male einnickte und bereits mit geschlossenen Augen mehrere wunderliche Worte in unbekannten Schriftzügen geschrieben hatte, als Miß Sally endlich die Eintönigkeit des Geschäftslebens dadurch unterbrach, daß sie ihre kleine zinnere Dose herauszog, eine geräuschvolle Prise nahm, und sodann ihre Meinung dahin ausdrückte, daß Herr Richard Swiveller daran Schuld sei.

»An was Schuld, Ma'am?« fragte Richard.

»Wissen Sie nicht,« entgegnete Miß Braß, »daß der Miethsmann noch nicht auf ist, und daß er nichts von sich hat sehen und hören lassen, seit er gestern Nachmittag zu Bette ging.«

»Nun, Ma'am,« sagte Dick, »er wird doch seine zehn Pfund ruhig und in Frieden ausschlafen dürfen, wenn es ihm beliebt.«

»Ach, ich fange an zu glauben, daß er nie wieder erwachen wird,« bemerkte Miß Sally.

»Es ist ein sehr merkwürdiger Umstand,« bemerkte Braß, indem er seine Feder niederlegte; »in der That sehr merkwürdig. Herr Richard, Sie werden sich erinnern, wenn man diesen Herrn an dem Bettpfosten erhängt finden, oder wenn ein anderes Unglück hereinbrechen sollte – Sie werden sich erinnern, daß diese Zehnpfundnote Ihnen als Abschlagszahlung an einer zweijährigen Hausmiethe übergeben wurde? Vergessen Sie es nicht; es ist vielleicht besser, Sir, wenn Sie sich's notiren, falls Sie Zeugniß darüber ablegen müßten.«

Herr Swiveller nahm einen großen Foliobogen und begann mit ungemein gravitätischem Gesichte eine sehr kleine Bemerkung in die Ecke zu schreiben.

»Wir können nie zu vorsichtig sein,« sagte Herr Braß. »Es gibt viel Schlechtigkeit in der Welt, ja, viel Schlechtigkeit. Sagte der Herr vielleicht – doch das thut jetzt nichts zur Sache, Sir; beendigen Sie zuvor dieses kleine Memorandum.«

Dick that, wie ihm geheißen wurde, und händigte es Herrn Braß ein, der von seinem Schreibbocke aufgestanden war und jetzt in dem Bureau auf- und abspazierte.

»Ah, das ist das Memorandum?« sagte Braß, indem er das Document mit den Augen überflog, »sehr gut. »Nun, Herr Richard, sagte der Herr noch sonst etwas?«

»Nein.«

»Wissen Sie auch ganz gewiß, Herr Richard,« sprach Braß feierlich, »daß der Herr nichts Weiteres sagte?«

»Zum Henker, keine Silbe,« versetzte Dick.

»Besinnen Sie sich noch einmal,« fuhr Braß fort. »Es ist meine Pflicht, Sir, in der Stellung, in welcher ich mich befinde, und als ein achtbares Glied des Advokatenstandes, des ersten Standes in diesem Lande, Sir, oder in was immer für einem andern Lande, oder in irgend einem der Planeten, die des Nachts über uns scheinen und muthmaßlicherweise bewohnt sind – es ist meine Pflicht, Sir, als ein achtbares Mitglied dieses Standes, Ihnen in einer so delikaten und wichtigen Angelegenheit keine Suggestivfragen vorzulegen. Sagte der Herr, welchen Sie gestern Nachmittag in den ersten Stock einführten und einen Koffer von Werth – einen Koffer von Werth – mit sich brachte, noch etwas Weiteres, als was hier in diesem Memorandum niedergeschrieben ist?«

»Pah, sei kein Narr,« sagte Miß Sally.

Dick sah zuerst sie, dann Herrn Braß, und endlich abermals Miß Sally an, und sagte noch immer:

»Nein.«

»Puh, puh! Hol's der Henker, Herr Richard, wie einfältig Sie sind!« rief Braß, das Gesicht zu einem Lächeln verziehend. »Sagte er denn nichts von seinem Eigenthum? – So!«

»Das ist die rechte Weise, zu fragen,« sagte Miß Sally, ihrem Bruder zunickend.

»Sagte er nicht zum Beispiel,« fügte Herr Braß in einem behaglichen, beschwatzenden Tone bei – »wohl gemerkt, ich will nicht behaupten, daß er so sagte; ich frage Sie nur, um Ihrem Gedächtnis nachzuhelfen – sagte er nicht zum Beispiel, daß er fremd in London sei – daß er durchaus nicht Lust habe oder im Stande sei Nachweisungen über sich zu geben – daß er fühle, wir hätten ein Recht zur Nachfrage – und daß er, im Falle ihm je etwas widerführe, ausdrücklich verlange, sein auf meinem Besitzthume befindliches Eigenthum solle als das meine betrachtet werden, als kleine Entschädigung für die Unruhe und Unannehmlichkeit, die mir erwachsen könnte – mit einem Wort,« fügte Herr Braß noch zutraulicher und einschmeichelnder bei, »haben Sie keinen Grund abgesehen, ihn in meinem Namen unter diesen Bedingungen als Miethsmann aufzunehmen?«

»Gewiß nicht,« versetzte Dick.

»Wohlan denn, Herr Richard,« sagte Braß, indem er ihm einen finsteren und vorwurfsvollen Blick zuschießen ließ, »so ist es meine Meinung, daß Sie sich in Ihrem Beruf vergriffen haben, und daß Sie nie einen Advokaten abgeben werden.«

»Nein, und wenn er tausend Jahre lebte,« fügte Miß Sally bei.

Bruder und Schwester nahmen sofort eine geräuschvolle Prise Schnupftabak aus der kleinen zinneren Dose und versanken in ein düsteres Nachdenken.

Weiter fiel nichts mehr vor bis zu Herrn Swivellers Mittagessensstunde, nämlich der dritten des Nachmittags, die sich für ihn mit dem langsamen Zeitlauf von drei Wochen zu nahen schien. Mit dem ersten Glockenschlag verschwand der neue Schreiber, und mit dem letzten der fünften Stunde erschien er wieder in dem Bureau, das jetzt, wie durch Zauberei, durch die würzigen Düfte von Grog und Zitronenschale erfüllt wurde.

»Herr Richard,« sagte Braß, »der Mann ist noch nicht aufgestanden. Nichts kann ihn wecken, Sir. Was ist wohl zu thun?«

»Ich würde ihn sein Schläfchen ausschlafen lassen,« versetzte Dick.

»Ausschlafen?« rief Braß. »Zum Henker, er hat jetzt schon sechsundzwanzig Stunden geschlafen. Wir haben Truhen und Kommoden über seinem Kopfe gerückt, wir haben an die Hausthür geklopft, wir haben das Dienstmädchen mehrere Mal die Treppe hinunter geworfen (sie ist leicht und hat keinen sonderlichen Schaden genommen), aber nichts vermag ihn zu erwecken.«

»Vielleicht geht's mit einer Leiter,« rieth Dick; »man kann zu den Fenstern des ersten Stocks hinansteigen – –«

»Aber dann ist eine Thür dazwischen, und außerdem brächte es die Nachbarschaft auf die Beine,« entgegnete Braß.

»Wie wäre es, wenn man durch die Fallthüre auf das Dach des Hauses stiege und sich durch den Schornstein hinunter ließe?« meinte Dick.

»Das wäre ein vortrefflicher Plan,« sagte Braß, »wenn Jemand –« und dabei sah er Herrn Swiveller sehr fest an – »wenn Jemand so gütig, so freundlich und so großmüthig sein wollte, es zu unternehmen. Ich wette, es ist durchaus nicht so unangenehm, als man sich's vorstellt.«

Dick hatte diesen Rath ertheilt, in der Meinung, die Ausführung desselben dürfte in Miß Sally's Departement fallen. Da er also nichts weiter sagte und den Wink ganz unbeachtet ließ, so machte Herr Braß den Vorschlag, sie sollten mit einander die Treppe hinauf gehen und noch eine letzte Anstrengung machen, den Schläfer durch einige weniger gewaltsame Mittel zu wecken, und wenn dieß fehlschlüge, so müßten entschieden kräftigere Maßregeln folgen. Herr Swiveller pflichtete bei, bewaffnete sich mit einem Schreibebock und dem großen Lineal, und verfügte sich mit seinem Brodherrn zu dem Schauplatze der Handlung, wo Miß Braß bereits aus Leibeskräften mit einer Tischklingel läutete, ohne jedoch die mindeste Wirkung auf den geheimnisvollen Miethsmann hervorbringen zu können.

»Da sind seine Stiefel, Herr Richard,« sagte Braß.

»Jedenfalls ein paar ungemein hartnäckig aussehende Gegenstände,« versetzte Richard Swiveller.

Und in der That war es ein so plumpes und schwerfälliges Paar Stiefel, wie man sie nur sehen konnte – so fest auf den Boden gepflanzt, als ob ihres Eigenthümers Beine und Füße darin stäken, und scheinbar mit ihren breiten Sohlen und plumpen Zehen ihren Standort mit Gewalt in Besitz behaltend.

»Ich kann nichts, als den Bettvorhang sehen,« sagte Braß, das Auge an das Schlüsselloch der Thüre legend. »Ist es ein starker Mann, Herr Richard?«

»Sehr,« antwortete Dick.

»Es wäre ein außerordentlicher unangenehmer Umstand, wenn er plötzlich herausstürzte,« sagte Braß. »Haltet die Treppe frei. Ich würde ihm natürlich mehr als gewachsen sein, aber ich bin der Hausherr, und die Gesetze der Gastfreundschaft müssen respectirt werden. – Holla da! Holla, holla, holla!«

Während Herr Braß, sein Auge neugierig in das Schlüsselloch bohrend, diese Töne vernehmen ließ; um die Aufmerksamkeit des Miethsmannes zu erregen, und während Miß Braß von der Tischklingel fleißigen Gebrauch machte, schob Herr Swiveller seinen Schreibebock neben der Thüre dich an die Wand, stieg auf denselben und blieb bolzengrade darauf stehen, so daß der Miethsmann, wenn er einen Ausfall machte, wahrscheinlich in seiner ersten Wuth an ihm vorbeischießen mußte; und nun eröffnete er mit dem Lineal ein ungestümes Bombardement gegen die oberen Planken der Thüre. Im stolzen Selbstgefühle über seinen Scharfsinn und auf die Kraft seiner Stellung vertrauend, welche er nach der Weise derjenigen kühnen Individuen gewählt hatte, die an sehr besuchten Abenden das Parterre und die Galeriethüren öffnen, ließ Herr Swiveller einen solchen Schauer von Stößen herabregnen, daß der Lärm der Klingel ganz erstickt wurde, und die kleine Dienstmagd, welche auf der Treppe oben stand, um bei ehester Gelegenheit flüchtig werden zu können, die Ohren zuhalten mußte, um nicht für ihre Lebenszeit taub zu werden.

Auf einmal klappte das Schloß von innen und die Thüre flog mit Ungestüm auf. Die kleine Magd flüchtete sich nach dem Kohlenkeller, Miß Sally schlüpfte in ihr Schlafgemach, und Herr Braß, der sich nicht gerade durch persönlichen Muth auszeichnete, eilte auf die Straße, als er jedoch fand, daß ihm Niemand mit einem Schüreisen oder einer andern gefährlichen Waffe folgte, so steckte er die Hände in die Taschen und ging mit einemmal ganz langsam einher, indem er vor sich hinpfiff.

Mittlerweile drückte sich Herr Swiveller, der noch immer auf seinem Bocke stand, so platt als möglich an die Wand und sah, nicht ganz unbefangen, auf den ledigen Herrn hinunter, der sich brummend und auf eine entsetzliche Weise fluchend an der Thüre zeigte, seine Stiefel in der Hand, welche er aus Spekulation die Treppe hinunter schleudern zu wollen schien. Dieser Gedanke kam jedoch nicht zur Ausführung, und als er sich, noch immer Rache schnaubend, gegen sein Zimmer umwandte, begegneten seine Blicke denen des achtsamen Richard.

»Haben Sie diesen schrecklichen Lärm gemacht?« fragte der ledige Herr.

»Ich habe dazu geholfen,« antwortete Dick, kein Auge von dem Andern verwendend und das Lineal leicht in seiner Rechten schwingend, zum Zeichen, was der ledige Herr zu gewarten habe, wenn er Gewalt versuche.

»Wie können Sie sich unterstehen – he?« fragte der Miethsmann.

Dick antwortete hierauf nur durch die Frage, ob der Miethsmann es mit dem Benehmen und der Aufführung eines Gentlemans verträglich halte, sechsundzwanzig Stunden an einem fort zu schlafen, und ob die Ruhe einer liebenswürdigen und tugendhaften Familie denn gar nichts in der Wagschale ausmache.

»Gilt denn meine Ruhe nichts?« entgegnete der ledige Herr.

»Ich frage, ob ihre Ruhe nichts gelte?« erwiderte Dick. »Es ist nicht meine Absicht, zu drohen, Sir – in der That, Drohungen sind gesetzlich verboten, und man kann dafür in Strafe verfallen – aber wenn Sie's je wieder so machen, so nehmen Sie sich in Acht, daß nicht der Todtenschauer über Sie kömmt und Sie an einem Kreuzwege begraben werden, ehe Sie wieder aufwachen. Wir haben uns halb zu todt geängstigt, weil wir Sie für gestorben hielten,« fügte Dick bei, indem er sachte auf den Boden herunter rutschte, »und das Kurze und Lange davon ist, daß wir ledige Herren nicht in dieses Haus kommen und für zwei Gentleman schlafen lassen können, ohne daß ein Extra dafür bezahlt wird.«

»Wirklich?« rief der Miethsmann.

»Ja, Sir, allerdings,« entgegnete Dick, indem er sich seinem Geschicke fügte und sagte, was ihm eben in den Mund kam; »eine solche Quantität Schlaf ist nie aus einem Bett und aus einer Bettstadt herausgekommen; und wenn Sie in dieser Weise schlafen wollen, so müssen Sie für ein Zimmer mit zwei Betten bezahlen.«

Statt durch diese Bemerkungen in noch größeren Zorn zu gerathen, verzog der Miethsmann sein Gesicht zu einem breiten Grinsen und sah Herr Swiveller mit zwinkernden Augen an. Es war ein brauner, sonnverbrannter Mann, und schien noch brauner und sonnverbrannter zu sein, weil er eine weiße Nachtmütze auf hatte. Jedenfalls war er aber in manchem Betracht ein cholerischer Bursche, weßhalb es Herrn Swiveller zu großem Troste gereichte, ihn in so guter Laune zu finden, und um ihn in derselben zu erhalten, lächelte er gleichfalls.

Der Miethsmann hatte in seinem Aerger über die ungehobelten Weckversuche die Nachtmütze auf die eine Seite seines kahlen Hauptes geschoben. Dieß gab ihm ein etwas liederliches, excentrisches Aussehen, ob dem sich Herr Swiveller, der jetzt Zeit zu Beobachtungen fand, ausnehmend ergötzte. Um jedoch den ledigen Herrn günstig für sich zu stimmen, drückte er seine Hoffnung aus, er werde wohl jetzt aufbleiben und etwas der Art nicht wieder thun.

»Komm her, du unverschämter Schuft,« lautete die Antwort des Miethsmanns, als er wieder in sein Gemach trat.

Herr Swiveller folgte ihm und ließ den Bock außen, ohne sich jedoch, für den Fall einer Ueberrumpelung, des Lineals zu begeben. Er wünschte sich auch einigermaßen Glück zu dieser klugen Vorsichtsmaßregel, als der ledige Herr ohne weitere Erklärung die Thüre doppelt abschloß.

»Können Sie etwas trinken?« war die nächste Frage.

Herr Swiveller antwortete, er habe zwar erst kürzlich die Qualen des Durstes gestillt, es sei aber immer noch etwas übrig für einen »bescheidenen Löscher«, sobald sich Material vorfinden lasse. Ohne weitere Gegenrede nahm nun der Miethsmann aus seinem großen Koffer eine Art von Tempel, der wie polirtes Silber glänzte, und stellte ihn bedächtig auf den Tisch. Herr Swiveller nahm großen Antheil an diesen Vorkehrungen und beobachtete den Miethsmann auf's Genaueste. Dieser legte in eine kleine Kammer seines Tempels ein Ei, in eine andere etwas Kaffee, in eine dritte ein festes Stückchen rohen Rindfleisches aus einer netten Zinnbüchse, und in eine vierte goß er etwas Wasser. Dann machte er unter Beihülfe eines Phosphorfeuerzeuges und einiger Schwefelhölzer Licht und brachte dasselbe an eine Weingeistlampe, welche ihren Platz unterhalb des Tempels gefunden hatte; dann legte er auf die kleinen Kammern Deckel auf, öffnete sie wieder, und dann war durch irgend eine wundervolle, unsichtbare Thätigkeit das Beefsteak gar, das Ei gesotten, der Kaffee auf's Genaueste zubereitet und das Frühstück fertig.

»Heißes Wasser –« sagte der Miethsmann, indem er dasselbe Herrn Swiveller mit einer Ruhe hinüberreichte, als hätte er ein gewöhnliches Küchenfeuer vor sich – »außerordentlicher Rum – Zucker – und ein Reiseglas – mischen Sie selbst, mischen Sie selbst und beeilen Sie sich.«

Dick gehorchte, obgleich seine Augen die ganze Zeit über ohne Unterlaß zwischen dem Tempel auf dem Tisch, der ein Tausendkünstler zu sein schien, und dem großen Koffer, in welchem sich alles nur Erdenkliche befand, hin und her wanderte. Der Miethsmann nahm sein Frühstück wie ein Mann ein, der gewöhnt ist, solche Mirakel zu wirken, und sich keine Gedanken darüber macht.

»Der Hausbesitzer ist ein Rechtsgelehrter, nicht wahr?« sagte der Miethsmann.

Dick nickte. Der Rum war bewunderungswürdig.

»Und die Weibsperson im Hause – wer ist die?«

»Ein Drache,« lautete Dick's Antwort.

Der ledige Herr äußerte keine Ueberraschung, vielleicht weil ihm derartige Dinge schon auf seinen Reisen vorgekommen waren, vielleicht auch, weil er ein lediger Herr war, sondern fragte blos:

»Weib oder Schwester?«

»Schwester,« sagte Dick.

»Um so besser,« entgegnete der ledige Herr; »so kann er ihrer los werden, wenn es ihm gut dünkt.«

»Ich will ganz nach meinem Gefallen leben, junger Mann,« fügte er nach einer kurzen Pause bei, »zu Bette gehen, wenn es mir beliebt, aufstehen, wenn es mir beliebt, heimkommen, wenn es mir beliebt, ausgehen, wenn es mir beliebt – ohne daß man mir Fragen vorlegen oder mich mit Spionen umringen darf. In letzterem Betracht sind Dienstboten des Teufels. Es ist nur ein einziger hier?«

»Und zwar ein sehr kleiner,« versetzte Dick.

»Ein sehr kleiner?« wiederholte der Miethsmann. »Nun, der Platz wird für mich passen – nicht wahr?«

Dick antwortete mit »ja«.

»Vermuthlich Preller?« sagte der Miethsmann.

Dick nickte zustimmend und trank sein Glas aus.

»Theilen Sie ihnen meine Willensmeinung mit,« sagte der ledige Herr aufstehend. »Wenn sie mich beunruhigen, so verlieren sie einen guten Miethsmann. Ist ihnen einmal so viel bekannt, so wissen sie genug. Versuchen sie's, mehr zu erfahren, so nehme ich dieß als Aufkündigung. Es ist am besten, die Sache gleich in's Reine zu stellen. Guten Tag.«

»Ich bitte um Verzeihung,« sagte Dick, seine Bewegung nach der Thüre, welche der Miethsmann eben öffnen wollte, unterbrechend, »Wenn ihm, der dich verehrt, der Name hinterbliebe –«

»Was wollen Sie damit sagen –«

»Der Name,« versetzte Dick – »der Name hinterbliebe – falls Briefe oder Päcke –«

»Ich erhalte nie welche,« entgegnete der Miethsmann.

»Oder im Falle, daß Besuche kommen wollten.«

»Ich nehme nie Besuche an.«

»Wenn jedoch ein Mißverständniß daraus entsteht, daß wir keinen Namen kennen, Sir, so dürfen Sie es nicht mir zu Last legen,« fügte Dick bei, indem er noch immer zögerte. – »Oh, schmäht den Barden nicht –«

»Ich schmähe Niemand,« rief der Miethsmann mit einer solchen Gereiztheit, daß sich Dick in einem Nu auf der Treppe befand und die Thüre zwischen Beiden abgeschlossen war.

Herr Braß und Miß Sally lauschten ganz in der Nähe, und waren in der That nur durch Herrn Swiveller's plötzliche Verbannung von dem Schlüsselloch verscheucht worden. Trotz aller Anstrengung hatten sie aber, in Folge eines Streites um den Vorrang, kein Wort vernehmen können, da derselbe, obgleich durch die Nothwendigkeit von Püffen, Kniffen und sonstige ruhige Pantomimen in Schranken gehalten, die ganze Zeit über gedauert hatte; und so eilten sie jetzt in das Bureau hinunter, um einen ausführlichen Bericht über die Vorfallenheiten zu hören.

Diesen gab auch Herr Swiveller – ganz der Wahrheit gemäß, was die Wünsche und den Charakter des ledigen Herrn betraf, und in einigen poetischen Ausschmückungen hinsichtlich des großen Koffers, den er auf eine Art schilderte, welche mehr um des Feuers der Phantasie, als um der strengen Treue willen merkwürdig war; denn er erklärte unter vielen kräftigen Betheuerungen, daß er Muster von allen Arten köstlicher Speisen und Getränke, welche der Zeit bekannt wären, enthalte, und daß er namentlich in einer gewissen Selbstthätigkeit Alles servire, was man wünsche – vermutlich durch ein Uhrwerk. Auch deutete er an, daß der Koch-Apparat das Lendenstück eines fetten Ochsen von ungefähr sechs Pfund avoir-dupoise in zwei und einer Viertelminute briete, wie er selbst mit eigenen Augen angesehen und mit eigener Zunge geschmeckt habe; ferner habe er sich persönlich überzeugt, obgleich er nicht wisse, wie es zugehe, daß das Wasser auf einen bloßen Wink des ledigen Herrn kochte und sprudelte; aus welchen Thatsachen Herr Swiveller vermuthen wollte, daß der Miethsmann ein großer Zauberer oder Chemiker, vielleicht auch beides sei, dessen Aufenthalt unter diesem Dache nicht ermangeln könne, eines Tages dem Namen Braß große Ehre und Auszeichnung zu verleihen, und der Geschichte von Bevis-Marks neues Interesse zu geben.

Ein Punkt war jedoch vorhanden, hinsichtlich dessen Herr Swiveller es nicht für nöthig erachtete, sich weiter zu verbreiten, nämlich das wahre Sachverhalten mit dem bescheidenen Löscher, welcher in Folge seiner eindringlichen Kraft und vielleicht auch, weil er dem mäßigen Getränke, welchem Dick bei Tisch zugesprochen hatte, gefolgt war, einige Fieberbewegungen veranlaßte, und daher die Nothwendigkeit herbeiführte, im Laufe des Abends zwei oder drei weitere bescheidene Löscher in dem Wirthshause zu holen.


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