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Master Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band

Charles Dickens: Master Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMaster Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band
publisherVerlag von Carl Zieger
printrunDritte Auflage
yearo.J.
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderbruce.welch@gmx.net
created20150221
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Der Raritätenladen. Zweiundsiebenzigstes Kapitel

Als sie mit dem Anbruch des Morgens ruhiger über den Gegenstand ihres Schmerzes sprechen konnten, hörten sie, wie sie ihr Leben beschlossen.

Sie war zwei Tage sterbend gewesen. Sobald man denken konnte, daß ihr Ende nicht mehr ferne sei, versammelte sich alles um sie. Sie war bald nach Tagesanbruch gestorben. Man hatte ihr in der ersten Hälfte der Nacht vorgelesen und mit ihr gesprochen; im Verlaufe der Stunden war sie jedoch in Schlaf versunken. Aus den leisen Worten, die die Schlummernde flüsterte, ließ sich entnehmen, daß sie von ihren Wanderungen mit dem alten Manne träumte – aber nicht von jenen Schauplätzen des Leidens, sondern von jenen, wo sie Hülfe und freundliche Behandlung gefunden, denn sie sagte oft mit großer Wärme: »Gott vergelt's euch!«

Wachend hatte sie ein einzigesmal irre geredet: sie sagte nämlich, sie höre eine wunderliebliche Musik in der Luft. Gott mag das wissen – vielleicht ist das wahr gewesen.

Als sie endlich nach einem sehr ruhigen Schlaf die Augen wieder öffnete, bat sie ihre Freunde noch um einen Kuß. Man willfahrte ihr. Dann wandte sie sich mit einem Engelslächeln auf ihrem Gesichte – sie hatten, wie sie sagten, ein solches nie zuvor gesehen und wollten es nie vergessen – an den alten Mann und schlang ihre beiden Arme um seinen Nacken. Sie wußten nicht gleich, daß sie todt war.

Sie hatte sehr oft von den zwei Schwestern geredet, die sie wie theure Freundinnen betrachtete. Sie wünschte, sie hätte ihnen sagen können, wie oft ihre Gedanken bei ihnen geweilt und wie oft sie ihnen gefolgt sei, wenn sie Abends an dem Flußufer spazieren gingen. In der letzten Zeit hatte sie oft davon gesprochen, sie möchte wohl den armen Kit wieder sehen. Sie wünschte, daß Jemand da wäre, um Kit von ihr zu grüßen. Und selbst damals noch dachte sie nie an ihn, oder sprach nie von ihm, ohne ihr altes, klares, heiteres Lachen.

Im Uebrigen hatte sie nie gemurrt oder sich beklagt, sondern mit ruhigem Geiste und in ganz veränderter Weise – nur daß sie mit jedem Tage ernster wurde und sich immer dankbarer gegen ihre Umgebung erwies – war sie dahingeschwunden; wie das Licht eines Sommerabends.

Der Knabe, welcher ihr kleiner Freund gewesen war, kam fast so bald, als es Tag war, mit einem Sträußchen welker Blumen und bat, man möchte es auf ihre Brust legen. Er war es, der in der letzten Nacht an's Fenster gekommen war und mit dem Todtengräber gesprochen hatte. Auch fand man im Schnee Spuren kleiner Füße, weil er in der Nähe des Gemaches, wo sie lag, gewartet hatte, ehe er zu Bett ging. Dem Anscheine nach meinte er, man habe sie dort allein gelassen, und diesen Gedanken konnte er nicht ertragen. Er erzählte wieder von seinem Traume, nämlich daß sie wieder genesen sei, ganz wie sonst. Er bat angelegentlichst, man möchte ihm erlauben, sie zu sehen, wobei er versprach, sich nicht zu fürchten, denn er sei den ganzen Tag allein bei seinem Bruder gewesen, als er todt war, und habe sich glücklich gefühlt, ihm so nahe sein zu können. Man ließ ihn gewähren; und in der That, er hielt Wort – in seiner kindlichen Weise eine ernstliche Lehre für sie Alle.

Bis dahin hatte der alte Mann kein Wort gesprochen – ausgenommen zu ihr – oder sich von dem Bette entfernt. Aber als er ihren kleinen Liebling sah, fühlte er sich in einer Weise ergriffen, wie man ihn noch nie gesehen hatte, und er gab durch Zeichen zu verstehen, daß er näher kommen möchte. Dann deutete er nach dem Bette und brach in Thränen aus. Die Umstehenden wußten, daß ihm der Anblick des Kindes wohl gethan hatte, weßhalb sie Beide allein beieinander ließen.

Der Knabe beruhigte ihn mit seinem unschuldigen Geplauder von ihr und vermochte es über ihn, daß er ein wenig ruhete, ausging, kurz fast alles that, was er von ihm verlangte. Und als der Tag kam, an dem ihre sterblichen Reste für immer den Augen entrückt werden sollten, führte ihn der Kleine weg, daß er nicht wissen möchte, wann sie fortgenommen würde.

Sie wollten frische Blätter und Beeren sammeln für ihr Bett. Es war Sonntag – ein heiterer, klarer Winternachmittag – und als sie durch das Dorf gingen, wichen ihnen die in der Straße Wandelnden aus, um ihnen Platz zu machen, und grüßten sie in stummer Wehmuth. Einige nahmen den alten Mann freundlich bei der Hand, andere blieben mit unbedecktem Haupte stehen, während er vorbei wankte, und viele riefen ihm ein »Gott helfe ihm!« nach.

»Nachbarin,« sagte der alte Mann, als er an der Thüre, wo die Mutter seines Führers wohnte, Halt machte, »wie kömmt es, daß heute fast alle Leute schwarz gehen? Ich habe fast bei Jedem ein Trauerband oder ein Stück schwarzen Flors gesehen.«

»Sie wisse es nicht,« sagte die Frau.

»Ei, Ihr selbst – Ihr tragt ja auch Trauerfarbe!« rief er. Die Fenster sind geschlossen, was sonst nie bei Tage der Fall ist. Was soll das heißen?«

Abermals sagte die Frau, daß sie es nicht wisse.

»Wir müssen umkehren,« sagte der alte Mann hastig. »Wir müssen sehen, was das ist.«

»Nein, nein!« rief das Kind, ihn zurückhaltend. »Erinnern Sie sich, was Sie versprochen haben. Wir müssen nach der alten grünen Hecke gehen, wo sie und ich so oft waren, und wo Sie uns mehr als einmal trafen, wie wir Guirlanden für den Garten machten. Wir müssen nicht umkehren!«

»Wo ist sie jetzt?« fragte der alte Mann. »Sage mir das!«

»Wissen Sie das nicht?« entgegnete das Kind. »Haben wir sie nicht eben verlassen?«

»Richtig. Richtig. Wir haben sie eben verlassen.«

Er drückte die Hand auf seine Stirne, blickte ausdruckslos umher, und ging, wie von einem plötzlichen Gedanken getrieben, über den Weg, um in das Haus des Todtengräbers zu treten. Dieser saß nebst seinem tauben Gehülfen vor dem Feuer. Als sie sahen, wer kam, standen Beide auf.

Das Kind gab ihnen hastig ein Zeichen mit der Hand. Es war nur die Bewegung eines Augenblicks, aber diese und das Aussehen des alten Mannes reichten vollkommen zu.

»Habt ihr – habt ihr heute Jemand zu begraben?« fragte er hastig.

»Nein, nein! Wen sollten wir zu begraben haben, Sir?« versetzte der Todtengräber.

»Ja, freilich! Ich sage mit euch, wen solltet ihr?«

»Es ist heute Feiertag für uns, guter Sir,« entgegnete der Todtengräber mild. »Wir haben heute keine Arbeit.«

»Nun, so will ich mit dir gehen, wohin du willst,« sagte der alte Mann, sich an das Kind wendend. »Es ist aber doch wahr, was ihr mir sagt? Ihr wollt mich nicht täuschen! Ich habe mich sehr verändert, sogar in der kurzen Zeit, daß wir uns zum letztenmal sahen.«

»Geh deines Weges mit ihm,« entgegnete der Todtengräber, »und der Himmel möge euch Beide geleiten.«

»Ich bin ganz bereit,« sagte der alte Mann demüthig. »Komm, Knabe, komm!«

Und so ließ er sich wegführen.

Und nun erhob die Glocke – die Glocke, welche sie so oft bei Tag und bei Nacht mit so feierlicher Freude gehört hatte, als wäre sie fast eine lebende Stimme – ihr unerbittliches Geläute über die, die so jung, so schön und so gut war. Welkes Alter und kräftiges Leben, blühende Jugend und hülflose Kindheit strömten heran – auf Krücken, im Stolze der Kraft und Gesundheit, in der hoffnungsvollsten Blüthe, in dem vollen Morgenroth des Lebens, um sich nach ihrem Grabe zu begeben. Da waren alte Männer mit trüben Blicken und schwächer werdenden Sinnen – Großmütter, die alt geheißen hätten, wenn sie schon vor zehn Jahren gestorben wären – der Taube, Blinde, Lahme, der Zitternde, der Lebendigtodte in jeder Gestalt und Form, um das Zuwerfen dieses frühen Grabes mit anzusehen. Was war der Tod, den es einschließen sollte, gegen den, welcher noch immer darüber hinkriechen und hinschleichen konnte?

Man trug sie jetzt über die gedrängt volle Straße, so rein, wie der neu gefallene Schnee, der sie bedeckte, und dessen Erdendasein eben so flüchtig gewesen. Sie ging noch einmal durch die Pforte, wo sie gesessen hatte, als des Himmels Gnade sie zu diesem friedlichen Ort geführt, und die alte Kirche nahm sie in ihren ruhigen Schatten auf.

Man brachte sie nach einer alten Nische, wo sie oft und vielmals sinnend gesessen, und legte die Bürde sanft auf das Steinpflaster nieder. Das Licht strömte durch die farbigen Fenstergläser, – ein Fenster, wo Sommers stets die Zweige der Bäume rasselten und Vögel den ganzen Tag süße Lieder sangen. Mit jedem Lufthauch, der die von der Sonne beschienenen Aeste bewegte, mußte ein zitterndes, wechselndes Licht auf ihr Grab fallen, Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub. Manche jugendliche Hand ließ einen kleinen Kranz in das Grab fallen, und manches erstickte Schluchzen wurde gehört. Einige – und ihrer waren nicht wenige – knieten nieder. Alle waren aufrichtig und wahr in ihrem Schmerz.

Als dieser letzte Dienst vollbracht war, traten die Leidtragenden bei Seite und die Dorfbewohner drängten sich um das Grab, um noch einmal herunterzusehen, ehe der Stein darüber gelegt wurde. Der eine erinnerte sich, wie oft er sie an derselben Stelle hatte sitzen sehen, wie das Buch ihrem Schooß entfallen war, und wie sie mit gedankenvoller Miene gen Himmel blickte. Ein anderer erzählte, wie sehr er sich immer habe wundern müssen, daß ein so zartes Wesen so kühn sein könnte: sie habe sich nie gefürchtet, Nachts allein in die Kirche zu gehen, sondern sei sogar gerne dort geblieben, wenn alles ruhig gewesen; ja selbst den Thurm habe sie erklommen, ohne ein anderes Licht, als die Strahlen des Mondes, welche sich durch die Luftöffnungen der dicken alten Mauer stahlen. Unter den Aeltesten verbreitete sich ein Geflüster, sie habe Engel gesehen und mit ihnen verkehrt; und manche mochten wohl diesem Gerücht glauben beimessen, wenn sie sich erinnerten, wie sie ausgesehen und gesprochen hatte, und wie sie sobald heimgegangen war. Sie traten in kleineren Gruppen an das Grab, schauten hinunter, machten wieder andern Platz, und entfernten sich flüsternd zu Dreien oder Vieren, bis endlich nur noch der Todtengräber und die trauernden Freunde in der Kirche waren.

Sie sahen das Gewölbe schließen und den Stein darüber legen. Dann, als das Düster des Abends herannahte und kein Ton die heilige Stille des Ortes störte – als der silberne Mond sein Licht auf Gräber, Monumente, Pfeiler, Mauern und Bogen, vor allem aber (wie es ihnen vorkam) auf ihr ruhiges Grab warf – in jener ruhigen Stunde, wo die ganze Natur und das innere Gefühl ein ergreifendes Zeugniß von der Unsterblichkeit ablegt, wo irdische Hoffnungen und Sorgen in den Staub niedersinken – gingen sie mit ruhigen Schritten und ergebungsvollem Herren von hinnen und ließen das Kind allein mit Gott.

O! es ist schwer, die Lehre zu Gemüth zu ziehen, welche solche Todesfälle geben. Aber möge niemand sie zurückweisen, denn es ist eine Lehre, die wir alle lernen müssen – eine gewaltige, allgemeine Wahrheit. Wenn der Tod die Unschuld und Tugend niederstreckt, so erblühen aus jeder gebrechlichen Gestalt, aus der er den sehnenden Geist befreit, hundert Tugenden im Gewande der Barmherzigkeit, der Mildthätigkeit und der Liebe, die durch die Welt wandeln und sie segnen. Aus jeder Thräne, die der bekümmerte Sterbliche auf solchen grünen Gräbern vergießt, wird etwas Gutes geboren, ein edleres Wesen erzeugt. Unter dem Fußtritte des Todesengels sprossen neue Schöpfungen, die seiner Gewalt Hohn sprechen, und sein dunkler Pfad wird ein Weg voll himmlischen Lichtes.

Es war spät, als der alte Mann nach Hause kam. Der Knabe hatte ihn, unter irgend einem Vorwand, auf dem Rückwege nach seiner eigenen Wohnung geführt, und von dem langen Spaziergange wie auch von dem unausgesetzten Mangel an Ruhe erschöpft, war der Greis neben dem Herde in einen tiefen Schlaf versunken. Da er so gar ermattet war, hütete man sich wohl, ihn zu wecken. Der Schlummer hielt ihn geraume Zeit gefesselt, und als er endlich erwachte, sandte der Mond seine Strahlen durch das Fenster.

Der jüngere Bruder, den seine lange Abwesenheit beunruhigte, stand wartend an der Thüre, als der alte Mann mit seinem kleinen Führer des Weges daher kam. Er ging ihm entgegen, nöthigte den Greis mit sanfter Gewalt, sich auf seinen Arm zu stützen, und führte ihn mit langsamen bebenden Schritten nach Hause. Er begab sich sogleich nach ihrer Kammer. Als er nicht fand, was er dort gelassen hatte, kehrte er mit bestürzten Blicken nach dem Zimmer zurück, wo sich die übrigen Freunde befanden. Von hier aus eilte er in die Wohnung des Schulmeisters und rief ihren Namen. Sie folgten ihm auf der Ferse, und nachdem er lange vergeblich gesucht hatte, brachten sie ihn wieder zurück.

Mit allen Ueberredungsworten, welche Mitleid und Liebe eingeben konnten, bewogen sie ihn, sich zu ihnen zu setzen und zu hören, was sie ihm mitzutheilen hätten. Sie gaben sich alle Mühe, durch kleine Kunstgriffe auf das, was kommen mußte, vorzubereiten, weilten mit manchen glühenden Worten bei dem glücklichen Loose, das ihr zugefallen war, und sagten ihm endlich die Wahrheit. In demselben Augenblicke, als sie über ihre Lippen glitt, stürzte er wie ein Erschlagener in ihrer Mitte zu Boden.

Viele Stunden lang harrten sie vergeblich seines Wiederauflebens; doch der Gram ist stark, und er kam endlich zu sich.

Wenn es Jemand giebt, der nie die Lehre erfuhr, welche dem Tode folgt – die traurige Verödung – das Gefühl der Verlassenheit, welche sich auch des kräftigsten Gemüthes bewältigt, wenn aller Enden und Orten ein theures Familienglied vermißt wird – die Verbindung zwischen unbelebten und seelenlosen Dingen mit dem Gegenstand der Erinnerung, wo jeder Hausgott ein Monument wird und jedes Zimmer ein Grab – wenn es Jemand gibt, der dich nicht kennt und an sich selbst erfahren hat, so wird er sich kaum einen Begriff machen können, wie viele Tage der alte Mann unter dumpfen Träumereien sich abzehrte, überall umherwanderte, als suche er etwas, und keine Ruhe finden konnte.

Die Reste von Denkkraft und Gedächtniß, die ihm übrig geblieben, waren ausschließlich ihr geweiht. Er wußte nichts, oder schien sich nicht darum zu kümmern, etwas von seinem Bruder zu wissen. Gegen jeden Liebesbeweis, gegen jede Aufmerksamkeit blieb er theilnahmlos. Wenn man mit ihm über diesen oder jenen Gegenstand sprach – den einen ausgenommen – so konnte er wohl eine Weile geduldig zuhören, dann entfernte er sich, und fing wieder an zu suchen.

Aber es war unmöglich, diesen einen Gegenstand, der seine und die Seelen Aller beschäftigte, zu berühren. Todt! Er konnte das Wort nicht hören oder ertragen. Die leichteste Hindeutung darauf bewirkte bei ihm einen Anfall, wie der war, von dem wir gesprochen haben. Niemand wußte, mit welcher Hoffnung er sich trug; aber daß er irgend eine Hoffnung unterhielt, sie wieder zu finden – eine schwache schattenhafte Hoffnung, von Tag zu Tag sich weiter hinausschiebend und von Tag zu Tag mehr an seinem Herzen zehrend – das war Allen deutlich.

Sie gedachten, ihn von dem Schauplatz seines Kummers zu entfernen und den Versuch zu machen, ob ein Ortswechsel ihn nicht zu heben oder aufzuheitern im Stande wäre. Sein Bruder erholte sich bei geschickten Aerzten Raths, welche kamen und ihn sahen. Einige davon blieben, sprachen mit ihm, wenn er sprechen wollte, und beobachteten ihn, wenn er einsam und schweigend auf und ab ging. Brächte man ihn wohin man wollte, meinten sie, er würde immer hierher zurückzukehren versuchen. Sein Geist könnte sich nicht von diesem Orte trennen. Wenn man ihn in strengen Gewahrsam nähme und ihn auf's Sorgfältigste bewachte, so würde man ihn zwar als einen Gefangenen festhalten können, aber es stünde zu erwarten, daß er alles versuche, um zu entkommen, und dann würde er sicherlich nach diesem Orte zurückkehren oder auf der Straße sterben.

Der Knabe, dem er Anfangs Folge geleistet, hatte jetzt keinen Einfluß mehr auf ihn. Bisweilen ließ er allerdings das Kind an seiner Seite gehen, oder er nahm wohl auch so viel Notiz von seiner Anwesenheit, daß er ihm die Hand reichte, sich niederbeugte, um seine Wangen zu küssen, oder es auf den Kopf pätschelte. Ein andermal aber konnte er es bitten – allerdings nicht unfreundlich – fortzugehen, und war nicht zu bewegen, es in seiner Nähe zu dulden. Doch, ob er allein war, ob er feinen kleinen Freund zur Seite hatte, oder ob er sich in Gesellschaft derjenigen befand, die keine Kosten, keine Opfer gescheut hätten, um ihm Trost und Seelenruhe zu erkaufen, wenn es möglich gewesen wäre – er blieb stets derselbe – ohne Sorge, ohne Liebe für etwas im Leben – ein Mann mit gebrochenem Herzen.

Endlich fanden sie eines Tages, daß er frühe aufgestanden war, und, mit dem Reisesack auf dem Rücken, den Stab in seiner Hand und ihren Strohhut nebst einem kleinen Körbchen, mit Dingen angefüllt, die sie bei sich zu führen pflegte, am Arme, sich entfernt hatte. Sie schickten sich bereits an, weit und breit Nachforschungen anzustellen, als ein erschreckter Schulknabe hereinkam, der ihn einen Augenblick zuvor in der Kirche hatte sitzen sehen – auf ihrem Grabe, sagte er.

Sie eilten dahin, traten leise durch die Thüre ein und erblickten ihn dort in der Haltung eines geduldig Wartenden. Ohne ihn vor der Hand stören zu wollen, begnügten sie sich damit, ihn den ganzen Tag über zu bewachen. Als es dunkel geworden war, stand er auf, begab sich nach Haus und ging zu Bette, wobei er vor sich hin murmelte: »sie wird morgen kommen!«

Des andern Tages war er wieder dort, von Sonnenaufgang bis Nachts; und dann legte er sich wieder zu Bette und sagte: »sie wird morgen kommen!«

Und von nun an wartete er jeden Tag und den ganzen Tag, neben ihrem Grabe sitzend, auf sie. Wie viele Bilder von neuen Reisen über liebliche Gründe, von Ruheplätzen unter dem freien, weiten Himmelszelte, von Streifzügen durch Felder und Wälder auf selten betretenen Pfaden – wie viele Töne dieser einen, wohl bekannten Stimme – wie viele Erscheinungen der Gestalt, des flackernden Kleides, der Locken, die so fröhlich in dem Winde wallten – wie viele Gesichte von dem, was gewesen war und was, wie er hoffte, wieder kommen sollte – kreuzten hier, in der alten düstern, schweigenden Kirche durch seine Seele! Er sagte ihnen nie etwas von seinen Träumereien, oder wohin er ging. Er saß Nachts neben ihnen, und sie konnten sehen, mit welcher geheimen Lust er über die Flucht nachdachte, die er und sie ergreifen würden, ehe die Nacht wieder käme; und noch immer konnten sie ihn betend flüstern hören: »o! laß sie doch morgen kommen!«

Das letztemal war es an einem schönen Frühlingstage. Er blieb über seine gewohnte Stunde aus und als sie hingingen, um ihn zu suchen, fanden sie ihn todt auf dem Steine liegen.

Man begrub ihn an der Seite derjenigen, welche er so innig geliebt – in derselben Kirche, wo sie so oft Hand in Hand geweilt, mit einander gebetet und geträumt hatten. Das Kind und der Greis schlafen Seite an Seite.

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