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Master Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band

Charles Dickens: Master Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMaster Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band
publisherVerlag von Carl Zieger
printrunDritte Auflage
yearo.J.
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150121
modified20180917
projectide099f732
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Der Raritätenladen.

Einundsiebenzigstes Kapitel

Die düstere rothe Glut eines Holzfeuers – denn es brannte weder Kerze noch Lampe in dem Gange – zeigte ihm eine Gestalt, welche ihm den Rücken zuwandte und neben der flackernden Flamme am Herde saß. Die Stellung war die eines Menschen, die Wärme sucht. Sie war es, und war es doch nicht. Die gebeugte Haltung und die zusammengekauerte Gestalt war da, aber keine Hände streckten sich der behaglichen Glut entgegen, kein Zucken oder Schaudern verrieth den Hochgenuß in Vergleichung mit der durchbohrenden Kälte außen. Mit zusammengekrümmten Gliedern, gebeugtem Haupte, auf der Brust gekreuzten Armen und dicht verschlungenen Fingern rückte sie unablässig auf ihrem Sitze hin und her und begleitete ihre Bewegung mit dem kläglichen Tone, den Kit außen gehört hatte.

Nachdem er eingetreten war, schlug die Thüre so laut zu, daß er zusammenfuhr. Die Gestalt gab übrigens weder durch eine Bewegung, noch durch einen Blick oder ein sonstiges Zeichen im Geringsten zu erkennen, daß sie das Geräusch wahrgenommen hatte. Sie war die eines alten Mannes mit einem Haupte so weiß, als die verfallende Asche, auf die er schaute. Er, das ersterbende Licht, das verglimmende Feuer, das altersgraue Gemach, die Einsamkeit, das hingewelkte Leben und das Düstere über der ganzen Scene – alles stand im Einklange. – Asche, Staub und Trümmer!

Kit versuchte zu reden und sprach einige Worte, obgleich er kaum wußte, was. Aber immer noch währten dieselben dumpfen, schrecklichen Töne fort – immer noch dasselbe Rücken auf dem Stuhle – dieselbe unheimliche Gestalt unverändert und ohne auf seine Anwesenheit zu achten.

Er hatte bereits seine Hand wieder auf der Klinke, als ihm bei Gelegenheit eines zerbrechenden und fallenden Holzes, in Folge dessen die Flamme hoch aufloderte, etwas in der Gestalt auffiel, was ihm Halt gebot. Er kehrte nach der Stelle um, wo er zuvor gestanden – trat einen Schritt näher – wieder einen – und noch einen. – Jetzt nur noch einen, und er sah das Gesicht. Ja! so verändert es war, so erkannte er es doch.

»Herr!« rief er, sich auf ein Kniee niederlassend. »Lieber Herr, sprechen Sie zu mir.«

Der alte Mann wandte sich langsam zu ihm und murmelte mit hohler Stimme:

»Da ist wieder ein neuer – wie viele von diesen Geistern sind nicht heute schon hier gewesen?«

»Kein Geist, Herr. Nur ihr alter Diener. O gewiß, Sie müssen mich noch kennen. Miß Nell – wo ist sie – wo ist sie?«

»Alle sagen so!« rief der alte Mann. »Sie stellen Alle die gleiche Frage an mich. Ein Geist!«

»Wo ist sie?« fragte Kit. »O sagen Sie mir nur dieß, mein lieber Herr.«

»Sie schläft – dort – drinnen.«

»Gott sei Dank!«

»Ja! Gott sei Dank!« entgegnete der alte Mann. »Ich habe zu ihm gebetet – manche, manche und manche ewiglange Nacht, als sie schlief. Er weiß es. Horch! hat sie nicht gerufen?«

»Ich habe keine Stimme gehört.«

»O freilich. Du hörst sie jetzt. Willst du mir weiß machen, daß du dieß nicht hörest?«

Er fuhr auf und horchte abermals.

»Auch das nicht?« rief er mit einem triumphirenden Lächeln. »Kann Jemand diese Stimme so kennen, als ich! Bst! Bst!«

Er winkte ihm, zu schweigen, und schlich in eine andere Kammer. Nach einer kurzen Abwesenheit, während welcher man ihn in leisen Tönen sprechen hörte, kam er mit einer Lampe in der Hand zurück.

»Sie schläft noch,« flüsterte er. »Du hast Recht. Sie hat nicht gerufen. Sie müßte es denn in ihrem Schlummer gethan haben. Sie hat mir auch sonst schon im Schlafe gerufen; während ich wachend bei ihr saß, sah ich ihre Lippen sich bewegen und bemerkte, obgleich kein Ton hervorkam, daß sie von mir sprach. Ich fürchtete, das Licht möchte ihre Augen blenden und sie wecken, ich habe es deshalb mit herausgenommen.«

Er sprach eher mit sich, als mit seinem Besuche. Als er jedoch die Lampe auf den Tisch gestellt hatte, nahm er sie wieder auf, wie wenn ihn irgend eine augenblickliche Erinnerung dazu triebe, und hielt sie gegen Kit's Gesicht. Dann wandte er sich, als vergäße er während dieser Bewegung seine Absicht, zur Seite, und stellte sie wieder nieder.

»Sie schläft fest,« sagte er; »aber es ist kein Wunder. Engelhände haben den Boden tief mit Schnee bestreut, damit auch der leichteste Fußtritt noch leichter auftreten möge; und auch die Vögel sind todt, damit sie meine Kleine nicht wecken. Sie war sonst gewohnt, sie zu füttern. Mögen sie auch noch so sehr frieren und hungern, die scheuen Dinger fliegen vor uns fort; vor ihr flohen sie nie!«

Er hielt wieder inne, um zu horchen, und that dieß, kaum zu athmen wagend, eine lange, lange Zeit. Dann öffnete er eine alte Truhe, nahm einige Kleider so zärtlich heraus, als ob sie lebende Wesen wären, und begann sie mit der Hand zu glätten und zu streichen.

»Warum liegst du so unthätig da, liebe Nell?« murmelte er, »da es doch draußen schöne rothe Beeren giebt, die nur auf deine pflückende Hand warten? Und warum liegst du so unthätig da, wenn deine kleinen Freunde zu der Thür gekrochen kommen und rufen: ›wo ist Nell – die süße Nell‹ – und schluchzen und weinen, weil sie dich nicht sehen? Sie war immer so sanft gegen die Kinder. Die Wildeste von ihnen würde ihr Geheiß erfüllt haben – sie wußte so gar zart mit den Kindern umzugehen – ja gewiß!«

Kit war außer Stande, zu sprechen. Seine Augen füllten sich mit Thränen.

»Ihr kleiner Hausanzug – ihr Lieblingskleidchen,« rief der alte Mann, drückte es an seine Brust und hätschelte es mit seinen welken Händen. »Sie wird es vermissen wenn sie erwacht. Man hat sich den Spaß gemacht, es hier zu verstecken. Aber sie soll es haben – sie soll es haben. Ich möchte meinen Liebling nicht necken, – nicht um alle Reichthümer der Welt. Sieh' nur – diese Schuhe – wie zerrissen sie sind – sie hat sie aufgehoben zur Erinnerung an unsere letzte lange Reise. Du siehst, wo die kleinen Füßchen auf den bloßen Grund traten. Man sagte mir, die Steine hätten ihr in's Fleisch geschnitten und sie gequetscht. Sie sagte mir nie etwas davon. Nein, nein. Gott segne sie. Und wohl erinnere ich mich seitdem daran; sie ging hinter mir her, damit ich nicht sehen möchte, wie sie hinkte – aber doch lag ihre Hand in der meinigen, und sie schien mich noch immer zu führen.«

Er preßte die Schuhe an seine Lippen, und nachdem er sie sorgfältig zurückgelegt hatte, sprach er wieder mit sich selbst, wobei er von Zeit zu Zeit ängstliche Blicke nach der Kammer warf, woraus er gekommen.

»Sie war nicht gewohnt, lange in dem Bette liegen zu bleiben. Wir müssen Geduld haben. Wenn sie wieder wohl ist, wird sie so früh aufstehen, als sie sonst zu thun pflegte, und draußen in der Morgenluft herumschweifen. Ich habe es oft versucht, ihren Fußstapfen zu folgen, aber ihr kleiner Elfentritt ließ keine Spur auf dem bethauten Grunde zurück, um mich zu leiten. Wer ist das? Schließe die Thüre! Geschwinde! – Haben wir nicht genug zu thun, diese strenge Kälte auszusperren und sie warm zu erhalten?«

Die Thüre wurde geöffnet und Herr Garland und sein Freund nebst zwei andern Personen traten ein. Diese waren der Schulmeister und der Bachelor. Der Erstere hielt ein Licht in seiner Hand. Er war, wie es schien, in dem Augenblicke, als Kit kam und den alten Mann allein fand, nur nach seiner eigenen Wohnung gegangen, um der erlöschenden Lampe Oel nachzugießen.

Der alte Mann beschwichtigte sich bei dem Anblick dieser zwei Freunde und legte den gereizten Ton ab, in dem er eben erst gesprochen – wenn man anders diesen Ausdruck auf etwas so Mattes und Trauriges anwenden kann – worauf er seinen früheren Sitz wieder einnahm und allmählich in sein altes Hin- und Herrücken und in sein dumpfes, wirres Gestöhne verfiel.

Die Fremden beachtete er durchaus nicht. Er hatte sie zwar gesehen, schien aber weder eines Interesses noch der Neugierde fähig zu sein. Der Bachelor brachte einen Stuhl in die Nähe des alten Mannes und setzte sich an seiner Seite nieder. Nach einem langen Schweigen wagte er zu sprechen.

»Wieder eine Nacht und nicht im Bette?« sagte er leise. »Ich hoffte, Sie würden des Versprechens, das Sie mir gegeben, mehr eingedenk sein. Warum wollen Sie sich nicht einige Ruhe gönnen?«

»Der Schlaf hat mich verlassen,« versetzte der alte Mann. »Es ist Alles bei ihr!«

»Es würde ihr sehr leid thun, wenn sie wüßte, daß Sie in dieser Weise wachten,« sagte der Bachelor. »Sie möchten ihr doch nicht wehe thun?«

»Das weiß ich nicht gewiß. Wenn ich sie nur dadurch aufwecken könnte; sie hat so gar lang geschlafen. Und doch, ist es nicht Unrecht von mir, daß ich so rede? Es ist ein guter und glücklicher Schlaf – nicht wahr?«

»O gewiß,« entgegnete der Bachelor. »Gewiß, gewiß ist er es!«

»Nun, so ist's recht! – und das Erwachen« – stotterte der alte Mann.

»Auch glücklich, glücklicher als eine Zunge aussprechen, oder des Menschen Herz zu fassen vermag.«

Sie sahen ihm nach, wie er aufstand und auf den Zehen nach der andern Kammer schlich, wo die Lampe wieder aufgestellt worden war. Sie lauschten, während er innerhalb der stummen Wände wieder zu sprechen begann, sahen sich gegenseitig in's Gesicht, und keine Wange blieb von Thränen frei. Er kam geduckt und flüsterte, sie schliefe zwar noch, aber es käme ihm vor, als ob sie sich bewegt hätte. Es war ihre Hand, sagte er – eine kleine – so gar, gar kleine Hand – aber er war ziemlich sicher, daß sie sich bewegt hatte – vielleicht um die seinige zu suchen. Er erinnerte sich, daß sie es früher schon so gemacht hatte, obgleich sie im tiefsten Schlafe lag. Und als er dieß gesagt, ließ er sich nieder in seinen Stuhl, schlug die Hände über dem Haupte zusammen, und stieß einen Schrei aus, der nicht so leicht zu vergessen war.

Der arme Schulmeister winkte dem Bachelor, daß er mit ihm bei Seite treten möchte, weil er etwas mit ihm zu sprechen habe. Sie öffneten sanft die Finger des Greisen, die sich in sein graues Haar gedreht hatten, und drückten sie mit ihren Händen.

»Gewiß, er wird auf mich hören,« sagte der Schulmeister. »Wenn wir ihn darum bitten, so wird er entweder auf mich oder auf Sie hören. Er that es immer.«

»Ich will auf jede Stimme hören, welche sie gern hörte,« rief der alte Mann. »Ich liebe Alles, was sie liebte.«

»Ich weiß es ja,« entgegnete der Schulmeister, »ich bin davon überzeugt. Denken Sie an sie; denken Sie an alle die Sorgen und Bekümmernisse, die Ihr mit einander getheilt, und an alle die Prüfungen und die stillen Freuden, die Ihr gemeinschaftlich miteinander erlebt habt.«

»Freilich, freilich, ich denke nichts Anderes.«

»Ich wollte, Sie dächten heute an nichts Anderes, an nichts, als an solche Dinge, welche Ihr Herz weicher stimmen und dasselbe für alte Zuneigungen aus vergangenen Zeiten aufschließen, mein lieber Freund. So würde sie jetzt zu ihnen sprechen und in ihrem Namen rede ich zu Ihnen.«

»Sie werden gut thun, wenn Sie leise sprechen,« sagte der alte Mann. »Wir wollen sie nicht wecken, so sehr es mich auch freuen würde, wieder ihre Augen und ihr Lächeln zu sehen. Auch liegt jetzt ein Lächeln auf ihrem jugendlichen Gesichte, aber es ist immer dasselbe – unwandelbar. Ich wollte es käme und ginge. So Gott will, wird's aber auch wieder kommen. Wir wollen sie nicht aufwecken.«

»Wir wollen nicht von ihrem Schlaf reden, sondern wie sie war, als ihr miteinander eure weiten Wanderzüge machtet – wie sie war in der Heimath, in dem alten Hause, aus welchem ihr floht – wie sie war in der alten, frohen Zeit,« sagte der Schulmeister.

»Sie war immer froh – sogar heiter,« rief der alte Mann mit einem starren Blicke auf den Schulmeister. »Ich erinnere mich zwar, daß von frühester Jugend an immer etwas Mildes und Ruhiges in ihrem Wesen war, aber sie hatte doch ein glückliches Temperament.«

»Wir haben von Ihnen gehört,« fuhr der Schulmeister fort, »daß sie in diesen wie in allen guten Eigenschaften ein Abbild ihrer Mutter war. Sie erinnern sich doch derselben?«

Er behielt seinen stieren Blick bei, gab jedoch keine Antwort.

»Oder vielleicht einer, die vor ihr war,« versetzte der Bachelor. »Es ist seit vielen Jahren her, und Leiden verlängern die Zeit; aber Sie haben doch wohl derjenigen nicht vergessen, deren Tod dazu beitrug, Ihnen dieses Kind so theuer zu machen, noch ehe sie seinen Werth kannten oder in seinem Herzen lesen konnten? Sagen Sie, daß Sie Ihre Gedanken in sehr ferne Tage zurückzuführen vermöchten – zu einer frühen Zeit ihres Lebens – wo Sie nicht, wie diese schöne Blume, Ihre Stunden allein vollbrachten. Sagen Sie, daß Sie aus langer Zeit eines andern Kindes sich erinnern können, das sie zärtlich liebte, als Sie selbst noch ein Kind waren. Sagen Sie, daß Sie einen Bruder haben, lange vergessen, lange nicht gesehen, lange von Ihnen getrennt, der jetzt endlich zurückkömmt, um Sie in Ihrer höchsten Noth zu trösten und Ihnen Beistand zu leisten –«

»Dir zu sein, was du ihm ehemals warst,« rief der jüngere Bruder, indem er vor dem älteren auf die Kniee niederfiel; »dir deine alte Liebe zu vergelten, theurer Bruder, durch beharrliche Sorgfalt und liebevolle Pflege; an seiner Seite zu sein, was er nie zu sein aufhörte, als selbst Weltmeere zwischen uns rollten; ganze Jahre der Einsamkeit zu Zeugen aufzurufen seiner unveränderten Treue und seiner steten Rückerinnerungen entschwundener Tage. Laß mich nur ein einziges Wort des Wiedererkennens hören, Bruder – und nie – nein, nie, selbst in den glücklichsten Augenblicken unserer Jugendzeit, wo wir als arme, thörichte Knaben unser Leben gemeinsam zu verbringen gedachten – werden wir uns gegenseitig auch nur halb so lieb gehabt haben, oder uns nur halb so theuer gewesen sein, als es von nun an der Fall sein soll.«

Der alte Mann sah den Anwesenden der Reihe nach in's Gesicht, und seine Lippen bewegten sich; aber kein Laut der Erwiederung drang aus denselben hervor.

»Wenn wir schon damals so eng mit einander verbunden waren,« fuhr der jüngere Bruder fort, »wie innig wird nicht erst jetzt unsere Verbrüderung sein. Unsere Liebe und Freundschaft begann mit unserer Kindheit, als das ganze Leben noch vor uns lag, und wir nehmen sie wieder auf, nachdem wir die Prüfungen der Welt gekostet, um fortan Kinder bis an's Ende zu sein. Wie viele ruhelose Seelen, die dem Glück, dem Ruhm oder dem Vergnügen über die ganze Erde nachgejagt haben, ziehen sich in der Neige ihres Lebens dahin zurück, wo sie ihren ersten Athem begonnen, und suchen noch einmal Kinder zu werden, ehe sie sterben. Und so wollen auch wir, weniger glücklich als sie in jüngern Jahren, aber glücklicher in der Schlußscene ihres Lebens, ein Ruheplätzchen suchen an dem Orte, wo wir uns als Knaben umher trieben; wir wollen heimgehen, ohne eine Hoffnung verwirklicht zu haben, die in den Jahren der Mannheit aufsproßte, nichts zurückbringen, – was wir mitgenommen haben, als unser gegenseitiges Sehnen nach einander – nichts retten aus dem Schiffbruche des Lebens, als dasjenige, was uns dasselbe zuerst theuer gemacht hat – und so können wir in der That wieder Kinder werden, wie wir es früher waren. Und wenn,« fügte er mit veränderter Stimme bei, »wenn, was ich mich scheue, auszusprechen, eingetreten ist – selbst wenn es so ist, oder so kommen soll (wovor der Himmel uns bewahren wolle!) – auch dann, lieber Bruder, werden wir nicht getrennt sein und doch diesen Trost in unserm Kummer haben.«

Der alte Mann hatte sich während dieser Worte gegen die innere Kammer zurückgezogen. Er deutete nach derselben hin und versetzte mit bebenden Lippen:

»Es ist ein Komplott unter euch, mein Herz von ihr abzuziehen. Es soll euch aber nicht gelingen – nie, so lange ich noch ein Leben habe. Ich habe keinen Verwandten, keinen Freund, als sie – habe nie einen gehabt – will nie einen haben. Sie ist mein Alles in Allem. Es ist zu spät, uns jetzt zu trennen.«

Er winkte ihnen mit der Hand zurück, rief leise ihren Namen und schlich sich in die Kammer. Die Zurückbleibenden traten näher zusammen und folgten ihm nach einigen Flüsterworten, die oft durch die Gefühle ihres Innern unterbrochen wurden und ihnen kaum über die Lippen wollten. Sie bewegten sich so leise, daß ihre Tritte nicht zu hören waren, wohl aber ihr Schluchzen, die Laute des Schmerzes und der Trauer.

Denn sie war todt. Dort auf ihrem kleinen Bettchen schlief sie den ewigen Schlaf. Die feierliche Stille war kein Wunder mehr.

Sie war todt. Kein Schlaf, selbst der lieblichste und ruhigste war so frei von jeder Spur des Schmerzes, so schön anzusehen. Sie schien ein Gebild zu sein, frisch aus der Hand Gottes kommend, das nur auf den Athem des Lebens wartete – nicht eines, das gelebt hatte und unter der Sense des Todes dahin welkte.

Ihr Lager war da und dort mit Winterbeeren und grünen Blättern geschmückt, die man an einem Orte gesammelt hatte, wo sie gerne weilte. »Wenn ich sterbe, so legt etwas in meine Nähe, was das Licht liebte und den Himmel stets über sich hatte.« Dieß waren ihre Worte.

Sie war todt. Die theure, sanfte, geduldige, edle Nell war todt. Ihr Vögelchen – ein armes gebrechliches Geschöpf, das unter dem Drucke eines Fingers sein Leben ausgehaucht haben würde, bewegte sich rührig in seinem Käfig; und das kräftige Herz seiner künftigen Gebieterin war stumm und regungslos für immer.

Wo waren die Merkmale ihrer frühern Sorgen, ihrer Leiden und Mühen? Alle fort. Der Schmerz war in ihr erstorben, aber Friede und vollkommenes Glück neu ersproßt – man sah dieß in ihrer stillen Schönheit, in ihrer tiefen Ruhe.

Und immer noch lag ihr früheres Selbst da, nur verändert durch diesen Wechsel. Ja. Die alte Heimath hatte auf demselben süßen Gesichte gelächelt; sie hatte wie ein Traum die Scenen des Elends und der Sorge durchflogen. An der Thüre des armen Schulmeisters an jenem Sommerabende, vor dem Ofenfeuer während der kalten Regennacht, an dem stillen Bette des sterbenden Knaben war derselbe milde, liebliche Blick gewesen. So werden wir nach dem Tode die Engel in ihrer Majestät schauen.

Der alte Mann hielt einen der erschlafften Arme in dem seinigen und drückte die kleine Hand dicht umschlungen an seine Brust, um sie zu wärmen. Es war die Hand, die sie ihn mit ihrem letzten Lächeln entgegengestreckt – die Hand, die ihm auf allen seinen Wanderungen geleitet hatte. Wieder und wieder preßte er sie an seine Lippen; dann drückte er sie nochmal an seine Brust und murmelte, daß sie jetzt wärmer sei. Und mit diesen Worten sah er in einem Schmerzenskampfe zu den Umstehenden auf, als flehte er sie an, ihr zu helfen.

Sie war todt – keine Hülfe mehr möglich oder nöthig. Die alten Räume, die sie mit Leben zu erfüllen schien, selbst als ihr eigenes mit Riesenschritten dem Grabe zureifte – der Garten, den sie gepflegt – die Augen, welche sie erfreut – die geräuschlosen Schauplätze mancher gedankenvollen Stunde, die Pfade, die sie betreten, als wäre es erst gestern – sie sollten nichts mehr von ihr sehen.

»Nicht hienieden,« sagte der Schulmeister, indem er sich niederbeugte, um ihre Wangen zu küssen, und seine Thränen frei entströmen ließ, »nicht hienieden endet die Gerechtigkeit des Himmels. Was ist sie in Vergleichung mit der Welt, aus der dieser junge Geist so früh entwichen ist? Bedenkt dieß und sagt, ob einer von uns ihn zurückrufen würde, wenn er es durch einen einzigen, wohl überlegten Wunsch, in feierlichen Ausdrücken über diesem Todtenbette ausgesprochen, bewirken könnte.«


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