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Master Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band

Charles Dickens: Master Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMaster Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band
publisherVerlag von Carl Zieger
printrunDritte Auflage
yearo.J.
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150121
modified20180917
projectide099f732
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Der Raritätenladen.

Siebenzigstes Kapitel

Mit dem Anbruche des Morgens befanden sie sich noch auf dem Wege. Seit sie die Heimath verlassen, hatten sie da und dort der nöthigen Erfrischung wegen angehalten und namentlich in der Nacht, wenn man auf frische Pferde warten mußte, häufige Verzögerungen erlitten. Weitere Unterbrechungen waren nicht vorgekommen, aber das Wetter blieb fortwährend rauh, und die Wege waren oft steil und mühsam. Es mochte wohl wieder Nacht werden, ehe sie den Ort ihrer Bestimmung erreichten.

Kit, der gegen die Kälte ganz unempfindlich und hart geworden war, hielt mannhaft aus; und da er genug zu thun hatte, um sein Blut in gehöriger Cirkulation zu erhalten, sich das glückliche Ende dieser abenteuerlichen Reise auszumalen und mit Staunen die Umgebung zu betrachten, so blieb ihm wenig Zeit übrig, um an die Unbequemlichkeiten der Reise zu denken. Obgleich seine Ungeduld, wie auch die seiner Reisegefährten mit dem Hinschwinden des Tages immer mehr zunahm, so standen doch die Stunden nicht still. Das kurze Licht des winterlichen Tages neigte sich bald zur Dämmerung, und es war schon wieder dunkel, als sie noch manche Meile vor sich liegen hatten.

Mit dem Eintritte der Dämmerung legte sich der Wind. Sein fernes Stöhnen klang leiser und kläglicher; und als er über den Weg hinschlich, leise in dem trockenen Gestrüpp zur Seite der Straße raschelnd, da schien er irgend ein großes Gespenst zu sein, dessen Gewand rauscht, während es auf dem Wege, welcher zu eng für es ist, hinschreitet. Allmälig hörte es gänzlich zu wehen auf, und nun fing es an zu schneien.

Die Flocken fielen schnell und dicht, bedeckten den Boden mehrere Zoll hoch und verbreiteten allenthalben ein feierliches Schweigen. Die Räder rollten lautlos dahin, und der scharf dröhnende Hufschlag ermäßigte sich zu einem dumpfen Stampfen. Das Leben ihrer Reise schien langsam entschlummert zu sein und etwas Todtenartigem Raum gegeben zu haben.

Die Augen gegen den fallenden Schnee beschützend, der an den Wimpern anfror und das Sehen hinderte, machte Kit oftmalen den Versuch, ob er nicht zuerst blinkende Lichter entdecken könnte, welche die Nähe irgend einer Stadt bekundeten. Bei solchen Beobachtungen konnte er Gegenstände genug erkennen, aber nicht mit Sicherheit. Da war ein hoher Kirchthurm, der sich bald darauf in einen Baum umwandelte; eine Scheune; ein Schatten auf dem Boden, der von ihren eigenen hellen Laternen herrührte. Er sah Reiter, Fußgänger, Wagen, die vor ihnen hergingen oder ihnen in den Wägen begegneten, beim Näherkommen sich aber gleichfalls zu Schatten umwandelten. Eine Mauer, eine Ruine, ein breiter Dachgiebel konnte sich auf dem Wege erheben, und wenn sie darauf losfuhren, war es nichts anderes als die Straße selbst. Auch seltsame Wegwendungen, Brücken und Wasserflächen schienen da und dort emporzuschießen und den Weg unsicher zu machen; und doch befanden sie sich immer auf derselben kahlen Straße, und alle die Gegenstände erwiesen sich beim Näherkommen wie die übrigen als Nebelbilder.

Als sie an einem einsamen Posthause anlangten, stieg er langsam von seinem Sitz herunter – denn seine Glieder waren erstarrt – und fragte, wie weit sie noch bis zu dem Ziele ihrer Reise hätten. Es war schon spät für einen solchen Nebenort, und die Leute befanden sich bereits in ihren Betten; eine Stimme aus einem obern Fenster antwortete jedoch: »zehn Meilen.« Die nun folgenden zehn Minuten schienen eine Stunde zu sein. Nach Ablauf dieser Zeit führte eine schlendernde Gestalt die verlangten Pferde heraus und nach einer zweiten kurzen Zögerung waren sie abermals in Bewegung.

Es war ein Nebenweg, auf den ersten drei oder vier Meilen voll Löcher und tiefen Fahrgeleisen, welche, da sie von Schnee bedeckt waren, für die zitternden Pferde sich als eben so viele Fallgruben erwiesen und nur Schritt zu fahren gestatteten. Für so aufgeregte Personen war es fast eine Unmöglichkeit, bei solch einer langsamen Bewegung still zu sitzen, weßhalb alle drei ausstiegen und hinter dem Wagen hergingen. Der beschwerliche Weg schien kein Ende nehmen zu wollen. Jeder dachte schon in seinem Innern, der Kutscher müsse irre gefahren sein, als plötzlich eine Kirchthurmuhr ganz in der Nähe Mitternacht verkündigte und der Wagen Halt machte. Er hatte sich geräuschlos genug bewegt, aber als er aufhörte, den Schnee knarren zu machen, war das Schweigen so ausfallend, als wenn auf den größten Lärm plötzlich die tiefste Sille gefolgt wäre.

»Dieß ist der Ort, meine Herren,« sagte der Postillon, indem er von seinem Pferde stieg und an die Thüre eines kleinen Wirthshauses klopfte. »Holla! Wenn's hier zwölf Uhr vorbei ist, so trifft man keine Seele mehr aus den Federn.«

Er klopfte laut und lange, ohne jedoch die schlafenden Insassen wecken zu können. Alles blieb wie zuvor finster und stumm. Sie traten ein wenig zurück und sahen nach den Fenstern hinauf, die nur wie schwarze Flecken auf der getünchten Frontmauer aussahen. Kein Licht erschien. Um der Lebensspuren willen, welche das Haus zeigte, hätte es recht wohl verlassen oder seine schlafende Einwohnerschaft todt sein können.

Sie flüsterten mit einer unerklärlichen Befangenheit unter einander, als wollten sie nicht wieder den traurigen Wiederhall wecken, der eben erst verklungen war.

»Wir wollen ein wenig weiter gehen,« sagte der jüngere Bruder, »und es diesem guten Burschen überlassen, sie zu wecken, wenn er kann. Ich habe keine Leibesruhe, bis ich weiß, daß wir nicht zu spät kommen. Gehen wir in Gottes Namen weiter!«

Sie thaten dieß und überließen es dem Postillon, diejenigen Bequemlichkeiten, welche das Haus bieten konnte, zu bestellen und sein Pochen wieder aufzunehmen. Kit ging mit ihnen, ein kleines Bündel in der Hand, welches er, als sie von London abgefahren, in den Wagen gehängt und seitdem nicht vergessen hatte. – Es war der Vogel in seinem alten Käfig, gerade so, wie er zurückgeblieben war. Kit wußte, daß sie sich freuen würde, wenn sie den Vogel wieder sah.

Der Weg neigte sich sanft abwärts. Während sie weiter gingen, verloren sie die Kirche, deren Thurmuhr sie hatten schlagen hören, und die Häuser des kleinen Dorfes wieder aus dem Gesichte. Das erneuerte Klopfen, das sie in der stillen Nacht deutlich vernahmen, störte sie. Sie wünschten, der Mann unterließe es, und bedauerten, daß sie ihm nicht gesagt hatten, er solle das Schweigen nicht unterbrechen, bis sie wieder zurückkämen.

Der alte Kirchthurm, in ein gespenstiges Gewand von reinem kaltem Weiß gekleidet, stand jetzt wieder vor ihnen, und in wenigen Minuten befanden sie sich dicht an seiner Seite. Ein ehrwürdiges Gebäude – grau, sogar inmitten der beschneiten Landschaft. Eine alte Sonnenuhr an dem Glockenstuhle war beinahe unter dem Schnee verborgen und kaum für das zu erkennen, was sie war. Die Zeit selbst schien stumpf und alt geworden zu sein, als ob kein Tag dieser schwermüthigen Nacht folgen sollte.

Ein Pförtchen war ganz in der Nähe, aber es gab mehr als einen Pfad über den Kirchhof, zu welchem es führte, und da sie nicht wußten, welchen sie einschlagen sollten, blieben sie abermals stehen.

Die Straße des Dorfes – wenn man anders eine Straße nennen kann, was nichts weiter war, als eine unregelmäßige Gruppe armseliger Hütten von verschiedenen Höhen und Altern, einige mit der Vorderseite, andere mit der Hinterwand, wieder andere mit dem Giebel dem Wege zugekehrt, hie und da sogar ein Wegweiser oder ein Schuppen mitten auf der Fahrpassage – lag hart daneben. Unfern befand sich ein mattes Licht hinter einem Kammerfenster und Kit eilte auf das Haus zu, um nach dem Wege zu fragen.

Sein erster Anruf wurde von innen durch einen alten Mann beantwortet, der, nachdem er zuvor seinen Hals durch irgend ein Kleidungsstück gegen die Kälte verwahrt hatte, alsbald an dem Fenster erschien und fragte, wer zu so später Stunde noch etwas von ihm wolle.

»Es ist grimmig Wetter,« murmelte er, »und keine Nacht, in der man mich zu rufen braucht. Mein Gewerbe ist nicht von der Art, daß man mich aus dem Bette wecken dürfte. Das Geschäft, wozu die Leute meiner begehren, hält kühl, besonders zu dieser Jahreszeit. Was wollt Ihr?«

»Ich würde Euch nicht geweckt haben, wenn ich gewußt hätte, daß Ihr alt und krank seid,« sagte Kit.

»Alt?« versetzte der Andere verdrießlich. »Wie könnt Ihr wissen, wie alt ich bin? Vielleicht nicht so alt, als Ihr denkt, mein guter Freund. Was meine Krankheit anbelangt, so werdet Ihr viele junge Leute finden, die weit übler daran sind, als ich. Freilich schade darum – nicht, daß ich für meine Jahre noch kräftig und munter wäre, meine ich, sondern daß sie zart und gebrechlich sind. Doch ich bitte um Verzeihung,« fügte der alte Mann bei, »wenn ich anfangs etwas barsch war. Meine Augen sind des Nachts nicht gut – das rührt aber weder vom Alter, noch von Krankheit her; sie waren es nie – und ich sah nicht, daß Ihr ein Fremder seid.«

»Es thut mir leid, daß ich Euch aus Eurem Bette rief,« entgegnete Kit; »aber die Herren dort am Kirchhofpförtchen sind auch Fremde und kommen eben von einer langen Reise an, um in dem Pfarrhause einzusprechen. Ihr könnt uns wohl hinweisen?«

»Ob ich es kann?« antwortete der alte Mann mit zitternder Stimme. »Nächsten Sommer bin ich gute fünfzig Jahre hier Todtengräber. Der Pfad rechts führt hin, Freund. – Es gibt doch hoffentlich keine schlimmen Nachrichten für unsern guten Herrn?«

Kit dankte ihm und gab ihm hastig eine verneinende Antwort. Er wollte eben zurückkehren, als seine Aufmerksamkeit durch die Stimme eines Kindes gefesselt wurde. Beim Aufblicke gewahrte er ein sehr kleines Geschöpf an einem benachbarten Fenster.

»Was ist das?« rief das Kind angelegen. »Ist mein Traum wahr geworden? Ich bitte, sage mir's, wer du auch sein magst, der du noch wach und auf bist.«

»Armer Knabe!« sagte der Todtengräber, ehe Kit antworten konnte. »Wie geht es dir, Lieber?«

»Ist mein Traum wahr geworden?« rief das Kind wieder in einem so flehendlichen Tone, daß er jedem Zuhörer bis in's Herz dringen mußte. »Aber nein, es kann nicht sein. Wie wäre es möglich – o! wie wäre es möglich!«

»Ich errathe, was er meint,« sagte der Todtengräber. »Geh wieder zu Bette, lieber Knabe.«

»Ja!« rief das Kind in einem Ausbruche von Verzweiflung; »ich wußte, daß es nicht sein kann; ich fühlte es zu gewiß, noch ehe ich fragte. Aber die ganze Nacht und auch gestern Nacht war es das Gleiche. Ich schlafe nie ein, ohne daß jener grausame Traum zurückkehrt.«

»Versuche wieder einzuschlafen,« entgegnete der alte Mann beschwichtigend. »Er wird seiner Zeit schon wieder gehen.«

»Nein, nein, ich wollte lieber, daß er bliebe, – so grausam er ist, so wollte ich doch lieber, daß er blieb,« versetzte das Kind. »Ich fürchte mich nicht, wenn er mich im Schlafe besucht; aber ich bin so traurig – so gar, gar traurig.«

»Gott behüte dich, armes Kind,« sagte der alte Mann; worauf das Kind unter Thränen gute Nacht bot und Kit wieder allein war.

Tief ergriffen von dem, was er gehört, obgleich das Benehmen des Kindes einen weit lebhafteren Eindruck auf ihn gemacht hatte, als seine Worte, die er nicht verstand, eilte Kit wieder zurück. Sie schlugen den von dem Todtengräber angedeuteten Pfad ein und langten bald vor dem Pfarrhause an. Hier sahen sie sich um und entdeckten in den ferne stehenden, halb verfallenen Gebäuden ein einziges, einsames Licht. Dem Anscheine nach kam es aus einem alten gothischen Fenster und funkelte aus den tiefen Schatten der überhängenden Mauern wie ein Stern. Hell und schimmernd, wie die Sterne zu ihren Häuptern, einsam und bewegungslos wie sie, schien es Ansprüche an die Verwandtschaft mit den ewigen Lichtern des Himmels zu erheben und gesellig mit ihnen zu brennen.

»Was ist dort für ein Licht?« rief der jüngere Bruder.

»Zuverlässig kömmt es aus der Ruine, wo sie wohnen,« sagte Herr Garland. »Ich sehe sonst keine andern Gebäude hier herum.«

»Sie können doch nicht in so später Stunde noch wach sein!« entgegnete der Bruder hastig.

Kit legte sich alsbald in's Mittel und bat, sie möchten ihn, während sie hier klingelten und an der Thüre warteten, nach dem Lichte hingehen lassen, damit er sich überzeugen könne, ob Leute um den Weg wären. Nachdem er die nachgesuchte Erlaubniß erhalten, eilte er in athemloser Hast, noch immer den Vogelkäfig in der Hand tragend, der Stelle zu.

Es war nicht leicht, denselben Schritt unter den Gräbern einzuhalten, und zu jeder andern Zeit würde er wohl langsamer oder auf den Wendungen des Pfades gegangen sein. Ohne jedoch der Hindernisse zu achten, drang er mit nicht erschlaffender Eile vorwärts und befand sich bald im Bereiche von einigen Ellen vor dem Fenster.

Er trat so leise als möglich näher, drängte sich so hart an die Mauer, daß er mit seinen Kleidern den Schnee von dem Epheu fegte, und horchte. Kein Laut von innen. Die Kirche selbst hätte nicht ruhiger sein können. Er berührte das Glas mit seiner Wange und horchte wieder. Nichts. Und doch war es ringsumher so stille, daß er meinte, er hätte sogar das Athmen eines Schlafenden hören müssen, wenn ein lebendes Wesen innen gewesen wäre.

Ein seltsamer Umstand – ein Licht zu solcher Stunde, und an einem solchen Ort, ohne daß Jemand in der Nähe war.

Da ein Vorhang den untern Theil des Fensters verhüllte, so konnte er nicht in das Gemach sehen. Aber es lag kein Schatten von innen darauf. An der Mauer hinanzuklettern und den Versuch zu machen, von oben hineinzusehen, wäre mit etwas Gefahr verbunden gewesen – jedenfalls mit einigem Geräusch, von welchem zu besorgen stand, daß es das Kind erschrecke, wenn es wirklich seine Wohnung war. Er horchte und horchte – aber stets dieselbe ermüdende Oede.

Mit langsamen und vorsichtigen Tritten zog er sich von der Stelle zurück, ging einige Schritte an dem Gebäude weiter und kam endlich zu einer Thüre. Er klopfte. Keine Antwort. Aber von innen vernahm er ein wunderliches Geräusch. Es war schwer, über die Beschaffenheit desselben sich Gewißheit zu verschaffen; es hatte Ähnlichkeit mit dem leisen Stöhnen eines Leidenden, konnte aber doch nicht dieses sein, da es viel zu regelmäßig und anhaltend war. Jetzt schien es eine Art von Gesang zu sein, jetzt eine Wehklage – so kam es nämlich seiner wechselnden Einbildungskraft vor, denn der Ton blieb ohne Unterbrechung stets derselbe. Er hatte nie etwas Aehnliches gehört, und in dem Klange lag etwas Schreckliches und Ergreifendes, das nicht von der Erde zu stammen schien.

Dem Zuhörer rann das Blut jetzt kälter durch die Adern, als es in Frost und Kälte der Fall gewesen; aber er klopfte wieder. Gleichfalls keine Antwort – und der Ton währte ohne Unterbrechung fort. Er drückte sanft die Klinke und stemmte seine Kniee an die Thüre. Sie war von innen nicht verschlossen, sondern gab dem Drucke nach und drehte sich in ihren Angeln. Er sah den Wiederschein eines Feuers auf den Wänden und trat ein.


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