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Master Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band

Charles Dickens: Master Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMaster Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band
publisherVerlag von Carl Zieger
printrunDritte Auflage
yearo.J.
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderbruce.welch@gmx.net
created20150221
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Der Raritätenladen. Vierunddreißigstes Kapitel

Im Laufe der Zeit, d. h. nach einigen Stunden fleißiger Arbeit, kam Miß Braß mit ihrer Aufgabe zu Ende und verkündigte diese Thatsache durch das Abwischen ihrer Feder an dem grünen Kleide, worauf sie aus einer kleinen, runden, zinnernen Büchse, die sie in ihrer Tasche führte, eine Prise nahm. Sobald sie diese bescheidene Erfrischung eingenommen hatte, stand sie von ihrem Bocke auf, knüpfte ihre Papiere mit rothem Zwirn zu einem förmlichen Packet zusammen, nahm es unter den Arm und verließ das Bureau.

Herr Swiveller war kaum aufgesprungen, um die Ausführung eines wilden Tanzes zu unternehmen, als er in der Fülle seiner Freude über das nunmehrige Alleinsein durch das Aufgehen der Thüre und das Wiedererscheinen von Miß Sally's Kopf unterbrochen wurde.

»Ich gehe aus,« sagte Miß Braß.

»Sehr gut, Ma'am,« versetzte Dick. »Und beeilen Sie sich um meinetwillen ja nicht, wieder zurückzukommen,« fügte er innerlich bei.

»Wenn Jemand in Geschäftssachen kommt, so übernehmen Sie die Aufträge und sagen Sie, daß der Herr, welcher die Sache besorge, nicht zu Hause sei – wollen Sie?« sprach Miß Braß.

»Ja, Ma'am,« entgegnet Dick.

»Ich werde nicht sehr lange aus sein,« sagte Miß Braß im Abgehen.

»Thut mir leid, dies zu vernehmen,« erwiderte Dick, als sie die Thüre geschlossen hatte. »Ich hoffe, Sie finden eine unerwartete Abhaltung, Ma'am. Wenn Sie's machen können, daß Sie überfahren werden, Ma'am – natürlich ohne ernsthafte Folgen – so ist's um so besser.«

Nachdem sich Herr Swiveller dieser Ergüsse seiner wohlwollenden Meinung mit ungemeiner Gravität entledigt hatte, setzte er sich in den Klientenstuhl, um Betrachtungen anzustellen; dann ging er etliche Mal in dem Zimmer auf und ab und ließ sich wieder in dem Armstuhl nieder.

»So bin ich also Braßens Schreiber, wie?« sagte Dick. »Braßens Schreiber und der Schreiber von Braßens Schwester, der Schreiber eines weiblichen Drachen? Sehr gut, sehr gut! Was kömmt wohl zunächst? Werde ich wohl bald ein Verurtheilter in einem Filzhute und in einem grauen Anzuge sein, wie ich mit meiner Nummer, sauber auf meine Uniform gestickt, auf einem Werftenhof umhertrotte und den Hosenbandorden an meinen Beinen trage, ein gedrehtes Schnupftuch darunter, daß es mir die Knöchel nicht wund reibe? Wird's zu diesem kommen? Wird es angehen, oder ist es vielleicht zu gentil? Ganz nach Belieben, du hast natürlich die Wahl.«

Da Herr Swiveller so ganz allein war, so darf man wohl annehmen, daß er mit solchen Bemerkungen sein Schicksal oder seine Bestimmung anredete, denn es ist, wie wir aus Vorgängen wissen, eine Gewohnheit der Helden, ihr Loos sehr bitter und ironisch zu verhöhnen, sobald sie sich in einer mißliebigen Lage befinden. Dieß wird um so wahrscheinlicher durch den Umstand, daß Herr Swiveller seine Worte an die Decke der Stube richtete, wo der gewöhnlichen Annahme zufolge derartige körperliche Personagen ihre Behausung haben – die Schaubühne ausgenommen, wo sie in dem Herzen des großen Kronleuchters sitzen.

»Quilp bietet mir diesen Platz an, den er, wie er sagt, mir zusichern kann,« nahm Dick nach einem gedankenvollen Schweigen wieder auf, indem er die Einzelnheiten seiner Lage, eine nach der andern, an seinen Fingern abzählte. »Fritz, auf den ich geschworen haben würde, daß er von einer solchen Sache nichts hören wolle, unterstützt Quilp zu meinem größten Erstaunen und drängt mich gleichfalls, sie anzunehmen – Bedenken, Nummer 1. Meine Tante auf dem Lande hält ihre Zuschüsse zurück und macht mir die zärtliche Mittheilung, daß sie ein neues Testament aufgesetzt und mich darin ausgelassen habe – Bedenken, Nummer 2. Kein Geld; kein Credit; keine Unterstützung von Fritz, der mit einem Male gesetzt zu werden scheint; Aufkündigung des alten Quartiers – Bedenken, drei, vier, fünf und sechs. Unter einer solchen Anhäufung von Bedenklichkeiten kann ein Mann nicht als frei handelnd betrachtet werden. Niemand schlägt sich selbst zu Boden, und wenn das Geschick Einen zu Boden schlägt, so muß ihm das Geschick auch wieder aufhelfen. Jedenfalls freut es mich, daß das meinige sich all' dieß zu Schulden kommen ließ, und ihm zum Trotze will ich so unbekümmert sein, als ich kann, und mir's hier so gut machen, als ob ich zu Hause wäre. So packe dich denn von hinnen, mein Verehrtester,« fuhr Herr Swiveller fort, indem er mit einem bezeichnenden Kopfnicken von der Decke Abschied nahm, »und laß sehen, wer von uns Beiden zuerst müde wird.«

Indem Herr Swiveller die Ursache seines Sturzes mit diesen – ohne Zweifel sehr tiefen Betrachtungen, welche in der That gewissen Systemen der Moralphilosophie nicht ganz fremd sind, entließ, schüttelte er seine Zaghaftigkeit ab und nahm die heitere Leichtigkeit eines unverantwortlichen Schreibers an.

Als Mittel, seine Fassung und Selbstbeherrschung wieder zu gewinnen, begann er eine genauere Besichtigung des Bureaus, als es ihm bisher seine Zeit gestattet hatte; er sah in die Perückenschachtel, die Bücher und die Tintenflasche, knüpfte alle Papierpackete auf und beaugenscheinigte sie, schnitzte mit der scharfen Federmesserklinge einige Devisen in den Tisch und schrieb seinen Namen auf die Innenseite des hölzernen Kohlenbehälters. Nachdem er, kraft dieser Proceduren, förmlich von seiner Schreiberstelle Besitz genommen hatte, öffnete er das Fenster und lehnte nachlässig hinaus, bis zufällig ein Bierjunge vorbeikam, welchem er befahl, seinen Tragkorb niederzusetzen und ihm mit einer Pinte milden Porters aufzuwarten. Diese trank er auf der Stelle aus und bezahlte sie pünktlich, in der Absicht, einem künftigen Creditsystem Bahn zu brechen und ohne Zeitverlust eine dahin abzielende Verbindung einzuleiten. Dann kamen drei oder vier kleine Jungen mit juridischen Aufträgen von drei oder vier Advokaten aus der Rangklasse des Herrn Braß, und Herr Swiveller empfing und entließ sie mit einer solchen Amtsmiene und einem so concreten und leicht in die Sachen eingehenden Geschäftstakte, wie sich unter ähnlichen Umständen etwa ein Clown in der Posse seiner Aufgabe entledigt haben würde. Sobald dieß abgethan war, bestieg er abermals seinen Bock und übte seine Hand, indem er mit Feder und Dinte Carricaturen von Miß Braß entwarf und die ganze Zeit über lustig vor sich hin pfiff.

Er war noch in dieser Unterhaltung begriffen, als eine Kutsche in der Nähe der Thüre Halt machte und unmittelbar darauf sich ein lauter Doppelschlag vernehmen ließ. Herr Swiveller hatte damit nichts zu schaffen, da die Person nicht an der Bureauklingel zog, und setzte daher in gleicher Ruhe seinen Zeitvertreib fort, obgleich es ihm vorkam, als ob sonst Niemand im Hause wohne.

Dieß war jedoch ein Irrthum; denn nachdem das Klopfen mit erhöhter Ungeduld wiederholt worden war, ging die Thüre auf und ein schwerfälliger Tritt stampfte die Treppe hinauf in das obere Zimmer. Herr Swiveller machte eben seine Betrachtungen, ob dieß wohl eine zweite Miß Braß sein möchte – eine Zwillingsschwester des Drachen – als sich das Pochen von ein paar Fingergelenken an der Bureauthüre vernehmen ließ.

»Herein!« rief Dick. »Was braucht es da vieler Ceremonien? Das Geschäft wird freilich etwas verwickelt werden, wenn ich ein Ziemliches weiter Kunden bekomme. Herein!«

»Oh, Sie sind allzugütig,« versetzte eine kleine Stimme sehr tief unten im Thorwege. »Wollen Sie nicht kommen und das Logis zeigen? «

Dick lehnte sich über den Tisch und entdeckte ein kleines, schlappschuhiges Mädchen mit einer sehr schmutzigen Schürze und einem Geifertüchlein, wodurch die ganze Figur, mit Ausnahme des Gesichts und der Füße, verhüllt wurde. Sie hätte eben so gut in einem Violinfutteral stecken können.

»Zum Henker, wo bist du?« rief Dick.

Es erfolgte keine weitere Antwort, als:

»Oh, wollen Sie nicht gefälligst kommen und das Logis zeigen?«

Kaum hatte wohl je ein Kind in Blick und Benehmen so viel Altkluges an den Tag gelegt. Die Kleine mußte von der Wiege an zum Arbeiten angehalten worden sein und schien sich vor Dick eben so zu fürchten, als Dick über sie erstaunt war.

»Ich habe Nichts mit dem Logis zu schaffen,« entgegnete Dick. »Sage nur, man soll wieder vorsprechen.«

»Oh, wollen Sie doch gefälligst kommen und das Logis zeigen,« sagte das Mädchen. »Es macht achtzehn Shilling« die Woche, nebst Geschirr und Weißzeug. Stiefel- und Kleiderputzen geht extra, und die Heizung im Winter beträgt acht Pence für den Tag.«

»Aber warum zeigst du's nicht selbst? Du scheinst doch Alles zu wissen,« versetzte Dick.

»Miß Sally sagte, das ginge nicht an, weil die Leute glauben würden, die Bedienung wäre nicht gut, wenn sie sähen, wie klein ich bin.«

»Wohl, aber sie werden nachher sehen, wie klein du bist – oder nicht?« entgegnete Dick.

»Ja! doch dann haben sie jedenfalls schon vierzehn Tage einbestanden,« erwiederte das Kind mit einem verschmitzten Blicke; »und die Leute ziehen nicht gerne aus, wenn sie einmal fest sitzen.«

»Das ist mir einmal ein sonderbares Ding,« murmelte Dick, aufstehend. »Und was stellst du denn eigentlich vor – etwa die Köchin?«

»Ja, ich verstehe die einfache Kocherei,« versetzte das Kind. »Ich bin aber auch zugleich Stubenmagd und verrichte alle Arbeiten im Hause.«

»Und vermuthlich verrichten Braß, der Drache und ich den schmutzigsten Theil davon,« dachte Dick.

Vielleicht hätte er, da er in einer bedenklichen und zaudernden Stimmung war, noch mehr gedacht, aber das Mädchen drängte ihn abermals, ihrem Gesuche zu willfahren, und gewisse geheimnißvolle, polternde Töne vor der Thüre und auf dem Treppenhause verriethen, daß der Miether ungeduldig sei. Richard Swiveller steckte daher eine Feder hinter jedes Ohr und eine dritte in den Mund, zum Zeichen seiner Bedeutsamkeit und seines Geschäftseifers, worauf er forteilte, um mit dem ledigen Herrn zu verhandeln.

Er war ein wenig überrascht, als er bemerkte, daß die polternden Töne von dem Koffer des ledigen Herrn herrührten, der die Treppe hinaufgebracht wurde, und da derselbe fast zweimal so breit als das Treppenhaus und überhaupt außerordentlich schwer war, so war es, trotz der vereinten Bemühungen des ledigen Herrn und des Kutschers, nicht leicht, ihn hinanzuschaffen. Aber da waren sie, Jeder an die Wand geklemmt, und schoben und zogen aus Leibeskräften, und brachten den Koffer dicht und fest in alle Arten von unmöglichen Winkeln, so daß von einem daran Vorbeigehen durchaus keine Rede sein konnte. Aus diesem erklecklichen Grunde folgte Herr Swiveller langsam hinten nach, indem er auf jeder Stufe feierlich Protest einlegte gegen diese Erstürmung von seines Prinzipals Wohnung.

Auf diese Vorstellungen antwortete der ledige Herr mit keiner Silbe, und als der Koffer endlich in die Schlafstube gebracht war, setzte er sich auf demselben nieder, um den kahlen Kopf und das Gesicht mit einem Schnupftuche abzuwischen. Der Grund davon ließ sich leicht einsehen, denn es war sehr warm, und abgesehen von der Anstrengung, welche die Heraufschaffung des Koffers erforderte, stak der Herr dicht in Winterkleider eingemummt, obgleich das Thermometer jeden Tag einundachtzig Grade Fahrenheit im Schatten zeigte.

»Ich glaube, Sir,« begann Richard Swiveller, indem er die Feder aus dem Munde nahm, »daß Sie diese Gelasse einzusehen wünschen? Sie sind äußerst angenehm, Sir, bieten eine prächtige Aussicht über – über den Weg und sind kaum sechzig Schritte von – von der Straßenecke. Ganz in der Nachbarschaft gibt es außerordentlich milden Porter, Sir, und die zufälligen Vortheile sind ganz außerordentlich.«

»Wie viel beträgt die Miethe?« fragte der ledige Herr.

»Ein Pfund wöchentlich,« versetzte Dick, den Preis erhöhend.

»Ich will sie nehmen.«

»Stiefel- und Kleiderputzen geht extra,« sagte Dick; »und die Heizung im Winter macht – –«

»Vollkommen von mir zugestanden,« unterbrach ihn der ledige Herr.

»Vor zwei Wochen kann nicht gekündigt werden,« fuhr Dick fort. »Sind die – –«

»Zwei Wochen?« rief der ledige Herr verdrießlich, indem er den angehenden Schreiber vom Kopf bis zur Zehe betrachtete. »Sagen Sie, zwei Jahre. Ich werde zwei Jahre hier bleiben. Da sind zehn Pfund Draufgeld. Der Handel ist geschlossen.«

»Je nun, Sie sehen,« sagte Dick, »mein Name ist nicht Braß und – –«

»Wer sagte denn so? Mein Name ist auch nicht Braß. Was weiter?«

»So heißt nämlich der Hausinhaber,« entgegnete Dick.

»Das freut mich,« versetzte der ledige Herr. »Es ist ein guter Name für einen Advokaten. Kutscher, Ihr könnt gehen – ja, Ihr könnt gehen.«

Herr Swiveller war so verwirrt über das barsche Benehmen des ledigen Herrn, daß er stehen blieb und ihn fast ebenso fest in's Auge faßte, als er dieß bei Miß Sally gethan hatte. Der ledige Herr ließ sich jedoch hierdurch nicht im geringsten anfechten, sondern fuhr mit der größten Ruhe fort, das Tuch abzubinden, welches um seinen Hals geschlungen war, worauf er seine Stiefeln auszog. Befreit von diesen Beschwerlichkeiten, schickte er sich an, auch die übrigen Kleider abzulegen, welche er Stück für Stück zusammenfaltete, und der Reihe nach auf dem Koffer ordnete. Dann ließ er die Jalousien herab, entrollte die Fenstervorhänge, zog seine Uhr auf und begab sich ganz gemächlich und methodisch zu Bette.

»Nehmen Sie den Zettel herunter,« waren seine Abschiedsworte, als er noch einmal zwischen den Gardinen hervorsah, »und lassen Sie Niemand zu mir, bis ich die Klingel ziehe.«

Nach diesen Worten schlossen sich die Gardinen wieder, und er fing unmittelbar darauf zu schnarchen an.

»Das ist eine höchst merkwürdige und übernatürliche Sorte von einem Hause,« sagte Herr Swiveller, als er mit dem Zettel in der Hand wieder in das Bureau zurückkehrte. »Weibliche Drachen in dem Geschäfte, die sich wie Gentleman von Fach benehmen; drei Fuß hohe Köchinnen, die geheimnißvoll aus der Erde auftauchen; Fremde, die hereinkommen und ohne Licenz oder Erlaubniß am hellen Tage zu Bette gehen! Wenn er einer von den wunderlichen Kerlen sein sollte, von denen man hin und wieder hört, daß sie zwei Jahre hinter einander fortschlafen, so werde ich mich in einer angenehmen Lage befinden. Doch – 's ist mein Geschick, und ich hoffe, es steht Braß so an. Wenigstens sollte es mir leid thun, wenn es nicht der Fall wäre. In keinem Falle geht es mich etwas an – ich habe nicht im Geringsten etwas damit zu schaffen.«

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