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Master Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band

Charles Dickens: Master Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMaster Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band
publisherVerlag von Carl Zieger
printrunDritte Auflage
yearo.J.
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150121
modified20180917
projectide099f732
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Der Raritätenladen.

Siebenundsechzigstes Kapitel

Ohne etwas von den im letzten Kapitel treulich mitgetheilten Vorgängen zu ahnen, ja ohne sogar nur im mindesten sich etwas von der Mine träumen zu lassen, die unter ihm gesprengt werden sollte (denn damit ihm keine Warnung zugehen möchte, war in der ganzen Verhandlung das tiefste Geheimniß beobachtet worden), blieb Herr Quilp in seiner Einsiedelei verschlossen, ungestört von irgend einem Verdachte und außerordentlich wohl zufrieden mit dem Ergebnisse seiner Machinationen. Da er zur Zeit mit dem Abschlusse einiger Rechnungen zu thun hatte – eine Beschäftigung, wobei ihm das Schweigen und die Einsamkeit seines Schlupfwinkels sehr zu statten kam – war er zwei ganze Tage lang nicht aus seiner Höhle hervorgegangen. Auch am dritten Tage befand er sich noch immer emsig an der Arbeit, und er zeigte sich wenig geneigt auszugehen.

Es war der Tag nach dem Geständnisse des Herrn Braß und folglich derjenige, welcher Herrn Quilp's Freiheit mit einer gewissen Beschränkung, und ihn selbst mit der plötzlichen Mittheilung einiger mißliebigen und unwillkommenen Thatsachen bedrohte. Da der Zwerg keinen anschaulichen Begriff von der Wolke hatte, die sich über seinem Hause niederließ, so befand er sich ganz in seinem gewohnten Zustande von Heiterkeit, und sobald er bemerkte, die Rücksicht für seine Gesundheit und seine Lebensgeister fordere es, daß er sich nicht ganz und gar von seinen Geschäften hinnehmen lasse, so gab er dem monotonen Gange derselben durch einiges Schreien, Heulen oder andere derartige unschuldige Ergötzlichkeiten einige Abwechselung.

Wie gewöhnlich, war Tom Scott um ihn, der wie eine Kröte über dem Feuer hockte und von Zeit zu Zeit, wenn ihm sein Meister den Rücken zuwandte, mit furchtbarer Genauigkeit seine Grimassen nachahmte. Die hölzerne Figur war noch nicht verschwunden, sondern stand noch immer auf ihrem alten Platze. Das Gesicht, fürchterlich versengt durch die häufige Anwendung des rothglühenden Schüreisens, und außerdem verziert durch einen Zehnpennynagel, der ihm in die Nasenspitze eingeschlagen war, lächelte noch immer freundlich in seinen weniger zerrissenen Theilen, und schien, wie ein standhafter Märtyrer, seinen Quälgeist zu neuen Unbilden und Verletzungen herauszufordern.

Der Tag war selbst in den höchsten und hellsten Stadttheilen feucht, kalt und düster. An diesem niedrig gelegenen sumpfigen Orte hüllte der Nebel jeden Winkel und jede Ecke in eine dichte Wolke. Jeder Gegenstand auf nur zwei Ellen Entfernung war verdüstert. Die Warnlichter und Schutzfeuer auf der Themse waren machtlos unter diesem Leichentuche, und ohne die rauhe und schneidende Kälte der Luft, oder hin und wieder den Ruf eines verirrten Bootsmanns, wenn er auf seinem Ruder ausruhte und sich über seine Lage Sicherheit verschaffen wollte, hätte man den Strom selbst meilenweit entfernt denken können.

So träge und langsam sich auch der Nebel bewegte, so war er doch so scharf und durchdringend, daß weder Tücher noch Pelzwerk Schutz dagegen verliehen. Er schien bis auf die Knochen der schaudernden Wanderer einzuschneiden und sie eigentlich durch seine Kälte auf die Folter zu spannen. Alles fühlte sich feucht und frostig an. Die warme Flamme allein bot ihm Trotz und hüpfte und funkelte lustig. Es war ein Tag, um zu Hause zu bleiben, sich um's Feuer zu drängen, Geschichten von Reisenden zu erzählen, welche in solchem Wetter auf Mooren und Haiden ihren Weg verloren hatten, und den warmen Herd mehr als je zu lieben.

Der Geschmack des Zwerges bestand, wie wir wissen, darin, einen Herd für sich zu haben, und wenn er zur Heiterkeit aufgelegt war, sich ohne Zeugen lustig zu machen. Keineswegs unempfindlich gegen die Behaglichkeit eines warmen Stübchens, befahl er Tom Scott, den kleinen Ofen mit Kohlen zu füllen, gab seine Arbeit für heute auf und entschloß sich, lustig zu sein. Zu diesem Ende zündete er neue Kerzen an und legte dem Feuer mehr Brennstoff zu; dann speiste er ein Beefsteak, das er selbst in einer etwas wilden und kannibalischen Weise gekocht hatte, braute eine große Bowle heißen Punsches, zündete seine Pfeife an und setzte sich nieder, um den Abend heiter zu verbringen.

In diesem Augenblicke erregte ein leises Klopfen an der Hüttenthüre seine Aufmerksamkeit. Nachdem dieß zwei- oder dreimal wiederholt worden war, öffnete er leise das kleine Fenster, steckte den Kopf hinaus und fragte, »wer da sei?«

»Nur ich, Quilp,« antwortete eine Weiberstimme.

»Nur du?« rief der Zwerg und streckte seinen Hals aus, um den Besuch besser in's Auge fassen zu können. »Und was bringt dich her, du Metze? Wie kannst du dich unterstehen, dem Schlosse des Ogers nahe zu kommen, he?«

»Ich bringe eine Nachricht,« versetzte seine Frau. »Sei nicht böse auf mich.«

»Ist es eine gute Nachricht, eine angenehme Nachricht, eine Nachricht, ob der man in die Höhe springen und mit den Fingern schnalzen möchte?« sagte der Zwerg. »Ist die liebe alte Dame todt?«

»Ich kenne ihren Inhalt nicht, und weiß daher nicht zu sagen, ob sie gut oder schlimm ist,« entgegnete sein Weib.

»Dann lebt sie noch,« sagte Quilp, »und 's handelt sich nicht um sie. Geh' wieder heim, du Unglücksvogel; geh' nach Hause.«

»Ich habe einen Brief mitgebracht« – rief das demüthige kleine Weib.

»So wirf ihn hier zum Fenster herein und geh' deiner Wege,« sagte Quilp, ihr in's Wort fallend, »oder ich komme hinaus und gebe dir meine Nägel zu kosten.«

»Nein, sei nur so gut, Quilp, mich ein wenig anzuhören,« flehte sein unterwürfiges Weib in Thränen. »Bitte.«

»So sprich denn,« brummte der Zwerg mit einem boshaften Grinsen. »Aber fasse dich kurz. Willst du sprechen?«

»Der Brief,« sagte die Frau Quilp zitternd, »wurde mir diesen Nachmittag von einem Knaben in's Haus gebracht, welcher sagte, er wisse nicht, woher er komme, er sei ihm aber, und zwar mit dem Bedeuten, zur Besorgung übergeben worden, daß er dir sogleich übermacht werden müsse, weil er von höchster Wichtigkeit sei. – Doch sei so gut,« fügte sie bei, als ihr ehrenwerther Gemahl seine Hand darnach ausstreckte, »sei so gut, mich einzulassen. Du weißt nicht, wie naß und erfroren ich bin, oder wie oft ich auf meinem Herwege in diesem dichten Nebel meinen Weg verloren habe. Erlaube mir, daß ich mich nur fünf Minuten an dem Feuer trocknen darf. Ich will gleich wieder fortgehen, sobald du mich gehen heißst, Quilp. Auf mein Wort, das will ich.«

Ihr liebenswürdiger Gatte zögerte ein paar Augenblicke; da er jedoch bedachte, der Brief möchte einer Antwort bedürfen, welche sie besorgen könnte, so schloß er das Fenster, öffnete die Thüre und hieß sie eintreten. Frau Quilp gehorchte augenblicklich, übergab ihm ein kleines Paquet und kniete vor dem Feuer nieder, um ihre Hände zu wärmen.

»Es freut mich, daß du naß bist,« sagte Quilp, das Ueberbrachte an sich reißend und nach ihr hinschielend. »Es freut mich, daß du frierst. Es freut mich, daß du deinen Weg verloren hast. Es freut mich, daß deine Augen roth sind vom Weinen. Es thut meinem Herzen wohl, deine kleine Nase so verzwickt und erfroren zu sehen.«

»O Quilp!« schluchzte sein Weib. »Wie grausam bist du!«

»Hat sie nicht etwa geglaubt, ich sei todt?« entgegnete Quilp, indem er sein Gesicht in eine ganz außerordentliche Reihe von Grimassen verzerrte. »Hat sie nicht etwa geglaubt, sie sei jetzt im Besitze all' meines Geldes und könne Jemand heirathen, der nach ihrem Geschmack wäre? Ha, ha, ha! Ist's nicht so?«

Diese Hohnreden entlockten keine Antwort aus der armen kleinen Frau, die auf ihren Knieen liegen blieb und zu Quilp's großem Entzücken schluchzend ihre Hände wärmte. Während er sie jedoch mit ungemeinem Kichern betrachtete, bemerkte er zufällig, daß auch Tom Scott entzückt war, weßhalb ihn der Zwerg, der seine Freude mit keinem vorlauten Burschen theilen wollte, urplötzlich am Kragen packte, nach der Thüre schleppte und nach einem kurzen Ringen mit Fußtritten in den Hof stieß. In Erwiederung dieses Aufmerksamkeitsbeweises spazierte Tom unmittelbar auf seinen Händen nach dem Fenster und sah – wenn wir uns dieses Ausdrucks bedienen dürfen – mit seinen Schuhen hinein; auch rasselte er, wie eine umgekehrte BansheeIn Irland eine Fee, welche durch Gesang unter den Fenstern den Tod weissagt., mit seinen Füßen gegen die Scheiben. Wie sich von selbst versteht, verlor Herr Quilp keine Zeit, zu dem Schüreisen seine Zuflucht zu nehmen, womit er, nachdem er einige Zeit im Hinterhalt gelegen, seinem jungen Freunde ein paar so unzweideutige Complimente versetzte, daß derselbe plötzlich verschwand und ihn im ruhigen Besitze des Schlachtfeldes ließ.

»So! nun dieser kleine Handel abgemacht ist,« sagte der Zwerg kaltblütig, »will ich meinen Brief lesen. Hum!« brummte er, während er die Adresse betrachtete. »Ich sollte diese Hand kennen. Liebenswürdige Sally!« Er öffnete das Schreiben und las in einer schönen, runden Advokatenhand folgende Zeilen:

»Sammy ist bearbeitet worden und hat das Vertrauen mißbraucht. Es ist Alles am Tage. Sie würden gut thun, aus dem Wege zu gehen, denn Fremde sind ausgezogen, um Ihnen einen Besuch zu machen. Man ist bis jetzt ganz ruhig gewesen, weil man Sie zu überraschen gedenkt. Machen Sie's mir nach und verlieren Sie keine Zeit. Ich bin nirgends zu finden. An Ihrer Stelle würde ich es eben so halten.

S. B., sonst in B. M.«

Um den Wechsel zu beschreiben, der sich in Quilp's Gesichte zeigte, während er seinen Brief ein halbdutzendmal durchlas, würden wir einer neuen Sprache – einer Sprache bedürfen, in der eine Kraft des Ausdrucks läge, wie man sie nie geschrieben, gelesen oder gesprochen hat. Eine geraume Zeit ließ er keine Silbe vernehmen; aber nach einer langen Pause, während welcher Frau Quilp unter dem Schrecken, den seine Blicke erzeugten, fast erlahmte, gelang es ihm, hervorzukeuchen:

»Wenn ich ihn hier hätte. Wenn ich ihn nur hier hätte – –«

»O Quilp!« sagte sein Weib, »was gibt es doch? Ueber wen bist du zornig?«

»Ich würde ihn ersäufen,« fuhr der Zwerg fort, ohne auf sie zu achten. »Freilich ein zu leichter Tod, zu kurz, zu schnell – aber der Strom läuft gerade hier vorbei. O, wenn ich ihn hier hätte! Mit freundlichen Worten ihn an das Ufer zu schmeicheln – ihn am Knopfloche festzuhalten – mit ihm zu scherzen – und durch einen plötzlichen Stoß ihn platschend hinunter zu schicken! Man sagt, Leute, die ertrinken, kämen dreimal wieder an die Oberfläche. Ach! ihn diese dreimal zu sehen, ihn zu verhöhnen, wenn sein Gesicht auftauchte – o welch' ein reicher Hochgenuß würde das sein!«

»Quilp!« stammelte sein Weib, indem sie es zu gleicher Zeit wagte, seine Schultern zu berühren, »was ist denn Schlimmes vorgefallen?«

Sie war so entsetzt ob der Wollust, womit er sich das Vergnügen einer solchen That ausgemalt hatte, daß sie sich kaum verständlich machen konnte.

»Solch ein blutloser Köter,« sagte Quilp, sehr langsam seine Hände reibend und sie fest zusammenpressend. »Ich dachte, seine Feigheit und seine Kriecherei wären die besten Bürgen für sein Schweigen. O Braß, Braß – mein lieber, guter, zärtlicher, treuer, complimentenreicher, bezaubernder Freund – wenn ich dich nur hier hätte!«

Seine Frau, welche sich zurückgezogen hatte, damit es nicht den Anschein gewänne als horche sie auf diese dumpf ausgestoßenen Worte, wagte es, wieder näher zu kommen, und war eben im Begriffe zu sprechen, als der Zwerg nach der Thür eilte und Tom Scott rief, welcher es, eingedenk der kürzlichen sanften Ermahnung, für räthlich erachtete, auf der Stelle zu erscheinen.

»Da!« sagte der Zwerg, indem er ihn hereinzerrte. »Nimm sie nach Hause. Du brauchst morgen nicht herzukommen, denn dieser Ort wird geschlossen sein; komm nicht zurück, bis du von mir hörst oder mich siehst. Merk' dir's!«

Tom nickte verdrießlich und winkte Frau Quilp, voranzugehen.

»Was dich anbelangt,« fuhr der Zwerg gegen seine Frau fort, »so stelle keine Nachfragen nach mir an; suche mich nicht und rede überhaupt nicht von mir. Dir zum Troste sei es gesagt, daß ich nicht todt sein werde, meine Theuerste. Er wird für dich Sorge tragen.«

»Aber Quilp – was gibt's denn? Wo gehst du hin? Sage mir doch noch etwas mehr!«

»Ich will dir etwas sagen,« entgegnete der Zwerg, indem er sie am Arme faßte, »und obendrein etwas thun, was für dich besser ungesagt und ungethan bliebe, wenn du nicht augenblicklich gehst.«

»Ist etwas vorgefallen?« rief sein Weib. »O theile mir nur dieß mit.«

»Ja,« knurrte der Zwerg. »Nein. Was kümmert's dich? Ich habe dir gesagt, was du zu thun hast. Wehe dir, wenn du zögerst oder nur ein Haar breit davon abweichst. Willst du gehen?«

»Ich gehe, ich gehe augenblicklich! Aber –« stotterte sein Weib – »beantworte mir zuvor nur eine Frage. Steht dieser Brief in irgend einer Verbindung mit der lieben kleinen Nell? Ich muß dich fragen – in der That, ich muß, Quilp. Du kannst glauben, welche Tage und Nächte der Sorge ich durchgemacht habe, weil ich dieses Kind ein einziges Mal betrog. Ich weiß nicht, was ich Schlimmes über sie gebracht habe; aber mag es nun groß oder klein sein, ich that es um deinetwillen, Quilp. Mein Gewissen machte mir Vorwürfe, als ich es that. O, ich bitte, beantworte mir nur diese Frage.«

Der auf's Höchste gereizte Zwerg erwiederte nichts, sondern wandte sich um und griff mit solchem Ungestüm nach seiner gewöhnlichen Waffe, daß Tom Scott seinen Schützling mit Gewalt und so schnell als er konnte, hinauszerrte. Es war gut, daß er dieses that, denn Quilp, der vor Wuth fast toll war, verfolgte sie nach der benachbarten Gasse, und würde ihnen noch länger nachgesetzt haben, wenn sie der dichte Nebel, der mit jedem Augenblicke schwerer zu werden schien, seinen Blicken nicht verborgen hätte.

»Es wird eine schöne Nacht für eine Incognitoreise geben,« sagte er, als er langsam und fast athemlos vom Laufen zurückkehrte. »Halt! Wir müssen uns hier besser vorsehen. So ist es etwas gar zu gastfreundlich und frei.«

Mit großer Kraftanstrengung schloß er die zwei alten Thorflügel, welche tief in den Schlamm eingesunken waren, und verriegelte sie mit einem starken Querbalken. Sobald dieß geschehen war, strich er sein filziges Haar aus dem Gesichte und versuchte die Kraft seiner Verschanzung. – Stark und fest.

»Die Verzäunung zwischen diesem Kai und dem nächsten ist leicht zu übersteigen,« fuhr der Zwerg fort, nachdem er diese Vorsichtsmaßregeln getroffen hatte. »Von dort aus führt auch eine Hintergasse her. Diese mag meinen Rückzug sichern. Man muß seinen Weg gut kennen, wenn man sich an diesem lieblichen Plätzchen zur Nachtzeit ausfinden will. Ich glaube, so lange dieses hält, habe ich keine unwillkommenen Besuche zu befürchten.«

Es war jetzt bereits so finster geworden und der Nebel hatte sich so sehr verdichtet, daß er sich fast genöthigt sah, seinen Weg mit den Händen zu tasten, als er nach seinem Lager zurückkehrte. Dort blieb er eine Weile vor dem Feuer sitzen und traf seine Vorbereitungen zu einer schleunigen Abreise.

Während er einiges Nothdürftige zusammenraffte und es in seine Taschen packte, hörte er nicht ein einziges Mal auf, leise mit sich selbst zu sprechen, oder mit den Zähnen zu knirschen, und in gleicher Weise blieben von dem Augenblicke an, als er Sally's Schreiben gelesen hatte, seine Zähne dicht verbissen.

»O Sampson!« murmelte er, »trefflicher Ehrenmann – wenn ich dich nur umarmen könnte! Dürfte ich dich nur einmal umschlingen und deine Rippen quetschen, wie ich sie quetschen könnte, wenn ich dich einmal umfaßt hätte – welch' ein köstliches Wiedersehen würde es nicht sein! Wenn wir uns je wieder begegnen, Sampson, so verlaß dich darauf, daß wir einen Gruß miteinander wechseln, den du nicht so leicht vergessen wirst. Diese Zeit, Sampson, dieser Augenblick, wo alles so gut abgelaufen, war so herrlich gewählt! Es war so überlegt von dir, so reumüthig, so edel. Ha, wenn wir in diesem Gemach wieder Angesicht gegen Angesicht stehen, mein feigherziger Sohn des Gesetzes, wie wohl zufrieden würde Einer von uns sein!«

Hier hielt er inne, setzte die Punschbowle an seine Lippen und that einen langen, tiefen Zug, als wäre das Getränk nur klares Wasser, mit dem er seine trockene Zunge kühlen wollte. Dann setzte er sie plötzlich wieder nieder, ging auf's Neue an seine Vorbereitungen und fuhr in seinem Selbstgespräche fort.

»Da ist Sally,« sagte er mit blitzenden Augen; »das Weib hat Muth, Entschlossenheit, Umsicht – schlief sie, oder war sie erstarrt? Sie hätte ihn ohne Gefährde erdolchen – vergiften können. Sie konnte voraussehen, daß es so kommen mußte. Warum gibt sie mir erst Nachricht, wenn es zu spät ist? Als er da saß – dort auf jener Stelle – mit seinem weißen Gesichte, seinem rothen Kopf und seinem kränklichen Lächeln – warum wußte ich damals nicht, was in seinem Herzen brütete? Es hätte in jener Nacht zu schlagen aufgehört, wenn ich sein Geheimniß hätte ahnen können, falls sich anders ein Gift hätte auffinden lassen, um einen Menschen in den Schlaf zu lullen, oder ein Feuer, um ihn zu verbrennen.«

Ein anderer Zug aus der Bowle. Er kauerte sich mit wüthender Geberde über das Feuer und fuhr fort zu murmeln:

»Und diese, wie jede andere Sorge und Ungelegenheit der letzten Zeit, habe ich rein jenem alten Faseler und seinem Herzkäferlein zu danken – jenen zwei elenden, gebrechlichen Wanderern. Aber ich will doch noch ihr böser Genius werden. Und du, süßer Kit, ehrlicher Kit, tugendhafter, unschuldiger Kit, sieh' dich vor. Wo ich hasse, beiße ich. Ich hasse dich, mein theures Freundchen, mit gutem Grund; und so stolz du auch diese Nacht sein magst, die Reihe wird wieder an mich kommen. – Was ist das?«

Man pochte an das Thor, das er geschlossen hatte. Ein lautes und ungestümes Pochen. Dann eine Pause, als ob Diejenigen, welche geklopft hatten, inne hielten, um zu horchen. Dann begann der Lärm auf's neue – noch heftiger und lauter, als zuvor.

»So bald schon?« sagte der Zwerg. »Und so eifrig? Ich fürchte, ihr habt einen vergeblichen Gang gemacht. Es ist gut, daß ich völlig vorbereitet bin. Sally, ich danke dir!«

Während er so sprach, löschte er das Licht aus. In seinen ungestümen Versuchen, das Feuer auszulöschen, warf er den Ofen um, welcher vorwärts und auf die glimmende Asche stürzte, die bereits während des Sturzes herausgeschossen war. Das Gemach hüllte sich in schwarze Dunkelheit. Da das Klopfen an dem Thore noch immer fortdauerte, so tastete er seinen Weg nach der Thür und betrat das Freie.

In diesem Augenblick hörte das Pochen auf. Es war ungefähr acht Uhr, aber die schwärzeste Nacht wäre lichter Tag gewesen, in Vergleichung mit der dicken Wolke, welche jetzt auf der Erde ruhte und alles in ihr Leichentuch hüllte. Er stürzte einige Schritte vorwärts, als flöhe er den Eingang irgend einer düsteren, gähnenden Höhle; dann änderte er, in der Meinung, irre gegangen zu sein, seine Richtung und blieb endlich stehen, ungewiß, wohin er sich wenden sollte.

»Wenn sie nur wieder klopften,« sagte Quilp, der es vergeblich versuchte, mit seinen Augen die Finsterniß, welche ihn umgab, zu durchdringen; »der Schall würde mich leiten. Wohlan, wettert noch einmal d'rauf los!«

Er blieb eine Weile aufmerksam horchend stehen; aber das Getöse wiederholte sich nicht. Kein anderer Laut ließ sich an diesem öden Platze hören, als hin und wieder das Gebelle von Hunden. Der Ton war weit weg – bald in dieser, bald in jener Richtung – und konnte daher nicht zum Führer dienen, denn Quilp wußte wohl, daß derartige Laute auch oft von Schiffen kommen.

»Wenn ich nur einen Wall oder Zaun finden könnte,« sagte der Zwerg, indem er seinen Arm ausstreckte und langsam vorwärts ging, »so wüßte ich doch, wohin ich mich wenden könnte. Es wäre eine gute, schwarze Teufelsnacht, wenn ich meinen guten, lieben Freund hier hätte. Würde mir nur dieser Wunsch erfüllt, so dürfte es meinetwegen nie wieder Tag werden.«

Diese Worte waren kaum seinen Lippen entglitten, als er stolperte und fiel. Im nächsten Augenblick kämpfte er mit dem kalten, dunkeln Wasser. Trotz des Sprudelns und Rauschens in seinem Ohre konnte er jetzt doch deutlich das Klopfen an dem Thore wieder vernehmen – konnte das Schreien hören, womit sie es begleiteten – konnte die Stimmen unterscheiden. Ungeachtet seines Kämpfens und Plätscherns wurde es ihm klar, daß sie ihren Weg verloren hatten und daß sie zu dem Punkte zurückwanderten, von dem sie ausgegangen waren. Er bemerkte, daß sie fast zusahen, während er ertrank, daß sie ganz dicht an seiner Seite waren, ohne jedoch im Stande zu sein, ihn zu retten, und daß er selbst sie ausgeschlossen und den Riegel vorgelegt hatte. Er beantwortete ihr Geschrei mit einem gellenden Rufe, der die hundert Feuer, welche vor seinen Augen tanzten, zittern und flackern zu machen schien, als ob ein Windstoß sie aufgestört hätte. Vergeblich. Die wogende Fluth füllte seine Kehle und trug ihn auf ihrer raschen Strömung weiter.

Noch ein letztes Ringen um sein Leben, und er war wieder oben, schlug das Wasser mit den Händen und stierte mit wilden und funkelnden Augen nach einem dunkeln Gegenstande, auf welchen er losgetrieben wurde. Der Rumpf eines Schiffes! Er konnte seine glatten und schlüpfrigen Wände mit der Hand berühren. Jetzt ein lauter Schrei aber die nicht zu bewältigenden Wogen rissen ihn hinunter, ehe er ihn ausstoßen konnte, hoben ihn wieder und führten ihn weiter – eine Leiche.

Das Wasser spielte und scherzte mit seiner unheimlichen Last, indem es dieselbe das einemal gegen die schlüpfrigen Pfähle warf, das anderemal im Schlamm oder in dem langen, üppigen Schilfe verbarg, jetzt den Leichnam über rauhe Steine und Kies schleppte, dann ihn seinem eigenen Elemente heimgeben zu wollen schien, in demselben Augenblick ihn aber wieder wegwusch, bis es, des häßlichen Spielzeugs müde, ihn auf ein Moor schleuderte – einen unheimlichen Ort, wo in mancher traurigen Winternacht Seeräuber in Ketten gehangen hatten, damit dort seine Gebeine bleichen möchten.

Und dort lag er – allein. Der Himmel leuchtete in feuriger Glut, und die Wellen, die ihn hergetragen hatten, spiegelten in ihrem Laufe das düstere Licht wieder. Die Hütte, welche die einsame Leiche so kürzlich noch lebend verlassen hatte, lag jetzt in flammenden Trümmern. Der Schein des Feuers beleuchtete einigermaßen der Leiche Gesicht. Das Haar, von dem feuchten Winde bewegt, spielte um ihr Haupt, in einer Art von Todesverhöhnung – eine Verhöhnung, ob welcher der Gestorbene selbst gejubelt hätte, wenn er noch am Leben gewesen wäre – und seine Kleider flatterten lose in der Nachtluft.


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