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Master Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band

Charles Dickens: Master Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMaster Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band
publisherVerlag von Carl Zieger
printrunDritte Auflage
yearo.J.
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150121
modified20180917
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Der Raritätenladen.

Sechzigstes Kapitel

Kit stand wie versteinert da, die weit offenen Augen auf den Boden geheftet und eben so gleichgültig gegen die zitternde Hand des Herrn Braß, welcher ihn an der einen Seite seiner Halsbinde festhielt, wie gegen den festeren Griff von Miß Sally, welche auf der andern die gleiche Verrichtung vornahm. Die Krallen der Letzteren waren an sich schon keine kleine Unbequemlichkeit, da diese bezaubernde Dame, abgesehen davon, daß sie von Zeit zu Zeit ihre Knöchel sehr unbequem in seine Kehle bohrte, gleich von Anfang an so fest gepackt hatte, daß der arme Junge sogar in der Verwirrung und Zerstreutheit seiner Gedanken sich eines unruhigen Gefühls von Ersticken nicht erwehren konnte. Er verblieb in dieser Stellung zwischen Bruder und Schwester, widerstandlos und leidend, bis Herr Swiveller mit einem Constable zurückkehrte.

Dieser Würdenträger, der natürlich an solche Auftritte gewöhnt war und alle Arten von Eigenthumsbeeinträchtigung von dem kleinsten Diebstahle an bis zum Hauseinbruch und Straßenraub als regelmäßige Geschäftssachen betrachtete, während ihm die Verbrecher in dem Lichte von eben so vielen Kunden erschienen, die aus dem en gros- und Detailladen des Criminalgesetzes, hinter dessen Ladentisch er stand, bedient werden sollten – nahm die Angaben des Herrn Braß ungefähr mit eben so viel Interesse und Ueberraschung hin, die etwa ein Leichenbesorger an den Tag legen würde, wenn er einen umständlichen Bericht über die letzte Krankheit einer Person anhören sollte, zu deren Beschickung er professionsmäßig beigezogen wurde; dann verhaftete er Kit mit anständiger Gleichmüthigkeit.

»Wir thäten besser,« sagte dieser untergeordnete Diener der Gerechtigkeit, »uns an das Gericht zu wenden, so lange noch eine Magistratsperson da ist. Ich muß Sie daher auffordern, Herr Braß, mit uns zu kommen, und die –« er sah dabei Miß Sally an, als trage er einigermaßen Bedenken, ob sie nicht eine Greisin oder ein anderes fabelhaftes Ungeheuer sei.

»Die Dame, he?« half Sampson nach.

»Ah!« versetzte der Constable. »Ja – die Dame. Deßgleichen auch den jungen Mann, der die Note gefunden hat.«

»Herr Richard,« sagte Braß mit wehmüthiger Stimme, »es ist eine traurige Nothwendigkeit. Aber der Altar des Vaterlandes, Sir –«

»Sie werden vermuthlich eine Miethkutsche nehmen?« fiel der Constable ein, indem er Kit, den seine andern Häscher losgelassen hatten, ein wenig über dem Ellenbogen sorglos am Arme hielt. »Wollen Sie so gut sein und nach einer solchen schicken, wie?«

»Aber lassen Sie mich nur ein Wort sprechen,« rief Kit, die Augen erhebend und flehentlich um sich schauend. »Hören Sie mich doch an. Ich bin eben so wenig schuldig, als einer von Ihnen. Bei meiner Seele, ich bin unschuldig. Ich, ein Dieb! O Herr Braß, Sie kennen mich besser. Gewiß, Sie kennen mich besser. Es ist in der That nicht recht von Ihnen.«

»Ich gebe Ihnen mein Wort, Constable –« sagte Braß.

Hier legte sich jedoch der Constable mit dem constitutionellen Prinzip in's Mittel, daß Worte leicht wie Wind seien, indem er dieselben für Löffelkost unmündiger Kinder und Säuglinge erklärte, sintemalen nur Eide die wahre Nahrung für kräftige Männer seien.

»Vollkommen richtig, Constable,« flüsterte Braß in demselben wehmüthigen Tone bei. »Das kann nicht fehlen. Ich gebe Ihnen die eidliche Versicherung, Constable, daß ich noch einige Minuten vor dieser fatalen Entdeckung eine solche Zuversicht zu diesem Jungen hatte, daß ich ihm die Obhut über mein – eine Miethkutsche, Herr Richard, Sie sind so gar langsam, Sir.«

»Wo ist Jemand, der mich kennt,« rief Kit, »und mir nicht vertrauen würde? Fragt Jedermann, ob man je den mindesten Zweifel in mich gesetzt hat, und ob ich jemals auch nur einen Heller veruntreute. Ich bin nie unehrlich gewesen, so lang ich arm und hungrig war; ist es da wohl wahrscheinlich, daß ich jetzt anfangen werde? O seht euch vor, was ihr thut. Wie kann ich den wohlwollendsten Freunden, die je ein menschliches Wesen hatte, unter die Augen treten, während eine solche Anschuldigung auf mir haftet?«

Herr Braß entgegnete, der Gefangene würde gut gethan haben, wenn er das früher bedacht hätte, und schickte sich eben an, noch einige weitere unheimliche Bemerkungen zu machen, als sich die Stimme des ledigen Herrn vernehmen ließ, der von oben herunter fragte, was es gebe, und was all dieser Lärm bedeuten solle. Kit machte in der Angst seines Herzens eine unwillkürliche Bewegung nach der Thüre, um sich zu verantworten, wurde aber hastig von dem Constable zurückgehalten und mußte mit bitterem Schmerz sehen, wie Braß allein hinauslief, um die Geschichte in seiner eigenen Weise zu erzählen.

»Und er kann es kaum glauben,« sagte Sampson, als er wieder zurückkehrte: »es geht aller Welt so. Ich wollte selber auch, ich könne das Zeugniß meiner Sinne bezweifeln, aber ihre Aussagen sind zu unumstößlich. Es führt zu Nichts, meine Augen in ein Kreuz- oder Querverhör zu nehmen,« rief Sampson blinzelnd, indem er seine Sehwerkzeuge rieb; »sie beharren auf ihrer ersten Aussage und wollen nicht davon abweichen. Nun, Sarah, ich höre draußen die Kutsche; hole deinen Hut, damit wir fortkommen. Eine traurige Verrichtung! Recht eigentlich ein moralisches Leichenbegängniß!«

»Herr Braß,« sagte Kit, »erweisen Sie mir nur eine einzige Gunst. Bringen Sie mich zuerst zu Herrn Witherden.«

Sampson schüttelte unschlüssig seinen Kopf.

»Ach, thun Sie es,« flehte Kit. »Mein Herr ist dort. Um's Himmels willen, bringen Sie mich zuerst dorthin.«

»Ei, ich weiß nicht,« stammelte Braß, der vielleicht seine Gründe hatte, in den Augen des Notars so rein als möglich dastehen zu wollen. »Wir stehen wie im Punkte der Zeit, Constable? He?«

Der Constable, der die ganze Zeit über mit großer philosophischer Ruhe an einem Strohhalme genagt hatte, entgegnete, wenn sie gleich gingen, so hätten sie noch Zeit genug; wenn sie aber noch lange unentschlossen dastünden, so müßten sie gleich nach dem Detentionshause gehen; dieß sei schließlich seine Meinung in der Sache, und weiter wolle er nichts gesagt haben.

Da Herr Swiveller in der Kutsche zurückgekommen war und noch immer in der bequemsten Ecke, das Gesicht den Pferden zugekehrt, saß, so forderte Braß den Polizeibeamten auf, seinen Gefangenen abzuführen, indem er zugleich erklärte, daß er bereit sei.

Der Constable, der Kit noch immer in derselben Weise festhielt und ihn ein wenig von sich hinschob, so daß er ihn (der gewohnten Weise gemäß) ungefähr drei Viertel Armslänge vor sich hatte, stieß ihn sofort in den Wagen und folgte selber nach. Dann kam Miß Sally; und da jetzt vier inne saßen, so stieg Sampson Braß auf den Bock und hieß den Kutscher weiter fahren.

Noch völlig betäubt von dem plötzlichen und schrecklichen Wechsel, der mit seinen Verhältnissen vorgegangen war, stierte Kit zum Kutschenfenster hinaus, fest hoffend, in den Straßen irgend eine ungeheure Erscheinung zu sehen, die ihm Grund gebe, zu glauben, daß Alles nur ein Traum sei. Leider war aber Alles nur zu wirklich und gewöhnlich: dasselbe Aufeinanderfolgen der Straßenwindungen, dieselben Häuser, derselbe Menschenstrom, der sich zu beiden Seiten in verschiedenen Richtungen über das Pflaster hintrieb, dasselbe Karren- und Wagengerassel, dieselben wohlbekannten Gegenstände in den Ladenfenstern – eine Regelmäßigkeit sogar in dem lärmenden Treiben, wie sie nie ein Traum wiederspiegeln konnte. So sehr ihm auch Alles wie ein Traum erschien, so war es doch eine traurige Wirklichkeit. Er war des Diebstahls bezüchtigt; die Banknote war bei ihm gefunden worden, obschon er unschuldig war in Gedanken und That; und man führte ihn fort – als einen Gefangenen.

In diese schmerzlichen Betrachtungen vertieft, mit sinkendem Herzen an seine Mutter und den kleinen Jacob denkend, im Gefühle, daß selbst das Bewußtsein seiner Unschuld ihn gegenüber von seinen Freunden nicht zu trösten vermöchte, wenn sie ihn schuldig glaubten, und mehr und mehr die Hoffnung und den Muth verlierend, je näher sie zum Hause des Notars kamen, schaute der arme Kit sehnsüchtig durch das Fenster, ohne daß er überhaupt sah, was um ihn vorging, – als er mit einem Male, als wäre es durch Zauberei heraufbeschworen, Quilp's Gesicht gewahr wurde.

Und welch ein Hohn lauerte in diesem Gesichte! Es sah aus dem offenen Fenster einer Schenke heraus; und der Zwerg hatte sich so weit vorgebeugt, die Ellenbogen auf den Fenstersims gestemmt und den Kopf auf beide Hände gestützt, so daß er in dieser Haltung und angeschwellt von einem unterdrückten Gelächter, zweimal so breit und aufgeblasen als gewöhnlich erschien. Sobald Braß ihn erkannte, ließ er sogleich die Kutsche halt machen. Dieß geschah unmittelbar dem Hause gegenüber und der Zwerg nahm nun seinen Hut ab, um die Partie mit einer scheußlichen und grotesken Höflichkeit zu grüßen.

»Aha!« rief er. »Wohin jetzt, Braß – wohin? Sally auch bei Ihnen? Die süße Sally! Und Dick? Der angenehme Dick! Und Kit? Der ehrliche Kit!«

»Er ist außerordentlich lustig!« sagte Braß zu dem Kutscher. »In der That ganz außerordentlich lustig! Ach, Sir, ein trauriges Geschäft! Da glaube Einer wieder an Ehrlichkeit, Sir.«

»Warum nicht?« entgegnete der Zwerg. »Warum nicht, Ihr Spitzbube von einem Advokaten – warum nicht?«

»Im Bureau eine Banknote verloren gegangen,« sagte Braß kopfschüttelnd. »Gefunden in seinem Hute, Sir – war unmittelbar vorher allein dort – kann gar nicht fehlen, Sir – eine Kette vollständiger Beweise – kein Glied fehlend.«

»Was?« rief der Zwerg, den halben Leib zu dem Fenster herauslehnend. »Kit ein Dieb? Kit ein Dieb? Ha, ha, ha! Ei, er ist ein häßlicherer Dieb, als man irgendwo einen für einen Penny zu sehen kriegt. He, Kit, – he? Ha, ha, ha! Habt ihr Kit in Gewahrsam gebracht, ehe er Zeit und Gelegenheit hatte, mich durchzuprügeln – he, Kit, he?«

Und nun brach er in ein gellendes Gelächter aus, ob dem sich der Kutscher höchlich entsetzte, und zeigte auf eine nebenstehende Färberstange, wo ein herunterbaumelnder Anzug eine große Aehnlichkeit mit einem Gehängten hatte.

»Ist es so weit gekommen, Kit?« rief der Zwerg, indem er hastig seine Hände rieb. »Ha, ha, ha, ha! Was werden der kleine Jacob und seine allertheuerste Frau Mutter für Augen machen. Sorgen Sie dafür, Braß, daß man ihm den Bethelpfarrer zum Tröster giebt. He, Kit, he! Vorwärts, Kutscher, vorwärts! Gott befohlen, Kit; alles Gute mit dir! Sei heiteren Muthes; schöne Grüße an Garlands – den lieben alten Herrn und seine Frau. Sage ihnen, ich habe nach ihnen gefragt – willst du? Gottes Segen über sie und über dich und über Jedermann, Kit. Gottes Segen über die ganze Welt.«

Mit solchen guten Wünschen zum Abschied, die sich in einem fort ergossen, bis sie nicht mehr zu hören waren, begleitete Quilp die sich entfernende Kutsche, und als er sie nicht mehr sehen konnte, zog er den Kopf zurück und rollte sich in einer Wonneverzückung auf dem Boden.

Bald nachher langten sie an dem Hause des Notars an (denn sie waren dem Zwerg nicht weit davon in einer Nebengasse begegnet), und Herr Braß stieg ab. Er öffnete mit melancholischem Gesichte den Kutschenschlag und ersuchte seine Schwester, ihn in das Bureau zu begleiten, damit man die guten Leute innen auf die Trauerpost, die ihrer harrte, vorbereiten könne. Miß Sally willigte ein und ersuchte Herrn Swiveller, sie zu begleiten. Sofort gingen sie in das Bureau – Herr Sampson Arm in Arm mit seiner Schwester und Herr Swiveller allein hintendrein.

Der Notar stand in dem Vorzimmer am Feuer und plauderte mit Herrn Abel und dem älteren Garland, während Herr Chuckster an dem Pulte schrieb und gelegentlich einige Brocken von der Unterhaltung auffing. Herr Braß bemerkte diesen Stand der Dinge durch die Glasthüre, als er eben im Begriffe war, auf die Klinke zu drücken, und sobald er bemerkte, daß der Notar ihn erkannt hatte, begann er, ungeachtet der Scheidewand, die sie noch trennte, den Kopf zu schütteln und schwer zu seufzen.

»Sir,« sagte Sampson, indem er seinen Hut abnahm und die beiden Vorderfinger seines rechten Biberhandschuhes küßte – »mein Name ist Braß – Braß von Bevis-Marks, Sir. Ich habe die Ehre und das Vergnügen gehabt, Sir, in einer kleinen Testaments-Angelegenheit gegen Sie aufzutreten. Wie geht es Ihnen, Sir?«

»Wenn Sie in Geschäftsangelegenheiten kommen, so mögen Sie sich an meinen Schreiber wenden, Herr Braß,« sagte der Notar, ihm den Rücken zukehrend.

»Ich danke Ihnen, Sir,« versetzte Braß. »Jedenfalls sehr verbunden. Erlauben Sie mir, Sir, Ihnen meine Schwester vorzustellen – sie gehört ganz zu den Unsrigen, Sir, obgleich von dem schwächern Geschlecht – ich versichere Sie, Sir, sie ist mir von großem Nutzen in meinen Geschäften. Herr Richard, haben Sie die Güte, vorzutreten, wenn es Ihnen beliebt. – Nein, nein, in der That,« fügte Braß bei, indem er zwischen den Notar und dessen Privatbureau trat, nach welchem sich der Letztere zurückziehen wollte, und ganz den Ton eines verletzten Mannes annahm; »in der That, Sir, ich muß mit Ihrem Wohlnehmen Sie um ein Wort oder zwei bitten.«

»Herr Braß,« entgegnete der Andere mit entschiedenem Tone, »ich bin beschäftigt. Sie sehen, daß diese Herren Anspruch auf mich machen. Wenn Sie Ihr Anliegen Herrn Chuckster dort eröffnen wollen, so wird er Ihnen jede Aufmerksamkeit widmen.«

»Meine Herren,« sagte Braß, indem er die rechte Hand an seine Weste legte und mit einem glatten Lächeln auf den jungen Garland und seinen Vater sah – »meine Herren, ich berufe mich auf Sie – in der That, meine Herren – bedenken Sie, ich bitte. Ich bin ein Mann vom Fach. Ich trage den Titel ›Gentleman‹ vermöge einer Parlamentsakte. Ich behaupte diesen Titel, durch jährliche Entrichtung von zwölf Pfund Sterling für das Certifikat. Ich bin keiner von jenen Musikanten, Komödianten, Bücherschreibern oder Bildermalern, die sich eine Stellung anmaßen, welche die Gesetze ihres Landes nicht anerkennen. Ich bin kein Vagabund, kein wandernder Komödiant. Wenn Jemand eine Klage gegen mich vorbringt, so muß er mich als einen Gentleman tituliren, oder seine Klage ist null und nichtig. Ich berufe mich auf Sie – geht man ganz achtbar mit mir um? In der That, meine Herren –«

»Nun, so wollen Sie die Güte haben, Ihr Anliegen vorzubringen, Herr Braß!« unterbrach ihn der Notar.

»Ja wohl, Sir,« versetzte Braß. »Ah, Herr Witherden! Sie können wenig von der – aber ich will mich nicht verlocken lassen, von der Hauptsache abzugehen, Sir. Ich glaube, der Name von einem dieser Herren ist Garland?«

»Von beiden,« entgegnete der Notar.

»Wirk-lich?« erwiederte Braß, außerordentlich kriechend. »Ich hätte dieß jedoch aus der ungemeinen Ähnlichkeit entnehmen können. Ich schätze mich in der That außerordentlich glücklich, die Ehre zu haben, zwei solche Herren kennen zu lernen, obgleich der Anlaß ein höchst peinlicher ist. Einer von Ihnen, meine Herren, hat einen Diener, der Kit heißt?«

»Beide,« versetzte der Notar.

»Zwei Kits?« sagte Braß lächelnd. »Du mein Himmel!«

»Einen Kit, Sir,« entgegnete Herr Witherden ärgerlich, »der diese beiden Herren bedient. Was ist's mit ihm?«

»So viel ist's mit ihm, Sir,« erwiederte Braß, indem er seine Stimme nachdrücklich dämpfte. »Dieser junge Mensch, Sir, in den ich ein unbedingtes und schrankenloses Vertrauen setzte, und den ich immer wie meines Gleichen behandelte – dieser junge Mensch hat diesen Morgen auf meinem Bureau einen Diebstahl begangen und ist fast auf der That erwischt worden.«

»Da ist jedenfalls ein Betrug um den Weg!« rief der Notar.

»Es ist nicht möglich!« sagte Herr Abel.

»Ich glaube kein Wort davon,« rief der alte Herr.

Herr Braß blickte sie der Reihe nach mild an und entgegnete:

»Herr Witherden, Ihre Worte enthalten die Begründung einer Klage, und wenn ich ein Mann von gemeiner und niedriger Stellung wäre, auf dem eine Verleumdung haften bliebe, so würde ich wegen Schadenersatzes gegen Sie auftreten. Da ich jedoch bin, wer ich bin, Sir, so kann ich solche Ausdrücke blos verachten. Die edle Wärme der andern Herren respektire ich, und es thut mir in der That leid, daß ich der Bote solch mißliebiger Neuigkeiten bin. Ich versichere Sie, daß ich mich nicht in diese peinliche Stellung versetzt haben würde, aber der Junge selbst verlangte in erster Instanz hierher gebracht zu werden, und ich willfahrte seinem Gesuche. Herr Chuckster, wollen Sie die Güte haben, an dem Fenster dem Constable zu klopfen, der in der Kutsche wartet?«

Die drei Herren sahen sich während dieser Worte gegenseitig mit leichenfahlem Gesichte an, und Herr Chuckster, welcher der Aufforderung Folge leistete und von seinem Schreibebocke so ziemlich in der Aufregung eines begeisterten Sehers heruntersprang, dessen Voraussagung sich nach erfüllter Zeit verwirklichte, öffnete die Thüre für den Eintritt des unglücklichen Gefangenen.

Man denke sich den Auftritt, als Kit hereinkam und in die rohe Beredtsamkeit, womit ihn die Wahrheit endlich begeistert hatte, ausbrach, den Himmel zum Zeugen anrufend, daß er unschuldig sei und daß er durchaus nicht wisse, wie die bei ihm gefundene Banknote in seinen Hut gekommen! Dann das Stimmengewirre, ehe die Umstände berichtet und die Beweise vorgelegt waren, und endlich die Todtenstille, als man Alles wußte und seine drei Freunde Blicke des Zweifels und Staunens wechselten.

»Ist es nicht möglich,« sagte Herr Witherden nach einer langen Pause, »daß diese Note durch Zufall ihren Weg in den Hut gefunden hat – durch Wegräumen der Papiere von dem Pulte vielleicht?«

Es wurde jedoch klärlich nachgewiesen, daß dieß ganz unmöglich sei. Herr Swiveller, obgleich ein unfreiwilliger Zeuge, konnte nicht umhin, aus der Lage, in welcher er die Note gefunden, darzuthun, daß sie absichtlich daselbst verborgen worden war.

»Es ist sehr betrübend,« sagte Braß, »ja, ungemein betrübend. Wenn es so weit kommt, daß er verurtheilt wird, so werde ich mich sehr glücklich schätzen, ihn wegen seines früheren guten Charakters der Gnade zu empfehlen. Ich bin auch früher schon um Geld gekommen, aber es folgt daraus nicht ganz, daß er es genommen habe. Freilich ist der Verdacht gegen ihn – stark gegen ihn – aber wir sind Christen, hoffe ich.«

»Vermuthlich,« sagte der Constable, indem er umherschaute, »kann keiner der anwesenden Herren Auskunft geben, ob er kürzlich viel bei Geld gewesen ist. Wissen Sie vielleicht etwas, Sir?«

»Er hatte allerdings von Zeit zu Zeit Geld,« entgegnete Garland, an den die Frage gestellt worden war. »Aber das wurde ihm, wie er sagte, von Herrn Braß selbst gegeben.«

»Ja, gewiß,« sagte Kit lebhaft. »Sie können mich in dieser Beziehung vertreten, Sir?«

»Eh,« rief Braß, indem er mit dem Ausdruck dummer Verwunderung von einem Gesichte auf das andere blickte.

»Das Geld, wissen Sie – die halben Kronen, die Sie mir gaben – von dem Miethsmann,« sagte Kit.

»O, barmherziger Himmel!« rief Braß, den Kopf schüttelnd und finster die Stirne runzelnd. »Das ist ein böser Fall, finde ich; in der That, ein sehr böser Fall.«

»Wie, haben Sie ihm nicht für Rechnung eines Anderen Geld gegeben?« fragte Herr Garland in großer Angst.

»Ich ihm Geld gegeben, Sir?« erwiederte Sampson. »Sehe man einmal, das ist zu unverschämt. Constable, mein guter Freund, es wird am besten sein, wir gehen.«

»Was?« schrie Kit. »Er leugnet es, daß er es that? Ich bitte, frage ihn doch Jemand. Fragt ihn; er soll sagen, ob er es that, oder nicht!«

»Ist es so, Sir?« fragte der Notar.

»Ich will Ihnen was sagen, meine Herren,« versetzte Braß mit ungemein gravitätischer Miene, »er wird auf diese Weise seiner Sache schlecht dienen, und in der That, wenn Sie Antheil an ihm nehmen, so werden Sie gut thun, wenn Sie ihm den Rath geben, auf einen andern Gang anzulegen. Ob dem so sei, Sir? Natürlich gab ich ihm nie etwas.«

»Meine Herren,« rief Kit, dem plötzlich ein Licht aufging, »Herr Garland, Herr Abel, Herr Witherden, Sie alle mögen es hören – er that es! Ich weiß nicht, was ich ihm zu Leid gethan habe, aber hier ist ein Complott geschmiedet, um mich zu vernichten. Denken Sie daran, meine Herren, es ist ein Complott, und was auch dabei herauskommen mag, ich will bis zu meinem letzten Athemzug behaupten, daß er die Note selbst in den Hut gethan hat. Sehen Sie ihn an, meine Herren. Sehen Sie, wie er die Farbe verändert. Wer von uns sieht jetzt wie der Schuldige aus? – er, oder ich?«

»Hören Sie ihn, meine Herren?« sagte Braß lächelnd, »hören Sie ihn? Nun, dünkt es Ihnen, als ob dieser Fall eine schwarze Gestalt annehme? Ist es nach Ihrer Ansicht überhaupt ein Fall von tückischer Hinterlist, oder ist es nur ein gewöhnliches Verbrechen? Sie würden vielleicht auch dieß für unmöglich gehalten haben, meine Herren, wenn Sie es nur von mir und nicht aus seinem eigenen Munde gehört hätten – he?«

Mit solchen ruhigen Spottreden wies Herr Braß die schmachvolle Befleckung seines Charakters von sich; aber die tugendhafte Sarah, die von stärkeren Gefühlen beseelt wurde und im Grunde ihres Herzens vielleicht eine eifersüchtigere Achtung für die Ehre ihrer Familie bewahrte, flog ohne weitere Andeutung ihrer Absicht von der Seite ihres Bruders weg und stürzte in der höchsten Wuth auf den Gefangenen los. Auch würde es ohne Zweifel Kit's Gesichte schlimm ergangen sein, wenn nicht der vorsichtige Constable, der in's Feuer hineinsah, ihn in dem kritischen Augenblicke bei Seite gezogen und so Herrn Chuckster in einigermaßen gefährliche Umstände versetzt hätte; denn da dieser Gentleman zufälligerweise der nächste Gegenstand von Miß Sarah's Zorn war und bekanntermaßen die Wuth, wie das Glück und die Liebe, blind ist, so stürzte die schöne Herzensbändigerin auf ihn los, riß ihm einen falschen Hemdkragen mit den Wurzeln heraus und zerzauste ihm tüchtig das Haar, ehe die Anstrengungen der übrigen Gesellschaft ihr den Irrthum begreiflich machen konnten.

Der Constable, der sich diesen verzweifelten Angriff zur Warnung dienen ließ und vielleicht dachte, daß es dem Zwecke der Gerechtigkeit angemessener sei, wenn der Gefangene ganz, als wenn er in kleine Stücke zerrissen vor den Richter gestellt werde, führte Kit ohne weitern Lärm nach der Miethkutsche zurück und bestand durchaus darauf, daß Miß Braß mit der Außenseite des Wagens vorlieb nehmen müsse, welchen Vorschlag sich endlich das bezaubernde Wesen nach einem kleinen zornigen Wortwechsel fügte. Sie nahm den Platz ihres Bruders auf dem Bocke ein, während Herr Braß mit einigem Widerstreben sich heranließ, den ihrigen im Innern des Wagens zu besetzen. Nachdem diese Vorkehrungen beendigt waren, fuhren sie in aller Hast nach dem Gerichtshofe und der Notar nebst seinen zwei Freunden folgte in einer andern Kutsche nach. Nur Herr Chuckster wurde zurückgelassen – und zwar sehr zu seiner Entrüstung, denn er hielt das Zeugniß, das er über Kit's Rückkehr, um den Shilling abzuverdienen, hätte geben können, für einen so wesentlichen Beitrag zur Bezeichnung seines heuchlerischen und hinterlistigen Charakters, daß er die Unterdrückung desselben für nicht viel besser, als für den gütlichen Vergleich über ein Staatsverbrechen ansah.

In dem Gerichtssaale fanden sie den ledigen Herrn, der sich schnurstracks dahin begeben hatte und sie mit verzweifelter Ungeduld erwartete. Aber nicht fünfzig ledige Herren, zu einem einzigen incorporirt, hätten dem armen Kit helfen können, der eine halbe Stunde nachher in die Anklageliste geschrieben war und auf seinem Wege nach dem Gefängniß von einem freundlichen Gerichtsdiener die Versicherung erhielt, daß durchaus kein Grund vorhanden sei, niedergeschlagen zu sein, denn die Sitzungen würden bald angehen, und dann dürfe er mit großer Wahrscheinlichkeit darauf zählen, daß seine kleine Angelegenheit bald abgethan und er in weniger als vierzehn Tagen ganz behaglich deportirt sei.


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