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Master Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band

Charles Dickens: Master Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMaster Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band
publisherVerlag von Carl Zieger
printrunDritte Auflage
yearo.J.
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderbruce.welch@gmx.net
created20150221
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Der Raritätenladen. Dreiunddreißigstes Kapitel

Der Gang unserer Erzählung fordert, daß wir uns jetzt mit einigen Einzelheiten im Betreffe der häuslichen Einrichtungen des Herrn Sampson Braß bekannt machen, und da sich für diesen Zweck kaum eine passendere Stelle als die gegenwärtige finden wird, so nimmt der Erzähler den freundlichen Leser bei der Hand, macht mit demselben eine Luftfahrt, und zwar weit schneller, als je Don Cleophas Leandro Perez Zambullo in der Gesellschaft seines Vertrauten die gleiche angenehme Region durchschnitt, und läßt sich mit ihm auf dem Pflaster von Bevis-Markt nieder.

Die unerschrockenen Luftschiffer landen vor einem kleinen, finsteren Hause, ehedem der Residenz des Herrn Sampson Braß.

Am Wohnzimmerfenster dieser kleinen Wohnung, welches so nahe an dem Trottoir liegt, daß der an der Mauer gehende Fußgänger das trübe Glas mit seinem Rockärmel abbürstet – was ihrem Schmutze recht wohl zu statten kömmt – an diesem Wohnzimmerfenster hing in den Tagen von Herrn Sampson Braßens dortigem Wirken ein schlaffer, zerknüllter, in der Sonne verschossener, grüner Vorhang, der durch den langen Dienst so fadenscheinig geworden war, daß er keineswegs die Aussicht nach der kleinen, dunkeln Stube hinderte, sondern im Gegentheil ein günstiges Medium bot, durch welches man sie ganz genau betrachten konnte. Es war aber nicht viel zum sehen da. Ein lahmer Tisch, auf dem etliche Bündel gelben und vom langen Tragen in der Tasche zerfetzten Papiers zur Schau ausgestellt lagen, ein paar Schreibeböcke, die sich an den Seiten dieses gebrechlichen Möbelstückes gegenüber standen, ein verrätherischer, alter Stuhl bei dem Kamine, dessen dürre Arme manchen Clienten umfaßt und mitgeholfen hatten, ihn auszudrücken, eine auf dem Vorkauf erstandene Perückenschachtel, jetzt die Niederlage für Vollmachtsformularien, Erklärungen und andere kleine gesetzliche Instrumente, wie letztere vordem der einzige Inhalt des Kopfes waren, zu welchem die der Schachtel angehörige Perücke gehörte, zwei oder drei Bücher über die juristische Praxis, ein Tintenfaß, eine Sandbüchse, ein abgenützter Herdbesen, ein zu Fetzen getretener Teppich, der noch immer mit der Zähigkeit der Verzweiflung an seinen Stiften festhielt – dieß, nebst dem gelben Wandgetäfel, der rauchbraunen Decke, dem Staub und den Spinnengeweben, gehörte unter die augenfälligsten Decorationen in dem Amtszimmer des Herrn Sampson Braß.

Dieß war jedoch bloßes Stillleben und von keiner größeren Wichtigkeit, als die Tafel mit den Worten »Braß, Advokat« über der Thüre, und der Zettel mit der Meldung »der erste Stock ist an einen ledigen Herrn zu vermiethen«, welcher von dem Thürklopfer herunterhing. Das Geschäftslokal enthält nämlich auch noch zwei Exemplare der beseelten Natur, welche mehr in den Gang unserer Geschichte mit eingreifen, weßhalb sie auch an denselben ein lebhafteres Interesse nehmen und ich sie mit besonderer Sorgfalt behandeln muß.

Das eine davon war Herr Braß selbst, welcher bereits in diesen Blättern seine Aufwartung gemacht hat. Das andere versah die Dienste seines Schreibers, seines Gehülfen, seiner Haushälterin, seines Sekretärs, seines vertraulichen Mitverschwörers, seines Rathgebers, seines Intriguanten, seines Rechnungsmehrers, und war keine geringere Person, als Miß Braß, eine Art juristischer Amazone, von der der geneigte Leser wohl eine kurze Beschreibung wünschen wird.

Miß Sally Braß war damals eine Dame von Fünfundvierzigen oder darüber, eine hohe, knöcherne Gestalt von entschlossener Haltung, die, wenn sie auch die sanfteren Regungen der Liebe zurückscheuchte und das Heer der Bewunderer ferne hielt, jedenfalls in dem Inneren derjenigen Männer, welche das Glück hatten, ihr nahe zu kommen, ein Gefühl erweckte, welche dem einer ehrfurchtsvollen Scheu verwandt war. Ihr Gesicht hatte eine sprechende Ähnlichkeit mit dem ihres Bruders Sampson – ja, die Ähnlichkeit zwischen Beiden war so groß, daß es für den ältesten Freund der Familie schwer gefallen sein würde, Sampson von Sally zu unterscheiden, falls es sich mit der jungfräulichen Bescheidenheit und der zarten Weiblichkeit der Letzteren vertragen haben würde, in einer heiteren Laune die Kleider ihres Bruders anzuziehen und sich neben ihm niederzusetzen, um so mehr, da sich auf der Oberlippe der Dame gewisse röthliche Andeutungen befanden, welche man, wenn der Einbildungskraft durch die Veränderung der Kleider nachgeholfen worden wäre, irrthümlicherweise recht wohl für einen Bart hätte halten können. Aller Wahrscheinlichkeit nach waren aber diese nichts weiter, als die Augenwimpern an dem unrechten Platze, da die Augen der Miß Braß solcher natürlichen Ungehörigkeiten durchaus entbehrten. Die Gesichtsfarbe des Fräuleins war blaß – eigentlich etwas schmutzig gelb – erhielt aber einen angenehmen Ton durch die gesunde Glut, welche die äußerste Spitze der lachenden Nase bedeckte. Ihre Stimme war außerordentlich eindringlich, tief, reich, und ließ sich nicht leicht wieder vergessen, wenn man sie einmal gehört hatte. Ihr gewöhnlicher Anzug bestand aus einem grünen Kleide, dessen Farbe der des Fenstervorhanges nicht unähnlich war, schloß dicht an ihrem Leibe an und endigte oben am Halse, wo es mittelst eines eigentümlich großen und massiven Knopfes schloß. Zweifelsohne im Gefühle, daß schlichte Einfachheit die Seele der Eleganz sei, trug Miß Braß weder eine Halskrause, noch ein Tuch, das auf ihrem Kopfe ausgenommen, welcher stets mit einer Gazeschärpe verziert war – eine Verschönerung, welche viele Aehnlichkeit mit den Flügeln des fabelhaften Vampirs hatte und, ganz nachlässig in die erste beste Form verschlungen, einen leichten und anmuthigen Kopfputz bildete.

So viel von der äußern Persönlichkeit der Dame Braß. Die innere Sphäre anbelangend war ihr Geist stark und kräftig, denn von früher Jugend auf hatte sie sich mit ungewöhnlichem Eifer dem Studium des Rechts geweiht, ohne jedoch ihre Spekulationen an dessen Adlerfittige, die so selten sind, wegzuwerfen, daß sie es vorzog, es achtsam durch alle die schlüpfrigen Aalwindungen zu verfolgen, in denen es gemeiniglich seinen Gang nimmt. Auch hatte sie sich nicht, wie viele Leute von großem Verstand, auf die Theorie beschränkt, oder gar da Halt gemacht, wo der praktische Nutzen anfängt, denn sie konnte in dicker und zarter Schrift abschreiben, mit der größten Genauigkeit gedruckte Formularien ausfüllen und, mit einem Worte, jeder gewöhnlichen Obliegenheit eines Bureau's vorstehen, bis auf's Federschneiden und Rauhreiben des Pergament's hinaus. Es ist kaum zu begreifen, wie sie, trotz dieser vereinten Anziehungskräfte, noch immer Miß Braß bleiben konnte: aber mochte sie nun stahlhart gegen das ganze Geschlecht der Männer sein, oder vielleicht ihre Freier durch ihre Rechtskunde eingeschüchtert und abgeschreckt haben, da sie, mit einer solchen Eigenschaft ausgestattet, gar bald mit jenen besondern Statuten zur Hand sein konnte, welche man gewöhnlich die Akte gegen den Treubruch nennt – so viel ist gewiß, daß sie sich noch in dem Stande des Cölibats befand und täglich den alten Schreibebock, ihrem Bruder Sampson gegenüber, einnahm. Und mit gleicher Zuverlässigkeit können wir nebenbei versichern, daß zwischen diesen beiden Böcken bereits viele Leute auf den Strand gelaufen waren.

Eines Morgens saß Herr Sampson Braß auf seinem Stuhl und copierte irgend eine Prozeßschrift, wobei er boshafter Weise seine Feder tief in das Papier eindrückte, als schreibe er unmittelbar auf dem Herzen der Partei, gegen welche sie gerichtet war; und Miß Sally Braß saß auf ihrem Bocke, eine neue Feder zur Ausfertigung einer kleinen Rechnung – ihrer Lieblingsbeschäftigung – zuzurichten; und so saßen sie eine Weile schweigend da, bis Miß Braß die Stille unterbrach.

»Bist du bald fertig, Sammy?« fragte die genannte Dame; denn ihre zarten weiblichen Lippen wandelten das harte Sampson in Sammy um, wie sie auch überhaupt Alles zu mildern pflegten.

»Nein,« entgegnete der Bruder. »Aber es wäre Alles bereits abgethan, wenn du mir zur rechten Zeit geholfen hättest.«

»Oh, ja, natürlich,« rief Miß Sally; du bedarfst meiner Hülfe, nicht wahr? – Und noch obendrein du, der immer einen Schreiber halten will!«

»Will ich mir etwa einen Schreiber aus Muthwillen oder zu meinem eigenen Vergnügen halten, du aufhetzender Schuft?« sagte Herr Braß, indem er seine Feder in den Mund steckte und seiner Schwester boshaft zugrinste. »Warum höhnst du mich, daß ich einen Schreiber halten will?«

Die Thatsache, daß Herr Braß eine Dame einen Schuft nannte, darf weder Verwunderung noch Ueberraschung erregen, denn er war so gewöhnt, sie in der Eigenschaft eines Mannes um sich zu haben, daß es bei ihm allmählich Brauch wurde, mit ihr zu sprechen, als ob sie wirklich ein Mann wäre. Und dieses Gefühl war so vollkommen wechselseitig, daß Herr Braß nicht nur oft die mehrberührte Dame einen Schuft nannte, oder auch dem Schuft zuweilen ein Adjectivum vorsetzte, sondern daß auch Miß Braß dies als eine sich von selbst verstehende Sache betrachtete, indem sie sich eben so wenig dadurch anfechten ließ, als wenn sich eine andere Dame einen Engel nennen hört.

»Warum höhnst du mich jetzt, daß ich einen Schreiber halten will, nachdem wir doch gestern Abend ganze drei Stunden darüber gesprochen haben?« wiederholte Herr Braß, indem er abermals, mit der Feder im Munde, grinste, wie die Helmfigur in dem Wappen irgend eines Adeligen oder eines sonstigen Mannes von Stande. »Ist es meine Schuld?«

»Ich weiß weiter nichts,« versetzte Miß Sally mit einem trockenen Lächeln, denn es war ihr ein Hochgenuß, ihren Bruder reizen zu können, »als daß du besser thun würdest, dein Geschäft aufzugeben, dich aus der Advokatenliste streichen zu lassen und sobald als möglich dich selbst in Beschlag zu geben, wenn jeder deiner Clienten uns sollte zwingen können, einen Schreiber zu halten, mögen wir nun einen brauchen oder nicht.«

»Haben wir einen zweiten Clienten, wie ihn?« entgegnete Braß. »Haben wir einen zweiten Clienten, wie ihn? – Nun, willst du mir das beantworten?«

»Du meinst einen Clienten mit einem solchen Gesicht?« erwiederte seine Schwester.

»Mit einem solchen Gesicht!« höhnte Sampson Braß, indem er das Contobuch herüber langte und rasch dessen Blätter umschlug. »Sieh her – sieh her – Daniel Quilp, Esquire – Daniel Quilp, Esquire – Daniel Quilp, Esquire – durch das ganze Buch. Soll ich nun all Dieß verlieren, oder einen Schreiber nehmen, den er empfiehlt und von dem er sagt: ›das ist ein Mann für Sie‹ – he?«

Miß Sally würdigte ihn keiner Antwort, sondern lächelte abermals und machte in ihrer Arbeit fort.

»Aber ich weiß, was dir im Kopfe herumgeht,« nahm Braß nach einem kurzen Schweigen wieder auf. »Du fürchtest, nicht mehr die Hand so im Geschäfte haben zu können, wie du's bisher gewohnt warst. Meinst du, ich durchschaue das nicht?«

»Nun, ich denke, das Geschäft würde ohne mich keine sonderliche Sprünge machen,« entgegnete seine Schwester ruhig. »Sei kein Narr und reize mich nicht, Sammy, sondern überlege, was du thust, und thue es.«

Sampson Braß, der in seinem Herzen eine große Furcht vor seiner Schwester hatte, beugte sich verdrießlich über seine Akten und hörte zu, während sie fortfuhr:

»Wenn ich entschlossen wäre, daß kein Schreiber kommen sollte, so dürfte mir natürlich keiner in's Haus. Du weißt dies recht gut und hast daher nicht nöthig, solchen Unsinn zu reden.«

Herr Braß nahm diese Bemerkung mit erhöheter Sanftmuth auf und murmelte blos vor sich hin, er sei kein Freund von solchen Späßen und Miß Sally würde ›ein viel besserer Kerl‹ sein, wenn sie es unterließe, ihn aufzubringen. Auf dieses Compliment versetzte Miß Sally, sie finde nun einmal Geschmack an einer solchen Belustigung und habe nicht Lust, sich diesen Genuß zu versagen. Da Herr Braß nicht geneigt schien, den Gegenstand weiter zu verfolgen, so beschleunigten Beide den Lauf ihrer Federn, und die Unterhaltung hatte ein Ende.

Während sie so beschäftigt waren, wurde das Fenster plötzlich verdunkelt, als ob eine Person dicht vor demselben stünde. Herr Braß und Miß Sally sahen auf, um sich hinsichtlich der Ursache Gewißheit zu verschaffen, worauf von außen rasch das Schiebfenster herabgelassen wurde und Quilp seinen Kopf hereinsteckte.

»Holla!« sagte er, indem er sich an dem Fenstersims auf die Zehen stellte und in die Stube heruntersah. »Ist Jemand zu Hause? Ist etwas von der Teufelswaare hier? Kostet's ein Prämium, wenn man des Herrn Braß ansichtig werden will – he?«

»Ha, ha, ha!« lachte der Advokat in affectirter Begeisterung. »Ah, sehr gut, Sir! In der That sehr gut! Ganz ungewöhnlich! Du mein Himmel, was er für einen Humor hat!«

»Ist das meine Sally?« krächzte der Zwerg, indem er die schöne Miß Braß beäugelte. »Ist es die Gerechtigkeit mit der Binde vor den Augen, ohne das Schwert und die Waage? Ist es der starke Arm des Gesetzes? Ist es die Jungfrau von Bevis?«

»Welch ein bewunderungswürdiges Strömen des Witzes!« rief Braß. »Auf mein Wort, es ist ganz außerordentlich.«

»Die Thüre aufgemacht,« sagte Quilp. »Ich habe ihn hier. Das ist ein Schreiber für Sie, Braß; das ist eine rare Erwerbung, ein wahres Trumpfaß. Geschwind die Thüre aufgemacht, oder wenn ein anderer Advokat in der Nähe ist und zufällig aus dem Fenster sieht, so wird er ihn vor Ihren Augen wegschnappen – ja, das wird er.«

Wahrscheinlich würde der Verlust dieses Phönix unter den Schreibern selbst an einen Nebenbuhler in der Rechtspraxis das Herz des Herrn Braß nicht gebrochen haben; demungeachtet aber affectirte er eine große Behendigkeit, indem er rasch von seinem Sitze aufstand, nach der Thüre eilte und mit seinem Clienten zurückkehrte, welcher keine geringere Person als Herrn Richard Swiveller einführte.

»Da ist sie,« sagte Quilp, an der Thüre stehen bleibend, indem er seine Augenbrauen runzelte und Miß Sally anblickte; »da ist das Weib, welches ich hätte heirathen sollen – da ist die schöne Sarah – da ist das Frauenzimmer, welches alle Zauber seines Geschlechtes in sich vereinigt und keine seiner Schwächen theilt. Oh, Sally, Sally!«

Auf diese verliebte Anrede antwortete Miß Braß nur mit:

»Alfanzereien!«

»Hartherzig, wie das Metall, von dem sie ihren Namen hat,« sagte Quilp. »Warum ändert sie ihn nicht – warum schmelzt sie das Erz Braß = Erz. nicht ein und nimmt einen andern Namen an?«

»Bleiben Sie mir mit Ihrem Unsinn vom Halse, Herr Quilp,« entgegnete Miß Sally mit einem häßlichen Lächeln. »Es wundert mich, daß Sie sich nicht vor einem fremden jungen Manne schämen.«

»Der fremde junge Mann,« sagte Quilp, indem er Dick Swiveller vorführte, »ist selbst zu empfänglich, um mich nicht zu verstehen. Dieß ist Dick Swiveller, mein guter Freund, ein Gentleman von guten Aussichten, der sich durch jugendliche Unbesonnenheit ein wenig in Verlegenheit gebracht hat und sich nun begnügt, für eine Weile die niedrige Stellung eines Schreibers auszufüllen – niedrig zwar, aber doch hier sehr beneidenswerth. Welch eine köstliche Atmosphäre!«

Wenn Herr Quilp figürlich sprach und mit seinen Worten andeuten wollte, die Luft, welche Miß Sally athmete, sei versüßt und köstlich gemacht durch dieses liebenswürdige Wesen, so mochte er ohne Zweifel seine guten Gründe dafür haben. Wenn er aber das Annehmliche der hierortigen Atmosphäre im buchstäblichen Sinne meinte, so hatte er jedenfalls einen eigenthümlichen Geschmack, denn sie roch dumpf und erdig, war außerdem mit den Düften des Trödelmarktes in Duke's Place und Houndsditch geschwängert und hatte entschieden die Würze von Ratten und Mäusen nebst einem Anflug von Moderigkeit. Vielleicht mochte auch Herr Swiveller einige Zweifel über deren entzückende Reinheit hegen, denn er schnüffelte ein paarmal und sah ungläubig zu dem grinsenden Zwerge auf.

»Herr Swiveller,« sagte Quilp, »versteht sich recht gut auf jenen Zweig der Agrikultur, der von dem Säen des wilden Habers Wilden Haber sähen = tolle Streiche machen. handelt, Miß Sally, und erwägt klüglich, daß ein halber Laib Brod besser ist, als gar keines. Ebenso weislich meint er auch, es sei doch wenigstens etwas, nicht geradezu verhungern zu müssen, und deßhalb nimmt er das Anerbieten Ihres Bruders an. Braß, Herr Swiveller, ist Ihr Mann.«

»Ich bin sehr erfreut darüber, Sir,« versetzte Herr Braß, »in der That sehr erfreut. Herr Swiveller darf sich Glück wünschen, Sie zum Freund zu haben. Sie dürfen stolz darauf sein, Sir, sich der Freundschaft des Herrn Quilp rühmen zu können.«

Dick murmelte etwas von: er brauche keinen Freund, der ihm die Flasche reiche, und ließ auch seine Lieblingsanspielung auf die Schwinge der Freundschaft, die nie eine Feder verliert, fallen; aber seine geistigen Fähigkeiten schienen ganz von dem Anblick der Miß Sally Braß in Anspruch genommen zu sein, denn er stierte dieselbe mit leeren Augen und mit einer Jammermiene an, worüber der achtsame Zwerg über die Maßen entzückt war. Was die göttliche Miß Sally selbst anbelangte, so rieb sie in der Weise von Geschäftsleuten ihre Hände und ging einigemal, die Feder hinter dem Ohre, in dem Amtslokale auf und ab.

»Vermuthlich wird Herr Swiveller seinen Dienst gleich antreten können?« fragte der Zwerg sich rasch an seinen Rechtsfreund wendend. »Es ist Montag Morgen.«

»Sogleich, wenn's gefällig ist, Sir – in allweg,« entgegnete Braß.

»Miß Sally wird ihn in die Gesetzeskunde einführen, in das entzückende Studium des Rechts,« fuhr Quilp fort; »sie wird sein Führer, sein Freund, sein Blackstone, sein Coke über Littleton, sein ›junger Advokaten bester Geleitsmann‹ sein.«

»Er ist ausnehmend beredt,« sagte Braß mit der Miene eines in Gedanken vergnügten Mannes, indem er, die Hände in seinen Rocktaschen, nach den Dächern der gegenüberstehenden Häuser blickte; »er ist ganz Redefluß. In der That sehr schön.«

»In Miß Sally's Gesellschaft und in Betrachtung der poetischen Herrlichkeit des Rechtes,« sprach Quilp weiter, »werden ihm die Tage wie Minuten entschwinden. Jene entzückenden Schöpfungen der Dichter John Doe und Richard Roe werden ihm, wenn ihm zum erstenmal ihr Morgenroth aufgeht, eine neue Welt zur Bereicherung seines Geistes und Veredelung seines Herzens öffnen.«

»O prächtig, prächtig! In der That prächtig!« rief Braß. »Es ist ein Hochgenuß, ihn zu hören!«

»Wo soll Herr Swiveller Platz nehmen?« fragte Quilp, indem er sich in der Stube umsah.

»Ei, wir kaufen noch einen andern Bock,« entgegnete Braß. »Wir haben nie an die Aufnahme eines Gentlemans in unserem Hause gedacht, Sir, bis Sie so gütig waren, uns darauf aufmerksam zu machen, und unsere häuslichen Bequemlichkeiten sind nicht sehr umfassend. Wir wollen im Vorkaufe nach einem Bock sehen. Wenn übrigens Herr Swiveller in der Zwischenzeit meinen Platz einnehmen und seine Hand an einer Reinschrift dieses Executionsgesuchs erproben will, da ich wohl den ganzen Morgen außer Hause sein werde – –«

»Sie gehen mit mir,« sagte Quilp. »Ich habe ein paar Wörtchen über Geschäftssachen mit Ihnen zu sprechen. Haben Sie übrige Zeit?«

»Ob ich übrige Zeit zu einem Gange mit Ihnen habe? Sie scherzen, Sir, Sie scherzen mit mir,« versetzte der Rechtsgelehrte, indem er seinen Hut zur Hand nahm. »Ich stehe zu Diensten, ganz zu Diensten. Meine Zeit müßte in der That sehr in Anspruch genommen sein, wenn sie mir nicht gestattete, einen Spaziergang mit Ihnen zu machen. Nicht jedem wird es so gut, Sir, sich an Herrn Quilp's Unterhaltung belehren zu können.«

Der Zwerg warf einen sarkastischen Blick auf seinen eisenstirnigen Freund und drehte sich mit einem kurzen trockenen Husten auf seinem Absatze, um Miß Sally Adieu zu sagen. Nach einem sehr galanten Abschied von seiner, und einem sehr kalten, abgemessenen von ihrer Seite, nickte er Dick Swiveller zu und entfernte sich sodann mit dem Sachwalter.

Dick trat in einem Zustande völliger Betäubung an das Schreibpult und stierte die schöne Sally aus Leibeskräften an, als wäre sie irgend ein merkwürdiges Wunderthier, dessen Gleichen niemals gelebt hatte. Sobald der Zwerg auf der Straße anlangte, trat er abermals an den Fenstersims und sah einen Augenblick mit grinsendem Gesichte in das Bureau hinunter, wie man etwa in einen Käficht hineinzuschauen pflegt. Dick blickte nach ihm auf, ohne jedoch ein Zeichen des Erkennens an den Tag zu legen; und lange, nachdem Quilp verschwunden war, stand er noch immer wie festgewurzelt an der Stelle und betrachtete Miß Sally Braß, ohne etwas Anderes zu sehen, oder an etwas Anderes zu denken.

Da Miß Braß sich inzwischen in ihre Kostenzettel vertieft hatte, so nahm sie durchaus keine weitere Notiz von Dick, sondern kratzte mit geräuschvoller Feder fort, in sichtbarem Entzücken die Zahlen ankerbend und wie eine Dampfmaschine arbeitend. Da stand nun Dick, in einem Zustande stumpfsinniger Verwirrung, bald das grüne Kleid, bald den braunen Kopfputz, bald das Antlitz, bald die rasche Feder der Dame betrachtend und nicht wenig verwundert, wie er in die Gesellschaft dieses seltsamen Ungeheuers gekommen, oder ob nicht Alles nur ein Traum sei, aus dem er so gerne erwacht wäre. Endlich entsandte er einen tiefen Seufzer und begann langsam seinen Rock auszuziehen.

Herr Swiveller zog also seinen Rock aus und legte ihn mit großer Sorgfalt zusammen, ohne seine Augen von Miß Sally zu verwenden; dann schlüpfte er in eine blaue Jacke mit einer doppelten Reihe von vergoldeten Knöpfen, die er ursprünglich zu Wasserfahrten bestimmt, diesen Morgen aber als Arbeitskleid mit sich genommen hatte, und noch immer die Blicke auf die Dame geheftet, ließ er sich schweigend auf den Schreibebock des Herrn Braß nieder. Dann erlitt er einen Rückfall und wurde abermals besinnungslos, wobei er sein Kinn auf die Hand stützte und die Augen so weit aufriß, daß es ganz unzweifelhaft zu sein schien, er werde sie nie wieder zumachen können.

Dick sah so lange hin, bis er nichts mehr sehen konnte, senkte dann seine Augen von dem schönen Gegenstand seines Erstaunens zu den Blättern, welche er copiren sollte, tauchte die Feder in das Dintenfaß und begann endlich zu schreiben. Er hatte jedoch noch kein halbes Dutzend Worte geschrieben, als er, hinüberlangend, um die Feder auf's Neue einzutauchen, zufällig die Blicke wieder erhob – und da war der unerträgliche braune Kopfputz – da war das grüne Kleid – mit einem Worte, da war Miß Sally Braß, in alle ihre Zauber gehüllt und noch schrecklicher als je anzusehen.

Dies ereignete sich so oft, daß Swiveller allmälig zu fühlen begann, wie ihn sonderbare Einflüsse beschlichen – schauerliche Begierden, diese Sally Braß zu vernichten – geheimnißvolle Gelüste, ihr den Kopfputz herunterzuschlagen und zu versuchen, wie sie ohne denselben aussähe. Es lag ein sehr großes Lineal auf dem Tisch – ein großes, schwarzes, glänzendes Lineal. Herr Swiveller fing an, sich damit die Nase zu reiben.

Aus dem Reiben der Nase mit dem Lineal folgte ein ganz leichter und natürlicher Uebergang; er wog nämlich dasselbe in seiner Hand und schwang es gelegenheitlich in der Weise eines Tomahawk. Bei einigen dieser Schwenkungen kam es Miß Sally's Kopf ganz nahe; die zerrissenen Enden ihres Kopftuches flatterten in dem dadurch erzeugten Luftzuge; nur noch einen Zoll näher, und der große, braune Knoten lag auf der Erde; aber noch immer arbeitete die nichts ahnende Jungfrau fort, ohne die Augen zu erheben.

Hierin lag nun ein großer Trost. Es war doch etwas Gutes, störrig und verdrießlich fortzuschreiben, bis die Geduld entschwand, dann das Lineal zu ergreifen und es um den braunen Kopfputz sausen zu lassen, mit der Ueberzeugung, ihn nach Gutdünken herunterschlagen zu können. Es war ferner etwas Gutes, es zurückziehen und emsig die Nase damit reiben zu können, wenn zu vermuthen stand, daß Miß Sally aufblicken würde, sobald sich's aber fand, daß die Dame fortwährend in ihrer Antheillosigkeit verharrte, zur Schadloshaltung es noch stärker zu schwingen. Durch diese Mittel beruhigte Herr Swiveller die Aufregung seiner Gefühle, bis die Anwendung des Lineals weniger ungestüm und häufig wurde, und er eben so viele Halbdutzend auf einander folgende Zeilen schreiben konnte, ohne zu dem genannten Instrumente seine Zuflucht nehmen zu müssen – was jedenfalls als ein großer Sieg zu betrachten war.

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