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Master Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band

Charles Dickens: Master Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMaster Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band
publisherVerlag von Carl Zieger
printrunDritte Auflage
yearo.J.
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150121
modified20180917
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Der Raritätenladen.

Achtundfünfzigstes Kapitel

Herr Swiveller und seine Spielgefährtin machten mehrere Partien mit wechselndem Erfolg, bis der Verlust von dreißig Pencen, das allmälige Abnehmen des Biers und das Schlagen der Glocke, welche zehn Uhr verkündigte, den genannten Herrn vereint an die Flucht der Zeit und die Zweckmäßigkeit erinnerte, sich zu entfernen, ehe Herr Sampson und Miß Braß zurückkehrte.

»In Berücksichtigung dieses Gegenstandes, Marquise,« sagte Herr Swiveller ernst, »werde ich Ihre Gnaden um die Erlaubniß bitten, die Tafel in meine Tasche zu stecken und mich aus Ihrer persönlichen Nähe zurückzuziehen, sobald ich diesen Tummler geleert habe, – blos bemerkend, Marquise, daß ich, seit das Leben wie ein Fluß entfleucht, mich nicht kümm're um des Laufes Schnelle, wenn am Ufer solcher Wermuth kreucht, und solch' Augenlicht ihm scheint so helle. Marquise, Ihre Gesundheit! Sie werden mich entschuldigen, daß ich meinen Hut aufbehalte, aber der Palast ist etwas feucht und der Marmorboden – wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf – schmutzig.«

Als Vorsichtsmaßregel gegen die letztere Unbequemlichkeit hatte Herr Swiveller geraume Zeit seine Füße auf die Unterleiste des Tisches gestellt, in welcher Haltung er auch jetzt seine entschuldigenden Bemerkungen zum Besten gab, dabei langsam die letzten Tropfen seines auserlesenen Nektars ausschlürfend.

»Der Baron Sampsono Braßo und seine Schwester sind, wie Sie mir sagten, im Theater?« fuhr Herr Swiveller fort, indem er seinen linken Arm schwer auf den Tisch lehnte und seine Stimme nebst dem rechten Beine in der Weise eines Theaterbanditen erhob.

Die Marquise nickte.

»Ha!« rief Herr Swiveller mit einem bedeutungsvollen Stirnrunzeln. »Das ist gut, Marquise! – doch gleichviel. Wein herbei! Ho!«

Er illustrirte diese melodramatischen Brocken dadurch, daß er sich selbst den Krug mit großer Demuth einhändigte, ihn mit hoher Miene hinnahm, gar durstiglich daraus trank und ungemein lebhaft mit den Lippen schmatzte.

Die kleine Magd, die nicht so vertraut mit theatralischen Gebräuchen war, als Herr Swiveller, da sie in der That nie ein Schauspiel gesehen, oder davon sprechen gehört hatte (es müßte denn zufällig durch Thürenspalten oder an andern verborgenen Orten gewesen sein), fühlte sich durch solche, dem Wesen nach ihr so neue Demonstrationen etwas beunruhigt, und ließ dieß auch deutlich in ihren Blicken merken, weßhalb Herr Swiveller es für nöthig erachtete, die Banditenrolle mit einer, welche sich mehr mit dem gewöhnlichen Leben vertrug, zu vertauschen und zu fragen:

»Gehen sie oft hin, wo Ruhm ihrer harrt, indem sie Euch hier allein lassen?«

»O ja, ich glaube, sie thun das,« versetzte die kleine Dienstmagd. »Miß Sally ist gerade eine solche dafür.«

»Was für eine?« fragte Dick.

»Eine solche,« entgegnete die Marquise.

Nach kurzer Ueberlegung entschloß sich Herr Swiveller, seine verantwortliche Obliegenheit, sie zurechtzuweisen, zu übergehen und sie fortplaudern zu lassen; denn es war augenscheinlich, daß ihr das Wermuthbier die Zunge gelöst hatte, und die Gelegenheit zu einer Unterhaltung kam nicht so häufig an sie, als daß nicht eine kurze Pause für sie ein bedeutungsvoller Zeitverlust gewesen wäre.

»Sie machen hin und wieder bei Herrn Quilp Besuch,« sagte die kleine Magd mit verschmitztem Blicke. »Sie gehen an viele Orte – behüt' uns!«

»Macht Herr Braß einen guten Gewinn?« fragte Dick.

»Nicht halb so sehr, als Miß Sally,« antwortete die kleine Magd mit Kopfschütteln. »Behüt' uns, er thut nie etwas ohne sie.«

»Ah!« wirklich?« entgegnete Dick.

»Miß Sally hält ihn tüchtig in der Ordnung,« fuhr die kleine Magd fort. »Er fragt sie immer um Rath, und fängt auch bisweilen etwas. Gott behüte, Sie würden's gar nicht glauben, wie ihm bisweilen aufgetrumpft wird.«

»Vermuthlich berathen sie sich viel mit einander,« sagte Dick, »und sprechen von andern Leuten – von mir zum Beispiel. Kömmt's nicht bisweilen vor, Marquise?«

Die Marquise nickte ganz erstaunlich.

»Schmeichelhaft?« fragte Herr Swiveller.

Die Marquise veränderte die Bewegung ihres Kopfes, der bisher immer genickt hatte, und begann ihn auf einmal mit solcher Heftigkeit zu schütteln, daß eine Verrenkung ihres Halses zu befürchten stand.

»Hum!« murmelte Dick. »Wäre es ein Mißbrauch des Vertrauens, Marquise, mir mitzutheilen, was sie über ein so unbedeutendes Individuum sprechen, das jetzt die Ehre hat zu –?«

»Miß Sally sagt, Sie wären ein schnurriger Kauz,« versetzte die Kleine.

»Nun, Marquise,« entgegnete Herr Swiveller, »das ist nichts Beschimpfendes. Heiterkeit, Marquise, ist keine schlimme, oder herabwürdigende Eigenschaft. Der alte König Cole war selbst eine lustige alte Haut, wenn wir anders glauben dürfen, was die Geschichte von ihm erzählt.«

»Aber sie sagt,« fuhr seine Gefährtin fort, »daß man Ihnen nicht trauen dürfe.«

»Ei, in der That, Marquise,« sagte Herr Swiveller gedankenvoll, »mehrere Herren und Damen – nicht gerade Standesgenossen, sondern nur Gewerbsleute, Ma'am, Gewerbsleute – haben dieselbe Bemerkung gemacht. Der obscure Spießbürger, der über der Straße drüben ein Hôtel hält, neigte sich gleichfalls heute Abend stark zu dieser Ansicht, als ich ihm befahl, das Banket zu bereiten. Es ist ein im Volke begründetes Vorurtheil, Marquise, und doch schwöre ich Ihnen, ich weiß nicht warum, denn man hat mir zu meiner Zeit bis auf beträchtliche Summen getraut, und ich kann wohl sagen, daß ich von meinem Kredit den besten Gebrauch machte, bis er mich aufgab – ja, gewiß den besten. Herr Braß ist vermuthlich der gleichen Meinung?«

Seine Freundin nickte abermals und ließ dabei einen so verschlagenen Blick schießen, daß daraus hervorzugehen schien, Herr Braß hege über diesen Punkt noch entschiedenere Ansichten, als seine Schwester. Sie mochte sich jedoch schnell wieder fassen, denn sie fügte flehentlich bei:

»Aber sagen Sie ja nichts über mich aus, sonst werde ich zu Tode geschlagen.«

»Marquise,« sagte Herr Swiveller aufstehend, »das Wort eines Gentleman ist so gut, als seine Handschrift – bisweilen noch besser, wie es namentlich dermalen der Fall ist, wo seine Handschrift als eine zweideutige Art von Sicherheit angesehen werden dürfte. Ich bin Ihr Freund und hoffe, daß wir noch mehr Partien in dem gleichen Salon mit einander spielen werden. Aber Marquise,« fügte Richard bei, indem er auf seinem Wege nach der Thüre Halt machte und sich langsam gegen die kleine Magd umsah, die ihm mit der Kerze folgte, »es fällt mir eben bei, daß Sie sehr daran gewöhnt sein müssen, Ihr Auge an den Schlüssellöchern zu lüften, um alles dieß wissen zu können?«

»Ich hätte nur wissen mögen,« versetzte die Marquise zitternd, »wo der Schlüssel zum Speiseschrank versteckt wird? weiter ging meine Absicht nicht. Auch würde ich nicht viel genommen haben, wenn ich ihn gefunden hätte – nur so viel, um meinen Hunger zu stillen.«

»Sie haben ihn also nicht gefunden?« entgegnete Dick. »Doch wie mag ich fragen; Sie wären sonst wohl fetter. Gute Nacht, Marquise. So leb' denn wohl, und wenn für immer, so denn für immer lebe wohl – und legen Sie die Kette vor, Marquise, im Falle sich etwas zutragen sollte.«

Mit dieser Einschärfung zum Abschied schlüpfte Herr Swiveller aus dem Hause, und da er fühlte, er habe inzwischen gerade so viel Getränk eingenommen, als seiner Constitution zuträglich zu sein versprach (das Wermuthbier war nämlich ein etwas starkes und zu Kopf steigendes Gemisch), so entschloß er sich weislich, auf sein Quartier loszusteuern und sich geschwinde in's Bett zu verfügen. Er ging daher nach Hause, und da seine Appartements (er behielt noch immer die Pluralisfiction bei) nicht weit von dem Bureau entlegen waren, so saß er bald in seiner Schlafkammer, wo er, nachdem er den einen Stiefel ausgezogen, den andern aber auszuziehen vergessen hatte, in tiefe Betrachtungen verfiel.

»Diese Marquisin,« sagte Herr Swiveller, indem er die Arme übereinander schlug, »ist eine ganz außerordentliche Person – allenthalben mit Geheimnissen umgeben, weiß nicht, wie Bier schmeckt, ist in nicht minder merkwürdiger Weise nicht einmal mit ihrem Namen bekannt und erlaubt sich eine beschränkte Aussicht auf die Gesellschaft durch die Schlüssellöcher der Thüren. Können diese Umstände zu ihrer Bestimmung gehören, oder hat irgend eine unbekannte Person eine Opposition gegen die Beschlüsse des Schicksals eröffnet? Es ist ein höchst unergründliches, unerbittliches Bedenken!«

Sobald seine Meditationen zu dieser befriedigenden Höhe gelangt waren, gewahrte er seines noch an dem Beine haftenden Stiefels, dessen er sich sofort mit einer Feierlichkeit sonder Gleichen entledigte. Die ganze Zeit über schüttelte er aber sein Haupt mit ungemeiner Gravität und seufzte dabei tief auf.

»Diese Spielpartien,« fuhr Herr Swiveller fort, indem er seine Nachtmütze genau in demselben Styl aufsetzte, in welchem er seinen Hut zu tragen pflegte, »erinnern mich an den stillen Herd des friedlichen Ehestandes. Cheggs' Gattin spielt Cribbage und auch Partien zu Vieren. Dieß bildet den beständigen Kreislauf. Von Spiel zu Spiel treibt man sie, zu dämpfen ihre Schmerzen und kömmt einmal ein Lächeln an sie, so meint man, es komm' aus dem Herzen – aber das ist nicht der Fall. Wohl könnte ich jetzt sagen,« fügte Richard bei, indem er seine linke Wange in's Profil brachte und wohlgefällig den Reflex eines sehr kleinen Streifen Backenbarts in dem Spiegel betrachtete; »ja, wohl könnte ich jetzt sagen, das Eisen ist ihr durch die Seele gedrungen. Aber es geschieht ihr Recht!«

Aus dieser strengen und harten Stimmung in die zartere und pathetischere verschmelzend, stöhnte Herr Swiveller ein wenig, stürmte wild auf und nieder, und that sogar dergleichen, als wolle er sich die Haare ausraufen; er besann sich jedoch eines Bessern und zerrte statt dessen an der Quaste seiner Nachtmütze. Endlich warf er in düsterer Entschlossenheit seine Kleider vollends ab und legte sich zu Bette.

Mancher hätte in seiner vom Sturm zerknickten Lage zum Trinken seine Zuflucht genommen; da aber Herr Swiveller dies bereits zuvor gethan hatte, so legte er sich nur, als er die Nachricht erhalten, daß Sophie Wackles auf immer für ihn verloren sei, auf's Flötenspiel, welches er, nach einer reiflichen Erwägung, für eine gute, gesunde und gehörig trübselige Beschäftigung hielt, indem es nicht nur im Einklang mit seinen eigenen traurigen Gedanken stand, sondern auch berechnet war, verwandte Gefühle in dem Innern seiner Nachbarn zu wecken. In Vollführung dieses Entschlusses zog er nun einen kleinen Tisch an sein Bett, stellte das Licht und ein kleines längliches Notenbuch so vortheilhaft als möglich auf, nahm seine Flöte aus dem Futteral und begann auf's kläglichste zu blasen.

Die Melodie war die des Liedes »Verscheuchet jetzt die Grillen« – eine Composition, welche, wenn sie im Bett sehr langsam auf der Flöte geblasen wird und sich den weitern Nachtheil gefallen lassen muß, von einem Gentleman ausgeführt zu werden, welcher das Instrument sehr unvollkommen versteht und eine Note oftmal wiederholt, ehe er die nächste finden kann – keinen sehr lebhaften Eindruck übt. Demungeachtet aber quetschte Herr Swiveller, bald auf dem Rücken daliegend und die Augen nach der Decke heftend, bald halb im Bette aufgerichtet, um sich im Buche Raths zu erholen, die halbe Nacht oder noch länger die unglückliche Arie wieder und wieder durch, und pausirte höchstens allemal eine oder zwei Minuten, um Athem zu holen, oder einen Monolog über die Marquise abzuhalten, worauf es wieder mit erneuerter Kraft anging. Erst nachdem er seine verschiedenen Betrachtungsgegenstände erschöpft und alle seine aus dem Wermuthbiere entsproßten Gefühle bis zur Hefe durch die Flöte ausgehaucht hatte, wobei alle Bewohner des Hauses, wie auch die Nachbarn rechts und links und über die Straße fast toll geworden waren, schloß er sein Notenheft, löschte das Licht aus, drehte sich leichteren und heiteren Geistes auf die Seite und schlief ein.

Er erwachte des andern Morgens sehr erfrischt und übte sich ungefähr eine halbe Stunde auf seiner Flöte, worauf er sich nach Bevis-Marks begab, nachdem er zuvor die Quartieraufkündigung seiner Hausfrau, die zu diesem Ende schon seit dem Grauen des Tages auf der Treppe wartete, sehr in Gnaden hingenommen hatte. Die schöne Sally befand sich bereits auf ihrem Posten und zeigte in ihren Blicken einen milden Strahlenglanz, ähnlich dem, der dem jungfräulichen Monde entströmt.

Herr Swiveller begrüßte sie mit einem Nicken und tauschte seinen Rock gegen die Wasserfahrtjacke aus, was gewöhnlich eine ziemliche Zeit wegnahm, da er nicht ohne viele Mühe in die engen Aermel kommen konnte. Sobald diese Schwierigkeit überwunden war, nahm er an dem Pulte Platz.

»Ich frage,« begann Miß Braß, plötzlich das Schweigen unterbrechend, »haben Sie diesen Morgen nicht eine silberne Bleistiftröhre gesehen. Wie?«

»Ich traf nicht viele auf der Straße,« versetzte Herr Swiveller. »Ich sah eine – eine stämmige Bleistiftröhre von respektablem Aussehen – aber da sie sich in Gesellschaft eines ältlichen Federmessers und eines jungen Zahnstochers befand, mit welchen sie in einer Unterhaltung begriffen war, so hinderte mich mein Zartgefühl, sie anzureden.«

»Wie, Sie haben nicht?« entgegnete Miß Braß. »Aufrichtig gesprochen?«

»Was für ein dummer Hund müssen Sie sein, daß Sie solche Fragen im Ernste an mich richten,« erwiederte Herr Swiveller. »Komme ich nicht in diesem Augenblick erst an?«

»Nun, so weiß ich weiter nichts,« antwortete Miß Sally, »als daß sie nicht aufzufinden ist, und daß sie in dieser Woche verschwand, als ich sie einmal auf dem Pulte liegen ließ.«

»Holla!« dachte Richard; »ich hoffte doch nicht, daß die Marquise hier Geschäfte gemacht hat.«

»Es war auch ein Messer dabei,« fuhr Miß Sally fort, »mit silbernem Hefte. Ich habe beides vor Jahren von meinem Vater zum Geschenk erhalten, und jetzt ist's fort. Sie haben doch nicht auch etwas vermißt – oder?«

Herr Swiveller griff unwillkürlich mit seinen Händen nach der Jacke, um sich zu überzeugen, daß es eine Jacke und nicht ein Frack sei, und nachdem er sich vergewissert hatte, daß sein einziges bewegliches Eigenthum in Bevis-Marks wohlbehalten vorhanden war, gab er eine verneinende Antwort.

»Es ist etwas sehr Unangenehmes, Dick« – sagte Miß Braß, indem sie die zinnerne Dose herausnahm und sich mit einer Prise labte; »aber unter uns gesagt – wir sind ja Freunde, denn wenn Sammi es wüßte, so würde ich des Zankens kein Ende absehen – auch einiges von dem Bureaugeld, das hier liegen blieb, ist den gleichen Weg gegangen. Insbesondere habe ich zu drei verschiedenen Malen drei halbe Kronen vermißt.«

»Es ist Ihnen doch nicht ernst damit?« rief Dick. »Sehen Sie sich vor, was Sie sagen, alter Knabe, denn dieß könnte einen bedenklichen Handel absetzen. Wissen Sie's auch ganz gewiß? Ist kein Irrthum möglich?«

»Es ist so; auch kann durchaus kein Irrthum stattfinden,« versetzte Miß Braß mit Nachdruck.

»Dann, beim Jupiter, fürchte ich,« dachte Richard, indem er seine Feder niederlegte, »daß es um die Marquise geschehen ist!«

Je mehr Dick den Gegenstand in seinen Gedanken erwog, desto wahrscheinlicher schien es ihm, daß die kleine Magd die Schuldige sei. Wenn er bedachte, von welcher spärlichen Kost sie leben mußte, wie vernachlässigt und unterrichtslos sie war, und wie ihre natürliche Schlauheit durch Noth und Entbehrung geschärft worden, so zweifelte er kaum mehr daran. Und doch bemitleidete er sie so sehr und empfand es so schmerzlich, das Sonderbare dieser neuen Bekanntschaft durch eine so ernste Veranlassung gestört zu sehen, daß er meinte, und zwar allen Ernstes meinte, es wäre ihm lieber, die Marquise unschuldig zu wissen, als fünfzig Pfund einzunehmen.

Während er sich in sehr tiefsinnigen und ernsten Betrachtungen über diesen Gegenstand erging, und Miß Sally da saß, mit geheimnißvoller und bedenklicher Miene den Kopf schüttelnd, ließ sich die Stimme ihres Bruders Sampson vernehmen, der in der Hausflur eine heitere Melodie aborgelte; und unmittelbar darauf trat der genannte Ehrenmann, von einem tugendhaften Lächeln strahlend, persönlich in's Zimmer.

»Ah, guten Morgen, Herr Richard. Da sind wir wieder, Sir, und treten einen neuen Tag an, während der Leib gestärkt ist von Schlummer und Frühstück, und der Geist in strömenden Flüssen sich entfaltete. Da sind wir, Herr Richard, mit der Sonne aufstehend, um unsere kleine Bahn abzulaufen – die Bahn unserer Pflicht, Sir – und gleich ihr zu unserem Tagewerk zu gehen, zu unserer eigenen Ehre und zu Nutz und Frommen unserer Nebenmenschen. Ein bezaubernder Gedanke, Sir – ganz bezaubernd.«

Während Herr Braß seinen Schreiber mit diesen Worten anredete, beschäftigte er sich eben auf eine etwas in die Augen fallende Weise mit der umständlichen Prüfung einer Fünfpfundnote, die er in der Hand mitgebracht hatte und welche er gelegentlich gegen das Licht hielt.

Da Herr Richard diese Bemerkungen mit keiner Spur von Begeisterung aufnahm, so wandte sein Principal die Augen nach ihm hin, bei welcher Gelegenheit derselbe fand, daß sein Gesicht einen beunruhigenden Ausdruck trug.

»Sie sind nicht in der besten Laune, Sir?« sagte Braß. »Wir sollten freudig an die Arbeit gehen, Herr Richard, und nicht mit einer verstimmten Seele. Es ziemt uns, Herr Richard, zu – –«

Hier entsandte die keusche Maria einen leichten Seufzer.

»Ach du mein Himmel!« rief Herr Sampson, »Auch du? Was giebt es denn? Herr Richard, Sir –«

Dick, der auf Sally blickte, bemerkte, daß sie ihm durch Zeichen zu verstehen gab, er möchte ihren Bruder den Gegenstand ihrer Besprechung mittheilen. Da seine eigene Lage nicht die angenehmste war, bis der Handel auf die eine oder die andere Art bereinigt war, so willfahrte er; und Miß Braß, die ganz ungeheuer der Schnupftabakdose zusprach, bestätigte seine Eröffnung.

Sampsons Gesicht verlängerte sich, und Angst überflog seine Züge. Anstatt jedoch ungestüm über den Verlust seines Geldes wehzuklagen, schlich er auf den Zehen nach der Thüre, öffnete sie, sah hinaus, machte sie leise wieder zu, kehrte auf den Zehenspitzen zurück und sprach flüsternd: –

»Dieß ist ein höchst außerordentlicher und schmerzlicher Umstand, Herr Richard – ein sehr schmerzlicher Umstand. Die Sache ist nämlich, daß ich selbst kürzlich mehrere kleine Summen von dem Pulte vermißte, und ich enthielt mich nur deßhalb, der Sache zu erwähnen, weil ich hoffte, ein Zufall würde zur Entdeckung des Verbrechers führen. Dieß ist aber nicht der Fall gewesen – es ist nicht der Fall gewesen – es ist nicht der Fall gewesen. Sally – Herr Richard – Dieß ist ein besonders bedauerlicher Handel!«

Während Sampson sprach, legte er in der Zerstreuung die Banknote auf das Pult unter einige Papiere und steckte seine Hände in die Taschen. Richard machte ihn darauf aufmerksam und ermahnte ihn, die Banknote an sich zu nehmen.

»Nein, Herr Richard,« versetzte Braß in großer Aufregung, »ich will sie nicht nehmen. Sie soll dort liegen bleiben, Sir. Sie zu mir zu stecken, würde einen Zweifel gegen Sie verrathen – gegen Sie, Sir, in den ich unbedingtes Vertrauen setze. Wir wollen sie hier liegen lassen und sie unter keinen Umständen wegnehmen.«

Mit diesen Worten pätschelte ihn Herr Braß zwei- oder dreimal freundlich auf die Schulter und versicherte ihn, daß er so viel Vertrauen in seine Ehrlichkeit setze, als in seine eigene. Obgleich Herr Swiveller zu einer andern Zeit dieß für ein zweideutiges Compliment genommen hätte, so fühlte er doch unter obwaltenden Umständen eine große Erleichterung in der Zusicherung, daß man keinen Verdacht gegen ihn hege. Er gab eine passende Antwort, worauf Herr Braß ihm die Hand drückte, der sofort in ein finsteres Nachsinnen versank, was auch bei Miß Sally der Fall war. Richard blieb gleichfalls nicht frei von der gedankenvollen Stimmung seiner Umgebung, denn er fürchtete jeden Augenblick eine Anschuldigung gegen die Marquise zu vernehmen wie er sich überhaupt der Ueberzeugung nicht erwehren konnte, daß sie schuldig sein müsse.

Sie verharrten einige Minuten in diesem Zustande, als Miß Sally plötzlich mit geballter Faust auf das Pult schlug und ausrief: »Ich habe es getroffen!« was auch allerdings der Fall war, denn es hatte sogleich Splitter gegeben. Sie hatte jedoch nicht das Pult gemeint.

»Nun,« rief Braß ängstlich. »So sprich dich aus.«

»Je nun,« versetzte seine Schwester mit triumphirender Miene, »ist in den letzten drei oder vier Wochen nicht beständig Jemand in dem Bureau ein- und ausgegangen? Hat man es nicht dir zu danken, daß dieser Jemand bisweilen allein hier blieb? Und willst du mir weiß machen, daß dieser Jemand nicht der Dieb sei?«

»Welcher Jemand?« brauste Braß auf.

»Je nun, wie nennt Ihr ihn doch – Kit?«

»Der junge Mensch bei Herrn Garland?«

»Zuverlässig.«

»Nein, nimmermehr!« rief Braß. »In keinem Falle. Ich will nichts davon hören. Sprich nichts Solches« – fügte Sampson bei, indem er den Kopf schüttelte und sich mit beiden Händen abarbeitete, als habe er tausend Spinnengewebe aus seinem Gesichte zu wischen. »Ich werde es nie von ihm glauben, nie!«

»Ich behaupte,« wiederholte Miß Braß, abermals eine Prise nehmend, »daß er der Dieb ist.«

»Und ich sage,« entgegnete Sampson noch ungestümer, »daß er es nicht ist. Was willst du damit sagen? Wie kannst du dich unterstehen? Darf man Einem ein gutes Prädikat nur geschwind so wegflüstern? Weißt du auch, daß er der ehrlichste und treueste Bursche ist, der je gelebt hat, und daß er einen untadeligen, guten Namen besitzt? Herein! Herein!«

Diese letzteren Worte waren nicht an Miß Sally gerichtet, obgleich sie in dem gleichen Tone entrüsteten Beweises ausgesprochen waren, sondern galten vielmehr einer Person, die an der Bureauthüre geklopft hatte. Auch waren sie kaum über die Lippen des Herrn Braß geflossen, als derselbige Kit hereinsah.

»Entschuldigen Sie, Sir, ist der Herr droben?«

»Ja, Kit,« antwortete Braß, noch immer entflammt von edlem Unwillen, und die Brauen finster gegen seine Schwester runzelnd. »Ja, Kit, er ist oben. Ich freue mich, Sie zu sehen, Kit; recht sehr freue ich mich, Sie zu sehen. Sprechen Sie beim Herunterkommen wieder bei uns ein, Kit.«

»Dieser Junge ein Dieb?« rief Braß, als Kit sich entfernt hatte; »ein so freimüthiges und offenes Gesicht? Ich wollte ihm ungezähltes Gold anvertrauen. Herr Richard, wollen Sie nicht die Güte haben, geschwinde zu Wrasp und Compagnie in der breiten Straße zu gehen und dort anzufragen, ob sie Weisung erhalten haben, in Carkem und Painter zu erscheinen? Dieser Junge ein Dieb!« höhnte Sampson, noch immer vor Zorn glühend. »Bin ich blind, taub, blödsinnig? Verstehe ich nichts von menschlichen Charakteren, wenn ich sie vor mir sehe? Kit ein Dieb – Bah!«

Sampson Braß warf diesen Schlußausruf Miß Sally mit der Miene unaussprechlicher Verachtung zu, steckte den Kopf in sein Pult, als wollte er seinen Augen den Anblick einer so schlimmen Welt ersparen, und keuchte sogar noch unter dem halbgeschlossenen Deckel Trotz hervor.


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