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Master Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band

Charles Dickens: Master Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMaster Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band
publisherVerlag von Carl Zieger
printrunDritte Auflage
yearo.J.
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150121
modified20180917
projectide099f732
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Der Raritätenladen.

Siebenundfünfzigstes Kapitel

Herrn Chuckster's unmuthige Besorgnisse waren nicht ohne Grund. Jedenfalls wollte sich die Freundschaft zwischen dem ledigen Herrn und Herrn Garland nicht abkühlen, sondern machte vielmehr Riesenfortschritte, und wurde immer dicker und inniger. Sie standen bald in einem beständigen Verkehr, und da der ledige Herr sich damals etwas unwohl befand (höchst wahrscheinlich die Folge der Aufregungen und Täuschungen der letzten Tage), so war Anlaß vorhanden, eine noch häufigere Correspondenz zu unterhalten, wie denn auch fast jeden Tag einer der Insassen von Abel Cottage zwischen Bevis-Marks und Finchley ab- und zuging.

Was den Pony anbelangt, so hatte dieser jetzt die Maske ganz abgeworfen, indem er sich ohne viele Umstände geradezu hartnäckig weigerte, einem andern Lenker als Kit zu folgen, und so traf es sich denn regelmäßig, daß Kit von der Partie war, mochte nun Herr Garland oder Herr Abel auf Besuch kommen. Alle Aufträge und Anfragen mußte natürlich Kit von Rechtswegen besorgen, und so traf es sich denn, daß er, während der ledige Herr unwohl war, jeden Morgen fast so regelmäßig wie der Postbote in Bevis-Marks eintraf.

Herr Sampson Braß, dem es nicht an Gründen fehlte, ein scharfes Augenmerk auf ihn zu richten, hatte bald den Tritt des Pony und das Rasseln der kleinen Chaise an der Straßenecke unterscheiden gelernt. So oft dieser Ton sein Ohr erreichte, legte er alsbald seine Feder nieder, wobei er seine Hände zu reiben und das größte Erstaunen an den Tag zu legen begann.

»Ha, ha!« konnte er rufen, »da ist der Pony wieder. Höchst merkwürdiger Pony; außerordentlich gelehrig, – he, Herr Richard, he, Sir?«

Es versteht sich von selbst, daß Dick irgend eine Antwort darauf gab, und Herr Braß, der sich auf die Leiste seines Bocks stellte, um durch das obere Fenster eine Aussicht nach der Straße zu gewinnen, nahm die Besuche in Augenschein.

»Der alte Herr wieder!« rief er; »ein sehr einnehmender alter Herr – charmantes Gesicht, Sir – außerordentlich ruhig – Wohlwollen in jedem Zuge, Sir. Er verwirklicht ganz meine Idee von dem König Lear, wie er aussah, als er noch im Besitz seines Königreichs war, Herr Richard. Derselbe gute Humor, dasselbe weiße, zum Theil kahle Haupt, dieselbe Zugänglichkeit für Betrügerei. Ah! ein angenehmer Gegenstand für die Betrachtung, Sir, höchst angenehm!«

Wenn dann Herr Garland abgestiegen und die Treppe hinaufgegangen war, so konnte Sampson nicken und Kit von dem Fenster aus zulächeln. Er ging auch wohl auf die Straße hinaus, um ihn zu begrüßen, worauf dann eine Unterhaltung wie die nachstehende zu folgen pflegte.

»Zum Wunder gestriegelt, Kit« – beginnt Herr Braß indem er den Pony streichelt – »macht Ihnen große Ehre – erstaunlich glatt und blank. Er sieht buchstäblich aus, als ob er über und über gefirnißt worden wäre.«

Kit langt an seinen Hut, lächelt und streichelt den Pony gleichfalls, und drückte seine Ueberzeugung aus: »Herr Braß werde nicht viele seines Gleichen finden.«

»In der That ein schönes Thier!« ruft Braß. »Und dazu noch so gescheidt.«

»Beim Himmel!« versetzte Kit, »er weiß, was Sie ihm sagen, so gut als ein anderer Christenmensch.«

»Wirklich?« ruft dann Braß, der das Nämliche an dem gleichen Orte und von derselben Person mit den nämlichen Worten schon zu Dutzendmalen gehört hat, aber demungeachtet vor Erstaunen ganz versteinert ist. »Ei der Tausend!«

»Als ich ihm zum ersten Male sah,« fährt Kit fort, der über das lebhafte Interesse des Advokaten an seinem Liebling sehr vergnügt ist, »hätte ich es mir nicht wohl träumen lassen, daß ich so gut mit ihm bekannt werden würde, als ich es jetzt bin.«

»Ah!« erwiederte Herr Braß, bis an den Rand voll von moralischen Grundsätzen und Tugendliebe. »Ein bezaubernder Gegenstand zur Betrachtung für Sie – ganz bezaubernd. Ein Gegenstand, auf den Sie mit Recht stolz sein und zu dem Sie sich Glück wünschen können. Ehrlichkeit ist die beste Politik – ich finde dieß stets auch an mir selber. Ich habe diesen Morgen aus lauter Ehrlichkeit siebenundvierzig Pfund, zehn Schillinge verloren – aber es ist alles Gewinn, es ist Gewinn!«

Herr Braß kitzelt pfiffig seine Nase mit der Feder und das Wasser steht ihm in den Augen, während er Kit anblickt. Kit aber denkt, wenn es je einen guten Menschen gibt, dessen Herz sein Aeußeres Lügen straft, so ist dieser Mensch Sampson Braß.

»Ein Mann,« fährt Sampson fort, »der an einem Morgen durch seine Ehrlichkeit siebenundvierzig Pfund und zehn Schillinge verliert, ist ein beneidenswerther Mann. Wären es achtzig Pfund gewesen, so hätte die Wollust des Gefühls noch größer sein müssen. Jedes verlorene Pfund wäre durch den Gewinn von einem Centner Glück ausgeglichen worden. Die stille kleine Stimme,« ruft Braß lächelnd, indem er sich dabei auf die Brust schlägt, »singt lustige Lieder in meinem Innern, und Alles ist lauter Glück und Freude.«

Kit ist durch diese Unterhaltung so erbaut und findet sich in derartigen Gefühlen so heimisch, daß er eben überlegt, was er sagen will, als Herr Garland erscheint. Herr Sampson Braß läßt es sich nicht nehmen, dem alten Herrn in die Chaise zu helfen, und der Pony, der nach mehrmaligem Kopfschütteln drei oder vier Minuten mit seinen vier Beinen wie in die Erde gepflanzt dasteht, als sei er fest entschlossen, sich nie wieder von der Stelle zu rühren, und hier zu leben und zu sterben, packt plötzlich, ehe man sich's versieht, auf und schießt mit einer Geschwindigkeit von zwölf englischen Meilen in der Stunde weiter. Dann tauschen Herr Braß und seine Schwester, die inzwischen an die Thüre getreten ist, eine wunderliche Art von Lächeln aus, das wir jedoch keineswegs ein angenehmes nennen möchten, und kehren zu Herrn Richard Swiveller zurück, der während ihrer Abwesenheit sich selbst mit unterschiedlichen pantomimischen Heldenthaten regalirt hat, und nun mit sehr geröthetem und erhitztem Gesichte an seinem Pulte gefunden wird, wo er mit großem Eifer einen imaginären Tintenklecks aus dem Papiere kratzt.

So oft Kit allein und ohne die offne Chaise kam, so traf es sich immer, daß Sampson Braß sich an irgend einen Auftrag erinnerte, in Folge dessen er Herrn Swiveller, wenn auch nicht wieder nach Peckham Rye, so doch jedenfalls nach einem hübsch entfernten Platze schickte, von wo aus seine Rückkehr nicht vor zwei oder drei Stunden zu besorgen stand, um so weniger, da, aufrichtig gestanden, der genannte Herr nicht sehr im Rufe stand, bei solchen Gelegenheiten sehr expedit zu sein, sintemal er die erforderliche Zeit bis an die äußersten Gränzen der Möglichkeit zu verlängern und auszuspannen pflegte. Sobald Herr Swiveller fort war, nahm auch Miß Sally ihren Abschied. Herr Braß ließ dann die Bureauthüre weit offen, summte seine alte Arie mit großer Herzensfreudigkeit und lächelte so seraphisch wie früher. Sobald Kit die Treppe herunter kam, wurde er in das Bureau gerufen, durch irgend ein moralisches und angenehmes Gespräch unterhalten, vielleicht ersucht, einen Augenblick auf das Bureau Acht zu haben, während Herr Braß einen kleinen Ausgang machte, und dann je nach den Umständen mit einer oder zwei halben Kronen beschenkt. Dieß trug sich so oft zu, daß Kit, nicht anders glaubend, als sie kämen von dem ledigen Herrn, der bereits seine Mutter mit großer Freigebigkeit beschenkt hatte, die Großmuth desselben nicht genug bewundern konnte. Er kaufte auch für seine Mutter, für den kleinen Jakob, für das Wiegenkind und für Barbara obendrein so viele wohlfeile Geschenke, daß das Eine oder das Andere von ihnen tagtäglich irgend eine neue Kleinigkeit erhielt.

Während in und außer dem Bureau des Herrn Sampson Braß in dieser Weise operirt wurde, begann Richard Swiveller, der oft allein bleiben mußte, die Zeit schrecklich langweilig zu finden. In Erhaltung seiner guten Laune und um seine Fähigkeiten nicht einrosten zu lassen, versah er sich daher mit einer Cribbage-Tafel, einem Paquet Karten, und spielte sodann mit einem Blinden für zwanzig-, dreißig-, bisweilen sogar für fünfzigtausend Pfund auf eine Partie, die vielen Hazardwetten zu einem beträchtlichen Betrag gar nicht mitgerechnet.

Da diese Spiele, trotz der ungeheuren Summen, die dabei zur Sprache kamen, sehr still abliefen, so begann Herr Swiveller an Abenden, wo Herr und Miß Braß ausgingen (was gegenwärtig sehr oft geschah), zu glauben, er höre eine Art von schnarchenden oder schwer athmenden Tönen in der Richtung der Thüre, wobei ihm nach einiger Ueberlegung einfiel, sie müßten von der kleinen Dienstmagd herrühren, die als Folge ihres stetigen Aufenthalts in feuchten Löchern beharrlich den Schnupfen hatte. Bei Gelegenheit einer Untersuchung, die er eines Abends anstellte, konnte er deutlich an dem Schlüsselloche ein glänzendes Auge unterscheiden, und da er jetzt nicht mehr an der Richtigkeit seiner Muthmaßung zweifelte, so stahl er sich sachte nach der Thüre und stürzte über sie her, ehe sie seines Näherkommens gewahrte.

»Oh! ich habe in der That nichts Schlimmes im Sinne gehabt. Gewiß, Sie dürfen mir's glauben,« rief die kleine Magd, die sich wie eine viel größere Person wehrte. »Es ist sogar langweilig unten, aber seien Sie so gut, mich nicht zu verklagen; ich bitte, thun Sie's nicht.«

»Dich zu verklagen?« versetzte Dick. »Meinst du, ich werde dich verklagen, weil du durch das Schüsselloch geschaut hast, um Gesellschaft zu haben?«

»Ja, auf mein Wort, ich meinte das,« entgegnete die kleine Dienstmagd.

»Wie lange hast du schon dein Auge geletzt?« fragte Dick.

»O, immer, seit Sie mit Karten zu spielen anfingen, und auch schon früher.«

Unbestimmte Erinnerungen an verschiedene phantastische Exercitien, mit denen er sich selbst nach den Mühen des Geschäfts erfrischt, und denen ohne Zweifel die Magd zugesehen hatte, machten zwar Herrn Swiveller etwas verblüfft; da er aber in solchen Fällen nicht sehr empfindlich war, so faßte er sich schnell wieder.

»Nun – komm herein,« – sagte er nach einer kurzen Ueberlegung. »Da – setze dich nieder. Ich will dich spielen lehren.«

»O! ich dürfte das nicht wagen,« versetzte die kleine Magd. »Miß Sally würde mich umbringen, wenn sie wüßte, daß ich heraufkäme.«

»Hast du Feuer drunten?« fragte Dick.

»Nur ein sehr kleines,« versetzte die kleine Magd.

»Da mich Miß Sally nicht umbringen kann, wenn sie erfährt, daß ich hinuntergehe, so will ich kommen,« sagte Richard, die Karten in seine Taschen steckend. »Ei, wie mager bist du! Was soll das heißen?«

»Es ist nicht meine Schuld.«

»Könntest du etwas Brod und Fleisch essen?« fragte Dick, indem er seinen Hut herunternahm.

»Ja.«

»Ah! ich dachte mir's. Hast du je Bier gekostet?«

»Ich habe einmal ein Schlückchen erhalten,« entgegnete die kleine Magd.

»Ah! Stehen die Dinge so!« rief Swiveller, die Augen zu der Decke erhebend. »Sie hat es nie gekostet – man kann nichts kosten mit einem Schlückchen! Wie alt bist du denn?

»Ich weiß es nicht.«

Herr Swiveller riß seine Augen weit auf und schien einen Moment über etwas nachzudenken. Dann befahl er der Kleinen, auf die Thüre Acht zu haben, bis er wieder zurückkäme, und verschwand alsbald.

Er kehrte schnell wieder zurück, den Jungen aus dem Wirthshause in seinem Gefolge, der in der einen Hand einen Teller mit Brod und Rindfleisch, und in der andern einen großen Krug trug, aus dem ein sehr würziges Gemisch seine lieblichen Dünste entsandte. Es war auch in der That ein auserlesenes Wermuthbier und nach einem besondern Rezepte gebraut, welches Herr Swiveller dem Wirthe in einer Periode mitgetheilt hatte, wo er tief in dessen Büchern stand und emsig bemüht war, sich dessen Freundschaft zu erhalten. Er nahm dem Knaben die Bürde an der Thüre ab, beauftragte seine kleine Gefährtin, die letztere zu schließen, um einer Ueberraschung vorzubeugen, und verfügte sich sodann mit derselben nach der Küche.

»Da,« sagte Richard, indem er den Teller vor sie hinstellte. »Vor Allem mache hier reine Arbeit, und wenn du fertig bist, wirst du sehen was weiter kömmt.«

Die kleine Magd bedurfte keines weitern Geheißes, und der Teller war bald geleert.

»So,« sagte Dick, indem er ihr das Bier hinüberreichte; »jetzt nimm einen Schluck von diesem. Aber mäßige dein Entzücken, denn du weißt, daß du nicht daran gewöhnt bist. Nun, ist es gut?«

»O, diese Frage!« antwortete die kleine Magd.

Herr Swiveller schien durch diese Antwort über alle Beschreibung erfreut zu sein, und nahm selbst einen langen Schluck, während dessen er ohne Unterlaß seine Gefährtin fest in's Auge faßte. Sobald diese Einleitungen getroffen waren, schickte er sich an, sie spielen zu lehren, was sie bald leidlich gut lernte, da sie sowohl verständig als verschmitzt war.

»Nun,« sagte Herr Swiveller, indem er zwei Sechspencestücke in eine Untertasse legte und das armselige Licht schneuzte, sobald die Karten abgehoben und ausgegeben waren, »das ist der Einsatz. Wenn du gewinnst, so kriegst du ihn ganz, gewinne ich, so gehört er mir. Um der Sache einen reelleren und amüsanteren Anstrich zu geben, werde ich dich Marquise nennen, hörst du?«

Die kleine Magd nickte bejahend.

»Dann Marquise,« sagte Herr Swiveller, »legen Sie los!«

Die Marquise hielt die Karten fest in beiden Händen und überlegte, welche sie ausspielen sollte, während Herr Swiveller die heitere und fashionable Miene annahm, welche in einer solchen Gesellschaft nöthig war, ein zweites Mal seinem Kruge zusprach und wartete, bis seine Gefährtin den Anfang machte.


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