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Master Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band

Charles Dickens: Master Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMaster Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band
publisherVerlag von Carl Zieger
printrunDritte Auflage
yearo.J.
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150121
modified20180917
projectide099f732
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Der Raritätenladen.

Sechsundfünfzigstes Kapitel

Einen oder zwei Tage nach Quilp's Theepartie in der Wildniß verfügte sich Herr Swiveller zu der gewohnten Stunde in das Bureau des Herrn Sampson Braß, und da er jetzt zufällig in diesem Tempel der Rechtschaffenheit allein war, so legte er seinen Hut auf das Pult, zog aus seiner Tasche einen schmalen Streifen schwarzen Krepps, legte denselben zusammen und steckte ihn in der Weise eines Hutbundes fest. Nachdem er dieses Anhängsel zu Stande gebracht, betrachtete er seine Arbeit mit großer Wohlgefälligkeit und setzte seinen Hut wieder auf – ziemlich gegen das linke Auge geneigt, um den Effekt der Trauer zu erhöhen. So zu seiner vollkommenen Zufriedenheit ausstaffirt, steckte er seine Hände in die Taschen und spazierte gemessenen Schrittes in dem Bureau auf und nieder.

»So ging es mir immer,« sagte Herr Swiveller, »ohne Unterlaß. 's war immer so – von Jugend an mußt' mich mein schönstes Hoffen trügen; ich durfte keiner Blüthe nah'n, sollt sie nicht schnell im Sturm verfliegen. Nie hätschelte ich mir ein Weibchen, daß mich ihr Aug' bestrahlt' mit Lust, daß ich nicht sehen mußt' das Täubchen sich einem Marktgärtner werfen an die Brust.«

Von solchen Betrachtungen überwältigt machte Herr Swiveller vor dem Clientenstuhle Halt und warf sich in dessen offene Arme.

»Und das,« sagte Herr Swiveller mit einer Art trotziger Fassung, »das nennt man, glaube ich, Leben. Natürlich – und warum nicht? Ich bin ganz zufrieden. Ich will es tragen,« fügte Richard bei, indem er seinen Hut wieder abnahm und ihn unwillig anschaute, als würde er nur von pecuniären Rücksichten abgehalten, ihn unter seine Füße zu treten, »ich will es tragen, dieß Sinnbild weiblicher Treulosigkeit, als Erinnerungszeichen an sie, mit der ich nie wieder einfädeln werde die Windungen des Labyrinths, deren Gesundheit ich nie wieder ausbringen will in dem Rosigen, und die für den kurzen Rest meines Daseins meinen Balsamischen ermordet. Ha, ha, ha!«

Damit der Schluß dieses Selbstgespräches nicht als unharmonisch mit den Vordersätzen erscheine, mag wohl die Bemerkung nöthig sein, daß Herr Swiveller nicht mit einem fröhlichen, heitern Lachen endigte, was ohne Zweifel zu seinen feierlichen Betrachtungen in einen Widerspruch getreten wäre, sondern daß er einmal in einer theatralischen Laune, nur eine Vorstellung zum Besten gab, welches man in Melodramen »das Gelächter eines Teufels« nennt – denn es scheint, daß jene Teufel immer in Sylben, und zwar in drei Sylben, lachen, nie mehr und nie weniger, was eine merkwürdige und beachtenswerthe Eigenthümlichkeit bei diesen achtbaren Personen ist.

Diese schrecklichen Töne waren kaum verhallt, und Herr Swiveller saß noch immer in einer gar grimmigen Stimmung auf dem Klientenstuhl, als ein Klingeln – oder um den Ausdruck seinem dermaligen Humor mehr anzupassen, ein Todtengeläute – an der Bureauthüre laut wurde. Er öffnete die letztere mit aller Hast und erschauete das ausdrucksvolle Antlitz des Herrn Chuckster, den er alsbald mit einem brüderlichen Gruße empfing.

»Du bist teufelmäßig früh in dieser verpesteten, alten Mörderhöhle,« sagte dieser Gentleman, indem er sich auf einem Beine balancirte und das andere nachlässig hin und her schleuderte.

»Ziemlich,« versetzte Dick.

»Ziemlich?« entgegnete Herr Chuckster mit jener Miene graziöser Sorglosigkeit, die ihm so wohl ließ. »Ich sollt's doch auch meinen. Ei, mein Freundchen, weißt du auch, wie viel es geschlagen hat? – halb 10 Uhr Morgens.«

»Willst du nicht hereinkommen?« sagte Dick. »Mutterseelen allein. Swiveller solus. ›Dieß ist des Zaubers –‹«

»›Nächtliche Stunde!‹«

»›Wo Gräber sich öffnen,‹«

»›Und Todte machen die Runde.‹«

Nach dem Schlusse dieses dialogisirten Citates fiel jeder der beiden Gentlemen in eine Attitüde, worauf sich beide wieder zu Prosa herabließen und in das Bureau spazierten. Solche Begeisterungsbrocken waren etwas Gewöhnliches unter den gloriosen Apollos und bildeten in der That die Kette, welche sie zusammenknüpfte und über die ertödtende Langeweile der Erde erhob.

»Nun, und wie befindest du dich, mein altes Haus?« sagte Herr Chuckster, indem er einen Stuhl nahm. »Ich sah mich genöthigt, wegen einiger kleinen Privatangelegenheiten in die City zu gehen, und konnte nicht an der Ecke vorbei, ohne ein bischen einzusprechen; aber bei meiner Seele, ich erwartete nicht, dich zu treffen. Es ist noch so ungemein früh.«

Herr Swiveller drückte seinen Dank aus; und da sich aus der weiteren Unterhaltung ergab, wie er sich in guter Gesundheit befand, und wie Herr Chuckster sich eines gleich beneidenswerthen Zustandes erfreute, so vereinigten sich die beiden Gentlemen – in Folge eines feierlichen Brauches der alten Brüderschaft, welcher sie angehörten – zu einem Fragment des populären Duetts: »Alles ist wohl!« das mit einem langen Händedruck endigte.

»Und was gibt's Neues?« fragte Richard.

»Die Stadt ist so flach, wie die Oberfläche eines holländischen Ofens, mein theurer Bundesgenosse,« versetzte Herr Chuckster. »Es gibt nichts Neues! Apropos, euer Miethsmann ist eine ganz außerordentliche Person. Er bietet der kräftigsten Fassungsgabe Hohn, mußt du wissen; es hat nie einen solchen Kerl gegeben!«

»Was hat er denn wieder getrieben?« fragte Dick.

»Beim Jupiter,« entgegnete Herr Chuckster, indem er eine längliche Schnupftabaksdose herauszog, deren Deckel mit einem seltsam in Messing gearbeiteten Fuchskopf verziert war, »der Mann ist unergründlich. Dieser Mensch hat mit unserm immatrikulirten Schreiber Freundschaft geschlossen. Es steckt zwar kein Arg hinter demselben, aber er ist so erstaunlich langsam und weich. Nun, wenn er einen Freund brauchte, warum wählte er sich nicht einen, der auch etwas versteht, und der ihm bei seinen kuriosen Manieren zu Statten kommen könnte. Ich habe allerdings meine Fehler,« sagte Herr Chuckster.

»Nein, nein!« fiel ihm Herr Swiveller in's Wort.

»O ja, – ich habe meine Fehler; Niemand kennt seine Fehler besser, als ich die meinigen kenne. Aber,« sagte Herr Chuckster, »ich bin nicht so degenmäßig. Meine schlimmsten Feinde – jeder Mensch hat seine Feinde, und auch ich habe die meinigen – konnten mir nie zur Last legen, daß ich degenmäßig und weichmüthig sei. Und ich will dir etwas sagen, wenn ich nicht mehr von jenen Eigenschaften besäße, die gemeiniglich den Menschen seinem Nächsten lieb und werth machen, als unser immatrikulirter Schreiber, so wollte ich augenblicklich einen Laib Cheshirekäse stehlen, ihn um meinen Hals binden und mich ersäufen. Dann stürbe ich wenigstens so gemein, als ich gelebt hätte. Ja, das wollte ich, bei meiner Ehre.«

Herr Chuckster hielt inne, klopfte mit dem Knöchel seines Zeigefingers den Fuchskopf geradezu auf die Nase, nahm eine Prise und sah Herrn Swiveller fest an, als wollte er sagen: ›wenn du glaubst, daß ich niesen werde, so bist du gewaltig auf dem Holzwege.‹

»Nicht zufrieden damit,« fuhr Herr Chuckster fort, »den Abel zu seinem Freunde zu machen, hat er auch mit dessen Vater und Mutter eine Bekanntschaft eingeleitet. Seit seiner Heimkehr von jener wilden Gänsejagd ist er dort gewesen – hat eigentlich dort gewohnt. Auch begünstigt er noch außerdem den jungen Schliffel; du wirst finden, daß er ohne Unterlaß an diesem Orte ab- und zugeht; und doch glaube ich nicht, daß er außer den gewöhnlichen Höflichkeitsformeln nur sechs Worte mit mir gewechselt hat. Nun, bei meiner Seele, du weißt,« fügte Herr Chuckster bei, indem er ernst den Kopf schüttelte, wie wohl Menschen zu thun pflegen, wenn sie glauben, daß eine Sache ein Bischen zu weit gehe; »das Ganze ist eine so gemeine Geschichte, daß ich keine andere Wahl hätte als mit einemmale die Condition aufzusagen, wenn ich nicht Mitleid fühlte mit meinem Prinzipal, von dem ich weiß, daß er ohne mich nicht auszukommen vermag.«

Herr Swiveller, der auf einem andern Bocke seinem Freund gegenüber saß, störte in einem Uebermaß von Sympathie im Feuer und sagte nichts.

»Was den jungen Schliffel anbelangt,« fuhr Herr Chuckster mit einem prophetischen Blicke fort, »so wirst du finden, daß es ein schlimmes Ende mit ihm nimmt. In unserm Berufe lernen wir etwas von der menschlichen Natur kennen, und nimm mein Wort darauf, daß der Kerl, da er zurückkam, um seinen Shilling abzuverdienen, sich nächster Tage in seiner wahren Farbe zeigen wird. Er ist ein gemeiner Dieb, sage ich dir. Er muß es sein.«

Da Herr Chuckster einmal im Feuer war, so würde er wahrscheinlich diesen Gegenstand noch weiter und in einer nachdrücklicheren Sprache verfolgt haben, wenn ihn nicht ein Klopfen an der Thüre, das einen Geschäftsbesuch anzukündigen schien, veranlaßt hätte, eine degenmäßigere Außenseite anzunehmen, als sich mit seiner kürzlichen Erklärung ganz vertragen wollte. Herr Swiveller, der das Klopfen gleichfalls gehört hatte, ließ seinen Bock schnell um eines seiner (des Bockes) Beine tanzen, bis er sich an seinem Pult befand, in welches er das Schüreisen stieß, welches er in der plötzlichen Verwirrung seines Geistes wegzulegen vergessen hatte; dann rief er: »Herein!«

Und wer anders präsentirte sich jetzt, als ebenderselbe Kit, welcher der Gegenstand von Herrn Chucksters Zorn gewesen war! Noch nie hat ein Mensch seinen Muth so rasch wieder aufgerafft, oder eine so trotzige Miene gemacht, als dieß bei Herrn Chuckster der Fall war, sobald er fand, daß es Kit war. Herr Swiveller stierte ihn einen Augenblick an, hüpfte dann von seinem Bock herunter, holte das Schüreisen aus seinem Versteck hervor und vollführte damit in einer Art von Wahnsinn das ganze Säbelexercitium mit all' seinen Hieben und Paraden.

»Ist der Herr zu Hause?« fragte Kit, etwas verblüfft über diese ungewöhnliche Aufnahme.

Ehe Herr Swiveller noch antworten konnte, ersah Herr Chuckster die Gelegenheit, gegen diese Frageform seine entrüstete Protestation einzulegen, indem er dieselbe für respektwidrig und schliffelartig erklärte, sofern der Frager, da er hin und wieder zwei Herrn anwesend gesehen habe, von dem andern Herrn hätte sprechen sollen; noch besser hätte er indeß gethan (denn es sei nicht unmöglich, daß der Gegenstand seines Suchens einer untergeordneteren Qualität angehöre), blos den Namen zu nennen und dem Gutdünken seiner Zuhörer die Entscheidung über dessen Stellung im Leben zu überlasten. Herr Chuckster bemerkte ferner, daß er Grund zu glauben habe, diese Anredeform enthalte eine Persönlichkeit gegen ihn selbst, und er sei nicht der Mann, der mit sich scherzen lasse, wie gewisse Schliffel (die er nicht besonders namhaft zu machen oder zu beschreiben für gut erachtete) auf ihre eigenen Unkosten erfahren dürften.

»Ich meine den Herrn im ersten Stock,« entgegnete Kit, sich an Richard Swiveller wendend. »Ist er zuhause?«

»Warum? entgegnete Dick.

»Weil ich, wenn dieß der Fall ist, einen Brief für ihn habe.«

»Von wem?« fragte Dick.

»Von Herrn Garland.«

»Oh!« sagte Dick mit außerordentlicher Höflichkeit; »dann kann er hier abgegeben werden, Musje. Und wenn Ihr eine Antwort haben wollt, so könnt Ihr auf der Hausflur warten, Musje, die ein sehr angenehmes und wohlgelüftetes Gemach ist.«

»Ich danke,« erwiederte Kit; »aber entschuldigen Sie, ich habe den Auftrag, ihn selbst abzuliefern.«

Die ungeheure Vermessenheit dieser Antwort überwältigte Herrn Chuckster so sehr, und wirkte so kräftig auf sein Zartgefühl für die Ehre seines Freundes, daß er erklärte, wenn er nicht von amtlichen Rücksichten abgehalten würde, so hätte er Kit nothwendig auf dem Platze vernichten müssen – eine Genugthuung, welche wegen der außerordentlichen, den Schimpf erschwerenden Umstände seiner Ansicht nach nothwendig die gebührende Sanktion und Billigung jeder englischen Jury zu Theil werden müßte; denn er zweifelte nicht, daß das Edikt gelautet haben würde: »zu rechtfertigender Todtschlag, gepaart mit einem ungemein günstigen Zeugniß für die Moralität und den Charakter des Rächers.«

Herr Swiveller, der die Sache ruhiger nahm, schämte sich ein wenig über die Aufregung seines Freundes und wußte nicht recht, wie er sich benehmen sollte (denn Kit blieb ganz gelassen und treuherzig), als man auf einmal den ledigen Herrn ungestüm auf der Treppe rufen hörte.

»Habe ich nicht Jemanden hereinkommen sehen, der zu mir will?« rief der Miethsmann.

»Ja, Sir,« versetzte Dick. »Es ist wirklich so, Sir.«

»Nun, wo bleibt er denn?« brüllte der ledige Herr.

»Er ist hier, Sir,« entgegnete Herr Swiveller. »Nun, junger Mensch, hört Ihr nicht, daß Ihr die Treppe hinaufgehen sollt? Seid Ihr taub?«

Kit schien es nicht für der Mühe werth zu halten, sich in einen weitern Wortwechsel einzulassen, sondern eilte fort und überließ es den gloriosen Appollos, sich gegenseitig stumm anzugaffen.

»Habe ich's nicht gesagt?« begann endlich Herr Chuckster. »Was hältst du davon?«

Herr Swiveller war im Grund ein gutmüthiger Bursche, und da er in Kit's Benehmen gerade keine ungeheuer große Bosheit entdecken konnte, so wußte er kaum, was er darauf antworten sollte. Er wurde jedoch aus seiner Verlegenheit erlöst durch den Eintritt des Herrn Sampson und seiner Schwester, Miß Sally, bei deren Anblick Herr Chuckster sogleich Reißaus nahm.

Herr Braß und seine liebenswürdige Begleiterin schienen während ihres mäßigen Frühstücks über eine Sache von großer Wichtigkeit und Bedeutung zu Rathe gegangen zu sein. Bei Gelegenheit solcher Conferenzen erschienen sie gewöhnlich eine halbe Stunde nach ihrer gewohnten Zeit und mit sehr lächelnden Gesichtern in dem Bureau, als hätten die eben gesponnenen Ränke und Pläne ihre Gemüther beruhigt und ein schönes Licht auf ihren mühsamen Pfad geworfen. In dem vorliegenden Fall schienen sie besonders heiter. Miß Sally's Antlitz strahlte in einem sehr öligten Glanze, und Herr Braß rieb sich auf eine ungemein scherzhafte und frohsinnige Weise die Hände.

»Nun, Herr Richard,« sagte Herr Braß; »was machen wir diesen Morgen? Sind wir hübsch frisch und heiter, Sir – he, Herr Richard?«

»Ziemlich wohl, Sir,« versetzte Dick.

»Das ist gut,« sagte Braß. »Ha, ha! Wir sollten so heiter sein wie die Lerchen, Herr Richard. – Warum nicht? Wir leben in einer sehr angenehmen Welt, Sir – sie hat zwar auch ihr schlimmes, Herr Richard; aber wenn es keine schlimmen Leute gäbe, so hätten wir auch keine guten Advokaten. Ha, ha! Hat die Post diesen Morgen Briefe gebracht, Herr Richard?«

Herr Swiveller gab eine verneinende Antwort.

»Ha!« sagte Braß, »thut nichts. Geht das Geschäft heute flau, so wird sich's dafür morgen um so besser machen. Ein zufriedener Geist, Herr Richard, ist Süßigkeit in dem Becher des Daseins. Jemand hier gewesen, Sir?«

»Nur mein Freund« – entgegnete Dick. »Mögen wir nie des –«

»Freundes entbehren« – stimmte Herr Braß hastig ein, »oder der Flasche, die er mit uns leert. Ha, ha! Nicht wahr, so lauten die Trinkrundgesänge? Ein sehr gutes Lied, Herr Richard, sehr gut. Es liegt so viel Gefühl darin. Ha, ha! Ihr Freund ist der junge Mensch aus Witherden's Bureau, glaube ich – ja – Mögen wir nie eines – Sonst Niemand hier gewesen, Herr Richard?«

»Nur Jemand, der zu unserm Miethsmann wollte,« versetzte Herr Swiveller.

»Ah, wirklich,« rief Braß. »Jemand, der zu unserm Miethsmann wollte, he? Ha, ha! Mögen wir nie eines Freundes entbehren oder – Es wollte also Jemand zu dem Miethsmann, he, Herr Richard?«

»Ja,« entgegnete Dick, ein wenig verblüfft über die außerordentliche Heiterkeit, die sein Principal an den Tag legte. »Er ist eben oben.«

»Eben oben?« rief Braß. »Ha, ha! Mögen sie dort sein, fröhlich und frei, tralalara. He, Herr Richard? Ha ha!«

»O gewiß,« erwiederte Dick.

»Und wer,« fuhr Braß fort, indem er unter seinen Papieren störte, »wer ist bei dem Miethsmann zu Besuch – doch keine Dame, hoffe ich, he – Herr Richard? Sie wissen, die Sittlichkeit von Bevis-Marks – ›wenn schöne Frauen in der Thorheit Schlingen‹ – und so weiter – wie, Herr Richard?«

»Ein anderer junger Mann, der gleichfalls, oder wenigstens hälftig zu Witherden's gehört,« entgegnete Richard. »Kit ist sein Name.«

»Kit, he?« rief Braß. »Sonderbarer Name – Name von des Schreiners Leimkachel, he, Herr Richard? Ha, ha! Kit also, Kit ist da? Oh!«

Dick blickte auf Miß Sally und wunderte sich, daß sie dieser ungewöhnlich überströmenden Laune des Herrn Sampson keine Zügel anlegte. Da sie jedoch keinen Versuch machte, dergleichen zu thun, sondern eher geneigt schien, dieselbe ruhig gewähren zu lassen, so schloß er daraus, sie müßten eben Jemand betrogen und die Rechnung bezahlt erhalten haben.

»Wollen Sie die Güte haben, Herr Richard,« sagte Braß, einen Brief von seinem Pulte nehmend, »mit diesem geschwind zu Peckham Rye hinüberzugehen? Es wird keine Antwort verlangt, aber das Billet ist wichtig und sollte daher eigenhändig überliefert werden. Die Kutschenmiethe zurück können Sie unter die Bureaukosten verrechnen, wissen Sie; schonen Sie das Bureau nicht; klopfen Sie so viel heraus, als Sie können – Schreibers Motto – he, Herr Richard? Ha, ha!«

Herr Swiveller legte feierlich die Wasserfahrtjacke ab, zog seinen Rock an, nahm seinen Hut vom Nagel herunter, steckte den Brief in die Tasche und entfernte sich. Er war kaum fort, als Miß Sally Braß aufstand, ihrem Bruder, der zur Erwiederung nickte und seine Nase strich, ein süßes Lächeln zuwarf und gleichfalls fortging.

Sobald Sampson Braß allein war, öffnete er die Bureauthüre weit, setzte sich derselben gerade gegenüber an das Pult, so daß er Jedermann sehen mußte, der die Treppe hinunter nach der Hausthüre ging, und begann mit außerordentlicher Heiterkeit und Emsigkeit zu schreiben. Dabei summte er mit einer Stimme, die Alles, nur nicht musikalisch war, gewisse abgerissene Noten vor sich hin, die eine Vereinigung von Kirche und Staat zum Zweck zu haben schienen, indem sie aus dem Abendhymnus und dem »God save the king« zusammengesetzt waren.

So saß der Anwalt von Bevis-Marks eine geraume Zeit da, schreibend und summend, indem er nur hin und wieder inne hielt, um mit verschmitztem Gesichte zu horchen; und wenn er dann nichts hörte, so ging das Summen lauter und das Schreiben langsamer fort, als zuvor. Bei Gelegenheit einer dieser Pausen hörte er endlich, daß die Zimmerthüre seines Miethsmannes auf- und zuging, und daß Tritte die Treppe herunter kamen. Jetzt hörte Herr Braß ganz auf zu schreiben, während er, die Feder in seiner Hand, auf's Allerlauteste summte. Dabei wiegte er seinen Kopf von einer Seite zur andern, wie ein Mann, dessen ganze Seele in der Musik lebt, und lächelte in einer eigentlich seraphischen Weise.

Die Treppe führte nothwendig an diesem beweglichen Schauspiele vorbei. Sobald aber Kit, von diesen süßen Tönen geleitet, vor der Thüre anlangte, unterbrach Herr Braß seinen Gesang, nicht aber sein Lächeln, nickte zutraulich und winkte ihm mit der Feder, hereinzukommen.

»Kit,« sagte Herr Braß in der gewinnendsten Weise, die sich nur denken läßt, »wie befinden Sie sich?«

Kit, der etwas scheu gegen diesen seinen Freund war, gab eine passende Antwort, und hatte bereits seine Hand auf dem Schloß der Hausthüre, als ihn Herr Braß sanft zurückrief.

»Erlauben Sie, Sie werden doch nicht schon gehen, Kit« sagte der Anwalt mit einer geheimnißvollen, aber doch geschäftsmäßig aussehenden Miene. »Ist's Ihnen nicht gefällig, ein wenig hereinzuspazieren? Ach du mein Himmel, du mein Himmel! Wenn ich Sie sehe,« fügte der Rechtsgelehrte bei, indem er von seinem Bocke aufstand, und sich mit dem Rücken gegen das Feuer stellte, »so werde ich an das süßeste kleine Gesicht erinnert, das mir je vor Augen gekommen ist. Ich weiß noch recht wohl, wie sie zwei- oder dreimal in das Haus kamen, nachdem wir Besitz ergriffen hatten. Ach, Kit, mein lieber Freund, Gentlemen von meiner Person haben bisweilen so peinliche Pflichten zu erfüllen, daß Sie uns nicht beneiden dürfen – nein, in der That nicht.«

»Dieß fällt mir nicht ein, Sir,« versetzte Kit, »obschon es für meines Gleichen nicht paßt, darüber abzuurtheilen.«

»Unser einziger sicherer Trost,« fuhr der Rechtsgelehrte fort, indem er ihn mit einer Art gedankenvoller Zerstreutheit in's Auge faßte, »besteht darin, daß wir noch den Sturm zu beschwichtigen vermögen, wenn wir ihn auch nicht ganz abwenden können. Wir können ihn mildern, daß er, wenn ich so sagen darf, den geschorenen Lämmern weniger wehe thut.«

»In der That geschoren! Den Nagel auf den Kopf getroffen!«

So dachte nämlich Kit, ohne es aber auszusprechen.

»Bei jener Gelegenheit, Kit,« sagte Herr Braß, »bei der eben genannten Gelegenheit hatte ich einen harten Strauß mit Herrn Quilp zu bestehen (denn Herr Quilp ist ein harter Mann), um ihn zu der Nachsicht, welche er ihnen zu Theil werden ließ, zu vermögen. Es hätte mich einen Klienten kosten können. Aber die unterdrückte Tugend begeisterte mich und ich siegte.«

»Er mag im Grund doch nicht so schlimm sein,« dachte der ehrliche Kit, als der Anwalt seine Lippen aufwarf und die Miene eines Mannes annahm, der mit seinen bessern Gefühlen im Kampfe begriffen ist.

»Ich achte Sie, Kit,« fuhr Herr Braß mit Rührung fort. »Ich habe damals genug von Ihrem Benehmen gesehen, um Sie zu achten, obgleich Ihre Stellung nur eine niedrige und Ihr Vermögen höchst unbedeutend ist. Nein, ich sehe nicht auf die Weste, die Einer anhat, sondern auf das Herz. Die quadrillirten Streifen der Weste sind blos die Drähte des Käfigs, aber das Herz ist der Vogel darin. Ach, wie viele solche Vögel sind beständig in der Mause, und stecken ihre Schnäbel durch die Drähte, um nach aller Welt zu picken!«

Diese poetische Figur, welche Kit für eine specielle Anspielung auf seine eigene quadrillirte Weste nahm, überwältigte ihn ganz und gar. Die Stimme und das Benehmen des Herrn Braß steigerte den Effect nicht wenig, denn derselbe sprach mit der ganzen milden Stimme eines Einsiedlers, und hätte nur eines Strickes um seinen rostfleckigen Ueberrock und eines Todtenkopfs auf sein Kamingesims bedurft, um als völlig eingerichtet für diesen Geschäftszweig zu gelten.

»Nun, nun,« sagte Sampson mit einem Lächeln, wie gute Menschen zu lächeln pflegen, wenn sie ihre eigene Schwäche, oder die ihrer Nebenmenschen bemitleiden, »wir sind noch weit vom Ziele. Ist's Ihnen gefällig, dieß zu sich zu stecken?«

Als er so sprach, deutete er auf ein paar halbe Kronen, die auf dem Pulte lagen.

Kit sah zuerst nach dem Gelde, dann nach Braß, und zögerte.

»Es ist für Sie,« sagte Braß.

»Von – –«

»Gleichviel, von wem es kömmt,« versetzte der Rechtsgelehrte. »Sagen Sie mir, ob es Ihnen ansteht. Wir haben excentrische Freunde zu unsern Häupten, Kit, und wir dürfen keine Frage stellen oder zu viel schwatzen – verstanden? Sie haben weiter nichts zu thun, als das Geld zu nehmen; und unter uns gesagt, ich glaube nicht, daß es das letzte sein wird, welches Sie aus derselben Quelle ziehen. Ich hoffe nicht. Gott befohlen, Kit. Gott befohlen!«

Unter vielen Dankesbezeugungen und noch mehr Selbstvorwürfen, daß er auf so geringfügige Anlässe hin einen Mann beargwöhnt hatte, der sich bei der allerersten Besprechung so ganz anders zeigte, als er geglaubt, nahm Kit das Geld und eilte nach Hause. Herr Braß blieb zurück, um sich an dem Feuer zu bähen, und nahm seine musikalische Uebung nebst seinem seraphischen Lächeln wieder auf.

»Kann ich kommen?« fragte Miß Sally hineinschauend.

»O ja, du kannst kommen,« entgegnete ihr Bruder.

»Ahem?« hustete Miß Braß fragend.

»Ja,« erwiederte Sampson; »ich möchte sagen, es ist so gut wie abgethan.«


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