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Master Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band

Charles Dickens: Master Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMaster Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band
publisherVerlag von Carl Zieger
printrunDritte Auflage
yearo.J.
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150121
modified20180917
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Der Raritätenladen.

Vierundfünfzigstes Kapitel

Der Bachelor fand neben seinen verschiedenen Beschäftigungen auch in der alten Kirche eine nie versiegende Quelle des Interesses und der Unterhaltung. Mit jenem Stolze, den die Menschen gerne für die Wunder ihrer eigenen kleinen Welt bewahren, hatte er sich das Studium ihrer Geschichte zu seiner Aufgabe gemacht, und an manchem Sommertage traf man den Bachelor in ihren Mauern, oder manchen Winterabend an dem traulichen Herde des Pfarrhauses, nachsinnend, wie er seinem reichen Schatze von Erzählungen und Legenden eine neue beifügen möchte.

Es war keiner von jenen schroffen Geistern, welche der schönen Wahrheit jedes kleine schattenhafte Gewand abstreifen möchten, womit die Zeit und die schaffende Phantasie sie ausgeschmückt hat. Lassen ihr ja solche Hüllen bisweilen so lieblich, und sind, wie die Wasser ihres Quells, geeignet, den Reizen, welche sie halb verbergen, halb errathen lassen, neue Anmuth zu verleihen und weit eher Interesse zu erwecken, als Erschlaffung und Gleichgültigkeit zu veranlassen. Ungleich dieser strengen Menschenclasse liebte er es also, die Göttin zu schauen, gekrönt mit den Kränzen wilder Blumen, welche ihr die Tradition gewunden hatte, und die am frischesten in ihrer ungekünstelten Gestalt sind, weßhalb er mit leichtem Schritte und mit leichter Hand den Staub von Jahrhunderten berührte, ohne die luftigen Altäre, die sich darüber erhoben hatten, zerstören zu wollen, wenn darin nur irgend ein gutes, ein kräftiges Gefühl des menschlichen Herzens verborgen war. Handelte es sich zum Beispiel um einen steinernen Sarg, der der volksthümlichen Annahme zufolge die Ueberreste eines gewissen Barons umschloß, welcher, nachdem er in fremden Landen mit Feuer und Schwert geplündert hatte, weichen und bekümmerten Herzens zurückkehrte, um in der Heimath zu sterben, so behauptete der Bachelor steif und fest die Wahrheit der alten Sagen, daß nämlich der genannte Baron sein Unrecht bereut, viel Gutes gethan und in demüthiger Zerknirschung seinen Geist aufgegeben habe, und daß, wenn je ein Baron in den Himmel kam, dieser Baron in Frieden hingefahren sein müsse – wie sehr auch in letzter Zeit von gelehrten Alterthümlern die Unwahrheit der ganzen Erzählung erwiesen und zugleich dargethan worden, daß der fragliche Baron im Schlachtgetümmel gefallen sei unter Zähneknirschen und Flüchen bis auf den letzten Athemzug. In gleicher Weise, wenn die genannten Alterthümler nicht gelten lassen wollten, daß ein gewisses altes graues Gewölbe das Grabmal einer alten Dame sei, welche unter der Regierung der glorreichen Königin Beß gehangen und geviertheilt wurde, weil sie einem unglücklichen Priester, der an ihrer Thüre vor Hunger und Durst verschmachtete, Beistand leistete, so versicherte der Bachelor feierlichst gegen alle Fremde, daß die Kirche durch die Asche jener alten Dame geheiligt sei; man habe ihre sterblichen Reste des Nachts an den Stadtthoren gesammelt, heimlich hieher gebracht und an diesem Orte aufbewahrt. Bei solchen Gelegenheiten gerieth der Bachelor sehr in Eifer, läugnete den Ruhm der Königin Beß und behauptete, das gemeinste Weib ihres Königreichs, dem ein zartes und erbarmendes Herz im Busen schlug, habe unermeßlich höher gestanden, als sie. Was jedoch die Behauptung betraf, daß der flache Stein in der Nähe der Thüre nicht das Grab des Geizhalses sei, welcher sein eigenes Kind verstoßen und der Kirche eine Geldsumme hinterlassen habe, um ein hübsches Geläute anzuschaffen, so gab der Bachelor bereitwillig seine Zustimmung, indem er versicherte, es sei nie ein solcher Mann in dem Orte geboren worden. Mit einem Worte, er hätte gewünscht, daß jeder Stein und jede Metallplatte die Denkmäler von Thaten sein möchten, die in der Erinnerung fortzuleben verdienten. Alle andern wollte er gerne vergessen. Man mochte sie allenfalls auf geweihtem Boden beerdigen, aber dieß sollte seiner Ansicht nach tief genug geschehen, damit sie nicht wieder an's Licht kämen.

Von den Lippen eines solchen Führers lernte Nell ihre Aufgabe. Da sie bereits durch die schweigenden Gewölbe und die friedliche Schönheit des Ortes (sein majestätisches, von ewiger Jugend umgebenes Alter) über alle Maßen ergriffen war, so meinte sie, als sie diese Sagen hörte, Alles sei hier der Tugend und der Frömmigkeit geheiligt. Die Kirche kam ihr wie eine andere Welt vor, wohin nie Sünde oder Sorge kam – ein friedliches Ruheplätzchen, wo nichts Böses Zutritt hatte.

Nachdem der Bachelor fast mit jedem Grabmale oder Grabsteine irgend eine Geschichte in Verbindung gebracht hatte, nahm er Nell mit in die alte Gruft, jetzt ein bloßes verödetes Gewölbe, hinunter und zeigte ihr, wie sie in den Zeiten der Mönche beleuchtet wurde und wie man in alten Tagen zu mitternächtlicher Stunde oft den Gesang alter Stimmen hörte, während mit Kutten versehene Gestalten umherknieten und ihren Rosenkranz beteten – mitten unter Lampen, die von der Decke niederhingen, schwingenden Rauchfässern, welche die Düfte des Weihrauchs aushauchten, von Gold und Silber glänzenden Kirchengewändern, Gemälden, kostbaren Stoffen und Juwelen, das Alles durch den niedrigen Bogen funkelte und glänzte. Dann führte er sie wieder hinauf und zeigte ihr hoch oben in den alten Wänden kleine Galerien, wo die Nonnen einherzugleiten pflegten – aus so weiter Entfernung kaum in ihren dunkeln Anzügen zu unterscheiden – oder wie düstere Schatten stille hielten, um auf die Gebete zu horchen. Er belehrte sie auch, wie die Krieger, deren Abbilder auf den Gräbern lagen, einst die aufgehängten rostigen Waffenrüstungen getragen hätten – wie dieß ein Helm, das ein Schild, jenes ein Panzerhandschuh gewesen sei – und wie man die großen zweihändigen Schwerter geschwungen oder mit jener Eisenkeule Menschen niedergeschlagen habe.

All' dieß prägte die Kleine tief in ihr Gedächtniß ein, und wenn sie hin und wieder des Nachts aus ihren Träumen von solchen alten Zeiten erwachte, von ihrem Bettchen aufstand und in die dunkle Kirche hinaussah, so hoffte sie fast, die Fenster beleuchtet zu sehen und den Schall der Orgel nebst dem Tone von Stimmen in dem Rauschen des Windes zu hören.

Mit dem alten Todtengräber besserte es sich schnell und er ging wieder aus. Von ihm lernte Nell noch manches Andere, obgleich von ganz verschiedener Art. Er war noch nicht im Stande, zu arbeiten; als jedoch eines Tages ein Grab gemacht werden sollte, so kam er herzu, um seinen Stellvertreter zu beaufsichtigen. Er war in einer gesprächigen Stimmung, und Nell, die Anfangs an seiner Seite stand, nachher aber zu seinen Füßen sich in's Gras setzte, begann, das Antlitz gedankenvoll zu ihm erhoben, ein Gespräch mit ihm.

Nun war der Mann, der zur Zeit das Amt des Todtengräbers versah, ein wenig älter als der letztere, obgleich noch viel rüstiger; er hörte jedoch nicht gut, und wenn der Todtengräber, der vielleicht in sechs Stunden kaum eine Meile zurücklegen konnte, eine Bemerkung über dessen Arbeit fallen ließ, so entging es dem Kinde nicht, daß dieß mit einer Art ungeduldigen Mitleids über die Schwäche des Gehülfen geschah, als ob er selbst der stärkste und kräftigste Mensch auf Erden wäre.

»Es thut mir wehe, einem solchen Geschäfte zusehen zu müssen,« sagte Nell im Näherkommen. »Ich hörte nicht, daß Jemand gestorben ist.«

»Sie wohnte in einem andern Dörfchen, meine Liebe,« entgegnete der Todtengräber. »Drei Meilen von hier.«

»War sie jung?«

»J–ja,« sagte der Todtengräber, »ich glaube, erst vierundsechzig. David, war sie mehr als vierundsechzig?«

David, welcher emsig grub, hörte nichts von dieser Frage. Da der Todtengräber ihn mit seiner Krücke nicht erreichen konnte, und überhaupt auch nicht im Stande war, ohne Beistand aufzustehen, so weckte er seine Aufmerksamkeit dadurch, daß er ihm eine Erdscholle auf seine rothe Nachtmütze warf.

»Was soll's?« fragte David, heraufschauend.

»Wie alt war Becky Morgan?« fragte der Todtengräber.

»Becky Morgan?« wiederholte David.

»Ja,« versetzte der Todtengräber, indem er in halb mitleidigem, halb zornigem Tone, den der alte Mann nicht hören konnte, beifügte: »Ihr werdet nachgerade sehr taub, David – gewiß, sehr taub.«

Der alte Mann hielt in seiner Arbeit inne, reinigte seinen Spaten mit einem Stück Schiefer, das er zu diesem Zweck bei sich hatte, und nachdem er im Verlaufe dieser Zeit den wesentlichen Bestandtheil von der Himmel weiß wie vielen Becky Morgans abgekratzt hatte, schickte er sich an, die Sache in Erwägung zu ziehen. »Laßt mich nachdenken,« sprach er. »Ich sah gestern Abend, was sie auf den Sarg gesetzt hatten – war es nicht neunundsiebenzig?«

»Nein, nein,« sagte der Todtengräber.

»Ach ja, es war doch,« entgegnete der alte Mann mit einem Seufzer; »denn ich erinnere mich, sie war ziemlich von unserm Alter. Ja, es war neunundsiebenzig.«

»Seid Ihr sicher, daß Ihr Euch nicht in einer Ziffer verzählt habt, David?« fragte der Todtengräber mit Spuren einiger Erregung.

»Wie?« antwortete der alte Mann. »Sagt das noch einmal.«

»Er ist sehr taub. In der That, er ist sehr taub,« rief der Todtengräber ärgerlich. »Wißt Ihr auch gewiß, daß Ihr die Ziffer recht gelesen habt?«

»O freilich,« versetzte der alte Mann,« warum nicht?«

»Er ist außerordentlich taub,« murmelte der Todtengräber vor sich hin. »Ich glaube, er ist im Begriffe, kindisch zu werden.«

Nell wunderte sich, was ihn wohl zu diesem Glauben geführt haben mochte, da der alte Mann in Wahrheit eben so gut bei Sinnen zu sein schien, als er selber, und noch obendrein um ein Namhaftes kräftiger war. Der Todtengräber sprach jedoch zur Zeit nichts mehr davon, weßhalb sie es wieder vergaß und zu reden fortfuhr.

»Ihr habt mir von Eurem Gartenwesen erzählt,« sagte sie. »Pflanzt Ihr auch hier herum etwas?«

»Auf dem Kirchhof?« entgegnete der Todtengräber. »Fällt mir nicht ein.«

»Ich habe einige Blumen und kleine Gesträuche bemerkt,« erwiederte die Kleine; »seht Ihr, da sind einige, und dort drüben auch; und da meinte ich, sie wären von Euch gezogen worden, obgleich sie in der That nur kümmerlich aufwachsen.«

»Sie wachsen, wie es der Himmel will,« sagte der alte Mann; »und dieser befiehlt wohlwollend, daß sie hier nie gedeihen sollen.«

»Ich verstehe Euch nicht.«

»Je, nun so will ich deutlicher sein,« versetzte der Todtengräber. »Sie bezeichnen die Gräber derjenigen, welche besonders zärtliche und liebevolle Verwandte und Freunde waren.«

»Ich dachte mir's wohl!« rief Nell. »Auch freute es mich, zu hören, daß ich mich nicht geirrt hatte.«

»Ja wohl,« entgegnete der alte Mann, »aber warten Sie noch ein wenig. Schauen Sie einmal hin. Sehen Sie, wie sie ihre Köpfe hängen und dahin welken? Können Sie sich wohl den Grund davon denken?

»Nein,« erwiederte das Kind.

»Weil das Andenken an diejenigen, welche da unten liegen, so schnell dahin schwindet. Zuerst besucht man sie Morgens, Mittags und Abends; aber bald werden die Besuche weniger häufig – von einemmal des Tages zu einemmal in der Woche, von einemmal in der Woche zu einemmal im Monate; dann kommen lange und ungewisse Zwischenräume, und endlich hört's ganz auf. Solche Denkmale gedeihen selten lange. Ich habe gesehen, wie die kürzesten Sommerblumen die Zärtlichkeit der Zurückgebliebenen überlebten.«

»Es schmerzt mich, das hören zu müssen,« sagte das Kind.

»Ach! So sagen auch die vornehmen Leute, welche herunterkommen, um sich hier umzusehen,« versetzte der alte Mann mit Kopfschütteln; »aber ich sage anders. ›Es ist eine gar hübsche Gewohnheit in dieser Gegend,‹ sagen sie hin und wieder zu mir, ›die Gräber zu bepflanzen, aber es ist melancholisch, sie alle welk oder todt zu sehen.‹ Ich bitte sie dann um Verzeihung und sage ihnen, meiner Ansicht nach sei dieß ein gutes Zeichen für das Glück der Lebenden. Und so ist es auch. Es ist Natur.«

»Vielleicht lernen aber die Trauernden, bei Tag nach dem blauen Himmel und bei Nacht nach den Sternen aufzusehen? Vielleicht denken sie, daß ihre Todten dort sind, und nicht in den Gräbern?« sagte Nell mit ernster Stimme.

»Vielleicht ist's so,« entgegnete der alte Mann zweifelhaft. »Möglich.«

»Mag nun mein Glaube richtig sein oder nicht,« dachte die Kleine in ihrem Innern, »ich will diesen Ort zu meinem Garten machen. Es wird wenigstens nichts Unrechtes sein, Tag um Tag hier zu arbeiten, und zuverlässig werden mir dabei angenehme Gedanken kommen.«

Der Todtengräber achtete ihrer glühenden Wange und ihres thränenfeuchten Auges nicht, sondern wandte sich an den alten David, den er bei Namen rief. Augenscheinlich beunruhigte ihn noch immer Becky Morgans Alter, obgleich es dem Kind nicht recht klar werden wollte, warum?

Der Name des alten Mannes mußte zwei- bis dreimal wiederholt werden, bis seine Aufmerksamkeit angezogen wurde. Er hielt in seiner Arbeit inne, lehnte sich auf seinen Spaten und hielt die Hand hinter sein taubes Ohr.

»Habt Ihr gerufen,« fragte er.

»Ich habe eben bei mir gedacht, David,« versetzte der Todtengräber, »daß sie« – er deutete nach dem Grabe – »ein ansehnliches älter gewesen sein muß, als Ihr oder ich.«

»Neunundsiebenzig,« antwortete der alte Mann mit einem kummervollen Kopfschütteln, »ich sage Euch, daß ich es mit eigenen Augen gesehen habe.«

»Gesehen?« versetzte der Todtengräber; »ja aber David – Weiber sagen nicht immer die Wahrheit, wenn sich's um ihr Alter handelt.«

»Das ist allerdings wahr,« sagte der andere alte Mann mit einem plötzlichen Leuchten in seinen Augen, »Sie ist vielleicht älter gewesen.«

»Gewiß muß es sich so verhalten. Man darf nur daran denken, wie alt sie aussah. Ihr und ich, wir Beide waren nur Knaben gegen sie.

»Sie sah alt aus,« entgegnete David. »Ihr habt Recht. Sie sah alt aus.«

»Und erinnert Euch nur, wie alt sie schon seit manchem langen Jahre aussah. Sagt, konnte sie da zuletzt nur neunundsiebenzig sein – nur von unserm Alter?« sagte der Todtengräber.

»Ja, sie muß allerwenigstens fünf Jahre älter gewesen sein!« rief der andere.

»Fünf?« erwiederte der Todtengräber. »Zehn. Gute neunundachtzig. Ich entsinne mich noch recht gut, wie ihre Tochter starb. Sie ist neunundachtzig auf den Tag hin, und versuchte es nun, für zehn Jahre jünger zu gelten. O menschliche Eitelkeit!«

Der andere alte Mann blieb auch nicht zurück mit einigen moralischen Reflexionen über das lehrreiche Thema, und beide brachten eine Masse von so nachdrücklichen Beweisen bei, daß es zweifelhaft wurde, ob die Hingeschiedene statt des ihr beigemessenen Alters nicht etwa gar die patriarchalische Zahl von hundert Jahren erreicht habe. Nachdem diese Frage zu ihrer wechselseitigen Zufriedenheit abgethan war, stand der Todtengräber mit Beihülfe seines Freundes auf, um sich zu entfernen.

»Es ist kühl, wenn man so hier sitzt, und ich muß mich in Acht nehmen – bis nächsten Sommer,« sagte er, als er sich anschickte, hinwegzuhinken.

»Wie?« fragte der alte David.

»Der arme Kerl ist sehr taub. Gott befohlen!« rief der Todtengräber.

»Ah!« sagte der alte David, ihm nachsehend; »er nimmt gar schnell ab. Mit jedem Tage altert er mehr.«

Und so trennten sie sich – jeder fest überzeugt, der andere habe weniger Lebenskräfte, als er selbst, und beide ungemein getröstet und beruhigt durch die kleine Erdichtung, über die sie hinsichtlich Becky Morgan's eins geworden waren. Ihr Hinscheiden war daher nicht länger eine unbequeme Mahnung, und ging sie also für die nächsten zehn Jahre ganz und gar nichts an.

Das Kind blieb noch einige Minuten und sah dem tauben alten Manne zu, wie er mit seiner Schaufel Erde herauswarf, oft inne hielt, um zu husten und Athem zu schöpfen und dabei mit lustigem Kichern vor sich hinmurmelte, daß es mit dem Todtengräber schnell zur Neige gehe. Endlich wandte sie sich weg und während sie gedankenvoll durch den Kirchhof ging, traf sie unerwartet auf den Schulmeister, der auf dem Kirchhof auf einem grünen Grabe saß und las.

»Nell hier?« rief er freudig, während er sein Buch schloß. »Es thut mir wohl, dich wieder in der frischen freien Luft und dem Licht der Sonne zu sehen. Ich fürchtete, du sitzest wieder in der Kirche, wo du dich so viel aufhältst.«

»Sie fürchteten?« versetzte das Kind, sich an seiner Seite niederlassend. »Ist sie nicht ein gutes Plätzchen?«

»Ja, ja,« entgegnete der Schulmeister. »Aber du mußt auch bisweilen heiter sein – nein, schüttle nicht den Kopf, und lächle nicht so gar traurig.«

»Sie würden es nicht traurig nennen, wenn Sie in meinem Herzen lesen könnten. Sie dürfen mich für keine Bekümmerte halten, denn es gibt kein glücklicheres Wesen auf Erden, als ich jetzt bin.«

Voll dankbarer Zärtlichkeit ergriff die Kleine seine Hand und drückte sie zwischen der ihrigen.

»Es ist Gottes Wille!« sagte sie, nachdem beide eine Weile still geschwiegen.

»Was?«

»Alles dieses,« versetzte sie; »unsere ganze Umgebung. Aber wer von uns ist jetzt traurig? Sie sehen, daß ich lächle.«

»Ich gleichfalls,« entgegnete der Schulmeister; »ich lächle bei dem Gedanken, wie oft wir noch an diesem nämlichen Orte lachen werden. Hast du nicht dort mit Jemanden gesprochen?«

»Ja,« antwortete das Kind.

»Vielleicht von etwas, was dich wehmüthig stimmte?«

Es folgte eine lange Pause.

»Was war es?« fuhr der Schulmeister mit Zartheit fort. »Komm, sage es mir, was es war.«

»Es thut mir weh – ja, es thut mir wahrhaftig weh,« erwiederte das Kind in Thränen ausbrechend, »denken zu müssen, daß diejenigen, welche um uns her sterben, so bald vergessen sind.«

»Und glaubst du,« sprach der Schulmeister, dem ihr umherstreifender Blick nicht entgangen war, »daß ein unbesuchtes Grab, ein erstorbener Baum oder einige verwelkte Blumen Merkmale des Vergessenseins oder kalter Vernachlässigung sind? Glaubst du nicht, daß fern von hier Handlungen geübt werden können, durch welche man dieser Todten vielleicht am besten gedenkt? Nell, Nell, in diesem Augenblicke pilgern vielleicht Leute durch die Welt, zu deren guten Handlungen und guten Gedanken gerade diese Gräber – so vernachlässigt sie auch aussehen – die Hauptwerkzeuge geworden sind.«

»Sagen Sie mir nichts mehr,« versetzte das Kind rasch. »Sagen Sie mir nichts mehr. Ich fühle, ich weiß es. Wie sollte ich dessen uneingedenk sein können, wenn ich mir Sie vergegenwärtige?«

»Es gibt nichts,« rief ihr Freund, »nein, gar nichts Gutes oder Unschuldiges, das stirbt oder vergessen wird. Mögen wir diesen Glauben bewahren oder keinen. Ein Säugling, ein plapperndes Kind, das in seiner Wiege stirbt, lebt fort in den besseren Gedanken Derjenigen, welche es liebten, und spielt durch sie seine Rolle in den versöhnenden Handlungen dieser Welt, obgleich vielleicht sein Körper zu Asche verbrannt oder in den tiefsten See versenkt ist. Es gibt keinen Engel, der den himmlischen Heerschaaren zugeführt wird, ohne daß er in denen, welche ihn hienieden liebten, seine Segenswerke übte. Vergessen! Ach, wenn die guten Handlungen menschlicher Wesen bis zu ihrer Quelle verfolgt werden könnten, wie schön müßte sogar der Tod erscheinen; denn wie viel Liebe, Barmherzigkeit und geläutertes Sehnen würde man nicht dem Gräberstaube entsprossen sehen!«

»Ja,« sagte das Kind, »es ist wahr, ich weiß es, es ist wahr. Wer könnte diese Ueberzeugung tiefer empfinden, als ich, in der Ihr kleiner Schüler wieder auflebt! Theurer, theurer, edler Freund, wenn Sie doch wüßten, welchen Trost Sie mir gegeben haben!«

Der arme Schulmeister antwortete nicht, sondern beugte sich schweigend über sie; denn sein Herz war voll.

Sie saßen noch an derselben Stelle, als der Großvater herzukam. Ehe sie noch lange gesprochen hatten, verkündigte die Kirchthurmuhr, daß es Zeit zur Schule sei, und ihr Freund entfernte sich.

»Ein guter Mann,« sagte ihr Großvater, ihm nachsehend; »ein wohlwollender Mann. Gewiß wird er uns nie ein Leides thun, Nell. Hier sind wir endlich sicher. – Wie? wir gehen doch nicht wieder fort von hier?«

Die Kleine schüttelte das Köpfchen und lächelte.

»Sie bedarf der Ruhe,« fuhr der alte Mann fort, indem er sie auf die Wange pätschelte; – »zu blaß. Sie ist nicht mehr, wie sie gewesen.«

»Wann?« fragte das Kind.

»Ha!« entgegnete der alte Mann, – »freilich – wann? Vor wie viel Wochen? Könnte ich sie an den Fingern herzählen? Doch laß es beruhen; es ist gut, daß es vorbei ist.«

»O, freilich gut, lieber Großvater,« versetzte das Kind. »Wir wollen sie vergessen, und wenn wir sie je wieder in's Gedächtniß rufen, soll es nur geschehen, wie man sich eines unruhigen Traumes erinnert, der entschwunden ist.«

»Bst!« erwiederte der alte Mann, indem er ihr hastig mit der Hand zuwinkte und sich umsah; »rede mir nicht mehr von dem Traume und all' dem Elend, welches er gebracht hat. Es gibt keine Träume hier. Es ist ein ruhiger Ort, von dem sie sich ferne halten. Wir wollen nie wieder daran denken, damit sie uns nicht abermals verfolgen. Eingesunkene Augen und hohle Wangen – Nässe, Kälte und Hunger – und vor allem diesem die Schrecken, die sogar noch schlimmer waren, – wir müssen solche Dinge vergessen, wenn wir hier Frieden haben wollen.«

»Dem Himmel sei Dank für diesen höchst glücklichen Wechsel!« betete das Kind in den Tiefen seines Herzens.

»Ich will geduldig sein,« sagte der alte Mann, »demüthig, gehorsam und von Herzen dankbar, wenn du mich hier bleiben lassen willst. Aber du mußt dich nicht vor mir verstecken, dich nicht allein wegstehlen, sondern mich an deiner Seite lassen. Glaube mir, ich will ganz wahr und aufrichtig sein, Nell.«

»Ich mich allein wegstehlen? Ei, das wäre in der That ein allerliebster Spaß,« versetzte das Kind mit erkünstelter Heiterkeit. »Sehen Sie da, lieber Großvater, wir wollen diesen Platz zu unserem Garten umwandeln – warum sollten wir's nicht? Er ist sehr schön – und morgen wollen wir anfangen, gemeinschaftlich zu arbeiten, Seite an Seite.«

»Das ist ein wackerer Gedanke!« rief ihr Großvater »Vergiß es nicht, mein Herz – wir wollen morgen anfangen.«

Wer war entzückter, als der alte Mann bei dem Beginne der Arbeit des nächsten Morgens? Wer ahnete so wenig von Allem, was mit dem Orte in Verbindung stand, als er? Sie pflückten das lange Gras und die Nesseln von den Gräbern, lichteten das dünne Gesträuch von den Wurzeln, machten den Rasen glatt und säuberten ihn von den Blättern und dem Unkraute. Sie waren noch in eifriger Arbeit begriffen, als Nell den Kopf von dem Boden, über welchen sie gebeugt war, erhob und den Bachelor bemerkte, welcher auf dem nahen Zaun saß und ihnen schweigend zuschaute.

»Ein angenehmes Geschäft,« sagte der kleine Herr, indem er Nell's Knix mit einem Kopfnicken erwiederte. »Habt Ihr alles dieses heute Morgen vollbracht?«

»Es ist nur sehr wenig in Vergleichung mit dem, was wir noch zu thun gedenken,« entgegnete die Kleine mit niedergeschlagenen Augen.

»Gute Verrichtung, gute Verrichtung,« sagte der Bachelor. »Aber gebt Ihr Euch nur mit den Gräbern von Kindern und jungen Leuten ab?«

»Wir werden bald auch an die andern kommen, Sir,« versetzte Nell mit weicher Stimme, indem sie den Kopf bei Seite wandte.

Es war ein unbedeutender Umstand, vielleicht Absicht, vielleicht Zufall, oder wohl eine unbewußte Sympathie des Kindes mit der Jugend. Es schien jedoch ihrem Großvater aufzufallen, obschon er es zuvor nicht beachtet hatte. Er sah hastig auf die Gräber und dann besorgt auf Nell, drückte sie an seine Brust, und hieß sie aufhören, um auszuruhen. Etwas lang Vergessenes schien schwach in seiner Erinnerung auftauchen zu wollen. Es ging nicht vorüber, wie es sonst bei viel wichtigeren Dingen der Fall gewesen war, sondern bemächtigte sich seiner mehr und mehr, indem es an diesem Tage und auch später oftmals wiederkehrte. Einmal, als sie eben an der Arbeit waren, bemerkte die Kleine, daß er sich oft umwandte und unruhig nach ihr hinabsah, wie wenn er irgend einen peinlichen Zweifel zu lösen oder wirre Gedanken zu sammeln suchte; sie drang daher in ihn, ihr den Grund mitzutheilen. Er sagte jedoch, es sei nichts – nichts – und indem er ihr Köpfchen auf seinen Arm legte, streichelte er ihre schöne Wange mit der Hand und flüsterte vor sich hin, sie werde mit jedem Tage stärker und würde nun bald ein erwachsenes Frauenzimmer sein.


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